Eine Indianergeschichte gestaltet von Slevogt
Dem hochverehrten, feinen ProfessorWalther Otto
MeinJunge trägt einen Indianerschmuck in den Haaren, grüne, gelbe, blaue, lila und rote Federn, und um seine Lenden einen Gurt aus Vogelbeeren und harten Muscheln. Aber er weiß nichts von den Menschen in Wild-West. Ich kaufe ihm aus Furcht, er könne eines Tages nach drüben durchbrennen, keine Indianergeschichten. Der kupferrote Gott ist der Fanatismus der Knaben. Seine Legenden sind gefährlich, sie kommen über einen, ihre Bilder machen Mut, stählern. Grüngelbblaulilarot! Meine Brüder machten sich in nächtlicher Frühe mit ihren Freunden auf und davon — der Skalpgott rief sie aus dem Elternhaus. Sie hatten sich schon Wochen vorher für ihr Sonntagsgeld Pfeifchen, Tabak, Zigarren und dergleichen mehr für den Tausch am Lande besorgt. Manche von ihnen stahlen ihren Schwestern Ohrringe, Broschen, Ketten für die Häuptlingsfrauen und Indianermädchen. Aber die Reise ging nur bis Bremen, die strafenden Väter ließen die Durchbrenner grausam wieder in die Heimat transportieren. Mein Vater jedoch war im Grunde seines Herzens stolz darauf; er ließ meinen Brüdern im Garten ein Indianerzelt aufschlagen, kaufte Speere und andere Mordwaffen und Gürtel,deren Skalpflachshaare fast bis zur Erde reichten ... Es ist schon lange, lange her, ich habe seit Indianerjahren kein Indianerbuch mehr aufgeschlagen. Nun liegt ein großes in den Farben der Kupferhaut auf meinem Schoß. Slevogt hat gezaubert, als er die Gestalten des Werkes erschuf nächtlich auf weißer Prärie; seine schwarze Feder zeichnete kupferrotes Leben. Ich muß die wilden Wildwestmenschen festhalten, sie laufen, galoppieren meinen Blick entlang, über meine Hände hinweg in die Freiheit. Tänze, Kämpfe, Ritte führen sie auf, ich vernehme Pferdegetrampel, höre Kriegsrufe, werde eingehüllt vom aufwirbelnden Nebel flüchtender, feindlicher Stämme. Mich ergreift die Sehnsucht meiner Brüder.
Ich wollte ein Schmerzen rege sichUnd stürze mich grausam niederUnd riß mich je an mich!Und es lege eine SchöpferlustMich wieder in meine HeimatUnter der Mutterbrust.
Ich wollte ein Schmerzen rege sichUnd stürze mich grausam niederUnd riß mich je an mich!Und es lege eine SchöpferlustMich wieder in meine HeimatUnter der Mutterbrust.
Ich wollte ein Schmerzen rege sichUnd stürze mich grausam niederUnd riß mich je an mich!Und es lege eine SchöpferlustMich wieder in meine HeimatUnter der Mutterbrust.
Ich wollte ein Schmerzen rege sichUnd stürze mich grausam niederUnd riß mich je an mich!Und es lege eine SchöpferlustMich wieder in meine HeimatUnter der Mutterbrust.
Ich wollte ein Schmerzen rege sich
Und stürze mich grausam nieder
Und riß mich je an mich!
Und es lege eine Schöpferlust
Mich wieder in meine Heimat
Unter der Mutterbrust.
Einsorglos abgetanes Urteil las ich dieser Tage über die ungeheure Schöpfung: Die schwere Stunde von Charlotte Berend. Die Wirkung des Bildes auf den Kritiker hat mich zwar nicht überrascht; viele seiner kritisierenden Vorfahren verwechselten schon die Erzkraft eines Kunstwerks mit der entblößten Brutalität. Es gehört schon ein Jahrtausendblick dazu, gerade den Wert dieses gottalten Bildes der Charlotte Berend zu erkennen — sein Allvatername heißt das Gesetz. Ich hoffe nicht, daß die Künstlerin aus Bescheidenheit den königlichen Namen fälschte. Sie hat ihre Schöpfung aus dem Mark aller Farben erschaffen. Es nahte ihre selige, schwere Stunde selbst. Das Wunder der Inspiration schlug sie zur Riesin.
Ich sehe zunächst kühl und sachlich eine Mutter, die ein Kind zur Welt bringt. Die weise Frau am Fußende des Bettes wartet hilfebereit. „Herr, gestehen Sie es, und auch Sie, Frau Ehegattin. Sie vermißten den besorgten Hausvater zwischen dem Spalt der Türe vorsichtig lauschend. Das wäre wenigstensnoch gefühlvoll gewesen“ ... gerade das Nichtfamiliäre verleiht dem Bild das Unpersönliche, baut das Werk mit kosmischen Knochen auf. — Was soll das kleine Mädchen am Bett der Mutter? „Es ist ja erst zwölf Jahre alt.“ Es ist vielleicht noch jünger, und es tat mir wirklich furchtbar leid, wenn beim Betrachten der kleinen Gegenwart des unschuldigen Wesens, gefühlvollen Damen eine schmerzhafte Entrüstung anging, aber ich sage: die Kleine gehört zu der ungeheuren Landschaft des Leibes; auf dem Rand des Lebenskelches sitzt sie, das schwebende Auge zurückgelehnt, voll Grauen und Wunder gelähmt. Ein Seraph — aber gleich wird er seine Lippen öffnen und die ernste Melodie der Dichtung über den sich bäumenden, felsgeöffneten Leib der Mutter singen. — Und die Vorsehung, wie man die Wartende am Fußende des Lagers nennen könnte, wendet die letzte Nüchternheit des Vorganges mit einem Tuch, wie mit einer Wolke ab. — Eine Heilige hätte nicht keuscher gedichtet, das Problem des Odems gestaltet. Ich habe nie in Wirklichkeit ein kindtragendes Weib mit solcher Ehrfurcht betrachtet, wie diese Riesenmutter, von einer Riesin gemalt, auf ihrem Riesenbilde. Sie hauchte nicht nur über den lebengeöffneten Vorgang die Scham, sie nahm dem Prangen auch jede Fessel der Sklaverei, die mich anwidert beim Anblick einer begnadeten Frau.
Charlotte Berend hat ein Historienbild des Naturgesetzes gemalt; es müßte neben Michelangelos Moses im Tempel der Galerien hängen.
Meiner teuren Mutter in Liebe und Ehrfurcht
„Esdauert höchstens zwanzig Minuten, Peter!“ Er nickte lächelnd — aber er vergaß auch sofort wieder, daß er den Kopf nicht hin- und zurückbiegen durfte, von der Zeitung auf und nieder, und so kam ’s, daß ich entweder das rechte oder das linke Auge nicht an seinem Platz oder die Nase zu lang im Verhältnis zur Stirn zeichnete. Und manchmal nahm er noch seinen Bleistift und beschrieb andächtig den weißen Rand des Zeitungsblattes.
„Du kannst gleich weiterzeichnen, schrecklicher Tyrann du!“ sagte er und las mühsam entziffernd sein eigenes Schreiben.
Es waren einige steinige Einfälle, die er seinem Myrdin und seiner Viviane ferner vermachen wollte. Und er zog die große vergilbte Papierrolle aus seiner Manteltasche und las von den beiden Menschen, die älter waren als Adam und Eva, von seinem Menschenpaar Myrdin und Viviane. Die sprachen eine Sprache, mit der am ersten Schöpfungstage sich Himmel und Erde erzählten — — sie waren mit der Erde zugleich erschaffen — gewachsen mit der Erde — aus der Erde; ja, das fand auch Peter ...
„Da magst du recht haben!“
Und er saß, den Kopf herabgesenkt auf den großen Lehnstuhl nahe dem Ofen in seinem olivenfarbigenMantel, als ob er die Wärme mit sich nach Hause nehmen wollte.
* **
Eines Abends klingelte es um halber Mitternacht — das sah Peter ähnlich. Seine Augen lachten mutwillig wie Knabenaugen, die einen Streich hinter sich hatten. „Der Verleger hat mir Vorschuß gegeben — Tino, toller Kerl, komm mit! Wir sitzen alle in der Weinrebe.“
Und Peter sah aus wie ein Bacchus, seine Seele war aufgeblüht wie einer der Weinberge in Alt-Athen. Und wir saßen um ihn im Kreise und sangen: fahrende Schüler, wie die Jünger des Weins aus der bacchantischen Szene seines Werkes „Des Platonikers Sohn“. Wir waren der Most, der Lenz des Weines, das Leben, das wildsüße Auf- und Niederbrausen.
