Gewissermaßen kannten sie einander recht gut, der Mann und der Bär. Seit fast zwei Jahren waren sie anerkannte Feinde.
Tatsächlichgesehenhatte der Mann den Bären nur einmal, und auch da nur für einen kurzen Blick – ein Paar pfiffiger, neugieriger Augen, die im tiefen Dickicht aufblitzten, einen furchtbaren, schwarzen Schatten, der geräuschlos im Dunkel versank. Die großen Spuren aber kannte er gut, die ein Drittel größer waren als die des gewöhnlichen schwarzen Bären in Ost-Kanada und sich in bedrohlichen Kreisen rings um seine Hütte zogen. Er kannte seine Klauen-Abdrücke, narbengezierte Bäume, in die der Träger dieser Klauen seine Zeichen fast so hoch setzte wie ein Grizzly-Bär.
Diese gefährlichen Klauen hatten manchen dicken, kaum halb verfaulten Baumstamm wie Papier auseinandergerissen, wenn der Bär nach Ameisen und Käfern suchte. Aus alldem konnte der Mensch unschwer den Schluß ziehen, daß hier seiner Herrschaft über die Wildnis, eine Herrschaft, die er vor kurzem erst angetreten hatte, ein gefährlicher Nebenbuhler drohte. Und dieser Nebenbuhler würde wahrscheinlich, wenn die kleine Farm erst mit Vieh versorgt war, auf Schafe und Ochsen eine schwere Steuer legen.
Im übrigen nahm der Mann an, daß sein Rivale einen Pelz von seltener Pracht trug, der auf dem Pelzmarkt einen besonderen Preis erzielen würde. In den Pausen zwischen Roden und Graben, Kartoffelpflanzen und Weizen säen, Hütten bauen und Busch brennen begann er deshalb, seinem gefährlichen Gegner Fallen zu stellen, denn er hielt ihn für zu listig, in den Bereich seiner Büchse zu kommen.
Der Bär kannte andererseits den Menschen viel besser, als der Mensch ihn kannte. Er beobachtete ihn, seit er zum ersten Male den Fuß auf die Ufer des wilden Südfork gesetzt hatte. Seitdem folgte ihm das riesige schwarze Tier wie ein Schatten, feindselig natürlich, weil er ein Fremder und ein Störenfried in seinen Einsamkeiten war, vor allem aber mit gespannter Neugier. Trotz seiner Größe konnte er sich, wenn es nötig schien, so geräuschlos wie ein Wiesel oder eine Schlange bewegen. Bewegungslos wie einer der alten Baumstümpfe, die längst vergessene Holzfäller zurückgelassen, hatte er beobachtet, wie des Menschen Axt blitzte und durch die Luft flog, wie Birken, Tannen und Eschen fielen, wie die Rodung wuchs und Sonnenlicht auf den wirren Grund des Forstes fiel.
Sein Erstaunen waren die beiden schweren, roten Ochsen, die dem scharfen Ruf des Menschen folgten und gefällte Stämme für ihn schleppten. Dann hatte er beobachtet, wie unter den geschickten Händen des Menschen die Hütte Form bekam, eine ganz überraschende Form. Anfangs hatte er nicht begriffen, warum die beiden großen Ochsen so gehorsam waren, statt sich gegen den Menschen zu kehren, ihn auf die langen Hörner zu spießen oder mit den gespaltenen Hufen in den Boden zu trampeln. Bald aber hatte er eine unerklärlicheGewalt in der Stimme des Menschen erkannt, in seiner unbedenklichen Gleichgültigkeit gegen jedes Auge, das ihn aus dem Dunkel des Urwalds anstarren mochte. Es war klar, daß der Mensch sich nicht fürchtete. Er mußte also sehr stark sein. Da begann der Bär, ihn zu fürchten, obwohl er zunächst nicht wußte, wovor er sich eigentlich fürchtete. Höchstens war es das Geheimnisvolle in der menschlichen Stimme, das scheinbar die Ochsen unterwarf und zum Gehorsam zwang.
Als die Hütte gebaut war, geschah etwas Sonderbares. Der Mensch war außer Sicht, über der sonnenbeschienenen Rodung summten Wespen und Fliegen, die roten Ochsen lagen wiederkäuend im Schatten und atmeten tief, ein großer Rehbock trat aus dem Baum und äugte nach der Hütte.
