57. Der ehemalige Hausierhandel im Erzgebirge.

O rauhes Erzgebirge, von Sturm und Frost gewiegt,Wohl klagt die Armut, weinend an deine Brust geschmiegt.Doch reich wie du im Innern an stufigblankem Erz,Schmückt dich auch, gottergeben, manch treues Menschenherz.Doch all dein Seelenreichtum und all dein HerzenswertIn einer Frauenblume ward wunderhold verklärt.Sie stieg aus deinen Gründen als tröstend mildes Licht,Das um den Herd des Elends das Band der Liebe flicht.Das Band der Menschenliebe: denn sieh, da Nächte langSie still in Mitleidsthränen nach Kraft von oben rang,Gott bittend, sie zu lehren ein Werk, das fromm und frei,Die fleiß'ge Hand belohnend, der Armut Labung sei.Sie, als sie stand früh morgens im kalten Kämmerlein,Durch winterliche Scheiben umhaucht von Frührotschein,Ihr dämmerdunkles Sinnen ward plötzlich auch zum Tag:»Ich hab's, ich hab's gefunden, wenn Gott mir helfen mag!Du blumiges Gewebe an dir, lieb Fensterlein,Du bist der Hauch des Engels, der mir will gnädig sein!Lehr' mich, gefrorner Odem, nachahmen dein Gewand –Gewonnen sei den Bergen die Kunst vom Niederland!«Und emsig, fromm und freudig regt Hand und Nadel sich.Vergeblich mancher Anfang, umsonst wohl mancher Stich!Doch endlich, fest und sicher, gelingt's dem treuen Fleiß.Es ranken sich zu Blumen die Spitzen fein und weiß!Und aus den Hütten jubelnd herbei kommt klein und groß.Welch emsig Müh'n und Schaffen rings um der Mutter Schoß!Herdflammen knistern fröhlich, die Müh lohnt fern und nah:Das kam vom Segenswirken der edlen Barbara!Zu Annaberg, im Kirchhof, leis' rauscht der Lindenbaum,In schlanken Wipfeln flüstert's, wie sel'ger Geister Traum.Treu dankbar netzt den Hügel der Armut ThränentauUnd preist des Erzgebirges verklärte Engelsfrau!

O rauhes Erzgebirge, von Sturm und Frost gewiegt,Wohl klagt die Armut, weinend an deine Brust geschmiegt.Doch reich wie du im Innern an stufigblankem Erz,Schmückt dich auch, gottergeben, manch treues Menschenherz.

Doch all dein Seelenreichtum und all dein HerzenswertIn einer Frauenblume ward wunderhold verklärt.Sie stieg aus deinen Gründen als tröstend mildes Licht,Das um den Herd des Elends das Band der Liebe flicht.

Das Band der Menschenliebe: denn sieh, da Nächte langSie still in Mitleidsthränen nach Kraft von oben rang,Gott bittend, sie zu lehren ein Werk, das fromm und frei,Die fleiß'ge Hand belohnend, der Armut Labung sei.

Sie, als sie stand früh morgens im kalten Kämmerlein,Durch winterliche Scheiben umhaucht von Frührotschein,Ihr dämmerdunkles Sinnen ward plötzlich auch zum Tag:»Ich hab's, ich hab's gefunden, wenn Gott mir helfen mag!

Du blumiges Gewebe an dir, lieb Fensterlein,Du bist der Hauch des Engels, der mir will gnädig sein!Lehr' mich, gefrorner Odem, nachahmen dein Gewand –Gewonnen sei den Bergen die Kunst vom Niederland!«

Und emsig, fromm und freudig regt Hand und Nadel sich.Vergeblich mancher Anfang, umsonst wohl mancher Stich!Doch endlich, fest und sicher, gelingt's dem treuen Fleiß.Es ranken sich zu Blumen die Spitzen fein und weiß!

Und aus den Hütten jubelnd herbei kommt klein und groß.Welch emsig Müh'n und Schaffen rings um der Mutter Schoß!Herdflammen knistern fröhlich, die Müh lohnt fern und nah:Das kam vom Segenswirken der edlen Barbara!

Zu Annaberg, im Kirchhof, leis' rauscht der Lindenbaum,In schlanken Wipfeln flüstert's, wie sel'ger Geister Traum.Treu dankbar netzt den Hügel der Armut ThränentauUnd preist des Erzgebirges verklärte Engelsfrau!

Richard v. Meerheimb.

Aus früherer Zeit wird uns über das Spitzenklöppeln im Erzgebirge folgendes Bild vonBerthold Sigismundentworfen:

