104.Goethe an Kestner.

104.Goethe an Kestner.v. 23. Sept. 1774.Habt ihr das Buch schon; so versteht ihr beygehendes Zettelgen, ich vergas es hinein zu legen im Hurrli in dem ich ietzt lebe. Die Messe tobt und kreischt, meine Freunde sind hier, und Vergangenheit und Zukunft schweben wunderbar in einander.Was wird aus mir werden. O ihr gemachten Leute, wieviel besser seyd ihr dran.Ist Meyern wieder da. Ich bitt euch gebt das Buch noch nicht weiter, und behaltet den lebendigen lieb, und ehret den Todten.Nun werdet ihr die dunkeln Stellen voriger Briefe verstehen.am 23. Sept. 1774.105.Goethe an Lotte.Einschluß des Vorigen.Lotte wie lieb mir das Büchelgen ist magst du im Lesen fühlen, und auch dieses Exemplar ist mir so werth als wär’s das einzige in der Welt. Du sollsts haben Lotte, ich hab es hundertmal geküsst, habs weggeschlossen, dass es niemand berühre. O Lotte! — Und ich bitte dich lass es außer Meyers niemand iezzo sehn, es kommt erst die Leipziger Messe in’s Publikum. Ich wünschte iedes läs’ es allein vor sich, du allein, Kestner allein, und jedes schriebe mir ein Wörtgen.Lotte Adieu Lotte.106.Fragment eines Brief-Conzeptsvon Kestner an Goethe nach Empfang des Werther.(Aus Hannover, vom Ende Sept. oder Anfang Oct. 1774.)Euer Werther würde mir großes Vergnügen machen können, da er mich an manche interessante Scene und Begebenheit erinnern könnte. So aber, wie er da ist, hat er mich, in gewissem Betracht, schlecht erbauet. Ihr wißt, ich rede gern wie es mir ist.Ihr habt zwar in jede Person etwas Fremdes gewebt, oder mehrere in eine geschmolzen. Das ließ ich schon gelten. Aber wenn Ihr bey dem Verweben und Zusammenschmelzen euer Herz ein wenig mit rathen lassen; so würden die würcklichen Personen, von denen ihr Züge entlehnet, nicht dabey so prostituirt seyn. Ihr wolltet nach der Natur zeichnen, um Wahrheit in das Gemälde zu bringen; und doch habt Ihr so viel widersprechendes zusammengesetzt, daß Ihr gerade Euren Zweck verfehlt habt. Der Herr Autor wird sich hiergegen empören, aber ich halte mich an die Würklichkeit und andie Wahrheit selbst, wenn ich urtheile, daß der Maler gefehlt hat. Der würcklichen Lotte würde es in vielen Stücken leid seyn, wenn sie Eurer da gemalten Lotte gleich wäre. Ich weiß es wohl, daß es eine Composition seyn soll; allein die H....., welche Ihr zum Theil mit hineingewebt habt, war auch zu dem nicht fähig, was Ihr eurer Heldin beymesset. Es bedurfte aber des Aufwandes der Dichtung zu Eurem Zwecke und zur Natur und Wahrheit gar nicht, denn ohne das — eine Frau, eine mehr als gewöhnliche Frau immer entehrende Betragen Eurer Heldin — erschoß sich Jerusalem.Die würckliche Lotte, deren Freund Ihr doch seyn wollt, ist in Eurem Gemälde, das zu viel von ihr enthält, um nicht auf sie starck zu deuten, ist, sag’ ich — doch nein, ich will es nicht sagen, es schmerzt mich schon zu sehr da ichs denke. Und Lottens Mann, Ihr nanntet ihn Euren Freund, und Gott weiß, daß er es war, ist mit ihr —Und das elende Geschöpf von einem Albert! Mag es immer ein eignes nicht copirtes Gemählde seyn sollen, so hat es doch von einem Original wieder solche Züge (zwar nur von der Aussenseite, und Gott sey’s gedankt, nur von der Aussenseite) daß man leicht auf den würklichen fallen kann. Und wenn Ihr ihn so haben wolltet, mußtet ihr ihn zu so einem Klotze machen? damit ihr etwa auf ihn stolz hintreten und sagen könntet, seht wasichfür ein Kerl bin!107.Goethe an Kestner und Lotte.(Oct. 1774.)Ich muß euch gleich schreiben meine Lieben, meine Erzürnten, dass mirs vom Herzen komme. Es ist gethan, es ist ausgegeben, verzeiht mir wenn ihr könnt. — Ich will nichts, ich bitte euch, ich will nichts von euch hören, biss der Ausgang bestätigt haben wird dass eure Besorgnisse zu hoch gespannt waren, biss ihr dann auch im Buche selbst das unschuldige Gemisch von Wahrheit und Lüge reiner an eueren Herzen gefühlt haben werdet. Du hast Kestner, ein liebevoller Advokat, alles erschöpft, alles mir weggeschnitten, was ich zu meiner Entschuldigung sagen könnte; aber ich weis nicht, mein Herz hat noch mehr zu sagen, ob sichs gleich nicht ausdrücken kann.Ich schweige, nur die frohe Ahndung muss ich euch hinhalten, ich mag gern wähnen, und ich hoffe, dass das ewige Schicksaal mir das zugelassen hat, um uns fester an einander zu knüpfen. Ja meine Besten, ich,der ich so durch Lieb an euch gebunden bin, muss noch euch und euern Kindern ein Schuldner werden für die böse Stunden, die euch meine — nennts wie ihr wollt, gemacht hat. Haltet, ich bitt euch, haltet Stand. Und wie ich in deinem letzten Briefe dich ganz erkenne Kestner, dich ganz erkenne Lotte, so bitt ich bleibt! bleibt in der ganzen Sache, es entstehe was wolle. — Gott im Himmel man sagt von dir: du kehrest alles zum besten.Und, meine lieben wenn euch der Unmuth übermannt, denkt nur denkt, dass der alte euer Goethe, immer neuer und neuer, und jetzt mehr als jemals der eurige ist.108.Kestner an v. Hennings.Hannover d. 7. November 1774.Ihren Brief, Liebster Freund, würde ich nicht verstehen, wenn ich es nicht längst vorausgesehen hätte, daß die Leiden des jungen Werthers den Mißverstand erregen würden, den ich aus Ihrem Briefe inBerlingewahr wurde. Aber warum war nicht mein erster Ausruf: „Ich bin glücklich wie man es in der Welt seyn kann! Ich bin nicht zu bedauren, wenigstens nicht in dem Verstande, wie Sie meynen. Ich traure nicht.“ — Mit einem Worte, es ist alles Irrthum, und es geht mir nahe, daß dieses Sie betrüben müße. Ich will Ihnen, so viel wie möglich das Räthsel auflösen. Hätten Sie meinen Brief, den ich vor ohngefähr einem Jahre von hier schon an Sie nach Berlin geschrieben, erhalten, so hätte es zu dem Irrthum wahrscheinlich nicht kommen können. Er muß aber verloren gegangen seyn. Ich bin schon seit mehr als 1½ Jahren nicht mehr zu Wetzlar, sondern hier als königlicher Archiv-Secretair.Ehe ich aus Wetzlar gereiset, 2 Monat vorher, bin ich mit meinem Lottchen auf ewig verbunden, und es war mir wohl, als ich es war, und bin es noch. Darauf führte ich Lottchen in meinem Herzen im Triumph hierher. Sie ward aufgenommen, wie sie es verdiente. Zu Wetzlar war ich meiner Stelle müde, ich suchte daher zurückberufen zu werden, und erhielt die jetzige Stelle, die zwar noch nicht viel einträgt, die ich aber doch gern annahm, um erst wieder hierher zu kommen. Bald nachher erhielt ich einen Brief über Wetzlar von Ihnen. Ich antwortete bald und schrieb Ihnen meine ganze Geschichte. Ich schickte diesen Brief an den Churbrandenburgischen Legations-Secretair Ganz zu Wetzlar; der ihn aber nicht bestellt haben muß, oder er ist sonst verloren. Nunmehr erwartete ich längst eine Antwort und war immer im Begriff noch einmal zu schreiben, denn Sie sind noch immer mein erster Freund, und ich Ihnen ganz der nämliche, der ich immer war. Zu Wetzlar habe ich nur einen gefunden, den ich Ihnen gleich nachsetze; sein Namen ist schon bekannt genug, er heißt Goethe. Sie können es daraus schliessen, daß er mir mit den Leiden des jungen Werthers, ohne Vorsatz jedoch, und in seiner Autor-Wärme, oderEtourderie, keinen angenehmen Dienst gethan hat; indem mich vieles darin verdrießt, so wie meine Frau auch, und der Erfolg uns doppelt verdrießt: Aber dennoch bin ich geneigt es ihm zuverzeihen; doch soll er es nicht wissen, damit er sich künftig in Acht nimmt. Im Vertrauen will ich Ihnen dieses und die Geschichte des Werthers näher erklären, wovon Sie aber nur einen behutsamen Gebrauch machen sollen; doch aber bitte ich einigen Gebrauch davon zu machen.Im ersten Theile des Werthers ist Werther Goethe selbst. In Lotte und Albert, hat er von uns, meiner Frau und mir, Züge entlehnt. Viele von den Scenen sind ganz wahr, aber doch zum Theil verändert; andere sind, in unserer Geschichte wenigstens, fremd. Um des zweyten Theils Willen, und um den Tod des Werthers vorzubereiten, hat er im ersten Theile verschiedenes hinzugedichtet, das uns gar nicht zukömmt. Lotte hat z. B. weder mit Goethe, noch mit sonst einem anderen in dem ziemlich genauen Verhältniß gestanden, wie da beschrieben ist; Dieß haben wir ihm allerdings sehr übel zu nehmen, indem verschiedene Nebenumstände zu wahr und zu bekannt sind, als daß man nicht auf uns hätte fallen sollen. Er bereut es jetzt, aber was hilft uns das. Es ist wahr, er hielt viel von meiner Frau; aber darin hätte er sie getreuer schildern sollen, daß sie viel zu klug und zu delicat war, als ihn einmal so weit kommen zu lassen, wie im ersten Theile enthalten. Sie betrug sich so gegen ihn, daß ich sie weit lieber hätte haben müssen, als sonst, wenn dieses möglich gewesen wäre. Unsere Verbindung ist auch nie declarirt gewesen,zwar nicht heimlich gehalten; doch war sie viel zu schamhaft als es irgend jemanden zu gestehen. Es war auch keine andere Verbindung zwischen uns, als die der Herzen. Erst kurz vor meiner Abreise, (als Goethe schon ein Jahr von Wetzlar weg, zu Franckfurt, und der verstellte Werther ½ Jahr todt war) vermählten wir uns. Hier erst, nach Verlauf eines ganzen Jahres, seit unseres Hierseyns, wurden wir Vater und Mutter. Der liebe Junge lebt noch, und macht uns Gottlob viel Freude. Sonst ist in Werthern viel von Goethe’s Character und Denkungsart. Lottens Portrait ist im ganzen das von meiner Frau. Albert hätte ein wenig wärmer seyn mögen.So viel vom ersten Theile. Der zweyte geht uns gar nichts an. Da ist Werther der junge Jerusalem; Albert der PfälzischeLegations-Secretair, und Lotte des letzteren Frau; was nämlich die Geschichte anbetrifft, denn die Charactere sind diesen drey Leuten größtentheils nur angedichtet. Von Jerusalem wußte aber der Verfasser seine vorherige Geschichte vermuthlich nicht, darum schickte er die im ersten Theile voraus, und setzte verschiedenes hinzu, um den Erfolg des zweyten Theils wahrscheinlich zu machen, und diesem mehreren Anlaß zu geben. Der Albert des zweyten Theils war freilich etwas eifersüchtig, aber stand doch nicht in dem Verhältniß mit seiner Frau, wie da beschrieben ist. SeineFrau ist ein sehr hübsches, sanftes, gutes Geschöpf; aber nicht das Leben in ihr, was ihr da beygelegt wird; sie war auch zu der kleinen Untreue nicht einmal fähig, und auch sie betrug sich viel eingezogener gegen Jerusalem, der sie freylich sehr liebte, aber doch im beleidigten Ehrgeiz, mehr als in der unglücklichen Liebe den Grund zu seinem letzten Entschlusse fand. Er beredete sich aber vielleicht selbst, daß das Letzte die Hauptursache sey, und die letzte Veranlassung ist die Liebe selbst gewiß gewesen. Es ist zwar wieder wahr daß ich ihm die Pistolen dazu hergeliehen. Aber daß er sie dazu mißbrauchen würde, ließ ich mir nicht einmal träumen. Ich kannte ihn nur wenig, und meine Frau noch weniger; denn er entfernte sich die mehrste Zeit von den Menschen. Ich wußte von seinen Grundsätzen nichts; und von seiner Liebes-Geschichte nur, was dasPublicumwußte; das war nicht viel. Er war nur zwey Mal bey mir gewesen, und bey dieser Gelegenheit hatte er vielleicht die Pistolen bey meiner Cammerthür hängen sehen. Er schrieb mir das eingerückte Billet würklich, und aus Höflichkeit schickte ich ihm die Pistolen, ohne Bedenken. Sie waren nicht geladen; ich hatte nie damit geschossen. — Er war ein guter melancholischer Junge; aber das hätte sich niemand von ihm träumen lassen; es hat es mir auch niemand verdacht.Diese Jerusalemische Geschichte, die ich möglichstgenau erforschte, weil sie merkwürdig war, schrieb ich mit allen Umständen auf, und schickte sie Goethen nach Franckfurt; der hat denn den Gebrauch im zweyten Theil seines Werthers davon gemacht, und nach Gefallen etwas hinzugethan.Sie sehen also, daß Sie mich ohne Ursache bedauert haben; und ob wir gleich sehr ungern durch das Buch in das Gespräch des Publicums auf solche Art kommen, so freut uns doch, daß es ohne Grund geschieht, und Dank seys dem Höchsten, wir glücklich, zufrieden und vergnügt mit einander gelebt haben und noch leben. Ein geheimer Schrecken überfällt mich manchmal, wenn ich denke, diese Welt, und in so glücklicher Ehe! Darum ertrage ich gern, wenn ich es mir übrigens ein wenig sauer werden lassen muß, da mein Vater inzwischen verstorben ist, meine Einnahme nicht groß, der Aufenthalt hier kostbar ist. Ich nehme dieß gern als ein kleines Gegengewicht unseres Glückes an, zumal da es mir noch an nichts gefehlt hat, und noch nicht fehlet, auch meinePraxisimmer etwas zunimmt, und die Aussicht zu besseren Umständen da ist.Als Goethe sein Buch schon hatte drucken lassen, schickte er uns ein Exemplar, und meinte Wunder was er für eine That gethan hatte. Wir aber sahen es gleich voraus, wie der Erfolg seyn würde, und Ihr Brief bestätigt eine Art unserer Prophezeihung. Ich schrieb ihmund zankte sehr. Nun sah er erst ein was er gethan hatte; das Buch war aber schon an die