Da trat der Mensch aus der Tür und hob etwas an die Schulter, das wie ein langer, brauner Stock aussah. Gleich darauf kam ein Funke aus dem Ende des Stockes gesprungen, zugleich hörte man ein kurzes, scharfes Geräusch. Der Bock aber, der weit weg auf der andern Seite der Rodung stand, sprang in die Luft und fiel tot nieder. Bei diesem Anblick war dem Bären ein Entsetzen durch alle Nerven gefahren, und er hatte sich tief ins Dickicht verkrochen. Kein Wunder, daß die großen, roten Ochsen, trotz ihrer gefährlichen Hörner, diesem Geschöpf dienten, wenn es weithin töten konnte, mit einem kleinen Stock und einem scharfen Knall! Von nun an war der Bär noch eifriger dabei, den schrecklichen Eindringling zu beobachten, Angst und Feindschaft machten ihn immer wachsamer. Sicherlich durfte er den Menschen auch auf noch so kurze Zeit nicht aus den Augen lassen, sonst geschah etwas nie Gehörtes und nie Vergeßbares.
Als der Mensch jetzt zum ersten Male sein Feld bestellt, gesät und gepflanzt hatte und seine Hütte wetterfest war, legte er sich darauf, den Bären in einer Falle zu fangen. Der Bär aber wußte schon einiges von diesem Plan! Unter all den unsichtbaren, neugierigen Zuschauern, deren scheue Augen das Werk beobachteten: Eichhörnchen, Rebhühnern, Hasen, Waschbären, Regenpfeifern, Waldmäusen, Rehen, Füchsen und Eulen, war es der Bär, der am schärfsten beobachtete und verstand.
Die erste Falle war gebaut, mit dem Köder versehen und aufgestellt, und der Mann war fortgegangen, um sie ihre grausame Arbeit tun zu lassen. Da hatte der Bär sie der schärfsten Prüfung unterzogen. Obwohl er über den Fall Trojas nie etwas gehört hatte, besaß er doch von Natur aus jenes wichtige Stück Intelligenz, das den Männern von Troja, zu ihrem Unglück, gefehlt zu haben scheint. So fürchtete er den Menschen, selbst wenn er Geschenke machte. Er roch den Köder zwar, ein Stück frischen, fetten Specks, aber nur aus angemessener Entfernung. Damit wollte er nichts zu tun haben! Aus Großmut, nahm er an, war ein solcher Leckerbissen nicht für den ersten Besten dort aufgehängt.
Während er in einem Dickicht aus jungen Fichten, deren scharfer Duft seine Witterung einschläferte, saß und lauerte, kam eine langschwänzige Wildkatze angepürscht. Sie sah den leuchtenden, weißen Köder und machte sich rasch an den Eingang zur Todesfalle. Ihre runden, blassen Augen leuchteten gierig, obwohl sie vor dem scharfen Menschengeruch ringsum ängstlich die Ohren niederlegte. Klug war sie nicht, die Wildkatze. Sie wußte wohl, daß das köstliche Stück Fleisch dem Menschen gehörte. Aber er war doch nicht in Sicht! Sie konnte ja von weitem hören, wie er seinedummen Ochsen anrief. Geduckt zog sie vorwärts und warf sich mit leisem Freudeknurren über die Beute. Irgend etwas schien sich zu bewegen. Mit entsetzten Augen sah der Bär die drei schweren Stämme, die über dem Köder ein Dach bildeten, krachend niederfahren. Mit ohrenzerreißendem Gedröhne, das aber aufhörte, kaum daß es begonnen, hatten die Balken die unglückliche Wildkatze zerquetscht.
Ein rotes Eichhörnchen, das von einem nahen Ast den ganzen Vorfall beobachtet hatte, brach in jammervolles Geschrei aus. Ein Rabe, der sich auf schwarzen Flügeln aus den Baumwipfeln fallen ließ, setzte sich vorsichtig auf einen der Stämme und sah mit harten, neugierigen Augen die tote Katze an. Dabei wackelte er mit dem Kopf, als wollte er sagen: »Ich habe mir's ja gedacht!« Er war der Meinung, alle Wildkatzen sollten tot sein. Das war der Zustand, in dem er sie am meisten liebte. Aber die Art, in der diese hier ihr Ende gefunden hatte, erschreckte ihn doch und schien ihm ein Wunder.
Von diesem Tage an schien alles Werk des Menschen dem Bären eine Art Falle – alles mußte er mit angstvoller Wißbegier untersuchen, aber nichts durfte er berühren!
So kam es, daß der Mensch im Laufe der Zeit eine Kuh und ein Kalb in die Rodung bringen durfte, dann ein Schwein, dann Schafe und ein halbes Dutzend geschäftiger Hennen, ohne daß der Bär je eine Tatze gegen sie hob. Besonders beim Anblick der Schafe wässerte ihm das Maul, aber sie sahen so verdächtig harmlos aus. Sicher waren sie Fallen. Wenn er eins ergriff, würden vielleicht die Balken über ihm zusammenkrachen und ihn so flach schlagen, wie die Wildkatze.Der Mensch nahm dies Verhalten als Selbstverständlichkeit und dachte nicht darüber nach, daß es Vorsicht war. Aber das Fehlschlagen aller seiner Listen machte ihn auf die Dauer wütend, und er schwur, des Bären Pelz zu besitzen, ehe noch ein anderer Winter ins Land zog.