Im Obererzgebirge sieht man fast hinter jedem Hüttenfenster eifrige Klöpplerinnen. In der schönen Jahreszeit trifft man ganze Gesellschaften von klöppelnden Frauen, Mädchen und Kindern im Freien. Im Winter kommen die Klöppelmädchen abends zusammen und arbeiten gemeinschaftlich, wie anderwärts die Spinnerinnen. Die Haltung der Klöpplerinnen ist allerdings nicht sonderlich anmutig, indem sie beim Arbeiten den Oberkörper, ähnlich wie beim Schreiben, etwas vorbeugen. Die gewandten Bewegungen der Hände aber lassen sich ebenso schwer darstellen, wie der flüchtige Tanz der Finger des Klavierspielers. Die Handhabung der Nadeln beim Stricken ist nichts im Vergleiche zum Gebrauche der Klöppel beim Spitzenanfertigen. Die Verwunderung über die Kunstfertigkeit der Klöppelhände wird noch gesteigert, wenn man das äußerst schlichte Werkzeug sieht, dessen die Klöpplerin sich bedient. Sie sitzt vor einem walzenförmigen, einen Fuß langen, mit Kattun umhüllten Polster, dem sogenannten Klöppelsack oder Klöppelkissen, das mit einer großen Anzahl von Stecknadeln gespickt ist. Der Klöppel selbst ist ein 10cmlanges, zur Form eines Trommelstockes gedrechseltes Holzstück, über welches das »Tütle«, eine dünne hölzerne Hülse von 4 cm Länge, gesteckt ist, damit der um den Klöppel gewickelte Faden nicht beschmutzt wird. Einen solchen Klöppel mit Tütle kauft man um einige Pfennige. Das Köpfchen ziert eine Perle. Jede Klöpplerin sucht ihren Stolz in einer bunten Mannigfaltigkeit der letzteren. Zu schmalen Spitzen gehören 2–4, zu breiten wohl 100 Paare. Um die Mitte des Kissens ist ein Streifen starken Papiers, auf welchen das Muster durch Nadelstiche vorgezeichnet ist, der sogenannte Klöppelbrief, geschlungen. Zunächst werden soviele Fäden, als das Muster erfordert, auf ebensoviele Klöppel aufgewunden, die freien Enden in einen Knoten geschürzt und auf dem Kissen befestigt. Dann beginnt das Klöppeln, welches im wesentlichen nicht anders ist, als eine kunstvolle Art zu flechten. Die Arbeiterin faßt mit den Fingerspitzen bald der rechten, bald der linken Hand mehrere Klöppel, wickelt durch gewandte Drehung derselben etwas Faden ab und kreuzt die Fäden durch einen »Schlag« zu einer Art Knoten. Die so gebildeten Maschen werden zeitweilig durch bunte, glasköpfige Stecknadeln an dem Klöppelbriefe festgehalten. Rasch beseitigt nun die Hand diejenigen Klöppelpaare, welche eben gebraucht wurden und bis auf weiteres entbehrlich sind, dadurch, daß sie dieselben mit einer großen Aufstecknadel seitlich am Kissen feststeckt. Dann nimmt sie mit bewunderungswürdiger Sicherheit aus der Menge der Klöppel, die alle gleich aussehen und nicht an Nummern oder sonstigen Zeichen kenntlich sind, andere Paare heraus, um damit weiter zu arbeiten. – Es ist begreiflich, daß die Fertigkeit, mit welcher die Klöpplerin für jede Nadel den rechten Klöppel findet und benutzt, nur durch Übung von frühester Jugend an errungen werden kann, weshalb auch Kinder schon im vierten und fünften Lebensjahre zu klöppeln anfangen. Auch sorgen für Erlernung der erzgebirgischen Kunst außer den Familien mehrere vom Staate unterstützte Klöppelschulen.

Nach Berthold Sigismund.

Erbsgrund, Batzen, Wickelkind,Töpfe, worin Blumen sind,Rohrstuhl, Mücken, Steingeränder,Wanzen und auch Schlangenbänder,Auch Pantoffeln, Hirschgeweih,Quärche, Schwanzbirn, Stickerei,Hummeln, türkisch zahm gemacht,Schneeball gar in schwarzer Pracht,Himmelswägel, Stiefelknecht,Maul vom Frosch – ist auch nicht schlecht –,Katzenbuckel, Kuchenschieber,Wässerle, bald hell, bald trüber,Hacke, um das Kraut zu reißen,Kirchenfenster und HufeisenDerart nennen, die da schwitzenAn den Klöppeln, ihre Spitzen.

Erbsgrund, Batzen, Wickelkind,Töpfe, worin Blumen sind,Rohrstuhl, Mücken, Steingeränder,Wanzen und auch Schlangenbänder,Auch Pantoffeln, Hirschgeweih,Quärche, Schwanzbirn, Stickerei,Hummeln, türkisch zahm gemacht,Schneeball gar in schwarzer Pracht,Himmelswägel, Stiefelknecht,Maul vom Frosch – ist auch nicht schlecht –,Katzenbuckel, Kuchenschieber,Wässerle, bald hell, bald trüber,Hacke, um das Kraut zu reißen,Kirchenfenster und HufeisenDerart nennen, die da schwitzenAn den Klöppeln, ihre Spitzen.

NachDr.Otto Krause.

Ein armes Mädchen mußte durch Klöppeln für sich und die alte Mutter das kärgliche tägliche Brot erwerben. Da wurde ihm einst von der reichen Edelfrau, der Besitzerin ausgedehnter Güter und ihrer Herrin, der Auftrag erteilt, für sie in einer bestimmten kurzen Frist ein reiches Spitzenkleid zu fertigen. Wenn die arme Klöpplerin ihre Aufgabe pünktlich und zur Zufriedenheit ihrer Herrin löste, sollte ihr reicher Lohn werden; beim Gegenteile erwartet sie dagegen Spott und bitterer Hohn. Die arme Klöpplerin saß Tag und Nacht bei ihrer Arbeit. Doch als die sechste Nacht kam, da konnte sie sich nicht mehr des Schlafes erwehren, und sie wankte todmüde an das Bett der Mutter hin. Aber wunderbare Träume zogen jetzt wie ein Frühlingshauch durch ihre Seele. Die ärmliche Stube erglühte in rosenrotem Schein, und leise trat eine holde Frau ein mit einer goldenen Krone auf dem Haupte. Es war die Himmelskönigin Maria. Dieselbe setzte sich an das Klöppelkissen, und die Klöppel flogen so zauberhaft, wie es dem Mädchen nie gelungen war, sodaß vor Anbruch des Tages das reichste Spitzenkleid vollendet dalag. Als das also träumende Mädchen aus dem Schlafe erwachte, stand bereits die Sonne hoch am Himmel. In Wirklichkeit aber, wie der Traum es gezeigt hatte, war das Spitzenkleid fertig und die Klöpplerin trug es frohen Mutes hinauf zum Schlosse. Da freute sich die stolze Herrin und belohnte die Arbeit so reichlich, wie nie zuvor. In dem Kleide jedoch war Gottes Segen eingewoben, welcher in der Folge nicht nur der strengen Edelfrau, sondern auch der armen Klöpplerin zu teil wurde.

Nach Bowitsch undDr.Köhler.

