Durch die breiten, tief-grünen Wellen, deren Kämme eine milde Brise streichelte, kam die Orca-Kuh friedlich herangewälzt, und an ihrer Seite schwamm das Kalb. Von Zeit zu Zeit rieb es sich an der Mutter, als sei es ängstlich vor den weiten, gefährlichen Meereswogen, und suchte Schutz unter ihren mächtigen Flossen. Die Orca-Kuh aber, unter allen Müttern der Wildnis eine der besorgtesten und treuesten, drängte ihr Junges von Zeit zu Zeit mit der großen Flosse an seine Seite oder streichelte es zärtlich mit seiner ungeheuren runden Schnauze.
Sie war gut 19 bis 20 Fuß lang, die große Orca. Ein Seemann oder Fischer, dessen Auge zufällig auf sie fiel, hätte sie »Mord-Wal« genannt. Er hätte sie sofort und unter allen Angehörigen ihrer Wal- und Tümmler-Familie herausgekannt, an der riesigen Rückenflosse, die nicht viel weniger als fünf Fuß hoch über dem breiten und massiven Schwanze über ihrem Rücken stand, an den beiden auffallenden weißen Streifen ihrer schwarzen Flanke und an der scharf gezeichneten Linie ihres milchweißen Bauches, der sorglos auf dem Rücken einer Welle ruhte. All dies waren Anzeichen von Gefahr, die kein Wissender übersehen hätte.
Das Kalb der Orca hatte wenig Grund zur Sorge, solange es sich nahe seiner Mutter hielt. Denn diesschnellste und wildeste aller Waltiere fürchtete kein schwimmendes Geschöpf, höchstens ihren riesigen Vetter, den Pottfisch oder Pottwal. Nur zwanzig Fuß lang, attackierte und tötete sie durch die Wildheit ihres Angriffs sogar den großen Tranwal, den man den »richtigen« Wal nennt. Obwohl der viermal so lang ist und vielfach ihr Gewicht hat. Den Menschen hätte sie gefürchtet, doch hatte sie nie seine Macht kennen gelernt. Arm an Tran, hatte ihre Familie den Menschen nie zu einer so schwierigen und gefährlichen Jagd verlockt. Wohl gab es Haie, die ihr an Größe ebenbürtig waren oder sie übertrafen, aber kaum einen, der ihr an Wildheit, Schnelle und List gleichkam. So durfte sie in sorgenloser Behaglichkeit durch die glatte, unbewegte See faulenzen, gleichgültig gegen die Brandung an den gelben Klippen zu ihrer Rechten und die offene Weite des Ozeans zu ihrer Linken. Alle Aufmerksamkeit, die sie nicht auf die kindlichen Reize ihres Kälbchens verwandte, widmete sie der Aufgabe, die durchsichtigen Tiefen unter sich abzusuchen, denn dort verbarg sich der große Tintenfisch, ihre häufige Beute.
Ganz plötzlich tauchte sie unter; es entstand kein anderer Laut, als das dumpfe Gurgeln des Wassers, das sich über ihr schloß. Tief unten in der Dunkelheit hatte sie einen blassen, trägen Körper erspäht. Es war ein See-Polyp, der töricht genug gewesen, sein Standquartier zwischen den Felsen auf dem Meeresgrund zu verlassen und fremde Jagdgebiete aufzusuchen. Bevor er Zeit gefunden hatte, auch nur an Flucht zu denken, war er in den mächtigen Kinnbacken des Mordwals. Einen Augenblick lang zitterten seine acht langen Fühlhörner verzweifelt und tasteten an die Lippen des Jägers. Dann verschwanden sie, das ganze Tier war mit einemSchluck vertilgt und verschwunden. Friedlich kehrte die Orca zum sonnenhellen Meeresspiegel zurück, zu ihrem ängstlichen Kalb, das nicht flink genug war, der Mutter auf ihrem Jagdzug zu folgen. Sie war nicht zwei Minuten lang abwesend gewesen und nicht einen Augenblick außer Gesicht, aber der Instinkt des Jungen traute dem milden blauen Element nicht, daß für ein Baby voll von Gefahren war.