Das Ende dieses Sommers brachte quälende Trockenheit. Der Südforkstrom, der immer in wilden Stürzen dahinsaust und aus nie versiegenden Seen im Hochgebirge gespeist wird, sank nur wenig. Im Ottanoonfluß aber zeigten sich nackte Sandbänke und schimmernde Steinblöcke, die von den ältesten Wäldlern im ganzen Land keiner je trocken gesehen hatte. Mancher Waldbach verschwand gänzlich; was noch an ihn erinnerte, war eine Kette stiller, schwarzer Tümpel unter gewaltigen Zedernwurzeln. In den Wildseen starben die Lilien, fahl lagen sie auf stinkendem, wurzeldurchwachsenem Morast. Der Mensch war nicht allzu erregt. Denn kaum dreihundert Meter weit von seiner Hütte, am Ende der Schonung, floß der Südfork, dem keine Trockenheit etwas anhaben konnte. Sein Weizen und seine Kartoffeln waren weit genug, um durch die erste Trockenheit nicht ganz zerstört zu werden. Und sein Vieh war mit Wasser versorgt.
An diesem Punkt und vielleicht eine Meile stromabwärts und flußabwärts brauste der Südfork nicht sehr wild, so daß der Mensch ihn in seinem großen Kanoe bequem befahren und ausfischen konnte. Weiter unten wurden die Stürze zwölf oder fünfzehn Meilen lang und fast unüberwindlich steil, bis der tobende Strom sich endlich in einen schattigen See ergoß.
Unter einem leblosen und trockenen Himmel, in brütender Hitze, schien der Forst qualvoll zu stöhnenund sich nach Regen zu sehnen. Aber statt der lang ersehnten grauen und kühlen Wolken, die schwere Sturzregen in sich trugen, kam plötzlich eine tiefe, braune Wolke, durch die die Sonne wie ein Diskus aus glühendem Kupfer aussah. Der balsamische Duft des Waldes verschwand, statt seiner kam ein scharfer, böser Dunst, der die Augen quälte und den Gaumen brennen machte. Da verschwanden die Adler, Eulen, Krähen und alle flügelstarken Vögel. Alle die vierfüßigen Jäger der Wildnis wurden unruhig, Gefahren umdrohten sie, die sie nicht bekämpfen und denen sie nicht entfliehen konnten. Der große, schwarze Bär suchte, die Nase hoch gehoben, in allen Richtungen des Kompasses die Wolken ab. Er verlor alle Angst vor dem Menschen und seiner Arbeit, wimmernd zog er sich fünf Meilen weit stromabwärts zu einem Tümpel, der sich im Bereich des schäumenden Südfork gebildet hatte.
Zur gleichen Stunde lehnte sich der Mensch, der unentwegt an seinem traurigen Kartoffelacker geschafft hatte, auf seine Hacke und sah mit Besorgnis die veränderten Wolken an.
»Feuer!« murmelte er. »Irgendwo in der Nähe, und vielleicht gar nicht weit! Wenn nur kein Wind kommt!«
Dann warf er die Hacke zur Seite, legte den Ochsen das Joch über und schickte sich an, drei Tonnen voll Wasser vom Fluß zu seiner Hütte zu bringen. Falls Funken über die Rodung fliegen, dachte er, ist es gut, Wasser zur Hand zu haben.
Bei dieser Arbeit fühlte er sich wie gelähmt, die tote Luft und eine dumpfe Vorahnung drückten. Als er jedoch sein Gespann am Ufer halten ließ, sah er jenseits des Flusses ein Bild, das Leben in seine Glieder jagte! Die Ochsen sahen es auch, sie wurden scheu,schnaubten und zerrten an ihrem Joch. Jenseits der Baumspitzen stiegen Rauchwolken auf, durch ihre Aeste brach da und dort eine rote Flamme, die wie eine höllische Zunge um sich schlug.
