Chapter 6

Zunächst gab Imgjor keine Antwort, es war ihr vorerst Bedürfnis, mit Curbière über den Tod seines Vaters zu sprechen. Sie ließ sich ausführlich von ihm erzählen, hörte aufmerksam zu und drückte ihm voll Teilnahme die Hand, als ihn zuletzt eine weiche Stimmung ergriff, als er in bewegten Worten betonte, daß er mit dessen Tode das bisher Beste auf der Welt verloren habe, was er sein eigen genannt hätte.

"Sie haben Lucile dafür gefunden, lieber Armand! So war das Schicksal schon vorher mitleidig für Sie bedacht, Ihnen für das, was es Ihnen nehmen mußte, einen Ersatz zu gewähren."

Curbière bewegte stumm das Haupt, dann sah er Imgjor mit einem tiefem, alle seine Gedanken und Sinne auf sie richtenden Blick an und sprach ein kurzes, zerstreutes: "Gewiß—allerdings!"

"Ich habe Ihnen noch eine Antwort zu geben," lenkte Imgjor rasch und umsichtig ab. "Den Vortrag werde ich nicht halten; man hat mich unerwartet meines Wortes entbunden. Also beruhigen Sie meinen Vater! Aber, lieber Freund, ich werde auch keine Lavard wieder werden. Es sei denn—"

"Nun, Imgjor?" Curbière sprach's gespannt.

"Daß ich allem entsage, und für immer nach Rankholm zurückkehre. Und eben das vermag ich nicht, so sehr ich meine Pflegeeltern zu verehren Anlaß habe, und so sehr ich es liebe und mich nach jedem Plätzchen sehne, wo ich als Kind glücklich war. Ich kann eben nicht im Ueberfluß und ich kann nicht ohne Hingabe an meine Mitmenschen leben!"

"Wollen Sie denn in Kopenhagen bleiben, Imgjor?"

"Nein—hier haben mir Verleumdung und Mißgunst den Aufenthalt unmöglich gemacht. Ich wüßte nur einen Ort, wohin ich paßte—"

"Und der wäre?"

"Ich möchte nach Paris. Da, glaube ich, würde ich in Thaten umsetzen können, was mir als Ideal vorschwebt. Dort ist der Boden für mich, und finde ich solche, die gleich mir denken!"

Im ersten Augenblick belebten sich Curbières Augen. Sie sprach mit solcher Begeisterung von seiner Vaterstadt, von Paris! Das schmeichelte ihm. Aber ebenso rasch gewannen andere Gedanken die Oberhand. Alles war verloren, wenn er ihr nicht gerade diese Idee ausredete! Er wußte, daß sie dort nicht nur nichts erreichen, sondern sicher untergehen würde. In diesem Sinne sprach er auf sie ein. Nachdem er alle ihre Einwendungen überzeugend widerlegt hatte, schloß er: "Und wollen Sie uns ein Opfer bringen, sich selbst auch Ihrem eigenen Ich zurückgeben, so heiraten Sie den Grafen Dehn! Ich verschwieg Ihnen sein Kommen. Er ist gestern eingetroffen und kehrt morgen abend mit den Ihrigen nach Rankholm zurück. Daß er Sie noch mit der alten Leidenschaft liebt, weiß ich."

Imgjor hatte mit Leichenblässe im Angesicht die letzten Worte vernommen, auch hatten ihre Hände unwillkürlich nach einem Stützpunkt gegriffen. Da war nun wieder ein neuer Ansturm auf ihr Inneres, nun kam auch noch diese Versuchung!

Aber kurz war nur ihr Kampf. Prestö hatte sie geliebt, weil sie gehofft hatte, durch ihn ihre Ideale verwirklichen zu können. Axel Dehn liebte sie mit der Stärke jener Liebe, die aus Achtung entspringt. Ein lebhaftes Interesse für den Franzosen war in ihr aufgestiegen, weil er neben seiner weltmännischen Erziehung wiederholt an den Tag gelegt hatte, daß er ein Mann von Verstand und Geist war, und daß er zugleich ein edles Herz besaß. Aber Prestö hatte sie inzwischen hassen gelernt, Graf Axel Dehn wollte sie nicht lieben—und Curbière gehörte ihrer Schwester an! So war alles entschieden. Indem sie Curbière mit einem Blick ansah, durch den sie schon voraussandte, daß sie sich nur mit der ernsten Seite dieses ernsten Gegenstandes beschäftigte, sagte sie: "Ich vermag nicht zu beurteilen, ob Sie den richtigen Weg wählten. Es wäre ja auch möglich gewesen, daß Sie durch solche Offenherzigkeit gerade das Gegenteil bewirkt hätten! Sie haben mir zu allem, was ich zu tragen habe, noch etwas Schweres aufgebürdet. Sie haben aber meine Freundschaft angerufen, und das soll nicht umsonst geschehen sein, Armand! Ich verzichte darauf, nach Paris zu gehen, aber Ihre Bitte, den Grafen Dehn zu heiraten, vermag ich nicht zu erfüllen. Ich werde nie heiraten, weder ihn, noch einen anderen!"

