II.Wohnung.

II.Wohnung.

Wer nach Weimar kommt, sucht bald auch den Park auf, der die liebliche Ilm umsäumt, und wenn er einige Minuten unter den Bäumen dahingeschritten ist, denen Karl August, Goethe und Bertuch einst ihre Stelle anwiesen, so sieht er hinter einer großen grünen Wiese ein weißgetünchtes Häuschen mit hohem, grauem Dache in und vor einem Garten, der sich den Hügel hinaufzieht. In diesem Garten und diesem Hause hat Goethe viele glückliche und viele schmerzlich-erregte Stunden verbracht. Hier überfiel ihn bald sein Herzog, um Staats- oder auch Liebessachen mit ihm zu besprechen; dann kam wohl auch die „schöne Krone“, die Sängerin Korona Schröter, und brachte ein Sträußchen Waldblumen mit, oder es kam die teuerste von Allen, Frau v. Stein, und ihr junger Verehrer schenkte ihr selber den Kaffee ein, über dessen schädliche Wirkung er sonst mit Überzeugung zu schelten liebte. Hier machte er an Sommerabenden zuweilen für die ganze Hofgesellschaft „den Wirt der herzoglichen Promenade“ und suchte „bald durch Tee, bald durch saure Milch die Gemüter der Frauen zu gewinnen,“ während die Männer am Spieltische saßen oder in seiner Kegelbahn ihre Kunstfertigkeit maßen.

Die Räume des Gartenhauses.VonHans Saal.⇒GRÖSSERES BILD

Die Räume des Gartenhauses.VonHans Saal.⇒GRÖSSERES BILD

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Hausflur im Gartenhause.Aufnahme vonOtto Rasch.⇒GRÖSSERES BILD

Hausflur im Gartenhause.Aufnahme vonOtto Rasch.⇒GRÖSSERES BILD

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Arbeitszimmer im Gartenhause.Zeichnung vonOtto Rasch.⇒GRÖSSERES BILD

Arbeitszimmer im Gartenhause.Zeichnung vonOtto Rasch.⇒GRÖSSERES BILD

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Die Räume des Gartenhauses

Wir sind nicht wenig erstaunt, wenn wir das Häuschen betreten, das sieben Jahre hindurch demBusenfreunde des Landesherrn, dem weithin berühmten Dichter, dem Herrn Geheimden Rat als Wohnung diente. So bescheiden hätten wir es uns doch nicht vorgestellt! Unten ist gar kein bewohnbares Zimmer; höchstens kann man einen Raum, an dessen Wänden Pläne von Rom hängen, im Sommer wegen seiner Kühle schätzen. Oben sind drei Stuben und ein Kabinettchen, alle klein und niedrig, mit bescheidenen Fensterchen und schlichten Möbeln; zuerst ein Empfangszimmer mit harten, steifen Stühlen, dann das Arbeitszimmer mit kleinem Schreibtisch, daranschließend ein Bücherzimmer, und zuletzt das Schlafstübchen, in dem noch die Bettstelle aus Holz, Drell und Bindfaden steht, die in drei Teile zusammengeklappt und so als – Koffer auf die Reise mitgenommen werden konnte. Draußen im Garten kann es uns viel besser gefallen als im engen Häuschen; da sieht man, wie in den Rosen, die seine Fenster umranken, Hänflinge und Grasmücken nisten; da blühen die Malven, Lilien und Kaiserkronen; hohe Bäume stehen in flüsternden Gruppen zusammen, und in ihrem Schatten genießen wir den Blick auf das anmutige Flußtal.

Es ist eine herrliche Empfindung, da haußen im Feld allein zu sitzen. Morgens früh, wie schön! Alles ist so still. Ich höre nur meine Uhr tacken und den Wald und das Wehr von ferne.[2]

Es ist eine herrliche Empfindung, da haußen im Feld allein zu sitzen. Morgens früh, wie schön! Alles ist so still. Ich höre nur meine Uhr tacken und den Wald und das Wehr von ferne.[2]

Das Schloß und die Stadt waren nahe, aber die Bäume des Parks verdeckten sie. Es war, „als seiman in der Nähe eines Waldes, der sich stundenweit ausdehnt. Man denkt, es müsse jeden Augenblick ein Hirsch, ein Reh auf der Wiesenfläche hervorkommen. Man fühlt sich in den Frieden tiefer Natureinsamkeit versetzt, denn die große Stille ist oft durch nichts unterbrochen als durch die einsamen Töne der Amsel oder durch den pausenweise abwechselnden Gesang einer Walddrossel.“[3]Hier (auf dem Altan, der später abgerissen wurde) liebte der junge Goethe, in seinen Mantel gehüllt, die Sommernacht zu verschlafen oder, wenn der Schlaf ihn floh, zu den Sternen hinaufzuschauen:

Euch bedaur’ ich, unglückselge Sterne,Die ihr schön seid und so herrlich scheinet.Denn ihr liebt nicht, kanntet nie die Liebe!