Der Mann wurde ein Satan von Kraft. Hin und her sprang er mit seinem Wassereimer, vom Fluß zur Tonne und zurück, brüllte furchtbar auf die Ochsen ein, die nicht stillhalten wollten, und bald hatte er die Tonne bis zum Rand gefüllt. Auf dem Weg zur Hütte aber konnte er nicht hetzen, der Weg war uneben, er mußte vorsichtig fahren, sonst verschütteten die Tonnen ihren kostbaren Inhalt. Die Ochsen aber brauchte er nicht anzutreiben, und nach einer schwierigen Fahrt auf dem heißen, holprigen Wege erreichte er einen abgerodeten Hügel hinter seiner Hütte. Hier blieb er einen Augenblick wie erstarrt. Auch vom südlichen Horizont, jenseits der Rodung, stiegen diese seltsamen Wolken auf, auch dort leckten dünne, rote Zungen bösartig empor und verschwanden wieder. Von beiden Seiten schloß sich das Feuer um ihn zusammen! Erst jetzt erkannte er die gräßliche Gefahr! Wassertonnen! Weiß Gott! … Mit einem bitteren Lachen und einem Fluch über die Nutzlosigkeit seiner Mühen, in Gram und Wut über den Zusammenbruch all seiner Hoffnungen, befreite er die Ochsen aus dem Joch und rannte den Abhang hinunter, den Rest seiner Herde loszulassen. Er gab ihnen allen dieselbe Möglichkeit, das Leben zu retten, die er selbst hatte. Dann riß er eine Decke und ein leichtes Felleisen von seinem Lager und rannte zum Fluß.
Mittlerweile hatte der Bär den kleinen Teich – Bogan nennen ihn die Indianer – fünf Meilen stromabwärts erreicht. Er fand ihn schon gedrängt voll vonschwimmenden, zitternden Flüchtlingen. Denn schon war im Norden und Süden der Himmel voll Rauchwolken, die in dunklen, rollenden Massen näher kamen, und von Baumspitze zu Baumspitze sprangen tobende Flammen.
Unter dem Druck eines plötzlich erwachten Ostwindes trieben die beiden Feuersbrünste zusammen. Mit furchtbarer Geschwindigkeit vereinten sie sich über dem Fluß, der gerade an dieser Stelle einen Bogen beschrieb und sich über eine Reihe gebrochener Felswände brodelnd südwestwärts wandte. Aber das Brausen der Wasserfälle wurde jetzt durch einen viel schrecklicheren Laut übertönt, das Zischen und Lodern der Feuersbrunst.
Durch die Aeste brachen gelbe, stickige Rauchwolken, von allen Seiten, unberechenbar wohin, und warfen sich auf das Wasser, wurden dünn und verloren sich, als hätte der sprühende Schaum sie verschluckt. Hier und dort loderte ein einsamer Tannbaum in Flammen auf und leuchtete wie eine riesige Notfackel, und plötzlich heulte es durch die Luft, ratterte wie von unsichtbaren Explosionen, und schwirrende Brände, Vorreiter der großen Feuersbrunst, loderten mit Zischen in die Flut.
An den Rändern der engen Bogan saßen die Tiere gedrängt und sahen mit weiten, angstgequälten Augen dies flammende, fliegende, fallende Verderben. Ein paar Wildkatzen und ein großer, grauer, kanadischer Luchs kauerten am Ufer oder auf ausgedorrten Stümpfen und Aesten. Als eine Lohe nahe von ihnen niederfiel, legten sie die Ohren glatt und schauerten schreiend zurück. All ihre Leidenschaft, zu jagen und zu töten, war von Furcht verdrängt, und sie sahen nicht einmal die zitterndenHasen, die verzagten Eichhörnchen, die stoisch-gleichgültigen Murmeltiere, die rings um sie zusammengedrängt saßen. Das blutdürstige Wiesel sogar dachte einmal nicht an Mord, in den behenden Reihen glitt es ängstlich auf und nieder. Ein roter Fuchs, sonst ein Geselle, der jeglicher Gefahr trotzte, saß am Ende eines gestrandeten Holzblocks und äugte in die Baumspitzen, als grübelte er in seinem Sinn über irgendeine Kriegslist nach, mit der dieser grauenvolle Gegner sich schlagen ließe. Die schwimmenden Tiere, Ottern, Biber und Wasserratten, bedeckten mit ihren Köpfen die Oberfläche der Bogan; bei allem Entsetzen vor dieser Katastrophe, der die Welt zu unterliegen drohte, vertrauten sie dennoch ihrem alten Element, das immer ihr Schutz gewesen. Ein schwarzer Elen-Bulle mit zwei Kühen und ein Dutzend Stück Rotwild standen bis zum Bauch im Wasser und tauchten von Zeit zu Zeit unter, um sich Kühlung zu verschaffen. Nur Bären waren nicht da, außer dem großen Schwarzen selbst, denn alle Rivalen hatte er in seiner Eifersucht längst aus der Gegend vertrieben.
