„Tyrannin ist die Liebe, herrscht über königliche Macht,Den stolzen Simson selbst hat sie zu Fall gebracht . . .“
„Tyrannin ist die Liebe, herrscht über königliche Macht,
Den stolzen Simson selbst hat sie zu Fall gebracht . . .“
Ein Diener überreichte mir einen Zettel, auf dem mit Bleistift geschrieben stand:
„Freund, rettet Euch, der Herzog ist nach dem gestrigen Souper an den Blattern gestorben. Eure wütendsten Feinde haben die Macht in Händen. Im besten Falle droht Euch die Verbannung. Nützet die Zeit. Euer Freund.“
Ich sah den Jüngling an, der bereit war seine Rede fortzusetzen, und sagte:
„Euer Anliegen wird, meinen Worten entsprechend, erledigt werden,“ und beantwortete mit einem wohlwollenden Lächeln seine ehrerbietige, wenn auch würdige Verbeugung. Als ich allein geblieben war, sah ich durch das Fenster lange in den feinen Regen hinaus, der in eine Pfütze tröpfelte, dann klingelte ich nach meinen Kleidern.
Im Saal, in dem schon die Kandelaber angesteckt waren, befand sich nur Bertha von Liebkosenfeld. Sie stand mitten im Zimmer und las einen Zettel. Ihr rosiger feuchter Mund lächelte. Als sie mich bemerkte, winkte sie mich zu sich heran, legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte:
„Meister, nur im Unglück erkennet man seine wahren Freunde. Glaubet mir, dass ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
27. Juli 172*.
Entschuldigt, teure Tante, dass ich Euch so lange nicht geschrieben habe, aber über diesem Umzuge haben wir alle den Kopf verloren; jetzt kommt alles nach und nach in Ordnung, und gestern wurde schon das Schild aufgehängt; Papa macht alles selbst, ärgert sich und schilt uns und gestern kam es mit ihm so weit, dass er sein Gilet mit dem Hinterteil nach vorne angezogen hatte. Mama lässt Euch vielmals grüssen; ich habe ein eigenes Zimmer, aber neben dem ihrigen und die Tür lasse ich zur Nacht offen stehen, weil ich immer noch derselbe Hasenfuss geblieben bin. Papa hat, ausser Jean und Pierre, nur noch einen Lehrling und dann noch Jacques Mobert, der unlängst zu uns in Dienst getreten und, wie ich glaube, von hier gebürtig ist. So ein sonderbarer Kauz! Er kam, sich zu verdingen, in später Nacht, als wir uns schon schlafen legen wollten; Papa hätte ihn beinahe, ohne weiter zu reden, davongejagt, aber schliesslich ging alles gut aus. Arbeit gibt es, gottlob! viel, so dass Papa sich ordentlich müde arbeitet; aber was ist dabei zu machen, man muss doch auf irgendeine Art leben. Was soll ich Euch über Lachaise-Dieusagen? Es ist das ein ganz kleines Städtchen mit einem alten Kloster, das wie eine Festung aussieht, in der Ferne kann man Berge sehen. Ich weiss nicht, ob wir es hier nicht sehr langweilig haben werden, obgleich wir schon einige Bekanntschaften gemacht haben. Einstweilen kommt man noch, wegen der Einrichtung, zu nichts. Lebet wohl, liebe Tante, entschuldigt, dass ich wenig schreibe — ich habe furchtbar wenig Zeit und dann ist es auch so heiss, dass mein Hals ganz nass ist. Ich küsse Euch usw.
Eure Euch liebende NichteClaire Valmont.
*
15. September 172*.
Ich danke Euch, liebes Tantchen, für das Wintermäntelchen, das Ihr mir gesandt habt. Wirklich, Ihr seid zu vorsorglich, da Ihr mir Euer liebes Geschenk jetzt geschickt habet, wo wir noch in Kleidern auf die Strasse gehen. Ich erkenne das liebe Tantchen Rosalie sowohl in dieser Aufmerksamkeit, als auch in der Wahl des Zeuges! Wo habt Ihr bloss einen solch prächtigen Stoff gefunden? Hauptsächlich einen mit solchem Dessin? Diese so grellen Rosen mit den grünen Blättern auf goldig-gelbem Grunde sind der Gegenstand der Bewunderung aller unserer Bekannten, die uns besonders besuchen, umEuer Geschenk zu sehen, und ich warte mit Ungeduld auf die Kälte, um diese Pracht einzuweihen. Wir sind alle gesund, wenn wir auch bescheiden leben und uns nirgendwo zeigen. Zu Hause macht uns Jacques viel Spass; das ist ein sehr lustiger, lieber junger Mann, talentvoll und arbeitsam, so dass Papa nicht genug Lob finden kann. Mütterchen gefällt es nicht, dass er nicht zur Kirche geht und nicht fromme Gespräche liebt. Natürlich ist das nicht gut, aber man kann diesen Fehler mit seiner Jugend entschuldigen, um so mehr, als Jacques ein sehr bescheidener Jüngling ist: er treibt sich nicht herum, spielt nicht und trinkt nicht. Noch einmal danke ich Euch, liebe Tante, für den Wintermantel und bleibe
Eure Euch liebende NichteClaire Valmont.
*
2. Oktober 172*
Teures Tantchen, ich wünsche Euch von ganzem Herzen Glück zu Eurem Geburtstage (es ist doch schon das neunundsechzigste Lebensjahr, in das Ihr tretet!) und wünsche Euch ihn mit weniger dunkeln, weniger gemischten Gefühlen zu begehen, als ich sie eben habe. Ach, Tante, Tante. Ich bin so gewöhnt Euch alles zu schreiben, dass es mir viel leichter fälltEuch ein Geständnis abzulegen, als Père Vital, unserem Beichtvater, den ich doch bloss einige Monate kenne. Wie soll ich beginnen? Und womit? Ich zittere, wie ein kleines Mädchen, und nur die Erinnerung an Euer liebes, gutes Gesicht, das Bewusstsein, dass ich für Tante Rosalie immer noch dieselbe kleine Claire bin, verleiht mir Mut. Entsinnet Ihr Euch, dass ich Euch von Jacques Mobert schrieb, nun also, Tante, ich liebe ihn. Erinnert Euch an Eure Jugendzeit, an Regensburg, an den jungen Heinrich von Monschein und geht nicht zu streng ins Gericht mit Eurer armen Claire, die dem Zauber der Liebe nicht widerstanden hat . . . . Er hat versprochen Vater alles zu sagen und mich nach Weihnachten zu heiraten, aber zu Hause argwöhnt niemand etwas und bitte verratet mich nicht. Wie mir leichter geworden ist, seit ich Euch gestanden habe. Ich liebe besonders seine Augen, die so gross sind, wenn er küsst, und dann pflegt er sich mit den Augenbrauen an meine Wangen zu reiben, was bezaubernd angenehm ist.
Verzeihet mir, liebe Tante, und seid nicht bös auf Eure arme
Claire Valmont.
