Am 24. November 1762 schloßFriedrich II.mit den Österreichern einen Waffenstillstand, worauf ein Teil des Obergebirges in der Gewalt der Kaiserlichen blieb. Am Fastnachtstage, den 15. Februar 1763, kam endlich der ersehnteFrieden zuHubertusburgzustande. Auch in unserer Gegend hatte man Veranlassung, Gott in besonderer kirchlicher Feier zu danken.
Nach Karl Lehmann, Zippert undDr.Falke.
Es war in einer stürmischen Nacht in der Zeit des Siebenjährigen Krieges, als in einem Hirtenhause zwischen Pichelberg und Thein bei Bleistadt Vater und Sohn vor einem Kienfeuer sitzend in einem lauten Gespräch begriffen waren. Dieses war besonders für letzteren unterhaltend, denn oft ließ der fünfzehnjährige Michel seine Hände, welche sich mit Kieferspäneschnitzen beschäftigten, sinken und hörte lange Zeit mit gespanntester Aufmerksamkeit auf das, was sein Vater, ein alter, verdienter Soldat, von seinen Feldzügen gegen den hartnäckigsten FeindMaria Theresiasmit großem Eifer und gewisser Lebendigkeit zu erzählen wußte. Besonders heute war sein Mund gesprächiger als je; denn eine österreichische Truppenabteilung, bei deren Anblick sich des Alten Erinnerungen neu belebten und gestalteten, war seit wenigen Stunden an der Hütte vorbeimarschiert und lagerte sich für die Nacht eine kurze Strecke davon. Immer und immer wieder wurde Michel zu bewundernden Ausrufen hingerissen, und es wäre ihm am liebsten gewesen, wenn er gleich als Soldat mit Säbel und Gewehr hätte Bekanntschaft machen können.
»Aufgemacht!« schrie da plötzlich eine rauhe Stimme und begleitete den Befehl mit einem Kolbenschlage, der das Fenster zertrümmert in die Stube warf. »Heraus mit Euch, oder das Feuer wird schnelle Beine machen!«
Auf seinem Stelzfuß hinausgehumpelt, sah sich der alte Soldat einem Haufen preußischen Fußvolkes gegenüber, dessen Anführer von ihm zu erfahren wünschte, wenn die kaiserliche Truppe hier vorbeigezogen, wie stark sie sei und wo dieselbe liege. Der Alte erwiderte, daß er dieses alles nicht wisse, und weder Versprechungen, noch harte Drohungen und arge Mißhandlungen, welche Michel zum Widerstande bewogen, konnten den braven Mann veranlassen, zum Verräter zu werden, sodaß die Preußen diesen verschlossenen Leuten gegenüber einen anderen Weg einschlugen, um zum Ziele zu gelangen.
Zwei Mann mußten den alten Hirten bewachen, während Michel gezwungen wurde, den Weg zu zeigen. Man warf um seinen Leib einen Strick, dessen Ende der Befehlshaber selber in die Hand nahm, wobei er drohend und nachdrücklich sagte: »Du, Bursche, gehst links zwei Schritte neben mir und wirst weder husten, noch scharf auftreten. Zwei Mann mit gezogenen Säbeln gehen vier Schritte voraus, ebensoviele hinten und an den Seiten, die Mannschaft folgt sechs Schritte entfernt nach. Du führst uns den nächsten Weg zu dem Lager der Österreicher, und wenn irgend ein Wort meiner Befehle übertreten wird, so werden Dich meine Leute augenblicklich niederstoßen.« Der arme bedauernswerte Michel leistete anfangs mit stürmischem Herzpochen, was man von ihm verlangte; allmählich wurde er aber ruhiger, dachte nach und machte endlich den Versuch, die verhaßten Preußen irrezuführen, um die Soldaten seiner Kaiserin zu retten. Die Absicht wurde aber von dem Offizier bald gemerkt; denn dieser zog ihn an sich und zischelte dem Burschen ins Ohr: »Wenn wir in einer halben Stunde die Österreicher nicht haben, stirbst Du eines martervollen Todes.« Nun wußte Michel keinen Ausweg mehr und entschlossen bog er links in einen Hohlweg ein, der gerade auf das Lager der kaiserlichen Truppen führte. Die schwarze Nacht, die unheimliche Stille, das raubtierartige Gebaren seiner schlagfertigen Begleiter hatten etwas Fürchterliches, was imVereine mit den heute von seinem Vater erzählten Kriegserlebnissen seine Thatkraft zeitigte und den kühn gefaßten Entschluß zur Reife brachte. Plötzlich entdeckten die Vordermänner eine Schildwache, welche, als sie den Werdaruf geben wollte, lautlos zu Boden sank. Die Kaiserlichen mußten in der Nähe sein, weshalb der Führer sich wendete und ein leises Zeichen zum Stillstande gab. Diesen Augenblick benutzte der Bursche, sprang wie ein Luchs auf den Befehlshaber und, ihn am Halse fest umschlingend, schrie er aus allen Leibeskräften: »Auf! auf! die Preußen! Holla! die Feinde!« Der Heldenmütige blutete schon aus vielen Wunden, bevor der Todesstoß auf ewig seinen Mund verstummen machte, dessen Rufe die kaiserliche Mannschaft rettete und ihr über die durch den unverhofften Verrat betäubten Preußen einen leichten Sieg verschaffte.
