Puck im Zwielicht

Puck, der Düstere, zickzackte durch das purpurne Zwielicht unter dickblättrigen, überhängenden Aesten, und Mücken zu jagen, war alles, woran er dachte. Die langen, ruhigen Stunden des goldigen Sommertages hindurch hatte er geschlafen, wie ein Sack im schattigen Giebel einer alten Scheune aufgehängt, die mitten in einer blühenden Wiese lag. Andere braune Fledermäuse hatten Seite an Seite mit ihm dort geschlafen, wie er, an ihren langen Hakennägeln festgekrallt und feierlich eingehüllt in das seidige Schwarz ihrer faltigen Schwingen. Es war ein beliebter Schlafraum für die Fledermäuse, dieser düstere Giebel, in dem kreuzweise gelegtes Balkenwerk ihnen die angenehmste Gelegenheit gab, sich fest zu haken – und infolgedessen herrschte dort einiges Gedränge. Der eine oder andere fand sich manchmal beengt, wachte auf, quiekte und stieß seinen Nachbarn mit den knochigen Ellbogen seines Flügels, um dann mit blecherner Stimme zu protestieren, – mit einer sehr blechernen, aber doch barschen, ein wenig zitternden Stimme, die fast wie das Räderwerk einer Drei-Mark-Uhr klang. Puck selbst hatte das Glück, ganz am Ende der Reihe zu hängen, als nächster zu einem weiten Spalt im Dach, der die frische Abendluft hereinströmen ließ. Aber mehr als einmal war er fast von diesem Hochsitzabgedrängt worden, sodaß er öfter als irgend ein anderer aufgewacht war, gequiekt und räder-geschnarrt hatte. Auch hatte ihn bei dieser ungewöhnlichen Wachsamkeit ein oder zweimal der Anblick einer großen Ratte geärgert, die tief unten auf einem langen Balken herumlungerte und ihn mit ihren grausamen Perlenaugen anstarrte. Ratten haßte er, aber da er sich in diesem Fall außer Reichweite wußte, war er nicht weiter erschrocken. Er hatte sich in seine Flügel eingehüllt und war wieder eingeschlafen, noch unter dem Blick des Feindes. So war ihm der Tag angenehm genug vergangen. Als es Nachmittag wurde, hatte er sich ein paar Mal aufgerafft, um zu dem Spalt am Giebel zu flattern und einen Blick auf das Wetter zu werfen, bis er sich endlich, als die Sonne hinter den niedrigen Hügeln jenseits des Bachs strahlend untergegangen war, durch den Spalt hindurch ins gold-violettene Dunkel schwang. Zehn Minuten später schon waren ihm die Mitinhaber des Schlafsaals gefolgt, und der Giebel ihrer alten Scheuer war nun leer.

Er war ein seltsam dreinschauender Kerl, der kleine braune Fledermäuserich, ein Gemisch aus Vogel und Maus und Kobold, drollig aber finster, ein richtiger Puck, der alle hellen Stunden verdröselte und im Dunkel zu seinem launischen und ausschweifenden Leben erwachte. Sein kleiner Körper, der in einen kurzen, braunen Pelz von auserlesener Feinheit gekleidet war, hing zwischen zwei ungeheuren Flügeln aus brauner Haut. Diese Haut, die biegsamer war als feinster Gummi, spannte sich, wie Seide über ein Schirmgestell, über die unglaublich entwickelten Arm- und Fingerknochen der Vorderglieder. Am Ende seines Rückens vereinigten sich die beiden Flügel und umspannten noch die zerbrechlichenHinterbeine bis zu den Knien, die dadurch aussahen, als seien sie in eine falsche Richtung gezogen. Zwischen den starken Schulterblättern saß ein kleiner, seltsamer, fast formloser Kopf mit einem Knuttel von Nase, einem launischen breiten und schiefgezogenen Mund, großen flachen Ohren und winzigen, unruhig glitzernden Jett-Augen. Häßlich und grotesk war er, wenn er sich von seinem Sitz schwang oder im Gebälk herumkletterte. Im Augenblick aber, in dem er sich ins Halbdunkel des Abends schwang, bot Puck, der Düstere, ein erlesenes, ganz phantastisches Bild. So breit und biegsam waren seine Flügel, daß bei gleichem Gewicht kein Vogel der Welt seine Luftübungen von bewundernswerter Gewandtheit nachahmen konnte. Aus vollem Schnellflug in grader Linie konnte er sich plötzlich wie einen Stein fallen lassen oder, im beinahe rechten Winkel hochschnellen wie ein Geschoß, das aus der Schleuder fliegt. Ein schwindelerregendes Zickzack schien sein natürlicher Flug, und Haken konnte er schlagen von einer Exaktheit, die selbst den Sperber beschämten. Daß er das konnte, war gut. Denn die Mücken, die durch die Luft schnellten und tanzten, und andere flinke Insekten waren Pucks Nahrung, die jäh niederschießende Eule seine einzige Feindin.

