»Der arme Mensch,« sagte Klara, »ich habe Mitleid mit ihm. Ich möchte, daß er hier wäre, und wenn er krank wäre, wie gerne möchte ich ihn pflegen. Ein unglücklicher Künstler ist wie ein unglücklicher König. Wie tief in der Seele muß es ihn schmerzen, sich so talentlos zu wissen. Ich kann es mir so gut denken. Armer Kerl. Ich möchte ihm Freundin sein, da Sie keine Zeit haben, Mitleid mit ihm zu empfinden. Ich hätte Zeit. Was für arme Menschen gibt es doch auf der Welt!«
Kaspar sagte leise zu ihr und ergriff zum ersten Mal ihre Hand: »Wie gut Sie sind!« –
Der Wald war tiefschwarz, alles war dunkel, das Haus war ein dunkler Fleck im Dunkel. Simon und Agappaia warteten auf die beiden andern an der Haustür.
»Sie kommen nicht. Kommen Sie, wir wollen hineingehen.«
»Ich möchte mich gleich schlafen legen,« sagte Simon.
Als er bereits im Bett lag und die Augen zuschließen wollte hörte er plötzlich einen Schuß fallen. Erschreckt bis zum äußersten sprang er auf, riß das Fenster auf und schaute hinaus. »Was ist das,« rief er hinunter. Aber nur seine eigene Stimme widerhallte vom Walde her. Der Wald war in eine schauerliche Totenstille gehüllt. Plötzlich vernahm er, wie unten eine Männerstimme sprach: »Es ist nichts, schlafen Sie. Verzeihen Sie, daß ich Sie erschreckt habe. Ich pflege des Nachts öfters im Walde zu schießen, es macht mir Vergnügen, so den Schuß knallen und widerhallen zu hören. Der eine pfeift gern eine Melodie, um sich, wenn alles so still um ihn ist, zu zerstreuen. Ich schieße. Tragen Sie Sorgfalt, daß Sie sich nicht erkälten so am offenen Fenster. Die Nächte sind jetzt noch kühl. Gleich werden Sie wieder schießen hören und dann werden Sie sich wohl nicht mehr ängstigen. Ich erwarte noch meine Frau. Gute Nacht. Schlafen Sie wohl.« Simon legte sich wieder nieder. Dennoch fand er keinen Schlaf. Die Stimme des Mannes hatte ihm so merkwürdig geklungen, so ruhig, und das eben war das Eigentümliche. So eisig, eigentlich ganz gewöhnlich freundlich, aber eben darin lag das Eisige. Es mußte etwas dahinter stecken. Aber vielleicht kannte er nur dieses Mannes Gewohnheiten nicht. »Es gibt,« dachte er für sich, »heutzutage ja sonderbare Käuze genug. Das Leben ist ja so langweilig, das fördert das Anwachsen der Käuze. Man wird, ehe man es recht weiß, zum seltsamen Kauz. So mag auch dieser Agappaia gar nichts Wunderliches mehr in seinen Wunderlichkeiten sehen. Man nennt es einfach Sport und schlägt alle fremden Gedanken damitnieder. Immerhin, ich will jetzt versuchen, zu schlafen.« – aber es kamen andere Gedanken, die alle mit Nächten zu tun hatten. Er dachte an kleine Kinder, die nicht in dunkle Zimmer zu gehen wagen, die nicht einschlafen können im Dunkel. Die Eltern prägen den Kindern die fürchterliche Angst vor dem Dunkel ein und schicken dann zur Strafe die Unartigen in stille, schwarze Kammern. Da greift nun das Kind im Dunkel, im dicken Dunkel und stößt nur auf Dunkel. Des Kindes Angst und das Dunkel kommen ganz gut miteinander aus, aber nicht das Kind mit der Angst. Das Kind hat soviel Talent, Angst zu haben, daß die Angst immer größer wird. Sie bemächtigt sich des kleinen Kindes, denn sie ist etwas so Großes, Dickes, Schweratmendes; das Kind würde zum Beispiel gern schreien wollen, aber es wagt es nicht. Dieses Nicht-Wagen vergrößert noch seine Angst; denn etwas Furchtbares muß da sein, wenn man nicht einmal vor Angst Angstschreie ausstoßen darf. Das Kind glaubt, jemand horche im Dunkel. Wie schwermütig einen das macht, sich solch ein armes Kind vorzustellen. Wie die armen Öhrchen sich anstrengen, ein Geräusch zu erhorchen: nur den tausendsten Teil eines Geräuschleins. Nichts hören ist viel angstvoller als etwas hören, wenn man schon einmal im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchenundbeinahe das eigene Horchen hören. Das Kind hört nicht auf, zu hören. Manchmal horcht es, und manchmal hört es nur, denn das Kind weiß zu unterscheiden in seiner namenlosen Angst. Wenn man sagt: hören, so wird eigentlich etwas gehört, aber wenn man sagt: horchen, so horcht man vergeblich, man hört nichts, man möchte hören. Horchen ist Sache des Kindes, das in eine dunkle Kammer eingesperrt wird, zur Strafe für Unarten. Denke man sich jetzt, daß jemand herankäme, leise, fürchterlich leise. Nein, das liebernicht denken. Lieber das nicht denken. Derjenige, der das denkt, stirbt mit dem Kinde vor Schreck. So zarte Seelen haben Kinder, und solchen Seelen solche Schrecknisse zudenken! Eltern, Eltern, stecket nie eure unartigen Kinder in dunkle Kammern, wenn ihr sie vorher gelehrt habt, Angst vor dem sonst so lieben, lieben Dunkel zu empfinden. – –
Jetzt hatte Simon keine Angst mehr, es möchte noch in dieser Nacht etwas vorkommen. Er schlief ein, und als er am Morgen erwachte, sah er seinen Bruder ruhig neben sich im Bett schlafen. Er hätte ihn küssen mögen. Er zog sich, um den Schlafenden nicht zu wecken, so behutsam wie möglich an, öffnete leise die Türe und ging die Treppe hinunter. Auf der Treppe begegnete er Klara. Sie schien schon eine ganze Weile da gewartet zu haben. Simon hatte jedoch kaum guten Morgen gesagt, als ihn auch schon die Frau, die heftig bewegt schien, um den Hals faßte und an sich zog und voll Liebe küßte. »Ich will dich auch küssen, du bist ja sein Bruder,« sagte sie mit leiser, gepreßter, glückseliger Stimme.
»Er schläft noch,« sagte Simon. Es war seine Gewohnheit, Zärtlichkeiten, die nicht ihm galten, sanft abzuweisen. Diese Ruhe brachte ihre Seele erst recht in Bewegung. Sie ließ ihn nicht weitergehen, sondern schloß ihn fester an sich, indem sie seinen Kopf in ihre beiden Hände nahm und Küsse auf seine Stirne und auf seine Wangen drückte. »Ich habe dich so lieb wie einen Bruder. Du bist jetzt mein Bruder. Ich habe so wenig und so viel, siehst du! Ich habe gar nichts, ich habe alles gegeben. Wirst du mich meiden? Nein, nicht wahr, nein! Ich besitze dein Herz, ich weiß es. Ich bin reich mit einem solchen Vertrauten. Du liebst deinen Bruder, wie keiner ihn liebt. Mit so viel Stärkeund Willen. Erzähle mir von dir. Wie schön kommst du mir vor. Du bist ganz anders, als er. Man kann dich nicht beschreiben. Er sagte es auch, man könne dich kaum fassen. Und doch, wie vertrauensvoll wirft man sich dir entgegen. Küsse mich. Ich bin dein, in dem Sinne, wie dein Herz es will. Dein Herz ist das Schöne an dir. Sage nur nichts. Ich verstehe, daß man dich nicht versteht. Du verstehst alles. Du bist gut zu mir, sage, sage ja. Nein, sage nicht ja. Es ist nicht nötig, ist gar, gar nicht nötig. Deine Augen haben schon ja gesagt. Ich wußte es schon lange. Ich wußte schon lange, daß es solche Menschen gäbe, zwinge dich nur nicht zur Kälte. Schläft er? O nein, gehe noch nicht. Ich muß mich noch ein wenig zanken mit dir. Ich bin eine dumme, dumme, dumme Frau, nicht wahr.«
In diesem Tone würde sie fortgeredet haben, aber Simon wehrte ihr ab, ganz sanft, wie es seine Art war. Er sagte, er wolle einen Spaziergang machen. Sie sah ihm nach, wie er davonging, aber er bekümmerte sich nicht im geringsten um ihren Blick. »Ich diene ihr, wenn sie mich zu einem Dienst braucht; selbstverständlich!« sagte er zu sich. »Ich würde wahrscheinlich mein Leben hinwerfen für sie, wenn es ihr diente zu ihrem Wohlsein, es zu fordern; sehr wahrscheinlich! Ja, es ist ziemlich sicher, daß ich das täte, gerade für so eine. Sie hat so etwas Derartiges. Mit einem Wort: sie beherrscht mich natürlich, aber was ist da weiter zu grübeln. Ich habe an andere Sachen zu denken. Zum Beispiel heute morgen bin ich glücklich, ich spüre meine Glieder wie feine, geschmeidige Drähte. Wenn ich meine Glieder spüre, bin ich glücklich, und da denke ich an keinen Menschen auf der Welt, weder an ein Weib, noch an einen Mann, einfach an nichts. Ach, ist das schön hier imWald so am sonnigen Morgen. Ist das schön, frei zu sein. Mag jetzt eine Seele an mich denken, mag sie, oder mag sie nicht, jedenfalls denkt die meinige an gar nichts. Ein solcher Morgen weckt immer eine gewisse Brutalität in mir, aber das schadet nichts, im Gegenteil, ist die Grundlage zum selbstlosen Naturgenuß. Herrlich, herrlich. Wie das Gras in der Sonne blitzt. Wie der weiße Himmel um die Erde brennt. Es kann ja auch heute noch kommen, dieses Weichwerden. Wenn ich an jemand denke, dann tu ich es heftig. Aber köstlicher ist es, so wie ich jetzt bin. Lieblicher Morgen. Soll ich dir ein Lied singen. Ja, du bist selber ein Lied. Viel lieber möchte ich schreien und laufen wie der Teufel, oder Schüsse abknallen wie der dumme Teufel Agappaia.« –
Er warf sich auf die Matte nieder und träumte.