„O Wein, du lieber, dummer Wein,Was willst du da im Kerker sein?Hervor du rieselnde Sonne,Und laß die alberne Tonne.Weißt du denn nicht, du dummer Wein,Bin Bruder Lustig, frisch vom Rhein,Ein Kenner erlesener Tropfen,So laß mich nicht harren und klopfen!“
„O Wein, du lieber, dummer Wein,Was willst du da im Kerker sein?Hervor du rieselnde Sonne,Und laß die alberne Tonne.Weißt du denn nicht, du dummer Wein,Bin Bruder Lustig, frisch vom Rhein,Ein Kenner erlesener Tropfen,So laß mich nicht harren und klopfen!“
„O Wein, du lieber, dummer Wein,Was willst du da im Kerker sein?Hervor du rieselnde Sonne,Und laß die alberne Tonne.
„O Wein, du lieber, dummer Wein,
Was willst du da im Kerker sein?
Hervor du rieselnde Sonne,
Und laß die alberne Tonne.
Weißt du denn nicht, du dummer Wein,Bin Bruder Lustig, frisch vom Rhein,Ein Kenner erlesener Tropfen,So laß mich nicht harren und klopfen!“
Weißt du denn nicht, du dummer Wein,
Bin Bruder Lustig, frisch vom Rhein,
Ein Kenner erlesener Tropfen,
So laß mich nicht harren und klopfen!“
Am Morgen in meinem Halbschlaf sah ich Peter; durch seinen langen Bart guckten blaue und gelbeWeinaugen mutwilliger kleiner Dionysinnen mit roten Pausbäckchen und kecker Faunbuben mit frechen Schwänzchen. Und die neckten ihn und zupften ihn an seinen langen Kraushaaren, jauchzten und sprangen um den großen Bacchus, und ein ganz kleines, ängstliches Bacchüschen kroch in seine weite, weite Ohrmuschel. Und wir alle saßen zu seinen Füßen, und er erzählte von seiner Frühjugend, von seinen vielen Liebchen — ja, ja, Bacchus mußte verliebt sein.
* **
Einmal an einem Wintermorgen kam Hugo, der Landsknecht, wie ihn Peter seines rauhen Organs und seiner kecken Launen wegen nannte. „Kommen Sie mit, Prinzessin! Peter ist krank, wir wollen ihn besuchen!“ „Und wissen Sie auch, Hugo, daß heute sein Geburtstag ist?“
Davon wußte er nichts, der Ungläubige. Und wir zogen gen Norden, und als wir durch das Tor seines Hauses traten, lagen vor uns Treppen, zu besteigen wie künstliche Gebirge aus Brettern. „Na, det is man scheene, dat Se sich bis her verstiegen han — — denken Se so wat, er is mir jestern dot in de Arme jeblieben! ...“ Und Peters gemütliche Wirtin drückte mich an ihren Busen, aus dem der dicke Atem jammerte. Und sie geleitete uns durch die Küche bis an Peters Kammertür, drückte diese behutsam auf und blickte zunächst vorsichtig durch die Spalte. „Nu kommen Se sachte rin!“ — — Und da lag der Peterwirklich in seinem Nest halb aufgerichtet: ein kranker grimmiger Geier. Der Kragen seines Mantels hing wie ein dunkler Fittich über dem Bettgestell, und einer der Füße, mit dem Stiefel angetan, scharrte ungeduldig an der senfgelben tapezierten Wand. Als er uns sah, war es, als ob er uns nach und nach erst erkannte, und er fuhr durch seinen Bart wie ein reißender Herbststurm. „Setzt euch, wenn ihr Platz findet, ihr Einbrecher, ihr Störenfriede, setzt euch!“ Aber nicht allein der Boden, sondern auch das tausendjährige Sofa waren begraben unter großen, gelben Papierflocken. Wir setzten uns auf das kleine Fensterbrett und stellten unsere Füße sündhaft auf die großen Säcke, die, wie wir später hörten, die Manuskripte der Dramen Peters enthielten. „Du, Peter, ich will dir den Doktor holen,“ sagte der Landsknecht besorgt. Oh, und das klang so lächerlich, und die dicke Wirtin hatte et ooch jewollt, „er will aber nich.“ „Der Doktor soll mir wohl Sonne oder Mairegen für meinen Katarrh verschreiben?“ Und Peter lächelte wieder wie Frühlingsanfang, und auf einmal begann er laut zu reden: „Heute abend muß ich noch ins Theater.“ Da fiel seine alte dicke Wirtin vor Schreck auf das tausendjährige Sofa. „Sie wollen im Thiater jehn, Sie?“ „Na gewiß,“ antwortete Peter und machte die Bewegung, aus dem Nest zu fliegen. In der Küche seufzte die Gute und meinte: „Na, so nötig hat er det Schreiben doch ooch nich, wo er bei uns is!“ Und sie brachteihm zur Fürsorge die dampfende Hafergrütze und zwei Schmalzstullen ins Zimmer. Und dann sich vor uns entschuldigend, sagte sie: „Er ist so reene wie eene Jungfer, ick seh schon, wie se ihm später in de Kirche uffbahren als Heiligen.“
* **
Es war ein kalter Nachmittag; der Mond blähte sich auf zwischen seinen Sternen wie ein goldener Bauch, ein wohlbeleibter Dukatenmillionär. Peter und ich wanderten wohl schon stundenlang durch die Straßen Berlins, durch die Bleiluftgegenden mit den kahlen, grauen Häusern, in denen der Hunger mit seinen tausenden Kindern wohnt. Und über dieser Gegend spazierte behaglich durch das weite Land der Wolken der fette Mond, der satt an Gold getrunkene Mond. „Aber, Tino, ich wußte ja gar nicht, daß du ein kleiner Bebel bist.“ „Ja, ich denke an die armen, blassen Kinder, die nie in die Sonne sehen, und an dich, Peter, an dich, dem die Welt ihr jubelndstes, tiefstes Spiel schenkte und das Leben eine Stiefmutter ist.“ „O du Fromme,“ sagte Peter leise zu mir. Nach einer Weile blieb er unter einer Laterne stehen, nahm ein kleines schwarzes Heftchen aus der großen Manteltasche und schrieb.
Das tat er oft, und ich ging gemächlich des Weges weiter.
Wir kamen über einen großen Platz. Vielleicht gaben die schloßartigen Bauten mit den gegossenen Toren,die eisernen Hüter der königlichen Gärten, Peter den Anlaß, mir zu erzählen, daß sein Vater der Fürst S. aus Westfalen sei und seine Mutter eine Leibeigene. Ich war gar nicht verwundert darüber, als ich seine schlanken Hände betrachtete.
„Meine Mutter“, erzählte er weiter, „war eine stille, blasse Frau. Ich kann mich kaum an den Ton ihrer Stimme erinnern; aber als ich meine ‚Brautseele‘ dichtete, hörte ich ihr Blut aus meinem Herzen singen, sanft und dann sehnsuchtswild, wie eine einsame Spätherbstblume.“ Wir schwiegen beide lange Zeit, über Erinnerungen wandelnd, bis es Abend läutete und die Glocken uns erweckten.
Wir fragten einen Mann, der an uns vorübereilte: „Wie kommen wir aus dem Tiergarten wieder auf die Straße?“
Und wir bogen und wendeten uns, bis wir glücklich den Weg wiederfanden. „Sieh, Tino, hier tief im Dickicht habe ich Wochen zugebracht und Dunkelheiten getrunken! Oh, das waren einzige Gottnächte!“
Aber ich sah schmerzlich auf seine eingefallenen Wangen.