Der Polyp, obwohl ein stattlicher Geselle, hatte für den großen Mordwal nicht mehr bedeutet, als einen leichten Imbiß, nur den Erreger für seinen gewaltigen Appetit. Jetzt suchte das Auge der Orca lebhafter in den Tiefen. Auf einmal bekam die blau-grüne Tiefe des Wassers einen helleren, metallischen Schimmer, kaum dreißig Fuß unter dem Meeresspiegel erschien die weiße Linie eines Riffs und fing das Licht. Hier sonnte sich ein breites flaches Tier, das einem großen Pilz nicht unähnlich war, mit flügelartigen Flossen, die wohl zwölf Fuß im Durchmesser hatten, und einem langen Schwanz, der einer Peitsche glich. Seine kalten, unbewegten Augen starrten empor und bemerkten den Körper des Mordwals! Mit einem kaum wahrnehmbaren Schwung der schwarzen Flossen glitt es von seinem Riff und floh in die Tiefe.
Aber der riesige Rochen war nicht schnell oder verstohlen genug, um dem Blick seines Feindes zu entgehen. Wieder tauchte die Orca, diesmal ohne Geräusch zu vermeiden, und so plötzlich, daß ihre breiten Schaufelflossen auf das Wasser aufknallten. Wie ein Senkblei stieß sie in die Tiefe. Der Rochen, der sie sah, geriet in Panik. Er wich zur Seite aus und schoß wieder empor, in rasender Eile und mit einem herrlichen Schwung. Mit der Gewalt dieses Auftriebs warf er seinen ganzen schwarzen, bebenden Leib schlank in die Luft, wo ersich drehte und eine Sekunde lang tropfend hing, als hätte ihn der Wahnsinn seiner Angst ein neues Element erobern lassen. Dem nervenschwachen Kalb war das ein schreckliches Wunder, darüber die Sonne fast erlosch. Aber der heftige Ausflug in die Luft dauerte nur diesen einen Augenblick lang und war so nutzlos, wie er kurz war. Als die flachen schwarzen Flossen laut klatschend wieder auf die Flut prallten, fing die streitbare Orca ihre Beute auf, ergriff sie und zog sie hinunter. Es war kein Kampf, der Rochen war machtlos gegen seinen gewaltigen Gegner – nur ein kurzes blind-wütiges Toben in schäumenden Wellen, dann blutiger Schimmer im Grün der See.
Das war jetzt ein ausreichendes Mahl gewesen, selbst für einen Appetit wie den der Orca. Unbenutztes Ueberbleibsel davon trieb umher und sank unter, um die zahllosen Gassenkehrer von Krabben zu nähren, die in den Ritzen und Höhlen des überspülten Riffs lungerten. Die Orca blieb, für eine halbe Stunde etwa, wo sie war, wälzte sich friedlich in dem hellen Wasser über dem Felsen, säugte und liebkoste ihr Kalb und verdaute ihr Mahl. Dann setzte sie friedvoll die Reise fort, aber landeinwärts gerichtet, bis sie nur noch eine halbe Meile weit von der Kette kleiner Inseln und bröckliger Vorberge war, die jene gefährliche Küste umschlossen.
Es war noch nicht voller Mittag und das wolkenlose Sonnenlicht fiel fast senkrecht auf den Meeresspiegel, durchleuchtete die See bis zu erstaunlicher Tiefe. So etwa in halber Höhe des durchsichtigen Glanzes schwamm sorgenlos ein großer Tintenfisch. Sein schneller, spitzer Körper war etwa sechs Fuß lang und an seiner breitesten Stelle, nämlich dem Kopf, hatte er einen Durchmesser von 12–14 Zoll. Aus diesem formlosen Kopf wuchsein Bündel von Fühlhörnern, wie Blätter aus einer Mohrrübe wachsen, etwa zehn an Zahl und jedes so lang wie der ganze Körper des Tieres. Körper und Fühlhörner waren von gleicher blasser, schmutzig-gelb-grüner Farbe mit bräunlichen Flecken – eine Farbe, die ihren Träger in dieser sonnenbestrahlten See fast unsichtbar macht. Die Bewegung dieser Sepia war nach rückwärts. Sie geschah nicht durch Arbeit der Fühlhörner, sondern dadurch, daß ein großer muskulöser Sack unter den Fühlhörnern ein Maß Wasser aufsaugte und mit Macht wieder von sich stieß. So sah es aus, als atmete der Fisch das Wasser ein und blies sich damit selbst von der Stelle.