Nach Joh. Böhm.
Unter dem Namen »Das Banner der Freiwilligen« sollte dem gebildeten Teile des sächsischen Volkes, wie in Preußen durch die Jägerkorps, Gelegenheit gegeben werden, seine Teilnahme an dem großen Werke der Befreiung Deutschlands werkthätig an den Tag zu legen. Der Ausschuß desErzgebirgischen Kreiseszur Landesbewaffnung erließ deshalb folgenden Aufruf:
»Das Vaterland erhebt sich zum heiligen Kampfe für Ehre, Recht und eine bessere Zeit, die mutig erzwungen werden muß. Wem noch ein deutsches Herz im Busen schlägt und wer den kräftigen, mutvollen Geist der Sachsen treu bewahrt hat im Drange der Ereignisse, der hört mit lauter Freude den Ruf der Ehre und des Vaterlandes. Schon strömen von allen Seiten mutige Jünglinge und Männer in die Reihen der Freiwilligen, und bald erhebt sich der Sachsen Banner in dichten Haufen der Edlen, Blut und Leben dem heiligen Kampfe weihend.
Biedere Bewohner des Erzgebirges! – stets brav und treu der Ehre und dem Vaterlande – eilt, den ersten Preis des mutigen Sinnes für die gerechte Sache zu gewinnen. Sorgt, daß der alte Ruhm des Biedersinns und der Vaterlandsliebe nicht unserem Kreise entrissen werde! Wer von Euch könnte es ertragen, einst sagen zu hören, daß die Söhne des Gebirges schmachvoll zurückgeblieben seien im großen Kampfe für die gute Sache? Was Ihr jetzt thut für diese, wie Ihr jetzt Euch zeigt vor den Augen der Völker, das entscheidet für Jahrhunderte hinaus über Eure Ehre, das Glück Eurer Enkel, den Ruhm unseres Kreises!
Und Ihr werdet – wir verbürgen das mit Stolz im voraus – kräftig und mutvoll Euch zeigen, werdet tapfere Beschützer des Rechts und willige Förderer der guten Sache sein; Ihr werdet ruhmvoll kämpfen oder, wenn die Umstände Euch diese Ehre versagen, eifrigst sorgen, daß das große Werk des Volkes durch jedes Hilfsmittel, durch willige Opfer, That, Kraft und warme Teilnahme mächtig gefördert und erleichtert werde.
Wir werden deshalb in den nächsten Tagen näher zu Euch reden. Um indes im voraus dem edlen Drange derer, die bereits freiwillige Beiträge zur Ausrüstung der unbemittelten Landesverteidiger bei uns gemeldet haben und noch melden wollen, zu begegnen, haben wir eine Kreiskasse zur Aufnahmesolcher Beiträge bestimmt und ein offenes Buch anlegen lassen, worin der Name und der Beitrag jedes edelmütigen Vaterlandsfreundes, der auf diese ehrenvolle Weise seinen Eifer für die gute Sache an den Tag legt, eingetragen wird. Diese schöne Liste soll öffentlich bekannt gemacht werden, damit das Vaterland die Förderer seiner Ehre und seiner Wohlfahrt kennen lerne. Diese Beiträge können hier unmittelbar oder durch die Bezirksämter gemeldet werden.
Ausschuß des Erzgebirgischen Kreises zur Landes-Bewaffnung.«
Das sächsische Banner sollte aus 5 Schwadronen Reiterei, 2 Regimentern Jäger, 1 Kompanie Sappeurs und aus einem verhältnismäßigen Artilleriekorps bestehen. Die Mitglieder des Banners erhielten den Rang eines Gefreiten, Befreiung von körperlicher Züchtigung und wurden mit »Sie« angeredet. Wer aus bürgerlichem Dienste in das Banner trat, behielt sein Amt und die Einkünfte desselben. Nach Beendigung des Krieges konnte jedes Banner in seine vorigen Verhältnisse zurücktreten. Jeder, der den Feldzug mitgemacht hatte, sollte bei seiner Beförderung im Dienste berücksichtigt werden. Die Freiwilligen des Banners mußten sich selbst kleiden, beritten machen und womöglich auch bewaffnen. Anfang Dezember war die Anzahl der Freiwilligen bereits auf 1500 gestiegen. Die angesehensten Männer traten in die Reihen der Gemeinen. Einer der ersten Freiwilligen war der ProfessorKrugin Leipzig, der das Jahr zuvor Rektor Magnifikus gewesen war. Ebenso folgte der ProfessorDr.Tzschirnerin Leipzig als Feldprobst.