Ich wollte bloss noch sagen, dass Jacques gar kein Hiesiger ist und in Lachaise-Dieu kenntniemand ihn, wir haben es uns ganz ohne Grund eingebildet. Aber ist das eigentlich nicht ganz gleichgültig? Nicht wahr? . . .
*
6. Dezember 172*.
Es ist wahr, dass ein Unglück niemals allein kommt! Mama bemerkte gestern meine Taille und fing an mich auszufragen und ich gestand alles. Ihr könnt Euch Mamas Kummer, Papas Zorn vorstellen. Er schlug mich ins Gesicht und sagte: „Ich habe nie geglaubt, eine Dirne zur Tochter zu bekommen“, dann ging er fort und warf die Tür zu. Mama tröstete sich unter Tränen selbst, so gut sie konnte. Wie Ihr mir fehlet, liebe Tante, Eure Liebkosungen, Euer Rat. Jetzt gehe ich nirgendwohin aus und ich werde keine Gelegenheit haben Euern Mantel einzuweihen. Aber schrecklicher, als alles, ist, dass Jacques unsverlassen hat. Ich bin überzeugt, dass er sich in seine Stadt aufgemacht hat, um den Segen seiner Eltern zu erbitten; wie dem aber auch sein möge, er ist nicht da, und meine Langeweile und Niedergeschlagenheit wird durch seine Abwesenheit nur noch grösser. Mir scheint, dass alle von meiner Schande wissen, und ich fürchte mich ans Fenster zu treten; ich nähe ohne zu rasten, obgleich es mir jetzt schon schwerfällt lange gebückt zu sitzen. Ja, eineschwere Zeit ist für mich gekommen. Wie das Lied singt:
„Plaisir d’amour dure qu’un moment,Chagrin d’amour dure toute la vie.“
„Plaisir d’amour dure qu’un moment,
Chagrin d’amour dure toute la vie.“
Lebet wohl usw.
Eure Euch liebendeClaire.
2. Juni 172*.
Ihr habet wohl geglaubt, liebe Tante, dass ich schon tot sei, als Ihr so viele Monde keinen Brief von mir erhieltet. Zum Unglück bin ich noch am Leben. Ich will ruhig alles erzählen, was vorgefallen ist. Jacques ist nicht da, möge Gott ihm seine Bosheit vergeben, wie er uns von den Ränken Satans erlöst hat. Am 22. Mai kam ich mit einem Kinde, einem Knaben, nieder. Aber, allgütiger Gott, was war das für ein Kind: ganz behaart war es, ohne Augen, mit deutlich sichtbaren Hörnern auf dem Kopfe. Man fürchtete für mein Leben, als ich mein Kind zu sehen bekam. Mein Kind, wie schrecklich! Desungeachtet wurde beschlossen, es nach dem Ritus der heiligen katholischen Kirche zu taufen. Während des heiligen Sakramentes fing das für die Taufe vorbereitete Wasser zu dampfen an, es erhob sich ein fürchterlicher Gestank, und als die Anwesenden, nachdemder ätzende Dampf sich verzogen hatte, die Augen wieder öffnen konnten, erblickten sie im Taufbecken, statt des Kindes, einen grossen schwarzen Rettich. Mögen wir vor den Ränken Satans verschont bleiben. Könnet Ihr Euch den ganzen Kummer, das ganze Entsetzen und die Freude darüber vorstellen, dass wir nicht völlig ins Verderben gestürzt worden sind. Als man mir alles erzählte, was in der Kirche vorgefallen, war ich wie wahnsinnig. Bei uns wurde eine Messe gelesen und jeden Tag wird mit geweihtem Wasser gesprengt. Für mich werden Gebete um Austreibung böser Geister gelesen. Père Vital riet meinen Organismus vom bösen Samen zu reinigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ihr würdet mich nicht wiedererkennen, liebe Tante, so habe ich mich in dieser Zeit verändert. Nicht jeden trifft ein solches Unglück. Aber Gott erhalte alle, die ihre Zuversicht auf ihn setzen. Lebet wohl usw.
Eure Euch liebendeClaire Valmont.
*
15. Juni 172*.
Ich schreibe Euch wieder, liebe Tante, weil ich glaube, dass Ihr Euch unserer Angelegenheitenwegen beunruhiget. Nach meiner Reinigung begannen die Einwohner auch bei sich die Überbleibsel der Spuren des bösen Geistes auszurotten. Man erinnerte sich an alle Arbeiten, die Jacques Mobert (obgleich es besser wäre ihn Teufel Beelzebub zu nennen) gemacht hatte: Stiefel, Halbstiefel, Schuhe und Kanonenstiefel, und nachdem sie alles auf dem Platze vor der Abtei zu einem Haufen geschichtet hatten, wurde es verbrannt. Nur der alte Uhrmacher Limosius weigerte sich seine Stiefel herzugeben, weil ihm, wie er sagte, dauerhafte Stiefel wichtiger seien, als ein alberner Aberglaube. Aber er ist natürlich ein Jude und Gottloser, der nicht um die Errettung der unsterblichen Seele besorgt ist. Lebet wohl, liebe Tante, usw.
Ich verbleibe Eure Euch liebendeClaire Valmont.
Jedesmal, wenn Ämilius Florus die gegenüberliegende, aus demselben rotglänzenden Stein gebaute Mauer erreichte, kehrte er ungestüm sein bleich gewordenes Gesicht um, und seine schallenden Schritte, die der gewöhnlichen Leichtigkeit seines Ganges so unähnlich waren, machten den greisen Sklaven und den stummen Knaben, die auf der Erde sassen, zusammenfahren, und sie blickten erschreckt auf, wenn die Ränder des blauen Gewandes ihres Herrn sie bei seinen hastigen Wendungen streiften.
