Chapter 16

Ärzte, Radfahrer, Turner

Soviel Goethe auch den menschlichen Körper studierte, so hütete er sich doch, in die Aufgaben des Arztes einzugreifen. Zwar schrieb er einmal an Meyer: „Man ist übel daran, daß man den Ärzten nicht recht vertraut und doch ohne sie sich gar nicht zu helfen weiß.“ Aber er lobte doch seine Ärzte gern. Der Satz, daß die Ärzte unseres Lebens Dauer um keinen Tag verlängern können, gehörte zu seinem religiösen Glauben; „wir leben, so lange es Gott bestimmt hat, aber es ist ein großer Unterschied, ob wir jämmerlich wie arme Hunde leben, oder wohl und frisch, und darauf vermag ein kluger Arzt viel.“ So sprach er 1827, und dreiJahre später, als er sich beständig wohl befand: „Daß ich mich jetzt so gut halte, verdanke ich Vogel; Vogel ist zum Arzt wie geboren und überhaupt einer der genialsten Menschen.“Dr.Vogel aber erzählte von ihm:

Die echten Jünger der Heilkunst achtete Goethe ungemein hoch; er war ein dankbarer und folgsamer Kranker. Konsultationen mehrerer Ärzte betrachtete er mit Mißtrauen. Er sprach gern mit dem Arzt über die Krankheit und verstand sehr viel davon.

Die echten Jünger der Heilkunst achtete Goethe ungemein hoch; er war ein dankbarer und folgsamer Kranker. Konsultationen mehrerer Ärzte betrachtete er mit Mißtrauen. Er sprach gern mit dem Arzt über die Krankheit und verstand sehr viel davon.

Ein wenig neigte er zu Dem, was wir jetzt als Naturheilmethode kennen; in einem Briefe aus Lauchstädt (1805) rühmt er zuerst „das auf Starkens Anraten“ gebrauchte „Tusch-Bad“ und das auf Reils Empfehlung genommene Eger-Wasser. Er fährt dann fort:

An Reil habe ich einen sehr bedeutenden Mann kennen lernen; er beobachtete meine Übel vierzehn Tage, ohne ein Rezept zu verschreiben, als etwa eins, das er selbst für palliativ erklärte. Tröstlich kann es für mich sein, daß er gar keine Achtung vor meinen Gebrechen haben will und versichert, Das werde sich alles ohne großen medizinischen Aufwand wiederherstellen.

An Reil habe ich einen sehr bedeutenden Mann kennen lernen; er beobachtete meine Übel vierzehn Tage, ohne ein Rezept zu verschreiben, als etwa eins, das er selbst für palliativ erklärte. Tröstlich kann es für mich sein, daß er gar keine Achtung vor meinen Gebrechen haben will und versichert, Das werde sich alles ohne großen medizinischen Aufwand wiederherstellen.

Schon vorher war ihm als Hauptkur das Reiten empfohlen, und er hatte selber bestätigt, daß es ihm gut gehe, solange er täglich reite. Ebenso wußte Goethe, daß in den Bädern, die er regelmäßig im Sommer besuchte, nicht nur von ihren Quellen heilende Kraft ausging, sondern mehr noch von dem erfrischenden, geselligen Leben in der Natur, von der größeren Vertraulichkeit und Unvorsichtigkeit im Umgange mit ihr. „Übrigens mutet man sich hier viel mehr zu als zu Hause“ heißt es in einem Karlsbader Briefe an Christiane.

Man steht um fünf Uhr auf, geht bei jedem Wetter an den Brunnen, spaziert, steigt Berge, zieht sich an, macht Aufwartung, geht zu Gaste und sonst in Gesellschaft. Man hütet sich weder vor Nässe, noch Wind, noch Zug und befindet sich ganz wohl dabei.