AusSchwarzenbergund dem HammerwerkeErlatraten 17 junge Männer zum Banner.
Aller Orten und Enden wurden zahllose Scharen von Rekruten geübt, um geschickt zu werden, an der feierlichst verkündigten und versprochenen Freiheit des deutschen Vaterlandes mit aller Macht kämpfen und arbeiten zu helfen. Das Erzgebirge blieb nicht zurück. Mehrere Abteilungen Landwehr bildeten sich auf den Bergen und in den Thälern desselben. Auch das Banner erhielt manchen Gebirger in seinen stattlichen Reihen. Das erste Bataillon des Banners empfing sogar eine Fahne vonSchneeberg.
Nach Karl Lehmann.
Zu den Drangsalen durch den Feind gesellten sich die Verheerungen, welche die Pest über das ganze obere Gebirge brachte. Sie wütete besonders im August und September 1633 inAnnaberg,Marienberg,Zöblitz,Altenberg,Zwickauund Umgegend.Annaberghatte eine Menge der wegen Kriegsdrangsale flüchtigen Landleute nur eben aufgenommen, als fast gleichzeitig die Pest ihren grauenhaften Einzug hielt und in kürzester Zeit die meisten unglücklichen Flüchtlinge tötete. Ebenso wurden viele Bewohner der Stadt selbst von der Seuche erfaßt. Im August gab es in 140 Häusern Pestkranke. Es sind deshalb manchen Sonntag 385 Abendmahlsgäste in der Kirche gewesen, um noch Trost vor dem nahenden Tode zu suchen. Auch die meisten Schüler der Lateinschule wurden dahingerafft, daß nur wenige, wie schon 1521, übrig blieben.General Holckstarb auch 1633 zuAdorfan der Pest. Die an der ansteckenden Krankheit Verstorbenen, deren Särge man nicht durch die Gottesackerkirche trug, schaffte man durch das von der GeyersdorferStraße unmittelbar hineinführende Thor. Es erhielt davon den Namen »Pestthor«.
Nach Arnold u. a.
Die Krankheit besteht in einem durch Ansteckungsfähigkeit schnell fortschreitenden Fieber, welches meist entzündlicher Natur ist und einen nervösen und fauligen Zustand erzeugt, heftige Entzündung der Drüsen, besonders in den Weichen, sowie den Blutschwären ähnliche Beulen bildet, die äußerst schmerzhafte, bald in Brand übergehende und entzündete Geschwülste in den häutigen und fleischigen Teilen des Körpers verursachen. Sie tötete in den allermeisten Fällen oft schon in wenigen Stunden, zuweilen aber auch erst nach einigen Tagen, manchmal noch später. Sie ist wohl nie in ihrer das Leben und die Gesundheit zerstörenden Wirkung von einer anderen Seuche übertroffen worden. Das hauptsächlichste Mittel zur Verbreitung ist unstreitig das Pestgift, welches durch die Krankheit selbst erzeugt wird und sich besonders durch unmittelbare Berührung mitteilt.
NachDr.Köhler.
Während früher unter allen erzgebirgischen Städten einzigSchneeberggänzlich von der Pest verschont blieb, wurde namentlichAnnaberg1568 furchtbar verheert. Das am 17. Juli desselben Jahres daselbst beobachtete Erdbeben sah man als die Ursache der Krankheit an. Kein Haus blieb damals verschont, und was sich heute noch, so berichtet der Geschichtsschreiber, gesund begrüßte, war morgen schon eine Beute der Pest. Vergeblich verlangten die Sterbenden nach Tröstung durch das heilige Abendmahl, da die dasigen Geistlichen nicht zu den Verpesteten gehen durften. Es erschien daher die Anstellung eines besonderen Pestgeistlichen nötig. Aber niemand fand sich, der den todbringenden Seelsorgerdienst übernehmen wollte. Damals irrte ein geächteter sächsischer Geistlicher seit 5 Jahren unstät und flüchtig in den böhmischen Grenzorten umher,Wolfgang Uhle, ein Bürgerssohn ausElterlein, welcher am 10. Juli 1563 als Pfarrer zuClausnitzin wildem Jähzorne den dortigen Dorfrichter Georg Biber mit einem Hammer erschlagen hatte. Dem Vollzuge des über ihn ausgesprochenen Todesurteils hatte er sich durch schnelle Flucht nach Böhmen entzogen, wo er die Bedrängnis der StadtAnnabergerfuhr. Alsbald ließ er dem Rate sagen, daß er sein ferneres Leben gern dem Troste und Beistande der Pestkranken opfern wolle, wenn ihm Begnadigung gewährt werde.Kurfürst Augustbegnadigte ihn hierauf auch wirklich unter der Bedingung, daß er seines Berufes als Pestprediger treu warte. Der Geächtete kehrte nun frei ins Vaterland zurück, begab sich nachAnnaberg, wo bereits 2228 Personen an der Pest verstorben waren, setzte sich mutig der größten Gefahr aus, blieb aber wunderbarerweise von der schrecklichen Krankheit unberührt. Als die Pest erloschen war, wurde Uhle als für immer Begnadigter zum Pastor inBreitenbrunnernannt, wo er bis 1594 in Segen wirkte und im gedachten Jahre mitten in der Ausübung seines Amtes am Altar von einem Schlagflusse getroffen ward, sodaß er nach den Worten des Geschichtsschreibers so schnell zu Boden sank, wie 30 Jahre zuvor der Unglückliche, den er erschlagen hatte.