Als er in dieser Nacht durch die duftenden Wiesen am Wasser segelte, war die ruhige Luft voll von Insekten: Mücken, Fliegen, Nachtfalter und die ersten schwärmenden Maikäfer. Solange er hungrig war, schnappte er gierig nach allem, was er sah. Aber als das Dunkel wuchs und sein Heißhunger gestillt war, wurde er wählerisch. Manchen guten Bissen, der leicht zu haben war, ließ er sich direkt am Munde vorbei gehn und vergnügte sich damit, nach schwer erreichbarem Wild zujagen. So haschte er einmal nach einem hoch fliegendem Falter weit über den Baumspitzen, und diese Beute griff er unmittelbar vor dem Schnabel eines niederstoßenden Nacht-Vogels, schlang sie hinunter und verschwand, ehe der enttäuschte Vogel noch recht wußte, wer ihm zuvorgekommen war. Ein anderes Mal ließ er sich fallen und erwischte einen Maikäfer, der grade von einem wiegenden Grashalm aus die Flügel zum Flug spreitete, zur namenlosen Empörung einer Spitzmaus, die sich an den Käfer herangepürscht hatte und grade zum Sprung ansetzte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Pucks Augen, denen das Zwielicht klar wie Kristall war, die wildernde Spitzmaus im Gras beobachtet hatten, und daß es ihm ein diebisches Vergnügen war, ihr die Beute vor der Nase wegzuschnappen. Selbst die pfeilschnellen Turmschwalben konnte er manchmal auf diese Art narren – ein Schatten tauchte vor ihnen auf, und auf geheimnisvolle Weise verschwand die eben noch gejagte Motte.

Als in den Wolken das violette Licht verblaßte, verließ Puck, der Düstere, seine Wiese und flog stromabwärts, über Feld und Hecken, zu einem Garten, in dem zwischen Rosen- und Blumenbeeten, im Schutz tiefer Bäume, ein Haus mit breiten Veranden lag. Hier schien die linde Sommernacht wie trunken vom Hauch taufeuchter Rosen und Levkojen, japanischer Lilien und Würze streuender Nelken. Hierher zog süßer Honigduft die Nachtkäfer in dichten Schwärmen. In diesem Garten, unter den Bäumen, lustwandelten ein Mann und ein Mädchen am Flußufer, das weiße Kleid des Mädchens leuchtete durch die Nacht.