Als wäre er vom Hin- und Herlaufen ermüdet, schickte er den Alten hinaus, mit geschlossenen Augen den Kopf schüttelnd, um zu zeigen, dass er die Wirtschaftsberichte nicht zu hören wünsche. Der Knabe, der zu dem jetzt sitzenden Florus herangekrochen war, küsste ihm die Knie und versuchte, einen Blick von ihm aufzufangen. Florus pfiff dem grossen zottigen Hunde und sie traten alle drei in den Garten hinaus, wo sie wieder hintereinander auf und ab zu gehen begannen. Zuerst ging schweigend und mit grossen Schritten der Herr, dicht hinterihm trippelte der stumme Knabe, den grossen Kopf schüttelnd, schritt der Hund als Letzter in der Reihe. Durch den zweiten Spaziergang beruhigt, betrat Florus das Haus und schrieb den bereits angefangenen Brief weiter:
„. . . Dir wird es eine Kinderei scheinen, was ich mich anschicke Dir zu sagen, aber diese Kleinigkeit raubt mir die Ruhe und das Gleichgewicht meiner Seele, deren jeder bedarf, dem die Würde des Menschen etwas gilt. Dieser Tage traf ich einen Mann aus dem Volke, den ich vorher niemals gesehen hatte, aber von so bekanntem Aussehen, das ich — teilte ich die Lehre der Brahmanen von der Seelenwanderung — geglaubt haben würde, wir seien einander schon in einem früheren Leben begegnet. Und noch sonderbarer ist es, dass der Gedanke an diese Begegnung, der in meinem Kopfe stark geworden ist, wie Bohnen aufquellen, wenn man sie zur Nacht in Wasser legt, mir keine Ruhe lässt, und ich bin bereit hinzugehen und selbst diesen Menschen zu suchen, weil ich mich nicht entschliessen kann, mich jemand anzuvertrauen und mich selbst meiner Schwäche schäme. Vielleicht hängt das alles vom ungenügenden Zustande meiner Gesundheit ab: häufige Schwindelanfälle, Schlaflosigkeit, Niedergeschlagenheit und grundloseAngstgefühle gestatten nicht, sie befriedigend zu nennen. Der Mann, den ich traf, hatte ungewöhnlich helle graue Augen, gebräunte Hautfarbe und dunkles Haar; an Wuchs und Körperbau gleicht er mir. Calpurnia meinen Gruss, küsse die Kinder; die Amphoren habe ich schon längst in Dein Stadthaus geschickt. Nochmals vale.“
Der Arzt schwieg eine Weile und fragte:
„Mit welch einem Zustande hat der deinige am meisten Ähnlichkeit, Herr?“
„Ich kenne den Zustand eines Menschen nicht, der ins Gefängnis geworfen worden ist, aber ich glaube, dass der meinige diesem am nächsten kommt. Seit einiger Zeit fühle ich mich in meinen Bewegungen behindert, die Willensfreiheit selbst scheint beschränkt; ich will gehen und kann nicht, will atmen und ersticke, mich beherrscht eine dunkle Unruhe und unbestimmte Angst.“
Florus schwieg, als sei er ermüdet, und erbleichend, begann er wieder:
„Vielleicht wirkt auf meine Vorstellung vom Gefängnis ein Traum, den ich vor Ausbruch meiner Krankheit hatte.“
„Du hattest einen Traum?“
„Ja, einen so deutlichen, handgreiflichen! Und sonderbar: es ist, als hätte er bis jetzt nicht aufgehört, und wenn ich wünschte (davon bin ich überzeugt), könnte ich ihn ununterbrochen weiter träumen und dich, mein Freund, für ein Gespenst halten.“
„Wird es dich aufregen, wenn du ihn mir erzählst?“
„Nein, nein!“ wiederholte Ämilius hastig, die Schweisstropfen fortwischend, die an seiner Stirn hervorgetreten waren. Und er begann, als mache es ihm Mühe, sich zu erinnern, abgerissen zu sprechen, und bald hob sich seine Stimme zu lautem Schreien, bald sank sie zu raunendem Flüstern herab:
„Sage es niemand, was du hören wirst . . . schwöre es . . . . vielleicht ist es gerade die Wahrheit. Ich weiss nicht . . . . ich habe gemordet — denke nichts . . . es war — dort, im Traume. Ich floh, lange irrte ich umher, ich nährte mich von Früchten (ich entsinne mich, es waren wilde Kirschen), stahl Brot, Milch geradewegs aus den Eutern der Kühe auf dem Felde. Ach, die Sonne brannte und betäubend war der Dunst der Sümpfe! Als ich durch das Hafentor ging, wurde ich, unter dem Verdacht ein Messer gestohlen zu haben, ergriffen. Ein hochgewachsener rothaariger Händler, (ja, „Titus“ nannten sie ihn), hieltmich fest: ich fühlte mich schwach und war fassungslos; ein rothaariges Frauenzimmer lachte laut, ein rotgelber Hund winselte zu meinen Füssen, auf dem Pflaster lag eine Nelke, gepanzerte Soldaten gingen vorüber . . . man schlug mich . . . die Sonne sengte. Dann Finsternis und stickige Kühle. O Kühle der Gärten, der klaren Quellen, des Bergwindes, wo bist du?“ . . .
Und Florus schwieg entkräftet und liess sein Haupt sinken. Der Arzt sagte: „Schlafe ein“, und ging hinaus zum Schaffner über den Kranken zu sprechen. Der stumme Knabe lauschte mit gierig geöffneten Augen und offenstehendem Munde. Gegen Abend rief Florus die alte Amme. Vor ihm kauernd sprach die Alte, die ihre Märchen und Kindheitserinnerungen erschöpft hatte, ohne Zusammenhang von dem, was ihre alten Augen gesehen und ihre taub werdenden Ohren gehört hatten. Sich in ihren Mantel wickelnd, zischelte sie mit zahnlosem Munde:
„Söhnchen, vor ein paar Tagen sah ich am Hafentor einen Mörder: er hielt das Messer in der Hand, aber sein Anblick war nicht fürchterlich; hell, ach, so hell waren seine Augen, dunkles Haar, wie ein Knabe sah er aus. Mein Schwager, der Händler Titus, hat ihn festgehalten . . .“
Florus schrie auf und packte sie am Arm:
„Hör auf! Hör auf! Geh! Titus? sagst du Titus, Hexe?“
Der Knabe stürzte, vom Geschrei erschreckt, ins Gemach.
Viele Tage dauerte noch dieser Kampf, und der Kranke wiederholte, mehr als einmal: „Ich kann nicht mehr: es geht über meine Kraft!“ und das heimlich an ihm nagende Leiden hatte sein früher blasses Gesicht erdfahl gemacht. Dunkle Schatten umrandeten seine Augen und die Stimme kam wie aus ausgedörrter Kehle. Er schlief keine Nacht und quälte den stummen Knaben mit seiner Angst.
Eines Morgens erhob er sich vor Sonnenaufgang und verlangte Hut und Mantel, als mache er sich auf den Weg. Der Alte unterdrückte jede Frage, und bloss seinen Blick beantwortend, befahl Florus:
„Du wirst mir folgen!“
Der Gang des Herrn war wieder frei und leicht; auf den eingefallenen Wangen röteten sich wieder Rosen. Sie entfernten sich durch Strassen und über Plätze weit von Hause, ohne dass der Sklave den Zweck des Ganges zu erraten vermochte. Schliesslich, wie sie haltmachten,als hätten sie das Ziel erreicht, entschloss er sich zu fragen:
„Du wirst hier eintreten, Herr?“
„Ja.“
Die Stimme des Florus klang sorglos. Sie betraten das Gefängnis. Da man Florus als reichen und vornehmen Mann kannte, so gestattete man ihm, ohne Schwierigkeiten, wenn auch gegen Entgelt, sich zu überzeugen, ob unter den Eingekerkerten sich nicht sein, angeblich vor kurzem entlaufener Sklave befände. Schnell und aufmerksam durcheilte er das Gefängnis bis hinab zum letzten Kellerverlies. Er suchte mit einem Blicke, als hätten seine Augen das alles schon früher gesehen. Atemlos fragte er:
„Sind alle Sträflinge hier? Es gibt keine mehr?“
„Mehr sind keine da, Herr. Gestern ist einer entflohen . . .“
„Entflohen? Sein Name?“
„Malchus.“
„Malchus?“ wiederholte er, aufhorchend. „Helle Augen, gebräunte Haut, schwarzhaarig?“ fragte Florus erfreut.