NachDr.Köhler.
Da man sich über die Ursache der todbringenden Pestkrankheit nicht klar war, so vermutete man, die Totengräber wendeten Zaubermittel an, um nurrecht viel Leichen zu haben, damit ihre Einnahme sich mehre. Sonderbare Sachen werden uns aus den Pestzeiten erzählt.
Im Jahre 1680 wurde zuGeyerder Totengräber wegen Zauberei auf dem Gottesacker verhaftet und gefänglich eingezogen. Man hatte ihn auf den Markt gehen und aus einer Schachtel etwas ausstreuen sehen. Als nun hernach allerhand Merkmale gesucht wurden, ihn seiner Bosheit zu überweisen, fand man unter anderm, daß er sein eigenes Weib wieder ausgegraben, ihr Augen, Nase und Zunge ausgeschnitten und die Teile zu Pulver verbrannt hatte, welches er also auf die Gasse gestreut. Er wurde deswegen mit dem Staupenschlag bestraft und ewig des Landes verwiesen.
ZuWolkensteinhat im Jahre 1614 ein Totengräber einer Pestleiche den Kopf im Grabe abgestoßen, diesen in seiner Stube an einer Schnur in Teufelsnamen aufgehängt. Darin hat er Hefen, Bier und Blut von Verstorbenen, ebenso Milch vermischt, warm gemacht und gegessen. Soviel nun Tropfen aus dem schwitzenden Hirnschädel gefallen, so viele Pestleichen hat er selbigen Tag gehabt. Dieser Pestzauberer hatte auch zweierlei Pulver, ein gutes wider die Pest und ein ansteckendes, so er aus einer Pestdrüse gemacht. Um solcher schrecklichen Übelthaten willen ist er verbrannt worden.
Im Jahre 1620 regierte die Pest zuGottesgab, davon der Ort halb ausstarb. Der Totengräber kam in Verdacht, er habe die Seuche mit bösen Mitteln verursacht.Hans Leonhard, ein verwegener Mühlknecht, der eben aus dem Kriege gekommen, wagte sich hinein in des Totengräbers Häuslein und fand einen Totenkopf über dem Ofen hängen. Darüber hat er sich erbost und den Totengräber samt seinem Weibe krumm und lahm gehauen. Er holt Feuer und brennt das Spital gar weg. Aus dem sind zwar die tödlich Geschlagenen gekrochen. Aber dennoch sind sie an ihren Wunden gestorben.
Im Jahre 1630 hatte eine gewisse Pittelin zuAbertham, einem früher durch seinen Käse berühmten Dorfe, die Pest durch Zaubermittel vermehren helfen. Wie sie in der Marter bekannte, hat sie eine Bürste neben eine Leiche ins Grab geworfen, welche dann auf ihren Rat wieder herausgenommen werden mußte, denn sonst würde nach ihrer Aussage ganz Abertham aussterben. Schon 263 Personen waren gestorben. Es hat sich mit der Bürste auch also befunden und wurde diese Pestzauberin am 18. November inJoachimsthalan einem Pfahl mit dem Strange erwürgt, die Tochter von 13 Jahren enthauptet, beide Körper verbrannt und der Sohn des Landes verwiesen.
NachDr.Gräße.
Pestopferwaren an Zahl 1582 in Großrückerswalde 51, 1585 in Schwarzenberg 54, 1586 in Geyersdorf 86, in Kleinrückerswalde 61, 1607 in Aue 73, in Wiesenthal 50, in Joachimsthal 204, 1613 in Wiesa 133, 1625 in Zöblitz 323, 1626 in Gottesgab 178, in Breitenbrunn 81, in Schwarzenberg 205, 1633 in Joachimsthal 800, in Breitenbrunn 145, in Marienberg 117, 1634 in Wiesa 145, 1636 in Gottesgab 107, 1637 in Schwarzenberg 262, in Bernsgrün 52, in Lengefeld 80, 1639 in Gottesgab 114, in Fernrückerswalde 205, in Cranzahl von 1582 bis 1640 auf 200.