Euch bedaur’ ich, unglückselge Sterne,Die ihr schön seid und so herrlich scheinet.Denn ihr liebt nicht, kanntet nie die Liebe!

Euch bedaur’ ich, unglückselge Sterne,Die ihr schön seid und so herrlich scheinet.Denn ihr liebt nicht, kanntet nie die Liebe!

Euch bedaur’ ich, unglückselge Sterne,

Die ihr schön seid und so herrlich scheinet.

Denn ihr liebt nicht, kanntet nie die Liebe!

Oder er sprach zu den Zweigen, die ihm entgegenblühten, von seinem Hoffen und Sehnen:

Sag ich’s euch, geliebte Bäume,Die ich ahndevoll gepflanzt.Als die wunderbarsten TräumeMorgenrötlich mich umtanzt?Ach, ihr wißt es, wie ich liebe,Die so schön mich wieder liebt – –

Sag ich’s euch, geliebte Bäume,Die ich ahndevoll gepflanzt.Als die wunderbarsten TräumeMorgenrötlich mich umtanzt?Ach, ihr wißt es, wie ich liebe,Die so schön mich wieder liebt – –

Sag ich’s euch, geliebte Bäume,Die ich ahndevoll gepflanzt.Als die wunderbarsten TräumeMorgenrötlich mich umtanzt?Ach, ihr wißt es, wie ich liebe,Die so schön mich wieder liebt – –

Sag ich’s euch, geliebte Bäume,

Die ich ahndevoll gepflanzt.

Als die wunderbarsten Träume

Morgenrötlich mich umtanzt?

Ach, ihr wißt es, wie ich liebe,

Die so schön mich wieder liebt – –

Im Gartenhause

Und hier im Grünen vergaß er rasch allen Ärger, den ihm die „Ekelverhältnisse“ mit seinen Neidern in der Stadt bereiteten; in der stillen Natur erfrischte er seine Seele immer wieder, wie den Leib in der Ilm oder im Floßgraben, der seinem Häuschen noch näher war:

Ich gehe meinen alten GangMeine liebe Wiese lang.Tauche mich in die Sonne früh,Bad’ ab im Monde des Tages Müh’.

Ich gehe meinen alten GangMeine liebe Wiese lang.Tauche mich in die Sonne früh,Bad’ ab im Monde des Tages Müh’.

Ich gehe meinen alten GangMeine liebe Wiese lang.Tauche mich in die Sonne früh,Bad’ ab im Monde des Tages Müh’.

Ich gehe meinen alten Gang

Meine liebe Wiese lang.

Tauche mich in die Sonne früh,

Bad’ ab im Monde des Tages Müh’.

„Jeden Morgen empfängt mich eine neue Blume und Knospe“ schreibt er im Frühling 1781 an Lavater; „die stille, reine, immer wiederkehrende Vegetation tröstet mich oft über der Menschen Not, ihre moralischen, noch mehr physischen Übel.“

Hier im grünen Flußtale konnte der junge Mann seinen Naturkultus nach Herzenslust betreiben. Als er zum ersten Male in seinem Garten geschlafen, nannte er sich „Erdkulin“, Erdkühlein nach einem Märchentier, das einsam im Walde haust. Er spricht von seinem „Erdgeruch“ und „Erdgefühl“; ihm war wohl in Klüften, Höhlen und Wäldern. Und seine ganze Umgebung steckte er an. „Sauge den Erdsaft, saug’ Leben dir ein“ riet Karl August in einer poetischen Epistel der Frau v. Stein, und er, der Landesfürst, hauste selber tage- und wochenlang in einer Holzhütte des Parkes, dem Borkenhäuschen, das jetzt nur noch zur Aufbewahrung von Geräten gut genug erscheint. Auch Wieland kaufte einen großen Obstgarten und schrieb: „Mir ist nirgends so wohl, bis ich meinen Stab in der Hand habe, um unter meinen Bäumen zu leben und den unendlichen Erdgeist einzuziehen.“ „Der Statthalter von Erfurt war einige Tage bei uns und ist auch nicht ohne Erdgeruch entlassen worden“ meldet Goethe vergnüglich dem Freiherrn v. Fritsch. Herzogin Amalie lebte wie eine Gutsbesitzerin im Dörfchen Tiefurt. Schiller, der ein Stubenhockerwar, sah auch an Knebel Goethes Wirkung: die Verachtung der „Spekulation“ und „das bis zur Affektation getriebeneAttachementan die Natur.“