* **
Ich ging, meiner Ahnung vertrauend, voraus. Peter studierte indessen noch die Hausnummern gegenüber dem großen Gebäude, in das ich eintrat. Und wirklich, hier wohnte Gerhart Hauptmann. Er kam mir schon im Treppenflur entgegen, ja, er war es. „Herr Hauptmann,ich bringe Ihnen den Peter Hille lebendig hier; er hätte sicherlich wieder die verabredete Stunde versäumt.“ „Sah ihn schon von meinem Fenster aus,“ rief Gerhart Hauptmann, er war nämlich schon unten, den Peter selbst heraufzuholen. Als die beiden kamen, sagte der Herrliche zu Hauptmann, mir schelmisch zunickend, „Dies ist mein Kamerad, Tino nenne ich sie. Es ist der Name ihres Blutes, die grünrote Ausstrahlung ihrer Seele.“ Wir setzten uns, nachdem Hauptmann zärtlich den Mantel von Peter Hilles Schulter genommen hatte. Auf den Tischen lagen überall Journale, die meines Propheten Dichtungen enthielten, auch des Platonikers Sohn fehlte nicht, das wundergroße Schauspiel. Hauptmann schwang es triumphierend in die Höhe. Und ich hörte lauter Melodien; der Dichter Worte wurden Lieder. Und Hauptmanns stolzes Gesicht neigte sich seinem hohen Gaste zu, die Quelle seines Herzens zu erreichen, denn wie aus Leben gehauen saß Peter Hille in dem weiten, klaren Raum, sein Bart wallte ungeheuer.
ImZimmer meiner Mutter hängt an der Wand ein Brief unter Glas im goldenen Rahmen. Oft stand ich als Kind vor den feinen pietätvollen Buchstaben wie vor Hieroglyphen und dachte mir ein Gesicht dazu, eine Hand, die diesen wertvollen Brief wohl geschrieben haben könnte. Darum auch war ich Karl Kraus schon wo begegnet — — in meinen Heimatjahren, beim Betrachten der kostbaren Zeilen unter Glas im goldenen Rahmen. Den Brief hatte ein Bischof geschrieben an meiner Mutter Mutter, ein Dichter. Blau und mild waren seine Augen, und sanftbewegt seine schmalen Lippen und sein Stirnschatz wohlbewahrt, wie bei Karl Kraus; der trägt frauenhaft das Haar über die Stirn gekämmt. Und immer empfangen seine Augen wie des Priesterdichters Augen gastlich den Träumenden. Immer schenken Karl Kraus’ Augen Audienz. Ich sitze so gerne neben ihm, ich denke dann an die Zeit, da ich den Schreiber des Briefes hinter Glas aus seinem goldenen Rahmen beschwor. Heute spricht er mit mir. Ich bewundere die goldgelbe Blume über seinem Herzen, die er mir mit feierlicher Höflichkeit überreicht. Ich glaube, sie war bestimmt für eine blonde Lady; als sie an unseren Tisch trat, begannen seine Lippen zu spielen. Karl Kraus kennt die Frauen, er beschaut durch sie zum Denkvertreib die Welt. Bunte Gläser,ob sie fein getönt oder vom einfachsten Farbenblut sind, behutsam behütend, feiert er die Frau. Verkündet er auch ihre Schäden dem Leser seiner Aphorismen — wie der wahre Don Juan, der nicht ohne Frauen leben kann, sie darum haßt — im Grunde aber nur die Eine sucht. Ich begegne Karl Kraus am liebsten unter „kriegsberatenen Männern“. Seine dichterische Strategie sind Strophen feinster Abschätzung. Ein gütiger Pater mit Pranken, ein großer Kater, gestiefelte Papstfüße, die den Kuß erwarten. Manchmal nimmt sein Gesicht die Katzenform eines Dalai-Lama an, dann weht plötzlich eine Kühle über den Raum — Allerleifurcht. Die große chinesische Mauer trennt ihn von den Anwesenden. Seine chinesische Mauer, ein historisches Wortgemälde, o, plastischer noch, denn alle seine Werke treten hervor, Reliefs in der Haut des Vorgangs. Er bohrt Höhlen in den Samt des Vorhangs, der die Schäden verschleiert schwer. Es ist geschmacklos, einen Papst zu hassen, weil sein Raunen Flüsternde stört, weil sein Wetterleuchten Kerzenflackernden heimleuchtet. Karl Kraus ist ein Papst. Von seiner Gerechtigkeit bekommt der Salon Frost, die Gesellschaft Unlustseuche.
Ich liebe Karl Kraus, ich liebe diese Päpste, die aus dem Zusammenhang getreten sind, auf ihrem Stuhl sitzen, ihre abgestreifte Schar, flucht und sucht sie. — Männer und Jünglinge schleichen um seinen Beichtstuhl und beraten heimlich, wie sie den grandiosenZynismusschädel zu Zucker reiben können. O, diese Not, heute rot — — morgen tot! Unentwendbar inmitten seiner Werkestadt ragt Karl Kraus ein lebendiges, überschauendes Denkmal. Er bläst die Lufttürme um und hemmt die Schnelläufer, den Königinnen mit gewinnendem Lächeln den Vortritt lassend. Er kennt die schwarzen und weißen Figuren von früher her von neuem hin. Mit ruhiger Papsthand klappt er das Schachbrett zusammen, mit dem die Welt zugenagelt ist.
Vonder Seite betrachtet, erinnert sein Kopf an den Totenschädel eines Gorillas; wendet mir Loos langsam das Gesicht zu, prüfen mich scharf des Gorillas runde, hellbraune Augen. Die sind gefährlich, greifen aus einem andern Denken, aus einem fremden, geschwinden Grund. Die Blicke der Gäste strafen mich für meinen Ausspruch, Loos selbst aber scheint nichts gehört zu haben. Ist er schwerhörig? Auf mich wirkt sein Unvernehmen geisterhaft, wundersam wund; für den unverstandenen Sprecher — unverständlich. Senkt Loos den Kopf, neigen sich seinem Ohre die Lippen zu; o, wie sanft er die Lider hängen läßt — man hat ihn dann lieb, die Lotosseele unter den Gorillen. Schielende, deren Züge etwas Rührendes erhalten, und Hinkende, die im verlorenen Gleichgang süße Interessantheit hinschaukeln — zehnfach tönt Loos das Wort wieder, ruft man es in ihn hinein. Dann wird er ein reißender Geist, den man im Echo heraufbeschwor, ein affenböser Künstler, reißt er dem die Perücke vom Kopf, setzt ihm den Skalp wieder an, daß er mit seiner Person vernarbe. Ein handgreiflicher Philosoph ist er, dem die Verschnörkelung der Architektur ein eitler Greuel, ein verwirrtes Knäuel ist, den er rücksichtslos löst. Loos will Ordnung schaffen in den Welten hier unten, in der Welt, die sich der von sich abstrebende Menscherschaffen läßt vom Architektenmenschen und nicht hineinpaßt. Wie viele sitzen und schwitzen in fremden vier Häuten, denn die Wände unseres Gemaches sollen unser passendstes Kleid sein, sie sollen die Schrift unseres Atems tragen. Die Seuche der Einrichtung hat sich schon in die Schlösser der Fürsten begeben, auf Altären liegen „stilvolle“ Decken, und durch die Tempel der Künstler flutet das elektrische Licht der Birnen aus neuerfundenen Kelchen. Wollte man mir sogar auf den Rücken meines Zigeunerkarrens, meines grünen Holzvogels, die sogenannte aufsteigende Kurve (ich weiß gar nicht, was das ist) und langweilige kühle Linien ziehen, die große Klassikerlinie Weimarer Spätgeburt van de Veldisch architektiert. Man sehnt sich rein nach dem Buckel. Die Wände meiner Rast sind auch die Wände meiner Last, sind mit mir verwachsen, aufgewachsen. Meine Behausung gleicht mir auf ein Haar. Darum springe ich gerne aus meiner Haut mal, am liebsten in das mir vermählte Zimmer. Ist sein Bewohner auch meist nicht in seiner Hauptperson anwesend, sein Heim aber spricht für ihn. Kühlritterblau empfängt mich das Tapetengesicht; ich setze mich vor den Schreibtisch, vor Rhodopes farbige Statuette, meines auserwählten Zimmers heimliche Liebe. Über den Flügeldeckel kehren Lieder heim und legen sich auf die Tasten — schlummern und träumen laut; hingezaubert sitzt ja ihr Schöpfer auf dem runden Stuhl und spielt. Ich denke an meine Prinzessinnenzeit ... Wer salbt meine toten Paläste,sie trugen alle die Kronen meiner Väter. — Ich hasse die Tische, Stühle, Sessel und so weiter, die sich verkuppeln ließen, mit ihrem Plebejerbesitzer; das sind Mesallianzen, Sessel, deren Lehne sich beugte immer tiefer ihrem Sitz zu. Ich denke an einen wie ein Melancholischer. — Ich helfe dir räumen, Loos, aber wehe dir, wenn ich nach Wien komme, und du sitzt nicht auf einem australischen Urwaldast zurückgezogen hinter Gedanken tausendgitterig.