1679 wütete in Wien die Pest. Von da aus verbreitete sie sich auch nach Prag und schritt dann über die Grenze nach Sachsen.
Am 24. Oktober 1679 wurde ein »Fast-, Bet- und Bußtag um pestilenzialischer Krankheiten« feierlich begangen. Furchtbar trat der Würgengel im Erzgebirge auf. In Freiberg sollen 1200 Menschen dahingestorben sein.
1680 zeigte sich der erste Pestfall inMarienberg, ihm folgten 554 Personen. In Wolkenstein fielen der Krankheit viele zum Opfer. Annaberg, Schneeberg und Chemnitz wurden abgesperrt. InAnnabergließ man einen Spitzenhändler, welcher aus einem angesteckten Orte kam, durch den Steckenknecht oder Gerichtsdiener gleich nach seinem Eintritte aus der Stadt bringen. So erging es einem andern, der bald auf freiem Felde hilflos niederfiel und verstarb. In der Stadt trat Brotmangel ein. Die BürgerLahlundScheuerecksetzten das eigene Leben daran, ihre Leidensgenossen durch den gefahrvollen Ankauf von Lebensmitteln vom Hungertode zu erretten.Dr.Macasius besuchte ohne Scheu die Kranken und starb bald selbst. In Marienberg starben beide Geistliche. In Rauenstein starben sieben Abendmahlsgäste. Bei Reifland nahmen die Geängstigten das Abendmahl unter freiem Himmel. An der Stelle errichtete man einen Denkstein zur Erinnerung an das letzte Pestjahr in Sachsen.
Nach Lehmann und B. Schlegel.
Auch bei dem besten Ertrage der Felder unseres Erzgebirges ist derselbe nie zur Ernährung der dichten Bevölkerung hinreichend. Wir sind bei dem Getreideeinkauf auf die Niederungen angewiesen, mit deren Bewohnern wir gegen unsere Industrieerzeugnisse Brot eintauschen. Jetzt umspannt das Eisenbahnnetz den ganzen Erdteil, aus den entferntesten Gegenden kann mit Leichtigkeit Getreide herbeigebracht werden. Wie war es aber früher, als es noch keine Bahnen gab, die Straßen noch nicht im besten Zustande waren und oft der verschneite Hohlweg den Verkehr auf Tage, ja auf Wochen hinaus hemmte? Auch in den Zeiten vor den Eisenbahnen mußte das Getreide drunten im Niederlande gekauft oder aus den gesegneten Gefilden des nahen Böhmerlandes herbeigeschafft werden. Der Haupthandelsplatz war die Stadt Zwickau, hierher brachte der Altenburger Bauer sein Korn, der Müller und Bäcker aus dem Gebirge kaufte da ein. Wenn aber auch in den Niederungen Mißernte eingetreten war, wenn Böhmen die Grenzen sperrte und kein Getreide hereinließ, dann pochte die drückende Sorge um das tägliche Brot an die Pforten der Wohnungen der sonst so frohgesinnten Gebirgsbewohner, dann trat wohl eine Hungersnot ein, wie sie die Altvordern in den Jahren 1771 und 1772 erlebt haben.
Schon im Frühjahre 1770, als ein später Schneefall den Wintersaaten großen Schaden zufügte und darauf anhaltendes Regenwetter folgte, begann eine allgemeine Besorgnis um die Zukunft sich der Gemüter zu bemächtigen; sie bestätigte sich in den seit Johannis von Woche zu Woche steigenden Getreidepreisen und in einer Mißernte, die sich nicht bloß über das Erzgebirge, nicht bloß über Sachsen, sondern über die fruchtreichsten Gegenden Deutschlands erstreckte. War die Bedrängnis schon groß, welche dadurch für die dichte Bevölkerung unseres Obererzgebirges herbeigeführt wurde, so mußte sie sich zur höchsten Not steigern, als im nächsten Jahre der späte Schneefall und die regnerische Witterung sich wiederholte. Die Felder boten den düstersten Anblick, sie waren von den Eigentümern entweder mit selbst erbautem geringen oder teuer erkauftem Samen möglichst dünn bestreut, oder aus Mangel an solchem gar nicht besät, und die Kartoffelsaat war hier und da von den Armen wieder aufgewühlt. So ließ sich das Schlimmste befürchten, eine nochmalige Mißernte. Und sie trat ein! – trat zu einer Zeit ein, als auch die anderenNahrungsquellen bei der herrschenden Gewerblosigkeit versiegten und alle Zufuhren aus Sachsens Kornkammern, aus Böhmen und Altenburg gehemmt waren. Da entrollte sich endlich vollständig das Bild der furchtbarsten Hungersnot, die je erlebt worden war. Man sah ganze Scharen von Bettlern umherziehen, darunter Greise, die von ihren Angehörigen nicht mehr ernährt, fremde Unterstützung suchen mußten, Jünglinge, die, sonst kräftig und blühend, jetzt halb verschmachtet, mehr durch ihren Anblick, als durch Worte sich Mitleid erflehten; Männer, die nach Verkauf des letzten, was sie hatten, selbst ihrer Werkzeuge, an den Bettelstab gebracht waren, viele, die bisher in Wohlstand gelebt, jetzt mit bitteren Thränen anderer Milde ansprechen mußten. – Man sah Scharen von Kindern, die, von Eltern hilflos gelassen, Brot aus reicheren Händen zur Stillung ihres Hungers zu erlangen suchten. Die Zahl der Bettler war so groß, daß, wie z. B. Pastor Oesfeld aus Lößnitz versichert, an einem Tage oft mehr als 400 vor den Thüren die Mildthätigkeit in Anspruch nahmen.