An diesem Morgen fuhren Kaspar und Klara in einem kleinen, farbigen Boot auf dem See. Der See war ganz ruhig wie ein glänzender, stiller Spiegel. Ab und zu kreuzten sie einen kleinen Dampfer, dann gab es für eine kurze Zeit breite, sanfte Wellen, und sie durchschnitten diese Wellen. Klara war in ein ganz schneeweißes Kleid gehüllt, die weiten Ärmel hingen an den schönen Armen und Händen träge herunter. Den Hut hatte sie abgenommen: die Haare hatte sie aufgelöst, ganz unabsichtlich, mit einer schönen Bewegung der Hand. Ihr Mund lächelte zu dem Munde des jungen Mannes hinüber. Sie wußte nichts zu sagen, sie mochte nichts sagen. »Wie schön das Wasser ist, es ist wie ein Himmel,« sagte sie. Ihre Stirne war heiter wie die Umgebung von See, Ufer und wolkenlosem Himmel. Das Blau des Himmels war von einem duftenden und schimmernden Weiß durchzogen. Das Weiß trübte ein wenig das Blau, verfeinerte es, machte es sehnsüchtiger und schwankender und milder. Die Sonne schien halb durch, wie Sonne in Träumen. Es lag eine Zaghaftigkeit in allem, die Luft fächelte ihnen um das Haar und das Gesicht, Kaspars Gesicht war ernst, doch ohne Sorgen. Er ruderte eine Weile stark, dann jedoch ließ er die Ruder fahren, das Schiff schaukelte ohne Führungweiter. Er bog sich nach der versinkenden Stadt um, sah die Türme und Dächer in der halben Sonne leicht glitzern, sah, wie die emsigen Menschen über die Brücken liefen. Die Karren und Wagen kamen nach, die elektrische Trambahn sprang mit ihrem eigenartigen Geräusch vorüber. Die Drähte sausten, die Peitschen knallten, Pfeifen hörte man und große schallende Klänge von irgend woher. Auf einmal tönten die Elfuhr-Glocken in all die Stille und in all das ferne, zitternde Geräusch hinein. Sie empfanden beide eine unaussprechliche Freude am Tag, am Morgen, an den Tönen und Farben. Es wurde alles zu einem Erfassen, zu einem Ton! Liebende, wie sie waren, hörten sie alles in einen einzigen Ton überschlagen. Ein Strauß von einfachen Blumen lag in Klaras Schoße. Kaspar hatte seinen Rock ausgezogen und ruderte wieder weiter. Da schlug es Mittag, und alle diese Arbeits- und Berufsmenschen liefen wie ein Haufen von Ameisen nach allen Straßenrichtungen auseinander. Es wimmelte auf der weißen Brücke von schwarzen, beweglichen Punkten. Und wenn man daran dachte, daß jeder dieser schwarzen Punkte einen Mund hatte, mit dem er jetzt das Mittagessen essen wollte, so mußte man unwillkürlich lachen. Wie so ein Bild des Lebens einzig sei, empfanden sie, und lachten dabei. Auch sie kehrten jetzt um, denn schließlich waren sie auch Menschen, die Hunger bekamen; und je näher sie dem Ufer kamen, desto größer wurden wieder die Ameisen; und dann stiegen sie aus und waren ebenfalls Punkte, wie die andern. Aber sie spazierten selig unter den hellgrünen Bäumen auf und ab. Viele Neugierige schauten sich nach dem seltsamen Paare um: der Frau in dem langen, nachschleppenden, weißen Gewande und dem Flegel von Burschen, der nicht mal eine ordentliche Hose trug, der so seltsam frech abstach von der Dame, die erbegleitete. So pflegen sich die Menschen zu empören und zu irren in ihren Mitmenschen. Auf einmal kam jemand auf Kaspar lebhaft zugeschritten. Es war in der Tat einer, der Grund hatte, ihn auf diese Weise zu begrüßen, nämlich Klaus, der seinen Bruder schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Hinter ihm kam die Schwester und ein anderer Herr, und nun begrüßte sich alles gegenseitig. Der fremde Herr hieß Sebastian.
Simon saß unterdessen, kaum tausend Schritte weit entfernt, in einer Speisehalle, einem kleinen Raum, vollgepfropft mit essenden Menschen. Hier pflegte allerhand Volk zu essen, das billig und schnell essen mußte. Simon liebte gerade diesen Ort, wo doch jede Bequemlichkeit und Eleganz durchaus fehlte. Auch hatte er ja mit dem Gelde zu rechnen. Das Speisehaus war von einer Gruppe von Frauen gegründet, die sich, alle zusammen gerechnet, Verein für Mäßigkeit und Volkswohl nannten. In der Tat, wer da hineinging, der mußte mit einem mäßigen und dünnen Essen zufrieden sein. Meistens waren auch alle zufrieden, wenn man die kleinen, bornierten Unzufriedenheiten abrechnet. Allen, die hier verkehrten, schien das Essen zu behagen, das aus einem Teller Suppe, einem Stück Brot, einer Portion Fleisch, dito Gemüse und einem winzigen und zierlichen Dessert bestand. Die Bedienung ließ nichts zu wünschen übrig, als ein wenig mehr Behendigkeit, aber im Grunde genommen war sie schnell genug in Anbetracht der zahlreichen hungrigen Esser. Jeder bekam sein Essen frühzeitig genug, auch wenn jeder eine kleine Ungeduld nach noch frühzeitigerem Verabreichen verspürte. Es war ein immerwährendes Essen-Austeilen, Essen-In-Empfangnehmen und Essen-Verschlingen. Mancher, der verschlungen hatte, mochte den Wunsch empfinden, nochnicht soweit zu sein, und sah neidisch auf solche, die zu erwarten hatten, was doch eigentlich ganz nett war hinunterzuschlingen. Warum aßen sie so schnell. Eine absurde Gewohnheit, so schnell sein Essen zu essen. Die Bedienung bestand aus ganz lieblichen Mädchen aus der ländlichen Umgebung der Stadt. Eine kurze Zeit waren diese Geschöpfe ziemlich unbeholfen, aber sie lernten es, abzuwehren und mit dem Ablehnen Zeit zu gewinnen, ganz dringende, brennende Wünsche zu befriedigen. Wo so viele Wünsche waren, mußte unter den Wünschen fein unterschieden und gewählt werden. Ab und zu kam eine der Erfinderinnen dieses Geschäftes, eine der Wohltäterinnen, und sah sich das Volk an, wie es aß. Eine solche Dame setzte ihre Lorgnette ans Auge und musterte das Essen und diejenigen, die es verzehrten.
Simon empfand eine Vorliebe für diese Damen und freute sich immer, wenn sie kamen, denn es kam ihm so vor, als besuchten diese lieben, gütigen Frauen einen Saal voll kleiner, armer Kinder, um zu sehen, wie diese sich an einem Festmahl ergötzten. »Ist denn das Volk nicht ein großes, armes, kleines Kind das bevormundet und überwacht werden muß?« rief es in ihm, »und ist es nicht besser, es wird überwacht von Frauen, die doch vornehme Damen sind und gütige Herzen haben, als von Tyrannen im alten, freilich heroischeren Sinn?« – Was aß nicht alles in der Eßstube, zu einer friedlichen Familie vereint! Studentinnen in erster Linie. Hatten Studentinnen Zeit und Geld, um im Hotel Continental zu essen? Und dann Dienstmänner in blauen, leichten Kitteln mit Stiefeln an den Beinen, großen, borstigen Schnurrbärten und ziemlich eckigen Mäulern im Gesicht. Was konnten sie dafür, daß sie eckige Mäuler hatten? Mancher im Hotel Royal hatte gewißauch ein eckiges Gebaren rund um den Schnurrbart herum. Freilich war dort das Eckige übertüncht mit einer Rundung, aber was hatte das wohl zu heißen? Auch Dienstmädchen ohne Stellung waren da, arme Schreiber, überhaupt Weggejagte, Brotlose, Heimatlose und auch solche, die nicht einmal eine Adresse besaßen. Ebenso verkehrten hier Frauen von schlechtem Lebenswandel, Weiber mit seltsamen Frisuren und blauen Gesichtern, dicken Händen und frechen aber verschämten Blicken. Alle diese Leute, allen voran natürlich die heiligen Betbrüder, die ebenfalls zu sehen waren, benahmen sich in der Regel schüchtern und zuvorkommend. Alle schauten allen ins Gesicht während des Essens; kein Wort wurde gesprochen, nur hin und wieder ein leises und höfliches. Das war der sichtbare Segen des Volkswohles und der Mäßigkeit. Etwas Drolliges, etwas Einfaches, etwas Gedrücktes und wiederum etwas Befreites lag auf den armseligen Menschen, in ihren Manieren, die bunt waren wie die Farben eines Sommervogels. Wie mancher benahm sich hier feiner als der Feinste sonst in vornehmen Häusern. Wer konnte wissen, wer er war, was er gewesen, vordem, ehe er ins Volksspeisezimmer gelangte. Würfelte denn nicht das Leben die Schicksale der Menschen heftig durcheinander wie mit einem Würfelbecher? Simon saß in einer kleinen Ecke, einer Art Erker, und aß Butter mit Honig, auf ein Stück Brot zusammengestrichen, und trank eine Tasse Kaffee dazu: »Was brauche ich mehr zu essen an einem so schönen Tage. Blickt nicht der blaue Frühsommerhimmel holdselig durch das Fenster auf mein goldnes Essen herab. Freilich ist mein Essen ein goldenes. Man erblicke nur den Honig: hat er nicht ein hellgelbes, süßgoldenes Aussehen? Dieses Gold fließt so angenehm auf dem kleinen, weißen Tellerchen herum, und wenn ich mitdem spitzen Messer davon absteche, so komme ich mir vor wie ein Goldgräber, der einen Schatz entdeckt hat. Das Weiß der Butter liegt entzückend daneben, dann folgt die braune Farbe des wohlschmeckenden Brotes, und über alles schön ist das Dunkelbraun des Kaffees in der zierlichen, sauberen Tasse. Gibt es ein Essen auf der Welt, das schöner und appetitlicher aussehen könnte? Und ich stille meinen Hunger damit ganz vortrefflich, und was brauche ich mehr, als meinen Hunger zu stillen, um sagen zu können: ich habe gegessen? Es soll Menschen geben, die sich aus dem Essen eine Kultur, eine Kunst machen; nun, kann ich das etwa nicht auch von mir sagen? Freilich! Nur ist meine Kunst eine bescheidene und meineKultureine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer und üppiger als jene das Viele und Nicht-Aufhören-Wollende. Ich ziehe außerdem nicht gern Mahlzeiten so sehr in die Länge, ich könnte sonst leicht den Appetit darnach verlieren. Mir liegt daran, immer und immer wieder Lust zum Essen zu verspüren, deshalb esse ich spärlich und fein. Außerdem habe ich noch etwas: eine pikante Unterhaltung mit immer neuen Menschen.«
Kaum hatte Simon dieses gemurmelt oder gedacht, als ein alter Mann in weißen Haaren sich auf den freien Platz zu ihm hinsetzte. Des alten Mannes Gesicht war von einer grauen, abgemagerten Blässe, die Nase tropfte, oder vielmehr, es hing ein großer Tropfen an seiner Nase, der nicht fallen konnte, der aber doch schwer zum Fallen war. Beständig glaubte man ihn herunterfallen sehen zu sollen. Aber der Tropfen hing immer noch. Der Mann bestellte sich einen Teller mit gesottenen Kartoffeln, sonst weiter nichts, und aß dieselben, indem er mit der Messerspitze sorgfältig Salz darauf streute, mit umständlichem Behagen. Aber vorher hatte er dieHände zusammengefaltet, um ein Gebet an seinen Herrgott zu verrichten. Simon erlaubte sich folgenden kleinen Spaß: er bestellte heimlich ein Stück Braten bei dem aufwartenden Mädchen und als das Bratenstück herankam, mußte er über des Mannes Staunen, als es ihm und keinem andern hingereicht wurde, herzlich lachen.