Wirschreiten sofort durch den großen in den kleinen Zeichensaal, einen Zwinger von Bärinnen, tappischtänzelnde Weibskörper aus einem altgermanischen Festzuge; Met fließt unter ihren Fellhäuten. Mein Begleiter flüchtet in den großen Saal zurück, er ist ein Troubadour; die Herzogin von Montesqiou Rohan ist lauschender nach seinem Liede als das Bärenweib auf plumpen Knollensohlen. Denn Treibhauswunder sind Kokoschkas Prinzessinnen, man kann ihre feinen Staub- und Raubfäden zählen. Blutsaugende Pflanzlichkeiten alle seine atmenden Schöpfungen; ihre erschütternde Ähnlichkeitswahrheit verschleiert ein Duft, aus Höflichkeit gewonnen. Warum denke ich plötzlich an Klimt? Er ist Botaniker, Kokoschka Pflanzer. Wo Klimt pflückt, gräbt Kokoschka die Wurzel aus — wo Klimt den Menschen entfaltet, gedeiht eine Farm Geschöpfe aus Kokoschkas Farben. Ich schaudere vor den rissig gewordenen spitzen Fangzähnen dort im bläulichen Fleisch des Greisenmundes, aber auf dem Bilde der lachende Italiener zerrt gierig am Genuß des prangenden Lebens. Kokoschka wie Klimt oder Klimt wie Kokoschka sehen und säen das Tier im Menschen und ernten es nach ihrer Farbe. Liebesmüde läßt die Dame den schmeichelnden Leib aus grausamen Träumen zur Erde gleiten, immer wird sie sanft auf ihren rosenweißenKrallen fallen. Das Gerippe der männlichen Hand gegenüber dem Frauenbilde ist ein zeitloses Blatt, seine gewaltige Blume ist des Dalai-Lamas Haupt. Auch den bekannten Wiener Architekten erkenne ich am Lauschen seiner bösen Gorillenpupillen und seiner stummen Affengeschwindigkeit wieder, ein Tanz ohne Musik. Mein Begleiter weist mit einer Troubadourgeste auf meinen blonden Hamlet; in ironischer Kriegshaltung kämpft Herwarth Walden gegen den kargen argen Geist. Auf allen Bildern Kokoschkas steht ein Strahl. Aus der Schwermutfarbe des Bethlehemhimmels reichen zwei Marienhände das Kind. Viele Wolken und Sonnen und Welten nahen, Blau tritt aus Blau. Der Schnee brennt auf seiner Schneelandschaft. Sie ist ehrwürdig wie eine Jubiläumsvergangenheit: Dürer, Grünewald.
Oskar Kokoschka ist eine junge Priestergestalt, himmelnd seine blauerfüllten Augen und zögernd und hochmütig. Er berührt die Menschen wie Dinge und stellt sie, barmherzige Figürchen, lächelnd auf seine Hand. Immer sehe ich ihn wie durch eine Lupe, ich glaube, er ist ein Riese. Breite Schultern ruhen auf seinem schlanken Stamm, seine doppelt gewölbte Stirn denkt zweifach. Ein schweigender Hindu, erwählt und geweiht — seine Zunge ungelöst.
Erversäumt den Tag, und die Dunkelheit erreicht er, wenn es zu spät ist. Aber er träumt noch schnell unter dem verschwindenden Mond. Einmal kam Peter Baum barhäuptig im Januar ins Theater gegangen, draußen waren 15 Grad Zerfahrenheit. Einmal steckte er seine brennende Zigarre in die Hosentasche, später meinte Peter Baum — daß es nicht die Kartoffeln auf dem Feld gegenüber wären, aber daß seine Lende versenge. Und doch hat St. Peter Hille einmal gesagt: Peter Baum sei der sensibelste Mensch, den er je kennen gelernt habe. Peter Baum ist ganz blau. Das heißt übersetzt: Er ist ein Dichter. Sternenpsalme hat er gedichtet für die Harfe Davids, für das Herz Salomos, des Dichterkönigs von Juda. Und doch ist Peter Baum der leibliche Sohn und Erbe des Evangeliums. Seine Väter waren die Herren von Elberfeld im Wupper-Muckertale. Sie beteten zu Luther und wachten auf in Sonntagsfrühe beim ersten Schrei des Kirchenhahns. Manchmal erscheinen sie ihrem Urenkel im Schlafe, weniger der jüdischen Psalme, aber seines abtrünnigen Romans „Spuk“ wegen. Es ist ein Roman im Kaleidoskop; die Bilder kommen buntartig und schwinden blendend wie teuflische Spiegel. Ein flackerndes Fleckenspiel hinter geschlossenen Augen. O, und seine wundervollen Novellen „Im alten Schloß“ brachte er mireines Abends; seine große Tannengestalt erschien mir noch eine Krone höher, so aufwärts wie der Graf seines Buches, ein wetternder Weihnachtsbaum, der seinen Schmuck abgeschüttelt hat. Die Wochenschrift „Sturm“ wird Peter Baums neuestes Werk bringen, das spielt zur Rokokozeit und ist in geblümter Seidensprache geschrieben. Wie tief seine Dichtungen doch ihn erleben und er sich an ihnen verwandelt!
Einentzückender Schuljunge ist er.Lauter Lehrer spuken in seinem Lockenkopf.Sein Name ist so mutwillig:Franz Werfel.Immer schreib’ ich ihm glühende Liebesbriefe,Die unbeantwortet bleiben.Aber wir lieben ihn alleSeines zarten, zärtlichen Herzens wegen.Sein Herz hat Echo,Pocht verwundert.Und fromm werden seine LippenIm Gedicht.Manches trägt einen staubigen Turban.Er ist der Enkel seiner eigenen Verse.Doch auf seiner LippeIst eine Nachtigall gemalt.Mein Garten singt,Wenn er ihn verläßt.Immerblau streut seine StimmeÜber den Weg.
Einentzückender Schuljunge ist er.Lauter Lehrer spuken in seinem Lockenkopf.Sein Name ist so mutwillig:Franz Werfel.Immer schreib’ ich ihm glühende Liebesbriefe,Die unbeantwortet bleiben.Aber wir lieben ihn alleSeines zarten, zärtlichen Herzens wegen.Sein Herz hat Echo,Pocht verwundert.Und fromm werden seine LippenIm Gedicht.Manches trägt einen staubigen Turban.Er ist der Enkel seiner eigenen Verse.Doch auf seiner LippeIst eine Nachtigall gemalt.Mein Garten singt,Wenn er ihn verläßt.Immerblau streut seine StimmeÜber den Weg.
Einentzückender Schuljunge ist er.Lauter Lehrer spuken in seinem Lockenkopf.
Einentzückender Schuljunge ist er.
Lauter Lehrer spuken in seinem Lockenkopf.
Sein Name ist so mutwillig:Franz Werfel.
Sein Name ist so mutwillig:
Franz Werfel.
Immer schreib’ ich ihm glühende Liebesbriefe,Die unbeantwortet bleiben.
Immer schreib’ ich ihm glühende Liebesbriefe,
Die unbeantwortet bleiben.
Aber wir lieben ihn alleSeines zarten, zärtlichen Herzens wegen.
Aber wir lieben ihn alle
Seines zarten, zärtlichen Herzens wegen.
Sein Herz hat Echo,Pocht verwundert.
Sein Herz hat Echo,
Pocht verwundert.
Und fromm werden seine LippenIm Gedicht.
Und fromm werden seine Lippen
Im Gedicht.
Manches trägt einen staubigen Turban.Er ist der Enkel seiner eigenen Verse.
Manches trägt einen staubigen Turban.
Er ist der Enkel seiner eigenen Verse.
Doch auf seiner LippeIst eine Nachtigall gemalt.
Doch auf seiner Lippe
Ist eine Nachtigall gemalt.
Mein Garten singt,Wenn er ihn verläßt.
Mein Garten singt,
Wenn er ihn verläßt.
Immerblau streut seine StimmeÜber den Weg.
Immerblau streut seine Stimme
Über den Weg.