Auch für Goethe kam die Zeit, wo ihm der Garten fremder wurde; er mußte zugeben, daß er eines großen Stadthauses bedurfte. Zeitweilig überließ er das Häuschen seinem Freunde Knebel; zwei Sommer vermietete er den Garten an den Herzog, der ihn als Tummelplatz seiner Kinder brauchte; auch Frau v. Heygendorff hatte ihn zwei Sommer. Aber einige Male wohnte Goethe doch auch als alter Herr wieder auf Wochen draußen. Und zuweilen hatte er Lust, im Gartenhäuschen, wo er „so tüchtige Jahre verlebt“ auch zu sterben.[4]

***

Goethes Wohnhaus am Frauenplan.VonHeinrich Tessenow.⇒GRÖSSERES BILD

Goethes Wohnhaus am Frauenplan.VonHeinrich Tessenow.⇒GRÖSSERES BILD

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Empfangszimmer im Stadthause.VonHeinrich Tessenow.⇒GRÖSSERES BILD

Empfangszimmer im Stadthause.VonHeinrich Tessenow.⇒GRÖSSERES BILD

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Das Stadthaus

Einen ganz andern Eindruck gewannen die Gäste in Goethes Stadthause am Frauenplan. Nachdem er früher schon zur Miete darin gewohnt hatte, konnte er es sich in den Jahren 1792 und 1793 als eine Art Eigentum einrichten. (Buchmäßig gehörte es zunächst dem Herzoge, der es ihm aber als Geschenk zugedacht hatte.) Goethe suchte bei diesem Umbau Manches, was ihm in Italien gefallen hatte, hier zu wiederholen; es traf sich auch, daß ein Künstler, den er in Rom kennen gelernt und der seinen Geschmack in Italien ausgebildethatte, jetzt und hier sein Hausgenosse war und sehr oft auch sein Stellvertreter, da Goethe gerade während des Umbaues und der Einrichtung viel abwesend sein mußte. Dieser Künstler, der Schweizer Heinrich Meyer, besaß sein volles Vertrauen, und so ereignete es sich, was bisher noch in keinem deutschen Bürgerhause der Fall gewesen, daß ein Maler den Umbau und die ganze Ausstattung anordnete. So kam es denn auch, daß diese Wohnung des Geheimen Rats Goethe einen ganz andern Eindruck machte, als man sonst gewohnt war; besonders das sehr groß geratene Treppenhaus, die sanft ansteigende breite Treppe und der antike Schmuck ringsum stimmte den Eintretenden feierlich. Man ward dann noch durch ein Gemälde-Zimmer geleitet, ehe sich die Tür öffnete zu dem Raum, in welchem der Fürst des Hauses dem sich verneigenden Besucher entgegentrat. Wer Zeit hatte, sich umzusehen, bemerkte noch ein Zweites, was ihn der gewöhnlichen Welt entrückte: die Zimmer dienten zugleich als eine Galerie für Kunstwerke, Altertümer und Naturschätze. Schon 1794 berichtet ein junger Landsmann Heinrich Meyers, der dem Dichter seine Aufwartung machen durfte, daß er nach der kurzen Audienz noch „sein fürstliches Kabinett von Handzeichnungen berühmter Meister und sein mit dem feinsten epikuräischen Geschmack eingerichtetes Haus“ besehen habe. Wer bei Herder oder Wieland oder sonst einem Gelehrten der Stadt seinen Besuch machte, hatte keine Ursache, über ihre Wohnungen zu reden; bei Goethe aber war schon seine Umgebung ein unvergeßliches Erlebnis.