»Warum beten Sie, bevor sie essen,« fragte Simon einfach.
»Ich bete, weil ich dessen bedarf,« erwiderte der alte Mann.
»Dann freut es mich, Sie beten gesehen zu haben. Ich interessierte mich bloß, welches Gefühl Sie dazu könnte veranlaßt haben.«
»Man hat viele Gefühle dabei, mein junger Herr! Sie zum Beispiel beten gewiß nicht. Dazu haben junge Leute von heute keine Zeit und auch kein Verlangen mehr. Ich kann es begreifen. Wenn ich bete, so fahre ich bloß in meiner Gewohnheit fort, denn ich habe mir das angewöhnt und es hat mir Trost gespendet.«
»Waren Sie immer ein armer Mann?«
»Immer.« –
Indemder alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich sauberen, so doch armseligen Speiselokal die schöne Gestalt der Frau Klara. Sämtliche Hände, die eine Gabel, einen Löffel oder ein Messer, oder den Henkel einer Tasse festhielten, zögerten einen Augenblick, in ihrem Geschäft fortzufahren. Alle Mäuler sperrten sich auf, alle Augen hefteten sich fest auf eine Erscheinung, die so wenig geeignet schien, etwas in diesem Raume zu suchen zu haben. Sie war eine vollendete Dame und war es in diesem Moment noch viel mehr. Es war gerade, auch für Simons Augen und Sinne, als wenn sich aus einem offenen, flatternden Himmel ein Engel loslöse und nun zur Erde niederschwebe unddort irgend ein dunkles Loch aufsuche, um die Menschen, die dort wohnen, mit seinem bloßen seligen Anblick zu beglücken. So dachte sich Simon immer eine Wohltäterin, die hingeht, zu den Elenden und Armen, die nichts besitzen, als den zweideutigen Vorzug, von Moment zu Moment mit Sorgen wie mit Ruten gepeitscht zu werden. Klara benahm sich in dem Volkshause, ganz wie wenn es sich von selber ergäbe, als ein höheres, fernes, zugeflogenes Wesen aus anderen Grenzen, aus einer andern Schicht und Welt. Das war ja das Herrliche, Strahlende, das alle diese schüchternen Menschen veranlaßte, die Augen aufzureißen, mit dem Atem zu kämpfen und die Hände zu halten mit der andern Hand, daß das Messer nicht herausfiel vor heftigem Erbeben. Klaras Schönheit gab den Menschen urplötzlich mit Schmerz etwas zu denken. Es kam ihnen plötzlich allen in den Sinn, was es noch, außer rauher Arbeit und Kummer um das tägliche Brot, auf der Welt gäbe. Von dieser Art Gesundheit und völligen, üppigen, lächelnden Reizes hatten sie alle beinahe keine Vorstellung mehr, so sehr zerfloß ihnen das Leben in schwarzen, unsauberen Alltäglichkeiten, zerrieb sich in Sorgen, klammerte sich um Niedrigkeiten. Das alles fiel ihnen jetzt, wenn vielleicht nicht jedem so deutlich, mit Qualen ein; denn eine Qual ist es, eine Schönheit zu erblicken, an deren bloßem Duft man sich zu berauschen meint, die einen tötet, wenn der Gedanke sich dazu versteigt, mit ihrem Lächeln mitzulächeln. Deshalb machten sie unwillkürlich auch alle Grimassen, verzerrten ihre Gesichter zu der Frau hinauf, die sie alle überragte, da alle auf niederen Stühlen, an engen Plätzen festgeklemmt saßen, während sie, die Hohe, hoch aufrecht stand. Sie schien jemand zu suchen. Simon hielt sich still in seiner Ecke und lächelte die Umherblickende unverwandt an. Sie bemerkte ihn lange nicht,obschon der Raum verhältnismäßig klein war; denn es mochte sie anstrengen, ihre Augen an das zerwürfelte dunkle, vermischte Bild zu gewöhnen und Gestalten zu fixieren, die ihre Augen gewohnt waren, sonst überhaupt nicht zu beachten. Schon wollte sie sich, etwas unwillig geworden, wieder entfernen, als sie Simon mit einem Blick streifte und erkannte. »Also hier sitzen Sie, und noch dazu in solch eine Ecke gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit dergrößtenFreude neben ihn nieder, auf den Platz zwischen ihrem jungen Freunde und dem alten Mann, dessen Nase immer noch den großen glitzernden Tropfen trug. Der Greis schlief. Es war nicht gestattet, in solchen Lokalen zu schlafen, aber es war ein alltägliches Vorkommnis, daß alte Leute hier, nachdem sie gegessen hatten, einschliefen, aus einfacher, nicht mehr zu bezähmender Müdigkeit. Dieser Greis hatte vielleicht eine lange nutzlose Fußwanderung durch alle Straßen der Stadt hinter sich. Er mochte vielleicht um Arbeit nachgefragt haben, überall, wo ihn seine Gedanken nur leise hinweisen konnten. Immer müder geworden, hatte er es vielleicht trotzdem versucht, etwas an diesem Tag zu erreichen, hatte seine äußersten Kräfte angespannt, um einen Berg zu erklimmen, denn die Stadt liegt den Berg hinan, und war dort oben eben so schnell abgewiesen worden, als hier unten; zog wieder abwärts, den Tod im Herzen, mit zerbrochenen Kräften, bis hierher. Daß sich der Greis überhaupt vielleicht, wie man vermuten durfte, noch um Arbeit umgeschaut hatte, daß er noch den Willen hegte, zu arbeiten, er, der Greis, das nur zu denken hatte etwas Klägliches und Erschreckendes. Aber man konnte auf diesen Gedanken sehr wohl kommen. Dieser Greis hatte nirgends eine Heimat, als hier in diesem Lokal, aber auch hier nur auf Stunden, denn dann wurde das Lokal geschlossen. Deshalb vielleichtbetete er, um dem furchtbaren Ernst seiner Lage eine leise, besänftigende Melodie zu verschaffen. Deshalb sagte er: »Ich bedarf des Gebetes.« Also nichts weniger als Hang zur Frömmelei war es, sondern das überaus traurige Bedürfnis, eine Hand zu spüren, die ihn liebkosen möchte, eine Kinder- oder Tochterhand zu fühlen, die leise und trostvoll über seine arme, zerfaltete Stirne hinstrich. Vielleicht hatte der alte Mann Töchter gezeugt, – und nun er selber? Mit solchen Gedanken konnte sich leicht einer abgeben, der neben dem Alten saß und ihn so schlafen sah, den Kopf seltsam unbeweglich, die Hände den Kopf stützend. Klara sagte: »Ihr Bruder ist gekommen, Simon, in der Offiziersuniform, auch Ihre Schwester und dann noch ein Herr, mit Namen Sebastian.« Darauf bezahlte Simon, was er schuldig war, und sie gingen zusammen fort. Als sie fortgegangen waren, bemerkte eines der bedienenden Mädchen den schlafenden Mann, sie rüttelte und schüttelte ihn und sagte mit komischer Strenge: »Nicht schlafen da! Sie! Hören Sie nicht? Hier dürfen Sie nicht schlafen!« Da erwachte der alte Mann.
Es gab einen herrlichen Abend nach diesem Tag. Alle Welt lustwandelte am schönen Seeufer entlang, unter den breiten, großblättrigen Bäumen. Wenn man hier, unter so vielen aufgeräumten, leise plaudernden Menschen, spazierte, fühlte man sich in ein Märchen versetzt. Die Stadt loderte im Feuer der untergehenden Sonne und später brannte sie, schwarz und dunkel, in der Glut und Nachglut der Untergegangenen. Die Sonne im Sommer hat etwas Wundervolles und Hinreißendes. Der See glitzerte im Dunkel, und die vielen Lichter schimmerten in der Tiefe des stillen Wassers. Herrlich sahen die Brücken aus; und wenn man über die Brücken ging, so sah man unten im Wasser die kleinen, dunklenBoote vorbeischießen; Mädchen in hellen Kleidern saßen in den Nachen, oft auch erklang aus einem größeren, langsam und feierlich dahinschwebenden, flachen Boote der warme, zur Nacht stimmende Ton einer Handharfe. Der Ton verlor sich in Schwarz und tauchte wieder tönend heraus, hell und warm, dunkel und herzenergreifend. Wie weit klang das einfache Instrument, von irgend einem Schiffsmann gespielt! Die Nacht schien noch größer und tiefer dadurch zu werden. Aus der weiten Uferferne schimmerten die Lichter der ländlichen Ansiedelungen herüber, als wären sie blitzende, rötliche Steine im dunklen, schweren Gewand von Königinnen. Die ganze Erde schien zu duften und still zu liegen wie ein schlafendes Mädchen. Das große, dunkle Rund des nächtlichen Himmels breitete sich über alle Augen aus, über die Berge und die Lichter. Der See hatte etwas Raumloses bekommen und der Himmel etwas den See Umspannendes, Einschließendes und Überwölbendes. Ganze Gruppen von Menschen bildeten sich. Junge Leute schienen zu schwärmen, und auf allen Bänken saßen dichtgedrängt ruhende, stille Menschen. Auch an flatterhaften, stolz kokettierenden Frauen fehlte es nicht und auch nicht an Männern, die nur diese Frauen im Auge behielten, die hinter ihnen hergingen, immer etwas zögernd und dann wieder vorstürmend, bis sie schließlich den Mut oder das Wort fanden, ihre Damen anzusprechen. Manch einem wurde an diesem Abend der Kopf gewaschen, wie man sich auszudrücken pflegt.