S.Lublinski ist von Geburt Ostpreuße. Er hat mir oft von seiner Heimat erzählt: dort sind noch die Wälder so finster und verwachsen wie kleine Urwälder. Zwischen knolligen Wurzeln und Stämmen ist sein Nest; knollig ist auch er an Leib und Seele, ein Knollengewächs, aus dem jäh eine leuchtende Blüte aufsteigt. Zusammengekauert in seinem Korbstuhl sitzt er, wie in einem großen Pflanzenkübel, und grübelt, ob er den Entschluß, den er zunächst erst in einiger Perspektive wohlwollend betrachtet, wirklich fassen soll oder nicht ... Wir beide haben manchen Abend bei schweigender Dunkelheit zusammen auf der Veranda des Kaffeehauses gesessen. Die Gäste sehen nach der Richtung unsers Tisches und lachen über das Holpern seiner Stimme; jedoch die Kellner, vom allerdicksten bis zum blaßwangigen Groom, haben sich schon an die eigentümliche, stoßende Hornsprache S. Lublinskis gewöhnt; sie harren aufmerksam seinem Wink und entreißen raubtierartig den lesenden Gästen Journale und Zeitschriften, die er verlangt. S. Lublinski schiebt seine Brille vorsichtig höher auf den Nasenrücken — der kleine Literat und der phlegmatische Baccalaureus-Referendarius nähern sich unserm Tisch. Mit außergewöhnlicher, liebenswürdiger Handgebärde fordert er die beiden jugendlichen Opfer auf, sich an unsrerSeite niederzulassen. Ich weiß: S. Lublinski ist in Kampfstimmung, er hattagsüber Aufsätze schreiben müssen, und ihn ärgert die Erde mit den vielen Tintenfässern; und ohne jede Veranlassung, oder auf eine geringfügige Bemerkung hin, überfällt er den Nachbar — sein Herz jedoch schlägt Kobolz dazu. Mich interessiert die Strategie seines Angriffs — der arme Gegner, der an den Zorn seiner rollenden Augen glaubt und ihn gutmütig besänftigen will. Ihn reizt der bequeme Widerstand. Worte werden Kugeln, Bomben explodieren, der Kampf wird ernst. S. Lublinski schlägt mit der Faust dröhnend auf den Tisch; seine Augen bluten ... Gold hat sein Vater in der Jugend aus Kanadas Gefilden gegraben ... und die Lust nach Abenteuern hat sich in S. Lublinski vergeistigt. Aber der Freund kennt ihn auch im Zelt; er hat seine träumende Stirn gesehen mit dem poetischen Schneehauch. Und jauchzen möchte S. Lublinski! — Selten sehnte sich ein zweiter tiefer nach dem bübischen Lenztag, hinter dem Horizont auf der blauen Wiese nach dem fröhlichen Ringelrangelspiel, wie er. Aber der große Ungeschickte fürchtet, zu stolpern; und es ist ihm nichts beschämender, als lächerlich zu wirken — er würde eher mit einem Gänsekiel Verse schreiben. Unschönheit ist S. Lublinskis Kinderkrankheit ... Wie auf gerosteten Geleisen bewegt er sich vorwärts; seine Arme schleudern beim geringsten Außertaktkommen. So ist auch der Rhythmus seiner Seele, seiner Novellen und Dramen. Ich würde jede andreFassung für unecht betrachten ... Aber da steht kein Tor, daran er nicht rüttelt. „Ich habe Prinzessin mein neues Buch: ‚Gescheitert‘ mitgebracht“ ... S. Lublinski beobachtet mich mißtrauisch unter seiner Brille — er weiß, mich interessieren eigentlich nur meine eigenen Dichtungen; aber ich bitte ihn auf seine stumme Voraussetzung, mir selbst eine Novelle seines Buches vorzulesen. Er liest die Geschichte des gehänselten Knaben — er öffnet seine Seele. Schwerer als jedes Kind, dessen Eigenart sich abhebt vom Durchschnitt, hat er gelitten — aber aus der dumpfen, beklemmenden Nacht seiner Leiden recken sich eiserne, kleine Fäuste, grauenhaft verzerrte Fratzen, aus denen klagende Kinderaugen blicken. Endlich von seinen peinigenden Altersgenossen befreit, den folgenden Schultag vergessend, führt er Kriegsspiele auf, allein, hinter den Hecken seines Gartens. In Reih und Glied tausend gehorchende Soldaten —: „Vorwärts marsch!“ Und er an ihrer Spitze, als Befehlshaber, als Feldherr! Aus kleinen Steinen besteht in Wirklichkeit das tapfere Heer ...
Wieder angelehnt im Sofapolster, das Buch zugeklappt auf dem Tisch, beginnt S. Lublinski in zynischster Weise seine Nachteulenähnlichkeit zu verspotten. Selten sehnte sich ein Zweiter schmerzlicher und unerfüllter nach Liebe wie der da ... Hannibal (eines seiner wuchtigen Dramen), der schwermütige, schwerwütige Krieger, der erwachsene Feldherr seiner Spiele hinter den Hecken seines Gartens. Peter Hille sagteeinmal: „Den Hannibal hat er aus gerostetem Eisen geschmiedet.“ Aber nicht minder hart ist der zweite Akt seines Königinnendramas: Elisabeth und Essex. Ich habe oft S. Lublinski durch die durchsichtigen, großblumigen Gardinen seiner Fenster dichten sehen und hören. Die Kissen fliegen von den Sesseln, die Beine der Stühle und Tische knaxen, und ein Ertappter sitzt er nun wieder vor seinem Schreibtisch, die reine Stirn in die Hand gestützt. Leise fällt vom Himmel ein feiner Regen — gesponnenes Weinen —, mir ist, als ob auch seine Seele weine ... S. Lublinski aber gibt sich nicht lange weichen Stimmungen hin — er rafft sich auf: „Frau Thormann, ich will noch fortjehen, ich habe ein wenig Kopfdruck.“ „Aber Herr Lublinski, bei dem Regen?“ ... „Da ist mir nicht bange; aber ich fürchte, der letzte Akt des Zaren ist mir was in die Breite jejangen“ ... Frau Thormann, seine hübsche, muntere Wirtin, hat mir mal ganz vertraulich gesagt: „Mucken haben sie ja alle; aber er sieht immer wieder sein Unrecht ein, das muß man ihm lassen.“ Und sie würde mich wahrscheinlich für eine Verleumderin halten, wenn ich ihr erzählen würde, daß ihr großer Pflegling gestern auf dem Rücken der Sphinx, am Eingang des Cafés, gesessen hat und den Vorübergehenden, im jubelnden und schwärzesten Pathos, den Schiller deklamierte: „Der See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen!“ Aber in der Frühe brachte mir die Post einen Brief von ihm: die gotischen, getürmten Buchstaben seinerSchrift drohten über meine erschreckten Augen zu fallen: „Prinzessin, ich habe von meinem Freund, nachdem wir uns von Ihnen gestern abend verabschiedet hatten, erfahren, daß Sie noch immer mit dem Schwätzer nachmittags im Café sitzen — ich fordere Sie zum wiederholten Male auf, den Verkehr abzubrechen, andernfalls ich meine Freundschaft zurückziehen werde. Außerdem weiß ich, daß mein Freund unter Ihrer neuen Akquisition leidet. S. Lublinski.“ Noch am selben Tag begegnen wir uns. S. Lublinski will an mir in zierlichem Bogen vorbeischlürfen — wir lachen — ich bemühe mich, ihm die Schweigsamkeit des Kaukasiers zu beweisen: „Ich rieche zu gerne Steppe, Herr Lublinski; aber Sie wissen doch, nichtsdestoweniger liebe ich Ihren Freund, den prinzlichen Tondichter; — und bringen Sie ihm meine tiefblonde Verehrung.“ — S. Lublinski: „Scheusal!!“ —
Alle Passanten haben es gehört — bis nach Hause haben mich die Straßenjungen begleitet. S. Lublinski muß sterben! ... Ich trage meinen siebenläufigen, ungeladenen Revolver unter dem Mantel versteckt, und der Mond am Himmel ist wie eine brennende Kanonenkugel. Die Mamsell hinter dem Bufett ruft, als sie mich erblickt, Moloch, den Oberkellner, den unersättlichen Götzen (seine Augen sind blanke Taler). „Wo ist S., der Lublinski?!“ „Herr Doktor sind soeben fortgegangen, haben aber für Sie einen Brief hinterlassen.“ Und seine Aussage noch bestätigend, weist er auf den Tisch hin, an dem Herr Doktor zusitzen pflegt: etliche Zündhölzer schwimmen, zerbrochen im Wasserbad auf dem Silbertablett ... „Sehr geehrte Frau, ich gebe zu, daß ich mich in der Erregung heute morgen im Ausdruck hinreißen ließ, und ich sehe es gern ein und bitte Sie um Entschuldigung; jedoch die Tatsache selbst bleibt trotzdem unverändert bestehen. S. Lublinski.“
Zwei Jahre sind’s nun her, als ich vor dem Riesenfenster des Kaffeehauses saß und S. Lublinski in großen, feierlichen Buchstaben antwortete:
„Sire, ich erkläre hiermit unsere freundschaftlichen sowie diplomatischen Beziehungen für aufgehoben“ ...