Eine andere kleine, braune Fledermaus, ein Weibchen, gesellte sich zu Puck und nahm an seinen fröhlichen Spielen teil. Vielleicht war es sein Weibchen,jedenfalls seine Spielgefährtin. Ueber diesen Punkt läßt sich nicht streiten, denn in Bezug auf seine häuslichen und intimen Gewohnheiten hat Puck, der Düstere, bisher wenig erraten lassen. Eine kleine Weile wiegten sich die beiden in fröhlichen Tänzen, umkreisten, überflogen und untertauchten sich, drehten sich manchmal in schwindelnd rasch gezogenen Bogen, um sich an irgend einem Stelldichein-Platz in der Luft wieder zu finden. Das Weibchen flog weniger leicht, nicht ganz so blitzsicher wie Puck selbst – und wer die beiden auf kurze Entfernung und bei gutem Licht beobachtet hätte, hätte gesehen, daß sie bei aller Spieligkeit eine sehr treue und hingebende Mutter war. Denn bei allem Tollen trug sie ihre beiden Kleinen mit sich! Die brachten es auf irgend eine seltsame Art zu Wege, ihr ins Genick zu klettern, und dort saßen sie so fest, daß ihre schnellsten Wirbelflüge, ihre fast atemberaubend steilen Schwünge die Kleinen nicht aus dem Sitz warfen. Ein lebhafter Abend muß es für diese Mauskinder gewesen sein, die noch zu jung waren, um zu Hause zu bleiben, weil eine schweifende Ratte sie finden konnte.

Mitten im Spiel stürzte sich irgend woher aus den Lüften ein geräuschloser Schatten, den mächtige Flügel trugen, auf das tanzende Paar. Zwei riesige Augen, kreisrund, starr und matt glühend, starrten sie an, und gewaltige Krallen, die furchtbar greifen konnten, jagten sie nach rechts und links, in gräßlicher Stille. Aber so blitzhaft schnell war ihr Ausweichen, daß beide, Puck und die kleine Mutter, den gierigen Krallen entgingen. Wie ein paar Blätter waren sie beim Angriff der Eule auseinander geweht. Sofort verschwanden sie tief unter den Aesten, und die enttäuschte Eule rauschte weiter, um weniger listiges Wild zu jagen. Gleich darauf flattertenauch die beiden Fledermäuse wieder empor. Aber, obgleich unverzagt, empfanden sie doch die Notwendigkeit, aufzupassen, solange der Feind sich in der Nähe aufhielt. Deshalb begaben sie sich zu ihrem Spiel ins untere Ende des Gartens, wo der Mann und das Mädchen spazierten, und um deren gedankenschwere Häupter schwangen sie jetzt ihre kreisenden Tänze. Menschliche Geschöpfe hielten sie für harmlos und nur dazu gemacht, die Eulen fern zu halten.

Zu Pucks Erstaunen stieß das Mädchen plötzlich einen hellen Schrei aus und warf sich ihren leichten seidenen Schal über den Kopf, daß sie wie eine florentinische Madonna aussah.

»Igitt!« schrie sie ängstlich. »Da versucht wieder eins von diesen schrecklichen Tieren in mein Haar zu kommen!« Der Mann lachte friedlich und zog sie an sich.

»Dummes Mädel, selbst indeinHaar würde eine Fledermaus für kein Zureden kriechen! Sie wäre geschmacklos genug, sich dort höchst unbehaglich zu fühlen!«

»Ja, aber aus Versehen könnte sie hineinkommen!« behauptete das Mädchen, und ihre weiten Augen folgten, unter dem Schutz ihres Arms, den Grotesk-Tänzen der beiden Schatten. »Du weißt, sie sind fast blind, meine Amme hat mir erzählt, als ich noch ein kleines Mädel war, wenn mir je eine Fledermaus ins Haar käme, müßte ich's ratzekahl abschneiden. Sie würde sich so hinein verwickeln, daß man sie nie wieder herausbringt!«

»Deine Amme hat Dir merkwürdige Dinge erzählt, scheint mir,« widersprach der Mann. »Wenn Du mir glaubst, daß die Fledermäuse so wenig blind wie irgend denkbar sind, wirst Du Dir an Sommerabenden vielAngst sparen. Sie sehen sogar wunderbar gut, mein Schatz, und sie verfliegen sich nie, im Gegenteil, im Gleiten und Stürzen sind sie sicherer als irgend ein Vogel. Jedes von diesen kleinen Biestern, die da um uns herumflattern, könnte von Deiner süßen, kleinen Nase eine Mücke herunter schnappen, ohne Dich auch nur mit dem Flügel zu treffen.«