Simon ging neben Klaus und war glücklich, seinem Bruder, der beständig fragte und fragte, durch treffende und einfache Antworten die Überzeugung beizubringen, daß er ein noch durchaus nicht verlorner Mensch sei. Er sprach mit einem gewissen Stolz und zugleich mit einem Tone der Demut vor dem reiferen Bruder, der nach manchenDingen doch wie ein ungeschultes Kind fragte, aber eine liebevolle Besorgnis an den Tag legte. Sie sprachen in schönen, langen, gewundenen Sätzen, ganz wie von selber, und Klaus freute sich über seines Bruders Einsicht in so manches, wo er zuerst angenommen hatte, daß Simon, seinen Verhältnissen gemäß, darüber spotten und lachen würde. »Ich habe dich lange nicht für so ernst gehalten, als wie du dich zeigst!« Simon antwortete: »Es ist nicht meine Gewohnheit, zu zeigen, daß ich Ehrfurcht vor vielen Dingen besitze. So etwas pflege ich für mich zu behalten, denn ich denke, was nützt es, eine ernste Miene aufzusetzen, wenn man vom Schicksal dazu bestimmt, ich meine, vielleicht dazu erwählt ist, den Narren zu spielen. Es gibt viele, viele Schicksale, und vor ihnen will ich in allererster Linie meinen Nacken beugen. Es bleibt nicht anderes zu tun übrig. Im übrigen soll mir einer kommen mit der Zumutung, verdutzt und mutlos den Kopf hängen zu lassen. Ich habe es schon Verschiedenen gesagt, wie es in dieser Beziehung mit meinem Inneren steht.« – Wenn Simon so sprach, redete er in fließenden Sätzen und mit richtiger Betonung, aber völlig ruhig und freundlich, so daß Klaus diese Aussprüche nicht als Weltgroll empfand, sondern als ein gewisses Suchen in seines jungen Bruders Seele nach Klarlegung seines eigenen Zustandes in Beziehung zur Welt. Er überzeugte sich davon, daß Simon tüchtige Eigenschaften besaß, aber er fürchtete ein bißchen, daß diese Eigenschaften nur oberflächlich, scheinbar nur spielend und lockend und tanzend ihn umgaben, während er wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der Rederedetesich solch eine Seele ja so leicht in eine Welt der Bravheit und schönen Tüchtigkeit hinein, um sich daran selber für Stunden zu berauschen, namentlich in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit.Dennochhatte Klaus Freude an seinem Bruder und sprach mit sichtlichem Vergnügen allerhand Schönes und Tröstendes zu ihm. Hinter ihnen, in einiger Entfernung, gingen, eng aneinander gedrängt, Klara und Kaspar. Der Maler war berauscht von der Schönheit und von der Musik der Nacht. Er phantasierte von Pferden, die durch nächtliche Gärten galoppierten, schöne, schlanke Reiterinnen tragend, deren Röcke am Boden mit den Hufen der Pferde spielten. Dann lachte er über alles mit einem frechen, unbändigen Lachen, über die Menschen, über die Landschaft, einfach über alles, was ihm vor das Auge kam. Klara versuchte gar nicht, ihn zu besänftigen, im Gegenteil, sie hatte Freude an dieser Ungebundenheit eines schönen Geistes. Wie liebte sie das Jugendliche, das Freche, ja sogar das Sich-Überhebende in dieser Knabennatur, die sich hinüberarbeitete zur Mannesnatur. Er mochte das Tollste schwatzen, das ihr wahrscheinlich aus dem Munde eines anderen würde lächerlich und blöde geklungen haben, aber an ihm liebte sie es. Was hatte dieser Mensch, daß sie ihn so ohne Bedingung schön finden mußte, in allen Lagen, in jeder Gebärde, im Benehmen, Tun, Lassen, Reden und Stillschweigen? Er schien ihr allen übrigen Menschen gewachsen, allen andern Männern überlegen zu sein, und er war kaum ein Mann. Sein Schritt, wie sollte sie sagen, hatte für sie etwas Läppisches und zugleich Gebietendes. Der ganze junge Mensch nicht die Spur des Aufgeregtseins und doch etwas Schüchternes, Dummes, Tief-Kindliches. So gelassen und so schnell in Flammen! Sie sah, wie seine Haare im Dunkel hell hervorleuchteten, jugendlich und wellenhaft. Dazu sein Schritt und das Tragen des Kopfes mit solchem bescheidenen, fragenden, sinnenden Stolz. Wie dieser Jüngling träumen mußte, wenn er an jemand dachte. Kaspar war stiller geworden. Sie sah ihnimmer an, immer! Hier, in dieser Nacht voll umherwandelnder Menschen war es schön, zum vergehen schön, ihn anzuschauen. Ihn anzuschauen, das fand sie schöner, als ihn küssen. Seinen Mund sah sie schmerzvoll geöffnet; gewiß dachte er weiter nichts, nein, gar keine Rede; es war eben nur die Stellung der Lippen, die den Eindruck des Schmerzlichen hervorrief. Seine Augen waren kalt und ruhig in die Ferne gerichtet, als wüßten sie dort Besseres zu sehen. Sie schienen zu sprechen: »Wir, wir sehen Schönes; quält euch doch nicht, ihr andern Menschenaugen, ihr werdet es ja doch nie sehen, was wir sehen!« Seine Augenbrauen bogen sich entzückend leicht und wie besorgt, als wenn sie Engel gewesen wären, über ihre Kinder, die Augen, die so aussahen und in die Welt blickten, als könnten sie jeden Augenblick verletzt werden. »Gewiß, eines jeden Menschen Auge ist leicht verletzbar, aber wenn ich seine betrachte, so tut es mir auf einmal so weh, so, als sähe ich sie schon von Splittern verletzt. Sie sind so groß, treten so weit hervor, scheinen sich um nichts zu kümmern, sind so achtlos und immer so groß geöffnet; wie leicht können sie verletzt werden!« jammerte sie. Sie wußte nicht einmal, ob er sie liebte, aber was machte das aus, sie, sie liebte ihn ja, das genügte, ja, das mußte so sein, sie war dem Weinen nahe. Da kamen Simon und Klaus zurückgegangen, um die andern aufzusuchen. Klara beherrschte sich, so gut sie konnte, nahm Simon beim Arm und ging mit ihm voraus. »Laß mich in deine Augen sehen, du hast so schöne Augen, Simon, Augen, in deren Anblick man liegt wie im Bett, wenn alles beruhigt ist und man betet,« sprach sie zu ihm.
Klaus und Kaspar gingen schweigend. Sie wollten einander nicht mehr verstehen, seit vor ein paar Jahrenein kleiner Zwist zwischen ihnen ausgebrochen war, und seither hatten sie sich nie mehr gesehen und auch nie geschrieben. Klaus nahm sich das sehr zu Herzen, während Kaspar es einfach als eine Art Notwendigkeit hingehen ließ. Er sagte sich, daß es ganz in der Ordnung der Dinge liege, einmal auch von einem Bruder nicht begriffen zu werden. Er mochte nicht den Kopf zurückwenden nach vergangenen Angelegenheiten, die er übrigens, eben weil sie vorüber waren, als für weiterer Gedanken nicht wert hielt. Seine Art war, geradeaus zu marschieren; er hielt das Zurückblicken auf alte Beziehungen für schädlich. Nun fing, da ihm das Schweigen Kaspar gegenüber unerträglich wurde, Klaus an, von der Kunst des Bruders zu sprechen und ermunterte ihn, doch einmal nach Italien zu gehen, um da die gehörige Reife als Künstler zu erlangen.
Kaspar rief aus: »Lieber will ich gleich vom Teufel geholt werden! Nach Italien! Warum nach Italien? Bin ich krank, und soll ich etwa gesund werden in dem Lande der Orangen und Pinien? Was brauche ich denn nach Italien zu gehen, wenn ich hier sein kann und es mir hier ganz gut gefällt? Könnte ich in Italien vielleicht Besseres tun, als malen, und kann ich etwa hier nicht malen? Du meinst, weil es so schön in Italien ist, müsse ich dahin gehen. Ist es denn etwa hier nicht schön genug? Kann es dort schöner sein, als hier, da, wo ich bin, wo ich schaffe, wo ich tausend Schönheiten sehe, die fortleben, wenn ich längst vermodert bin? Ist es möglich, nach Italien zu gehen, wenn man schaffen will? Sind in Italien die Schönheiten schöner als hier? Sie sind vielleicht nur anspruchsvoller, und eben deshalb will ich sie lieber gar nicht sehen. Wenn ich in sechzig Jahren so weit bin, eine Welle oder eine Wolke, einen Baum oder ein Feld malen zu können, so wollen wirsehen, ob es klug getan war, nicht in Italien gewesen zu sein. Kann mir etwas entgehen, diese Tempelsäulen, diese Allerweltsrathäuser, diese Brunnen und Bogen, diese Pinien und Lorbeerbäume, diese italienischen Trachten und Prachtbauten nicht gesehen zu haben? Muß man mit den Augen denn alles auffressen wollen? Ich könnte jedesmal außer mir geraten, wenn man mir zumutet, die Absicht zu haben, in Italien ein besserer Künstler zu werden. Italien, das ist unsere Falle, in die wir hineinpatschen, wenn wir turmhoch dumm sind. Kommen die Italiener zu uns, wenn sie malen oder dichten wollen? Was nützt es mir, wenn ich mich an vergangenen Kulturen berausche? Habe ich damit meinen Geist, wenn ich ehrlich mit mir abrechnen will, bereichert? Nein, ich habe ihn bloß verpfuscht und feige gemacht. Mag eine alte, untergegangene Kultur noch so herrlich gewesen sein, mag sie immerhin die unsrige an Stärke und Pracht überragen, so schnüffle ich deshalb noch lange nicht wie ein Maulwurf darin herum, sondern betrachte sie eben, wenn es angeht und es mir Spaß macht, aus Büchern, die mir zu jeder Zeit zu Diensten sind. So sehr schätzenswert ist übrigens das Verlorene und Vergangene niemals; denn ich erblicke rund um mich, in unserer oft als so unschön und unhold verschrieenen Gegenwart Bilder die Menge, die mich entzücken, und Schönheiten, beide Augen zum Überfließen voll. Ich könnte zornig werden und aus der Haut fahren bei dieser Italienraserei, die etwas seltsam Beschämendes für uns ist. Es kann sein, daß ich mich irre, aber keine zwanzig borstigen Teufel, und wenn sie die Luft neben mir verpesteten und ihre scheußlichen Gabeln schwenkten, brächten mich nach Italien.«
Klaus wurde betroffen und traurig über Kaspars Heftigkeit, die Dinge zu messen. So war er immer gewesen, und auf diese Art konnte es nicht vorauszusehensein, wie man in eine ersprießliche Verbindung mit ihm treten könnte. Er schwieg und reichte ihm die Hand; denn man war vor der Wohnung Klausens angekommen.