Nachdem er die Lage kurz überprüft hatte, watete der Bär ins Wasser. Er steckte den Kopf unter die Oberfläche, um sich von der Qual brennender Augen und Nüstern zu befreien. Wo er stand, war die Bogan seicht, aber ihr Boden sumpfig, so daß er Gefahr lief, zu versinken. Immer wieder riß er Fuß um Fuß aus dem verderblichen Schlamm – da flog aus der Brandwolke ein lodernder Ast heraus und schlug gegen eine Wildkatze, die nahebei auf einem Ast saß. Die Katze sprang heulend in die Luft und lief Gefahr, in das Wasser zu fallen, das sie haßte; in der Luft gab sie sich einen Ruck, und es gelang ihr, auf dem mächtigenRücken des Bären zu landen. Ihre Klauen bohrten sich tief ein, mit schmerzlichem Gebrumm versuchte er, sie abzuschütteln. Sie aber, wahnsinnig vor Angst, schien in ihm nichts zu sehen, als einen lebendigen Baumstamm, und immer fester hielt sie sich, bohrte sie ihre Klauen in sein Fell. Zu jeder anderen Zeit hätte er sie abgeschüttelt und in Stücke gerissen, aber jetzt konnte er nicht mehr zornig werden. Das Ganze war so unpersönlich, er wußte nur, daß irgend etwas auf seinem Rücken quälte, und daß er es los werden mußte. Er warf sich nieder, überrollte sich im Wasser, und dabei erstickte er die Katze im Schlamm. Als er wieder hoch kam, war die quälende Last verschwunden, aber sein Platz in der Bogan befriedigte ihn nicht mehr. Das Wasser war nicht tief genug, er fühlte sich wie eine Ratte in der Falle. Was er brauchte, war mehr Raum, mehr Luft, mehr Sicht, selbst wenn es nur Schlamm zu sehen gab. Ein paar Rehböcke, die ihn mit ihren großen, sanften, entsetzten Augen kaum sahen, stieß er zur Seite und watete zum Eingang der Bogan. Hier fühlte er den Strudel, der ihn die Wasserfälle hinabzureißen drohte, hier ließ er sich in tieferem Wasser nieder, das seine Schultern überspülte. Eine unbeholfene Elen-Kuh stand nahe bei, zuckte verzweifelnd mit ihren Ohren, starrte nicht in die Flammen, sondern in die verfärbten Wellen und den Schaum der gepeitschten Wasser. Dann kam an seiner Nase vorbei ein großer brauner Otter geschwommen. Er hob Kopf und Schultern über die Wellen wie ein wachsamer Seehund, prüfte die Fälle, und dann stürzte er sich geradewegs, das Haupt furchtlos gehoben, in den Fall. Sicher hatte er sich klar gemacht, daß die kleine Bogan nicht länger Sicherheit bot. Der Bär sah nachdenklich und fastneidisch ihre Flucht, aber ihm fehlte der Mut, sich in die sprudelnden, brüllenden Wellen zu werfen. Bald aber wurde das Gebrüll der Wellen unhörbar im unermeßlich grausamen Aufruhr des Feuers. Flammen sprangen und tosten, es war, als heulten sie, und als hätten selbst die Rauchwolken brüllende Stimmen bekommen. Die Hitze wurde giftig, wurde unerträglich; Funken und Brände fielen so dicht über die Bogan, daß viele Tiere mit plötzlich versengtem Fell wahnsinnig wurden und in den Schmelzofen hineinstürzten, während andere einfach im Wasser niedersanken und sich ertrinken ließen. Die Tiere, die das Wasser kannten, tauchten, so tief sie nur konnten, und erwarteten zitternd ihr Schicksal; nur der weise Fuchs schwamm vorsichtig alle Winkel der Bogan aus und fand endlich eine Höhle unter dem Ufer, deren Eingang von durchweichten Wurzeln geschützt war. In diesem herrlichen, kleinen Versteck saßen zwar schon, eng zusammengedrückt, ein paar Ottern und Moschusratten, aber er drängte sich ohne Förmlichkeit hinein und überließ es den andern, sich unterzubringen. Da die sonst nicht sehr vollkommene Geschichte jenes Waldes zu erzählen weiß, daß er noch in späteren Jahren zwischen den verkohlten Stämmen der Rodung des Menschen auf Hasen und Rebhühner jagte, ist anzunehmen, daß dies Versteck sich als zuverlässig erprobt hat.
Inzwischen verzagte der Bär, als das Schicksal mit Flammen über ihn hereinbrach. In der ganzen Gesellschaft war er außer dem weisen Fuchs das einzige Tier, das klug genug war, die Schrecken dieser Stunde ganz zu überdenken. Für seinen mächtigen Körper war keine Höhle im Wasser groß genug. Er wimmerte erbärmlich und kehrte die Augen sehnsüchtig zu dem wildschäumenden Kanal, durch den jenes andere Tier geflüchtet war. Er wagte sich nicht auf diesen Pfad, der ihm sicherer Tod schien. Zwischen zwei Mauern aus Rauch und Flammen war dies stürzende Wasser nur noch eine siedende Straße ins Verderben.