Bei diesen Worten sah sie ihn mit einem so unbeugsamen Ausdruck an, daß der Mann fernere Versuche, sie umzustimmen, ausgab. Noch einen Händedruck tauschten sie beide mit den Gedanken reiner Seelen. Dann ging er. Sie aber sank, während das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe verklang, in tiefem innerem Verstummen zurück.

* * * * *

Am Nachmittag bestieg Imgjor einen Tramwaywagen und begab sich nach der Wohnung der alten Frau Ohlsen. Es war ihr, dort angekommen, schon auffallend, daß sie eine Anzahl Frauen und Männer, lebhaft sprechend, auf dem Hofe fand, und sie erschrak nicht wenig, als ihr auf ihre Frage, ob etwas geschehen sei, erwidert wurde, daß den Alten in der Frühe der Schlag gerührt habe.

Durch Zufall habe man es entdeckt, habe auch die Alte davon Kenntnis erhalten. Sie habe geglaubt, daß er schon fortgegangen sei, als sie einen schweren Fall in der Küche gehört. Imgjors erster Gedanke bei diesem Unglück war die Ueberlegung, was jetzt als der hilflosen Witwe werden solle. Nun waren ihr durch diesen Tod die Neben-Hilfsmittel zum Leben ganz entzogen. Und von dieser Erwägung richteten sich ihre Vorstellungen auf das Nächstliegende. Der Mann mußte beerdigt werden. Sie gab einem zu solchen Zwecke von ihr bezahlten Mann Auftrag, sich sogleich fortzubegeben, um eine Leichenwäscherin zu bestellen und einen Tischler zur Anmessung des Sarges herbeizurufen. Und nachdem das geschehen war, trat sie zu der Alten, sprach sanfte Trostworte und erklärte ihr möglichst schonend, daß sie nunmehr in das Armenfrauenhaus übersiedeln müsse. Auch eröffnete sie ihr, daß sie, Imgjor, demnächst Kopenhagen verlassen würde und persönlich in keiner Weise mehr für sie zu sorgen im stande sei.

Und die Blinde beugte das Haupt wie unter einem Schlage, während Thränen aus ihren lichtlosen Augen tropften. Noch begab sich Imgjor dann in die Küche um nach dem Toten zu sehen. Freilich, was sich ihr bot, war erschütternd. Kalt, steif und unbeweglich lag der alte Mann auf dem Fußboden. Ihn zu betten, war erforderlich. Und solches veranlaßte Imgjor durch die Nachbarn, und nachdem auch das geschehen, erklärte sie der alten Frau, ihr für die nächsten Tage eine Hilfe schicken zu wollen. Sie beschloß, ihr Gebine zu senden. Auch ihre Ueberführung in das Armenfrauenhaus zu betreiben, versprach sie ihr nochmals, und nachdem die Alte dazu mit tief gerührten Gefühlen genickt, nahm Imgjor von ihr Abschied.

"Adieu, Adieu, Frau Ohlsen! Tragen Sie, was Gott Ihnen schickte, mitGeduld! Viele haben es noch weit schwerer—"

Und die Alte nickte abermals, während sie Imgjors Hände mit ihren mageren Fingern fest umklammerte.

"Gott segne Sie, Komtesse!" schluchzte sie. "Ich werde immer an Sie denken, und noch mit meinem letzten Atemzuge werde ich Segen auf Sie, als einen menschlichen Engel, herabflehen!"

Imgjors Augen wurden naß. Alle Mühsalen, aller Undank waren vergessen, den sie von anderen erfahren hatte, um dieser einen willen, in deren geprüftem Herzen noch Gottvertrauen, noch edle Empfindungen, noch Dankgefühle Platz hatten. Dann, mit einem letzten Händedruck, sagte sie: "Geld und mein Mädchen werde ich Ihnen schicken. So ist für alles gesorgt. Adieu! Adieu! Gott schütze Sie, meine gute Alte!"

Und: "Adieu! Adieu!" schluchzte die Alte, aus derem verdunkeltem Dasein mit Imgjor der letzte matte Lichtschimmer schwand.

Imgjor aber richtete, hinaustretend, das Auge nach oben. Sie fand sich mit ihrem immer wieder vertrauenden Herzen und mit ihrem heißen Drange nach Liebesthaten von neuem gehoben. Es gab doch noch Empfängliche, doch noch Dankbare. So überlegte sie abermals.

Nachdem sich Imgjor eben abends in ihrem Wohngemach eingerichtet hatte, wurde an der Klingel gezogen, und Doktor Kropp erschien, um verabredetermaßen über seinen Besuch bei Kollund Bericht abzustatten. Und Imgjor trat ihm mit nicht geringer Spannung entgegen und that schon, bevor er noch Platz genommen, eine Frage nach dem Ergebnis.