In der Kreishauptmannschaft Zwickau bestehen 27 vom Staate beaufsichtigte und unterstützte Spitzenklöppelschulen. Die Orte, in denen sich die Schulen befinden, sind: Albernau, Aue, Bermsgrün, Breitenbrunn, Crandorf, Elterlein, Grünhain, Hammerunterwiesenthal, Haßlau (I und II), Hundshübel, Jöhstadt, Neustädtel, Oberwiesenthal, Planitz (I und II), Pöhla, Rittersgrün (I, II und III), Rothenkirchen, Schlema, Schneeberg, Schwarzenberg, Unterwiesenthal, Wilkau (AbteilungAundB) und Zschorlau. Diese Schulen wurden im Jahre 1896 von 1303 Schülerinnen besucht. Der gesamte Arbeitsverdienst betrug 30 177 M 48 Pf, durchschnittlich 23 M 16 Pf. Die gesamten Einnahmen beliefen sich auf 22 718 M 36 Pf und die Ausgaben auf 20 717 M 51 Pf. Als Staatsbeihilfen wurden 15 580 M gewährt. Das Gesamtsparguthaben der Klöppelschülerinnen bestand am Schlusse des Jahres 1896 in 29 935 M 45 Pf. In der Kreishauptmannschaft Dresden besteht nur eine Spitzenklöppelschule, nämlich in Brand bei Freiberg. Außerdem besteht in Schneeberg die Königl. Spitzenklöppelmusterschule.

Zahlreiche Erzgebirger früherer Zeit wanderten in jedem Jahre monatelang gleich Zugvögeln in die Fremde, um dann wieder zur heimischen Schollezurückzukehren, die ihnen als das schönste Erdenfleckchen erschien und darum über alles teuer war.

Die im Anschlusse an den erzgebirgischen Bergbau auf Eisen und andere Metalle betriebenen Gewerbe erzeugten eine mannigfaltige Menge von Gegenständen. Zahlreiche Bewohner fanden nicht nur unmittelbar beim Eisenbergbau, sondern auch in den Hammerwerken, Walz- und Drahtwerken, sowie bei der weiteren Bearbeitung des Eisens und Stahls zu Löffeln, Nägeln, Nadeln, Schneidewerkzeugen Beschäftigung und Brot. Neben den Waren aus verzinntem Blech wurden auch solche aus Schwarzblech gefertigt. Im Raschauer Grunde war die Nagelfabrikation ein Jahrhunderte alter Erwerbszweig.

Alle die genannten Erzeugnisse der Handarbeit unserer Erzgebirger wurden nun von zahlreichen Personen im Kleinhandel vertrieben. So bildete sich ein Wanderleben, das lange Zeit eine Eigentümlichkeit vieler Bewohner des Erzgebirges gewesen ist. Schon 1628 besuchten dieBockauermit hölzernen und blechernen Waren die Jahrmärkte viele Meilen weit. Im 17. Jahrhunderte führten die Händler auch Eisenwaren mit sich.

Die mit Blechwaren hausierendenSchönheidernannte man »Röhrenschieber«. Mit ihnen waren es auchBärenwalder,BernsbacherundBeierfelder, welche auf Schiebkarren oder kleinen selbstgezogenen Wagen die schwarzen Blech- und Eisenwaren von Ort zu Ort fuhren und so lange von ihrem Dorfe fortblieben, bis sie alles verkauft hatten.

Neben den Haarnadeln und anderen in das Nadlergewerbe einschlagenden, aus Stahl gefertigten Gegenständen lieferte Oberwiesenthal vor etwa 100 Jahren besonders auch Stecknadeln, zu denen der Messingdraht aus Rodewisch bezogen wurde.

Unter den von erzgebirgischen Hausierern geführten Waren sind auch Farben aus den obererzgebirgischen Blaufarbenwerken gewesen.

Als Landreisende können wir die Bergfertigen, alten oder kranken Bergleute bezeichnen, welche mit Nachbildungen von Berg- und Pochwerken umherzogen, um sie bei Jahrmärkten auf den Straßen, in Wirtsstuben oder in den Schulen zu zeigen und zu erklären.

Als der Bergbau erlag, wandte man sich vielfach anderer Beschäftigung zu. Zunächst bot der Wald mit seinem billigen Holze dazu Gelegenheit. Aus kleinen Anfängen entstand die Holzwarenindustrie. »Seiffner Waren« nannte man die Schachteln, Nadelbüchsen, Knöpfe, Spindeln und dergleichen. Im Vogtlande nicht nur, auch im Erzgebirge und besonders im Amte Schwarzenberg fanden viele Bewohner durch Pechsieden und Rußbrennen Beschäftigung und Verdienst.

Die Rußbuttenmänner zogen Handel treibend im Lande umher. 1501 erhielt Wilhelm von Tettau durch den Kurfürsten Friedrich den Weisen die Belehnung über die Pechwälder der Herrschaft Schwarzenberg. In der Neuzeit ist das Pechsieden untersagt.

Wie die Rußbuttenmänner, so sind auch die Bernsbacher, Beierfelder, Neuhausener, Oberwiesenthaler und Wolkensteiner Händler mit Feuerschwamm verschwunden. Der aus Buchenschwämmen bereitete Feuerschwamm wurde nicht nur auf Messen und Jahrmärkten, sondern auch im Hausierhandel verkauft.

InLauterbildet noch gegenwärtig die Korbflechterei einen hervorragenden Erwerbszweig. Nicht nur aus Weidenruten, auch aus Holzspänen und Wurzeln verfertigt man Körbe.

Besonders zahlreich waren die mit allerhand Arzneien, Ölen umherziehenden Händler. Ihre Absatzgebiete waren außer den sächsischen Erblanden die Ober- und Niederlausitz, Thüringen, Bayern, Mecklenburg, Polen, Schwaben, Schweden, selbst die Türkei. Ausgedehnt war besonders der Handel mit Schneeberger Schnupftabak. Der Hauptort seiner Herstellung war Bockau. Aus heilkräftigen Kräutern wurden allerhand Arzneien von den »Laboranten« hergestellt. 1782 waren in Bockau 20 »Laboratorien« im Gange. Noch 1799 beschäftigten sich 41 Personen mit Herstellung von Arzneien oder dem Wurzel- und Kräuterhandel. Der Handel blühte besonders am Anfange unseres Jahrhunderts in Bockau, Eibenstock, Sosa, Jöhstadt, Jugel, Neudorf, Crottendorf, Johanngeorgenstadt, Hundshübel, Lauter, Schneeberg.