Nach dem Festessen, das die Orca sich mit dem gewaltigen Rochen geleistet hatte, war sie durchaus noch nicht hungrig. Aber der saftige Bissen, den dieser Tintenfisch bot, war eine Versuchung, der sie nicht widerstand. Leicht niedertauchend, schoß ihr schwerer, aber fein geformter, schwarz-weißer Körper in die schimmernde Flut. Doch der Tintenfisch blickte auf und sah sie, bevor sie ihn erreicht hatte! Im selben Augenblick schlossen seine zehn losen Fühlhörner sich zu einem harten Bündel, das seine Bewegung nicht hinderte. Seine blassen Flanken zogen sich mächtig zusammen, er stieß Wasser aus und schoß davon, schneller als ein Torpedo aus dem Lauf fliegt. Und zugleich stieß er aus einer Drüse in jenem Sack, dessen Arbeit ihn bewegte, eine Masse schwarzer Flüssigkeit, die sofort eine gewaltig-dunkle Wolke erzeugte und seine Flucht ermöglichte. Außerhalb dieses Verstecks wechselte er die Richtung und floh einer tiefen Höhle auf dem felsigen Grund zu, in der er sich vor den Kinnbacken seiner Feindin sicher wußte.
Die Orca wühlte sich furchtlos in die tintige Wolke hinein, aber im tiefen Dunkel verlor sie jede Spur der ersehnten Beute. Ja, für einen Augenblick verlor sie sich selbst. Hierhin und dorthin ließ sie ihre mächtigen Kinnbacken schnappen, aber immer vergeblich. Was sie erfaßte, war leeres, gefärbtes Wasser. Endlich schnellte sie wieder aus dem Schwarzen in's durchsichtige Grün. Aufwärts spähend erblickte sie so Entsetzliches, daß sie mit fast titanischer Anstrengung an die Oberfläche zurückkehrte. So leidenschaftlich war der Stoß ihrer mächtigen Flanke, daß die Wasser der Tiefe wie unter den Schrauben eines Dampfers aufkochten.
Das Kalb hatte seiner Mutter erst in die Tiefen folgen wollen, hatte sich dann aber vor der schwarzen Wolke gefürchtet, in der die Mutter verschwand. Angstvoll war es an die Oberfläche zurückgekehrt und schwamm dort ziellos, sehnsüchtig umher, als ein wandernder Haifisch es erblickte.
Der Hai wußte wohl, mit wem er es zu tun hatte. Er spähte rundum nach der Mutter, denn gegen eine Mutter-Orca wollte er nicht unhöflich sein. Aber es war keine Mutter in Sicht. Er verstand das nicht. Aber er war toll vor Hunger, und eine solche Gelegenheit war unwiderstehlich. Mit einem Ruck schnellte er gegen das Kalb, warf sich, ihm zur Seite auf den Rücken, um die Beute zu fassen, und zeigte dabei seinen hellen weißen Bauch. Das Kalb verzagte beinahe, als es einen schwarzen, dreieckigen mit unzählbaren Zähnen bedeckten Rachen sah, der sich plötzlich vor ihm auftat. Im letzten Moment riß es sich los und schwamm im großen Bogen dorthin, wo die Mutter niedergetaucht war.
Wieder schleuderte der Hai sich heran, aber um seine seltsam vorgebaute Kinnlade brauchen zu können,mußte er sich abermals auf die Seite drehen, und das Orca-Kalb besaß schon das Fluchtvermögen seines Stammes. So mißglückte der Angriff zum zweiten Mal. Bevor der Hai ihn zum dritten Male wiederholen konnte, erspähte er die Mutter, die aus den grünen Tiefen emporschoß. Und obwohl er gut 25 Fuß lang war – wohl fünf Fuß länger als die Orca – wandte er sich und floh, sein Leben zu retten.