»Ich mag sie aber doch nicht!« sagte das Mädchen etwas getröstet. »Ich wollte, sie gingen weg!«

»Wie alle Welt beeilen sie sich, deinem leisesten Wunsch zu gehorchen,« erwiderte der Mann und lachte wieder, denn bei den letzten Worten des Mädchens hatten Puck und seine Gefährtin sich emporgeschwungen, und jetzt verschwanden sie unter den Baumwipfeln.

Ich behaupte nicht, daß die Beiden Englisch verstanden, oder daß sie in ihrem empfindlichen Nervenzentrum durch Fernwirkung Kenntnis von der Abneigung der jungen Dame bekommen hatten. Ihr Grund war einfach, daß die kleine Mutter sich vom Gewicht ihrer beiden Babys im Genick ermüdet fühlte und davongeflogen war, um einen sicheren Ast zu finden, auf den sie die Kleinen für ein paar Augenblicke verstecken konnte. Hoch oben im dunklen Wipfel einer Fichte nahm ein gewaltiger Ast die Jungen auf, die sich, gehorsam dem Befehl der Mutter, an die Rinde krallten und ihre winzigen Körper fest an das rauhe Holz preßten. Hier gibt es keine Gefahr, dachte die kleine Mutter, und verließ sie, um sich für ein paar Minuten lang in ungestörtem Flug zu erholen und ein wenig mehr Mücke und Motte zu sich zu nehmen. Puck hatte gewartet, bis sie ihre Babys im Ast versorgt hatte, jetzt flog er leichten Herzens mit ihr, um über den Blumenbeeten zu fouragieren.

Nicht mehr als fünf Minuten lang waren sie fort, als es der kleinen Mutter plötzlich wie mit einem Schlage durchs Herz fuhr: die Kinder brauchten sie! Im schwirrenden Bogen eilte sie zur Fichte zurück, und nach ganz kurzer Ueberlegung folgte Puck ihr auf den zierlichen Fersen.

Nun war es geschehen, daß ein Wiesel-Vater, die grausamen Augen rot von Gier und Blutdurst, den Fichtenstamm entlang wanderte. Er hatte gerade die Spur eines Eichhörnchens verloren, dem er so nahe gekommen war, daß er es fast schon sein Eigentum genannt. In Gedanken hatte er gerade dem armen Schächer seine Zähne durch die Gurgel gejagt, als wie durch ein Wunder der Nacht – und für die Geschöpfe der Wildnis ist die Nacht voll von Wundern – Wild und Spur verschwanden. Im Fichtenbaum hatte sich das ereignet, und jetzt suchte der furchtbare Jäger den ganzen Baum nach der verlorenen Witterung ab, fest entschlossen, seine bösen Absichten nicht vereiteln zu lassen. Auf dieser Suche kam er auch, geschmeidig und schnell wie eine Schlange, den hohen Ast entlang, auf dessen äußerster Gabel die kleine Fledermaus ihre Babys gelassen hatte.