Eingroßer kantiger Vampirflügel mit Apostelaugen schwebt Paul Leppins Roman „Daniel Jesus“ vor mir auf. Hier wandelt nicht das Werk auf Füßen, und ich suche nicht nach seiner Erde. Paul Leppins Roman ist eine Flügelgestalt, Himmel und Hölle schöpfen aus ihrem rauschenden Brunnen. Hat Paul Leppin „Daniel Jesus“ oder hat Daniel Jesus „Paul Leppin“ erschaffen? Die Vieraugen des großen kantigen Romans sind vom gleichen, tiefen Wachen. Aber Paul Leppin ist gewachsen, ungekrümmt, eine Linde, und sein Haar duftet nach dem sanften Blond ihrer Blüten, und Daniel Jesus hat einen Buckel, und unersättlich ist sein fahler Durst. Auf deine müde Hand, Daniel Jesus, tropft traumleise ein Goldtröpfchen; Martha Bianca tritt barfuß aus dem Herzen durch die Paulpforte. Voll Sonnenbangen ist Paul Leppin wie der Gipfel goldbedrängt, und er formt schwermütig aus goldenen Träumen, die bis in die Wolken ragen, bleierne Buckel. Mit gläubiger Gebärde aber schaufelt die Frau des Schusters das Martyrium von Daniels Jesus Rücken ... „Prinzessin,“ sagt Paul Leppin zu mir, „wir wollen auf einen wilden Ball gehen“; wir finden nur klingelbehangene Tanzböden. Paul Leppin sehnt sich nach der Orgie seines Romans; die drehte sich hinter Sternenvorzeiten seiner Dichtung,spöttisch hißte sie Satan auf Babelhöhe, Satan Daniel Jesus, Paul Leppins Geschöpf, von dem er sich losträumte. Inmitten der Tanzenden sitzt Daniel Jesus Paul zwischen nackten Eingeweiden, die sich verwickeln, verknoten nach seinem Szepter. Rasende Weiber taumeln sich im weichen, pochenden Raume und wachsen zu Lawinen über lüsterne Rücken. Und auf dem brandigen Haupt der Schusterfrau steht eine Mauer auf, eine leuchtende Krone, wie die des heiligen Landes — in ihrem Riesenleib tanzen alle die blutzerrissenen Leiber und ihre Teufel, wie in einer weißen Hölle; denn Daniel Jesus hat sie erhoben zu seiner Rechten. Es heißt im Buche: „Andächtig küßt sie seinen Buckel, wie ein Kruzifix.“ Paul Leppin, ich grüße dich.
Aderlaßund Transfusion zugleich;Blutgabe deinem Herzen geschenkt.Ein finsterer Pflanzer ist er,Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf.Immer Zickzack durch sein Gesicht,Schwarzer Blitz.Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert.
Aderlaßund Transfusion zugleich;Blutgabe deinem Herzen geschenkt.Ein finsterer Pflanzer ist er,Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf.Immer Zickzack durch sein Gesicht,Schwarzer Blitz.Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert.
Aderlaßund Transfusion zugleich;Blutgabe deinem Herzen geschenkt.
Aderlaßund Transfusion zugleich;
Blutgabe deinem Herzen geschenkt.
Ein finsterer Pflanzer ist er,Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf.
Ein finsterer Pflanzer ist er,
Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf.
Immer Zickzack durch sein Gesicht,Schwarzer Blitz.
Immer Zickzack durch sein Gesicht,
Schwarzer Blitz.
Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert.
Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert.
DasVolk wird nie nach ihm schreien; er sättigt nicht, er ist überhaupt nicht zum essen, man kann höchstens eine seiner Hände streicheln oder seinen Mund küssen — er hat einen schüchternen Kindermund. Der erzählt immer von sich, immer so hübsche Geschichten, die sich am Ende des Pfades reimen und viele, viele Wege geht er mit den Mädchen in seinen Gedichten. In Grimms Märchen ist er gemalt, wie er als Kind aussah, in Hänsel und Gretel. Ich hatte Max Brod eine Nelke mitgebracht, die trug er in der Hand, als er in den Saal kam, und ich bildete mir ein, er lese mir ganz alleine vor inmitten der königlichen Gemälde; ringsum an den Wänden: Van Gogh. Ich weiß den Namen seines Schauspiels nicht, aus dem er erzählte. Aber immer war es die Liebe, die über seine Lippen kam — mein Herz ging blau auf unter den vielen lauschenden Herzen. Max Brod ist ein Liebesdichter. Auch der andere Aufzug seines Schauspiels war ein Liebesgedicht, ein vielstimmiges, ein streitendes. Ich glaube, man kann nur Liebesgedichte in „Prag“ schreiben, wo so viele Bögen und Wälle sind; und lauter graue Figuren treten aus den alten Häusern hervor — die Steingespenster führen die Herzen bange zusammen. Ich habe manchmal Sehnsucht nach Prag, schon um mit Max Brod durch die Gewölbe seiner Heimat zu wandeln, wo die alten Häuser wie Mumien stehn, zur Rechten und Linken.
Silvester1908 bin ich Alfred Kerr begegnet unter künstlichen Balkansternen, zwischen schleierverhüllten Angesichten schöner Haremsfrauen und fezbedeckter Häupter weißgekleideter Muselmänner. „Wissen Sie, wer der Beduinenfürst war?“ (Wir grüßten uns nach des Bosporus Zeremoniell und Sitte.) „Reißen Sie mich nicht immer aus meinen morgenländischen Illusionen,“ antwortete ich meiner Begleiterin. Später hörte ich, der Araber mit dem Seidenmantel sei Alfred Kerr gewesen. Am besten gefallen mir seine Gedichte, sie sind humorsüß und fallen ihm in die Hand. Aber seine allerschönste Dichtung war ein spanisches Essay; jedes Wort trug eine Abendrotrose im Haar, jedes Wort war eine Senora, erhob sich und tanzte.
Über den Kurfürstendamm sehe ich ihn manchmal nach der Kolonie heimwärts gehen. Dort wohnt Alfred Kerr in einer Villa, die beneidet wird, sonst pflegt man die meisten Kolonisten ihrer Villa wegen zu beneiden. Heimlich birgt dieses nachtumheckte Schlößchen seinen Dichter. Spät muß der Kritisierende die Kritik niederschreiben, die sind blaunervig wie er selbst und duften nach melancholischer Ironie. Wir haben uns beide nur immer das Schönste gesagt, wir kennen uns nur im Gruß. Mich dünkt, er träumt von „Heinrich“ wie ein einziger Sohn, der sich einen Bruderwünscht. Er träumt immer von seinem Bruder Heinrich Heine. Bald gleicht er ihm auf einen Nerv. Alfred Kerr müßte durch die Straßen von Paris wandern wie der tote Bruder, mich stört des Lebenden chevaleresker Mantel, sein abgestäubter Hut. Warum denke ich so? — Morgen lese ich im Tag seine gedichtete Kritik über Hauptmanns Premiere.
Eine Phantasie
Dirallein will ich mein interessantestes Geheimnis anvertrauen, aber du mußt dies als meine Beichte betrachten und bewahren wie ein Amtsgeheimnis.
Paris!
Ich stehe an den Türpfeiler eines Magazins gelehnt und weine, als wollte ich mich in Tränen auflösen. Am Himmel standen schwarze Gewitterwolken, und der Boulevard war nicht allzu überfüllt von Spaziergängern; aber auch unter den wenigen Menschen, die mich erstaunt betrachteten, litt ich unsäglich. O,petite, o, was fehlt Ihnen, Mademoiselle? Sehen Sie doch, Madame, wie blaß die Kleine aussieht, und die großen Augen.