Der Kornpreis war vom Frühjahr 1770 bis dahin 1772 von 1 Thlr 4 Ggr auf 14 Thlr gestiegen. Wie vielen Familien mochte es da unmöglich geworden sein, das tägliche Brot zu kaufen. So nahm man seine Zuflucht selbst zu den unnatürlichsten Nahrungsmitteln: die gröbsten Kleien, unreife Waldbeeren, gekochtes Gras, zerriebene Baumrinde als Mehl und dergleichen mehr mußte zur Stillung des peinigenden Hungers dienen.
Die unausbleiblichen Folgen waren bösartige, ansteckende Fieber, die allenthalben die Opfer des Todes im Jahre 1772 ins Unglaubliche vermehrten. InAnnabergzählte man deren im erwähnten Jahre 490, während nur 89 Kinder geboren wurden. Auf der Scheerbank starb im Februar innerhalb vierzehn Tagen ein Haus, welches von 9 Personen bewohnt war, ganz aus. Nach einer Angabe desGeyerschenRates hatte man am 19. Mai schon 192 Leichen, darunter 50 Hausbesitzer. InEhrenfriedersdorfkonnte man keine Bretter mehr auffinden zu Särgen für die Verstorbenen. Im Quartalbuch der Fleischer in derselben Stadt heißt es vom Jahre 1773: »Das ehrsame Handwerk ist so in Verfall gekommen, daß keiner imstande gewesen ist, etwas zu schlachten. Das liebe Brot mußte mit Einteilung gegessen werden. Es sind in diesem Jahre 585 Personen gestorben.« Die meisten Bewohner waren vom Hunger völlig abgemattet. Manche sanken auf offener Straße um und blieben tot. Wie es in solcher Zeit um die Ernährung und Pflege der Kinder im Hause und ihrer Sittlichkeit außer demselben stand, kann man leicht vermuten.
Das 49. Stück des Dresdner gelehrten Anzeigers vom Jahre 1772 schreibt: Hier ist ein Auszug aus einem Briefe eines sicheren Mannes, der am 4. September die Gegend nachJohanngeorgenstadtzu durchreist hat: Ich habe das Elend inBreitenbrunn,Rittersgrün,Wiesenthal,Crottendorf,Pöhla,Wildenthal,EibenstockundNeudorfgesehen. Nie wünsche ich mir und keinem andern, einen so traurigen Anblick wieder zu erleben. Schon auf der Reise fand ich nicht wenige unbesäet gebliebene, zum Teil schon zur Aussaat aufgerissene Felder: auf diesen nichts als etwas Gras, das kaum zur Hutweide nutzen kann. Auf den Wiesen noch vieles Heu, das nicht hatte eingebracht werden können und nun verderben mußte, weil das Zugvieh und die erforderlichen Kosten gemangelt hatten, oder wo der Hauswirt krank oder gar gestorben war und ein Haus voll hilfloser Waisen hinterlassen hatte; die Feldfrüchte, die nur in wenig Roggen, meist in Hafer bestunden, gar dünn undnoch hin und wieder grün wie Gras, und bei den schon einfallenden kalten Nächten nicht viel Hoffnung zu ihrer Reife. Die im Vergleich mit anderen Jahren wenig eingelegten Erdäpfel waren schon großenteils ausgegraben und halb unreif verzehrt; die noch in der Erde liegenden der Dieberei ausgesetzt, und auf allen Fall nur ein Vorrat auf einige Wochen. Das innere Elend der Orte wage ich mich gar nicht zu schildern. Traurig war es von vielen sogenannten Halb- und Viertelgutsbesitzern zu hören, daß sie nicht eine Hand voll Samen ausgesät hätten, daß ihr Rindvieh größtenteils verstoßen und die wenigen Pferde aus Mangel an Futter gefallen wären; noch viel trauriger, die meisten Einwohner nicht so notdürftig bekleidet, daß sie ihre Blöße bedecken konnten, ihre Wohnungen von allem Hausgerät, ihr Lager von Betten leer zu sehen. Kleider, Wäsche, Betten, Haus- und Handwerksgeräte