Puck, der Düstere, hatte während seines kurzen Lebens niemals eine ernstliche Meinungsverschiedenheit mit größeren Geschöpfen als etwa einem Nachtfalter oder einem Maikäfer gehabt. Welch ein unbekämpfbares und schreckliches Ungeheuer dieser lange, dunkle Schatten auf dem Ast war, ahnte er vielleicht, aber er zögerte nicht! Das Wiesel erschrak, als ihm plötzlich ein harter Flügelhieb quer übers Gesicht fegte. Mit bösem Knurren bäumte es auf und schnappte nach dem kühnen Angreifer. Aber seine langen, weißen Zähnegriffen nur leere Luft, und beinahe verlor er das Gleichgewicht auf dem Ast. Als es sich erholt hatte, die Seele voll Wut, sah es hinter sich, beinahe in Reichweite, einen dunklen, kleinen, flatternden Schatten, der wie eine verwundete Katze am Baum hinkroch. Geschmeidig wie ein Aal, schnell wie der Blitz, fuhr es auf den kecken kleinen Schatten los. Aber der war verschwunden! Und ein paar Fuß unterhalb des Astes sah das Wiesel Puck, den Düsteren, gemächlich auf und nieder schweben. Des Wiesels eng zusammensitzende Augen glühten wie Kohlen, und bei dem Gedanken, von einer armseligen Fledermaus hereingelegt zu sein, fletschte es die langen, weißen Zähne. Aber während es sich mit der Herausforderung Pucks wütend beschäftigte, hatte die kleine Mutter ihre süßen Babys wieder sicher ins Genick genommen und segelte mit ihnen durch den Abend. Aber nach einem solchen Erlebnis hatte sie genug von Spiel und Tänzen. Sie dachte nur daran, ihre Kinder in das sichere Versteck des Scheunengiebels zurückzubringen, sie dort zu säugen, ihre seidenen Pelze zu lecken und die süßen kleinen Schwingen mit ihren Lippen sorglich zu reinigen.

Puck, der Düstere, war jetzt allein gelassen und dachte, vielleicht erregt und übermütig durch sein erfolgreiches Abenteuer mit dem Wiesel, an neue, tolle Unternehmungen. Ganz nahe dem Gartenhaus jagte er einen großen Falter, der mit unglaublicher Geschwindigkeit flog. Hart bedrängt, rettete er sich in die Dunkelheit eines weit offenen Fensters. Puck folgte ihm unbedenklich und erwischte den Flüchtling, als er gegen die Decke des Zimmers stieß. In diesem Augenblick schloß ein Dienstmädchen das Fenster. Dann ging siehinaus, ohne den Eindringling zu bemerken, und verriegelte das Tor.

Puck glaubte, man könne den Raum so leicht verlassen wie man hineinkam und stieß im Flug hart gegen die blaß schimmernde Fensterscheibe. Er war ein wenig betäubt und sehr erstaunt. Wieder und dann noch einmal versuchte er, die harte, unsichtbare Barrière zu überwinden, aber nicht blindlings oder in verzagter Heftigkeit, wie ein Vogel es getan hätte. Selbst in dieser unerwarteten und gefährlichen Lage behielt er den Kopf klar. Als die erste Ueberraschung verwunden, fing er an, das Glas von dem Luftraum draußen zu unterscheiden, und dann gab er mit Gleichmut auf, Unmögliches zu ertrotzen. Zuerst widmete er sich der genauesten Untersuchung jeder Ecke und jedes Verstecks im Zimmer. Aber obwohl der Raum voll von zerbrechlichem Tand und zierlichen Nippes war, sah und flog er so vorsichtig, daß seine Flügel nicht den kleinsten Schaden anrichteten. Er kam unter jedes Stück Möbel, hinter jedes Bild und untersuchte aufs gründlichste den Wandschirm, der während des Sommers den Ofen verbarg. Bei diesen Entdeckungsreisen stöberte er eine ganz unerwartet reiche Auswahl von Insekten auf, und seine Angst war keineswegs so groß, daß er nicht alle Leckerbissen dankbar verzehrt hätte, die der Zufall ihm brachte.

So verging die Nacht mit dem Gefühl einer gewissen Unsicherheit, aber nicht gerade langweilig. Als die Dämmerung grau durchs Fenster kam und die Geranien sich glühend färbten, gab Puck, keineswegs in Verzweiflung, sein vergebliches Mühen auf. Tagesanbruch war für ihn der Moment, schlafen zu gehen. So hing er sich bequem in eine Falte des großen Vorhangs ineiner Ecke des Zimmers und bettete sich mit philosophischer Ruhe, als wäre er in seiner Scheuer unter seinem gewohnten Dach.