„Ja, du hast recht, Herr,“ nickte der Gefängniswärter mit dem Kopfe.
Als Ämilius Florus aus dem Gefängnis trat, war er heiter, wie nie zuvor, er plapperte wieein Kind, seine Augen, die die dunklen Schatten nicht verloren hatten, glänzten.
„Mein alter Mummus, sieh nur: war jemals der Himmel so sanft, so lieblich die Bäume und Blumen?! Wir wollen zu Fuss auf mein Landgut gehen: wilde Kirschen werd ich essen und Milch trinken geradewegs aus den Eutern der Kühe. Sanft werden die Tage verrinnen! Du wirst mir ein Mädchen verschaffen, das nach Gras, Ziegen und etwas auch nach Lauch riecht, den stummen Lukas nehmen wir nicht mit aufs Land. Ach, alter Mummus, bin ich nicht gesund, wie jemals? Die Wolken — als sei es Frühling, als sei es Frühling!“
Morgens machte Florus sich freudig auf den Weg, das heimliche Haus seines Landgutes verlassend, um auf schmalen und breiten Wegen ausgedehnte Spaziergänge zu machen. Gorgo, die der Alte seinem Herrn zugeführt hatte, war still, schweigsam, gehorsam und schlicht, wie ein Kälbchen; ihren gebräunten Körper gab sie leicht und in Reinheit hin; wenn sie zu Hause wartete, sang sie alte Lieder.
Lukas, der Stumme, der selbst aufs Gut hergelaufen war, begleitete seinen Herrn überallhin, Freude in den traurigen Augen und immüden Knabengesicht. Schweigend folgte er, Florus keinen Augenblick in seiner plötzlich wiedergekehrten Heiterkeit verlassend. Immer nur über Bergpfade schweifen, im blumenbunten Grase ruhen, auf dem Rücken liegend, ohne Aufhören zur blauen Feste hinaufstarren, einfache ländliche Lieder singen und den Stummen die Doppelflöte dazu blasen lassen! Die weissen, grellweissen, blendend weissen Wolken standen still über Hain und Fluss; sie warteten. Milchspuren auf den Lippen, unrasiert, mit rotem Munde küsste Florus Gorgo, das städtische Schmachten vergessend, auf den Lauchgeruch nicht achtend. Der stumme Lukas weinte im Winkel. Tag reihte sich an Tag, wie im Kranze sich eine Blume an die andere flicht.
Eines Abends war es, als werde Florus mitten im sorglosen Spiel von tiefer Niedergeschlagenheit befallen oder von einem unsichtbaren Feinde ergriffen. Mit plötzlich heiser gewordener Stimme sagte er: „Was ist das? Woher kommt diese Finsternis? Dieser Kerker?“ Und er legte sich auf das niedrige Lager, kehrte sich zur Wand und seufzte schweigend. Leise kam Gorgo herein und umarmte ihn, der sie nicht ansah. Florus wehrte ihr und sagte:
„Wer bist du? Ich kenne dich nicht! Nicht jetzt. Gib acht, das knarrende Schloss wird den schlafenden Wächter wecken.“
Schweigend trat Gorgo zurück und der Stumme schlich sich, wie ein Hund, wieder herein und küsste die herabhängende Hand des Florus.
Es war eine schwüle Nacht für die Diener, die vor dem Schlafzimmer des Florus schlummerten. Nur Lukas war, stumm und ergeben, bei seinem Herrn geblieben. Lange konnte man nur die Schritte des auf und ab gehenden Ämilius hören. Gegen Morgen umfing die Diener der leise Schlaf vor Sonnenaufgang. Plötzlich wurde die Luft von einem Schrei zerschnitten, der Menschenstimme nicht ähnlich war. Es war, als hätte ein Unirdisches, das Echo weckend, gerufen: „Der Tod!“
Die zögernden Diener, die an die Tür gepocht hatten, wurden vom stummen Knaben ins Gemach hineingelassen, dessen Gesicht vom Schreck bis zur Unkenntlichkeit entstellt war. „Der Tod! Der Tod!“ wiederholte er mit wilder, Worte auszusprechen nicht gewohnter Stimme. Die Diener stürzten sich, ohne über die Laute des Stummen zu staunen, zum Lager, auf dem der Herr mit zurückgefallenem Kopfe und schwarz gewordenem Gesicht bewegungslos dalag. Lukas kehrte zum Lager zurück, alshabe er eben erst diesen Platz verlassen, und brach lautlos zusammen.
Mit der Schreckensbotschaft eilte man schnell zum Arzt und zum Schaffner.
Der Stumme hörte nicht auf zu wiederholen: „Der Tod! Der Tod!“ als habe er die Sprache nur für diese Worte allein wiedererhalten.
Florus lag mit zurückgefallenem, schwarz gewordenem Gesicht da, eine Hand hing leblos herunter. Der Arzt hatte den Körper untersucht, den unzweifelhaften Tod festgestellt und wies staunend den Schaffner auf einen schmalen, schwarzen, blutunterlaufenen Striemen, der am Halse des Verstorbenen aufgequollen war und sich durch nichts erklären liess. Der einzige Zeuge von Ämilius Florus’ Tode, der stumme Lukas, sprach, das göttliche Stammeln des wunderbaren Schreckes überwindend, der ihm die Gabe der Rede zurückgegeben:
„Der Tod! Der Tod! Wieder in Banden . . . er geht, geht: wirft sich, wie ermüdet, aufs Lager . . . kein Wort sprach er zu mir; gegen Morgen begann er unruhig zu röcheln; ich stürzte zu ihm, er schlug, röchelnd, die Augen zu mir auf. O Götter! Der Morgen leuchtete rot durchs Fenster. Florus lag, schwarz geworden, regungslos da . . .“
Man hatte Lukas über Trauer und Besorgungen für die Leichenfeier vergessen.
Kaum begann es am nächsten Morgen hell zu werden, so erschien ein barfüssiger, zerlumpter, von niemand gekannter Greis, und bat, Florus zu sehen. Der Schaffner, der glaubte, irgendeine Aufklärung über den Tod seines Herrn zu erhalten, trat zu ihm hinaus. Der Ankömmling schien hartnäckig und schlicht. Ringsum heulten sich scharende Hunde.
„Du wusstest nicht, dass mein Herr, Ämilius Florus, gestorben ist?“
„Nein. Es ist gleichgültig. Ich erfüllte, was man mir befohlen.“
„Wer befahl dir?“
„Malchus.“
„Wer ist es?“
„Jetzt ein Hingegangener.“
„Er ist gestorben?“
„Gestern morgen wurde er gehängt.“
„Kannte er meinen Herrn?“
„Nein. Er entbietet ihm, dem Unbekannten, Gruss und sendet ihm die Todesbotschaft. Bei euch werden Stumme reden.“
„Sie reden schon,“ sagte Lukas, der herangekommen war und die schmutzige Hand des Greises küsste.