In seinem einförmigen Zimmer angekommen, sagte er sich: »So habe ich ihn nun zum zweiten Male verloren, durch eine ganz unschuldige, gutgemeinte, aber in der Tat etwas unvorsichtige Äußerung. Ich kenne ihn zu wenig, das ist alles, und ich werde ihn vielleicht nie kennen lernen. Unsere Lebensläufe sind zu verschieden. Aber vielleicht führt uns ein anderes Mal die Zukunft, die man ja nie ergründet, zusammen. Man muß warten und es ertragen, langsam ein reiferer, besserer Mensch zu werden.« Er kam sich so einsam vor und beschloß, bald wieder abzureisen, an seinen Wirkungsort zurück.
Sebastian war ein junger Poet, der seine Verse von einer kleinen Bühne herab dem Publikum vortrug. Er pflegte sich dabei durch sein Ungestüm immer ein wenig lächerlich zu machen. Er war in jungen Jahren seinen Eltern durchgebrannt, hatte mit sechzehn Jahren in Paris gelebt und war mit zwanzig zurückgekommen. Sein Vater war Musikdirektor in der kleinen Stadt, wo auch Hedwig, die Schwester der drei Brüder, zu Hause war. Dort trieb Sebastian ein merkwürdig tagediebisches Wesen, saß oder lag tagelang in einer hochgelegenen, verstaubten Kammer, ausgestreckt auf einem schmalen Bett, in dem er des Nachts schlief, ohne sich die Mühe zu nehmen, es für den Schlaf in Ordnung zu bringen. Seine Eltern hielten ihn für verloren und ließen ihn tun, was er wollte. Geld gaben sie ihm nicht, denn sie hielten es für unangebracht, mit Geldspenden den Ausschweifungen ihres Sohnes entgegenzukommen, denen sie ihn ausgesetzt wußten. Zu einem ernsthaften Studium war Sebastian nicht mehr zu bewegen; er trieb sich, irgend ein Buch unter dem Arm oder in der Tasche, auf den Bergen, in den Wäldern umher, kam oft mehrere Tage lang nicht nach Hause, übernachtete, wenn das Wetter nur einigermaßen es gestattete, in verfallenen, von keinem Menschen, nicht einmal von wilden und rauhen Hirten benutzten Hütten, auf Weiden, die dem Himmel näherlagen als irgend einer menschlichen Zivilisation. Er trug immer denselben zerschossenen Anzug aus hellgelbem Tuch, ließ sich den Bart wachsen, legte aber sonst sehr viel Wert darauf, angenehm und sauber zu erscheinen. Seine Fingernägel pflegte er mehr als seinen Verstand, den er einfach verwildern ließ. Er war schön, und da es bekannt war, daß er dichtete, so verbreitete sich um seine Person ein halb lächerlicher, halb wehmütiger Zauberschein, und es gab viele vernünftige Menschen in der Stadt, die den jungen Mann aufrichtig bemitleideten und sich seiner, wo sie nur konnten, aufs herzlichste annahmen. Man lud ihn, da er ein vortrefflicher Gesellschafter war, öfters zu Abendgeselligkeiten ein, und entschädigte ihn solchermaßen ein wenig dafür, daß ihm die Welt weiter keine Aufgaben stellte, die seinen Drang nach Betätigung hätten befriedigen können. Sebastian besaß in hohem Grade diesen Drang, aber er war zu sehr aus dem Geleise des allgemein gültigen und vorgeschriebenen Strebens hinausgekommen. Er strebte vielleicht zu wild, und nun, da er einsah, daß sein Streben ihm nichts half, mochte er gar nicht mehr streben. Er spielte seine eigenen Lieder, die er gedichtet hatte, auch auf der Laute und sang mit angenehmer, weicher Stimme dazu. Das einzige Unrecht, allerdings ein großes, das man ihm angetan hatte, bestand darin, daß man ihn, schon als Schulknaben, verhätschelte und ihm half, sich einzubilden, daß er so etwas wie ein genialer Bursche sei. Wie bohrte sich solch eine stolze Einbildung in das empfängliche Knabenherz hinein! Erwachsene Frauen bevorzugten den Umgang mit dem frühreifen, allesverstehenden Knaben, der ihnen einen unvergleichlichen Reiz einflößte, auf Kosten seiner eigenen menschlichen Entwicklung. Sebastian pflegte oft zu sagen: »Meine Glanzzeit liegt längst hinter mir.« Es war schrecklich, einen so jungenMann so sprechen zu hören. In der Tat, was er auch machte, bezweckte, einleitete und tat, er tat es mit müdem, kaltem, halbem Herzen, und so tat er eben nichts, er spielte bloß noch mit sich. Hedwig sagte einmal zu ihm: »Sebastian, hören Sie, ich glaube, Sie weinen oft über sich selber.« Er nickte mit dem Kopf und bestätigte es. Hedwig bemitleidete ihn und steckte ihm manchmal etwas an Geld oder dergleichen zu, um ihm das Leben etwas freundlicher zu machen. So nahm sie ihn auch diesmal auf die kleine Reise mit, zu ihren Brüdern. An dem Abend, an dem Klara so selig war, Klaus traurig und einsam, Simon glücklich, Kaspar aufgebracht und übermütig, wandelten die beiden, Hedwig und ihr Poet, langsam und stillschweigend, ebenfalls am Ufer entlang. Was konnte man sprechen; so schwieg man eben. Kaspar kam ihnen entgegen:
»Wie ich höre, arbeiten Sie an einem Gedicht, das den Inhalt Ihres Lebens widerspiegeln soll. Wie können Sie ein Leben wiedergeben wollen, wo Sie doch kaum eines erlebt haben. Sehen Sie sich einmal an: wie stark und jung Sie sind, und das will sich hinter den Schreibtisch verkriechen und in Versen sein Leben besingen. Machen Sie das, wenn Sie fünfzig alt sind. Ich finde es übrigens beschämend für einen jungen Mann, Verse zu verfertigen. Das ist keine Arbeit, sondern nur ein Schlupfwinkel für Müßiggänger. Ich wollte nichts sagen, wenn Ihr Leben fertig und abgeschlossen wäre durch irgend ein großes besänftigendes Erlebnis, das den Menschen berechtigt, Rückschau zu halten auf Fehler, Tugenden und Verirrungen. Sie aber scheinen noch nie gefehlt zu haben und scheinen auch noch nie eine gute Tat begangen zu haben. Dichten Sie erst, wenn Sie als Sünder oder als Engel dastehen. Dichten Sie lieber überhaupt gar nicht.« –
Kaspar hatte keine gute Meinung von Sebastian; deshalb machte er sich auch über ihn lustig. Für tragische Menschen fehlte ihm überhaupt jedes Verständnis, oder vielmehr, weil er sie zu leicht und zu gut verstand, achtete er sie nicht. Überdies befand er sich heute abend in einer diabolischen Laune.
Hedwig ergriff für den armen Beleidigten, der sich nicht wehren konnte, das Wort: »Das war nichts weniger als schön gesprochen von dir, Kaspar,« rief sie ihrem Bruder mit der Wärme, die ihr die Lust an der Verteidigung gab, zu, »und nichts weniger als klug. Es macht dir Freude, einen Menschen zu verletzen, den alle Menschen um seines Unglücks willen schonen und achten sollten. Lache, so viel du willst. Du bereust doch, was du gesagt hast. Kennte ich dich nicht so genau, so müßte ich dich für einen rohen Burschen halten, für einen Quäler. So gut man einen armen Menschen, einen Wehrlosen, peinigen kann, so gut kann man auch ein armes Tier quälen. Wehrlose reizen nur zu leicht in den Starken die Lust am Schmerzzufügen. Sei doch froh, wenn du dich stark fühlen kannst und laß Schwächere in Frieden. Es wirft einen schlechten Schein auf deine Stärke, wenn du sie mißbrauchst, um Schwache zu plagen. Warum genügt es dir nicht, auf festen Füßen zu stehen, mußt du deinen Fuß noch auf den Nacken von Schwankenden und Suchenden setzen, daß sie noch mehr irr an sich werden und hinab, ganz hinab taumeln in die Wellen des An-Sich-Selbst-Verzweifelns? Müssen denn Selbstvertrauen, Mut, Stärke und Zielbewußtheit immer die Sünde begehen, roh und mitleidlos und so taktlos gegen die andern zu verfahren, die ihnen doch gar nicht im Wege sind, die dastehen und begierig auf die Töne des Ruhmes, der Achtung und des Erfolges horchen, die andern gelten? Ist es edel und gut,eine sich sehnende Seele zu beleidigen? Dichter sind so leicht verletzbar; o man verletze nie die Dichter. Übrigens spreche ich jetzt gar nicht von dir, Kasparchen; denn was bist du denn schon so Großes in der Welt? Auch du bist vielleicht noch nichts und hast keine Ursache, Menschen zu verhöhnen, die ebenfalls noch nichts sind. Wenn du mit dem Schicksal ringst, so laß doch andere, so wie sie's eben verstehen, auch ringen. Ihr seid beide Ringende und bekämpft euch? Das ist sehr töricht und unklug. Es gibt für euch beide, durch allerhand Tücken und Verirrungen und Verheißungen und Mißerfolge in eurer Kunst Schmerzen genug, müßt ihr es da darauf abgesehen haben, euch noch mehr Schmerz zuzufügen? Ich würde in Wahrheit Bruder zu einem Dichter sein, wenn ich ein Maler wäre. Man blicke auch nie zu früh verächtlich auf einen Fehlenden oder scheinbar Trägen und Tatlosen hernieder. Wie schnell kann sich aus langen, dumpfen Träumen seine Sonne, seine Dichtung erheben! Nun dann: wie stehen dann die voreiligen Verächter da? Sebastian ringt ehrlich mit dem Leben, schon das sollte ein Grund zur Achtung und Liebe sein. Wie kann man sich über sein weiches Herz lustig machen? Schäm' dich nur, Kaspar, und gib mir nie wieder Anlaß, wenn du eine Spur von Liebe für deine Schwester hegst, mich so über dich zu ereifern. Ich tu es nicht gern. Ich schätze Sebastian, weil ich weiß, daß er den Mut hat, seine vielen Fehler einzugestehen. Übrigens, das ist alles geschwatzt und wieder geschwatzt, du kannst ja gehen, wenn es dir nicht paßt, mit uns zu gehen. Was machst du nun für ein Gesicht, Kaspar! Weil dir ein Mädchen, das den Vorzug genießt, deine Schwester sein zu dürfen, einen Vortrag hält, willst du böse sein? Nein, sei es nicht. Bitte. Und du darfst dich ja gewiß auch über den Dichter lustig machen. Warum nicht. Ich nahm es zu ernst vorhin. Vergib mir.« –
Ein feines, schüchternes, aber zärtliches Lächeln spielte im Dunkeln um Sebastians Lippen. Hedwig machte sich mit dem Bruder solange schmeichelnd zu schaffen, bis er wieder heiter wurde. Er gab dann eine komische Nachahmung ihrer schwungvollen Rede zum besten, daß alle drei in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Sebastian namentlich krümmte sich vor Lachen. Allmählich war unter den Bäumen alles still und leer geworden; die Menschen waren in ihre Häuser zurückgegangen, die Lichter träumten, aber es waren viele Lichter gelöscht worden, die Ferne glitzerte nicht mehr. Dort, auf dem ländlichen Boden, schien man die Lichter früher zu löschen; die fernen Berge lagen jetzt wie tote, schwarze Körper, aber noch gab es einzelne Menschenpaare, die nicht heim gingen, sondern die Absicht zu haben schienen, die ganze Nacht unter dem Himmel plaudernd und wachend zu verbringen.