Gleich beim Eintritt in das mäßig große, in einfach antikem Stil gebaute Haus deuteten die breiten, sehr allmählich sich hebenden Treppen sowie die Verzierung der Treppenruhe mit dem Hunde der Diana und dem jungen Faun von Belvedere die Neigungen des Besitzers an. Weiter oben fiel die Gruppe der Dioskuren angenehm in die Augen, und am Fußboden empfing den in den Vorsaal Eintretenden blau ausgelegt ein einladendesSALVE. Der Vorsaal selbst war mit Büsten und Kupferstichen auf das reichste verziert und öffnete sich gegen die Rückseite des Hauses durch eine zweite Büstenhalle auf den lustig umrankten Altan und auf die zum Garten hinabführende Treppe. In ein anderes Zimmer geführt, sah der Gast sich auf’s neue von Kunstwerken und Altertümern umgeben: schön geschliffene Schalen von Chalcedon standen auf Marmortischen umher; über dem Sofa verdeckten halb und halb grüne Vorhänge eine große Nachbildung des unter dem Namen der Aldobrandinischen Hochzeit bekannten alten Wandgemäldes, und außerdem forderte die Wahl der unter Glas und Rahmen bewahrten Kunstwerke, meistens Gegenstände alter Geschichte nachbildend, zu aufmerksamer Betrachtung auf.

Gleich beim Eintritt in das mäßig große, in einfach antikem Stil gebaute Haus deuteten die breiten, sehr allmählich sich hebenden Treppen sowie die Verzierung der Treppenruhe mit dem Hunde der Diana und dem jungen Faun von Belvedere die Neigungen des Besitzers an. Weiter oben fiel die Gruppe der Dioskuren angenehm in die Augen, und am Fußboden empfing den in den Vorsaal Eintretenden blau ausgelegt ein einladendesSALVE. Der Vorsaal selbst war mit Büsten und Kupferstichen auf das reichste verziert und öffnete sich gegen die Rückseite des Hauses durch eine zweite Büstenhalle auf den lustig umrankten Altan und auf die zum Garten hinabführende Treppe. In ein anderes Zimmer geführt, sah der Gast sich auf’s neue von Kunstwerken und Altertümern umgeben: schön geschliffene Schalen von Chalcedon standen auf Marmortischen umher; über dem Sofa verdeckten halb und halb grüne Vorhänge eine große Nachbildung des unter dem Namen der Aldobrandinischen Hochzeit bekannten alten Wandgemäldes, und außerdem forderte die Wahl der unter Glas und Rahmen bewahrten Kunstwerke, meistens Gegenstände alter Geschichte nachbildend, zu aufmerksamer Betrachtung auf.

So schildert einer der vielen Gäste, der gelehrte Leibarzt des sächsischen Königs, Gustav Carus, was er sah, ehe der Ersehnte und zugleich Gefürchtete erschien.

Treppe im Stadthause.Aufnahme vonOtto Rasch.⇒GRÖSSERES BILD

Treppe im Stadthause.Aufnahme vonOtto Rasch.⇒GRÖSSERES BILD

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Vorzimmer zu Goethes Arbeitsstube.Zeichnung vonOtto Rasch.⇒GRÖSSERES BILD

Vorzimmer zu Goethes Arbeitsstube.Zeichnung vonOtto Rasch.⇒GRÖSSERES BILD

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Das Museumsartige des Hauses nahm mit jedem Jahre zu. Dafür sorgte Goethes Liebe zur Kunst und zur Natur, seine Lust am Sammeln, sein Bedürfnis, das Schöne, Merkwürdige oder Lehrreiche zu besitzen und es stets zur Hand und oft vor Augen zu haben. Die Altertümer, die Büsten, Statuetten, Denkmünzen, Plaketten, Kameen, Majoliken, Ölgemälde, Kupferstiche, Handzeichnungen, die Steine, Knochen usw. wuchsen allmählich zu Hunderten und Tausenden an. In ihreBetrachtung vertiefte er sich immer wieder, um feinsten Genuß und neue Belehrung davonzutragen; in ihrer Mitte hielt er oft seine Gesellschaften ab, schon dadurch jede Langeweile ausschließend. Hier erlebte mancher Fachkenner, daß für sein Gebiet die gesamten Lehrmittel sofort herbeigeholt werden konnten; hier waren denn auch die gelehrten Freunde und Mitarbeiter aus der Stadt: Meyer, Riemer und Eckermann, oder die noch gelehrteren Gäste von auswärts, Wilhelm und Alexander v. Humboldt, Friedrich August Wolf und Sulpiz Boisserée, an ihrem Platze.