Buchführer gelangt, und er hoffte noch, daß wir uns geirrt haben sollten.Ehe ich weiter schreibe, bitte ich Sie inständigst diesen Brief gleich zu verbrennen; wenn er verloren gienge, so bekämen wir eine neue Auflage mit Anmerkungen. Ich habe mir vorgenommen, mich künftig zu hüten, daß ich keinem Autor etwas schreibe, was nicht die ganze Welt lesen darf.Nun aber ersuche ich Sie, bey Mendelsohn und sonst zu äussern, daß Sie gewiß wüßten, daß in dem Buche die Jerusalemische Geschichte hauptsächlich zum Grunde liege. (Dieß ist wahr, und dem Todten gleichgültig.) Allenfalls können Sie hinzusetzen, daß die Charactere zum Theil wahr wären, aber nicht in der Maaße, daß der tragische Erfolg daraus fliessen könne. Wenn uns jemand kennt, so suchen Sie das Nachtheilige, das im Buche von uns liegt, von uns abzuwenden. Meiner Frau Bild ist in dem, was an Lotten liebenswürdig und untadelhaft ist, getreu. Schliessen Sie daraus, wie natürlich es zugegangen, daß ich sie lieben mußte, da ich sie in ihrer unerfahrenen Jugend kennen lernte. Wenn ich von ihr hätte lassen müssen; so stehe ich nicht dafür, ob ich nicht Werther geworden wäre. Darin erkenne ich mich in Albert nicht.Sagen Sie aber, was soll ich bey der Geschichte anders thun, als sie übersehen. Zu redressiren ist sie nicht. Goethe hat’s gewiß nicht übel gemeint; er schätzte meine Frau und mich dazu zu hoch. Seine Briefe und seine andern Handlungen beweisen es. Er betrug sich auch viel größer, als er sich im Werther zum Theil geschildert hat. Uebrigens kann uns die Geschichte bey denen, die uns nur halb kennen, nicht schaden. Der Augenschein ist zu sichtbarfüruns, da unser gutes Verständniß unter einander bekannt ist.109.Goethe an Kestner.v. 21. Nov. 1774.Da hab ich deinen Brief, Kestner! An einem fremden Pult, in eines Malers Stube, denn gestern fing ich an in Oel zu malen, habe deinen Brief und muss dir zurufen Dank! Dank lieber! Du bist immer der Gute! — O könnt ich dir an Hals springen, mich zu Lottens Füssen werfen, Eine, Eine Minute, und all, all das sollte getilgt, erklärt seyn was ich mit Büchern Papier nicht aufschliessen könnte! — O ihr Ungläubigen würd ich ausrufen! Ihr Kleingläubigen! — Könntet ihr den tausendsten Theil fühlen, was Werther tausend Herzen ist, ihr würdet die Unkosten nicht berechnen, die ihr dazu hergebt! Da lies ein Blättgen, und sende mirs heilig wieder, wie du hier drinnen hast. — Du schickst mir Hennings Brief, er klagt mich nicht an, er entschuldigt mich. Bruder lieber Kestner! wollt ihr warten so wird euch geholfen. Ich wollt um meines eignen Lebens Gefahr willen Werthern nicht zurückrufen,und glaub mir, glaub an mich, deine Besorgnisse, deineGravamina, schwinden wie Gespenster der Nacht wenn du Geduld hast, und dann — binnen hier und einem Jahr versprech ich euch auf dielieblichste,einzigste,innigsteWeise alles was noch übrig seyn mögte von Verdacht, Missdeutung &c. im schwäzzenden Publikum, obgleich das eine Heerd Schwein ist, auszulöschen, wie ein reiner Nordwind, Nebel und Dufft. — Werther muss — muss seyn! — Ihr fühltihnnicht, ihr fühlt nurmichundeuch, und was ihrangeklebtheisst — und trutz euch — und andern —eingewobenist — Wenn ich noch lebe, so bist dus dem ichs danke — bist also nicht Albert — Und also —Gib Lotten eine Hand ganz warm von mir, und sag ihr: Ihren Nahmen von tausend heiligen Lippen mit Ehrfurcht ausgesprochen zu wissen, sey doch ein Aequivalent gegen Besorgnisse, die einem kaum ohne alles andere im gemeinen Leben, da man jeder Baase ausgesetzt ist, lange verdriesen würden.Wenn ihr brav seyd und nicht an mir nagt, so schick ich euch Briefe, Laute, Seufzer nach Werthern, und wenn ihr Glauben habt, so glaubt dass alles wohl seyn wird, und Geschwäz nichts ist, und beherzige deines Philosophen Brief — den ich geküsst habe —— O du! — hast nicht gefühlt wie der Mensch dich umfasst, dich tröstet — und in deinem, in LottensWerth Trost genug findet, gegen das Elend das schon euch in der Dichtung schröckt. Lotte, leb wohl — Kestner du — habt mich lieb — und nagt mich nicht —G.Das Billet keinem Menschen gezeigt! unter euch beyden! Sonst niemand sehe das! Adieu ihr lieben! Küsse mir Kestner deine Frau und meine PathenUnd mein Versprechen bedenkt.Ichallein kannerfinden, was euch völlig ausser aller Rede setzt, ausser dem windgen Argwohn. Ich habs in meiner Gewalt, noch ists zu früh! Grüss deinen Hennings ganz herzlich vonmirEin Mädchen sagt mir gestern, ich glaubte nicht dassLotteso ein schöner Name wäre! er klingt so ganz eigen in dem WertherEine andre schrieb neulich: Ich bitte euch um Gotteswillen, heisst mich nicht mehr Lotte! — Lottgen, oder Lolo — wie ihr wollt — Nur nicht Lotte bis ich des Nahmens werther werde denn ichs bin.O Zauberkrafft der Lieb und Freundschafft.Zimmermanns Billet nächstens. Es ist kalt, ich kanns nicht droben suchen. Heut gehts aufs Eis, ihr lieben Aded. 21 Nov. 1774.110.Kestner an v. Hennings.Hannover den 30ten November 1774.(geschlossen den 24 Jan. 1775)..... Ihren vorigen Brief, nicht den letzten, habe ich Goethen mitgetheilt, um ihn zu überzeugen, wie das Buch angesehen werden könne, um ihn wenigstens in künftigen Fällen behutsamer zu machen. Er schreibt ich soll Sie herzlich grüßen. Er hat Ihren Brief geküßt. Ich soll den Brief meines Philosophen nur recht beherzigen &c. Sie kennen ihn schon aus seinen Schriften. Er macht sich aus der ganzen Welt nichts, darum kann er sich in die Stelle derer, die so nicht seyn können, noch dürfen, nicht setzen. „O du! hast nicht gefühlt wie der Mensch dich umfaßt, dich tröstet — und in deinem und Lottens Werth Trost genug findet gegen das Elend das Euch schon in der Dichtung schreckt &c.“ — sind seine Worte.Die Urtheile von seinem Buche sind verschieden,und einige, so daß sie ihn wegen manchem Tadel hinlänglich entschädigen. Gerade dem Ihrigen Urtheile entgegen, sagte einer, — Nun würde kein Unheiliger sich leichtsinnig erschiessen.Sie glauben nicht was es für ein Mensch ist. Aber wenn sein großes Feuer ein wenig ausgetobet hat; so werden wir noch Freude an ihm erleben.d. 24. Januar 75.Diesen Brief ward ich behindert fortzusetzen. Hernach dachte ich, er träfe Sie nicht mehr an. Nun da Sie zu Altona seyn werden, soll mich nichts mehr hindern. Ich danke Ihnen für den lieben Brief. Sie trösten mich wegen Werthers Leiden. Im Grunde haben Sie Recht, und es hat mir imPublico, so viel ich weiß, hier keinen Schaden gethan. Aber es thut mir doch wehe, daß ich das Buch nicht mit der Theilnehmung, wie ich bey andern sehe, lesen und wiederholt lesen kann. Immer stößt mir eine Stelle auf, die mir auch in der Dichtung empfindlich ist. Nun ist noch ein ungebetener Ausleger hinzugekommen, in der sogenannten Berichtigung &c. Es ist wohl kein boshafter Ausleger, und manches dient zur Verhinderung irriger Vorstellung. Aber was soll es? Muß denn das Publikum alles so haarklein wissen. Man sollte wunder glauben, was dasPublicumfür ein ehrwürdiges Ding wäre, dem mania von Allem recht genauen Bericht abstatten müßte. Ich kenne den Verfasser nicht. Er muß aber genaue Nachricht haben; wiewohl er sich in einigen Stücken irrt. Ich bin mit Lottchen nicht vorher versprochen gewesen. Und was er damit sagen will: „ich bekümmerte mich um den Weltlauf nicht,“ verstehe ich nicht. Ich lebte zu Wetzlar imPublico, und auch hier thue ich es. Der Weltlauf interessirt mich in seiner Maasse allerdings, und er ist sogar mein Studium. Wenn man Einen öffentlich schildern will, so sollte man ihn doch kennen. Ein guter Freund schrieb mir letzthin: »Sauf le respect pour votre ami, mais il est dangereux d’avoir un auteur pour ami.« Er hat wohl recht.Wenn Sie in Ruhe sind, so schreiben Sie mir etwas umständlicher von sich selbst. Es interessirt mich alles, was Sie angeht. O wenn ich Sie doch wieder sehen könnte! Glauben Sie nur, Sie sind mir noch immer das, was Sie vor vielen Jahren waren. Es freut mich, wenn ich mich untersuche, daß ich meine Empfindungen so unverändert finde, durch die Reihe von Jahren, durch ein reiferes Alter, durch so mancherley Scenen und Begebenheiten, ganz unverändert. Nur thut mir oft wehe, daß meine Geschäfte hindern, öfter dem Hang meines Herzens nachzuhängen. Die Unvollkommenheit dieser Welt empfinde ich nur dann zu stark, wenn ich abbrechen muß, wie jetzt. Leben Sie wohl.Vor allen Dingen leben Sie vergnügt und zufrieden. Behalten Sie uns lieb. Mein Lottchen grüßt Sie herzlich. Ihren Freund grüßen Sie auch; und wenn Sie ihren Bruder sehen werden, auch den.K.111.Goethe an Hans.v. 9. Jan. 1775.Hier, lieber Hans, ein Brief an Lotten. Von den Damens nehm Er das Geld, von jeder 4½ fl. und schicke er mirs mit Gelegenheit.Seine Briefe haben mich über Freud und Leid herzlich lachen gemacht. Fahr er fort mich lieb zu haben, und grüss er alles.d. 9 Januar 1775.G.112.Goethe an Lotte.v. 19. Jun. 1775.Tief in der Schweiz am Orte wo Tell seinem Knaben den Apfel vom Kopf schoss, warum iust von da ein paar Worte an Sie da ich so lang schwieg?Gut Liebe Lotte, einen Blick auf Sie und Ihre Kleinen, und das liebe Männchen, aus all der herrlichen Natur heraus, mitten unter dem edlen Geschlecht das seiner Väter nicht ganz unwerth seyn darf, obs gleich auch Menschen sind hüben und drüben.Ich kann nichts erzählen, nichts beschreiben. Vielleicht erzähl ich mehr wenn mirs abwesend ist, wie mirs wohl eh mit lieben Sachen gegangen ist.Nicht wahr Sie haben mich noch ein bischen lieb und so halten Sie’s und küssen Ihren Mann auch von mir und Ihre Kleinen. Adieu. grüssen Sie Meyers recht viel. Altdorf drey stunden vom Gotthard den ich morgen besteige.d. 19. Jun. 1775.113.Goethe’s Schwester an Kestner.v. 6. Jan. 1776.Ich habe eine grose Sünde auf dem Herzen, bester Kestner, — Ihren lieben Brief so lang unbeantwortet zu lassen, das ist abscheulich — Ich wäre mit nichts zu entschuldigen wenn ich nicht seit zwey Jahr keinem Menschen in der Welt geschrieben hätte — so lang währt meine Krankheit und eine Art von Melancolie, die eine natürliche Folge davon ist — Ihre liebe aktive Lotte wird sich hierüber nicht wundern, weil sie sich leicht vorstellen kann, was das heisst als Frau und Mutter zwey Jahre lang im Bette zu liegen, ohne im Stand zu seyn sich selbst nur einen Strumpf anzuziehen —Zimmermann kam als mein guter Genius mich an Leib und Seele zu erretten, er gab mir Hofnung und munterte mich so auf, dass ich seitdem wenig ganze trübe Stunden mehr habe — es ist auch wirklich durch seine vortreffliche Vorschriften so weit mit meiner Cörperlichen Besserung gekommen, dass ich große Linderung spüre —Es fehlt mir hier hauptsächlich an einer Freundinn die mich aufzumuntern wüsste, und die meine Gedanken von dem elenden kränklichen Cörper weg, auf andere Gegenstände zöge — Es ist sehr schlimm dass ich mich selbst mit nichts beschäfftigen kann, weder mit Handarbeit, noch mit lesen, noch mit Clavierspielen — auch das Schreiben fällt mir beschwerlich wie Sie sehen —Mein Mädgen würde mir sehr viel Freude machen wenn ich mich mit ihm abgeben könnte, aber so muss ichs ganz fremden Leuten überlassen, welches nicht wenig zum Druck meines Gemüths beyträgt — Es ist sehr lustig und will den ganzen Tag tanzen, desswegen es auch bey jedem lieber als bey mir ist — laufen kanns noch nicht allein, es happelt aber entsetzlich wenn manns führt — Schreiben Sie mir doch ja viel und recht umständlich von Ihren Kleinen, denn wie ich höre so sind Sie so glücklich zwey zu haben — ich mögt gern wissen wie sie aussehn, ob sie der Lotte gleichen, ob sie blaue oder schwarze Augen haben, ob sie lustig oder still sind u.s.w.Verzeihen Sie mir ja die vielen Fragen, ich würde sie nicht gethan haben wenn ich nicht versichert wäre, dass Sie sie gern beantworteten — Leben Sie wohl. Ihre liebe Lotte küsse ich hundertmal.d. 6. Jen. 76.S. Schlosser.114.Goethe’s Mutter an Hans.Franckfurt d. 2tenFebruar 1776.Mein lieber Herr Buff! Die Mutter von Ihrem Freund, dem Doctor Goethe, hätte eine Bitte an Sie. Ich weiß, daß Sie meinen Sohn lieb haben. Um desto getroster darf ich Ihnen einen Auftrag geben, da Sie des Sohnes wegen, der Mutter gewiß einen Gefallen thun. Den 9tenNovember vorigen Jahres, schickte ich an Hr. Cammerrichter ein Päckchen mit 44 fl. 10 kr. Dagegen bekam wie gewöhnlich einen Postschein, der ein ¼ Jahr gültig ist; den 9tenFebruar wäre also die Zeit vorbey, inzwischen habe von Hrn. Cammerrichter nicht die geringste Nachricht, ob das Geld glücklich angekommen ist. Nun ist die Frage, ob Sie mir wollen den Gefallen thun und sich bey seiner Excellenz Haushofmeister, oder wen Sie sonst von seinem Hofstaat kennen, erkundigen wollen, ob das Geld richtig überliefert worden seye, denn im entgegenstehenden Falle habe noch 8 Tage Zeit mich beym Postamt zu melden. Haben Sie dieGüte mir vor Ablauf der 8 Tage zu antworten, damit