Ein Blick beruhigte die Mutter: ihr Kleines war unverletzt! Dann machte sie sich an die Verfolgung des Angreifers, mit einer Geschwindigkeit, die seine Flucht ganz vereitelte. Nicht fünfzig Meter weit war er gekommen, als sie schon, mit offenem Rachen, über ihm war. Er warf sich krampfhaft zur Seite, und so glückte es ihm, dem ersten Angriff auszuweichen. Mit dem Mut der Verzweiflung wand er sich unter sie, drehte sich zum Biß, kam an den Bauch der Feindin und bohrte seinen dreieckigen Rachen ein. Aber sie hatte schon halb pariert, und er fand keinen wirklichen Angriff. Wohl riß er ihr Haut und Tran aus dem Leib, aber seine Zähne erreichten kein lebenswichtiges Organ. Die tobende Mordwal-Mutter fühlte die Wunde kaum. Unter ihrer Heftigkeit sprühte und dampfte es in der Luft, sie fing den Schwanz des Hais an seiner Wurzel und zermalmte ihn zwischen den Kinnbacken.
Wenn überhaupt von einem Kampf die Rede sein konnte, war dies schon das Ende. Ein paar Minuten lang hielt das Toben noch an, warf sich das verfärbte Wasser meterhoch. Aber alles Kämpfen war auf einer Seite. Die Orca riß und preßte und zerrte das Leben aus dem Körper ihres besiegten Gegners. Als sie von ihm abließ, sank eine zermalmte Masse langsam in die Tiefen. Wieder barg sie das verängstete Kalb unterihrer Flosse, säugte es, und dann schwamm sie ruhig dem tiefen Kanal zu, der sich zwischen den Inseln und dem Ufer hinzog, und in dem sie etwas saftigen Tintenfisch zu finden hoffte, um sich für den einen zu entschädigen, der ihr so rücksichtslos entronnen war.
Die Brise, die bisher sanft wie mit Katzenpfoten das Wasser gestreichelt hatte, bekam jetzt einen kräftigen Zug, stark genug, um die Oberfläche des Wassers tief purpurn zu färben. Sie trieb an der Küste entlang, zwischen Klippen und Eiland, ein kleines Boot vor sich her, dessen einziges Segel im Sonnenglanz leuchtete.
Zwei Fahrgäste waren in dem zerbrechlichen Fahrzeug, ein Mann am Steuer, der eine große Shag-Pfeife rauchte, und ein seidiger, brauner Jagdhund, der am Fuß des Mastes kauerte. Es war eine schwierige Küste und ein gefährliches Wasser für solch eine Nußschale. Aber der Mann war ein tüchtiger Sport-Segler, und er wußte, daß zwischen dem Hafen, den er verlassen hatte, etwa fünfzehn Meilen weit zurück an der Küste, und dem Hafen, den er erreichen wollte, ein Dutzend Meilen weiter nordwärts, mehr als ein Zufluchtsort lag, den er anlaufen konnte, falls ein plötzlicher Sturm sich im Osten erheben würde. Zwar war dies Wasser ihm fremd, aber er hatte eine gute Seekarte. Es war sein besonderes Vergnügen, unbekannte Gewässer abzusegeln, nur in der Gesellschaft seines treuen Hundes, der stets mit ihm einverstanden war, wenn es galt, einen interessanten Platz zu besuchen.
Gardner war also ein vorzüglicher Segler, sein Auge erkannte jedes Wetter-Symptom, und er hatte den Instinkt, der durch Ruderpinne und Segelleinen den Puls des Windes fühlt. Aber von Naturwissenschaft wußte er ein bißchen weniger als es einem Mann zuwünschen war, der die bevölkerte See zu seinem Spielplatz macht. Von dem Stamm der Walfische und ihren verschiedenen Abarten wußte er nur das Wenige, was er über den großen furchtbaren Tran-Wal gelesen und was er von dem lustigen und harmlosen Tümmler gesehen hatte. Daher kam es ihm nicht in den Sinn, daß er sich zurückhaltend benehmen müßte, als er den gewölbten schwarzen Rücken und das gewaltige Haupt der Orca sah, die lässig durch die Wellen strich. Wäre er ein Habitué dieser Wasser gewesen, – er hätte dem Schnabel seines Schiffes schleunigst eine andere Richtung gegeben, nur um die Orca zu überzeugen, daß er ihr Privatleben nicht zu stören beabsichtige! So aber geschah es, daß er näher heran segelte, um zu sehen, was für eine Art von Fisch oder Tier es war, dies schwarz-weiße Geschöpf, das von seiner Nähe so gar keine Notiz nahm.