„Willst du nicht den Verstorbenen sehen?“
„Wozu? Er hat sich im Gesicht sehr verändert?“
„Sehr.“
„Jenen hat die Schlinge auch verändert. Er hat ein grosses Zeichen am Halse . . .“
„Hast du viel zu sagen?“
„Nein, ich gehe fort.“
„Ich gehe mit dir!“ sagte Lukas freundlich zum Unbekannten.
Die Sonne hatte den Hof schon rosig gefärbt und die gemieteten Klageweiber liessen, ihre abgemagerten Brüste entblössend, durchdringendes Wehgeschrei zum Himmel aufsteigen.
Als der alte Nektanebes, von einem scharfen und einsam durch die Abendkühle gellenden Schrei getroffen, die Augen von den ausgeworfenen Netzen erhob, sah er einen kleinen Nachen in der Lichtsäule der beim Untergehen sich im Wasser widerspiegelnden Sonne und einen Menschen, der vergebliche Anstrengungen machte ans Land zu schwimmen. Die Netze fahren lassen, zu jener Stelle hinüberrudern, wo der Ertrinkende zu sehen war, sich ins Wasser werfen und mit dem Geretteten auf den Armen wieder in sein Boot steigen — war das Werk weniger Minuten. Das Mädchen hatte das Bewusstsein verloren. Die natürliche Röte war von ihren Wangen gewichen und um so deutlicher sah man die Schminke in ihrem mageren länglichen Gesicht. Erst als der Alte sie behutsam auf die Bastmatten in seiner Hütte niedergelegt hatte — denn er war nichts mehr, als ein armer Fischer — schlug die Gerettete die Augen auf und seufzte, als erwachte sie aus tiefem Schlafe, wobei mit den ersten Lebenszeichen auch ihr Kummer wiederkehrte, denn reichliche Tränen entströmten unaufhaltsamihren hellbraunen Augen und sie begann, wie in hitzigem Fieber, sich hin und her zu werfen und beklagte laut und bitter ihr Los. Aus ihren unzusammenhängenden Worten und Ausrufen erfuhr Nektanebes, dass sie eine reiche Erbin und Waise sei, die ein herzloser Jüngling verschmäht habe, und dass sie dann in einem Anfall von Verzweiflung den Versuch gemacht, ihr Leid in den Wassern des Flusses zu versenken. So erfuhr er auch, dass sie Phyllis hiess. Übrigens hätte er das auch ohne ihre Worte erraten können, denn das Haus ihrer Eltern, die jetzt schon tot waren, lag nicht weit vom Ufer des Flusses, wo Kähne zu Lustfahrten und anderem Gebrauch ihrer Besitzer angepflockt waren. Beim Sprechen weinte sie und umschlang mit ihren Armen den Hals des alten Fischers, sich an ihn schmiegend, wie ein Säugling sich an seine Amme schmiegt, er aber streichelte ihr Haar und tröstete sie, so gut er konnte.
Der Morgen und ein tiefer Schlaf brachten die Beruhigung, welche die Trostworte nicht gebracht hatten. Im Köpfchen der zärtlichen Phyllis tauchten heiterere Gedanken und Pläne auf. Sie erklärte Nektanebes genau,wie er zum Hause des grausamen Pankratius gehen und die täuschende Nachricht erfinden solle, dass ihr Tod bereits eingetreten sei; dabei sollte er beobachten, um es ihr mitzuteilen, wie dessen schönes Gesicht mit dem unwandelbaren Hauche von Langeweile sich verändern werde, wenn er ihm zur Bestätigung seines Berichtes den angeblich in den Falten der Gewänder der Ertrunkenen gefundenen Zettel und den gestreiften Schleier übergeben werde. Sie klatschte in die Hände, als sie den Abschiedsbrief beendet hatte, und drängte voll Erregung und Freude den Alten zu Eile. Der Bote musste nicht wenig Strassen durchwandern, ehe er das kleine, aber wohleingerichtete Landhaus des Pankratius erreichte. Als man den alten Fischer zu ihm hineinführte, war der junge Herr des Hauses damit beschäftigt mit einem hochgewachsenen Knaben in himmelblauem leichtem Gewande Ball zu spielen. Als er hörte, dass der Brief von Phyllis komme, deren Garten sich zum Flusse hinabzieht, fragte er, ohne das Siegel zu erbrechen und seine dunklen eingelegten Locken ordnend: „Hat dich die Herrin selbst gesandt?“
„Nein, aber es war ihr Wunsch diesen Brief in deinen Händen zu sehen.“
„Es ist ohne Zweifel ihre Handschrift, lasset sehen, was dieses liebe Schreiben uns bringt.“
Ein Lächeln umspielte noch die Lippen des Jünglings, als er den letzten Brief des Mädchens zu lesen begann, aber allmählich verfinsterte sich seine Stirn, die Brauen hoben sich, die Lippen pressten sich zusammen und seine Stimme klang erregt und rauh, als er, den Brief in sein Gewand bergend, fragte: „Ist es Wahrheit was in diesem Briefe steht?“
„Ich weiss nicht, was die arme Herrin geschrieben hat, aber dieses, das habe ich mit eigenen Augen gesehen“ — und er liess jetzt den geschickt erfundenen, übrigens zur Hälfte der Wahrheit entsprechenden Bericht vom angeblichen Tode der Phyllis folgen. Der Schleier, von dem Pankratius bestimmt wusste, dass er dem Mädchen gehöre, überzeugte ihn vollends von der Wahrheit der traurigen Erfindung, und nachdem er den Fischer, reich belohnt, entlassen hatte, kehrte er zerstreut zum Ballspiel mit dem hochgewachsenen Knaben zurück, das ihn täglich zwischen Bad und Mahl zu beschäftigen pflegte.
Phyllis hatte sich hinter der niederen Tür versteckt und wartete lange auf die Rückkehr ihres Wirtes, während sie den Arbeiten in den Gemüsegärten zusah, bis die Sonne schon begann unterzugehen und die Schwalben schreiend ganz niedrig dahinschossen, dass sie mit den Flügeln fast das stille Wasser streiften. Endlichhörte sie das Geräusch der Kiesel, die unter den Füssen des bergansteigenden Alten hinunterrollten.
Sieben- oder achtmal liess die verschmähte Phyllis sich die Einzelheiten der Begegnung mit Pankratius wiedererzählen. Sie wollte wissen, was er zuerst gesagt und was er darauf gesagt habe, und wie er gekleidet gewesen und wie er ausgesehen habe: ob er traurig oder gleichgültig, blass oder blühend gewesen, — und Nektanebes strengte vergeblich sein altes Gedächtnis an, um die hastigen und abgebrochenen Fragen des Mädchens zu beantworten.