ich weiß, woran ich bin.Sie werden sich ohne Zweifel wundern, warum der Doctor nicht selber schreibt. Aber der ist nicht hier, schon ein ¼ Jahr ist er in Weimar beym Herzog, und Gott weiß wenn er wieder kömmt. Aber freuen thut er sich gewiß, wenn ich ihm schreibe, daß ich an seinen lieben alten Bekannten und guten Freund geschrieben habe, denn wie viel er immer von Ihnen und Ihrem ganzen Haus erzählt hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Für seinen vergnügtesten Zeitpunkt hat er es immer gehalten. Ihr lieber Herr Vater, Brüder und Schwestern, besonders Herr und Frau Kestner sind doch, hoffe ich, alle wohl? Grüssen Sie alles von mir, und seyd versichert, daß ich jederzeit seyeIhre Freundin Goethe.Wenn Sie die Güte haben an mich zu schreiben, so ist meine Adresse An Frau Rath Goethe, auf dem grossen Hofgraben.115.Goethe an Kestner und Lotten.v. 9. Jul. 1776 aus Weimar.Liebe Kinder. Ich hab so vielerley von Stund zu Stund das mich herumwirft, ehmahls warens meine eigne Gefühle, iezt sind neben denen, noch die Verworrenheiten andrer Menschen die ich tragen und zurecht legen muss. So viel nur: ich bleibe hier, und kann da wo ich, und wie ich bin meines Lebens geniessen, und einem der edelsten Menschen, in mancherley Zuständen förderlich und dienstlich seyn. Der Herzog mit dem ich nun schon an die 9 Monate in der wahrsten und innigsten Seelen Verbindung stehe, hat mich endlich auch an seine Geschäffte gebunden, aus unsrer Liebschafft ist eine Ehe entstanden, die Gott seegne.Er hat mir Siz und Stimme in seinem Geheimen Rath, und den Titel als Geheimer Legationsrath geben, und wir hoffen das beste.Viel gute liebe Menschen giebts noch hier mitderen Allgemeiner Zufriedenheit ich da bleibe, ob ich gleich manchem nicht so recht anstehe. Addio behaltet mich lieb. d. 9. Jul. 76 WeimarSchreibt mir was von euern Kindern. Matthäi hat mir einen Brief bracht.G.116.Goethe an Kestner.Wartburg d. 28. Sept. 77.Lieber Kestner, nicht dass ich euch vergessen habe, sondern dass ich im Zustande des Schweigens bin gegen alle Welt, den die alten Weisen schon angerathen haben und in dem ich mich höchst wohl befinde, indess sich viele Leute mit Mährchen von mir unterhalten, wie sie sich ehemals von meinen Mährchen unterhielten. Wenn ihr’s könntet auf euch gewinnen, und mir mehr schriebt, oder nur manchmal, ohne Antwort, glaubt dass mirs ewig werth ist, denn ich seh euch leben und glücklich seyn. — Einen Rath verlangt ihr! Aus der Ferne ist schweer rathen! Aber der sicherste, treuste, erprobteste, ist:bleibt wo ihr seyd. Tragt diese oder iene Unbequemlichkeit, Verdruss, Hintansezzung u.s.w. weil ihrs nicht besser finden werdet wenn ihr den Ort verändert. Bleibt fest und treu auf eurem Plazze. Fest und treu auf Einem Zweck, ihr seyd ia der Mann dazu, und ihr werdetvordringendurchsbleiben, weil alles andrehinter euchweicht. Wer seinen Zustand verändert verliert immer dieReise-undEinrichte-kosten, moralisch und ökonomisch, und sezzt sich zurück. Das sag ich dir als Weltmensch, der nach und nach mancherley lernt wie’s zugeht. Schreib mir aber mehr von dir, vielleicht sag ich dir was bestimmt besseres.Grüsse Lotten, und Gott erhalt euch und die Kleinen.Ich wohne auf Luthers Pathmos, und finde mich da so wohl als er. Uebrigens bin ich der glücklichste von allen die ich kenne. Das wird dir auch genug seyn.Addio. Grüsse Sophien.[28]G.117.Goethe an Kestner.v. 23. Jan. 1778.Danke recht sehr für das überschickte, und bitt euch besonders um die Abänderungen und Verbesserungen, weil mir daran am meisten gelegen ist. Was es kostet will ich gern ersezzen, es sey was es wolle.Viel Glück zur Vermehrung und Entblatterung der Familie. Es wird doch artig seyn, wenn ich euch einmal besuche und ihr mir mit einem Halbduzzend solcher Figürchen aufwarten könnt.Grüse Lotten, und wenn ich auch im Styl mit unter Geh. Rätisch werde, so bleibt doch leider das übrige ziemlich im alten. Grüse Sophien.Adieu. d. 23. Jan. 78.G.Apropos ist denn Lotte immer noch so schnippisch? Schickt mir doch einmal Eure Silhouetten, und Sophies und der Kinder.118.Goethe an Kestner.Pfingstsonntag 1780.Es ist recht schön dass wir einander wieder einmal begegnen. Vor einigen Tagen dacht ich an euch und wollte fragen wie es stünde. Schon lange habe ich Plan gemacht euch zu besuchen vielleicht gelingt mir’s einmal und ich find euch und eure 5 Buben wohl und vergnügt. Es wär artig wenn ihr mir einmal einen Familienbrief schicktet wo Lotte und wer von den Kindern schreiben kann auch einige Zeilen drein schrieben dass man sich wieder näher rückte. Ich schick euch auch wohl einmal wieder was, denn ich habe schon mehr Lufft an meine Freunde zu denken ob sich gleich die Arbeit vermehrt.Ausser meiner Geheimeraths Stelle, hab ich noch die Direcktion des Kriegsdepartements und des Wegebaus mit denen dazu bestimmten Kassen. Ordnung, Präzision, Geschwindigkeit sind Eigenschaften von denen ich täglich etwas zu erwerben suche.Uebrigens steh ich sehr gut mit den Menschen hier, gewinne täglich mehr Liebe und Zutrauen, und es wird nur von mir abhängen zu nuzzen und glücklich zu seyn. Ich wohne vor der Stadt in einem sehr schönen Thale wo der Frühling jetzt sein Meisterstück macht. Auf unsrer lezten Schweizerreise ist alles nach Wunsch gegangen und wir sind mit vielem Guten beladen zurückgekommen.Für Henningsens Deducktion dank ich. Das Gedicht kenn ich nicht und die ganze Sache zeugt von nicht sehr klaren Begriffen. Adieu Grüsse Frau und Kinder und behaltet mich lieb. Pfingstsonntag 1780.Goethe.Dass dir Oberon so wohl gefällt konnt ich denken, es ist ein ganz trefflich Gedicht. Wenn ein Deutscher Dichter ist so ist ers. Meine Schriftstellerey subordinirt sich dem Leben, doch erlaub ich mir, nach dem Beyspiel des grosen Königs der täglich einige Stunden auf die Flöte wandte, auch manchmal eine Uebung in dem Talente das mir eigen ist. Geschrieben liegt noch viel, fast noch einmal so viel als gedruckt, Plane hab ich auch genug, zur Ausführung aber fehlt mir Sammlung und lange Weile. Verschiedenes hab ich für’s hiesige Liebhaber Theater, freylich meist Conventionsmäsig ausgemünzt. Adieu.119.Goethe an Kestner.v. 30. May 1781.acc.22. Jun. 81.Wieder ein gutes Wort von Euch zu hören mein lieber Kestner war mir ein angenehm Begegnen unter den schönen Schatten meiner Bäume, unter denen ich Freud und Leid still zu tragen gewohnt bin.Grüst mir Lotten mit ihren vielen Buben, es mögte wohl hübsch seyn wenn ich euch besuchen könnte.Jetzt werd ich täglich mehr leibeigen, und gehöre mehr der Erde zu der wir wiederzukehren bestimmt sind. Die Aufzählung eurer Thaten, in euren kleinen Selbstgens, hat mir recht wohl gethan, ich hab euch dagegen nichts zu geben, denn ich bin ein einsamer Mensch. Brandes[29]war nur wenige Zeit bey mir.Hierbey schick ich Lotten ein klein Nachspiel; sie solls nur nicht aus Händen geben dass es nicht gedruckt wird. Adieu, wie vor Alters. W. d. 30 May 81.Goethe120.Goethe an Kestner.v. 15. Märtz 1783.acc.22.Mart.83.Wollte ich gleiches mit gleichem vergelten; so bliebe Euer Brief auch über das Jahr liegen, ich will aber der alten Freundschaft besser opfern, und hier ist also mein Dank für das überschickte.Das heist doch noch eine Parthie Köpfe! Misgönnt mir meine Bäume nicht, Euer Buben sind um ein gut Theil besser. Grüßt Lotten. Euer und der Eurigen Wohlfahrt erfreut mich herzlich.Wir haben einen gesunden Erbprinzen, und sind darüber in neues Leben und Freude versetzt. Ihr werdet das mitfühlen.Hier meine Iphigenie. Ich bitte sie bald zurück. Wollt Ihr sie noch einigen guten Freunden zeigen; so bewahrt mir sie nur vor den Augen angehender Autoren. Es ist zwar so viel nicht dran gelegen, doch ists verdrüslich, wie mir schon oft geschehn ist, sich stückweise ins Publikum gezerrt zu sehn.Laßt euch den Ton meines letzten Briefs nicht anfechten.[30]Ich wäre der undankbarste Mensch wenn ich nicht bekennte daß meine Lage weit glücklicher ist als ich es verdiene. Freylich schont mich auch wieder die Hitze und Mühe des Lebens nicht, und da kann’s denn wohl geschehen daß man zu Zeiten müde und matt, auch wohl einmal mismuthig wird.Lebt wohl, und gedenkt meiner unter den Eurigen.Weimar d. 15 März 1783.Goethe121.Goethe an Kestner.v. 2. May 1783.Ich habe mein guter Kestner, den Brief den mir euer iunger Mann[31]bringen sollte durch die Post erhalten und werde ihn also später zu sehen kriegen. Es muß nach Eurer Beschreibung ein interessanter Mensch seyn. Das Trauerspiel ist nicht unverständig, es läßt einen gewissen Geist im Verfaßer vermuthen, hingegen ist auch nichts neues, eigenthümliches drinne, und mir wenigstens scheint keine dichterische Ader durchzufliesen.Für eure Langmuth alter und neuerer Zeiten danke ich Euch, und für Euer gut Betragen gegen mich. Ich habe in meinem Leben viele tolle Streiche angefangen, sie kosten mich aber auch etwas. Sehr angenehm war mir Euer Brief eben zu dieser Zeit. Ich habe in ruhigen Stunden meinen Werther wieder vorgenommen,und denke, ohne die Hand an das zu legen was so viel Sensation gemacht hat, ihn noch einige Stufen höher zu schrauben. Dabey war unter andern meine Intention Alberten so zu stellen, daß ihn wohl der leidenschaftliche Jüngling, aber doch der Leser nicht verkennt. Dies wird den gewünschten und besten Effekt thun. Ich hoffe Ihr werdet zufrieden seyn.Das Schicksal scheint euch übrigens recht als Günstling zu behandlen. Erst soviel Bubens daß man denken sollte es wäre des Guten genug und das erwünschte Mädchen bis zur rechten Zeit aufgehoben. Gott erhalte sie Euch.Vielleicht fällt mir einmal für Hansen etwas bey.Grüset Lotten, und lebet wohl und behaltet mich lieb.Weimar d. 2ten May 83.G.122.Fragment eines Brief-ConceptsKestners an Goethen.(Von Hannover 1783.)Ich dancke, daß Ihr mir von dem Vorhaben, den Werther umzuarbeiten, Nachricht geben wollen. Ich freue mich aber, lieber bester Freund, nur in so fern darauf, als das Anstössige darin hoffentlich wenigstens gemildert werden kann, und — wenn Ihr einigen Errinnerungen darüber Raum geben wolltet, welches ich doch zu Eurer Freundschaft gegen uns zuversichtlich hoffe, jetzt am mehrsten hoffe, da Euer Jugendliches Feuer sich in 10 Jahren etwas gemildert haben, und der kältern Ueberlegung des Mannes von selbst etwas nachgeben wird.Ich erinnere mich gleich damals, als Ihr uns ein Exemplar davon schicktet, einige Erinnerungen gemacht zu haben, um die völlige Publication noch aufzuhalten, welches aber zu spät war. Da das Buch auch einmal in aller Welt Händen ist; so wird nicht allen, wenigstensnicht ganz abgeholfen werden können. — ich besitze jetzo das Exemplar nicht mehr. Es muß mir entwandt seyn. Von andern mag ich es auch nicht fordern, theils aus den in meinem letzten Briefe bemerkten Gründen, theils um nicht bemercklich zu machen, daß ich von der vorhabenden Umarbeitung gewußt habe. Ich will es mir zwar verschreiben, um es nochmals genau durchzugehen, und meine Erinnerungen darüber bestimmter zu machen. Vorläufig aber etwas, das mir eben gerade einfällt.1)Die Ohrfeigen, welche Lotte austheilt, waren uns beyderseits anstössig. Diese Episode ist weder in der wahren Geschichte gegründet, — es sey denn, daß Ihr solches anders woher genommen — noch dem CharacterderLotte, welche Ihr schildert, genug angemessen. Meine Lotte wenigstens, wäre nie im Stande gewesen, sich so zu benehmen. Ob sie gleich ein lebhaftes, muthwilliges Mädchen war; so blieb sie doch immer ein Mädchen, und behielt bey solcher Lebhaftigkeit und Muthwillen doch immer die weiblicheDelicatesse— ein andres Wort fällt mir nicht gleich ein — bey.2) Der Umstand, daß sie Werthern auf dem Balle gleich zu verstehen gegeben, daß sie schon engagirt sey, war uns auch anstössig. Meine Lotte, wenn die damit gemeynt wäre, hätte solches nicht äussern können; weil wir nie eigentlich versprochen gewesen sind. Wir verstandenuns, wir waren einig, wir waren nicht mehr zu trennen, das ist wahr. Es beruhte aber nur zum Theil auf einer stillschweigenden Uebereinkunft. Wir hätten, menschlichen Gesetzen nach, uns noch immer trennen können. Auf meiner Seite hatte eine gewisse Eigenheit oderCaprice, wenn Ihr wollt, daran Schuld.123.Goethe an Kestner.v. 24. Jun. 1784.Lange hätte ich Euch schon schreiben sollen, denn ich habe Euch noch nicht für die gute Aufnahme meiner Iphigenie gedankt. Besonders war mir sehr lieb daß Ihr ins Detail gegangen seyd und mir gesagt habt was Euch daran gefiel, denn ein allgemeines unbestimmtes Lob hat wenig tröstliches und belehrendes.Das Exemplar habe ich lange wieder erhalten, und auch Euren Brief von Zelle.G.... konnte Euch wenig von mir sagen, ich habe nichts gemeines mit ihm. Es ist ein töriger Mensch der sich zu Grunde richtet.Was Ihr mir von Euren Kindern schreibt höre ich gern, glückseelig der dessen