In einer Entfernung von 80 oder 100 Meter bekam Gardner einen verrückten Einfall. Hier war gute Gelegenheit für einen Schuß, das unbekannte Tier würde eine wertvolle Trophäe abgeben. Er dachte nicht daran, was er anfangen sollte, wenn er diese Trophäe erst besaß. Er überlegte sich nicht, daß er mit seinem leichten Gewehr kaum eine schmerzhafte Wunde in die Tranmasse schicken konnte, die alle edleren Organe des See-Ungeheuers schützte. Er wußte nicht einmal, daß ein toter Wal auf den Grund sinkt, daß er mithin auch für den besten Schuß keinen Lohn zu erwarten hatte. Ueber ihm war einfach der Zwang, zu töten. Er warf ein Knie über das Steuerruder, um seinen Kurs zu halten, nahm das Gewehr hoch und feuerte auf einen Punkt hinter der großen Flosse der Orca – irgendwohin, wo er das Herz vermutete. Während er schoß, sprang seinHund auf, denn er merkte, daß etwas Aufregendes geschah, legte seine Pfoten auf den Bootsrand und bellte wütend gegen das fremde schwarze Ungeheuer, das durch die Wellen rollte.
Zu Gardners Erstaunen zeichnete das Ungeheuer selbst überhaupt nicht auf den Schuß, aber unter seiner Flanke begann sofort eine wilde Bewegung. Irgend etwas dort schlug wie wahnsinnig auf das Wasser, das Ungeheuer selbst schwang sich zur Seite und starrte mit großer und ängstlicher Aufmerksamkeit auf dieses Etwas. Sie schlug mit ihrer Flosse sanft dorthin, als wollte sie das Etwas beruhigen, und dann sah Gardner, es war das Waljunge, das er geschossen hatte. Da fühlte er Gewissensbisse. Hätte er das Kalb gesehen, so hätte er weder auf die Alte noch auf das Junge geschossen, denn er war nicht einfach grausam, sondern nur gedankenlos. Ein paar Sekunden lang starrte er unentschlossen vor sich hin, dann beschloß er, das Kalb – in der Annahme, daß es tötlich verwundet war – von seinen Qualen zu befreien. Er zielte sorgfältig und schoß noch einmal. Das Echo warf den Knall von den Klippen einer Insel zurück, die kaum hundert Fuß weit ablag.
Diesmal hatte Gardner gut getroffen. Ehe noch die Echos der Entladung verhallt waren, lag das Kalb still und begann dann, langsam zu sinken. Ein paar Sekunden lang herrschte Ruhe, nur durch das erregte Bellen des Jagdhundes gestört. Die Orca schwamm langsam rund um den Körper ihres Jungen, anscheinend versicherte sie sich, daß es tot war. Dann wandte sie ihre kleinen Augen auf das Boot. Es dauerte nur einen Augenblick, aber in diesem Augenblick erkannte Gardner, daß er einen abscheulichen Fehler begangen hatte. Unwillkürlich wandte er sein Boot gegen die felsige Insel.
Während er das Steuerruder herumwarf und in Hast sein Segel freimachte, sah er, wie das Wasser unter dem schwarzen Körper der Orca aufschäumte. Sie war gut 100 Meter weit von ihm weg, aber so mächtig war ihr Ansturm, daß es war, als sei sie im Augenblick auch schon über ihm. Mit Geheul sprang der Hund in den Bug. Da das Boot in diesem Augenblick mit seiner Breite dem schrecklichen Angriff zugekehrt war, behielt Gardner seinen Sitz und gab noch einen verzweifelten Schuß ab, direkt in's Gesicht der anstürmenden Bestie. Ebenso gut hätte er mit Erbsen schießen können.