Ein paar Stunden später kamen zwei Dienstmädchen ins Zimmer und fingen an, aufzuräumen. Im Verlauf dieser Tätigkeit nahmen sie die Vorhänge ab. Sie schüttelten sie tüchtig, um sie später zusammenzulegen. Zu ihrem Entsetzen fiel Puck, der Düstere, heraus.

Beim Anblick dieses gut vier Zoll langen Ungeheuers schrien sie so entsetzlich, daß der Mann herbeieilte, der abends mit seinem Mädchen im Garten spaziert war. Er trug Reithosen und Handschuhe. Puck, der nur halbwach und sehr ärgerlich über die rauhe Berührung war, richtete sich auf dem Vorhang mit halb gespreiteten Flügeln und funkelnden, winzigen Jett-Augen auf. Der Ausdruck seiner Meinung über die Dienstmädchen wurde so heftig, wie möglich, und klang etwa wie das Räderdrehen einer besonders großen und besonders schlecht geölten billigen Taschenuhr.

»Großer Gott, Hanne,« rief der Herr, »ich dachte, Sie und Liese hätten mindestens ein Rhinozeros aufgestört, solchen Lärm schlagt ihr! Glaubt ihr, die arme, kleine Fledermaus will euch fressen?«

Er bückte sich, um Puck aufzunehmen. Aber der kleine, barsche Kerl schnarrte ihn an und schnappte so heftig nach ihm, daß der Mann froh war, dicke Handschuhe zu tragen. Die Mädchen zitterten.

»Sehen der Herr nur!« schrie Hanne. »Er würde uns fressen, wenn er nur könnte, er ist so wild!«

»Er ist wirklich ein richtiger kleiner Teufel!« sagte der Mann, nahm Puck behutsam in seine handschuhbekleideten Hände und trug ihn zum Fenster.

Puck war jetzt hellwach, und sein Uhrwerk-Schnarren empörte sich schrill gegen die Gefangenschaft in Händen eines Menschen. Am Fenster ließ der Mann ihn los. Der Glanz des vollen Tages verwirrte Puck. Aber indem er die Augen zu einem kaum haarbreiten Spalt schloß, konnte er die Landschaft doch einigermaßen erkennen. Im Augenblick hatte er sich in die Luft geworfen, und im nächsten schon flatterte er in den nahen Aesten. Er nahm seinen Weg, so dicht wie möglich in den Bäumen, zum Flußufer, und von da ging's über die Wiesen zur alten Scheuer! Ein paar Minuten später hängte er sich unverzagt neben seine schlafenden Kameraden in den warmen, braunen Schatten des Giebels.

Unter gewöhnlichen Umständen hätte Puck sich jetzt niedergelassen, um den Rest des hellen Tages zu verschlafen. Aber es war Bestimmung, daß diese vierundzwanzig Stunden eine besonders ereignisreiche Zeit für ihn werden sollten. An einem schmalen, wagerechten Dachsparren, nur ein paar Fuß unter sich, bemerkte er seine Spielgefährtin vom letzten Abend, die kleine Mutter mit ihren beiden Jungen. Sie hatte ihren Nachwuchs an der glatten Oberfläche des Sparrens verwahrt, während sie selbst mit ihrem Putz beschäftigt war – eine Angelegenheit, die für die Fledermaus so wichtig ist wie für die eitelste Katze. Mit erstaunlicher Gewandtheit kratzte sie sich mit den Hornspitzen ihrer Flügelarme hinter den Ohren, kämmte sich den Pelz an Stellen des Körpers, die unerreichbar schienen. Dann machte sie sich an die Haut der Flügel, nahm erst den einen, dann den andern vor, streckte und prüfte sie, zog sie durch die Lippen und beleckte die ganze Fläche, bis über ihre Makellosigkeit kein Zweifel mehr bestehen konnte.