Man steht um fünf Uhr auf, geht bei jedem Wetter an den Brunnen, spaziert, steigt Berge, zieht sich an, macht Aufwartung, geht zu Gaste und sonst in Gesellschaft. Man hütet sich weder vor Nässe, noch Wind, noch Zug und befindet sich ganz wohl dabei.

Es ist kaum nötig zu sagen, daß er als alter Herr die jungen Leute zu frischer Betätigung ermunterte und ihre neuen Übungen mit Vergnügen sah. Der badische Forstmeister v. Drais erfand 1817 eine Laufmaschine, die aus zwei hintereinander angebrachten Rädern und einem darüber befestigten Sitzbalken bestand; man konnte darauf fahren, wenn man sie durch Laufen in Bewegung gesetzt hatte oder wenn es bergab ging; Goethe sah im Januar 1818 Jenaischen Studenten zu, die sich im „Paradiese“ an der Saale auf solchen Laufrädern versuchten. Wichtiger war das Turnen, das gleich nach den Befreiungskriegen aufkam. Goethe sprach 1817 einmal den jungen Krummacher an, des Parabeldichters Sohn, als Dieser mit der schwarz-rot-goldenen Mütze vom Turnplatze kam, und er sagte:

Die Turnerei halte ich wert, denn sie stärkt und erfreut nicht nur den jugendlichen Körper, sondern ermutigt und kräftigt auch Seele und Geist gegen jede Verweichlichung.

Die Turnerei halte ich wert, denn sie stärkt und erfreut nicht nur den jugendlichen Körper, sondern ermutigt und kräftigt auch Seele und Geist gegen jede Verweichlichung.

Es war ihm dann sehr schmerzlich, daß Turnen und Politik miteinander verquickt, daß deswegen die Turnanstalten von den Regierungen sehr eingeschränkt oder verboten wurden.

Ich hoffe, daß man die Turnanstalten wiederherstelle, denn unsere deutsche Jugend bedarf es, besonders die studierende, der bei dem vielen geistigen und gelehrten Treiben alles körperliche Gegengewicht fehlt und somit jede nötige Tatkraft.

Ich hoffe, daß man die Turnanstalten wiederherstelle, denn unsere deutsche Jugend bedarf es, besonders die studierende, der bei dem vielen geistigen und gelehrten Treiben alles körperliche Gegengewicht fehlt und somit jede nötige Tatkraft.

Die gleiche Gesinnung hat Goethe in seinen alten Tagen oft ausgesprochen. Er schalt auf die Engbrüstigen und die Brillenträger. Die frischen jungen Engländer gefielen ihm viel besser als die jungen Deutschen. Er billigte es keineswegs, daß von den künftigen Beamten so viele theoretische Kenntnisse verlangt wurden, bei deren Aneignung die jungen Leute vor der Zeit körperlich und geistig geschwächt wurden. „Es fehlt ihnen die nötige geistige, wie körperliche Energie, die bei einem tüchtigen Auftreten im praktischen Verkehr ganz unerläßlich ist.“

„Es geht uns alten Europäern übrigens mehr oder weniger allen herzlich schlecht“ meinte er ein andermal, „unsere Zustände sind viel zu künstlich und kompliziert ... Man sollte oft wünschen, auf einer der Südsee-Inseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal das menschliche Dasein ohne falschen Beigeschmack durchaus rein zu genießen.“