***

Kein Luxus, aber mehrere Wohnungen

Wenn wir aber in diesem Stadthause die Räume aufsuchen, die er am meisten benutzte, so haben wir wieder den Eindruck des Gartenhauses. Goethe wohnte gar nicht in seinem vornehmen Vorderhause am Frauenplan, sondern in einem bescheidenen Hinterhause zwischen Hof und Garten. Das Arbeitszimmer und das daneben liegende Schlafzimmer sind sehr einfache, niedrige Räume. Nichts deutet auf einen vornehmen, reichen Besitzer. Die Studierstube würde heute nur Wenigen genügen, die sich zum Mittelstande rechnen; für „standesgemäß“ würde sie Niemand halten. Alles darin ist zur Arbeit bestimmt, zum Lesen, Schreiben oder Experimentieren: kein Sofa, kein bequemer Stuhl, keine Gardinen, sondern nur Rollvorhänge aus dunklem Rasch. Ein Sofa war lange darin, aber noch in hohem Alter ließ Goethe es hinaustragen, um Platz für seine geliebten Sammlungen zu gewinnen. Auch an denBüchern ist keine Pracht; seine gesammelten Werke sind auf das schlichteste eingebunden: er nahm ja auch seine berühmtesten Dramen oder Gedichte jahrzehntelang nicht wieder in die Hand. Nur ein Möbel hatte Goethe in dieser Stube, das wir nicht kennen: ein kleines Korbgestell, das sein Taschentuch aufnahm. Und auf dem Tische liegt ein Lederkissen, auf das er die Arme legte, wenn er dem gegenüber sitzenden Schreiber diktierte.

Er war über achtzig Jahre alt, als er zum getreuen Eckermann sagen konnte:

Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa; ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anbringen lassen. Eine Umgebung von bequemen, geschmackvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen passiven Zustand.

Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa; ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anbringen lassen. Eine Umgebung von bequemen, geschmackvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen passiven Zustand.

Grundriß des Obergeschosses in Goethes Stadthause.⇒GRÖSSERES BILD

Grundriß des Obergeschosses in Goethes Stadthause.⇒GRÖSSERES BILD

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Goethes Arbeitszimmer.VonHeinrich Tessenow.⇒GRÖSSERES BILD

Goethes Arbeitszimmer.VonHeinrich Tessenow.⇒GRÖSSERES BILD

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Gartenweg neben Goethes Arbeits- und Schlafstube.Aufnahme vonL. Held.⇒GRÖSSERES BILD

Gartenweg neben Goethes Arbeits- und Schlafstube.Aufnahme vonL. Held.⇒GRÖSSERES BILD

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Goethes Schlafzimmer.⇒GRÖSSERES BILD

Goethes Schlafzimmer.⇒GRÖSSERES BILD

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Die einzige Schönheit dieser „Klosterzelle“, die der alte Herr oft wochenlang nicht verließ, war, daß sie ebenso ruhig und friedlich war, wie wenn sie wirklich zu einem Kloster gehöre; kein Lärm von der Straße drang hierher, und die Fenster gingen in den schlafenden „Klostergarten.“ Hier stand er an frühen Winterabenden und blickte auf die Schneelast der Bäume, während sein geliebter großer Ofen die Eisblumen vom Fenster abwehrte. Am Tage freute er sich dann, wie die im Winter willkommene Mittagssonne sein ganzes Zimmer durchleuchtete. Wenn nun die Tage länger wurden, erschienen „Schneeglöckchen, Krokus und andere niedliche Frühblumen in Büschel und Reihen“ vor seinem Fenster, und bald sah man ihn dann mit demGärtner die buchsbaumumsäumten Gartenwege eifrig hin und wieder schreiten, das Säen und Pflanzen anordnend, bei dem er früher so gern selber Hand angelegt.

Noch schlichter als die Studierstube ist sein Schlafzimmer. In dem kleinen Gemache ist außer seinem Bette fast nichts vorhanden als der Lehnstuhl, in dem er starb, und daneben ein kleines Tischchen, auf dem noch heute die letzte Medizin steht. Eine Art Waschtisch sehen wir noch, ein sehr kleines Ding mit einem sehr kleinen Waschbecken, wie wir es jetzt kaum noch in Dorfwirtshäusern vorfinden.

