Zur sechsten Auflage.

Zur sechsten Auflage.

Vielleicht hätte ich ein Buch, das bereits in 14000 Abzügen verbreitet und überall freundlich aufgenommen wurde, nicht so stark umgestalten sollen, wie bei dieser neuen Ausgabe geschehen. Aber da ich mich beständig mit Goethes Leben, Werken und Umwelt beschäftige, so kann es nicht ausbleiben, daß meine Kenntnisse zunehmen, meine Auffassungen sich ändern, manche neue Erklärungen sich ergeben und manche Zusammenhänge deutlich werden, die ich früher nicht sah.

Als ich vor vierzehn und dreizehn Jahren dies Buch schrieb, hieß die Aufgabe, die ich mir gewählt hatte: ‚Goethe als Mensch‘. Mit diesem Titel sandte ich die Handschrift an „E. S. Mittler & Sohn“, d. h. anDr.Theodor Toeche-Mittler, der jetzt nach einer sehr fruchtbaren Tätigkeit dem im gleichen Sinne wirkenden Sohne zusieht. Dieser ältere Freund nahm als ein aufrichtigster Verehrer unseres Dichters an meinen ersten Arbeiten auf diesem Gebiete einen herzlichen Anteil und fügte deshalb seinem bereits sehr ausgebreiteten Verlagshause noch ein Angebäude für Goethe-Bücher hinzu. Das neue Buch, meinte er damals, müsse in ‚Goethes Lebenskunst‘ umgetauft werden. Ich fügte mich, und der Erfolg hat ihm recht gegeben, denn Niemand hat den Titel beanstandet, und einige Beurteiler haben ihn ausdrücklichals zutreffend gelobt. (Nur Signild Wejdling, die eine schwedische Übersetzung herausgab, hat, ohne von mir zu wissen, die ursprüngliche Überschrift vorgezogen: ‚Goethe såsom Människa‘.) So hat also der Verfasser des Buches dem Namengeber zu danken; aber der Leser soll doch wissen, wie die Aufgabe eigentlich gestellt war und daß nicht etwa die Absicht einer Goethe-Verherrlichung zu Grunde lag oder liegt. Es soll durchaus nicht Alles, was hier mitgeteilt wird, als klug und weise gelten; sehr oft tritt eben nur „Goethe als Mensch“ vor uns.

„Wie lange wird es dauern“, sagte er 1809 zu Falk, „so werden sie auch an mich glauben und mir Dies und Jenes nachsprechen. Ich wollte aber, sie behaupteten ihr Recht und öffneten ihre Augen selbst.“

Weimar, Neujahr 1913.

Ein Münchener Nervenarzt schrieb mir einmal, er verordne dies Buch seinen Patienten. Ich weiß nicht, welche Erfolge er damit hat, und wünsche mir mehr gesunde Leser als krankhaft erregte. Aber wahr ist es, daß dies Buch ein ruhiges und beruhigendes ist. Das fällt mir selbst auf, weil ich die neue Auflage in den unruhigsten Zeitläuften, die wir je erlebt haben, abschließe.

Weimar, Neujahr 1919.

Dr.Wilhelm Bode.


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