Während die kleine Mutter so beschäftigt war, schwirrte aus den schmutzigen Nestern unter der Dachtraufe eine Schwalbe hastig in den Giebel empor, um eine große Wespe zu jagen. Der verzweifelte Käfer war seiner Verfolgerin im Giebeldach entgangen, und jetzt stürzte er sich gerade über der Dachsparre in die Tiefe, so daß er die Fledermaus-Babys im Flug berührte. Die Schwalbe schoß ihm rücksichtslos nach, und diesmal blieb es nicht bei einer streifenden Berührung der kleinen Krabbler. Die Schwalbe traf sie so rauh, daß beide glatt von dem Sparren abgerissen wurden. Obgleich sie Fliegen noch nicht gelernt hatten, spreiteten sie zwar instinktiv ihre zerbrechlichen Flügel, aber sie fielen doch mit Geflatter wie zwei abgestorbene Eichblätter herunter auf den Boden. Glücklicherweise war der Boden der Scheune mit Spreu und Halmen und allen Spuren der letzten Heuernte dicht bedeckt, so daß die Säuglinge sanft landeten und nicht verletzt wurden. Aber sie landeten weit voneinander, wie zwei wirbelnde Blätter es getan hätten. Die Mutter, die gerade, als das Unheil passierte, dicht in die Falten ihrer Flügel eingewickelt war, machte sich schleunigst los und eilte ihren Kleinen nach. Dann kam ihr Puck, den seine letzten Abenteuer unternehmungslustig gemacht hatten, im Zick-Zack nach, um zu sehen, was er für sie tun könnte.

Er fand Beschäftigung, und das sofort! Die große Ratte, die unter der Diele der Scheuer wohnte, kam gerade aus ihrem Loch. Es war ihr, als ob irgend etwas gefallen war, und obwohl sie nicht recht wußte, was es war, kam sie eilig und in großen Erwartungen angeschossen. Sie vermutete eine junge Schwalbe, die aus dem Nest gefallen oder geworfen war, und junge Schwalben liebte sie der Abwechslung halber.

Die Neugier der Ratte wurde durch einen leichten Schlag auf ihren Kopf abgelenkt. Eine Fledermaus war ihr scheinbar direkt auf den Rücken gefallen. Die Ratte wurde nicht ärgerlich, im Gegenteil, sie war ungeheuer interessiert. Noch nie hatte sie eine Fledermaus gegessen, aber schon oft Lust dazu gehabt. Und ihr bot sich unzweifelhaft eine Gelegenheit, denn diese Fledermaus schien krank oder verwundet. So sprang die Ratte auf die neue Beute. Sie sprang falsch, zweifellos, aber doch nur um Fingersbreite, und die jämmerlich matte Fledermaus flatterte noch immer in Reichweite. Wieder und wieder sprang die Ratte an, ihre langen, weißen Zähne schnappten mit furchtbarem Laut zusammen, aber sie fingen nichts, bis sie sich auf einmal wieder vor dem Loch am Winkel fand, aus dem sie gerade aufgetaucht war. Dann schwang sich zu ihrem Mißvergnügen die armselig flatternde Gestalt, die doch schon fast in ihren Zähnen gewesen war, mit starken Flügelzügen doch empor. Und zugleich stieß eine andere Fledermaus schwirrend aus der Mitte der Diele auf, mit zwei Jungen, die in ihrem Genick saßen. Enttäuscht und beschämt machte sich die Ratte hinaus in die Wiesen, um sich mit einem Paar gemütlichen Grashüpfern zu trösten. Puck, der Düstere, aber schwang sich, von Triumph geschwellt, auf seinen hohen Sitz zurück. Nach dem, was er mit Eulen, Wieseln, Faltern und Menschen und Ratten erlebt hatte, fühlte er seine gewöhnliche Schläfrigkeit nicht. So machte er sich an seinen Putz, den er so eifrig und peinlich besorgte, wie es einer braunen Fledermaus von seiner Tüchtigkeit ansteht.


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