***

Eine Eigentümlichkeit Goethes war sein Bedürfnis, mehrere Wohnungen gleichzeitig zu haben und mit ihnen zu wechseln. Diese „etwas breite Existenz“, die er im eigentlichen, räumlichen Sinne führte, erklärt sich nicht völlig aus den verschiedenen Darbietungen und Forderungen der Jahreszeit oder aus seinen verschiedenen Beschäftigungen. Eine Unrast, die ihn sein ganzes Leben zuweilen ergriff, und andere, innerliche Gründe veranlaßten ihn oft, der gewöhnlichen Umgebung zu entfliehen. Schon in seinen ersten weimarischen Jahren hatte er zugleich Stadtwohnungen[5]und sein Häuschen an der Ilm, und dies mehrfache Wohnen behielt er sein Leben lang bei. Im Januar 1794 plante Goethe, obwohl er doch schon zwei Besitzungen hatte, den Ankauf eines großen Landgutes, das 45000 Taler kostensollte. Einige Jahre (1798-1803) besaß er, wie schon erwähnt, das Freigut in Oberroßla; 1808 hatte er große Lust, sich in Frankfurt eine Wohnung zu längeren Besuchen zu mieten.[6]

Vom Sommer 1794 an wohnte Goethe auf viele Jahre in zwei Städten abwechselnd. Denn er hielt sich nun Monate lang auch in Jena auf, teils aus eigenem Triebe, weil er dort ungestörter arbeiten konnte, teils weil der Herzog und sein Ministerkollege Voigt seinen Einfluß auf die Professoren für zuträglich hielten.

In der ersten Zeit hatte er sein dortiges Quartier im Schlosse. Es scheint aber, daß er in diesem Schlosse nur ein einziges kleines Zimmer zum Wohnen und Schlafen benutzte. Im Mai 1809 richtete er sich im Botanischen Garten „eine Art zweiter Wohnung“ ein. Im Frühjahr und Sommer 1818 schlief er bei Inspektor Bischoff, verbrachte die Tage aber in einer Mansarde des Gasthofs zur Tanne in Kamsdorf, also an der Brücke auf der andern Seite der Saale: es war ihm um den Blick auf den Fluß und die weite Aussicht zu tun. Frau Frommann schilderte dies Mansardenzimmer ihrem Sohne:

In der Mitte ein großer Tisch mit Landkarten, auch solche vom Harz und Thüringer Waldgebirge, wo es unruhigwird und braut, denn er beobachtet mit Gläsern und bloßen Augen die Wolken, führt darüber ein Tagebuch. Auch Bücher liegen auf dem Tisch und eine Vase Blumen mit angesteckten Zetteln. Die ganzen Wände sind bedeckt mit guten Zeichnungen, Kupferstichen, zierlich in den Ecken angeheftet. An der einen Seite ein großes, wohl vier Ellen langes Panorama von Rom, an der entgegengesetzten eine etwas kleinere Ansicht von Dünkirchen – die Peterskirche mit den spitzen Türmen – den Einzug Ludwig XIV., Allongenperücken, mit Roß und Mann; gleich darüber eine gute Sepiazeichnung von einer Greueltat aus der biblischen Geschichte. Das Sofa voll Bücher, Hefte in Menge ... Vor dem Fenster liegt immer der artige schwarze Spiegel, um die schönsten Miniaturlandschäftchen zu geben. Die Brücke, das rauschende Strömen der Saale geben herrliche Unterhaltung ... Keine Bequemlichkeit im ganzen Raum als das Bett, worauf er sich abwechselnd legt.

In der Mitte ein großer Tisch mit Landkarten, auch solche vom Harz und Thüringer Waldgebirge, wo es unruhigwird und braut, denn er beobachtet mit Gläsern und bloßen Augen die Wolken, führt darüber ein Tagebuch. Auch Bücher liegen auf dem Tisch und eine Vase Blumen mit angesteckten Zetteln. Die ganzen Wände sind bedeckt mit guten Zeichnungen, Kupferstichen, zierlich in den Ecken angeheftet. An der einen Seite ein großes, wohl vier Ellen langes Panorama von Rom, an der entgegengesetzten eine etwas kleinere Ansicht von Dünkirchen – die Peterskirche mit den spitzen Türmen – den Einzug Ludwig XIV., Allongenperücken, mit Roß und Mann; gleich darüber eine gute Sepiazeichnung von einer Greueltat aus der biblischen Geschichte. Das Sofa voll Bücher, Hefte in Menge ... Vor dem Fenster liegt immer der artige schwarze Spiegel, um die schönsten Miniaturlandschäftchen zu geben. Die Brücke, das rauschende Strömen der Saale geben herrliche Unterhaltung ... Keine Bequemlichkeit im ganzen Raum als das Bett, worauf er sich abwechselnd legt.