Simon und Klara saßen, in stille, lange Gespräche versunken, auf einer Bank. Sie hatten sich so viel zu sagen, hätten eigentlich endlos plaudern mögen. Klara würde immer über Kaspar gesprochen haben und Simon immer über die, die neben ihm saß. Er hatte eine seltsame, freie, offene Manier, über Menschen zu reden, die gerade seine Gefährten waren, die neben ihm saßen oder standen und ihm zuhorchten. Es kam von selber, er fühlte immer für die am stärksten, die ihn zum Sprechen veranlaßten, und sprach infolgedessen über sie und nicht über Abwesende. Klara dachte nur an den Abwesenden. »Quält es dich nicht,« fragte sie, »daß wir nur über ihn sprechen?« »Nein,« erwiderte Simon, »seine Liebe ist die meine. Ich habe mich immer gefragt, wird nie einer von uns lieben? Ich betrachtete es immer als etwas Wundervolles, für das wir beide zuschlecht wären. Ich las viel in Büchern über Liebe, ich liebte immer die Liebenden. Schon als Schulknabe lag ich über solchen Büchern stundenlang gebeugt und bebte und zitterte und erschrak mit meinen Liebenden. Da war fast immer eine stolze Frau und ein noch unbeugsamerer Charakter von Mann, ein Arbeiter in der Bluse oder ein simpler Soldat. Die Frau war immer eine vornehme Dame. Für ein Liebespaar von einfachen Leuten hätte ich damals keinen Sinn gehabt. Meine Sinne wuchsen mit diesen Büchern auf und gingen darin unter, wenn ich das Buch schloß. Dann kam ich ins Leben und vergaß das alles. Ich biß mich in Freiheitsgedanken fest, aber ich träumte davon, eine Liebe zu erleben. Was nützt es mir, böse zu sein, daß die Liebe nun da ist und nicht mir gilt? Wie kindisch. Beinahe bin ich sogar froh, daß sie nicht mich will, sondern einen andern, ich möchte sie zuerst gesehen haben und sie erst dann erleben. Doch ich erlebe sie nie. Ich glaube, das Leben will anderes von mir, hat anderes mit mir vor. Es läßt mich alles lieben, was es nur an Erscheinungen mir zuwirft. Ich darf dich doch lieben, Klara, auf andere, vielleicht dümmere Weise. Ist es nicht dumm, daß ich so genau weiß, daß ich, wenn du es willst, sterben könnte für dich, sterben wollte? Kann ich nicht sterben für dich? Ich würde es ganz selbstverständlich finden. Ich lege keinen Wert auf mein Leben, nur Wert auf anderer ihr Leben, und trotzdem liebe ich das Leben, aber ich liebe es deshalb, weil ich hoffe, daß es mir Gelegenheit verschafft, es anständigerweise wegzuwerfen. Nicht wahr, das ist töricht gesprochen? Laß mich deine beiden Hände küssen, damit du die Empfindung hast, daß ich dir angehöre. Natürlich bin ich nicht dein und du wirst nie etwas von mir verlangen wollen, denn was könnte dir einfallen, von mir zuverlangen. Aber ich liebe Frauen von deinem Schlag, und einer Frau, die man liebt, macht man gerne ein Geschenk, und so schenke ich dir mich, weil ich kein besseres Geschenk weiß. Ich kann dir vielleicht nützlich sein, ich kann springen für dich mit diesen meinen Beinen, ich kann den Mund halten, wo du wünschen solltest, daß einer für dich schweigen möchte, ich kann lügen, wenn du in den Fall kommst, dich eines schamlosen Lügners bedienen zu müssen. Es gibt edle Fälle dieser Art. Ich kann dich tragen in meinen Armen, wenn du umfallen solltest, und ich kann dich über Pfützen heben, damit du deinen Fuß nicht beschmutzest. Sieh einmal meine Arme an. Kommen sie dir nicht vor, als höben, als trügen sie dich schon? Was würdest du lächeln, wenn ich dich trüge, und ich würde ebenfalls lächeln, denn ein Lächeln, wenn es kein unzartes ist, zwingt immer das andere hervor. Dieses Geschenk, das ich dir mache, ist ein bewegliches und ewiges; denn der Mensch, auch der simpelste, ist ewig. Ich werde dir noch angehören, wenn du längst nichts mehr bist, nicht einmal ein Stäubchen; denn das Geschenk überdauert immer den Beschenkten, damit es trauern kann, das es seinen Besitzer verloren hat. Ich bin zum Geschenk geboren, ich gehörte immer jemandem an, es verdroß mich, wenn ich einen Tag lang umherirrte und niemanden fand, dem ich mich anbieten konnte. Nun gehöre ich dir an, obgleich ich weiß, daß du dir wenig machst aus mir. Du bist gezwungen, dir wenig aus mir zu machen. Geschenke pflegt man bisweilen zu verachten. Ich zum Beispiel, wie verächtlich denke ich in meiner Seele von Geschenken. Ich hasse förmlich das Beschenktwerden. Deshalb will es auch das Schicksal, daß mich niemand liebt; denn gut und allsehend ist das Schicksal. Ich würde Liebe nicht ertragen können, denn ich kann Lieblosigkeit ertragen.Den darf man nicht lieben, der lieben will, sonst würde man ihn nur stören in seiner Andacht. Ich möchte nicht, daß du mich liebtest. Und sieh, daß du den andern liebst, macht mich so glücklich; denn nun, versteh mich, gibst du mir die Bahn frei, dich lieben zu dürfen. Ich liebe Gesichter, die sich von mir ab, einem andern Gegenstand zu wenden. Die Seele, die eine Malerin ist, liebt diesen Reiz. Ein Lächeln ist so schön, wenn es über eine Lippe geht, die man ahnt, nicht sieht. So wirst du mir gefallen. Glaubst du, daß du nicht nötig hättest, mir zu gefallen? Doch jetzt fällt es mir ein: Du brauchst mir nicht zu gefallen, du hast es wirklich nicht nötig; denn ich bin dir gegenüber keines Urteils fähig, höchstens einer Bitte; doch ich weiß nicht mehr, was ich rede.«
Klara weinte über seine Erklärung. Sie hatte ihn längst nahe zu sich herangezogen und befühlte mit ihren schönen Händen, die von der Nachtluft kühl geworden waren, seine brennenden Wangen. »Was du mir da sagtest, hättest du gar nicht zu sagen brauchen, ich wußte es ja doch, wußte es ja doch, wußte – es – ja – doch.« – Ihre Stimme nahm diejenige Zärtlichkeit an, die man anwendet, wenn man Tieren, denen man ein bißchen weh getan hat, wieder Liebe und Zutraulichkeit einflößen will. Sie war glücklich, und ihre Stimme lispelte in den langgezogenen und hohen Tönen der Freudigkeit. Ihr ganzer Körper schien mitzusprechen, als sie sagte: »Du tust so gut daran, mich zu lieben, jetzt, da ich lieben muß. Ich werde jetzt noch einmal so freudig lieben. Vielleicht werde ich einmal unglücklich sein, aber mit welcher Wonne werde ich unglücklich sein. Es macht uns Frauen nur einmal im Leben Freude, unglücklich zu sein, aber wir verstehen es, das Unglück auszukosten. Aber wie kann ich von Schmerzen zu dirsprechen. Sieh, es empört mich bereits, davon nur gesprochen zu haben. Wie kann ich es wagen, dich bei mir zu haben und nicht an mein Glück zu glauben? Du machst einen glauben, du machst, daß man glauben darf. Bleibe immer mein Freund. Du bist mein süßer Knabe. Deine Haare gleiten durch meine Hände, und dein Kopf voll so unergründlicher Gedanken der Freundschaft liegt mir im Schoße. Ich komme mir schön vor so; du machst mich das empfinden. Du mußt mich küssen. Auf meinen Mund mußt du mich küssen. Ich will eure Küsse vergleichen, Kaspars und deine. Ich will denken, daß er mich küßt, wenn du mich küssest. Ein Kuß ist doch etwas Wundervolles. Wenn du mich jetzt küssest, küßt mich eine Seele, kein Mund. Hat dir Kaspar gesagt, wie ich ihn geküßt habe und wie ich ihn bat, daß er mich küssen solle? Er muß anders küssen, er soll küssen lernen wie du, doch nein, warum sollte er küssen wie du? Er küßt so, daß ich ihn gleich wieder küssen muß, du küssest so, daß man sich noch einmal von dir küssen läßt, so, wie du es jetzt tust. Behalte mich lieb, sei immer so lieb, und küsse mich noch einmal, daß ich, wie du vorhin gesagt hast, die Empfindung habe, daß du mir angehörst. Ein Kuß macht das so verständlich. Wir Frauen wollen so belehrt werden. Du verstehst Frauen eigentlich sehr gut, Simon. Man sollte es dir nicht anmerken. Komm nun, wir wollen gehen!«
Sie erhoben sich, und als sie eine Weile gegangen waren, trafen sie auf die drei andern. Hedwig nahm Abschied von ihren Brüdern und Frau Klara. Sebastian begleitete das Mädchen. Als die beiden sich entfernt hatten, fragte Klara Kaspar leise: »Darfst du deine Schwester der Begleitung dieses Herrn anvertrauen?« Kaspar antwortete: »Würde ich es tun lassen, wenn ich es nicht ruhig dürfte?«
Als sie nach Hause kamen, hörten sie im Wald einen Schuß fallen. »Er schießt wieder,« sagte leise Klara. »Was will er mit seinem Schießen?« fragte Kaspar, und Simon kam lachend mit der raschen Antwort zuvor: »Er schießt, weil es ihm noch sonderbar vorkommt. Es liegt noch bis jetzt eine Art Idee dahinter. Wann es aufgehört hat, interessant zu sein, wird er es schon bleiben lassen.« Schon hörte man wieder einen Schuß. Klara runzelte die Stirn und seufzte, und versuchte dann, die Ahnungen, die sie hatte, in einem Lachen zu ersticken. Aber es war ein grelles Lachen, und die Brüder erbebten auf einen Augenblick.
