„Wir haben mit der Sittlichkeit der heidnischen Imperatoren nichts zu schaffen, mein Kind, aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, dass das Verhältnis Hadrians zu Antinous selbstredend keineswegs das väterlicher Liebe war.“
„Wie sind Sie darauf verfallen über Antinous zu schreiben?“ fragte Wanja gleichgültig, mit ganz anderen Gedanken beschäftigt, und ohne den Kanonikus anzusehen.
„Ich habe Ihnen vorgelesen, was ich heute morgen geschrieben habe, aber ich schreibe überhaupt über die römischen Cäsaren.“
Wanja kam es komisch vor, dass der Kanonikus über das Leben des Tiberius auf Caprischreibe, und er konnte die Frage nicht unterdrücken:
„Haben Sie auch über Tiberius geschrieben, cher père?“
„Gewiss.“
„Auch über sein Leben auf Capri, erinnern Sie sich, wie es bei Sueton beschrieben wird?“
Mori fühlte sich getroffen und meinte hitzig:
„Sie haben recht, mein Freund! Es ist fürchterlich! Und von diesem Fall, aus dieser Kloake konnte nur das Christentum, die heilige Lehre, das Menschengeschlecht erretten.“
„Gegen Kaiser Hadrian sind Sie nachsichtiger?“
„Das ist ein grosser Unterschied, mein Freund, hier handelt es sich um etwas Höheres, obgleich es natürlich eine schreckliche Gefühlsverirrung bleibt; aber selbst durch die Taufe geläuterte Männer haben nicht immer erfolgreich gegen diese anzukämpfen vermocht.“
„Ist es aber, im Grunde genommen, in jedem einzelnen Falle nicht ganz dasselbe?“
„Sie befinden sich in einem schrecklichen Irrtum, mein Sohn. Bei jeder Handlung ist das Verhältnis zu ihr wichtig, ihr Zweck, wie die Ursachen, die sie veranlasst haben; die Handlungen selbst sind mechanische Bewegungen unseres Körpers, unfähig irgend jemand zu kränken, am allerwenigsten Gott, den Herrn.“Und er schlug das Heft wieder an der Stelle auf, wo er seinen dicken Daumen hineingeschoben hatte.
*
Sie gingen den äussersten rechten Weg der Cascinen entlang, wo zwischen Bäumen, Wiesen und Molkereien und weiter hinter diesen niedrige Berge sichtbar waren; nachdem sie das Restaurant hinter sich gelassen hatten, das um diese Tageszeit leer war, nahm die Gegend immer mehr ländliches Aussehen an. Wächter mit blanken Knöpfen sassen hin und wieder auf den Bänken und in der Ferne tummelten sich Knaben in Soutanen unter Aufsicht eines dicken Abbate.
„Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie einwilligten, hierher zu kommen,“ sagte Stroop und liess sich auf eine Bank nieder.
„Wenn wir sprechen wollen, so lassen Sie uns das lieber im Gehen tun, ich begreife dann leichter,“ bemerkte Wanja.
„Ausgezeichnet.“
Und sie begannen zu gehen, machten ab und zu halt und setzten dann ihre Wanderung unter den Bäumen wieder fort.
„Aus welchem Grunde haben Sie mir Ihre Freundschaft, Ihre Zuneigung entzogen? Haben Sie den Verdacht gehabt, dass ich an Ida Holbergs Tode Schuld trage?“
„Nein.“
„Weswegen dann? Antworten Sie aufrichtig.“
„Ich werde aufrichtig antworten: wegen Ihrer Geschichte mit Fjodor.“
„Glauben Sie?“
„Ich weiss das, was ist, und Sie werden doch nicht leugnen wollen?“
„Natürlich nicht.“
„Jetzt würde ich mich vielleicht ganz anders dazu verhalten, aber damals wusste ich noch vieles nicht und hatte über nichts nachgedacht, und ich hatte es sehr schwer, denn es schien mir, ich gestehe das ein, dass ich Sie unwiederbringlich verliere und mit Ihnen auch jeden Weg zur Schönheit des Lebens.“
Sie waren um eine Wiese herumgegangen und setzten jetzt ihre Wanderung wieder auf demselben Wege fort. In der Ferne spielten Kinder Ball und ihr lautes Lachen kam, durch die Entfernung gedämpft, zu ihnen herüber.