[22]An Trapp, 28. Juli 1770.[23]Lichtenberg und Moses Mendelssohn waren bucklig, Schleiermacher leicht verwachsen.[24]Eine Entelechie, ein Am-Ziele-sein, ist nach Aristoteles die Seele als dasjenige Hinzutretende, wodurch der Körper, der an sich nur dieFähigkeit, zu leben und zu empfinden, besitzt,wirklichlebt und empfindet, solange es mit ihm verbunden ist. Als Beispiel denke man sich eine Wasserleitung, die erst durch das hineinfließende Wasser Sinn und Vollständigkeit erlangt.[25]Ich habe die letzten Seiten aus einem besonderen Grunde meinem Buche ‚Goethes Leben im Garten am Stern‘ entnommen. Über Goethes Leipziger und Frankfurter Krankheit ist von Medizinern und Philologen Verschiedenes gemutmaßt, da die vorliegenden Mitteilungen nicht eben sicher auf ein bestimmtes Leiden schließen lassen. B. Fränkel in Berlin hat in der ‚Zeitschrift für Tuberkulose‘ (1910) als „des jungen Goethe schwere Krankheit“: „Tuberkulose, keine Syphilis“ aufgestellt. Um nun zu zeigen, wodurch Goethe sein schweres Lungenleiden überwunden habe, druckte Fränkel die eben mitgeteilten Seiten aus meinem Buche, die ich ohne jeden Gedanken an solche Krankheit und Kur geschrieben, wörtlich ab und fügte hinzu: „Der aufmerksame Leser wird nicht verkennen, daß in dieser Abhärtungsmethode Goethes Grundzüge der modernen Phtisiotherapie enthalten sind, z. B. das Wohnen im Gartenhaus, das Arbeiten und Schlafen im Freien usw. Vielleicht haben wir es ihnen zu verdanken, daß uns die Tuberkulose nicht, wie Dies von Schiller bekannt ist, auch das kostbare Leben Goethes verkürzte. Jedenfalls erkannte und betätigte das gleichzeitig beobachtende und intuitive Ingenium Goethes die Prinzipien, mit denen jetzt die Empirie der Ärzte die Tuberkulose zu heilen sucht.“ – –Wir können diese Gesundung Goethes noch heute mit Augen sehen, wenn wir seine Bildnisse nacheinander betrachten. Ich meine diese Reihenfolge: Relief von Melchior 1774 – Zeichnung von Lips nach dem verlorenen Relief eines Schülers von Nahl 1774 – Schattenrisse in Ayrers Sammlung – Vorder- und Seitenansicht von May 1779 – Juel 1779 – Büsten von Klauer – Angelika Kauffmann 1787/88 – Lips 1791 – Bury 1800 – Jagemann 1817. Hier in diesem Buche kann ich nur einige davon zeigen.[26]Venetianische Epigramme 1799.

[22]An Trapp, 28. Juli 1770.

[22]An Trapp, 28. Juli 1770.

[23]Lichtenberg und Moses Mendelssohn waren bucklig, Schleiermacher leicht verwachsen.

[23]Lichtenberg und Moses Mendelssohn waren bucklig, Schleiermacher leicht verwachsen.

[24]Eine Entelechie, ein Am-Ziele-sein, ist nach Aristoteles die Seele als dasjenige Hinzutretende, wodurch der Körper, der an sich nur dieFähigkeit, zu leben und zu empfinden, besitzt,wirklichlebt und empfindet, solange es mit ihm verbunden ist. Als Beispiel denke man sich eine Wasserleitung, die erst durch das hineinfließende Wasser Sinn und Vollständigkeit erlangt.

[24]Eine Entelechie, ein Am-Ziele-sein, ist nach Aristoteles die Seele als dasjenige Hinzutretende, wodurch der Körper, der an sich nur dieFähigkeit, zu leben und zu empfinden, besitzt,wirklichlebt und empfindet, solange es mit ihm verbunden ist. Als Beispiel denke man sich eine Wasserleitung, die erst durch das hineinfließende Wasser Sinn und Vollständigkeit erlangt.