»Du benimmst dich seltsam,« sagte Agappaia, der plötzlich unter der Haustüre erschien, eben, als sie eintreten wollten, zu seiner Frau. Diese schwieg, als hätte sie nichts gehört. Dann legten sie sich alle schlafen.
Noch in derselben Nacht schrieb Klara, die keinen Schlaf fand, an Hedwig:
»Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben. Ich kann nicht schlafen, finde keine Ruhe. Ich sitze hier, halb ausgezogen, vor meinem Schreibtisch, und bin gezwungen, so hin und her zu träumen. Es deucht mich, daß ich an alle Menschen Briefe schreiben könnte, an jeden beliebigen Unbekannten, an jedes Herz; denn alle Menschenherzen zittern für mich vor Wärme. Heute, als Sie mir die Hand reichten, sahen Sie mich so lange an, fragend, und mit einer gewissen Strenge, als wüßten Sie bereits, wie es mit mir steht, als fänden Sie, daß es schlimm mit mir stehe. Sollte es in Ihren Augen schlimm mit mir stehen? Nein, ich glaube nicht, daß Sie mich verdammen, wenn Sie alles wissen werden. Sie sind so ein Mädchen, vor dem man keine Geheimnisse haben mag, dem man alles sagen will, und ich will Ihnen alles sagen, damitSie alles wissen, damit Sie mich lieben können; denn Sie werden mich lieb haben, wenn Sie mich kennen, und ich begehre darnach, von Ihnen geliebt zu werden. Ich träume davon, alle schönen und klugen Mädchen um mich geschart zu sehen, als Freundinnen und Beraterinnen und auch als meine Schülerinnen. Sie wollen, hat mir Kaspar gesagt, Lehrerin werden und sich der Erziehung der kleinen Kinder opfern. Ich möchte auch Lehrerin werden, denn Frauen sind zu Erzieherinnen wie geboren. Sie wollen etwas werden, wollen etwas sein: das paßt zu Ihnen, das entspricht dem Bilde, das ich mir von Ihnen mache. Er entspricht auch der Zeit, in der wir leben, und der Welt, die ein Kind dieser Zeit ist. Das ist schön von Ihnen, und wenn ich ein Kind hätte, würde ich es zu Ihnen in die Schule schicken, würde es ganz Ihnen überlassen, so daß es sich daran gewöhnen müßte, Sie als eine Mutter zu verehren und zu lieben. Wie werden die Kinder zu Ihnen emporblicken, um zu sehen, an Ihren Augen, ob Sie strenge blicken oder gütig. Wie werden sie jammern in ihren kleinen, blühenden Herzen, wenn sie Sie mit Sorgen im Gesicht in die Stunde kommen sehen; denn Kindern ist Ihre Seele verständlich. Sie werden nicht lange mit unartigen Kindern zu tun haben; denn ich denke mir, selbst die unartigsten und verzogensten unter ihnen werden sich in kurzer Zeit ihrer Unarten vor Ihnen schämen und es bereuen, Ihnen Schmerz eingeflößt zu haben. Ihnen gehorchen, Hedwig, wie muß das süß sein. Ich möchte Ihnen gehorchen, möchte ein Kind werden und die Lust empfinden, Ihnen folgsam sein zu dürfen. Sie wollen in ein kleines, stilles Dorf ziehen! Um so schöner. Dann werden Sie Dorfkinder zu unterrichten haben, die noch besser zu erziehen sind als die Kinder der Städte. Aber Sie würden auch in der Stadt Erfolge erzielen. Siesehnen sich nach dem Lande, nach den niederen Häusern, nach den Gärtchen vor den Häusern, nach den Menschengesichtern, die man dort sieht, nach dem Fluß, der vorbeirauscht, nach dem einsamen, entzückenden Seeufer, nach den Pflanzen, die man im stillen Walde sucht und findet, nach den Tieren auf dem Lande, nach der Welt auf dem Lande. Sie werden alles finden; denn Sie passen dahin. Man paßt dahin, wohin man sich sehnt. Gewiß finden Sie dort eines Tages die Antwort auf die Frage, wie man es zu machen habe, daß man glücklich sei. Sie sind jetzt schon glücklich, und ich fühle wohl, wie gern ich Ihre Munterkeit besitzen möchte. Wenn man Sie sieht, möchte man glauben, daß man Sie schon längst gekannt hätte und daß man auch wüßte, wie Ihre Mutter aussieht. Andere Mädchen findet man hübsch, ja schön, aber von Ihnen möchte man gekannt und geliebt sein, sowie man Sie nur ansieht. Sie haben etwas Lockendes, beinahe Großmütterliches in Ihrem jungen, hellen Gesicht; vielleicht ist das das Ländliche, was Sie an sich haben. Ihre Mutter war Bäuerin? Sie muß eine schöne, liebe Bäuerin gewesen sein. Sie hat viel gelitten in der Stadt, sagte mir einmal Kaspar; das glaube ich; denn ich meine sie vor mir sehen zu sollen, diese Ihre Mutter. Sie soll sich stolz betragen haben und darunter gelitten haben. Freilich; denn in der Stadt darf sich ein Mensch nicht so stolz betragen wie auf dem Lande, wo sich eine Frau leicht als freie Herrin vorkommt. Ich möchte Ihnen ein bißchen damit gefallen daß ich von Ihrer Mutter spreche, die Sie, als die Arme gebrochen und krank war, gepflegt und besorgt haben. Ich habe auch ein Bild Ihrer Mutter gesehen und verehre und liebe sie, wenn Sie mir erlauben, das zu tun. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich es dann noch viel inniger tun. Könnte ich sie sehen, könnte ichihr zu Füßen fallen und ihre Hand nehmen und meine Lippen darauf pressen. Wie wohl würde mir das tun. Es gliche einem einstweiligen, teilweisen, armen Schuldenbezahlen; denn ich bin ihre Schuldnerin und auch Ihre, Hedwig. Ihr Bruder Kaspar wird oft lieblos und rauh zu Ihnen gewesen sein; denn junge Männer müssen oft hart zu denen sein, von denen sie am meisten geliebt werden, um sich eine Bahn in die offene Welt zu brechen. Ich begreife, daß ein Künstler oft Liebe als etwas ihn Hemmendes abschütteln muß. Sie haben ihn als ganz jung gesehen, als einen Schulknaben, der zur Schule gegangen ist, haben ihm seine Unarten vorgehalten, haben sich mit ihm gestritten, haben ihn bemitleidet und beneidet, beschützt und gewarnt, ausgescholten und gelobt, haben mit ihm seine ersten, erwachenden Empfindungen geteilt und ihm gesagt, daß es schön sei, Empfindungen zu hegen; haben sich von ihm zurückgezogen, als Sie merkten, daß er anderes, als Sie, im Sinne trug; haben ihn gehen und machen lassen und gehofft, daß er gedeihen möchte und nicht fallen möchte. Sie sehnten sich, als er fort war, nach ihm und flogen ihm an den Hals, als er eines Tages zurückkehrte, und fingen auch schon wieder an, ihn in Ihre Obhut zu nehmen; denn er ist solch ein Mensch, daß er der Obhut zu bedürfen, beständig zu bedürfen scheint. Ich danke Ihnen. Ich habe nicht Atem genug, nicht Herz genug und kein Wort, um Ihnen zu danken. Und ich weiß nicht, ob ich Ihnen danken darf. Vielleicht wollen Sie nichts von mir wissen. Ich bin eine Sünderin, aber vielleicht verdienen Sünderinnen, daß man ihnen gestattet, zu lernen, was man zu tun hat, um demütig zu erscheinen. Ich bin demütig, nicht geknickt, nicht etwa gebrochen, aber voll flammender, bittender, flehender Demut. Ich will mit Demut gut machen, was ich mit Liebe verbrochen habe. Wenn SieWert darauf legen, eine Schwester zu haben, die froh ist, Ihre Schwester zu sein, so gehorche ich Ihnen. Wissen Sie, was Ihr Bruder Simon mir gegeben hat? Sich selbst hat er mir geschenkt, er hat sich weggeworfen an mich, und ich möchte mich wegwerfen an Sie. Aber, Hedwig, wegwerfen kann man sich an Sie nicht. Das hieße ja: Ihnen wenig geben zu wollen. Doch ich bin viel, seit ich Kaspar umarmt habe. Ich fange an, mich zu brüsten und stolz reden, das will ich nicht. Ich will jetzt versuchen, ob ich schlafen kann. Der Wald schläft ja auch, warum müssen Menschen nicht schlafen können. Doch ich weiß, daß ich jetzt schlafen kann!« – Während die Frau den Brief schrieb, saßen Simon und Kaspar bei der Lampe, die sie angezündet hatten. Sie hatten noch keine Lust, sich zu Bett zu legen und sprachen noch miteinander. Kaspar sagte: »Seit den letzten Tagen male ich überhaupt nicht mehr, und ich werde, wenn das so weiter geht, meine ganze Kunst an den Nagel hängen und Bauer werden. Warum nicht? Muß es denn gerade die Kunst sein? Könnte man denn nicht anders leben? Vielleicht ist es nur eine Angewohnheit, daß man sich einbildet, um alles willen künstlerisch zu arbeiten. Ja, vielleicht nach zehn Jahren wieder damit beginnen! Man würde alles anders ansehen, viel einfacher, viel weniger phantastisch, und das könnte nicht schaden. Man müßte den Mut und das Vertrauen besitzen. Das Leben ist kurz, wenn man mißtraut, aber lang, wenn man vertraut. Was kann einem entgehen? Ich fühle, daß ich von Tag zu Tag träger werde. Sollte ich mich da aufraffen und wie ein Schulbub mich zwingen, meine Pflicht zu erfüllen? Habe ich der Kunst gegenüber irgend eine Pflicht zu erfüllen? Das ließe sich so oder so umwenden, man könnte es drehen, wie es einem gerade behagte. Bilder malen!Das kommt mir jetzt so stupide vor, ist mir so gleichgültig. Man muß sich gehen lassen. Ob ich hundert Landschaften male oder zwei, ist das nicht ganz gleichgültig? Es kann einer immer malen und bleibt doch ein Stümper, dem es nie einfällt, seinen Bildern einen Hauch von seinen Erfahrungen einzugeben, weil er keine Erfahrungen gemacht hat, so lange er lebte. Wenn ich erfahrener sein werde, werde ich auch den Pinsel geistvoller und gedankenvoller führen, und dieses ist mir nicht gleichgültig. Was kommt's auf die Anzahl an. Und trotzdem: irgend ein Gefühl sagt mir, daß es nicht gut ist, auch nur einen Tag lang außer Übung zu bleiben. Das ist die Faulheit, die verdammte Faulheit!« – – –