Ich war damals ungefähr sechzehn Jahre alt, und noch in beständigem Kontakt mit meinem Gotte. Ich bildete mir nämlich ein, daß, als plötzlich ein furchtbarer Donnerschlag erdröhnte, der liebe Herrgott aus besonderer Freundschaft zu mir es gewittern ließe, über den Menschen, inmitten derer ich litt. Die auffällige Kritik über meine Person, die sich in diesem lauten Bedauern aussprach, entfachte auch schließlich meinen Zorn. So hielt ich dafür, daß die zwei Passanten, die plötzlich vor mir haltmachten, kein anderes Motiv leitete, als die Lust zur Neckerei. Namentlicherbitterte es mich, da der helläugige der beiden seinem Begleiter zurief: „Mon cher, sehen Sie doch einmal den kleinen Teufel!“ Der große Herr runzelte die Stirn, dabei murmelte er ein paar leichte Worte; ich verstand sie wohl, aber ich möchte sie im Interesse meiner Person lieber verschweigen; wieder fielen große Regentropfen aus meinen Augen, dann meinte der dunkle Herr in milderem Ton: „Es handelt sich hier wieder um eine Bettelnovellette,“ und reichte mir ein Geldstück hin. Ich war sehr betroffen und konnte mich nicht enthalten zu rufen: „O, Monsieur, ich bin keine Komödiantin und keine Bettlerin.“ Er schämte sich und versuchte durch allerhand Reden sich zu entschuldigen. „Pardonnez, Mademoiselle, pardonnez, aber da Sie, wie ich aus Ihrer Aussprache entnehme, keine Französin sind, werden Sie sich schwerlich eine Vorstellung von der Schauspielkunst unsrer Nichtdamen machen können. Und möchte ich Sie bitten, sich mir anzuvertrauen.“ „Ich bin so allein, Herr,“ sagte ich; ich glaube, sonst erwiderte ich nichts mehr, denn ich war ermattet bis zum Tode. Während wir noch beisammen standen, trat ein dritter zu den beiden und klopfte dem dunklen auf die Schulter: „Na,mon ami, schon wieder im Dienste der Frauen?“ Der Helläugige, den ich trotz meiner tragischen Stimmung heimlich seiner Schönheit halber bewunderte, schob seinen Arm in den des hinzukommenden Herrn — ich glaube auf ein paar leise gesprochene Worte des Dunklen hin — und zog ihn, leise auf ihn einredend,mit sich fort. Dann wandte sich der Bleibende mir zu, und es war eine eigentümliche Mischung von Erkühnen und Güte in seinem dunklen Auge, das mich in Furcht jagte und zu gleicher Zeit mir Mut machte. „Hier ist kein Platz für Auseinandersetzungen, mein kleines Fräulein, und ich bitte Sie, mir zu folgen.“ Der energische Ton meines Beschützers wirkte suggerierend auf mich, und ich folgte ihm. Er schwieg, bis wir die gegenüberliegende Seite des Boulevards erreicht hatten; dann faßte er meine Hand und sagte, jedes einzelne Wort betonend: „Mademoiselle, wenn Sie in mir einen Freund gewinnen wollen, so fürchten Sie sich nicht und vertrauen Sie mir Ihr Schicksal an.“ Ich war sehr glücklich über seine lieben Worte und atmete auf und wünschte mir nichts sehnlicher im Augenblick, als seine Hand zu drücken. Wir nahmen Platz im Garten eines Restaurants; der Fremde bestellte zunächst Bouillon und dann ein Hühnchen, welches er mir wie einem Baby vorschnitt. Dabei flüsterte er mir zu: „Grade so ein kleines Hühnchen wie Sie, Mademoiselle.“ Dann mußte ich ihm meine Lebensgeschichte erzählen, wie ich an der Hand Apollos aus meiner Heimat durchgebrannt bin. „Und warum gerade nach Paris, kleiner Robinson?“ Zögernd und fast tonlos entgegnete ich: „Ich wollte in ein Meisteratelier.“ Dann fragte der Fremde: „Haben Sie schon an eines angeklopft?“ „Nein,“ sagte ich verlegen, „ich habe mich mit meinem Gelde verrechnet und wollte mir erst etwas verdienen, um wenigstensfür einen Monat die Kosten zu erschwingen.“ „Und was dann?“ fragte er nachdrücklich. „Ja, dann, hoffe ich, Stipendien zu bekommen.“ Hierbei holte ich einen Zettel aus der Tasche, worauf die Adresse jenes Kleidermagazins stand, in dem ich engagiert war. Mein Beschützer begann zu lachen und meinte: „Eine Direktrice können Sie doch sicher mit Ihrem schlanken Figürchen nicht abgeben.“ „Aber eine Kostümzeichnerin.“ „Ah, Sie wollen mit Stilleben Ihre Karriere beginnen.“ Wir lachten beide. — Nach einer Weile fragte ich ihn, ich glaube sehr scheu:
„Herr, wer sind Sie?“
„Ich bin ebenfalls ein Kunstjünger.“
„Maler?“ fragte ich.
„Nein, aber Schriftsteller.“
Ich atmete auf in der unklaren Empfindung, mich in verläßlichen Händen zu befinden.
„Nun werde ich Ihnen einen Vorschlag machen, kleiner Robinson, zumal ich Sie nicht Ihrem Schicksal überlassen werde, bis Sie Ihre geschäftliche Angelegenheit geordnet haben. Ich bringe Sie zu einer Freundin, die mir lieb und teuer ist, zu einer Madame L. T., die wird Sie mit Vergnügen aufnehmen.“
Wir erhoben uns.
„Allons, Mademoiselle!“
Beim Verlassen versuchte ich, meinem Begleiter seine Auslagen zurückzuerstatten, obgleich dies meine letzte Barschaft war. Ich durfte die Bitte gar nicht zu Ende sprechen, als er schon den Kopf schüttelte: „AberMademoiselle, Sie sind mein Gast.“ — In der Rue de R. hielt das Kabriolett vor einem villenartigen Hause. Ein zierliches Mädchen in Rosa öffnete die Tür und sagte, ohne meinen Begleiter zu Worte kommen zu lassen, fast vorwurfsvoll: „O, Monsieur, Madame hat bis vor einer halben Stunde auf Sie gewartet, nun ist sie allein in den Bazar gefahren.“ Betreten murmelte mein Begleiter: „Mon Dieu, wie konnte ich das vergessen!“ Ich fühlte mich als die Schuldige, dieses mochte der Fremde empfinden, da er beruhigend sagte: „Ich nehme die Schuld auf mich.“ Ich hörte ihn leise vor sich hinsagen: „Eine liebe Person ist Madame L. T.“ Dann wandte er sich wieder zu mir: „Nun, ich werde Sie gegen Abend hinbringen, und Sie werden sie schätzen lernen, wie ich.“ — „Gefällt Ihnen mein Heim?“ fragte Guy de Maupassant, der mir unterwegs endlich seinen Namen genannt hatte, von dessen Bedeutung ich damals noch keine Ahnung hatte. „Jetzt wollen wir uns ruhig überlegen, was wir zu tun gedenken. Kommen Sie doch aus Ihrem Winkel hervor und fürchten Sie sich nicht vor mir! Haben Sie auch schon daran gedacht, falls Sie noch Eltern haben, daß die in Besorgnis sein werden, und daß ich eigentlich verpflichtet bin, ihnen Nachricht zukommen zu lassen?“ Er mochte wohl meinen Schreck bemerken, denn er fügte schnell hinzu: „Nun, wir sind ja Kollegen, außerdem bin ich kein Moralprediger, und Ihr Unternehmen rüge ich keineswegs, im Gegenteil, es imponiert mir, aberna, diesen Punkt wollen wir gemeinsam mit Madame L. T. überlegen. Für den Augenblick bin ich dafür, daß der kleine Robinson von den Strapazen seines Abenteuers sich etwas ausruht. Ich werde unterdessen ein wenig ausgehen und frühzeitig wieder erscheinen.“ Er war fort, und ich allein, mutterseelenallein im fremden Hause. Zunächst betrachtete ich die Gegenstände des Zimmers. Auf dem Schreibtisch standen einige Photographien, unter denen ich auch den helläugigen Herrn von heute morgen fand. Zu meiner großen Freude, denn er gefiel mir schon wegen seiner blonden Locken sehr gut. Dann aber spürte ich die so lange zurückgehaltene Müdigkeit, legte mich auf eines der Kanapees und deckte mich mit den Decken zu, die Maupassant für mich bereitgelegt hatte. Aus traumlosem Schlaf, wahrscheinlich durch das Geräusch einer aufgehenden Tür aufgewacht, mußte ich meine Gedanken erst mühsam sammeln. „Herr Gott, wo war ich denn eigentlich?“ Ich eilte ans Fenster, und mir schoß plötzlich angesichts der fremdartigen Uniformen auf der Straße unten der Gedanke durchs Hirn: „Wie kam’s doch noch, daß ich in Paris bin.“ Mich überkam plötzlich die Angst eines Gefangenen, der keinen Ausweg weiß. „Herr Gott, wenn nun der fremde, dunkle Mann ein Verbrecher wäre?“ Mir wurden plötzlich alle Sensationsgeschichten meines Lebens grauenvoll lebendig. Um mich zu orientieren, um gleichsam die Waffen meines Feindes kennen zu lernen, ging ich an den Schreibtisch.