Am nächsten Morgen sagte er: „Wie denkst du, Herrin? Du musst in dein Haus zurückkehren, da du doch unter den Lebenden weilst.“
„Nach Hause? Um nichts in der Welt! Dann erfahren ja alle, dass ich noch lebe; du vergissest, dass ich eine Tote bin!“
Und Phyllis lachte laut auf. Ihre lebensprühenden Augen und Wangen machten den Scherz ihrer Erfindung noch lustiger.
„Ich bleibe bei dir: am Tage, wenn du in die Stadt gehst, lege ich mich zwischen die Beete, und unter den reifen Melonen wird michniemand gewahren, und am Abend wirst du mir erzählen, was du am Tage gesehen hast.“
Schliesslich bewog der Fischer die junge Herrin, ihrer alten Amme, die auf einem Landgute in der Nähe von Alexandria lebte, im geheimen ein Zeichen zu geben, ihr aufrichtig alles zu erzählen und dort abzuwarten, was Zeit und Schicksal bringen würden. Er selbst versprach, jeden Tag alles über Pankratius zu berichten, was mit Phyllis irgendwie in Zusammenhang stehen sollte.
„Wann soll ich denn dorthin fahren?“
„Ich setze dich selbst im Boote über.“
„Durch die ganze Stadt? Als lebendige Leiche?“
„Nein, du wirst am Boden liegen unter einem Gewebe.“
„Die Wächter werden dich für einen Dieb halten und dich verhaften.“
„Ich werde dich mit Bastmatten bedecken.“
Phyllis war Waise und konnte daher ihr Verschwinden leicht verhehlen und friedlich bei der alten Manto auf dem Landgute leben. Vom Morgen bis zum Abend konnte sie die Blumen befragen, ob der ferne Jüngling sie lieben werde. Bald zupfte sie die Blumenblätter einzeln aus den Kelchen, bald schlug sie mit den Blättern um sich, über eine ungünstige Antwort geärgert und freute sich kindlich über einegünstige. Da die Aufregungen der Liebe ihr die Esslust nicht geraubt hatten und das bescheidene Mahl des Landgutes ihrem vom Nichtstun launischen Geschmack nicht genügte, so wurde bald das Geheimnis ihres Lebens auch der Schaffnerin ihres Stadthauses bekannt, die ihr täglich mit dem alten Fischer bald süsses Ingwergebäck, bald lecker gebratenes Wild, bald Pasteten mit Hahnenkämmen, bald eine in zartem Honig abgekochte Melone sandte.
Die alten Füsse des Nektanebes konnten kaum den schnellen und jungen Schritten des Pankratius und seines Begleiters folgen. Es war schon Abend, vom Meere drang der Geruch von Salz und Tang herüber, in den Herbergen wurden grosse Laternen angezündet und man hörte Musik, Matrosen gingen, zu vieren und mehr einander unter die Arme gefasst, über die Strasse und unsere Wanderer kamen immer weiter in dunkle leer gewordene Stadtteile. Endlich betraten sie, den Vorhang aus geflochtenem Rohr zurückschlagend, ein Haus, das wie ein Lupanar oder eine Schenke für den Hafenpöbel aussah. Nektanebes folgte ihnen nicht gleich, um nicht ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und wartete auf andere Gäste, um unbemerkthineinzukommen. Schliesslich gewahrte er fünf Matrosen, von denen der jüngste sagte: „. . . und sie legte ihm einen Schwamm an Stelle des Herzens in den Leib; am Morgen fing er an zu trinken, der Schwamm fiel heraus und da starb er.“
Der Fischer, der mit ihnen zugleich hineingegangen war, konnte sich zuerst, durch seine Armut und sein Alter vom Besuche solcher Orte entwöhnt, nicht zurechtfinden. Lärm, Rufe, das Klirren der Lehmkannen, Gesang und das Klappern einer Handtrommel erschütterten die stickige, dicke Luft. Sängerinnen sassen, sich mit den Händen den Schweiss und die herunterfliessende Schminke aus dem Gesichte wischend, vor dem Vorhang. Auf dem Tische tanzte zwischen Weinkrügen ein nacktes, zehnjähriges Nubiermädchen, in geschickten Schlangenwindungen ihren Kopf zur Ferse herabbeugend. Ein dressierter Hund, der mit Hilfe von grob aus Holz geschnittenen Zahlen die Summe des Geldes in den Beuteln der Gäste erriet, erregte lauten Beifall. Pankratius sass, seine Caracalla noch tiefer ins Gesicht gezogen, was seine Augen fremd und glänzend machte, mit seinem Begleiter am Ausgang. Er hielt den Alten an und sagte: „Hör mal, bist du es, der mir die Nachricht vom Tode der unglücklichen Phyllis gebracht hat? Ich habe dich gesucht,ich, der Redner Pankratius, aber still . . . . Komme morgen nach dem Mittag zu mir; ich habe dir etwas zu sagen: die Verstorbene raubt mir meine Ruhe.“ Er sprach flüsternd, war blass und seine Augen sahen unter der Kapuze fremd aus und sie glänzten.
Phyllis sass auf der Schwelle des Hauses und las die Papyrusrollen, die Nektanebes eben gebracht hatte, und auf denen von der Hand des Schreibers aufgezeichnet stand: „Elegie der Phyllis, der unglücklichen Tochter des Palemon“. Sie sass gebeugt da und hörte nicht, wie die Sklaven mit Zubern voll frischgemolkener Milch vorübergingen, wie der Gärtner die Blumen beschnitt, wie das Hündchen, einen hüpfenden Frosch verfolgend, bellte, und wie in der Ferne die Schnitterinnen ein wehmütiges Lied sangen. Die Zeilen zogen an ihrem Auge vorüber und die Erinnerung an ihre vergangenen Qualen legte sich wiederum, wie Nebel, auf ihre sorglosen Augen.
Eltern, liebe Eltern,Vater und Mutter mein,viel habt ihr mir hinterlassen:bunte Gewänder,weisse Pferde,gewundene Spangen, —aber lieber, als alles,hab ich den grellroten Schleiermit den singenden Phönixen.
Eltern, liebe Eltern,
Vater und Mutter mein,
viel habt ihr mir hinterlassen:
bunte Gewänder,
weisse Pferde,
gewundene Spangen, —
aber lieber, als alles,
hab ich den grellroten Schleier
mit den singenden Phönixen.
Eltern, liebe Eltern,Vater und Mutter mein,viel habt ihr mir hinterlassen:Land und Vieh:starkfüssige Ziegen,starkstirnige Schafe,steilhörnige Kühe,Mäuler und Stiere,aber lieber, als alle,ist mir mein weisser Taubermit dem schwarzbraunen Fleck:ich nannt’ ihn „Katamitos“.
Eltern, liebe Eltern,
Vater und Mutter mein,
viel habt ihr mir hinterlassen:
Land und Vieh:
starkfüssige Ziegen,
starkstirnige Schafe,
steilhörnige Kühe,
Mäuler und Stiere,
aber lieber, als alle,
ist mir mein weisser Tauber
mit dem schwarzbraunen Fleck:
ich nannt’ ihn „Katamitos“.