Welt innerhalb des Hauses ist. Erkennts nur auch recht wie glücklich Ihr seyd und wie wenig beneidenswerth glänzendere Zustände sind.Die Grafen Stollberg haben uns besucht, es war eine sehr angenehme Erinnerung voriger Zeiten und eine neue Befestigung der alten Freundschafft.Wann werd ich Euch einmal wiedersehn! Grüset Lotten, und lebt wohl, gesund und vergnügt mit den Eurigen, laßt manchmal von Euch hören und behaltet mich lieb.Eisenach d. 24 Jun 1784.G.Grüset mir Georgen noch besonders, und schreibt balde wieder.124.Goethe an Kestner.v. 11. Jan. 1785.Aus beyliegendem Blatte werdet Ihr mein lieber Kestner sehen, was mich in diesem Augenblicke veranlaßt Euch zu schreiben. Ich bitte mir auf das baldigste Nachrichten von der gedachten Person zu verschaffen. Sie sitzt in Mayland und kann Dienste haben wenn ihre Angaben wahr befunden werden, so daß man ihr auch wegen des übrigen Glauben beymessen kann.Die Capuciner auf dem Gotthart die sich meiner erinnerten haben auf Bitte ihrer Mayländischen Freunde an mich geschrieben, und da ich ihnen als ein berühmter Mann bekannt war; so glaubten sie ich könne nichts anders als ein Professor in Göttingen seyn, und müsste Relationen in Hannover haben. So ist der Brief nach Deutschland gekommen und hat mich endlich hier gefunden.Dieses Jahr war ich nahe bey Euch und konnte nicht hinüber. Wann werden wir uns einmal wiedersehen. Fast Alle meine Freunde haben mich einmal besucht.Grüset Frau und Kinder schreibt mir einmal wieder von Euch. Von mir ist nichts zu sagen wenn man nicht von Angesicht zu Angesicht steht. Lebet wohl! Antwortet bald und behaltet mich lieb.Weimar d. 11 Jan. 1785.G.Die Anlage dieses Briefes und die dabei befindlichen Aktenstücke über Kestners Ausrichtung des empfangenen Auftrages sind hier von keinem Interesse, daher nicht abgedruckt.125.Goethe an Kestner.v. 25. April 1785.Vielen Dank mein lieber Kestner für die doppelte Nachricht. Ich habe den Capuzinern geantwortet und sie mögen nun daraus nehmen was sie können.Daß Ihr und die Eurigen wohl seyd und in einem glücklichen Häuflein zusammen lebt, erfreut mich von Herzen. Erhalte Euch der Himmel dabey.Grüset Lotten und Malgen[32]recht sehr, und den guten Georg. Er soll mir mehr schreiben. Es scheint ein wackrer Knabe zu seyn.Das Mineralien-Cabinetwas unser Bergsecretair Voigt dem Publiko angeboten hat, ist eigentlich nicht für Kinder, sondern für Liebhaber, die sich einen anschaulichen Begriff von den verschiedenen Gebürgsarten machen wollen, von denen ietzt immer soviel gesprochen wird.Wie beyliegendes Büchlein ausweiset. Das Cabinet enthält die in den Briefen beschriebenen Steinarten und ist für iemanden den diese Wissenschaft interessirt und sich unterrichten will, das Geld wohl werth.Wollt Ihr aber für Eure Kinder ein klein Naturaliencabinet haben; so kann ich Euch ein’s zusammen machen lassen, ich habe des Zeugs genug.Adieu. Gedenkt mein.W. d. 25 Apr. 1785.G.126.Goethe an Kestner.v. 1. Sept. 1785.Euer Brief lieber Kestner hat mich vergebens in ienen Gegenden gesucht, ich bin dem Hofe nicht gefolgt, und sas, da Ihr ihn schriebt, ziemlich weit von Euch ab, in Carlsbad.Wie viel Freude wäre es mir gewesen Euch wiederzusehen, Theil an Eurer Freude und Eurem Kummer zu nehmen und die alten Zeiten wieder herbey zu rufen. Der Todt Eures Mädgens schmerzt mich sehr. Ich sehe was in Herders Familie so ein kleines Weibgen unter den vielen Knaben wohlthut. Da Ihr immer fruchttragende Bäume seyd; so müsst Ihr den Verlust zu ersezen suchen. Grüset Lotten herzlich, ich denke sie ist mir noch gut und ich werde so lang ich lebe meine Gesinnungen gegen sie nicht verändern.Adieu. Alles liegt voll um mich von Papieren, deswegen nicht mehr.d. 1. Sept. 85.G.127.Goethe an Kestner.v. 4. Dec. 1785 d. 2. April 86 beantw.Seit dem Empfang Eures Briefes, lieber Kestner, habe ich mich über Euer Schicksal nicht beruhigen können, das Ihr mit so vielem guten Muthe ertragt.[33]Bisher wart Ihr mir eine Art von Ideal eines durch Genügsamkeit und Ordnung Glücklichen und Euer musterhaftes Leben mit Frau und Kindern war mir ein fröhliches und beruhigendes Bild. Welche traurige Betrachtungen lassen mich dagegen die Vorfälle machen die Euch überrascht haben und nur Euer eignes schönes Beyspiel richtet mich auf. Wenn der Mensch sich selbst bleibt, bleibt ihm viel. Seyd meines herzlichen Antheils überzeugt, denn mein mannigfaltiges Weltleben hat mir meine alten Freunde nur noch werther gemacht. Ich danke Euch für den umständlichen Brief und für das sichere Gefühl meiner Theilnehmung. Lebet wohl, grüst Lotten und die Kinder. Das Bad hat gute Würkung hervorgebracht und ich bin recht wohl.W. d. 4 Dez. 85.G.128.Goethe an Kestner.v. 16. Jun. 1786.Euer Doctor Riedel hat mir sehr wohl gefallen, und hat überhaupt hier Beyfall gefunden. Schreibt mir doch etwas näheres über ihn, seine Familie, seinen Character, seine Schicksale und Aussichten, besonders ein näheres von diesen letzten, vielleicht fände sich etwas für ihn in unsrer Gegend, sagt aber weder ihm noch sonst jemand davon.Ich wünschte sobald möglich darüber einige Nachricht, denn ich gehe mit Ende dieses Monats in’s Carlsbad, schreibt aber nur auf alle Fälle hierher. Ich bin wohl und liebe Euch. Wann werden wir uns einmal wieder sehen! Grüßt Lotten und die Eurigen und behaltet mich lieb.Weimar d. 16 Jun. 86.G.129.Goethe an Kestner.v. 21. Jul. 1786.Mit der heutigen Post geht ein Antrag an Dr. Riedel ob er sich unserm Erbprinzen widmen will, nur im allgemeinen, indeß wird sich nach seiner Antwort das Nähere geben. Sagt noch niemand nichts davon. Unsre Herzoginn ist glücklich von einer Prinzess entbunden, die heute getauft wird. Lavater war hier, es freut mich daß er überall guten Eindruck gemacht hat.Den 24sten werde ich endlich in’s Carlsbad abreisen wenn nicht neue Hindernisse sich in den Weeg legen. Lebet wohl grüset Lotten und die Eurigen und behaltet mich lieb.Weimar d. 21. Jul. 86.G.Dies in Antwort Eures Schreibens vom 16. Jul. das ich heute erhalte.130.Goethe an Kestner.Rom d. 19 Febr. 87.Durch Hrn. v. Pape, der nach Teutschland zurückgeht, muß ich Euch ein Wort und einen Grus sagen. Ich bin hierher mehr verschlagen worden als gereist und kann nun nicht genug von dem glücklichen Genuß sagen, den ich hier finde. Wenn sich nur irgend etwas davon mittheilen ließe.Dr. Riedel ist nun bey uns angekommen und Landkammerrath geworden. Ich hätte gewünscht ihm gleich Anfangs nützlich zu seyn. Es wird sich aber denk’ ich schon finden.Lebt wohl, gedenkt an mich, und grüßt Lotten und die Kinder und wer Euch nah ist. Mir ist der Kopf von Sehen und Arbeiten, vom schönen Wetter und den vielen Fastnachtsnarren ganz wüste. Adieu.G.131.Goethe an Kestner.Rom den 24. October 1787.Hr. Rehberg[34]trifft mich noch hier und überbringt mir heute Euren Brief vom 18 May indeß ich schon einen andern von Wetzlar erhalten habe. Meine Mutter schreibt mir auch daß Ihr sie besucht habt und daß ihr Lotte sehr lieb geworden. Ich freue mich daß es Euch unter den Eurigen wohl geht, in Wetzlar muß es ein recht Familienfest gewesen seyn.Ich bleibe noch den nächsten Winter in Italien und fühle mich recht glücklich daß mir dieses möglich ist.Es soll mir lieb seyn wenn Hr. Rehberg zu uns paßt und ich ihm nützlich seyn kann.Meine Werke werden ihre Aufwartung gemacht haben, die übrigen Bände sollen folgen wie sie nachund nach herauskommen.Grüßt mir Lotten aufs herzlichste, auch Amalien. Einer Eurer Kleinen hat sich, wie ich höre, mit meiner Mutter gar gut vertragen.[35]Möge Euch alle dieser Brief gesund und zufrieden antreffen.Goethe132.Goethe’s Mutter an Kestner und Lotte.Frankfurt d. 23tenOctobr. 1788.Lieber Herr Gevatter!Vortreffliche Frau Gevatterin!Kein Kaufmann kan über einen starken Wechsel der ihm presendtirt wird — und der den Grund seiner Casse erschüttert mehr erschrecken — als ich über Dero zweyten Brief. Erlauben Sie mir, daß ich meine Rechtvertigung Ihnen vorlegen darf — und ich erwarte von Ihrer Gerechtigkeit Liebe — meine völlige Loßsprechung. Bey empfang Ihres mir so erfreulichen Schreibens vom 17ten September war ich krank — mein Kopf war mir dumm und Mein Mund voller plassen — meine Zunge wie durchlöchert — welches alles große Schmertzen verursachte und mich zum Schreiben gantz unfähig machte. Noch in dieser fatalen periode kam Schlosser von Carlsruhe mit Weib und Kinder mich, die sie in 6 Jahren nicht gesehen hatten zu besuchen — Logirten in meinem Hauß — Sie meine Theuresten! Können Sich dieUnruhe, das Visitten Leben leicht denken — Ich noch halb krank mußte alles mitbetreiben — da war nicht eine Minute Zeit an etwas zu gedenken — als Besuche — Gastereyen u.s.w. Kaum waren sie fort, so hatten wir die Weinleße — die denn auch Zeit wegnahm — Summa Summarium 10 gantze Wochen lebte ich in einem beständigen Wirr Warr — und mußte meinen Dank vor Dero gütiges Zutrauen freylich wieder meinen Willen aufschieben — Finden Sie diese Gründe nun hinreichend; so laßen Sie mich ein Wort des Friedens hören — Das wird mir Wohlthun, und mein Herz erfreuen. Wie sehr es mich gefreut hat Pattin von Lottens und Ihrer Tochter zu seyn können Sie kaum glauben — Gott erhalte Ihnen dieselbe — zu Ihrer Freude! Nun etwas Herrn Hans Buf betrefend — Wie Ihre liebe Frau hier war — so machte ich Ihr ein Geschenk von den 4 ersten Theilen von Goethens Schriften — einige Zeit hernach schrieben Sie mir — Daß Sie solche von meinem Sohn auch empfangen hätten — ich sollte also sagen (weil Sie keine doppelte Exemplare haben wollten) an Wen Sie solche geben sollten. Ich decitirte vor Herr Hans Buf — da ich Ihm nun den 5ten Theil vor einiger Zeit einhändigte — so sagte Er mir, daß Er die 4 ersten Theile noch nicht hätte — und bate mich Ihnen zu erinnern Ihm solche zuzuschicken. Mein Sohn ist nun wieder aus Italien zurück, undbefindet sich vergnügt und wohl. Die Frau Bethmann hat gestern an Ihnen geschrieben — Sie war auch krank. Leben Sie wohl!Grüßen und küßen vor allen meinen lieben Eduart — von derjenigen die unveränderlich istMeines lieben Herrn Gevatters und Frau Gevatterintreue wahre FreundinElisabetha Goethe.133.Goethe an Kestner.v. 10. Nov. 1788.Es ist wohl nicht artig daß ich so lang in Deutschland bin und noch kein Zeichen des Lebens von mir gegeben habe. Ihr seyd deshalb sehr artig, daß Ihr mir zuvorkommt und mir Nachricht ertheilt wie es Euch und den Eurigen geht. Ich freue mich daß Ihr alle zusammen wohl seyd und Euch noch immer vermehrt.Warum meine Mutter nicht geantwortet hat begreife ich nicht. Es wäre sonderbar wenn durch diesen Zufall die Tochter der Mutter ominösen Nahmen fortführen sollte.In Italien ist mirs sehr wohl gegangen, ich habe ganz nach meinem Sinne gelebt und brav studirt. Ich wollte nur ich hätte das zwanzig Jahre früher haben können! da hätte man die Sachen aber auch nicht so solid genommen.Rehberg hat sich sehr gut zu uns gefunden. Mit ganz neuen Menschen laß ich es gern eine Weile sohingehn. Es hatte sich aber zuletzt recht artig gemacht. Nur Schade daß ich mich trennen mußte.Er schreibt mir oft. Herder ist jetzt in Rom; auch unsre verwittibte Herzogin ist dort vor kurzem angelangt.Riedel ist ein sehr guter Mann und findet sich immer besser. Anfangs hatte er in mehr als einem Betracht einen schweren Stand. Es lößt sich aber alles zu seinem Besten auf. Das Kind ist froh und gesund.Ihr habt mir einmal wegen einer Präsentation beym Cammergerichte geschrieben. Schreibt mir doch ob Euch noch daran gelegen ist und wie man die Sache einfädlen könnte. Ich bin zwar meist ausser politischen Relationen, doch kann ich vielleicht etwas würken. Lebt indeß recht wohl. Grüßt die Eurigen. Wann und wo werden wir uns denn endlich einmal wieder sehen?Weimar d. 10 Nov. 88.Goethe.134.Goethe an Kestner.v. 2. Febr. 1789.Euren Brief habe ich zur rechten Zeit, durch den Umweg erhalten. Ich habe Euren Wünschen die Zeit oft nachgedacht und mich hie und da erkundigt, habe aber nichts gefunden das Euch direckt befriedigen könnte. Doch bin ich auf einen Gedanken gekommen, der vielleicht würckt. Schreibt mir durch welchen Weeg ich mich näher erklären soll. Verzeiht daß ich heut nicht mehr sage. Grüßt die Eurigen und gedenkt mein.W. d. 2 Febr. 89.G.135.Goethe an Kestner.v. 2. Märtz 1790.Euer Brief, lieber Kestner, hat mir viel Freude gemacht, besonders das Zettelchen vom Brocken, welches mir ein rechter Beweiß Eures dauernden Andenkens ist; dafür hab ich auch oft an Euch gedacht, wenn es mir wohl ging.Heute sage ich wenig, das ihr für viel nehmen mögt weil ich gleich schreibe. Es folgt auch der sechste Band meiner Schriften, zu deßen Genuß ich Euch gute Stunden wünsche.Lebet wohl, grüßet Lotten und die Eurigen. Ich bin wieder auf dem Sprunge zu verreisen, wie weit weiß ich selbst nicht.Adieu! behaltet mich lieb.W. d. 2 März 1790.G.