Von dem Boden und seinen Erzeugnissen unabhängig entstanden die Spitzenklöppelei, Posamenten- und Bürstenfabrikation. Auch diese Erwerbszweige waren auf die Hausierer angewiesen, welche die Waren an den Mann brachten.

Viele Hunderte zogen noch am Anfange unseres Jahrhunderts fast den größten Teil des Jahres mit Blechwaren, blauer Farbe, Schwefel, mit Spielzeug, Bändern und Spitzen, mit Schneeberger Schnupftabak, Pillen und Pflastern, Schönheider Pinseln und Bürsten umher. Aber zum Winter kehrten sie heim, wie die Strichvögel, und verzehrten, umnebelt von Dünsten des vaterländischen Bodens, von Hütten und Hohofendampf, und oft in verschneiter Heimat den sauer erworbenen Verdienst mit Weib und Kind.

NachDr.Köhler und Engelhardt.

Die Zeiten, in welchen die Hausfrau mit ihren Töchtern und Mägden während der langen Winterabende am Spinnrade saß und spann, sind vorüber; nur dem Namen nach hat sich das Andenken daran in verschiedenen Gegenden erhalten. »Sie geht zu Rocken,« sagt man wohl noch heutzutage im Gebirge, wenn die Nachbarin die andere besucht; indes hier ist an Stelle des Spinnrades und des Rockens oder der Kunkel das »Böckel« getreten, worauf die »schwarze Arbeit«, welche zum Verzieren der Frauenkleider dient, aufgerollt wird. In den Dörfern des oberen Vogtlandes wird noch immer fleißig Leinengarn gesponnen, von den ländlichen Webern gewebt und gebleicht, zu Leib-, Tisch- und Bettwäsche, sowie indigoblau gefärbt, zu Schürzen und Taschentüchern verwendet. Das in den altdeutschen Einrichtungen unseres Jahrzehntes aufgestellte Spinnrad ist bloß ein stilvolles Zierstück. Das Spinnen der Baumwolle dagegen besorgen die großen Spinnereien, die sich überall in unserem Gebirge, wo irgend eine genügende Wasserkraft vorhanden war, angesiedelt haben. Und doch sind noch nicht hundert Jahre verstrichen, seitdem es überhaupt in Sachsen Spinnereien giebt!

Die Erfindung der Maschinenspinnerei ist bekanntlich eine englische; man schreibt sie gewöhnlich Richard Arkwright zu. Doch haben spätere Nachforschungen ergeben, daß Arkwright wohl ein großer Verbesserer, aber nicht der Erfinder der Spinnerei gewesen ist. Schon im Jahre 1730 spann Wyatt in Litchfield einen Baumwollfaden ohne Hilfe der Finger; doch hatte sein Versuch keine weiteren Folgen. Im Königreiche Sachsen waren in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts kleine Handmaschinen zum Spinnen der Baumwolle in Gebrauch. Gegen Ende des Jahrhunderts führte KarlFriedrich Bernhard das englische Spinnereisystem in Sachsen ein. Seine Maschinen waren Mulemaschinen; sie wurden in einem dazu errichteten Gebäude in Harthau bei Chemnitz durch einen Engländer, Namens Watson, aufgestellt. Da Watson als bloßer Maschinenbauer die Maschinen nicht in Gang zu bringen wußte, namentlich, so wird erzählt, die Trommelschnur nicht aufzuziehen verstand, wurde im März des Jahres 1802 der englische Spinner Evan Evans herübergezogen, der auch alsbald auf den Maschinen Garn spann. K. F. Bernhard hatte sich im Jahre 1801 mit seinem Bruder Ludwig vereinigt, und sie führten die Firma: Gebrüder Bernhard.

Evan Evans war 1765 in Llangeblidt in Caernavonshire in Nord-Wales, Großbritannien, geboren und kam aus Manchester 1802 im März als Werkmeister nach Harthau. Bei Gebrüder Bernhard, denen das Verdienst des Unternehmens gebührt, spann er auf neu von ihm hergestellten Maschinen die ersten Mulgarne, erfand hier die so weit verbreitete Spindelschleifmaschine, ehe eine dergleichen in England vorhanden war, erhielt auch dafür von der sächsischen Staatsregierung außer 400 Thalern Prämie eine Verdienstmedaille. Er war zugleich der Lehrer der ersten Spinner in Sachsen. Im Jahre 1806 fing er an, zu Dittersdorf selbständig sich mit Maschinenbauen zu beschäftigen, wählte aber 1809 Geyer zur Fortsetzung seiner zu immer höherer Anerkennung gelangenden Arbeiten. Evan Evans fertigte die Maschinen für eine Menge neu entstehender Fabriken in Erfenschlag, Wolkenburg, Wegefahrt, Mühlau, Lugau, Plaue, Schlettau u. a., auch für viele kleinere Unternehmungen im Erzgebirge und im Vogtlande, sowie in und um Chemnitz. Im Jahre 1810 brachte er die selbsterfundene, später vielfach nachgeahmte Maschine zum Cylinderreifeln am Wasser in Gang, während man sich damals selbst in England noch der Handarbeit dazu bediente. Zwei Jahre später legte Evans den Grund zu seiner eigenen Fabrik in Siebenhöfen. 1823 brachte er die erste sächsische Spulmaschine (Flyer) nach eigener Erfindung in Gang und empfing dafür von der Regierung eine Belohnung von 500 Thalern. Ebenso erfand er eine andere Spulmaschine zum Abwickeln des Garns, deren Nachahmungen weit verbreitet waren. Auf der Dresdener Ausstellung von sächsischen Gewerbeerzeugnissen erhielt der rührige Spinnmeister und Fabrikbesitzer die Große silberne Medaille auf ein Bündel von baumwollenem, rohem, zweidrähtigem Zwirn. Der amtliche Bericht meldet darüber, daß die ausgezeichnete Beschaffenheit des Fadens, sowohl hinsichtlich der Gleichmäßigkeit, als auch der Haltbarkeit alles zu übertreffen scheine, was bisher in dieser Art in Sachsen geleistet worden sei. Evan Evans ist in einem Alter von 79 Jahren am 9. Dezember 1844 gestorben und auf dem Friedhofe neben der Hauptkirche zu Geyer beerdigt worden.