„In diesem Falle muss ich morgen nach Bari fahren, aber ich kann auch bleiben; das hängt jetzt von Ihnen ab; wenn es ‚nein‘ sein wird, schreiben Sie mir — ‚fahren‘, wenn es ‚ja‘ sein wird, schreiben Sie — ‚bleiben‘.“
„Welch ein ‚Nein‘ und welch ein ‚Ja‘?“ fragte Wanja.
„Sie wünschen, dass ich es Ihnen mit Worten sage?“
„Nein, nein, es ist nicht nötig, ich verstehe: doch was soll das?“
„Jetzt muss es so sein. Ich werde bis 1 Uhr warten.“
„Ich werde in jedem Falle antworten.“
„Noch eine Anstrengung und Ihnen wachsen Flügel, ich sehe sie schon.“
„Vielleicht, es ist nur sehr schwer, wenn sie wachsen,“ sagte Wanja lächelnd.
*
Sie waren lange auf dem Balkon sitzengeblieben und Wanja bemerkte erstaunt, dass er Ugo aufmerksam und sorglos zuhöre, als brauche er morgen Stroop keine Antwort zu geben. Es lag etwas Angenehmes in der Unentschiedenheit der Situation, der Gefühle und Verhältnisse, eine gewisse Leichtigkeit und Hoffnungslosigkeit. Ugo fuhr hingerissen fort:
„Sie hat noch keinen Namen. Das erste Bild: graues Meer, Felsen, in die Ferne lockender goldiger Himmel, die Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies, alles in seiner Neuheit und Unerhörtheit schreckhaft und man erkennt plötzlich darin die urälteste Liebe und Heimat. Dann: Prometheus gefesselt und bestraft: ‚Niemand kann ungestraft das Geheimnisder Natur ergründen, ohne ihre Gesetze zu verletzen, und nur der Vatermörder und Blutschänder wird das Rätsel der Sphinx lösen.‘ Pasiphaë erscheint, blind aus Liebe zum Stiere, schrecklich und von prophetischem Geiste besessen: ‚Ich sehe weder des unharmonischen Lebens Buntheit, noch die Harmonie der prophetischen Träume.‘ Alle sind entsetzt. Jetzt das dritte Bild: Auf seligen Gefilden Szenen aus den Metamorphosen, in denen die Götter um der Liebe willen allerlei Gestalten annahmen; Ikarus stürzt, es stürzt Phaëton, Ganymed spricht: ‚Arme Brüder, ich allein von allen, die zum Himmel aufgestiegen sind, bin dageblieben, weil euch Stolz und Kinderspielzeug zur Sonne lockte, mich aber hatte die rauschende, Sterblichen unfassbare Liebe ergriffen.‘ Es erblühen prophetisch gewaltige, feurige Blumen: Vögel und Tiere gehen zu Paaren einher und in rosa flimmerndem Nebel erblickt man die achtundvierzig Beispiele der menschlichen Vereinigung aus den indischen Lehrbüchern der Liebe. Und alles beginnt sich in doppeltem Kreislauf zu drehen, jedes in seiner Sphäre und in immer weiterem Kreise, immer schneller und schneller, bis alle Umrisse miteinander verschmelzen und die ganze sich bewegende Masse Form annimmt und über dem leuchtenden Meere und den waldlosen, gelben Felsenunter der unerträglichen Sonne zur gigantischen Gestalt des Zeus-Dionysos-Helios erstarrt.“
*
Wanja erhob sich nach einer schlaflosen Nacht matt von Seelenqualen und mit schmerzendem Kopfe, und nachdem er sich absichtlich langsam gewaschen und angekleidet hatte, schrieb er, ohne die Jalousien zu öffnen, beim Tische, wo ein Glas mit Blumen stand, langsam hin: „Fahren,“ und nachdem er ein wenig nachgedacht hatte, schrieb er, ohne sein nicht ganz ausgeschlafenes Gesicht zu verändern, dazu: „Ich fahre mit Ihnen,“ und öffnete das Fenster zur Strasse, die in grelles Sonnenlicht getaucht vor ihm lag.
Gedruckt für Georg Müller Verlag in München durch die Druckerei Mänicke & Jahn in Rudolstadt. Die Vignetten zeichnete Konstantin Somoff. 25 Exemplare wurden auf Bütten gedruckt, vom Autor signiert und in Ganzleder gebunden.
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