v. 23. Sept. 1774.

Habt ihr das Buch schon; so versteht ihr beygehendes Zettelgen, ich vergas es hinein zu legen im Hurrli in dem ich ietzt lebe. Die Messe tobt und kreischt, meine Freunde sind hier, und Vergangenheit und Zukunft schweben wunderbar in einander.

Was wird aus mir werden. O ihr gemachten Leute, wieviel besser seyd ihr dran.

Ist Meyern wieder da. Ich bitt euch gebt das Buch noch nicht weiter, und behaltet den lebendigen lieb, und ehret den Todten.

Nun werdet ihr die dunkeln Stellen voriger Briefe verstehen.

am 23. Sept. 1774.

Einschluß des Vorigen.

Lotte wie lieb mir das Büchelgen ist magst du im Lesen fühlen, und auch dieses Exemplar ist mir so werth als wär’s das einzige in der Welt. Du sollsts haben Lotte, ich hab es hundertmal geküsst, habs weggeschlossen, dass es niemand berühre. O Lotte! — Und ich bitte dich lass es außer Meyers niemand iezzo sehn, es kommt erst die Leipziger Messe in’s Publikum. Ich wünschte iedes läs’ es allein vor sich, du allein, Kestner allein, und jedes schriebe mir ein Wörtgen.

Lotte Adieu Lotte.

von Kestner an Goethe nach Empfang des Werther.

(Aus Hannover, vom Ende Sept. oder Anfang Oct. 1774.)

Euer Werther würde mir großes Vergnügen machen können, da er mich an manche interessante Scene und Begebenheit erinnern könnte. So aber, wie er da ist, hat er mich, in gewissem Betracht, schlecht erbauet. Ihr wißt, ich rede gern wie es mir ist.

Ihr habt zwar in jede Person etwas Fremdes gewebt, oder mehrere in eine geschmolzen. Das ließ ich schon gelten. Aber wenn Ihr bey dem Verweben und Zusammenschmelzen euer Herz ein wenig mit rathen lassen; so würden die würcklichen Personen, von denen ihr Züge entlehnet, nicht dabey so prostituirt seyn. Ihr wolltet nach der Natur zeichnen, um Wahrheit in das Gemälde zu bringen; und doch habt Ihr so viel widersprechendes zusammengesetzt, daß Ihr gerade Euren Zweck verfehlt habt. Der Herr Autor wird sich hiergegen empören, aber ich halte mich an die Würklichkeit und andie Wahrheit selbst, wenn ich urtheile, daß der Maler gefehlt hat. Der würcklichen Lotte würde es in vielen Stücken leid seyn, wenn sie Eurer da gemalten Lotte gleich wäre. Ich weiß es wohl, daß es eine Composition seyn soll; allein die H....., welche Ihr zum Theil mit hineingewebt habt, war auch zu dem nicht fähig, was Ihr eurer Heldin beymesset. Es bedurfte aber des Aufwandes der Dichtung zu Eurem Zwecke und zur Natur und Wahrheit gar nicht, denn ohne das — eine Frau, eine mehr als gewöhnliche Frau immer entehrende Betragen Eurer Heldin — erschoß sich Jerusalem.

Die würckliche Lotte, deren Freund Ihr doch seyn wollt, ist in Eurem Gemälde, das zu viel von ihr enthält, um nicht auf sie starck zu deuten, ist, sag’ ich — doch nein, ich will es nicht sagen, es schmerzt mich schon zu sehr da ichs denke. Und Lottens Mann, Ihr nanntet ihn Euren Freund, und Gott weiß, daß er es war, ist mit ihr —

Und das elende Geschöpf von einem Albert! Mag es immer ein eignes nicht copirtes Gemählde seyn sollen, so hat es doch von einem Original wieder solche Züge (zwar nur von der Aussenseite, und Gott sey’s gedankt, nur von der Aussenseite) daß man leicht auf den würklichen fallen kann. Und wenn Ihr ihn so haben wolltet, mußtet ihr ihn zu so einem Klotze machen? damit ihr etwa auf ihn stolz hintreten und sagen könntet, seht wasichfür ein Kerl bin!

(Oct. 1774.)

Ich muß euch gleich schreiben meine Lieben, meine Erzürnten, dass mirs vom Herzen komme. Es ist gethan, es ist ausgegeben, verzeiht mir wenn ihr könnt. — Ich will nichts, ich bitte euch, ich will nichts von euch hören, biss der Ausgang bestätigt haben wird dass eure Besorgnisse zu hoch gespannt waren, biss ihr dann auch im Buche selbst das unschuldige Gemisch von Wahrheit und Lüge reiner an eueren Herzen gefühlt haben werdet. Du hast Kestner, ein liebevoller Advokat, alles erschöpft, alles mir weggeschnitten, was ich zu meiner Entschuldigung sagen könnte; aber ich weis nicht, mein Herz hat noch mehr zu sagen, ob sichs gleich nicht ausdrücken kann.

Ich schweige, nur die frohe Ahndung muss ich euch hinhalten, ich mag gern wähnen, und ich hoffe, dass das ewige Schicksaal mir das zugelassen hat, um uns fester an einander zu knüpfen. Ja meine Besten, ich,der ich so durch Lieb an euch gebunden bin, muss noch euch und euern Kindern ein Schuldner werden für die böse Stunden, die euch meine — nennts wie ihr wollt, gemacht hat. Haltet, ich bitt euch, haltet Stand. Und wie ich in deinem letzten Briefe dich ganz erkenne Kestner, dich ganz erkenne Lotte, so bitt ich bleibt! bleibt in der ganzen Sache, es entstehe was wolle. — Gott im Himmel man sagt von dir: du kehrest alles zum besten.

Und, meine lieben wenn euch der Unmuth übermannt, denkt nur denkt, dass der alte euer Goethe, immer neuer und neuer, und jetzt mehr als jemals der eurige ist.

Hannover d. 7. November 1774.

Ihren Brief, Liebster Freund, würde ich nicht verstehen, wenn ich es nicht längst vorausgesehen hätte, daß die Leiden des jungen Werthers den Mißverstand erregen würden, den ich aus Ihrem Briefe inBerlingewahr wurde. Aber warum war nicht mein erster Ausruf: „Ich bin glücklich wie man es in der Welt seyn kann! Ich bin nicht zu bedauren, wenigstens nicht in dem Verstande, wie Sie meynen. Ich traure nicht.“ — Mit einem Worte, es ist alles Irrthum, und es geht mir nahe, daß dieses Sie betrüben müße. Ich will Ihnen, so viel wie möglich das Räthsel auflösen. Hätten Sie meinen Brief, den ich vor ohngefähr einem Jahre von hier schon an Sie nach Berlin geschrieben, erhalten, so hätte es zu dem Irrthum wahrscheinlich nicht kommen können. Er muß aber verloren gegangen seyn. Ich bin schon seit mehr als 1½ Jahren nicht mehr zu Wetzlar, sondern hier als königlicher Archiv-Secretair.Ehe ich aus Wetzlar gereiset, 2 Monat vorher, bin ich mit meinem Lottchen auf ewig verbunden, und es war mir wohl, als ich es war, und bin es noch. Darauf führte ich Lottchen in meinem Herzen im Triumph hierher. Sie ward aufgenommen, wie sie es verdiente. Zu Wetzlar war ich meiner Stelle müde, ich suchte daher zurückberufen zu werden, und erhielt die jetzige Stelle, die zwar noch nicht viel einträgt, die ich aber doch gern annahm, um erst wieder hierher zu kommen. Bald nachher erhielt ich einen Brief über Wetzlar von Ihnen. Ich antwortete bald und schrieb Ihnen meine ganze Geschichte. Ich schickte diesen Brief an den Churbrandenburgischen Legations-Secretair Ganz zu Wetzlar; der ihn aber nicht bestellt haben muß, oder er ist sonst verloren. Nunmehr erwartete ich längst eine Antwort und war immer im Begriff noch einmal zu schreiben, denn Sie sind noch immer mein erster Freund, und ich Ihnen ganz der nämliche, der ich immer war. Zu Wetzlar habe ich nur einen gefunden, den ich Ihnen gleich nachsetze; sein Namen ist schon bekannt genug, er heißt Goethe. Sie können es daraus schliessen, daß er mir mit den Leiden des jungen Werthers, ohne Vorsatz jedoch, und in seiner Autor-Wärme, oderEtourderie, keinen angenehmen Dienst gethan hat; indem mich vieles darin verdrießt, so wie meine Frau auch, und der Erfolg uns doppelt verdrießt: Aber dennoch bin ich geneigt es ihm zuverzeihen; doch soll er es nicht wissen, damit er sich künftig in Acht nimmt. Im Vertrauen will ich Ihnen dieses und die Geschichte des Werthers näher erklären, wovon Sie aber nur einen behutsamen Gebrauch machen sollen; doch aber bitte ich einigen Gebrauch davon zu machen.

Im ersten Theile des Werthers ist Werther Goethe selbst. In Lotte und Albert, hat er von uns, meiner Frau und mir, Züge entlehnt. Viele von den Scenen sind ganz wahr, aber doch zum Theil verändert; andere sind, in unserer Geschichte wenigstens, fremd. Um des zweyten Theils Willen, und um den Tod des Werthers vorzubereiten, hat er im ersten Theile verschiedenes hinzugedichtet, das uns gar nicht zukömmt. Lotte hat z. B. weder mit Goethe, noch mit sonst einem anderen in dem ziemlich genauen Verhältniß gestanden, wie da beschrieben ist; Dieß haben wir ihm allerdings sehr übel zu nehmen, indem verschiedene Nebenumstände zu wahr und zu bekannt sind, als daß man nicht auf uns hätte fallen sollen. Er bereut es jetzt, aber was hilft uns das. Es ist wahr, er hielt viel von meiner Frau; aber darin hätte er sie getreuer schildern sollen, daß sie viel zu klug und zu delicat war, als ihn einmal so weit kommen zu lassen, wie im ersten Theile enthalten. Sie betrug sich so gegen ihn, daß ich sie weit lieber hätte haben müssen, als sonst, wenn dieses möglich gewesen wäre. Unsere Verbindung ist auch nie declarirt gewesen,zwar nicht heimlich gehalten; doch war sie viel zu schamhaft als es irgend jemanden zu gestehen. Es war auch keine andere Verbindung zwischen uns, als die der Herzen. Erst kurz vor meiner Abreise, (als Goethe schon ein Jahr von Wetzlar weg, zu Franckfurt, und der verstellte Werther ½ Jahr todt war) vermählten wir uns. Hier erst, nach Verlauf eines ganzen Jahres, seit unseres Hierseyns, wurden wir Vater und Mutter. Der liebe Junge lebt noch, und macht uns Gottlob viel Freude. Sonst ist in Werthern viel von Goethe’s Character und Denkungsart. Lottens Portrait ist im ganzen das von meiner Frau. Albert hätte ein wenig wärmer seyn mögen.

So viel vom ersten Theile. Der zweyte geht uns gar nichts an. Da ist Werther der junge Jerusalem; Albert der PfälzischeLegations-Secretair, und Lotte des letzteren Frau; was nämlich die Geschichte anbetrifft, denn die Charactere sind diesen drey Leuten größtentheils nur angedichtet. Von Jerusalem wußte aber der Verfasser seine vorherige Geschichte vermuthlich nicht, darum schickte er die im ersten Theile voraus, und setzte verschiedenes hinzu, um den Erfolg des zweyten Theils wahrscheinlich zu machen, und diesem mehreren Anlaß zu geben. Der Albert des zweyten Theils war freilich etwas eifersüchtig, aber stand doch nicht in dem Verhältniß mit seiner Frau, wie da beschrieben ist. SeineFrau ist ein sehr hübsches, sanftes, gutes Geschöpf; aber nicht das Leben in ihr, was ihr da beygelegt wird; sie war auch zu der kleinen Untreue nicht einmal fähig, und auch sie betrug sich viel eingezogener gegen Jerusalem, der sie freylich sehr liebte, aber doch im beleidigten Ehrgeiz, mehr als in der unglücklichen Liebe den Grund zu seinem letzten Entschlusse fand. Er beredete sich aber vielleicht selbst, daß das Letzte die Hauptursache sey, und die letzte Veranlassung ist die Liebe selbst gewiß gewesen. Es ist zwar wieder wahr daß ich ihm die Pistolen dazu hergeliehen. Aber daß er sie dazu mißbrauchen würde, ließ ich mir nicht einmal träumen. Ich kannte ihn nur wenig, und meine Frau noch weniger; denn er entfernte sich die mehrste Zeit von den Menschen. Ich wußte von seinen Grundsätzen nichts; und von seiner Liebes-Geschichte nur, was dasPublicumwußte; das war nicht viel. Er war nur zwey Mal bey mir gewesen, und bey dieser Gelegenheit hatte er vielleicht die Pistolen bey meiner Cammerthür hängen sehen. Er schrieb mir das eingerückte Billet würklich, und aus Höflichkeit schickte ich ihm die Pistolen, ohne Bedenken. Sie waren nicht geladen; ich hatte nie damit geschossen. — Er war ein guter melancholischer Junge; aber das hätte sich niemand von ihm träumen lassen; es hat es mir auch niemand verdacht.

Diese Jerusalemische Geschichte, die ich möglichstgenau erforschte, weil sie merkwürdig war, schrieb ich mit allen Umständen auf, und schickte sie Goethen nach Franckfurt; der hat denn den Gebrauch im zweyten Theil seines Werthers davon gemacht, und nach Gefallen etwas hinzugethan.

Sie sehen also, daß Sie mich ohne Ursache bedauert haben; und ob wir gleich sehr ungern durch das Buch in das Gespräch des Publicums auf solche Art kommen, so freut uns doch, daß es ohne Grund geschieht, und Dank seys dem Höchsten, wir glücklich, zufrieden und vergnügt mit einander gelebt haben und noch leben. Ein geheimer Schrecken überfällt mich manchmal, wenn ich denke, diese Welt, und in so glücklicher Ehe! Darum ertrage ich gern, wenn ich es mir übrigens ein wenig sauer werden lassen muß, da mein Vater inzwischen verstorben ist, meine Einnahme nicht groß, der Aufenthalt hier kostbar ist. Ich nehme dieß gern als ein kleines Gegengewicht unseres Glückes an, zumal da es mir noch an nichts gefehlt hat, und noch nicht fehlet, auch meinePraxisimmer etwas zunimmt, und die Aussicht zu besseren Umständen da ist.

Als Goethe sein Buch schon hatte drucken lassen, schickte er uns ein Exemplar, und meinte Wunder was er für eine That gethan hatte. Wir aber sahen es gleich voraus, wie der Erfolg seyn würde, und Ihr Brief bestätigt eine Art unserer Prophezeihung. Ich schrieb ihmund zankte sehr. Nun sah er erst ein was er gethan hatte; das Buch war aber schon an die Buchführer gelangt, und er hoffte noch, daß wir uns geirrt haben sollten.