hatten die meisten, so viele die eisernen Töpfe und bleiernen Röhren aus den Öfen, die Schlösser von den Thüren und ihre Äxte verstoßen und um ein Geringes verkaufen müssen, viele haben sogar die Fenster, die Ziegelsteine von den Feueressen etc. aus Not verkauft. Viele Häuser, die ausgestorben waren, sind von ihren Nachbarn eingerissen und das Holz verbrannt worden, um ihr und ihrer Kinder Leben auf einige Tage zu fristen. Handwerker und Gewerbetreibende hatten keinen Verdienst. Zu der schweren Arbeit in Eisenhämmern und Holzschlägen, welche sonst den Mannspersonen ihren Verdienst schaffen, jedoch jetzt auch liegen, sind sehr viele zu entkräftet. Oft müssen sie von der Arbeit wieder abgehen, oft davon hinweggetragen werden; ja einige sind tot dabei liegen geblieben. Ich habe Männer in ihren besten Jahren gesehen, die nicht im stande waren, das ihnen geschenkte Holz im Walde zu hauen und herein zu holen. Der Winter setzt die Männer außer allen Verdienst. Der Lohn bei den Fabriken, für welche die Weibspersonen und Kinder arbeiten, reicht nicht zu, das Brot der arbeitenden Person zu bezahlen, geschweige ganze Familien zu ernähren, Kranke zu erquicken, Kleider, Betten, Hausgeräte anzuschaffen. Ja, ich habe Klöpplerinnen gefunden, die der Hunger dumm und blind gemacht hatte; andere, die wegen zurückgebliebener Mattigkeit und blöden Gesichts wie die Kinder, wieder mit kleinen Zäckchen und schmalen Borten zu arbeiten anfangen mußten. Ich erstaunte über die Gelassenheit der vielen Elenden, die mir allenthalben entgegenkamen, aber selbst zu Kummer und Klagen schon zu empfindungslos, zum Teil auch schon sorglos für sich und die Ihrigen waren, weil sie, wie mir einige selbst sagten, sich auf den bevorstehenden Winter weder zu raten noch zu helfen wußten. Viele haben sich schon des Lebens begeben. Die Krankheiten hatten auch wieder sehr überhand genommen, vornehmlich durch den Genuß unreifer Erdfrüchte und durch die Erkältung wegen Mangels hinlänglicher Bedeckung am Tage sowohl, als besonders des Nachts. Die meisten Genesenden können sich wegen der schweren Kost nicht wieder erholen. – Mit Nahrungsmitteln, die im Niederlande zu dem notdürftigsten Unterhalte gehören, kann man hier Sterbende retten. Doch habe ich in Breitenbrunn etliche vor Hunger schon halb Verschmachtete gesehen, die keine Gabe mehr retten, sondern ihnen den Tod nur weniger peinlich machen konnte. Viele wissen über keine Krankheit noch Schmerz zu klagen, aber geschwollen, keuchend, ganz verschmachtet taumeln sie umher, vermutlich sind ihre Eingeweide zusammengeschrumpft. – Nur erst vor vierzehn Tagen hatte man in der Gegend von Eibenstock zwei Kinder, die in den Wald gegangen waren, um sogenannte Schwarzbeeren zu holen, auf der Straße aus Mattigkeit umgefallen und tot gefunden. Die fremden Almosen nehmen ab und die Kollekten jedes Ortes sind, wenn gleichdiejenigen, die noch wohlhabend heißen, über ihr Vermögen thun, doch ein weniges für so viele Arme, die sich täglich vermehren. Mancher, der noch vor etlichen Monaten Almosen gab, bittet jetzt um Almosen, und dadurch wächst die Zahl der Armen, so viel auch hinwegsterben, doch immer wieder so sehr, daß die an sich beträchtlichen Gnadengeschenke nur kleine Gaben werden. 150 Scheffel Korn mußten jüngst unter 12 800 Arme verteilt werden.