Das Gewehr fiel ihm vor die Füße, im Augenblick war es, als hätte ein Schnellzug das Boot gerammt. Es wurde aus dem Wasser gehoben, seine ganze Seite war zerschmettert, während Gardner schlank über die Spiere flog. Als er niederfiel, hörte er zum letzten Mal seinen braunen Hund heulen. Um nicht in das Segel verwickelt zu werden, das auf ihn niedersackte, tauchte Gardner unter und schwamm an fünfzehn Fuß weit unter dem Wasser. Seinem Tauchen und dem Umstand, daß das Segel ihn vorübergehend versteckt hatte, dankte er zweifellos sein Leben. Er war ein Meisterschwimmer, und in wahnsinniger Eile strebte er jetzt auf die Insel zu, mit Paddelschlag, den Kopf fast immer unter Wasser. Die Orca bemerkte zunächst seine Flucht nicht. Der unglückliche Hund hatte durch sein Gebell ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, ihn hatte sie ergriffen und in dem Augenblick, in dem er ins Wasser fiel, zermalmt. Dann hatte sie ihre Wut gegen das Wrack des Bootes gerichtet, sie hatte es zerrissen, zu Brennholz gemacht, indem sie es in ihren mächtigen Rachen nahm und schüttelte, wie ein Terrier eine Ratte schüttelt. Nach diesen Taten kehrte sie sich zur Insel hin, und jetztfielen ihre todbringenden Augen auf die Gestalt des schwimmenden Mannes.
Ihr Ansturm war wie der eines Torpedos, aber Gardner legte schon seine tobenden Hände auf das Riff. Dies Riff, eine Felsnase, die kaum zwölf Zoll breit war, wurde grade noch von der See überwaschen. Er fühlte, daß hier kein Zufluchtsort war. Aber grade über ihm, etwa in seiner halben Höhe, lag eine Grotte im Felsen, die wunderlich ausgemeißelt war, als sollte eine Bildsäule darin aufgestellt werden. In verzweifelter Hast rettete er sich in dies dürftige Versteck, zog seine Beine dem Körper nach, machte sich in der Grotte so flach wie möglich. In diesem Augenblick schon flogen Schaum und Sprühregen über ihn her, denn mit furchtbarer Gewalt warf sich sein Verfolger gegen den Felsen zu seinen Füßen.
Gardner schauerte und es fiel ihm schwer, wieder Luft in seine verkrampften Lungen zu bekommen. Er hatte schon manches Rennen geschwommen, aber keines wie dies. Vorsichtig drehte er sich um, und während er noch flach wie eine Muschel auf dem Boden lag, starrte er hinunter und zitterte vor Angst, sein Feind könnte zum zweiten Mal einen so wahnsinnigen Sturm versuchen, diesmal vielleicht mit besserem Erfolg.
Aber die Orca schien den Versuch nicht wiederholen zu wollen. Die Gewalt ihres Angriffs war furchtbar gewesen und hatte wohl auch ihr den Atem verschlagen. Jetzt schwamm sie ruhig vor dem Felsen auf und ab, ein grausamer und schrecklicher Belagerer. Gardner sah in ihre kalten, kleinen Augen und zitterte vor dem intelligenten und unversöhnlichen Haß, der darin flammte.
Als er sich soweit erholt hatte, um seine Lage zu überdenken, mußte er zugeben, daß sie nahezu verzweifeltwar. So weit er auch nach den Seiten und nach oben die Klippen abfühlte, fand er keine Zacke und keinen Griff, mit Hülfe deren er hoffen konnte, die Spitze des Felsens zu erklettern. Wie lange sein rachsüchtiger Feind die Belagerung fortsetzen würde, konnte er nicht beurteilen. Aber wenn er bedachte, wieviel Leid er ihm zugefügt hatte, wie sachlich seine Art der Belagerung war und wie furchtbar die Wut seines Angriffs, hatte er wenig Anlaß, zu hoffen, daß er seinen Posten bald verlassen würde. Er wußte, daß die Orca in diesen belebten Wassern reichliche Nahrung finden würde. Aber so reich dies Meer auch an tierreichem Leben war, wußte er doch, daß ein Schiff hier nur selten auftauchen würde. Die Küstenschooner mußten hier einen weiten Bogen machen, der unsichtbaren Riffe und unterirdischer Strömungen wegen. Seine Insel war sicher nur eine halbe Meile weit vom Strand, unter gewöhnlichen Umständen für ihn eine leichte Schwimmübung. Aber selbst wenn der Belagerer ihn verließ, hatte er keinen Schutz gegen die Gier der riesigen Haie, die in diesen Insel-Kanälen ihr Wesen trieben. Er war der vollen Glut der Sonne ausgesetzt – der Felsen fühlte sich unter seinen Händen schmerzhaft heiß an – und so fragte er sich, wie lange es dauern würde … Bald würden seine Beine unter dem Gewicht des Körpers einknicken, er würde vorwärts torkeln, direkt in den Rachen seines lauernden Feindes. Dann beruhigte er sich über diese Gefahr, denn er bemerkte plötzlich, daß die Sonne bald hinter seinem Riff verschwinden und ihn im Schatten lassen würde. Was die Hitze anbetraf, konnte er es also bis zum nächsten Morgen ruhig aushalten. Aber dann? Blieb das Wetter schön, wie sollte er dann die unerträglich lange Glut des Vormittags überstehen, ehe die Sonne zum zweitenMal hinter der Klippe verschwand? Er begann, um Sturm und undurchdringlichen Nebel zu beten. Aber dabei hielt er plötzlich inne, es wurde ihm bewußt, in welcher Klemme er war. Kam ein Sturm, dann war zu dieser Jahreszeit anzunehmen, daß es ein Südost war; in diesem Falle würden die ersten brandenden Seen ihn von seinem Sitz herunterwaschen. So beschloß er endlich, sein Gebet ganz allgemein zu halten und der Vorsehung keine zweifelhaften Ratschläge zu geben.