Der Ruhm der Evansschen Spinnerei lebte unter Eli Evans, einem Sohne des Gründers, lange Zeit fort. 1845 erhielt die Spinnerei auf der Dresdener Ausstellung die goldene Medaille für die zweidrähtigen Zwirne (Lacedreath) Nr. 70 bis Nr. 120. Sie erschienen nicht nur an sich vollkommen, sondern auch in dieser Vollkommenheit und in Darstellung der höheren Nummern in ganz Deutschland als einzig in ihrer Art, und auch die Preise stellten sich verhältnismäßig billig. Eli Evans war Mitglied der sächsischen Kammer und des deutschen Parlaments.

Evan Evans war im Kreise seiner Bekannten geschätzt und verehrt als ein Mann von seltener Redlichkeit und Hoheit der Gesinnung, bewährt unter allen Wechseln der Zeit. Pastor Blüher hat in der »Leipziger Zeitung« zurErrichtung einesDenkmalsfür Evan Evans aufgefordert. Dasselbe sollte an der Stelle, wo der um Sachsen hochverdiente Mann seinen letzten Schlummer schläft, in Geyer, errichtet werden, wo er sich durch Thätigkeit seines rastlosen Geistes die Mittel zur Begründung der eigenen Fabrik in dem angrenzenden Siebenhöfen erworben, in Geyer, welches ihm immer als seine zweite Heimat galt, und wo er sich neben Gattin und Enkeln seine Ruhestätte gewählt hatte.

Die erwerbslosen Jahre ließen den Vorschlag Blühers nicht zur Reife gedeihen. Der gesammelte Betrag wurde zu einerEvansstiftungan den technischen Staatslehranstalten in Chemnitz verwendet. Die Saat, die Evans gestreut, grünt und blüht noch heute im Erzgebirge und im ganzen Königreiche Sachsen fort. Zwar ist in dem mächtigen, von dorischen Halbsäulen flankierten Baue in Siebenhöfen jetzt eine Pappenfabrik und Prägeanstalt untergebracht, aber es haben sich doch an den Ufern der Zschopau und ihrer Zuflüsse, zu denen auch der Geyersche Stadtbach zu rechnen ist, der kurz unterhalb der »Evansschen« Fabrik einmündet, die größten und bedeutendsten Spinnereien des Sachsenlandes angesiedelt.

Zu den beiden Faktoren, Steinkohle und Eisen, welche die Welt regieren, ist als dritter die Baumwolle hinzugekommen. Der dünne, baumwollene Faden bildet eine starke Kette von Erdteil zu Erdteil, von Volk zu Volk, von Werkstatt zu Werkstatt. Tausend fleißige Hände müssen sich regen, ehe die Baumwolle verarbeitet zu dem Pflanzer und Erbauer derselben zurückkehrt. Ein Neger z. B. arbeitet in einer Plantage Brasiliens. Die gewonnene Baumwolle wird dem Händler eingeliefert, wandert über den Ozean und kommt in eine erzgebirgische Spinnerei. Als gesponnenes Garn geht sie nach Thum, wird hier gewirkt, und eine Chemnitzer Weltfirma schickt sie über das Weltmeer zurück nach Amerika, und hier gelangt sie schließlich als Strumpf wieder in die Hände desjenigen Negers, welcher sie seiner Zeit als Wolle in der Kapsel von der Staude pflückte.

Nach Lungwitz.

Im 16. Jahrhunderte verpflanzten ausgewanderte Schweizer die Musselin- und Schleierweberei nach dem Vogtlande und dem daranliegenden Erzgebirge. Nach den Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges vermehrte sich die Bevölkerung hier eher wieder, als in anderen, weit besser gelegenen Landschaften. Wesentlich trug dazu die Einwanderung von böhmischen Protestanten bei, welche, ihres Glaubens wegen aus der Heimat vertrieben, sich in den verödeten erzgebirgischen Orten ansiedelten und neuen Unternehmungsgeist und neue Arbeitskraft mitbrachten. Während in anderen Bezirken damals manches zerstörte Dorf als Wüstung liegen blieb, entstand im Erzgebirge sogar eine neue Stadt, Johanngeorgenstadt; denn dieses ist nur wenige Jahre nach dem Westfälischen Friedensschlusse, im Jahre 1654, von böhmischen Vertriebenen angelegt worden.

Doch half auch zur Hebung des Gebirges, daß in den nächsten Jahrzehnten neue Erwerbszweige aufkamen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde Chemnitz und Umgegend der Sitz einer bedeutenden Baumwoll-Industrie, der sich später die Wollindustrie anschloß. Der damalige Faden war Handgespinst, und es mußten Tausende von Leuten sich rühren, um den Bedarf an Garn zu decken. Später fertigte man den Faden auf Handmaschinen, von denen jede 10–30 Spulen zählte. Noch zu Anfange unseres Jahrhunderts gab es 18 000 Menschen, welche auf solche Art Baumwolle spannen. – Zuder Spinnerei gesellte sich die Weberei und Strumpfwirkerei. Vor dem Dreißigjährigen Kriege hatte in Chemnitz außer der Leinweberei die von Niederländern eingebürgerte Tuchmacherei geblüht. Nunmehr wandte man sich mit Erfolg der Baumwollweberei zu und fertigte anfangs 1717 Barchent und dann 1725 Musseline und Kattune und allerlei bunte Waren. Fünfzig Jahre nach dem Betreten der neuen Bahn mögen in und um Chemnitz 2000 Handstühle in Thätigkeit gewesen sein. Die Strumpfwirkerei war in Chemnitz schon 1728 eingeführt worden. Sie gewann aber erst große Bedeutung, als es dem Kaufmann Esche in Limbach 1776 gelungen war, mit Hilfe zweier geschickter Arbeiter den von dem Engländer Lee erfundenen Strumpfwirkerstuhl nachzubauen.