Ehe ich weiter schreibe, bitte ich Sie inständigst diesen Brief gleich zu verbrennen; wenn er verloren gienge, so bekämen wir eine neue Auflage mit Anmerkungen. Ich habe mir vorgenommen, mich künftig zu hüten, daß ich keinem Autor etwas schreibe, was nicht die ganze Welt lesen darf.

Nun aber ersuche ich Sie, bey Mendelsohn und sonst zu äussern, daß Sie gewiß wüßten, daß in dem Buche die Jerusalemische Geschichte hauptsächlich zum Grunde liege. (Dieß ist wahr, und dem Todten gleichgültig.) Allenfalls können Sie hinzusetzen, daß die Charactere zum Theil wahr wären, aber nicht in der Maaße, daß der tragische Erfolg daraus fliessen könne. Wenn uns jemand kennt, so suchen Sie das Nachtheilige, das im Buche von uns liegt, von uns abzuwenden. Meiner Frau Bild ist in dem, was an Lotten liebenswürdig und untadelhaft ist, getreu. Schliessen Sie daraus, wie natürlich es zugegangen, daß ich sie lieben mußte, da ich sie in ihrer unerfahrenen Jugend kennen lernte. Wenn ich von ihr hätte lassen müssen; so stehe ich nicht dafür, ob ich nicht Werther geworden wäre. Darin erkenne ich mich in Albert nicht.

Sagen Sie aber, was soll ich bey der Geschichte anders thun, als sie übersehen. Zu redressiren ist sie nicht. Goethe hat’s gewiß nicht übel gemeint; er schätzte meine Frau und mich dazu zu hoch. Seine Briefe und seine andern Handlungen beweisen es. Er betrug sich auch viel größer, als er sich im Werther zum Theil geschildert hat. Uebrigens kann uns die Geschichte bey denen, die uns nur halb kennen, nicht schaden. Der Augenschein ist zu sichtbarfüruns, da unser gutes Verständniß unter einander bekannt ist.

v. 21. Nov. 1774.

Da hab ich deinen Brief, Kestner! An einem fremden Pult, in eines Malers Stube, denn gestern fing ich an in Oel zu malen, habe deinen Brief und muss dir zurufen Dank! Dank lieber! Du bist immer der Gute! — O könnt ich dir an Hals springen, mich zu Lottens Füssen werfen, Eine, Eine Minute, und all, all das sollte getilgt, erklärt seyn was ich mit Büchern Papier nicht aufschliessen könnte! — O ihr Ungläubigen würd ich ausrufen! Ihr Kleingläubigen! — Könntet ihr den tausendsten Theil fühlen, was Werther tausend Herzen ist, ihr würdet die Unkosten nicht berechnen, die ihr dazu hergebt! Da lies ein Blättgen, und sende mirs heilig wieder, wie du hier drinnen hast. — Du schickst mir Hennings Brief, er klagt mich nicht an, er entschuldigt mich. Bruder lieber Kestner! wollt ihr warten so wird euch geholfen. Ich wollt um meines eignen Lebens Gefahr willen Werthern nicht zurückrufen,und glaub mir, glaub an mich, deine Besorgnisse, deineGravamina, schwinden wie Gespenster der Nacht wenn du Geduld hast, und dann — binnen hier und einem Jahr versprech ich euch auf dielieblichste,einzigste,innigsteWeise alles was noch übrig seyn mögte von Verdacht, Missdeutung &c. im schwäzzenden Publikum, obgleich das eine Heerd Schwein ist, auszulöschen, wie ein reiner Nordwind, Nebel und Dufft. — Werther muss — muss seyn! — Ihr fühltihnnicht, ihr fühlt nurmichundeuch, und was ihrangeklebtheisst — und trutz euch — und andern —eingewobenist — Wenn ich noch lebe, so bist dus dem ichs danke — bist also nicht Albert — Und also —

Gib Lotten eine Hand ganz warm von mir, und sag ihr: Ihren Nahmen von tausend heiligen Lippen mit Ehrfurcht ausgesprochen zu wissen, sey doch ein Aequivalent gegen Besorgnisse, die einem kaum ohne alles andere im gemeinen Leben, da man jeder Baase ausgesetzt ist, lange verdriesen würden.

Wenn ihr brav seyd und nicht an mir nagt, so schick ich euch Briefe, Laute, Seufzer nach Werthern, und wenn ihr Glauben habt, so glaubt dass alles wohl seyn wird, und Geschwäz nichts ist, und beherzige deines Philosophen Brief — den ich geküsst habe —

— O du! — hast nicht gefühlt wie der Mensch dich umfasst, dich tröstet — und in deinem, in LottensWerth Trost genug findet, gegen das Elend das schon euch in der Dichtung schröckt. Lotte, leb wohl — Kestner du — habt mich lieb — und nagt mich nicht —

G.

Das Billet keinem Menschen gezeigt! unter euch beyden! Sonst niemand sehe das! Adieu ihr lieben! Küsse mir Kestner deine Frau und meine Pathen

Und mein Versprechen bedenkt.Ichallein kannerfinden, was euch völlig ausser aller Rede setzt, ausser dem windgen Argwohn. Ich habs in meiner Gewalt, noch ists zu früh! Grüss deinen Hennings ganz herzlich vonmir

Ein Mädchen sagt mir gestern, ich glaubte nicht dassLotteso ein schöner Name wäre! er klingt so ganz eigen in dem Werther

Eine andre schrieb neulich: Ich bitte euch um Gotteswillen, heisst mich nicht mehr Lotte! — Lottgen, oder Lolo — wie ihr wollt — Nur nicht Lotte bis ich des Nahmens werther werde denn ichs bin.

O Zauberkrafft der Lieb und Freundschafft.

O Zauberkrafft der Lieb und Freundschafft.

O Zauberkrafft der Lieb und Freundschafft.

O Zauberkrafft der Lieb und Freundschafft.

Zimmermanns Billet nächstens. Es ist kalt, ich kanns nicht droben suchen. Heut gehts aufs Eis, ihr lieben Ade

d. 21 Nov. 1774.

Hannover den 30ten November 1774.

(geschlossen den 24 Jan. 1775)

..... Ihren vorigen Brief, nicht den letzten, habe ich Goethen mitgetheilt, um ihn zu überzeugen, wie das Buch angesehen werden könne, um ihn wenigstens in künftigen Fällen behutsamer zu machen. Er schreibt ich soll Sie herzlich grüßen. Er hat Ihren Brief geküßt. Ich soll den Brief meines Philosophen nur recht beherzigen &c. Sie kennen ihn schon aus seinen Schriften. Er macht sich aus der ganzen Welt nichts, darum kann er sich in die Stelle derer, die so nicht seyn können, noch dürfen, nicht setzen. „O du! hast nicht gefühlt wie der Mensch dich umfaßt, dich tröstet — und in deinem und Lottens Werth Trost genug findet gegen das Elend das Euch schon in der Dichtung schreckt &c.“ — sind seine Worte.

Die Urtheile von seinem Buche sind verschieden,und einige, so daß sie ihn wegen manchem Tadel hinlänglich entschädigen. Gerade dem Ihrigen Urtheile entgegen, sagte einer, — Nun würde kein Unheiliger sich leichtsinnig erschiessen.

Sie glauben nicht was es für ein Mensch ist. Aber wenn sein großes Feuer ein wenig ausgetobet hat; so werden wir noch Freude an ihm erleben.

d. 24. Januar 75.

Diesen Brief ward ich behindert fortzusetzen. Hernach dachte ich, er träfe Sie nicht mehr an. Nun da Sie zu Altona seyn werden, soll mich nichts mehr hindern. Ich danke Ihnen für den lieben Brief. Sie trösten mich wegen Werthers Leiden. Im Grunde haben Sie Recht, und es hat mir imPublico, so viel ich weiß, hier keinen Schaden gethan. Aber es thut mir doch wehe, daß ich das Buch nicht mit der Theilnehmung, wie ich bey andern sehe, lesen und wiederholt lesen kann. Immer stößt mir eine Stelle auf, die mir auch in der Dichtung empfindlich ist. Nun ist noch ein ungebetener Ausleger hinzugekommen, in der sogenannten Berichtigung &c. Es ist wohl kein boshafter Ausleger, und manches dient zur Verhinderung irriger Vorstellung. Aber was soll es? Muß denn das Publikum alles so haarklein wissen. Man sollte wunder glauben, was dasPublicumfür ein ehrwürdiges Ding wäre, dem mania von Allem recht genauen Bericht abstatten müßte. Ich kenne den Verfasser nicht. Er muß aber genaue Nachricht haben; wiewohl er sich in einigen Stücken irrt. Ich bin mit Lottchen nicht vorher versprochen gewesen. Und was er damit sagen will: „ich bekümmerte mich um den Weltlauf nicht,“ verstehe ich nicht. Ich lebte zu Wetzlar imPublico, und auch hier thue ich es. Der Weltlauf interessirt mich in seiner Maasse allerdings, und er ist sogar mein Studium. Wenn man Einen öffentlich schildern will, so sollte man ihn doch kennen. Ein guter Freund schrieb mir letzthin: »Sauf le respect pour votre ami, mais il est dangereux d’avoir un auteur pour ami.« Er hat wohl recht.

Wenn Sie in Ruhe sind, so schreiben Sie mir etwas umständlicher von sich selbst. Es interessirt mich alles, was Sie angeht. O wenn ich Sie doch wieder sehen könnte! Glauben Sie nur, Sie sind mir noch immer das, was Sie vor vielen Jahren waren. Es freut mich, wenn ich mich untersuche, daß ich meine Empfindungen so unverändert finde, durch die Reihe von Jahren, durch ein reiferes Alter, durch so mancherley Scenen und Begebenheiten, ganz unverändert. Nur thut mir oft wehe, daß meine Geschäfte hindern, öfter dem Hang meines Herzens nachzuhängen. Die Unvollkommenheit dieser Welt empfinde ich nur dann zu stark, wenn ich abbrechen muß, wie jetzt. Leben Sie wohl.Vor allen Dingen leben Sie vergnügt und zufrieden. Behalten Sie uns lieb. Mein Lottchen grüßt Sie herzlich. Ihren Freund grüßen Sie auch; und wenn Sie ihren Bruder sehen werden, auch den.

K.

v. 9. Jan. 1775.

Hier, lieber Hans, ein Brief an Lotten. Von den Damens nehm Er das Geld, von jeder 4½ fl. und schicke er mirs mit Gelegenheit.

Seine Briefe haben mich über Freud und Leid herzlich lachen gemacht. Fahr er fort mich lieb zu haben, und grüss er alles.

d. 9 Januar 1775.

G.

v. 19. Jun. 1775.

Tief in der Schweiz am Orte wo Tell seinem Knaben den Apfel vom Kopf schoss, warum iust von da ein paar Worte an Sie da ich so lang schwieg?

Gut Liebe Lotte, einen Blick auf Sie und Ihre Kleinen, und das liebe Männchen, aus all der herrlichen Natur heraus, mitten unter dem edlen Geschlecht das seiner Väter nicht ganz unwerth seyn darf, obs gleich auch Menschen sind hüben und drüben.

Ich kann nichts erzählen, nichts beschreiben. Vielleicht erzähl ich mehr wenn mirs abwesend ist, wie mirs wohl eh mit lieben Sachen gegangen ist.

Nicht wahr Sie haben mich noch ein bischen lieb und so halten Sie’s und küssen Ihren Mann auch von mir und Ihre Kleinen. Adieu. grüssen Sie Meyers recht viel. Altdorf drey stunden vom Gotthard den ich morgen besteige.

d. 19. Jun. 1775.

v. 6. Jan. 1776.

Ich habe eine grose Sünde auf dem Herzen, bester Kestner, — Ihren lieben Brief so lang unbeantwortet zu lassen, das ist abscheulich — Ich wäre mit nichts zu entschuldigen wenn ich nicht seit zwey Jahr keinem Menschen in der Welt geschrieben hätte — so lang währt meine Krankheit und eine Art von Melancolie, die eine natürliche Folge davon ist — Ihre liebe aktive Lotte wird sich hierüber nicht wundern, weil sie sich leicht vorstellen kann, was das heisst als Frau und Mutter zwey Jahre lang im Bette zu liegen, ohne im Stand zu seyn sich selbst nur einen Strumpf anzuziehen —

Zimmermann kam als mein guter Genius mich an Leib und Seele zu erretten, er gab mir Hofnung und munterte mich so auf, dass ich seitdem wenig ganze trübe Stunden mehr habe — es ist auch wirklich durch seine vortreffliche Vorschriften so weit mit meiner Cörperlichen Besserung gekommen, dass ich große Linderung spüre —Es fehlt mir hier hauptsächlich an einer Freundinn die mich aufzumuntern wüsste, und die meine Gedanken von dem elenden kränklichen Cörper weg, auf andere Gegenstände zöge — Es ist sehr schlimm dass ich mich selbst mit nichts beschäfftigen kann, weder mit Handarbeit, noch mit lesen, noch mit Clavierspielen — auch das Schreiben fällt mir beschwerlich wie Sie sehen —

Mein Mädgen würde mir sehr viel Freude machen wenn ich mich mit ihm abgeben könnte, aber so muss ichs ganz fremden Leuten überlassen, welches nicht wenig zum Druck meines Gemüths beyträgt — Es ist sehr lustig und will den ganzen Tag tanzen, desswegen es auch bey jedem lieber als bey mir ist — laufen kanns noch nicht allein, es happelt aber entsetzlich wenn manns führt — Schreiben Sie mir doch ja viel und recht umständlich von Ihren Kleinen, denn wie ich höre so sind Sie so glücklich zwey zu haben — ich mögt gern wissen wie sie aussehn, ob sie der Lotte gleichen, ob sie blaue oder schwarze Augen haben, ob sie lustig oder still sind u.s.w.

Verzeihen Sie mir ja die vielen Fragen, ich würde sie nicht gethan haben wenn ich nicht versichert wäre, dass Sie sie gern beantworteten — Leben Sie wohl. Ihre liebe Lotte küsse ich hundertmal.

d. 6. Jen. 76.

S. Schlosser.

Franckfurt d. 2tenFebruar 1776.

Mein lieber Herr Buff! Die Mutter von Ihrem Freund, dem Doctor Goethe, hätte eine Bitte an Sie. Ich weiß, daß Sie meinen Sohn lieb haben. Um desto getroster darf ich Ihnen einen Auftrag geben, da Sie des Sohnes wegen, der Mutter gewiß einen Gefallen thun. Den 9tenNovember vorigen Jahres, schickte ich an Hr. Cammerrichter ein Päckchen mit 44 fl. 10 kr. Dagegen bekam wie gewöhnlich einen Postschein, der ein ¼ Jahr gültig ist; den 9tenFebruar wäre also die Zeit vorbey, inzwischen habe von Hrn. Cammerrichter nicht die geringste Nachricht, ob das Geld glücklich angekommen ist. Nun ist die Frage, ob Sie mir wollen den Gefallen thun und sich bey seiner Excellenz Haushofmeister, oder wen Sie sonst von seinem Hofstaat kennen, erkundigen wollen, ob das Geld richtig überliefert worden seye, denn im entgegenstehenden Falle habe noch 8 Tage Zeit mich beym Postamt zu melden. Haben Sie dieGüte mir vor Ablauf der 8 Tage zu antworten, damit ich weiß, woran ich bin.