Aber auch die Bogan selbst wurde ein Ort der Schrecken. Was von kleineren Tieren noch lebte, bedeckte wie ein Teppich ihre Oberfläche. Eine oder zwei Wildkatzen, unzählbare Eichhörnchen, Wiesel, Marder, Murmeltiere, Mäuse, Waschbären und selbst ein paar Hasen, die in dieser Stunde letzter Verzweiflung gelernt hatten, zu schwimmen – alles andere war tot. In dem Tollhaus-Gedränge, das jetzt in der Mitte des Teiches wütete, waren selbst ein paar Rehe untergegangen. Der Bär und das schwerblütige stoische Elen hielten sich in all dem vernichtenden Trubel noch aufrecht; sie lagen im Wasser und hoben von Zeit zu Zeit die Mäuler, ihre Lungen mit der brausenden und giftigen Luft zu füllen.
Als er durch Zufall seine verzweifelten Augen stromaufwärts wandte, sah der Bär plötzlich eine wilde Gestalt durch Gischt und Rauch auf sich niederkommen. Sogleich erkannte er sie. Es war der Mensch, der im Heck seines leichten Kanoes ausgestreckt lag und es mit wuchtigen Paddeln zwischen Felsen und Sturzseen hindurchsteuerte. Er hatte sich das Ende einer Decke um den Kopf geschlungen. Ein Zipfel davon, der hinter ihm in der Luft wehte, glimmte und rauchte. Er lenkte sein Kanoe in die Bogan, und beinahe wäre er gekentert, als er heftig gegen den untergetauchten Rücken eines der Elentiere rannte. Auf Armlänge von dem Baren glückte es ihm, das Boot zum Halten zu bringen, und jetzt sah der Bär, daß sein Aussehen sich seltsamverändert hatte. Seine großen, sehnigen Hände, sein mutiges Gesicht waren schwarz und ausgedörrt. Die Augen starrten furchtlos aus kahlen Höhlen, Augenbrauen und Wimpern waren abgesengt. Trotzdem sah der Bär in seinem Kommen einen Schimmer von Rettung. Er fühlte: hier ist ein gewaltiger Geist, den selbst die Dämone des Feuers nicht überwältigen werden! Heulend näherte er sich dem Kanoe, in seinem Herzen wuchs eine Hoffnung. Der Mensch bemerkte ihn und erkannte selbst in diesem verzweifelten Moment, mit entstelltem Lachen, den Feind, der seinen Listen so oft entgangen war.
»Diesmal hat's uns beide im Genick, alter Kerl!« brummte er, während er sich die Decke vom Kopf riß und sie rasch über die Wand des Bootes ins Wasser tauchte. Dann schlang er sie, noch triefend, wieder um Kopf und Schultern, nahm eine Sonde zwischen die Zähne, um die Rauchwolken durch diesen Filter zu atmen. Gleich darauf stürzte er sich wieder in die Wirbel, und in Rauchschwaden eingehüllt, brauste er hinein in den heulenden Wasserfall. Einen Augenblick zögerte der Bär, winselte wie ein junger Hund, und dann stürzte er sich nach.
Tatsächlich war der Bär ein besserer Schwimmer als er selbst geglaubt hatte. Nach den ersten Sekunden hilfloser Verzagtheit im Toben und Rasen der Strudel fand er die Kraft, seinen Kopf wieder über Wasser zu halten und mehr oder weniger seinen Weg zu bestimmen.
Anfangs mißverstand er die Anzeichen der Strudel und steuerte sich schlecht. Aber nachdem er atemlos seinen Weg durch eine Reihe wahnsinniger Stürze hindurch gekämpft hatte, sah er vor sich, ein wenig rechts,etwas wie einen sanfteren Durchlaß durch eine Schranke von Brechern. Dorthin strebte er mit aller Kraft, während er flußabwärts gewirbelt wurde, und erreichte sein Ziel. Seine Füße schleiften am Boden hin, krampfhaft versuchte er, sich mit den Klauen zu halten, aber er wurde fortgerissen, und vom Rand einer spitz auslaufenden Felsnase stürzte er mitten hinein in einen gischtenden Kessel.
Glücklicherweise war der Kessel so tief, daß die Wucht seines Sturzes den Bären nicht zerschmettern konnte. Er kreiste in einem Strudel, bis Atem und Ueberlegung ihm wieder kamen. Dann entrann er seitwärts und geriet wieder in den tosenden Strom. Aber von jetzt ab verstand er es, die heimtückischen sanften Strecken zu meiden, hielt sich in den wirbelnden, heftig schäumenden Kanälen, die ihm genügende Wassertiefe und einen klaren Weg boten.