Auch das erzgebirgische Frauengewerbe erhielt im Laufe des 18. Jahrhunderts eine Zugabe. Die aus Bialystock gebürtigeKlara Angermann, welche sich mit dem Förster Nollain in Eibenstock vermählte, hatte in einem polnischen Kloster das Tambourieren oder Sticken mit einer Häkelnadel gelernt und verpflanzte es 1775 nach Eibenstock.

Rechnet man zu dem allen, daß der Bergbau durch die 1765 in Freiberg errichtete Bergakademie zur Wissenschaft erhoben wurde und man nun im stande war, einen größeren »Teufen« abzubauen und minder edle Erze zu verhütten, so wird man begreifen, daß schon im verflossenen Jahrhunderte das Erzgebirge ein Hauptindustriegebiet für Sachsen, ja für ganz Deutschland wurde. Dabei ist jedoch anzuerkennen, daß die Großindustrie erst seit Anwendung der Maschinen und der Einführung des fabrikmäßigen kaufmännischen Betriebes entstanden ist. Der Gebrauch der Spinnmaschine, die 1775 durchRichard Arkwrightin England verbessert wurde, die Anwendung des Jacquard- und des Kraft- oder mechanischen Webstuhles wirkten entscheidend. Trotzdem daß die Handspinnmaschinen in die Rumpelkammer verwiesen, das Weberschifflein der Hand des Arbeiters entzogen und der gewöhnliche Strumpfwirkerstuhl auf gewisse Arbeiten beschränkt wurde, so wuchs die Erzeugung von Waren doch ungemein und wurden überhaupt viel mehr Leute beschäftigt denn früher.

Auch bei der Klöppelei und Stickerei traten Maschinen auf, so die 1809 von Heathcoat in Nottingham erfundene und rasch vervollkommnete Bobbinetmaschine, welche einfache Spitzen sehr billig herstellt, und ferner die von den Schweizern aufgebrachte Stickmaschine, welche 200–500 Nadeln durch einen Hebeldruck in Bewegung setzt und darum nicht zu verwickelte Muster um einen geringen Preis liefert. Beide Maschinen machten der Frauenarbeit gefährlichen Wettbewerb, drückten die Löhne herab und drohten, der weiblichen Hand, welche früher das Spinnrad und neuerdings durch die Strick- und Nähmaschine fast das Strick- und Nähzeug verloren hat, auch den Klöppel und die Sticknadel zu entwinden. Aber durch den Übergang zu künstlicheren Mustern und die Verbindung von Maschinen- und Handarbeit ist es ihr dennoch gelungen, sich neben und mit den Maschinen zu behaupten.

Im Sehmathale herrscht die Posamentenerzeugung als Hausindustrie und zieht sich in starkbevölkerten Dörfern über Annaberg und Buchholz bis zu dem Fichtelberge hinauf, an dessen Fuße die vier Städtlein Wiesenthal liegen. Die Mannigfaltigkeit der Posamentenerzeugung läßt sich nur andeuten; alles, was Kleiderbesatz und Garnitur heißt, Ornamente, Knopf, Borte, Franse, Quaste, Schnur, wird gewirkt und geschlungen, gedreht und genäht. Geht das Geschäft flott, wie 1844–1849, in den 60er Jahren, auch in den ersten 70er Jahren noch, dann sind Tausende von Posamentierstühlen, Hunderte von Mühlstühlenund Chenillemaschinen im Gange. Im Jahre 1863 hat ein Annaberger Geschäft für 600 000 Mark umgesetzt. Die Jahresausfuhr nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, welches ein Konsulat in Annaberg unterhält, beträgt ungefähr 5½ Mill. Mark. Annaberg hat über 100, Buchholz 30 Posamenten- und Spitzenhandlungen, Buchholz 100 Posamentenfabrikanten und Verleger. In Annaberg wohnen über 600, in Buchholz über 450 Posamentierer. In beiden Städten giebt es zusammen 20 Schnurenfabriken. Besonders merkwürdige Erzeugnisse sind Gold- und Silberspitzen in Annaberg und Kleinrückerswalde, sowie gedrehte und geklöppelte Theater- und Uniformschnüre. Je nach der herrschenden Mode werden fast auf dem ganzen Gebirge durch Frauen- und Kinderhände Zwirn-, Woll- und Seidenspitzen geklöppelt. Der Verdienst der Klöpplerinnen ist sehr gering, dennoch mögen manchmal im Annaberg-Buchholzer Arbeitsbezirke 20 000 Klöppelkissen in Thätigkeit gewesen sein. Neue Geschäftszweige, welche bei gänzlichen Modeveränderungen und umfänglichen Geschäftsstockungen allgemeine Notstände nicht mehr aufkommen lassen, sind beispielsweise in Buchholz durch 8 Kartonnagenfabriken und 6 Prägeanstalten vertreten. Da werden Pappkartons, von den einfachsten Apothekerschächtelchen bis zu den feinsten Bonbonnieren und Ostereiern, mit kostbaren Stickereien und Gemälden, Holzkästen, von den billigsten Sparbüchsen und Federkästchen bis zu den schönsten Schreibschatullen, Zigarren- und Nähkästen hergestellt. Die Prägeanstalten liefern aus Gold- und Silberpapier Sargverzierungen, welche das letzte Haus der Sterblichen mit Randschmuck und sinnigen Bildern und Inschriften bedecken und in teueren Formen besonders in Österreich, Ungarn, Spanien und Südamerika beliebt sind, und fertigen aus Silber- und Papierkanevas tausenderlei Unterlagen zu Stickereien, von den Buch- und Lesezeichen an bis zu Lampen-Tellern und -Schirmen, Papierlaternen, Puppenstubenmöbeln und dergleichen. Sie bringen »papierne Zinnsoldaten«, unter dem Christbaume aufzustellende »Krippen«, »Christgeburten«, Jagden u. a. in den Handel. Holzbildhauerwerkstätten liefern Schrankgesimse und Leisten, Sargfüße und Flaschenpfropfen und dergleichen. – Andere Geschäfte versenden Kränze von Moos und trockenen Blumen, andere wieder Sträuße, Borten und Kartons, Papier-Manschetten und -Spitzen. Auf eigenartigen Stühlen werden Perlengewebe, Sessel, Kissen, Ofenschirme und Fußbänke angefertigt, ein Ersatz kostspieliger Stickereien.