"Anfangs wies er meine Forderung auf einen Verzicht schroff zurück," entgegnete der Doktor, Platz nehmend. "Er wolle," erklärte er, "mit Ihnen selbst reden und Sie an Ihr gegebenes Wort erinnern. Dieselben Unwahrheiten, die er gegen Sie vorgebracht hatte, erneuerte er; er nahm den Mund sogar noch voller. Erst als ich erklärte, daß ich in einer der Kopenhagener Zeitungen veröffentlichen würde, welchen Charakter die Forderungen hätten, die er an Sie, gnädigste Komtesse, in dieser Angelegenheit gestellt habe, gab er, sich krümmend, nach. Aber eine Flut von Anschuldigungen folgte sowohl gegen Sie, wie gegen mich, bevor ich ihm, nach einer nochmaligen, gründlichen Abfertigung den Rücken kehrte."

"Ah—also wirklich!" stieß Imgjor, von tiefem Abscheu ergriffen, heraus. Dann reichte sie Kropp bewegt die Hand, sprach ihm ihren Dank aus und händigte ihm die Summe ein, die er Kollund bezahlt hatte. Zum Schluß bat sie ihn, noch so lange zu verweilen, bis sie ihm eine Tasse Thee bereitet habe. Sie umging es, daß er sie sonst noch sprechen wollte, weil ihr Zeit und Ort doch nicht geeignet schienen. Im Grunde hoffte sie, daß er ihre Aufforderung ablehnen werde. Aber er, der überhaupt keine anderen Gedanken hatte als sie, der überdies nichts erwarten konnte zu erfahren, durch welche Umstände sie ihres Reichtums und ihres Namens verlustig gegangen war, stimmte dankend zu, und saß noch neben ihr, als schon die Uhr vom Kirchturm die zehnte Stunde verkündet hatte. Dann aber drängte sie ihn selbst zum Gehen, und als er dann noch eine mitleidige Frage that, was sie denn nun beginnen, wohin sie sich wenden wolle, sagte sie: "Eine Woche brauche ich beinah' noch, um hier alles zu ordnen, um auch von denen Abschied zu nehmen, die mir im Laufe dieser Jahre näher getreten sind. Dann will ich irgendwo eine Stelle als Schwester in einem Krankenhause im Norden oder auch im südlichen Deutschland suchen. Was dann später geschieht, müssen Zeit und Gelegenheit lehren. Immer hoffe ich noch, daß ich Gleichgesinnte, Ehrliche und zugleich Begüterte finde, die sich mit mir zur Verwirklichung von Reformen im Großen verbinden. Die Mißerfolge, die traurigen Erfahrungen, die mir unter den Armen wurden, dürfen mich nicht abschrecken. Auch in meinen Kreisen giebt's wertvolle und minderwertige Personen. Ist die Masse auch roh, so ist sie doch bildungsfähig. Man muß sie nur auf den rechten Weg leiten."

"Können Sie sich denn nicht vorstellen, daß es auch fruchtbringend ist, im Kleinen zu wirken, gnädigste Komtesse?" wandte Kropp vermittelnd ein.

"Gewiß, Herr Doktor! Auf Rankholm, der großen Besitzung meines Vaters, suchte ich den Armen und Leidenden ein hilfreicher Freund zu sein. Aber dort war es das Wohlleben in der Familie, der Luxus, der mich umgab, die mich anwiderten. Auch andere Verhältnisse trieben mich fort, und nun—ich erzählte Ihnen ja alles—hat sich ja überhaupt die Trennung zwischen mir und den Meinigen vollzogen. Ich muß mich jetzt treiben lassen—mir bleibt keine Wahl."

"Doch, doch, Komtesse!—Es giebt sehr viele, die namenlos glücklich sein würden, wenn sie ihr Schicksal mit dem Ihrigen verbinden dürften! Auch ich gehöre zu ihnen—" schloß Kropp feurig und einen liebewarmen Blick auf Imgjor richtend. "Ich liebte Sie von dem ersten Augenblick an, Komtesse! Ihre Stellung, Ihr Ansehen, Ihr Name ließen mich verschweigen, was ich für Sie empfand. Wie konnte, durfte ich wagen, um die Hand einer Gräfin Lavard zu werben? Heute aber, wo Sie sich selbst zu meinesgleichen gemacht, fasse ich den Mut, zu sagen: Werden Sie mein! Lassen Sie uns zusammen einen Ort suchen, wo wir uns und der Allgemeinheit leben, wo wir in bescheidenerer und guter Weise das zum Ausdruck bringen können, was Sie edelmütig anheben. Sie haben mich kennen gelernt. Sie wissen, daß ich nicht zu den Wortmachern gehöre, daß ich Vernünftiges redlich erstrebe. So bin ich Ihrer vielleicht nicht unwert, so darf ich vielleicht hoffen, daß ich auch Ihnen nicht ganz gleichgiltig bin—"

"Nein, Sie sind mir nicht gleichgiltig, ich achte Sie hoch, lieber Herr Doktor!" fiel ihm Imgjor, die erst mit gesenkten Wimpern, dann sich mit offenen Augen ihm zugewendet und zugehört hatte, in die Rede. "Aber ich kann—so schmerzlich mir diese Antwort ist—die Ihrige nicht werden. Ich will überhaupt nicht heiraten. Ich liebte einmal und wurde grenzenlos betrogen. Da that ich einen Schwur, einem Manne niemals wieder die Hand zum Bunde zu bieten."