Er sprach nicht weiter; denn in diesem Augenblick tönte durch die Wände ein langer, furchtbarer Schrei. Simon ergriff die Lampe und beide stürzten die Treppe hinunter, in das Gemach, wo sie wußten, daß sie schlief. Den Schrei hatte Klara ausgestoßen. Agappaia war auch herbeigesprungen, und sie fanden die Frau ausgestreckt am Boden liegen. Sie hatte sich, wie es schien, ausziehen wollen, um zu Bett zu gehen, und war, von einem heftigen Anfall gepackt, umgefallen. Ihre Haare waren aufgelöst und die herrlichen Arme zuckten fieberisch am Boden. Ihre Brust hob und senkte sich stürmisch, während ein verwirrtes Lächeln um ihren Mund flog, der weit geöffnet war. Alle drei Männer bogen sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis dieZuckungenallmählich sich verloren. Weh hatte sie sich beim Umfallen nicht getan, was leicht hätte geschehen können. Man hob die Bewußtlose auf und legte sie, halb angekleidet, wie sie war, auf ihr Bett, das säuberlich abgedeckt war. Sie wurde ruhiger, als man ihr das Korsett öffnete. Sie atmete erleichtert auf und schien jetzt zuschlafen. Und immer schöner lächelte sie und fing an zu schwärmen in Lispeltönen, die wie Glocken aus weiter Ferne daherklangen, scharf, und doch kaum vernehmbar. Man horchte gespannt und beratschlagte, ob es einen Zweck hätte, aus der Stadt einen Arzt heraufzuholen. »Bleiben Sie doch noch,« sagte Agappaia ruhig zu Simon, der sogleich sich auf den Weg machen wollte, »es wird vorübergehen. Es ist nicht das erste Mal.« Sie saßen und horchten weiter und sahen einander bedeutend an. Aus Klaras Munde war nicht viel zu verstehen, als etwa kurze, abgerissene, halb gesungene, halb gesprochene Sätze: »Im Wasser, nein, sieh doch, tief, tief. Das hat lange gebraucht, lange, lange. Und du weinst nicht. Wenn du wüßtest. Es ist so schwarz und so schlammig um mich herum. Aber sieh doch. Ein Veilchen wächst mir zum Munde heraus. Es singt. Hörst du? Hörst du's? Man sollte meinen ich wäre ertrunken. So schön, so schön. Gibt es nicht ein Liedlein darauf? Die Klara! Wo ist sie nun? Such sie, such sie doch. Aber du müßtest ins Wasser gehen. Hu, schauert dich, nicht wahr? Schauert mich gar nicht mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fischeschwimmen. Ich bin ganz still, ich mache gar nichts mehr. Sei doch lieb, sei gut. Du blickst böse. Die Klara liegt da, da. Siehst du, siehst du? Ich hätte dir noch etwas sagen wollen, aber ich bin froh. Was hätte ich dir sagen wollen? Weißt es nicht mehr. Hörst du mich klingen? Mein Veilchen ist es, das klingelt. Ein Glöckchen. Das habe ich immer gewußt. Sage es nur nicht. Ich höre ja nichts mehr. Bitte, bitte« – –
»Gehen Sie nur zu Bett. Wenn es schlimmer wird, werde ich Sie wecken,« sagte Agappaia.
Es wurde nicht schlimm. Am andern Morgen war Klara wieder munter und wußte nichts davon, was mitihr geschehen war. Sie hatte etwas Kopfschmerzen, das war alles.
Klara fühlte sich himmlisch. Sie saß in einem dunkelblauen Morgengewand, das in edlen Falten frei an ihrem Leibe herunterfloß, auf dem Balkon, der eine Aussicht auf Tannen gewährte, die an diesem Morgen, wo ein leiser Windzug daherwehte, sich sanft in ihren Spitzen hin und herbogen. Der Wald ist doch herrlich, dachte sie und beugte sich, über das zierlich gearbeitete Geländer gelehnt, mehr nach ihm zu, um seinen Duft näher zu haben. »Wie er daliegt, der Wald, als schlummerte er schon jetzt der Nacht entgegen. Am Tag, mitten im Sonnenschein, geht man in einen Wald, wie in einen Abend hinein, wo die Geräusche schärfer und leiser sind und die Düfte feuchter und empfindsamer, wo man ruhen kann und beten. Im Wald betet man unwillkürlich, und es ist auch der einzige Ort in der Welt, wo Gott nahe ist; Gott scheint die Wälder erschaffen zu haben, daß man wie in heiligen Tempeln darin bete; der eine betet nun so, der andere so, aber alle beten. Wenn man unter einer Tanne liegt und ein Buch liest, so betet man da, wenn Beten dasselbe ist wie das Verlorensein in Gedanken. Mag Gott immer sein, wo er sein mag, im Wald ahnt man ihn und gibt ihm das bißchen Glauben mit stillem Entzücken hin. Gott will nicht, daß man so sehr an ihn glaubt, er will, daß man ihn vergißt, es freut ihn sogar, wenn er geschmäht wird; denn er ist über alle Begriffe gütig und groß; Gott ist das Nachgiebigste was es im Weltraum gibt. Er besteht auf nichts, will nichts, bedarf nichts. Etwas wollen, das mag für uns Menschen sein, aber für ihn ist das nichts. Für ihn ist nichts. Er ist froh, wenn man ihn anbetet. O dieser Gott ist entzückt und weiß sich vor Seligkeit nicht zu fassen, wennich jetzt hingehe und ihm danke, nur ein bißchen, wenn auch ganz oberflächlich, danke. Gott ist so dankbar. Ich möchte wissen, wer dankbarer wäre. Er hat uns alles gegeben, der Unvorsichtige, Gütige, und nun ist er so, daß er froh sein muß, wenn seine Geschöpfe seiner ein wenig gedenken. Das ist das Einzige an unserem Gott, daß er nur dann Gott sein will, wenn es uns gefällt, ihn als unseren Gott zu erhöhen. Wer lehrt mehr Bescheidenheit als Er? Wer ist ahnungsvoller und stiller? Vielleicht hat Gott auch nur Ahnungen über uns, so wie wir über ihn, und ich spreche zum Beispiel hier bloß meine Ahnungen aus über ihn. Ahnt er auch, daß ich jetzt hier auf dem Balkon sitze und seinen Wald wundervoll finde? Wüßte er doch, wie schön sein Wald ist. Aber ich glaube, Gott hat seine Schöpfung vergessen, nicht etwa aus Gram, denn wie könnte er des Grames fähig sein, nein, er hat einfach vergessen, oder es scheint wenigstens, daß er uns vergessen hat. Man kann alles empfinden über Gott; denn er läßt alle Gedanken zu. Aber man verliert ihn leicht, wenn man über ihn denkt, deshalb betet man zu ihm. Großer Gott, führe uns nicht in Versuchung. So habe ich als Kind gebetet, wenn ich im Bettchen lag, und ich habe mich immer über mich gefreut, wenn ich gebetet habe. Wie bin ich heute glücklich und froh; alles an mir ist ein Lächeln, ein seliges Lächeln. Das ganze Herz lächelt, die Luft ist so frisch, ich glaube, es ist Sonntag heute, da werden die Leute aus der Stadt kommen und im Wald spazieren, und ich werde mir irgend ein Kind aussuchen, es mir von seinen Eltern auf eine kleine Weile erbitten, und mit ihm spielen. Wie ich so dasitzen kann und Freude empfinden kann um mein bloßes Dasein, Dasitzen, Mich-über-das-Geländer-lehnen! Wie ich mir schön vorkomme so. Fast könnte ich Kaspar vergessen, alles vergessen. Ich begreifejetzt nicht, wie ich jemals über etwas weinen, wie mich jemals etwas erschüttern konnte. Wie unerschütterlich ist der Wald und doch so biegsam, warm, lebendig und süß. Welch ein Atmen aus den Tannen, welch ein Rauschen! Das Rauschen der Bäume macht jede Musik überflüssig. Überhaupt, nur in der Nacht möchte ich Musik hören, aber am Morgen nie, denn der Morgen ist mir zu heilig dafür. Wie merkwürdig frisch ich mich fühle. Wie geheimnisvoll das ist, sich schlafen legen, nein, zuerst müde sein, dann sich schlafen legen, und dann erwachen und sich wie neugeboren fühlen. Jeder Tag ist ein Geburtstag für uns. Wie wenn man in ein Bad stiege, so steigt man aus den Schleiern der Nacht in die Wellen des blauen Tages. Nun wird bald die Glut des Mittags kommen, bis wieder die Sonne sehnsüchtig versinkt. Welche Sehnsucht, welches Wunder vom Abend zum Morgen, vom Mittag zu Abend, von der Nacht zum Morgen. Alles würde man wundervoll finden, wenn man alles empfände, denn es kann ja nicht eines wundervoll sein und das andere nicht. Ich glaube, ich muß gestern krank gewesen sein, und man sagt es mir nur nicht. Wie schön und unschuldig noch immer meine Hände aussehen. Wenn sie Augen hätten, so würde ich ihnen einen Spiegel entgegenhalten, damit sie sähen, wie schön sie sind. Der kann glücklich sein, den ich liebkose mit meinen Händen. Was für seltsame Gedanken ich doch habe. Wenn Kaspar jetzt käme, müßte ich weinen, mich so sehen zu lassen. Ich habe nicht an ihn gedacht, und er würde es fühlen, daß ich nicht an ihn gedacht habe. Wie elend mich das auf einmal macht, zu denken, daß ich ihn vernachlässigt habe. Bin ich denn seine Sklavin? Was geht er mich an?«
Sie weinte. Da kam Kaspar: »Was fehlt dir, Klara?«
»Nichts! Was sollte mir fehlen? Du bist ja da. Du hattest mir gefehlt. Ich bin glücklich, aber ich leide es nicht, daß ich allein glücklich bin, ohne dich. Deshalb weinte ich. Komm, komm,« und sie preßte ihn fest an sich.