In der ganzen Umgegend von Annaberg und Buchholz ist denn auch die Landwirtschaft von untergeordneter, die Industrie von weit überwiegender Bedeutung. Ja, bezeichnend genug für die späte und doch so schnelle Entwickelung des Obererzgebirges ist es, daß man auf der alten Poststraße, ohne mehr als zwei Dörfer zu berühren, zwölf Städte besuchen kann: Annaberg, Buchholz, Schlettau, Scheibenberg, Elterlein, Zwönitz, Geyer, Thum, Ehrenfriedersdorf (Stadt), Wolkenstein, Marienberg, Zöblitz.

Nach Prof. Berlet undDr.Manke.

Das obere Erzgebirge ist die Heimat oder der längere Aufenthaltsort einer Reihe bedeutender Persönlichkeiten gewesen, die für die Kulturentwickelung unseres engeren und weiteren Vaterlandes nicht ohne Bedeutung geblieben sind. Zu ihnen gehörenBarbara Uttmann, die das Spitzenklöppeln 1561 inAnnabergbekannt machte, undKlara Angermann, welche inEibenstock1775 das Tambourieren einführte. 1589 schon hatGeorg Einenkel, angeblichausDünkelsbühlin Schwaben, das Posamentiergewerbe inBuchholzeingeführt. 1776 gelang es dem KaufmannEscheinLimbach, den Strumpfwirkerstuhl den Engländern nachzubauen. In der Nähe vonGeyererrichtete 1812 inSiebenhöfender um die sächsischeBaumwollenspinnereisehr verdienteEvan Evansdie erste Baumwollenspinnerei in Sachsen.

Aber außerdem giebt es noch eine Anzahl bekannter Männer des Obererzgebirges, die auf Kunst und Wissenschaft, auf das ganze Geistesleben des sächsischen Volkes nicht ohne Einfluß geblieben sind. Wir gedenken des 1492 geborenen RechenmeistersAdam RiesausStaffelstein, der seine Rechenwerke in Annaberg als Bergbeamter schuf. Ferner haben wir den berühmten Rektor der Annaberger Lateinschule,Johannes Rivius, der 1552 in Meißen starb, zu nennen. InGrünhainwurde 1586Johann Hermann Scheingeboren, der Dichter des Liedes: »Mach's mit mir, Herr, nach deiner Güt'.« 1619 ist der Dichter des Liedes: »Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören«,Tobias Clausnitz, inThumgeboren worden. 1726 wurde zuAnnabergder berühmte KinderfreundFelix Weißegeboren. 1674 stellte inAnnabergauf der Münzgasse in dem ihm vom KurfürstenJohann Georg II.überlassenen Münzgewölbe der ChemikerKunkel, als einer der allerersten,Phosphorher.

Zu den erwähnten fügen wir hier noch die Namen einesMykonius,Sarcerius,Pufendorf,Gottfried Arnold,KramerundDuflos.

Friedrich Mykonius, eigentlich Mekum genannt, gehört zu der Reihe der deutschen Kirchenreformatoren. Am 24. Dezember 1491 ist er zuLichtenfelsin Oberfranken geboren. Er gehört zu den bekanntesten Schülern der Annaberger Lateinschule und ist als solcher schon berühmt geworden durch sein bekanntes Gespräch mit Tetzel. 1510 trat er ins Annaberger Franziskanerkloster ein, später in das zu Weimar. Er gehört zu den ersten und eifrigsten Anhängern Luthers. 1524 ward er evangelischer Pfarrer in Gotha. Am 2. Juli desselben Jahres predigte er in Buchholz unter großem Andrange. Am 4. Mai 1539 hielt er in Annaberg die erste evangelische Predigt. Als Superintendent von Gotha wirkte er für die Einführung der Reformation in Thüringen, sowie in Leipzig, wohin er 1539 berufen ward. Er nahm am Marburger Religionsgespräche 1529, an dem Schmalkaldner Tage 1537 und auch am Hagenauer Religionsgespräche 1540 teil. Gestorben ist er 1546. Seine Geschichte der Reformation erschien erst 1715 zu Gotha.

Nach Ledderhose.

Am 28. November 1501 wurde inAnnabergeinem schlichten Bergmanne NamensScheurerein Sohn geboren; das war der ehedem berühmteErasmus Sarcerius, wie sein Name lateinisch lautet. Der junge Sarcerius besuchte die Lateinschulen Annabergs und Freibergs. In Leipzig und Wittenberg studierte er Philosophie und Theologie. Er gehört zu den eifrigsten Anhängern Luthers und seines Reformationswerkes. Mehreren Schulen hat später Sarcerius entweder als Konrektor oder Rektor vorgestanden; es waren Schulen in Rostock, Lübeck, Dillenburg, Wien und Graz. In Österreich hielt er sich nicht dauernd auf, weil er wegen seines Glaubens Anfeindungen ausgesetzt war. Er kehrte nach Lübeck zurück, wo seit 1531 die Reformation eingeführt wordenwar. Der GrafWilhelm der Reiche von Nassauberief ihn in sein Land als Oberpfarrer, weil er die Reformation einzuführen gedachte. Sarcerius wirkte in Nassau erfolgreich zu diesem Zwecke. Da er sich aber dem 1548 von KaiserKarl V.aufgestellten »Interim« nicht fügte, ging er, seines Amtes entsetzt, nach Annaberg. 1549 ward er Pfarrer an der Leipziger Thomaskirche, 1554 Pfarrer in Eisleben und 1559 Superintendent in Magdeburg. Am 28. November 1559 starb er. Er hat zahlreiche Schriften hinterlassen.