Unwillkürlich kramte er in seiner Tasche herum, zog ein Paket durchnäßten, triefenden Tabaks nebst einer Büchse nasser Streichhölzer hervor. Unter den Streichhölzern waren ein Paar Wachszünder, und er hatte eine dürftige Hoffnung, daß er sie nur sorgfältig zu trocknen brauchte, um vielleicht einen Funken zu schlagen. Er breitete sie mit dem Tabak auf den heißen Stein zwischen seinen Füßen. Seine Pfeife hatte er bei der Katastrophe verloren, aber in seiner Tasche fanden sich Briefe, und mit diesen, die er gleichfalls trocknen wollte, konnte er sich vielleicht Zigaretten drehen. Das Unternehmen gab ihm etwas zu tun und half ihn so über den endlosen Nachmittag hinweg. Zuletzt aber mußte er feststellen, daß keins der Wachshölzer ihm einen Funken geben würde. Aergerlich warf er die nutzlosen Ueberbleibsel in's Meer.
Ganz unerwartet kam die Nacht, wie immer in diesen Breiten, und das Mondlicht verzauberte die langen Wellen in leuchtendes Glas. Die ganze Nacht über schwamm die Orca vor dem Felsen auf und ab, bis die Eintönigkeit ihrer Bewegung den Gefangenen hypnotisierte, daß er seine Augen gegen die Felsspitze richten mußte, um dieser Hypnose zu entgehen. Seine tötliche Angst war, er könnte in seiner Schwäche einschlafen und aus derGrotte herausfallen. Die Beine wurden ihm schwer, aber in der Nische war kein Raum, sich niederzusetzen, oder auch nur einigermaßen bequem zu kauern. In seiner Verzweiflung entschloß er sich endlich, seine Beine über den Felsen herunterbaumeln zu lassen, wo die Feindin sie freilich erschnappen konnte, wenn sie wieder einen ihrer wilden Luftsprünge wagte. Sobald er sich bewegte, schwamm sie näher und starrte ihn mit unverändertem Haß an. Aber sie versuchte nicht, ihren Luftangriff zu wiederholen. Gardner nahm an, daß sie zu einem zweiten Zusammenprall mit dem Felsen keine Lust hatte.
Endlich erschöpfte sich diese endlose Nacht. Der Mond war schon lange hinter der Klippe verschwunden, der samtne Purpur des Nebels wurde dünn, die Sterne erblaßten. Dann erwachte der unendliche Glanz eines wolkenlosen tropischen Morgens über der See, die schimmernde Fläche des Wassers schien sich der Sonne entgegenzuwerfen. Gardner riß seine letzte Kraft zusammen, um die Feuerprobe zu bestehen, die jetzt auf ihn wartete.
Um sich auf diese Feuerprobe vorzubereiten, zog er seinen leichten Rock aus und heftete daran ein Stück Bindfaden, das sich in seinen Taschen fand. Dann warf er den Rock hinab und tauchte ihn tief in's Wasser. Die Orca schnellte vor, um zu sehen, was er tat, aber er zog den triefenden Rock wieder empor, ehe sie ihn schnappen konnte. Dieser Einfall war beinahe eine Offenbarung, denn indem er seinen Kopf und Körper feucht hielt, hätte er der Hitze länger trotzen können und vielleicht auch die äußersten Qualen des Durstes mildern.