Ferner teilt die erwähnte Zeitung später mehr mit: Bei einem Bereisen einiger Dorfschaften im Monat März fand ein gebirgischer Medikus zuRittersgrünin einem Hause den Wirt mit seiner Frau und sechs Kindern in äußerster Armut, das siebente, eine Tochter von neunzehn Jahren, die für sich und die übrigen noch Brot verdienen konnte, war vor etlichen Wochen gestorben, eine Tochter von sechzehn Jahren lag seit einigen Tagen vor Hunger, ein Kind von neun Jahren an Hitze und Geschwulst, eins von sieben Jahren an der Auszehrung darnieder. Von zwei Broten, die der Hausvater in einer Woche noch verdienen konnte, und etwas Milch von seiner Kuh mußten sie alle leben. Seine Kinder zu retten hatte er diese Kuh verkaufen wollen, aber nirgends einen Käufer gefunden. In einem andern Hause waren drei Genesene, aber der Hunger warf sie aufs neue nieder. Ein Hausgenosse war vor zwei Tagen verhungert, lag aber noch in dem Bette, in dem er gestorben war, weil Witwe und Kinder, alle ganz unbedeckt, nichts zum Sarge auftreiben konnten. Nicht weit davon lag der Wirt vom Hause abgemattet auf dem Boden, ohne etwas klagen zu können. Dessen Bruder mit seiner Frau nebst sechs Kindern waren seit sechs Wochen eins nach dem andern verhungert. – InCrottendorffand man einen Hausgenossen, dem in der Nacht vorher ein Kind verhungert war, und zwei Kinder nebst der Mutter lagen verschmachtet dem Tode nahe. Aus eben diesem Hause war ein Knabe betteln ausgegangen, aber abends nicht heimgekommen. Tags darauf, da man das Haus öffnete, lag er tot vor der Thüre, ohne Geld, ohne Brot etc.
Der Notschrei, welcher vom Gebirge her erklang, fand im ganzen Sachsenlande und darüber hinaus Widerhall, durch Spenden suchte man die Not zu lindern. Seit dem 12. Januar 1771 bis zu Ende 1773 sind allein aus dem Leipziger privil. Intelligenz Comtoir 25 726 Thlr 6 Gr 9 Pfg bares Geld, 300 Scheffel Getreide, 37 Zentner Reis, auch viele Bücher und Kleidungsstücke an eingegangenen Wohlthaten in unser Gebirge zu verzeichnen. Bereits im Januar 1772 bekam der Stadtrat zuAnnaberg100 Thaler von einem unbekannten Wohlthäter in Leipzig, wovon 644 Brote, jedes zu 3 Pfund an 399 Familien oder an 1052 Personen verteilt wurden. Chemnitz, Ehrenfriedersdorf, Eibenstock, Geyer, Johanngeorgenstadt und Schneeberg werden als die Schauplätze des größten Elends damaliger Zeit genannt.
Die immer hoffnungsreicher hervortretende Ernte des Jahres 1773 richtete endlich die fast bis zur Verzweiflung niedergebeugten Gebirgsbewohner wieder auf und half durch ihre gesegneten Gaben die letzte Not überwinden. Der Scheffel Korn, welcher 1772 mit 14 bis 15 Thalern bezahlt wurde, galt 1773 nur 4 Thaler und Anfang des Jahres 1777 nur 2 Thaler. Die Kartoffeln kosteten während der Hungerjahre der Scheffel 2 Thaler 18 Groschen, am Anfang des Jahres 1774 nur 6 bis 8 Groschen. In einigen Städten ließ man Gedenkmünzen schlagen, auf welchen die Getreidepreise in den Zeiten der großen Teuerung verzeichnet stehen. DasAnnaberger Museum erzgebirgischer Altertümerbesitzt deren mehrere, eine solche Bleimedaille aus dem Jahre 1772 zeigt z. B. auf der Vorderseite: Sachsens Denckmahl 1771.1772. große Theurung, schlechte Nahrung. Die Rückseite besagt: im Gebürge galt 1 Sch: Korn 13 Th: 1 Sch: Weitze 14 Th: 1 Sch: Gerste 9 Th: 1 Sch: Haber 6 Th: 1 Pfd. Butter 8 gr. 1 Pfd. Brodt 2 gr. In Geyer ward am 16. August 1773 mit dem Erntedankfest das ausgeschriebene allgemeine Dankfest für Rettung aus der großen Drangsal verbunden. Mit welcher Rührung und Inbrunst mögen die Geretteten daran teilgenommen haben!
Im September des Jahres 1773 bereiste der damalige Kurfürst und spätere König Friedrich August I. nebst Gemahlin und Gefolge das Gebirge, überall reiche Mittel und infolge seiner Teilnahme Trost spendend.
Von Marienberg ging am 1. September die Reise zu Pferde über Ehrenfriedersdorf, Geyer, Zwönitz, Lößnitz, Schlema nach Schneeberg und von da an demselben Tage wieder zurück nach Marienberg. Am 2. September war der hohe Herr in Annaberg. Dort wäre er beinahe verunglückt, weil das Pferd vor den Schüssen scheute, die man am Pöhlberge ertönen ließ, als er die Pöhlbergstraße aufwärts ritt.
Nach Lungwitz.