Eltern, liebe Eltern,Vater und Mutter mein,viel habt ihr mir hinterlassen:treue Diener:Gemüse- und Blumengärtner,Weber und Spinner,Metbrauer und Bäcker,Narren und Flötenspieler,aber lieber, als alle,hab ich die Alte,meine liebe Amme.
Eltern, liebe Eltern,
Vater und Mutter mein,
viel habt ihr mir hinterlassen:
treue Diener:
Gemüse- und Blumengärtner,
Weber und Spinner,
Metbrauer und Bäcker,
Narren und Flötenspieler,
aber lieber, als alle,
hab ich die Alte,
meine liebe Amme.
Lieb hab ich die Amme,lieb ist der Tauber mir,lieb auch mein Schleier,aber mehr noch lieb ich den Garten.
Lieb hab ich die Amme,
lieb ist der Tauber mir,
lieb auch mein Schleier,
aber mehr noch lieb ich den Garten.
Er zieht sich, er zieht sichzum Fluss hinab, unser Garten,flussaufwärts, flussaufwärts,da wohnt hoch am Ufer mein Freund.Ich kann ihm nicht senden, kann ihm nicht sendenein Blümlein von mir,es bringen meinen Gruss ihm, meinen Gruss ihmdie Fergen hinauf.
Er zieht sich, er zieht sich
zum Fluss hinab, unser Garten,
flussaufwärts, flussaufwärts,
da wohnt hoch am Ufer mein Freund.
Ich kann ihm nicht senden, kann ihm nicht senden
ein Blümlein von mir,
es bringen meinen Gruss ihm, meinen Gruss ihm
die Fergen hinauf.
Und weiter stand geschrieben:
Am Morgen sprach die Amme zu mir:— was willst du’s der Alten verhehlen —den ganzen Tag zerpflückst du fragend die Blumen,Quitten unterscheidest du von Äpfeln nicht mehr,Du nähst nicht, du stickst nicht,küssest zärtlich den bunten Tauberund nachts hör ich dich flüstern: „Pankratius“.
Am Morgen sprach die Amme zu mir:
— was willst du’s der Alten verhehlen —
den ganzen Tag zerpflückst du fragend die Blumen,
Quitten unterscheidest du von Äpfeln nicht mehr,
Du nähst nicht, du stickst nicht,
küssest zärtlich den bunten Tauber
und nachts hör ich dich flüstern: „Pankratius“.
Und weiter stand geschrieben:
Was soll ich erwählen, liebe Gespielinnen:soll ich dem grausamen Freunde noch einmal mein Lieben gestehen,oder soll ich in den schnellfliessenden Bach mich stürzen?Gleich schwer ist jeder der Wege,aber schwerer ist der erste —wie werd’ ich erröten müssen und stammeln.
Was soll ich erwählen, liebe Gespielinnen:
soll ich dem grausamen Freunde noch einmal mein Lieben gestehen,
oder soll ich in den schnellfliessenden Bach mich stürzen?
Gleich schwer ist jeder der Wege,
aber schwerer ist der erste —
wie werd’ ich erröten müssen und stammeln.
Und weiter stand geschrieben:
Am Morgen steht die Purpursonne aufund du gehst an dein Tagwerk,wer dich daherkommen sieht,der denkt sich: „stolzer Pankratius“ —und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!
Am Morgen steht die Purpursonne auf
und du gehst an dein Tagwerk,
wer dich daherkommen sieht,
der denkt sich: „stolzer Pankratius“ —
und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!
In den Baumgängen wirst du lustwandeln,mit den Freunden wirst du im Philo lesen,Diskus werfen wirst du und Wettlaufen —alle sagen: „schöner Pankratius“ —und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!
In den Baumgängen wirst du lustwandeln,
mit den Freunden wirst du im Philo lesen,
Diskus werfen wirst du und Wettlaufen —
alle sagen: „schöner Pankratius“ —
und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!
Du kehrst zurück in dein kühles Haus,badest dich in duftigen Wassern,mit dem Knaben spielst du dann Ball,und schläfst ruhig ein bis zum Morgenund denkst: „glücklicher Pankratius“ —und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!
Du kehrst zurück in dein kühles Haus,
badest dich in duftigen Wassern,
mit dem Knaben spielst du dann Ball,
und schläfst ruhig ein bis zum Morgen
und denkst: „glücklicher Pankratius“ —
und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!
Und es stand noch viel geschrieben, so dass das Mädchen, seufzend und über seine eigenen Worte Tränen vergiessend, bis zum späten Abend las.
Jetzt spielte Pankratius nicht mehr mit dem Knaben Ball, er las nicht mehr und hatte keine Lust zu essen, sondern ging im inneren kleinen Garten an den Levkoien auf und ab und sah aus, wie ein von Unruhe gequälter Mensch. Gleich nach der Begrüssung begann er: „Das gestorbene Mädchen raubt mir meine Ruhe: ich sehe sie im Traume und sie mich; sie lockt mich irgendwohin, ein Lächeln im bleichen Antlitz.“
Der Alte, der Phyllis unter den Lebenden wusste, meinte:
„Es gibt trügerische Träume, o Herr, mögen sie dich nicht beunruhigen.“
„Sie können nicht anders, als mich beunruhigen, vielleicht bin ich dennoch die unschuldige Ursache ihres Unterganges.“
„Halte sie für lebend, wenn dir das deine Ruhe wiedergibt.“
„Aber sie ist doch gestorben?“
„Tot ist das, was wir für tot halten, und das, was wir für lebend halten — lebt.“
„Du willst, scheint es, darauf hinaus, wovon ich mit dir reden wollte. Gelobe mir, das Geheimnis zu bewahren.“
„Du hast mein Versprechen.“
„Kennst du nicht einen Magier, der mir den Schatten der Phyllis beschwören könnte?“
„Wie das, den Schatten der Phyllis?“
„Nun ja, den Schatten der verstorbenen Phyllis. Scheint dir das so sonderbar?“
Nektanebes antwortete, nachdem er die Beherrschung wiedergewonnen hatte:
„Nein, das scheint mir nicht sonderbar und ich kenne sogar einen Magier, wie du ihn brauchst, aber glaubst du auch selbst an die Kraft der Magie?“
„Weshalb hätte ich dich wohl sonst gefragt? Und was hat das mit meinem Glauben zu tun?“
„Er wohnt nicht weit von mir und ich kann mit ihm verabreden, wann das Wiedersehen stattfinden soll.“
„Ich bitte dich darum. Du hast mir viel geholfen mit deinen Worten: tot ist das, was wir für tot halten, und umgekehrt.“
„Lass es gut sein, o Herr, das sind leereWorte, die ein ungebildeter alter Fischer, wie ich, ohne zu denken hat fallen lassen.“
„Du selbst begreifst nicht die ganze Bedeutung dieser Worte. Es ist mir, als sei Phyllis am Leben. Richte schneller aus, was du weisst!“
Der Jüngling gab dem Fischer Geld und der Alte war auf dem weiten Wege zum Landgute mit vielen und verschiedenartigen Gedanken beschäftigt, die zu einem klareren, freudigen Gedanken führten, so dass Phyllis, die nicht schlief und ihm selbst die Gartenpforte öffnete, ihn lächeln sah, als bringe er glückliche Nachrichten.