"Ist nicht aber das Leben da, um aus ihm zu lernen, Komtesse? Lehrten Sie nicht Ihre Erfahrungen, wie hohl die große Masse ist, wie wenig glücklich eine Beschäftigung mit ihr macht, wie nur ein treues Streben im kleineren Kreise beglückt—und lehrt es nicht, daß das eben auch das Richtige ist? Wer herrschen, reformieren will, braucht Macht und zehnmal Macht, durch die er allein die Massen zu bezwingen vermag. Und wiederum: Wenn Sie in die Weltgeschichte blicken, wie wenige konnten diese Stärke und Fülle richtig anwenden, und wie Geringes haben sie, waren ihre Absichten noch so ehrlich, erreicht! Sie besitzen diese Macht schon deshalb nicht, weil Sie über keine Mittel mehr verfügen, Komtesse! Lassen Sie ab von dem Greifen nach Sternen! Wo immer sich in engeren Kreisen die Menschen zu Liebeswerken zusammenthun, da wird's etwas. Aus diesem Wirken resultieren die großen Errungenschaften der Humanität, die praktischen Ergebnisse eines richtig verstandenen Christentums! Und noch ein anderer Gesichtspunkt! Will nicht jeder glücklich sein, so lange ihm ein Dasein beschieden? Befriedigt Sie denn wirklich dieses Aufgehen ins Allgemeine? Was haben Sie erreicht? Man spottet Ihrer als einer Ueberspannten! Keiner dankt's Ihnen! Wo die Fähigkeit vorhanden wäre, den Wert Ihrer Bestrebungen zu erkennen, macht sich der Neid breit, sicher die Oberflächlichkeit, die schon deshalb die Dinge verurteilt, weil sie selbst keinen Geschmack daran findet, oder sie zu untersuchen zu träge ist. Habe ich nicht recht, Komtesse?" schloß Kropp, als Imgjor nichts erwiderte, als sie, in tiefes Nachdenken versunken, vor sich hinstarrte. Sie kämpfte, wie neuerdings schon wiederholt. Für Sekunden flog's ihr durch den Sinn, daß er die Wahrheit getroffen, und daß er der Mann sei, durch den sie sich und andere glücklich machen könne. Aber wie kleine Einwirkungen häufig ein schon hoch aufgerichtetes Gebäude zum Fallen bringen können, so war's hier. Als ihr Blick während des Sinnens auf ihren Schreibtisch und dabei auf ein Bild von Rankholm fiel, trat ihr plötzlich alles dort Geschehene und trat ihr auch wieder Graf Axel Dehn ins Gedächtnis. Und das entschied. Da sie diesem ein "Nein" gesagt, wollte, durfte sie auch Kropp kein Jawort geben. So lehnte sie abermals ab, und so schied mit ihm wieder ein Freund und ein Mann aus ihrem Leben, der ihr von Herzen zugethan war und der es gut mit ihr meinte.

* * * * *

Im Rankholmer Palais hielt man Familienrat und dessen Gegenstand war, wie so oft, Imgjor.

Nur ein Mittel gab's, von dessen Anwendung Lucile und die Gräfin noch etwas erwarteten. Sie schöpften aus dem Umstande, daß in dem damaligen Gespräch der Geschwister in Rankholm ohne Zweifel ein starkes Interesse Imgjors für Axel zum Ausdruck gelangt war, die Hoffnung, er, Axel, werde durch einen klugen Anlauf vielleicht doch noch ihr Herz in einem für ihn günstigen Sinne rühren können. Daß in ihm die alten Gefühle nicht erloschen seien, hatte er gleich bei der ersten zwischen ihm und den Damen stattgefundenen Unterredung erklärt. Er hatte geäußert, daß ihn eine grenzenlose Sehnsucht beherrsche, sobald wie möglich in Imgjors Nähe zu gelangen. Und dieser Drang hatte sich bis ins Ungemessene verstärkt, als Lucile ihm nun auch—alle Bedenken, die sie früher mit Rücksicht auf sich selbst abgehalten—eröffnet hatte, was in jener Unterhaltung für ihn zu Tage getreten war.

Graf Dehn hatte die Neigung der Familie, den Aufenthalt in Kopenhagen noch um etwas zu verlängern, mit allen Mitteln zu befestigen und durch Unterredungen mit dem Grafen auch dessen Widerstand gegen seine Pflegetochter wesentlich zu mildern gewußt. Er hatte in förmlicher Weise um Imgjors Hand bei dem Grafen angehalten und von ihm die Erlaubnis erwirkt, nach seinem Ermessen die Schritte zu thun.

Zunächst verabredete er mit Lucile, die sich seinen Plänen mit liebenswürdigem Eifer widmete, die nun, nachdem ihr Herz durch einen anderen Mann, den sie hingebend liebte, ausgefüllt war—alle Bedenken und eifersüchtigen Regungen abgestreift hatte, daß sie Imgjor sogleich besuchen und ihr unter besonderer Begründung die Bitte vorlegen solle, Axel empfangen zu wollen. Lucile ging auch sogleich ans Werk.