Nicht viel anders sah es in seiner Wohnung im Botanischen Garten aus, die er doch auch viele Jahre beibehielt. Er sprach selber im Herbst 1821 von einer „unscheinbarsten Hütte“ oder der „morschen Schindelhütte“, in der er dort lebe. Ein junger Balte, v. Weltzien, fand diese Wohnung von außen „sehr schofelig“ und drinnen nicht viel besser.

Goethe hält sich gewöhnlich in einem Zimmer eine Treppe hoch auf, welches blau angestrichen und mit vielen Kupferstichen behängt ist. Im Zimmer selbst sieht es ziemlich liederlich aus; alle Tische und Fenster liegen voll Kalender, Bücher usw. Nebenan stößt eine Schlafkammer.

Goethe hält sich gewöhnlich in einem Zimmer eine Treppe hoch auf, welches blau angestrichen und mit vielen Kupferstichen behängt ist. Im Zimmer selbst sieht es ziemlich liederlich aus; alle Tische und Fenster liegen voll Kalender, Bücher usw. Nebenan stößt eine Schlafkammer.

Man kann sich Goethe recht gut in den herrlichsten Räumen denken, und er hat sich oft darin bewegt. Aber seine eigentliche Heimat hatte er doch in bescheidenstenStübchen. So sprach sich der Achtzigjährige zu Eckermann aus:

Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt; man ist zufrieden und will nichts weiter. Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich faul und untätig. Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind, ein wenig unordentlich-ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner Natur volle Freiheit, tätig zu sein und aus mir selber zu schaffen.

Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt; man ist zufrieden und will nichts weiter. Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich faul und untätig. Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind, ein wenig unordentlich-ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner Natur volle Freiheit, tätig zu sein und aus mir selber zu schaffen.

[2]Goethes Tagebuch, 18. Mai 1776.[3]Eckermann unter dem 22. März 1824.[4]Außer diesem Garten besaß Goethe seit 1796 durch Christianes Betreiben ein Krautland hinter der Lotte (jetzt Lassenstraße 27); bei seinem Tode vermachte er es seinem letzten Diener Friedrich Krause.[5]Burgplatz 1, Fürstenhaus und Seifengasse 16.[6]Übrigens besaß Goethe 1818 am Alten Markte in Frankfurt ein kleines Haus, das er vielleicht nie betreten oder auch nur angesehen hat. Er hatte von der Mutter her einen Insatz darauf, den er ausklagen mußte, weil der Mieter die Zinsen nicht bezahlte; in der Versteigerung mußte er das Haus kaufen.

[2]Goethes Tagebuch, 18. Mai 1776.

[2]Goethes Tagebuch, 18. Mai 1776.

[3]Eckermann unter dem 22. März 1824.

[3]Eckermann unter dem 22. März 1824.

[4]Außer diesem Garten besaß Goethe seit 1796 durch Christianes Betreiben ein Krautland hinter der Lotte (jetzt Lassenstraße 27); bei seinem Tode vermachte er es seinem letzten Diener Friedrich Krause.

[4]Außer diesem Garten besaß Goethe seit 1796 durch Christianes Betreiben ein Krautland hinter der Lotte (jetzt Lassenstraße 27); bei seinem Tode vermachte er es seinem letzten Diener Friedrich Krause.

[5]Burgplatz 1, Fürstenhaus und Seifengasse 16.

[5]Burgplatz 1, Fürstenhaus und Seifengasse 16.

[6]Übrigens besaß Goethe 1818 am Alten Markte in Frankfurt ein kleines Haus, das er vielleicht nie betreten oder auch nur angesehen hat. Er hatte von der Mutter her einen Insatz darauf, den er ausklagen mußte, weil der Mieter die Zinsen nicht bezahlte; in der Versteigerung mußte er das Haus kaufen.

[6]Übrigens besaß Goethe 1818 am Alten Markte in Frankfurt ein kleines Haus, das er vielleicht nie betreten oder auch nur angesehen hat. Er hatte von der Mutter her einen Insatz darauf, den er ausklagen mußte, weil der Mieter die Zinsen nicht bezahlte; in der Versteigerung mußte er das Haus kaufen.


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