„Was, Goethe!“ Nun fühlte ich mich in Sicherheit. Und was mich am meisten interessierte, da lag ja auch Petöfi. Der Dichter, der mir gefiel in seiner ungarischen Studentenuniform. „Ach, Monsieur!“ rief ich erstaunt und erschreckt. Maupassant stand nämlich vor mir, ich mußte sein Klopfen überhört haben. „Nun, mein kleiner Robinson, Sie sehen ja so frisch aus, wie ein Dijonknöspchen; jetzt wollen wir weitere Dispositionen treffen. Übrigens öffnen Sie einmal die beiden Schachteln, mit deren Inhalt bald zwei kleine Buben spielen werden.“ In der einen Schachtel lagen schonungsvoll Bleisoldaten geschichtet, mit dunklen Waffenröcken und roten Hosen. In der Mitte der Schachtel aber lag, umgeben von seinen Getreuen, Napoleon III., hoch zu Roß. Aus der andern Schachtel glotzten mich porzellanene Froschaugen an, Enten mit gelben Schnäbeln, Reptilien aller Arten — ein ganzes Aquarium. Ich richtete die Soldaten parademäßig. Maupassant hatte währenddes eine Waschschüssel herbeigeholt, und wir ließen nun die Ungeheuer auf den Fluten, die wir zu künstlichen Stürmen erregten, nach Herzenslust austoben.
Wir, Maupassant und ich, waren auf einmal intim wie zwei Gespielen. Das fand auch Maupassant. „Wir würden uns, glaube ich, sehr gut vertragen,“ sagte er plötzlich und klopfte mir auf die Backe. Dann aber begann er ernstlich über meine Situation zu reden. „Ich habe eben Erkundigungen eingezogen über das Magazin. Der Chef steht keineswegs in gutemLeumund. Ich rate Ihnen davon ab, dort einzutreten aber vielleicht haben Sie noch andere Fertigkeiten, die sich verwerten ließen?“
„Ach ja, Herr Maupassant, ich tanze sehr gut.“
„So, dann wäre ja der Zirkus oder das Ballett gar nicht übel!“ meinte er nicht ohne Ironie. „Und welcher Tanz wäre denn Ihre Spezialität?“
„Danse de ventre.“
„So?“ Maupassant lächelte erstaunt. „Da müssen Sie mir gleich eine Probe Ihrer Fertigkeit ablegen.“
„Eh bien!“ rufe ich in heller Begeisterung: „Sie werden der Pascha sein, vor dem ich mich mit meinem Kostüm produziere.“ „So hätten wir auch das Lokalkolorit,“ ergänzte er. Ich war indessen schon so eingebürgert in der gastlichen Wohnung, daß ich die Türe öffnete und Maupassant bat, so lange meine Toilette währte, zu verschwinden. Eine golddurchwirkte Decke, die auf einem der Tischchen lag, nahm ich und wand sie um meine Lenden bis zu den Füßen herab. Ich löste meine Haare und entnahm einer Vase einige Nelken, die ich mir kreuzförmig um den Kopf flocht. Ich muß ausgesehen haben wie eine Wilde.
„Entrez, monsieur le Pascha, s’il vous plaît.“
Maupassant trat ein, auf dem ausdrucksvollen Kopfe einen Fez und um den Hals eine reiche Münzenkette, mit majestätischem Ernst nahm er auf einem zum Thron umdrapierten Sessel würdig und feierlich Platz, und die Vorstellung begann.
„Charmant, drôle, superbe!“ rief er ein über das andere Mal, und seine Würde vergessend, begann er taktmäßig den Kopf hin- und herzuwiegen bei jedem, Kastagnettenschlag markierenden, Schnippen meiner Finger. Die Nelken aus den Haaren nehmend, kniete ich zum Schluß vor ihm nieder. „Mein Fürst und Gebieter, hat deine Prinzessin Gnade vor deinen Augen gefunden?“
„Was begehrst du?“ rief der Pascha mit Pathos.
„Deine Freundschaft, Herr.“ — Wir fuhren am Abend noch, da Maupassant sich dagegen sträubte, mich in das obskure und für mich gänzlich ungeeignete Hotel „Maison Bohème“ zu bringen, in dem ich bei meiner Ankunft, da es mir wie ein Wahrzeichen erschien, abgestiegen war, zu Madame L. T. — Unterwegs bat er mich, ihn zu küssen, da er doch mein Gespiele sei. Ich war im Begriff, meinen Kopf in die Höhe zu recken und ihn zu küssen, da ich seinen Wunsch ganz natürlich fand — doch nein, — plötzlich senkte ich meinen Kopf wieder in die alte Lage zurück, denn in diesem Augenblick fiel mir ein, was Maupassant mir gesagt: „Ich verachte die Frauen, weil ich sie nötig habe.“
„Nun, plötzlich anders gewillt?“ rief er erstaunt und gekränkt.
„Ah so,“ meinte er lächelnd. — — —
Madame L. T. empfing mich liebenswürdig und küßte mich nach französischer Sitte auf beide Wangen. „Hier bring’ ich Ihnen einen kleinen Robinson,“ erklärteMaupassant. „Und vor allen Dingenune belle fille,“ sagte Madame L. T. weiter. „Das finde ich keineswegs,“ warf Maupassant ein, „apart — ja — ein Mädchen mit Knabenaugen.“
Mit gedämpfter Stimme unterhielten sich die beiden, wahrscheinlich über meine Zukunft, hinter der Portiere, und dann empfahl sich mein Beschützer, nicht ohne mich nochmals ausdrücklich zu beruhigen: „Mein liebes Fräulein, seien Sie unbesorgt, Sie befinden sich in den besten Händen!“ Madame führte mich in ein kleines Boudoir, wo wir den Tee einnahmen. Sie hörte nicht auf mit Liebkosungen; und noch mehr wie meine Leidensgeschichte interessierte sie mein Renkontre mit Maupassant.
Meine Wangen glühten im Gespräch, und ich machte ihr das Geständnis, daß Maupassant mir sehr gut gefiele, daß er mich habe küssen wollen, was ich aber stolz abgelehnt. Als ich schwieg, begann die Dame, die während meiner begeisterten Aussprache erblaßt war, mir klar zu machen in der delikatesten Weise, daß man die Liebe eines Mannes wie Maupassant sich am besten bewahre durch Zurückhaltung. Und dann verstand sie in rührender Weise mich aufmerksam zu machen, wie besorgt meine Angehörigen nun wohl um mich sein würden. Sie brachte mich zu Bette wie ein Kind, und ich konnte nicht unterlassen, meine Arme um sie zu schlingen wie instinktiv, um ihr Abbitte zu leisten dafür, daß ich ihr Schmerzen bereitet hatte. Ich weinte bitterlich diese Nacht, nicht ohne das wohltuendeGefühl einer gewissen Hochachtung vor mir selbst — denn ich faßte den Entschluß, eine heroische Tat zu vollbringen, Paris zu verlassen — Maupassant nie wiederzusehen.
Morgens früh klopfte ich an die Tür der Dame und teilte ihr meinen Entschlußmit, daß, falls sie mir das Geld zur Rückreise borgen wolle, ich Paris verlassen würde. Ich glaube, im Grunde plagte mich das Heimweh, das durch das Wort Madame L. T., noch geschürt wurde.
„O, meine liebe Madame L. T., nicht wahr, Sie grüßen Monsieur Maupassant von mir?“