Der Mensch, der mit seinem starken Ruder steuern und die Fahrt beschleunigen konnte, war jetzt außer Sicht. Aber der Bär schwamm vertrauensvoll in seinen Spuren. Beide Ufer des Flusses waren jetzt eine einzige tobende Feuersbrunst, ein Chaos, eine schwarze Rauchwolke, von roten und gelben Flammen zerrissen. Riesige Stämme bebten minutenlang darüber, dann schwankten und fielen sie, und das Schmettern ihres Falles blieb in all dem Toben ungehört. Maul und Nüstern des Bären brannten wie das Feuer selbst, wenn er seinen triefenden Kopf hob und die glühende Luft atmete. Aber sein Vertrauen in die Führung des Menschen war so groß, daß er nicht mehr verzweifelte.
Der Hauptarm des Südfork mündete endlich in einer gewaltigen Mulde, in die er mit einem Donnern hineinschoß, das selbst im Brausen der Flammen zu hörenwar. Hier kämpfte der Bär, um ans Ufer zu kommen, aber es war zu spät. Unwiderstehlich packte ihn der Strom, einen Augenblick später war er wieder im Wirbel. Die Strudel überrollten ihn, tauchten ihn unter, dumpfes Dröhnen füllte seine Ohren, seine Lungen waren am Bersten. Dann plötzlich wurde er wieder in die Luft geworfen, fast erstickt fühlte er unter seinen Füßen glatte, wegsame Steine! Im nächsten Augenblick griffen seine Klauen in Holz, sie krallten sich ein wie Zangen und hielten fest! Gleich darauf zog er sich aus dem Strom und kämpfte mit aller Kraft zu ein paar Baumstämmen hin, die abgetrieben und zwischen Felsen eingeklemmt waren. Gerade vor sich sah er zu seinem Erstaunen den Menschen klettern, der, den Körper noch unter Wasser, in einem Felsspalt steckte. Nur seine Augen hielt er frei, der ganze Kopf war in die triefende Decke eingeschlagen, das Kanoe nirgends zu sehen. Mit stieren Augen erkannte der Mensch das schlammbedeckte, keuchende Tier und schob sich in den Stämmen vorwärts, ihm Platz zu machen.
»Wie geht's, Geselle?« rief er. »Mach' dir's bequem hier! Du und ich, wir sind wohl die Einzigen, die noch leben hier herum!«
Der Bär schrak ängstlich zurück, betroffen von dem matten Klang dieser Worte oder von den Augen des Menschen, die auf ihm lagen. Aber da er an seinen Hinterbeinen noch den reißenden Strudel fühlte, drang er weiter vor und kroch in Sicherheit, kaum einen Arm weit ab von dem Mann.
Einstweilen waren die beiden Flüchtlinge sicher. Sie hatten Wasser genug, sich damit zu bedecken, und ein paar Felswände über ihren Gesichtern schützten sie vor gelegentlich vorzischenden Flammen, die über dieFläche des Stroms hinleckten. Nun konnten sie nichts mehr tun, als warten.
Den ganzen Tag und die ganze Nacht (obwohl sie nicht wußten, wann Tag und Nacht miteinander wechselten) lagen Mensch und Tier so nebeneinander und klammerten sich ans Leben, während rings um sie und über sie fort das Feuer raste. Dann begann es abzusterben, glühende Baumstümpfe und Stämme blieben zurück, ihr Rauch schwelte am Ufer, hier und da zischte noch eine Flamme auf. Die Luft war jetzt so kühl, daß man ohne Qual atmen konnte. Und ein verzweifelt grauer Wolkenhimmel blickte auf das Bild der Zerstörung herab.
Der Mann stand auf, reckte seine steifen Glieder, wrang das Wasser aus seinen Kleidern und dann – so rasch wechseln unsere Bedürfnisse! – setzte er sich an die nächste Glut, um seinen Körper zu wärmen. Der Bär beobachtete ihn ängstlich, aber er wagte sich nicht näher. Wie ein Hund folgte er den Bewegungen des Menschen. Für den Augenblick hatte er allen eigenen Willen verloren.