Sie ließ sich, vorher noch einige die Trauer angehende Besorgungen erledigend, in der Lavardschen Equipage nach Imgjors Wohnung fahren und fand ihre Schwester in der vordem erwähnten Gemütsverfinsterung an ihrem Arbeitstisch.

Als die durch Gebines Anmeldung aus ihrem dumpfen Sinnen Emporschreckende Lucile vor sich sah, legte sie die Feder rasch und verlegen bei Seite, auch schob sie ihr Tagebuch, in das sie etwas hineingeschrieben, unter andere Papiere. Freilich erlitt der Schwertern Begegnung sogleich wieder eine Unterbrechung. Man schickte nach Imgjor, und diese eilte unter sanftem Ausdruck ihrer Schwerer Zustimmung erbittend, über die Straße an das Krankenbett einer armen Frau.

Und weil Imgjor ein längere Weile fortblieb, griff Lucile nach einem auf dem Tisch liegenden Buch und fand in diesem einige von Imgjors Hand herrührende, offenbar für das Tagebuch bestimmte, zufällig hier hineingeratene Niederschriften, die ihr Interesse fesselten. Sie lauteten: "Eine einzige That des Edelmuts und eine einzige Unvorsichtigkeit sind genügend, um einem Menschen für immer bei der Menge den Stempel seines Wertes oder seines Unwertes aufzudrücken. Vielleicht verdienten sie beides nicht. Zu allem gehört Glück, aber auch dazu, für etwas anderes zu gelten, als man ist."

Und noch eine Betrachtung hatte Imgjor auf die andere Seite geschrieben, die Lucile las, bevor ihre Schwester wieder ins Zimmer trat: "Gehemmte Liebe gleicht einem vergeblich nach einer Flamme ringendem Feuer. Wie dort unter kämpfendem Rauch, unheimlichem Schwelen und Qualmen der Gegenstand zu Asche verglimmt, so hier allmählich unter dumpfen Qualen die Seele."

Gleich darauf trat Imgjor wieder ins Gemach.

"Ich komme," hub Lucile an und richtete einen liebenswürdigen Blick auf ihre Schwester, "um dich um etwas zu bitten: Graf Dehn möchte dich sprechen! Er beruft sich darauf, daß du ihm einst eine Unterredung zugefügt habest, und daß er, da er von diese keinen Gebrauch gemacht, noch Anrechte auf deine Zuvorkommenheit besitze. Wann willst du ihn empfangen, liebe Imgjor?"

Zunächst fuhr Imgjor zusammen, und ihre Wangen verfärbten sich. Wie von einer schweren Denklast bedruckt, senkten sich ihre Augenlider, und die Finger griffen, unter dem Druck der Erregung, in die Handflächen.

"Wann wünscht Graf Dehn die Unterredung?" warf sie tonlos hin. "Und wo?"

"Nun—bei dir—oder besser—bei uns!"

Imgjor schüttelte den Kopf.

"Was habe ich noch bei Euch zu thun, Lucile? Wir haben uns doch für alleZeiten auseinandergesetzt."

"Nur du hast es Imgjor! Nachdem du von deinem Eigensinn, öffentlich zu sprechen, Abstand genommen, ist Papa wieder versöhnlich gestimmt. Du wirst ihm sogar ganz die Alte sein, wenn—"

"Ja, ich weiß: Wenn ich allem—allem entsage!—Ach, Lucile—" setzte das seelisch tief bedrückte, junge Mädchen an, brach in Schluchzen aus und fiel, wie damals in Rankholm, von ihren Gefühlen übermannt, neben ihrer Schwester nieder. Und hier blieb sie liegen, und erst als Lucile mit rührender Güte immer von neuem auf sie einsprach, erhob sie sich und fand wieder Halt und Fähigkeit zum Sprechen.

"Du zeihst mich des Mangels an Liebe zu Euch!" stieß Imgjor heraus, hielt in der Beklemmung den Atem an und ließ ihn dann langsam wieder der Brust entweichen.

"Und doch schwöre ich dir, daß ich Euch allen die die größten Opfer bringen würde, die ein Mensch zu bieten vermag, daß ich Euch über alles liebe! Wie viele Nächte habe ich durchgeweint, daß ich so beschaffen, daß ich nicht bin, wie Ihr wünscht! Ach, könnte ich diesen Drang nach Höherem, Befreiendem, könnte ich dies Allgemeingefühl für meine Schwestern und Brüder in der Welt aus meiner Brust reißen, mich, wie andere, in engeren Grenzen glücklich fühlen, dort für meine Art volle Befriedigung finden, ich würde Gott auf den Knieen danken! In solchem Sinne—ich bitte—Lucile—fasse mein Naturell auf und so mühe dich, den Eltern immer wieder mein Wesen zu erklären. Denket, daß der SchöpferEuchso erschaffen hätte! Dann werdet Ihr mich leichter begreifen."—

"Ja—ich will's, meine liebe, arme Imgjor! Aber nun, ich bitte, erteile mir eine Antwort für Graf Dehn—"

"Da ich ihm mein Wort gab, will ich es halten, Lucile! Nur weiß ich nicht, wo es geschehen kann! Er muß also warten oder hierherkommen. Wann wollt Ihr reisen?"