Ein gütiges Schicksal hatte es jedoch gewollt, daß seine Prüfung bald zu Ende ging. Es war vielleicht 9 Uhr morgens, da klang irgendwo hinter der Insel eingleichmäßiges, gedämpftes Tschug, Tschug, Tschug, Tschug, für Gardners Ohren die göttlichste aller Melodien. Im Augenblick hatte er sein weißes Hemd über den Kopf gezogen und hielt es in zitternden Händen. Ein Augenblick verging und es kam eine mächtige vierzig Fuß lange Motorbarke in Sicht. Sie war kaum hundertfünfzig Meter weit fort und machte gewaltigen Lärm, aber Gardner schrie wie ein Wilder und schwenkte sein Hemd in die Luft, bis es ihm glückte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie nahm die Richtung auf seinen Felsen, aber gleich darauf setzte der Motor aus und die Barke schwenkte wieder zur Seite. Der Führer hatte gesehen, daß Gardner belagert war.
Es waren drei Mann in der Barke. Einer rief den Gefangenen an.
»Was gibt's?« fragte er kurz.
»Ich habe gestern dem Biest sein Kalb geschossen!« rief Gardner zurück. »Es hat mein Boot zerschlagen und mich auf diesen Felsen gejagt.«
Einen Augenblick war Schweigen in der Barke. Dann sagte der Kapitän: »Wenn einer was erleben will, braucht er sich nur mit einem Mordwal einzulassen.«
»Ich bin auch schon darauf gekommen, daß es eine Dummheit war,« gab Gardner zur Antwort. »Aber es war gestern morgen, und jetzt bin ich fertig. Kommt her und nehmt mich auf.«
Auf der Barke wurde Rat gehalten. Die Orca setzte ihren Patrouillengang vor dem Felsen fort, als wäre so ein Ding, wie ein vierzig Fuß langes Motorboot, nicht der Mühe wert, sich darum zu kümmern.
»Du mußt noch ein bißchen länger zappeln!« schrie der Kapitän. »Wir gehen in den Hafen zurück und holen eine Walfisch-Kanone. Wir haben eineschwere Büchse an Bord, aber es hat keinen Sinn, sie damit zu ärgern. Denn wenn der erste Schuß nicht richtig sitzt, macht sie in zehn Minuten Brennholz aus unserem Boot. In einer Stunde sind wir wieder zurück, hab' keine Angst.«
»Dank!« sagte Gardner, und in einem weiten Bogen verschwand die Barke hinter der Insel.
Diese eine Stunde schien dem Gefangenen entsetzlich lang. Er hatte Zeit, seine kühltropfende Jacke zu segnen, ehe er wieder das Tschug, Tschug, Tschug des Motors hinter seinem Kerker hörte. Diesmal hielt das Boot, kaum daß es in Sicht war, geradewegs auf die Orca. In seinem Bug, der anmutig über die Wellen tanzte, bemerkte Gardner eine seltsame Kanone – eine Art Elefantenbüchse auf drehbarer Lafette. Jetzt nahm die Orca Notiz von der Tatsache, daß das Boot direkt auf sie hielt. Sie unterbrach ihr ruheloses Patrouillieren und schien zu überlegen, ob sie das Boot angreifen sollte oder nicht. Die Schrauben arbeiteten rückwärts, bis die Barke zum Stillstand kam, und der Kapitän am Bug richtete die Waffe. Es war ein mächtiger Knall. Das See-Ungeheuer warf sich halben Leibes aus dem Wasser und fiel mit gewaltigem Klatschen wieder zurück. Eine Sekunde lang tobte es wie irrsinnig im Halbkreis, prellte dann mit dem Kopf gegen die Klippe und sank dann, zwei Faden tief, auf ein zackiges Riff.
»Ist es tief genug, um herunterzuspringen?« fragte der Kapitän, als die Barke langsam beidrehte.
»Reichlich,« sagte Gardner, schwang sich steifbeinig aus seiner Grotte und kletterte die Felsen hinab.