NachDr.Röselmüller.

FreiherrSamuel von Pufendorf, einer der Gründer der Wissenschaft des Natur- und Völkerrechtes, ist am 8. Januar 1632 zuDorfchemnitzgeboren. Er besuchte die Fürstenschule zu Grimma, widmete sich dann in Leipzig und Jena dem Studium der Rechte und wurde 1658 Hofmeister im Hause des schwedischen GesandtenCoyetin Kopenhagen. Die Schrift »Elemente der allgemeinen Rechtswissenschaft«, welche 1660 in Haag erschien, bewirkte 1661 seine Berufung zum Professor des Natur- und Völkerrechts an die UniversitätHeidelberg. Doch schon 1670 folgte Pufendorf einem Rufe an die neue schwedische UniversitätLund. Durch weitere Schriften erhob er das Naturrecht zu einer selbständigen Wissenschaft. Für das Verhältnis des Staates zur Kirche schuf er die von allen gegenwärtigen Staaten angenommene Theorie des Kollegialismus. 1686 wurde er nachStockholmberufen und zum Staatssekretär, königlichen Hofrat und Historiographen ernannt. 1688 begab er sich nachBerlin, wo er von dem KurfürstenFriedrich Wilhelmvon Brandenburg als Historiograph und Kammergerichtsbeisitzer angestellt und 1690 zum Geheimrat ernannt wurde. KönigKarl XI.von Schweden erhob ihn 1694 in den Freiherrnstand. Er starb am 26. Oktober 1694 inBerlin. Pufendorfs älterer Bruder,Esaias Pufendorf, starb am 26. Oktober 1689 als dänischer Gesandter in Regensburg. Derselbe hat mehrere theologische und historische Schriften veröffentlicht.

Nach Meyers Lexikon.

Der lutherische TheologeGottfried Arnoldist am 5. September 1666 zuAnnaberggeboren. Seine Studien machte er inWittenberg. Im Jahre 1697 ward er Professor der Geschichte inGießen. Sein Verkehr mitSpenerin Dresden regte ihn pietistisch an. In Frankfurt und Quedlinburg kam er durch persönliche Verbindungen zu einem mystischen Separatismus. Er enthielt sich des Kirchenbesuches und verschmähte das heilige Abendmahl. 1698 legte er seine Professur nieder. Später, 1700, hat er sich verheiratet. Da er seine Ansichten geändert hatte, wurde er Hofprediger der verwitwetenHerzogin von Sachsen-EisenachinAllstedt. 1714 starb er inPerlebergals Prediger, nachdem er seit 1707 dort gelebt hatte. Vorher wirkte er seit 1704 als Prediger inWerben. Von Arnold rühren mehrere mystische Schriften her. Geistliche Lieder hat er auch gedichtet. Sein Hauptwerk aber ist die ihrer Zeit schon durch die Darstellung Aufsehen erregende »Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie«, worin er der Ketzerei ein Streben nach wahrem Christentume zuschrieb und ihre Berechtigung durch die Mängel und die Ausbreitung der Kirche nachwies.

NachDr.Röselmüller.

Der berühmte Kanzelredner und KirchenliederdichterJohannes Andreas Kramerwurde 1723 inJöhstadtgeboren. Er wurde 1748 Prediger zu Krollwitz bei Magdeburg. 1750 schon treffen wir ihn als Oberhofprediger inQuedlinburg. Seit 1754 ist er deutscher Hofprediger inKopenhagenund seit 1765 zugleich Professor der Theologie ebenda gewesen.Lübeckberief ihn 1771 zum Superintendenten. Dann ward er 1774 erster Professor der Theologie in Kiel. Hier wurde er 1784 zum Universitätskanzler und Rektor ernannt. Am 12. Juni 1788 starb er in Kiel. – Er stiftete ein homiletisches Institut und ist der Gründer des ersten Schullehrerseminars fürSchleswig-Holsteingeworden. Auch gab er den Herzogtümern einen verbesserten Katechismus und ein neues Gesangbuch. Am bekanntesten sind unter seinen Werken seine »Sämtlichen Gedichte« und seine »Hinterlassenen Gedichte«, woraus viele Lieder in die Gesangbücher übergegangen sind.

Nach Meyers Lexikon.

Im Jahre 1889 starb zuAnnabergder Geheime Rat ProfessorDr.Adolf FerdinandDuflos, Ritter u. s. w. Er stammt ausArtenaybei Orleans in Frankreich und ist am 2. Februar 1802 daselbst geboren. In den Napoleonischen Kriegen kam er mit seinem Vater nachTorgau. Er fand ein Unterkommen bei dem dortigen Rektor Benedict, welcher später die Waise bei seiner Übersiedelung als Rektor der Lateinschule nachAnnabergmit sich nahm.Duflostrat als Lehrling in die Annaberger Apotheke ein. Als einst, den 27. Februar 1817, Apotheker Hertel einen Vortrag über die Beleuchtung durch Gaslicht aus Steinkohlen nebst einigen erläuternden physikalischen Versuchen in der Museumsgesellschaft zu Annaberg hielt, bereitete der damalige ApothekerlehrlingDuflosdas Gas dazu. Niemand mochte ahnen, zu welcher Bedeutung der 15jährige noch in ganz Deutschland gelangen würde. Er gilt in ganz Deutschland als »Vater der Pharmazie« und ist Verfasser vieler hochgeschätzter chemischer Werke. Seit 1866 lebte er in stiller Zurückgezogenheit in Annaberg. Sein Grab wird zu den berühmtesten des schönen Friedhofes gezählt werden. Er liegt im Brodengeyerschen Schwibbogen.

Nach Fr. Brodengeyer und Ruhsam.


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