"Die Trauer macht es erforderlich, daß wir wieder nach Rankholm übersiedeln. Nur um deinetwillen haben wir unsere Abschiedsvisiten noch aufgeschoben. Wir möchten den Kondolenzbesuchen entgehen, mit denen man schon beginnt. Auch andere Gründe sprechen dafür, nachdem Curbière abgereist ist. Nur Graf Dehn will seinen Aufenthalt noch einige Zeit ausdehnen und dann—nach der Lausitz zurückkehren. Er hat die Absicht, jetzt das Gut, das ihm sein Onkel vererbt hat, selbst zu übernehmen."

"Was will er denn noch hier?" Imgjor sprach's mit ihrer altenSchroffheit.

Statt zu antworten, griff Lucile nach dem Schriftstück, das sie in dem Buch gefunden, und sagte: "Lasse mich dir als Erwiderung vorlesen, was du geschrieben hast, Imgjor!"

Und Lucile las: "Gehemmte Liebe gleicht einem vergeblich nach einerFlamme ringenden Feuer. Wie dort unter kämpfendem Schwelen, unheimlichemRauch und Qualmen, der Gegenstand zu Asche verbrennt, so hier unterdumpfen Qualen allmählich die—Seele."

Imgjor schloß erst die Augen. Blässe zog über ihre Wangen. Dann neigte sie das Haupt, reichte ihrer Schwester still die Hand und sagte: "Also morgen Mittag, Lucile, erwarte ich des Grafen Besuch. Wir werden dann für immer einen Abschluß erhalten."

Lucile sah erschrocken empor. Einen so düsteren Klang hatten die Worte.Aber als sie in Imgjors Zügen forschte und dort einen Ausdruck sanfterErgebung begegnete, zerstreuten sich ihre Gedanken.

Noch wenige Sekunden, dann hatten sich beide getrennt.

* * * * *

In einer herzklopfenden Erregung stieg am folgenden Mittag Graf Dehn zu der von Imgjor angesetzten Zeit die Treppe zu deren Wohnung empor. Er sah auch gleich die, nach der sein Herz verlangte.

Als er ihre Hand ergriff und sie tiefbewegt an seine Lippen zog, flog ein Zittern durch des jungen Mädchens Körper, und zunächst fehlten ihr die Worte.

Aber da sie nicht weich werden, da sie diesem Gespräch den Charakter nehmen wollte, den Graf Dehn ihm zu geben beabsichtigte, sagte sie mit sanfter Unterordnung im Ton:

"Ich bitte Sie inständig, Graf Dehn, mir dieses Wiedersehen nicht zu erschweren, mir es vielmehr zu erleichtern! Ich bin durch eine Krankenpflege meiner Kräfte so sehr beraubt, daß ich nicht fähig bin—" Hier stockte sie, ihre Hände griffen nach der Lehne eines Stuhles und fernere Worte versagten.

Und der Mann, tief ergriffen, wollte sie stützen. Aber sie gewann dann doch ihre Kraft zurück und sagte, während sie ihn durch eine Bewegung ersuchte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, nunmehr fest:

"Ich bitte, sagen Sie mir, was Sie zu mir führt! Ich weiß, die Höflichkeit,—die Rücksicht, die man dem Mitglied einer befreundeten Familie erweist, in erster Linie. Aber es ist noch etwas anderes. Ich entnahm es Luciles Worten. Ich werde Ihnen aufmerksam zuhören und glücklich sein, ich versichere Sie, wenn ich Ihnen—falls Sie einen Wunsch haben—solchen erfüllen kann! Ich vergaß nie und werde niemals vergessen, was ich Ihnen zu danken habe. Ich war damals krank und blind. Ich war deshalb namenlos ungerecht gegen Sie, Graf Dehn, obschon meine Achtung vor Ihrem Charakter stets dieselbe war. Schon nach der Richtung habe ich sehr viel gut zu machen, vielleicht so viel, daß ich die Schuld nie abtragen kann. Nehmen Sie dieses Eingeständnis und die Bitte, mir zu verzeihen, entgegen! Und nun? Ich höre!"

Nach diesen Worten sprach Graf Dehn in langer Rede, kam zurück auf die Vorgänge in Rankholm, erörterte, mit stetem Hinweis auf sie, Imgjor, die Gründe, weshalb er sich auf Reisen begeben, erklärte, daß er keinen Tag verlebt, ohne ihrer gedacht zu haben, und daß er nun, von Sehnsucht getrieben, sie wieder zu sehen, hierher, nach Kopenhagen, gereist sei.