Das Mädchen hörte Nektanebes’ Plan mit erstaunten Ausrufen.
„Du glaubst? Ist das denn möglich? Wird das nicht Gotteslästerung sein? Bedenke doch: die magischen Beschwörungen haben die Kraft, die Seelen Verstorbener heraufzurufen, — wie werde ich, die Lebende, den täuschen, den ich liebe? Und wird die hundsköpfige Göttin mich nicht strafen?“
„Wir entweihen den Ritus nicht, du bist keine Tote und bist niemals eine solche gewesen, wir werden uns nur die äussere Form derBeschwörungen zunutze machen, um den gequälten Geist des Pankratius zu beruhigen.“
„Er liebt mich jetzt und will mich sehen?“
„Ja.“
„Die Tote, die Tote!“
„Aber du wirst lebendig sein.“
„Man wird mir Totengewänder anlegen, den Totenkranz der verstorbenen Frauen! Ich werde durch Schwefeldämpfe reden, die mein Gesicht totenähnlich machen werden!“
„Ich weiss nicht in welcher Gestalt du den Geist darzustellen haben wirst. Wenn du es nicht wünschest, so lässt es sich vermeiden.“
„Wodurch?“
„Durch Verzicht auf die Beschwörung.“
„Ihn nicht sehen? Nein, nein!“
„Man könnte sagen, dass der Magier das Mondviertel für ungünstig halte.“
„Und dann?“
„Dann wird Pankratius sich selbst beruhigen und er wird vergessen.“
„Er wird sich beruhigen, sagst du? Wann kommt Parrhasius, um die Verabredung zu treffen und mich zu lehren was ich zu tun habe?“
„Wann du willst: morgen, übermorgen.“
„Heute noch. Einverstanden?“
Als Phyllis allein geblieben war, sass sie lange regungslos da, dann zerpflückte sie eineBlume und wollte lächeln, als sie auf ihre ständige Frage ein „Ja“ zur Antwort erhielt, aber sie erbleichte gleich wieder und flüsterte: „Nicht als Lebende hast du das Glück der Liebe gewonnen, arme Phyllis!“ Aber die Morgensonne und das Zirpen der Grillen im Tau, und der stille Fluss, und die Erinnerung an die wenigen verlebten Jahre, und die Träume von Pankratius, der sie jetzt liebte, riefen bald wieder das Lächeln auf die roten Lippen der lustigen und treuen Phyllis zurück.
Als die Harfe, die magischen Formeln beantwortend, erklang und ein undeutlicher Schatten auf dem Vorhang erschien, erkannte Pankratius Phyllis nicht; ihre Augen waren geschlossen, die Wangen blass, die Lippen zusammengepresst, die über der Brust gekreuzten mit Bändern umwundenen Arme steigerten die Ähnlichkeit mit einer Toten. Als sie die Augen aufschlagend, die lose zusammengebundenen Arme erhoben, stehenblieb, wandte sich Pankratius, nachdem er den Magier um Erlaubnis gefragt hatte, auf die Knie sinkend, mit folgenden Worten an sie:
„Bist du der Schatten der Phyllis?“
„Ich bin Phyllis selbst,“ war die Antwort.
„Vergibst du mir?“
„Wir werden alle vom Schicksal geleitet; du konntest nicht anders handeln, als du gehandelt hast.“
„Bist du gern auf die Erde zurückgekehrt?“
„Ich konnte nicht anders, als den Beschwörungen gehorchen.“
„Liebst du mich?“
„Ich liebte dich.“
„Du siehst jetzt meine Liebe, ich habe mich zu fürchterlicher, vielleicht verbrecherischer Tat entschlossen, als ich dich heraufbeschwor. Glaubst du mir, dass ich dich liebe?“
„Die Tote?“
„Ja. Kannst du dich mir nähern? Mir deine Hand reichen? Meine Küsse erwidern? Ich will dich erwärmen und dein Herz wieder schlagen machen!“
„Ich kann mich dir nähern, dir die Hand reichen, deine Küsse erwidern. Ich bin dazu zu dir gekommen.“
Sie trat ihm, der auf sie zugestürzt war, einen Schritt entgegen; er merkte nicht, dass ihre Hände wärmer waren, als seine eigenen, wie ihr Herz an seinem fast erstarrten Herzen schlug, wie ihre Augen glänzten, als sein trübe gewordener Blick sie traf. Phyllis wehrte ihm und sagte:
„Ich bin eifersüchtig.“
„Auf wen?“ flüsterte er, vergehend:
„Auf die lebende Phyllis. Sie liebtest, mich duldest du.“
„Ach, ich weiss nicht, frage nicht, nur du, du allein, dich liebe ich!“
Phyllis sagte nichts mehr, sie erwiderte seine Küsse nicht und zog sich zurück; schliesslich, als er in Verzweiflung sich zu Boden warf und wie ein Knabe weinend, rief: „Du liebst mich nicht!“ kam es langsam von ihren Lippen:
„Du weisst selbst noch nicht was ich getan habe,“ und an ihn herantretend, umarmte sie ihn fest und begann jetzt selbst leidenschaftlich und süss seine Lippen zu küssen. Pankratius war immer zärtlicher geworden und hatte nicht bemerkt, wie das Mädchen immer schwächer wurde, und plötzlich liess er sie mit dem Schreckensruf: „Phyllis, was ist dir?“ aus seinen Armen gleiten und lautlos sank sie ihm zu Füssen. Er staunte nicht, dass ihre Hände kalt waren, dass ihr Herz nicht schlug, aber das Schweigen, das plötzlich den Raum beherrschte, erfüllte ihn mit unerklärlichem Grauen. Er schrie auf, und die eintretenden Sklaven und der Magier erblickten beim Schein der Fackeln das Mädchen in den verwirrten Leichengewändern tot daliegen, die Bänder und der Totenkranz aus dünnen Goldblättchen lagen fortgeworfen auf dem Boden. Pankratius schrie nocheinmal laut auf, als er die leblos vor sich sah, die eben noch seine Liebkosungen erwidert hatte, und zur Tür zurückweichend, flüsterte er entsetzt:
„Sehet: die Spuren von drei Wochen Verwesung in ihrem Antlitz! Oh! Oh!“
Der hinzugetretene Magier sagte:
„Die der Magie gewährte Frist ist verflossen und der Tod hat wieder von der zeitweilig dem Leben Zurückgegebenen Besitz ergriffen,“ und er gab den Sklaven das Zeichen den Leichnam der bleichen Phyllis, der Tochter des Palemon, hinauszutragen.