Sie werden sich ohne Zweifel wundern, warum der Doctor nicht selber schreibt. Aber der ist nicht hier, schon ein ¼ Jahr ist er in Weimar beym Herzog, und Gott weiß wenn er wieder kömmt. Aber freuen thut er sich gewiß, wenn ich ihm schreibe, daß ich an seinen lieben alten Bekannten und guten Freund geschrieben habe, denn wie viel er immer von Ihnen und Ihrem ganzen Haus erzählt hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Für seinen vergnügtesten Zeitpunkt hat er es immer gehalten. Ihr lieber Herr Vater, Brüder und Schwestern, besonders Herr und Frau Kestner sind doch, hoffe ich, alle wohl? Grüssen Sie alles von mir, und seyd versichert, daß ich jederzeit seye

Ihre Freundin Goethe.

Wenn Sie die Güte haben an mich zu schreiben, so ist meine Adresse An Frau Rath Goethe, auf dem grossen Hofgraben.

v. 9. Jul. 1776 aus Weimar.

Liebe Kinder. Ich hab so vielerley von Stund zu Stund das mich herumwirft, ehmahls warens meine eigne Gefühle, iezt sind neben denen, noch die Verworrenheiten andrer Menschen die ich tragen und zurecht legen muss. So viel nur: ich bleibe hier, und kann da wo ich, und wie ich bin meines Lebens geniessen, und einem der edelsten Menschen, in mancherley Zuständen förderlich und dienstlich seyn. Der Herzog mit dem ich nun schon an die 9 Monate in der wahrsten und innigsten Seelen Verbindung stehe, hat mich endlich auch an seine Geschäffte gebunden, aus unsrer Liebschafft ist eine Ehe entstanden, die Gott seegne.

Er hat mir Siz und Stimme in seinem Geheimen Rath, und den Titel als Geheimer Legationsrath geben, und wir hoffen das beste.

Viel gute liebe Menschen giebts noch hier mitderen Allgemeiner Zufriedenheit ich da bleibe, ob ich gleich manchem nicht so recht anstehe. Addio behaltet mich lieb. d. 9. Jul. 76 Weimar

Schreibt mir was von euern Kindern. Matthäi hat mir einen Brief bracht.

G.

Wartburg d. 28. Sept. 77.

Lieber Kestner, nicht dass ich euch vergessen habe, sondern dass ich im Zustande des Schweigens bin gegen alle Welt, den die alten Weisen schon angerathen haben und in dem ich mich höchst wohl befinde, indess sich viele Leute mit Mährchen von mir unterhalten, wie sie sich ehemals von meinen Mährchen unterhielten. Wenn ihr’s könntet auf euch gewinnen, und mir mehr schriebt, oder nur manchmal, ohne Antwort, glaubt dass mirs ewig werth ist, denn ich seh euch leben und glücklich seyn. — Einen Rath verlangt ihr! Aus der Ferne ist schweer rathen! Aber der sicherste, treuste, erprobteste, ist:bleibt wo ihr seyd. Tragt diese oder iene Unbequemlichkeit, Verdruss, Hintansezzung u.s.w. weil ihrs nicht besser finden werdet wenn ihr den Ort verändert. Bleibt fest und treu auf eurem Plazze. Fest und treu auf Einem Zweck, ihr seyd ia der Mann dazu, und ihr werdetvordringendurchsbleiben, weil alles andrehinter euchweicht. Wer seinen Zustand verändert verliert immer dieReise-undEinrichte-kosten, moralisch und ökonomisch, und sezzt sich zurück. Das sag ich dir als Weltmensch, der nach und nach mancherley lernt wie’s zugeht. Schreib mir aber mehr von dir, vielleicht sag ich dir was bestimmt besseres.

Grüsse Lotten, und Gott erhalt euch und die Kleinen.

Ich wohne auf Luthers Pathmos, und finde mich da so wohl als er. Uebrigens bin ich der glücklichste von allen die ich kenne. Das wird dir auch genug seyn.

Addio. Grüsse Sophien.[28]

G.

v. 23. Jan. 1778.

Danke recht sehr für das überschickte, und bitt euch besonders um die Abänderungen und Verbesserungen, weil mir daran am meisten gelegen ist. Was es kostet will ich gern ersezzen, es sey was es wolle.

Viel Glück zur Vermehrung und Entblatterung der Familie. Es wird doch artig seyn, wenn ich euch einmal besuche und ihr mir mit einem Halbduzzend solcher Figürchen aufwarten könnt.

Grüse Lotten, und wenn ich auch im Styl mit unter Geh. Rätisch werde, so bleibt doch leider das übrige ziemlich im alten. Grüse Sophien.

Adieu. d. 23. Jan. 78.

G.

Apropos ist denn Lotte immer noch so schnippisch? Schickt mir doch einmal Eure Silhouetten, und Sophies und der Kinder.

Pfingstsonntag 1780.

Es ist recht schön dass wir einander wieder einmal begegnen. Vor einigen Tagen dacht ich an euch und wollte fragen wie es stünde. Schon lange habe ich Plan gemacht euch zu besuchen vielleicht gelingt mir’s einmal und ich find euch und eure 5 Buben wohl und vergnügt. Es wär artig wenn ihr mir einmal einen Familienbrief schicktet wo Lotte und wer von den Kindern schreiben kann auch einige Zeilen drein schrieben dass man sich wieder näher rückte. Ich schick euch auch wohl einmal wieder was, denn ich habe schon mehr Lufft an meine Freunde zu denken ob sich gleich die Arbeit vermehrt.

Ausser meiner Geheimeraths Stelle, hab ich noch die Direcktion des Kriegsdepartements und des Wegebaus mit denen dazu bestimmten Kassen. Ordnung, Präzision, Geschwindigkeit sind Eigenschaften von denen ich täglich etwas zu erwerben suche.

Uebrigens steh ich sehr gut mit den Menschen hier, gewinne täglich mehr Liebe und Zutrauen, und es wird nur von mir abhängen zu nuzzen und glücklich zu seyn. Ich wohne vor der Stadt in einem sehr schönen Thale wo der Frühling jetzt sein Meisterstück macht. Auf unsrer lezten Schweizerreise ist alles nach Wunsch gegangen und wir sind mit vielem Guten beladen zurückgekommen.

Für Henningsens Deducktion dank ich. Das Gedicht kenn ich nicht und die ganze Sache zeugt von nicht sehr klaren Begriffen. Adieu Grüsse Frau und Kinder und behaltet mich lieb. Pfingstsonntag 1780.

Goethe.

Dass dir Oberon so wohl gefällt konnt ich denken, es ist ein ganz trefflich Gedicht. Wenn ein Deutscher Dichter ist so ist ers. Meine Schriftstellerey subordinirt sich dem Leben, doch erlaub ich mir, nach dem Beyspiel des grosen Königs der täglich einige Stunden auf die Flöte wandte, auch manchmal eine Uebung in dem Talente das mir eigen ist. Geschrieben liegt noch viel, fast noch einmal so viel als gedruckt, Plane hab ich auch genug, zur Ausführung aber fehlt mir Sammlung und lange Weile. Verschiedenes hab ich für’s hiesige Liebhaber Theater, freylich meist Conventionsmäsig ausgemünzt. Adieu.

v. 30. May 1781.acc.22. Jun. 81.

Wieder ein gutes Wort von Euch zu hören mein lieber Kestner war mir ein angenehm Begegnen unter den schönen Schatten meiner Bäume, unter denen ich Freud und Leid still zu tragen gewohnt bin.

Grüst mir Lotten mit ihren vielen Buben, es mögte wohl hübsch seyn wenn ich euch besuchen könnte.

Jetzt werd ich täglich mehr leibeigen, und gehöre mehr der Erde zu der wir wiederzukehren bestimmt sind. Die Aufzählung eurer Thaten, in euren kleinen Selbstgens, hat mir recht wohl gethan, ich hab euch dagegen nichts zu geben, denn ich bin ein einsamer Mensch. Brandes[29]war nur wenige Zeit bey mir.

Hierbey schick ich Lotten ein klein Nachspiel; sie solls nur nicht aus Händen geben dass es nicht gedruckt wird. Adieu, wie vor Alters. W. d. 30 May 81.

Goethe

v. 15. Märtz 1783.acc.22.Mart.83.

Wollte ich gleiches mit gleichem vergelten; so bliebe Euer Brief auch über das Jahr liegen, ich will aber der alten Freundschaft besser opfern, und hier ist also mein Dank für das überschickte.

Das heist doch noch eine Parthie Köpfe! Misgönnt mir meine Bäume nicht, Euer Buben sind um ein gut Theil besser. Grüßt Lotten. Euer und der Eurigen Wohlfahrt erfreut mich herzlich.

Wir haben einen gesunden Erbprinzen, und sind darüber in neues Leben und Freude versetzt. Ihr werdet das mitfühlen.

Hier meine Iphigenie. Ich bitte sie bald zurück. Wollt Ihr sie noch einigen guten Freunden zeigen; so bewahrt mir sie nur vor den Augen angehender Autoren. Es ist zwar so viel nicht dran gelegen, doch ists verdrüslich, wie mir schon oft geschehn ist, sich stückweise ins Publikum gezerrt zu sehn.

Laßt euch den Ton meines letzten Briefs nicht anfechten.[30]Ich wäre der undankbarste Mensch wenn ich nicht bekennte daß meine Lage weit glücklicher ist als ich es verdiene. Freylich schont mich auch wieder die Hitze und Mühe des Lebens nicht, und da kann’s denn wohl geschehen daß man zu Zeiten müde und matt, auch wohl einmal mismuthig wird.

Lebt wohl, und gedenkt meiner unter den Eurigen.

Weimar d. 15 März 1783.

Goethe

v. 2. May 1783.

Ich habe mein guter Kestner, den Brief den mir euer iunger Mann[31]bringen sollte durch die Post erhalten und werde ihn also später zu sehen kriegen. Es muß nach Eurer Beschreibung ein interessanter Mensch seyn. Das Trauerspiel ist nicht unverständig, es läßt einen gewissen Geist im Verfaßer vermuthen, hingegen ist auch nichts neues, eigenthümliches drinne, und mir wenigstens scheint keine dichterische Ader durchzufliesen.

Für eure Langmuth alter und neuerer Zeiten danke ich Euch, und für Euer gut Betragen gegen mich. Ich habe in meinem Leben viele tolle Streiche angefangen, sie kosten mich aber auch etwas. Sehr angenehm war mir Euer Brief eben zu dieser Zeit. Ich habe in ruhigen Stunden meinen Werther wieder vorgenommen,und denke, ohne die Hand an das zu legen was so viel Sensation gemacht hat, ihn noch einige Stufen höher zu schrauben. Dabey war unter andern meine Intention Alberten so zu stellen, daß ihn wohl der leidenschaftliche Jüngling, aber doch der Leser nicht verkennt. Dies wird den gewünschten und besten Effekt thun. Ich hoffe Ihr werdet zufrieden seyn.

Das Schicksal scheint euch übrigens recht als Günstling zu behandlen. Erst soviel Bubens daß man denken sollte es wäre des Guten genug und das erwünschte Mädchen bis zur rechten Zeit aufgehoben. Gott erhalte sie Euch.

Vielleicht fällt mir einmal für Hansen etwas bey.

Grüset Lotten, und lebet wohl und behaltet mich lieb.

Weimar d. 2ten May 83.

G.

Kestners an Goethen.

(Von Hannover 1783.)

Ich dancke, daß Ihr mir von dem Vorhaben, den Werther umzuarbeiten, Nachricht geben wollen. Ich freue mich aber, lieber bester Freund, nur in so fern darauf, als das Anstössige darin hoffentlich wenigstens gemildert werden kann, und — wenn Ihr einigen Errinnerungen darüber Raum geben wolltet, welches ich doch zu Eurer Freundschaft gegen uns zuversichtlich hoffe, jetzt am mehrsten hoffe, da Euer Jugendliches Feuer sich in 10 Jahren etwas gemildert haben, und der kältern Ueberlegung des Mannes von selbst etwas nachgeben wird.

Ich erinnere mich gleich damals, als Ihr uns ein Exemplar davon schicktet, einige Erinnerungen gemacht zu haben, um die völlige Publication noch aufzuhalten, welches aber zu spät war. Da das Buch auch einmal in aller Welt Händen ist; so wird nicht allen, wenigstensnicht ganz abgeholfen werden können. — ich besitze jetzo das Exemplar nicht mehr. Es muß mir entwandt seyn. Von andern mag ich es auch nicht fordern, theils aus den in meinem letzten Briefe bemerkten Gründen, theils um nicht bemercklich zu machen, daß ich von der vorhabenden Umarbeitung gewußt habe. Ich will es mir zwar verschreiben, um es nochmals genau durchzugehen, und meine Erinnerungen darüber bestimmter zu machen. Vorläufig aber etwas, das mir eben gerade einfällt.

1)Die Ohrfeigen, welche Lotte austheilt, waren uns beyderseits anstössig. Diese Episode ist weder in der wahren Geschichte gegründet, — es sey denn, daß Ihr solches anders woher genommen — noch dem CharacterderLotte, welche Ihr schildert, genug angemessen. Meine Lotte wenigstens, wäre nie im Stande gewesen, sich so zu benehmen. Ob sie gleich ein lebhaftes, muthwilliges Mädchen war; so blieb sie doch immer ein Mädchen, und behielt bey solcher Lebhaftigkeit und Muthwillen doch immer die weiblicheDelicatesse— ein andres Wort fällt mir nicht gleich ein — bey.

2) Der Umstand, daß sie Werthern auf dem Balle gleich zu verstehen gegeben, daß sie schon engagirt sey, war uns auch anstössig. Meine Lotte, wenn die damit gemeynt wäre, hätte solches nicht äussern können; weil wir nie eigentlich versprochen gewesen sind. Wir verstandenuns, wir waren einig, wir waren nicht mehr zu trennen, das ist wahr. Es beruhte aber nur zum Theil auf einer stillschweigenden Uebereinkunft. Wir hätten, menschlichen Gesetzen nach, uns noch immer trennen können. Auf meiner Seite hatte eine gewisse Eigenheit oderCaprice, wenn Ihr wollt, daran Schuld.

v. 24. Jun. 1784.

Lange hätte ich Euch schon schreiben sollen, denn ich habe Euch noch nicht für die gute Aufnahme meiner Iphigenie gedankt. Besonders war mir sehr lieb daß Ihr ins Detail gegangen seyd und mir gesagt habt was Euch daran gefiel, denn ein allgemeines unbestimmtes Lob hat wenig tröstliches und belehrendes.

Das Exemplar habe ich lange wieder erhalten, und auch Euren Brief von Zelle.

G.... konnte Euch wenig von mir sagen, ich habe nichts gemeines mit ihm. Es ist ein töriger Mensch der sich zu Grunde richtet.

Was Ihr mir von Euren Kindern schreibt höre ich gern, glückseelig der dessen Welt innerhalb des Hauses ist. Erkennts nur auch recht wie glücklich Ihr seyd und wie wenig beneidenswerth glänzendere Zustände sind.