"Ich vermag nur einmal zu lieben, Komtesse. Sie liebte ich seit der ersten Begegnung. Ich werde auch nie einem anderen Mädchen mein Herz schenken. Das alles wollte ich Ihnen sagen und Sie fragen, ob Sie mir nicht ein wenig gut sein könnten! Ich wollte Sie bitten, mir auf meine Besitzung zu folgen, um ein Glück zu finden, das in gegenseitiger Uebereinstimmung wurzelt und in Thaten der Nächstenliebe einen wesentlichen Teil seine Befriedigung findet. In jedem Fall—ich bitte, ich beschwöre Sie—entsagen Sie Ihren jetzigen Plänen! Begnügen Sie sich mit den Erfahrungen, die Sie einsammelten, die Sie belehrt haben müssen, daß nicht wir die Welt regieren können, sondern nur ein Werkzeug sind, um in gemessenen Grenzen bei der Ordnung der Dinge mitzuwirken. Thuen Sie es auch um Ihren Eltern, die Ihre Rücksicht so sehr verdienen,—zu beweisen, daß Sie nicht undankbar sind.

Ihr Pflegevater—es ist ersichtlich—wird sich innerlich und körperlich aufreiben, wenn Sie eine mit solchen Ungelegenheiten für Sie und die Familie verbundene öffentliche Wirksamkeit fortsetzen. Auch die Gräfin leidet unter diesen Verhältnissen mehr, als sie es ausspricht. Nur die Furcht, als Stiefmutter parteilich zu erscheinen, hält sie ab, sich anders zu geben, und stärker auf Sie, Komtesse, einzuwirken! Wahrlich, wir könnten alle von ihr lernen!"

Imgjor hatte aufmerksam zugehört. Nicht einmal war ein abweisender, oder spröder Ausdruck in ihre Züge getreten. Sie hatte seine Worte mit einer Miene aufgenommen, als ob ein Freund ihr von seinen Leiden erzähle, sanft sinnend und denkend, wie sie sich dazu verhalten solle.

Sie streckte ihm auch mit einem rührenden Blick die Hand hin, drückte die seinige fest, und sagte:

"Ich wußte, Graf Dehn, daß Sie gerade so sprechen würden. Deshalb wird es mir leicht, Ihnen gleich und ruhig zu antworten. In erster Linie nochmals Dank! Wenn die Achtung von Ihrer Person sich noch erhöhen könnte—ich spreche nicht von einer Zuneigung in anderem Sinne, und Sie werden gleich verstehen, aus welchen Gründen ich es unterlassen muß—so hätten Sie Ihren Worten keinen Inhalt erteilen können, der meine Empfindungen für Sie stärker zu erhöhen imstande gewesen wäre! Meine Antwort aber lautet: Ich will noch einen Versuch machen, mich auf eigene Füße zu stellen. Gelingt er, muß ich mir selbst treu bleiben. Ich kann nicht anders. Verzeihen Sie mir. Mein Entschluß ist unbeugsam!"

Und er fügte sich auf ihre Rede, obschon sie ihm schier das Herz zermalmte. Und dann sprach er: "Wohlan denn! Ich habe dann nur den innigen Wunsch, daß sich verwirklichen wird, was Sie soeben ausgesprochen haben! Mögen Sie einen Wirkungskreis finden, der Sie befriedigt, der Sie wahrhaft glücklich macht! Leben Sie wohl—Komtesse—Imgjor—Imgjor—teure Imgjor"—

Und dann geschah doch etwas.

Sie brach in Thränen aus, und er zog sie an sich, und einen Augenblick lag sie ohne ihren Willen an seiner Brust. Und dann, zum Bewußtsein zurückgekehrt, machte sie sich hastig los und bat sanft, aber fest im Ton: "Gehen Sie! Ich bitte! Gehen Sie!"

Noch einen letzten, tief verinnerlichten Blick gönnte sie ihm, dann that er, wie sie wünschte.

Nachdem er aber gegangen war, sank sie in ihren Sessel zurück und überdachte voll schwerer Wehmut, was geschehen war. Eines fiel ihr bei der Betrachtung besonders beklemmend auf die Seele, obgleich sie gerade das als nebensächlich hinzustellen, sich zwingen wollte.

Sie war demnächst ohne Mittel zum Leben! Der Graf hatte—vielleicht, um sie dadurch eher gefügig zu machen—die sonst am ersten des Monats ihr stets überwiesene Summe nicht mehr gesandt. Sie hatte ja deren Empfang auch abgelehnt. Sie konnte ihm nicht einmal einen Vorwurf machen! Ihre Pretiosen und ihre seidenen Gewänder zu verkaufen, widerstrebte ihr, weil sie fürchtete, sich dadurch bloßzustellen. Und wenn beides dahin war, so nannte sie nichts mehr ihr Eigentum! Die Sorge schuf bereits Vorsicht und Ueberlegungen, die ihr früher fremd gewesen waren. Die Begräbniskosten für den Mann der alten Ohlsen, die inzwischen durch Imgjors Bemühungen in einem Frauenarmenhaus untergebracht worden war, hatten das Geringe, was sie noch besaß, bis auf ganz weniges geschmälert, und die Bank mußte überdies noch befriedigt werden.