Der Mensch erkannte jetzt klar: für die nächsten Tage gab es keine Flucht von diesen glühenden Gestaden, wenn nicht ein Wolkenbruch kam und die schwelenden Torflager löschte. Aber zwischen seinem Zufluchtswinkel und dem Ufer, ein kleines Stück stromabwärts, bemerkte er eine Landzunge aus Sand und Geröll, an der ein paar Holzblöcke gestrandet waren. Sie lag unter dem sprühenden Schaum der Wasserfälle so geschützt, daß die Hitze wohl ein paar Büsche angesengt, aber nicht vermocht hatte, sie zu verbrennen. Diese langgestreckte Kiesfläche schien dem Menschen ein Weg zur Rettung, er mußte sie erreichen. Aber der tiefeWirbelstrom würde ihn, obgleich er ein tüchtiger Schwimmer war, wie einen Strohhalm vorbeiwirbeln. Wenn der Bär es nur zuerst versuchen wollte! Gleich darauf aber fiel ihm ein, daß selbst dieser Versuch ihm nichts nützen würde, denn der Bär war imstande, sich in einer Strömung zu behaupten, in der er selbst unterging wie eine junge Katze. Trotzdem sah er den Bären auffordernd an und rief ihm über die tosenden Wellen zu:
»Versuch du's, Kamerad! Hier können wir noch lange hängen.«
Der Bär glaubte, er würde irgend eines Verbrechens angeklagt, und zog sich ängstlich in einen Winkel zurück. Da er nichts tun konnte, als sich dem Schicksal zu stellen, verlor der Mensch jetzt keine Zeit mehr. Durch Warten konnte er weder Kraft noch einen neuen Entschluß gewinnen. Indem er sich sorgfältig auf der schmalen Brücke zwischen den beiden Kanälen hielt, nutzte er alles aus, was sein tolles Wagnis erleichtern könnte. Als er dem reißenden Strom nicht länger widerstehen konnte, warf er sich so weit hinaus wie möglich und schwamm verzweifelt darauf los, hoffnungslos und doch hoffend, er würde die Landzunge erreichen, ehe der Fluß ihn vorbeigetrieben hätte. Im nächsten Augenblick freilich erkannte er, daß alles umsonst war. In diesem Wirbel war er nicht mehr als ein treibendes Blatt.
Der Bär hatte jede seiner Bewegungen verfolgt. Was das Manöver bedeutete, ahnte er nicht, aber er glaubte, daß der Mensch auf diesem Wege den Rettungswinkel nicht verlassen könnte. Als er dann sah, wie der sich mitten in den Fluß hineinwarf, den Kopf zum Ufer gewandt, fühlte er sich ganz verlassen. Mit einem wimmernden Schrei stürzte auch er in den Strom. Den Menschen aus den Augen zu lassen, wagte er nichtmehr. Dann würde das Feuer zurückkehren und ihn vernichten!
Die Schnauze hoch gehoben, kämpfte er sich prachtvoll durch die wirbelnde Flut. Und obwohl in furchtbarer Geschwindigkeit stromabwärts getragen, gelang es ihm doch, seine Diagonale immer weiter zu sichern. Jetzt endlich hatte er es gelernt, die Gewalt abzuschätzen, gegen die er zu kämpfen hatte, und die Richtung gefunden, in der die Landspitze zu erreichen war – da stürzte eine Welle den Menschen auf ihn! Der Mensch klammerte sich im langen Pelzhaar seiner Flanke fest. In seinem Entsetzen über diesen unerwarteten Angriff kämpfte der Bär noch machtvoller drauf los. Der Mensch blieb, wie das Schicksal es gewollt hatte, in seine Flanke eingekrallt.
Mit letzter Anstrengung erreichte der Bär an einer bequemen Zugangsstelle die Landzunge und schwang sich wie eine erschreckte Katze hinauf. Der unheimliche Griff in seiner Flanke ließ nach. Als er sich umdrehte, um zu sehen, was passiert war, stand der Mensch atemlos, aber lachend im Sand und rief: »Hab Dank, Geselle! Gut gemacht!«
Entsetzt von diesem Lachen, einem Geräusch, wie er es nie gehört hatte, sprang der Bär auf die andere Seite der Landzunge und spähte zum Ufer.
Der Mann war inzwischen wieder zu Atem gekommen. Jetzt machte er sich daran, im ruhigen Wasser an den Ausläufern der Sandbank zwei Baumstämme nebeneinander zu rollen. Aus treibenden Wurzeln und den Ruten von halb verdorrten Weidenbäumen drehte er Taue, mit denen er die beiden Stämme immer wieder und wieder umwand. So brachte er ein Floß zuwege, das stark genug war, ihn über alle Schnellen zu tragen.Er wußte, daß er nur noch eine halbe Meile vom See entfernt war; und er wußte auch, daß die schlimmsten tobenden Katarakte des Südfork hinter ihm lagen.
Er hatte weder Ruder noch Staken, um seinen Kurs zu halten, aber trotzdem stieß er das Floß vertrauensvoll in die Flut. Dabei winkte er seinem Gefährten Lebewohl.
»Bleib ruhig sitzen, Kamerad!« rief er. »Du bist gut, wo du bist, laß die Wälder sich abkühlen!«
Der Bär war durch die drohenden Flammen nicht mehr geängstigt, aber noch erschreckt von dem kraftvollen Griff in sein Fell. So nahm er den Rat des Menschen scheinbar als endgültig hin. Anfangs freilich folgte er dem Floß ein Stück weit in die brandenden Wasser hinein und wimmerte unentschlossen. Dann aber ließ er sich auf seinen Keulen nieder und beobachtete, wie es schwankend und taumelnd die Wellen niederschoß. Der Mann kauerte darauf, und der Bär sah ihm nach, bis er an einer Flußkrümmung verschwand.