Die Grafen Stollberg haben uns besucht, es war eine sehr angenehme Erinnerung voriger Zeiten und eine neue Befestigung der alten Freundschafft.

Wann werd ich Euch einmal wiedersehn! Grüset Lotten, und lebt wohl, gesund und vergnügt mit den Eurigen, laßt manchmal von Euch hören und behaltet mich lieb.

Eisenach d. 24 Jun 1784.

G.

Grüset mir Georgen noch besonders, und schreibt balde wieder.

v. 11. Jan. 1785.

Aus beyliegendem Blatte werdet Ihr mein lieber Kestner sehen, was mich in diesem Augenblicke veranlaßt Euch zu schreiben. Ich bitte mir auf das baldigste Nachrichten von der gedachten Person zu verschaffen. Sie sitzt in Mayland und kann Dienste haben wenn ihre Angaben wahr befunden werden, so daß man ihr auch wegen des übrigen Glauben beymessen kann.

Die Capuciner auf dem Gotthart die sich meiner erinnerten haben auf Bitte ihrer Mayländischen Freunde an mich geschrieben, und da ich ihnen als ein berühmter Mann bekannt war; so glaubten sie ich könne nichts anders als ein Professor in Göttingen seyn, und müsste Relationen in Hannover haben. So ist der Brief nach Deutschland gekommen und hat mich endlich hier gefunden.

Dieses Jahr war ich nahe bey Euch und konnte nicht hinüber. Wann werden wir uns einmal wiedersehen. Fast Alle meine Freunde haben mich einmal besucht.

Grüset Frau und Kinder schreibt mir einmal wieder von Euch. Von mir ist nichts zu sagen wenn man nicht von Angesicht zu Angesicht steht. Lebet wohl! Antwortet bald und behaltet mich lieb.

Weimar d. 11 Jan. 1785.

G.

Die Anlage dieses Briefes und die dabei befindlichen Aktenstücke über Kestners Ausrichtung des empfangenen Auftrages sind hier von keinem Interesse, daher nicht abgedruckt.

v. 25. April 1785.

Vielen Dank mein lieber Kestner für die doppelte Nachricht. Ich habe den Capuzinern geantwortet und sie mögen nun daraus nehmen was sie können.

Daß Ihr und die Eurigen wohl seyd und in einem glücklichen Häuflein zusammen lebt, erfreut mich von Herzen. Erhalte Euch der Himmel dabey.

Grüset Lotten und Malgen[32]recht sehr, und den guten Georg. Er soll mir mehr schreiben. Es scheint ein wackrer Knabe zu seyn.

Das Mineralien-Cabinetwas unser Bergsecretair Voigt dem Publiko angeboten hat, ist eigentlich nicht für Kinder, sondern für Liebhaber, die sich einen anschaulichen Begriff von den verschiedenen Gebürgsarten machen wollen, von denen ietzt immer soviel gesprochen wird.

Wie beyliegendes Büchlein ausweiset. Das Cabinet enthält die in den Briefen beschriebenen Steinarten und ist für iemanden den diese Wissenschaft interessirt und sich unterrichten will, das Geld wohl werth.

Wollt Ihr aber für Eure Kinder ein klein Naturaliencabinet haben; so kann ich Euch ein’s zusammen machen lassen, ich habe des Zeugs genug.

Adieu. Gedenkt mein.

W. d. 25 Apr. 1785.

G.

v. 1. Sept. 1785.

Euer Brief lieber Kestner hat mich vergebens in ienen Gegenden gesucht, ich bin dem Hofe nicht gefolgt, und sas, da Ihr ihn schriebt, ziemlich weit von Euch ab, in Carlsbad.

Wie viel Freude wäre es mir gewesen Euch wiederzusehen, Theil an Eurer Freude und Eurem Kummer zu nehmen und die alten Zeiten wieder herbey zu rufen. Der Todt Eures Mädgens schmerzt mich sehr. Ich sehe was in Herders Familie so ein kleines Weibgen unter den vielen Knaben wohlthut. Da Ihr immer fruchttragende Bäume seyd; so müsst Ihr den Verlust zu ersezen suchen. Grüset Lotten herzlich, ich denke sie ist mir noch gut und ich werde so lang ich lebe meine Gesinnungen gegen sie nicht verändern.

Adieu. Alles liegt voll um mich von Papieren, deswegen nicht mehr.

d. 1. Sept. 85.

G.

v. 4. Dec. 1785 d. 2. April 86 beantw.

Seit dem Empfang Eures Briefes, lieber Kestner, habe ich mich über Euer Schicksal nicht beruhigen können, das Ihr mit so vielem guten Muthe ertragt.[33]Bisher wart Ihr mir eine Art von Ideal eines durch Genügsamkeit und Ordnung Glücklichen und Euer musterhaftes Leben mit Frau und Kindern war mir ein fröhliches und beruhigendes Bild. Welche traurige Betrachtungen lassen mich dagegen die Vorfälle machen die Euch überrascht haben und nur Euer eignes schönes Beyspiel richtet mich auf. Wenn der Mensch sich selbst bleibt, bleibt ihm viel. Seyd meines herzlichen Antheils überzeugt, denn mein mannigfaltiges Weltleben hat mir meine alten Freunde nur noch werther gemacht. Ich danke Euch für den umständlichen Brief und für das sichere Gefühl meiner Theilnehmung. Lebet wohl, grüst Lotten und die Kinder. Das Bad hat gute Würkung hervorgebracht und ich bin recht wohl.

W. d. 4 Dez. 85.

G.

v. 16. Jun. 1786.

Euer Doctor Riedel hat mir sehr wohl gefallen, und hat überhaupt hier Beyfall gefunden. Schreibt mir doch etwas näheres über ihn, seine Familie, seinen Character, seine Schicksale und Aussichten, besonders ein näheres von diesen letzten, vielleicht fände sich etwas für ihn in unsrer Gegend, sagt aber weder ihm noch sonst jemand davon.

Ich wünschte sobald möglich darüber einige Nachricht, denn ich gehe mit Ende dieses Monats in’s Carlsbad, schreibt aber nur auf alle Fälle hierher. Ich bin wohl und liebe Euch. Wann werden wir uns einmal wieder sehen! Grüßt Lotten und die Eurigen und behaltet mich lieb.

Weimar d. 16 Jun. 86.

G.

v. 21. Jul. 1786.

Mit der heutigen Post geht ein Antrag an Dr. Riedel ob er sich unserm Erbprinzen widmen will, nur im allgemeinen, indeß wird sich nach seiner Antwort das Nähere geben. Sagt noch niemand nichts davon. Unsre Herzoginn ist glücklich von einer Prinzess entbunden, die heute getauft wird. Lavater war hier, es freut mich daß er überall guten Eindruck gemacht hat.

Den 24sten werde ich endlich in’s Carlsbad abreisen wenn nicht neue Hindernisse sich in den Weeg legen. Lebet wohl grüset Lotten und die Eurigen und behaltet mich lieb.

Weimar d. 21. Jul. 86.

G.

Dies in Antwort Eures Schreibens vom 16. Jul. das ich heute erhalte.

Rom d. 19 Febr. 87.

Durch Hrn. v. Pape, der nach Teutschland zurückgeht, muß ich Euch ein Wort und einen Grus sagen. Ich bin hierher mehr verschlagen worden als gereist und kann nun nicht genug von dem glücklichen Genuß sagen, den ich hier finde. Wenn sich nur irgend etwas davon mittheilen ließe.

Dr. Riedel ist nun bey uns angekommen und Landkammerrath geworden. Ich hätte gewünscht ihm gleich Anfangs nützlich zu seyn. Es wird sich aber denk’ ich schon finden.

Lebt wohl, gedenkt an mich, und grüßt Lotten und die Kinder und wer Euch nah ist. Mir ist der Kopf von Sehen und Arbeiten, vom schönen Wetter und den vielen Fastnachtsnarren ganz wüste. Adieu.

G.

Rom den 24. October 1787.

Hr. Rehberg[34]trifft mich noch hier und überbringt mir heute Euren Brief vom 18 May indeß ich schon einen andern von Wetzlar erhalten habe. Meine Mutter schreibt mir auch daß Ihr sie besucht habt und daß ihr Lotte sehr lieb geworden. Ich freue mich daß es Euch unter den Eurigen wohl geht, in Wetzlar muß es ein recht Familienfest gewesen seyn.

Ich bleibe noch den nächsten Winter in Italien und fühle mich recht glücklich daß mir dieses möglich ist.

Es soll mir lieb seyn wenn Hr. Rehberg zu uns paßt und ich ihm nützlich seyn kann.

Meine Werke werden ihre Aufwartung gemacht haben, die übrigen Bände sollen folgen wie sie nachund nach herauskommen.

Grüßt mir Lotten aufs herzlichste, auch Amalien. Einer Eurer Kleinen hat sich, wie ich höre, mit meiner Mutter gar gut vertragen.[35]

Möge Euch alle dieser Brief gesund und zufrieden antreffen.

Goethe

Frankfurt d. 23tenOctobr. 1788.

Lieber Herr Gevatter!

Vortreffliche Frau Gevatterin!

Kein Kaufmann kan über einen starken Wechsel der ihm presendtirt wird — und der den Grund seiner Casse erschüttert mehr erschrecken — als ich über Dero zweyten Brief. Erlauben Sie mir, daß ich meine Rechtvertigung Ihnen vorlegen darf — und ich erwarte von Ihrer Gerechtigkeit Liebe — meine völlige Loßsprechung. Bey empfang Ihres mir so erfreulichen Schreibens vom 17ten September war ich krank — mein Kopf war mir dumm und Mein Mund voller plassen — meine Zunge wie durchlöchert — welches alles große Schmertzen verursachte und mich zum Schreiben gantz unfähig machte. Noch in dieser fatalen periode kam Schlosser von Carlsruhe mit Weib und Kinder mich, die sie in 6 Jahren nicht gesehen hatten zu besuchen — Logirten in meinem Hauß — Sie meine Theuresten! Können Sich dieUnruhe, das Visitten Leben leicht denken — Ich noch halb krank mußte alles mitbetreiben — da war nicht eine Minute Zeit an etwas zu gedenken — als Besuche — Gastereyen u.s.w. Kaum waren sie fort, so hatten wir die Weinleße — die denn auch Zeit wegnahm — Summa Summarium 10 gantze Wochen lebte ich in einem beständigen Wirr Warr — und mußte meinen Dank vor Dero gütiges Zutrauen freylich wieder meinen Willen aufschieben — Finden Sie diese Gründe nun hinreichend; so laßen Sie mich ein Wort des Friedens hören — Das wird mir Wohlthun, und mein Herz erfreuen. Wie sehr es mich gefreut hat Pattin von Lottens und Ihrer Tochter zu seyn können Sie kaum glauben — Gott erhalte Ihnen dieselbe — zu Ihrer Freude! Nun etwas Herrn Hans Buf betrefend — Wie Ihre liebe Frau hier war — so machte ich Ihr ein Geschenk von den 4 ersten Theilen von Goethens Schriften — einige Zeit hernach schrieben Sie mir — Daß Sie solche von meinem Sohn auch empfangen hätten — ich sollte also sagen (weil Sie keine doppelte Exemplare haben wollten) an Wen Sie solche geben sollten. Ich decitirte vor Herr Hans Buf — da ich Ihm nun den 5ten Theil vor einiger Zeit einhändigte — so sagte Er mir, daß Er die 4 ersten Theile noch nicht hätte — und bate mich Ihnen zu erinnern Ihm solche zuzuschicken. Mein Sohn ist nun wieder aus Italien zurück, undbefindet sich vergnügt und wohl. Die Frau Bethmann hat gestern an Ihnen geschrieben — Sie war auch krank. Leben Sie wohl!

Grüßen und küßen vor allen meinen lieben Eduart — von derjenigen die unveränderlich ist

Meines lieben Herrn Gevatters und Frau Gevatterin

treue wahre Freundin

Elisabetha Goethe.

v. 10. Nov. 1788.

Es ist wohl nicht artig daß ich so lang in Deutschland bin und noch kein Zeichen des Lebens von mir gegeben habe. Ihr seyd deshalb sehr artig, daß Ihr mir zuvorkommt und mir Nachricht ertheilt wie es Euch und den Eurigen geht. Ich freue mich daß Ihr alle zusammen wohl seyd und Euch noch immer vermehrt.

Warum meine Mutter nicht geantwortet hat begreife ich nicht. Es wäre sonderbar wenn durch diesen Zufall die Tochter der Mutter ominösen Nahmen fortführen sollte.

In Italien ist mirs sehr wohl gegangen, ich habe ganz nach meinem Sinne gelebt und brav studirt. Ich wollte nur ich hätte das zwanzig Jahre früher haben können! da hätte man die Sachen aber auch nicht so solid genommen.

Rehberg hat sich sehr gut zu uns gefunden. Mit ganz neuen Menschen laß ich es gern eine Weile sohingehn. Es hatte sich aber zuletzt recht artig gemacht. Nur Schade daß ich mich trennen mußte.

Er schreibt mir oft. Herder ist jetzt in Rom; auch unsre verwittibte Herzogin ist dort vor kurzem angelangt.

Riedel ist ein sehr guter Mann und findet sich immer besser. Anfangs hatte er in mehr als einem Betracht einen schweren Stand. Es lößt sich aber alles zu seinem Besten auf. Das Kind ist froh und gesund.

Ihr habt mir einmal wegen einer Präsentation beym Cammergerichte geschrieben. Schreibt mir doch ob Euch noch daran gelegen ist und wie man die Sache einfädlen könnte. Ich bin zwar meist ausser politischen Relationen, doch kann ich vielleicht etwas würken. Lebt indeß recht wohl. Grüßt die Eurigen. Wann und wo werden wir uns denn endlich einmal wieder sehen?

Weimar d. 10 Nov. 88.

Goethe.

v. 2. Febr. 1789.

Euren Brief habe ich zur rechten Zeit, durch den Umweg erhalten. Ich habe Euren Wünschen die Zeit oft nachgedacht und mich hie und da erkundigt, habe aber nichts gefunden das Euch direckt befriedigen könnte. Doch bin ich auf einen Gedanken gekommen, der vielleicht würckt. Schreibt mir durch welchen Weeg ich mich näher erklären soll. Verzeiht daß ich heut nicht mehr sage. Grüßt die Eurigen und gedenkt mein.

W. d. 2 Febr. 89.

G.

v. 2. Märtz 1790.

Euer Brief, lieber Kestner, hat mir viel Freude gemacht, besonders das Zettelchen vom Brocken, welches mir ein rechter Beweiß Eures dauernden Andenkens ist; dafür hab ich auch oft an Euch gedacht, wenn es mir wohl ging.

Heute sage ich wenig, das ihr für viel nehmen mögt weil ich gleich schreibe. Es folgt auch der sechste Band meiner Schriften, zu deßen Genuß ich Euch gute Stunden wünsche.

Lebet wohl, grüßet Lotten und die Eurigen. Ich bin wieder auf dem Sprunge zu verreisen, wie weit weiß ich selbst nicht.

Adieu! behaltet mich lieb.

W. d. 2 März 1790.

G.


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