[25]Ich habe die letzten Seiten aus einem besonderen Grunde meinem Buche ‚Goethes Leben im Garten am Stern‘ entnommen. Über Goethes Leipziger und Frankfurter Krankheit ist von Medizinern und Philologen Verschiedenes gemutmaßt, da die vorliegenden Mitteilungen nicht eben sicher auf ein bestimmtes Leiden schließen lassen. B. Fränkel in Berlin hat in der ‚Zeitschrift für Tuberkulose‘ (1910) als „des jungen Goethe schwere Krankheit“: „Tuberkulose, keine Syphilis“ aufgestellt. Um nun zu zeigen, wodurch Goethe sein schweres Lungenleiden überwunden habe, druckte Fränkel die eben mitgeteilten Seiten aus meinem Buche, die ich ohne jeden Gedanken an solche Krankheit und Kur geschrieben, wörtlich ab und fügte hinzu: „Der aufmerksame Leser wird nicht verkennen, daß in dieser Abhärtungsmethode Goethes Grundzüge der modernen Phtisiotherapie enthalten sind, z. B. das Wohnen im Gartenhaus, das Arbeiten und Schlafen im Freien usw. Vielleicht haben wir es ihnen zu verdanken, daß uns die Tuberkulose nicht, wie Dies von Schiller bekannt ist, auch das kostbare Leben Goethes verkürzte. Jedenfalls erkannte und betätigte das gleichzeitig beobachtende und intuitive Ingenium Goethes die Prinzipien, mit denen jetzt die Empirie der Ärzte die Tuberkulose zu heilen sucht.“ – –Wir können diese Gesundung Goethes noch heute mit Augen sehen, wenn wir seine Bildnisse nacheinander betrachten. Ich meine diese Reihenfolge: Relief von Melchior 1774 – Zeichnung von Lips nach dem verlorenen Relief eines Schülers von Nahl 1774 – Schattenrisse in Ayrers Sammlung – Vorder- und Seitenansicht von May 1779 – Juel 1779 – Büsten von Klauer – Angelika Kauffmann 1787/88 – Lips 1791 – Bury 1800 – Jagemann 1817. Hier in diesem Buche kann ich nur einige davon zeigen.

[25]Ich habe die letzten Seiten aus einem besonderen Grunde meinem Buche ‚Goethes Leben im Garten am Stern‘ entnommen. Über Goethes Leipziger und Frankfurter Krankheit ist von Medizinern und Philologen Verschiedenes gemutmaßt, da die vorliegenden Mitteilungen nicht eben sicher auf ein bestimmtes Leiden schließen lassen. B. Fränkel in Berlin hat in der ‚Zeitschrift für Tuberkulose‘ (1910) als „des jungen Goethe schwere Krankheit“: „Tuberkulose, keine Syphilis“ aufgestellt. Um nun zu zeigen, wodurch Goethe sein schweres Lungenleiden überwunden habe, druckte Fränkel die eben mitgeteilten Seiten aus meinem Buche, die ich ohne jeden Gedanken an solche Krankheit und Kur geschrieben, wörtlich ab und fügte hinzu: „Der aufmerksame Leser wird nicht verkennen, daß in dieser Abhärtungsmethode Goethes Grundzüge der modernen Phtisiotherapie enthalten sind, z. B. das Wohnen im Gartenhaus, das Arbeiten und Schlafen im Freien usw. Vielleicht haben wir es ihnen zu verdanken, daß uns die Tuberkulose nicht, wie Dies von Schiller bekannt ist, auch das kostbare Leben Goethes verkürzte. Jedenfalls erkannte und betätigte das gleichzeitig beobachtende und intuitive Ingenium Goethes die Prinzipien, mit denen jetzt die Empirie der Ärzte die Tuberkulose zu heilen sucht.“ – –

Wir können diese Gesundung Goethes noch heute mit Augen sehen, wenn wir seine Bildnisse nacheinander betrachten. Ich meine diese Reihenfolge: Relief von Melchior 1774 – Zeichnung von Lips nach dem verlorenen Relief eines Schülers von Nahl 1774 – Schattenrisse in Ayrers Sammlung – Vorder- und Seitenansicht von May 1779 – Juel 1779 – Büsten von Klauer – Angelika Kauffmann 1787/88 – Lips 1791 – Bury 1800 – Jagemann 1817. Hier in diesem Buche kann ich nur einige davon zeigen.

[26]Venetianische Epigramme 1799.

[26]Venetianische Epigramme 1799.


Back to IndexNext