Täglich kamen, wie bisher, Listen mit Aufforderungen zur Beihilfe für gute Zwecke.

Konnte sie die jetzt abweisen? Sie vermochte es nicht; es widersprach ihrem stets auf Geben bedachten Herzen.

Auch die Miete für die Wohnung war noch zu berichtigen. Man forderteSteuern von ihr.

Der Tag und die Stunde waren abzusehen, wo sie zuletzt vor dem—nichts stand! Eine angstvolle Unruhe überkam sie. Man würde sie am Ende auch noch in anderer Weise falsch beurteilen! Die Zeitungen würden gar verkünden, sie habe wegen Schulden Kopenhagen verlassen. So sei sie eigentlich nichts anderes als eine, die habe von sich reden machen wollen!

Und eben diese Lebenssorgen drängten zum erstenmal die Gedanken an die Ideale, die ihre Brust noch eben wieder erfüllten und deren Verwirklichung sie erstreben zu wollen, erklärt hatte, völlig zurück! Der Trieb der Selbsterhaltung gelangte zu seinem Recht. Sie erkannte plötzlich, welchen Wert der Besitz, welchen Wert das Geld hatte, und wie früher flüchtig, so stellten sich jetzt dauernde Vergleiche ein zwischen dem Gewesenen, und dem, was ihr geworden! Aber nicht genug mit diesem Ansturm auf ihr Inneres: Graf Dehn war wieder da! Und sie hatte ihn, obschon sie ihn liebte mit der ganzen Kraft ihrer Seele, für immer von sich gestoßen!

Eine grenzenlose Reue überkam sie. Nur ihr Stolz regte sich noch.

Mit welchem Selbstgefühl hatte sie geredet! Wie an einer Mauer waren alle seine verständigen, rührenden, flehenden Bitten zerschellt. Und wie schwach war doch der Faden gewesen, an dem ihre Festigkeit gehangen!

Jedes Menschenherz war—so überlegte Imgjor—zu rühren, wenn nur derRechte kam und es richtig angesprochen wurde.

Nun sehnte sie sich fort, nun kamen ihr doch die Erinnerungen anRankholm.

Rankholm! Rankholm! Das war das Paradies ihrer Jugend!—Eine namenloseSehnsucht ergriff ihr Inneres jetzt. Erst nach einem todestraurigenSinnen raffte sie sich empor, fand sie die alte Kraft ihrer Seele, ihrPflichtgefühl und ihren opferfreudigen Sinn zurück, und trat mit dergewohnten Selbstlosigkeit an das Bett ihrer Kranken.———

* * * * *

Am folgenden morgen empfingen Imgjors immer sich in gleicher Richtung bewegenden Gedanken durch den Inhalt eines mit der Post eingegangenen Briefes eine Ablenkung.

Eine Dame der vornehmen Gesellschaft, eine Baronin von Kliff, mit der Imgjor wiederholt bei Bestrebungen für wohlthätige Zwecke in Berührung gelangt war, bat sie in sehr dringender Weise, sich um die Mittagszeit in ihrem Palais einfinden zu wollen, um dort einer Sitzung zu Zwecken der Begründung eines dänischen Mädchenheims beizuwohnen. In diesem sollten der Schule entwachsene, junge, weibliche Personen zu Dienstmädchen herangebildet, es sollte ihnen in allem Unterricht erteilt werden, was für Küche und Hauswesen erforderlich war. Auch Handarbeit und Schneidern wollte man sie lehren und insbesondere auch moralisch auf sie einzuwirken suchen.

Die Baronin beabsichtigte durch dieses Heim denen die Hand zu bieten, welche infolge ihrer mangelhaften Ausbildung keine Beschäftigung finden konnten und deshalb der Gefahr ausgesetzt waren, sittlich zu verkommen. Und gerade deshalb ward Imgjors Interesse auf's lebhaftere angefacht.

Im Palais traf sie die Damen, mit denen sie während der Jahre ihres Aufenthaltes in der Residenz wiederholt in Wohlthätigkeitsangelegenheiten zusammengetroffen war, fast sämtlich beisammen, wich deren ihre Person betreffenden Fragen möglich aus, nahm aber größten Anteil an den Verhandlungen und trat, etwa drei Stunden später, reichlich erschöpft, und sich schon vor dem Palais von den übrigen trennend, den Rückweg an.

Als Imgjor die Ecke der Tordenskoldsstraße passierte, drang aus einem offenen Schusterkeller ein jammervolles Schreien hervor, und als sie, mitleidig beunruhigt, nachforschte, sah sie unten einen Menschen, der in unbarmherziger Wut eine zu Boden geworfene Frau mit einem Lederriemen prügelte.

In Sekundenschnelle wechselte nun die Scenerie. Imgjor sprang blitzschnell die Treppe hinab, riß mit kühn erfolgreichem Ruck den Mann zur Seite, befreite dadurch die Frau und schleuderte dem rohen Peiniger entrüstete Worte entgegen: Ob er sich nicht schäme, sich so gegen die Schwächere und Wehrlose zu vergehen?

Aber alles kam anders, als sie es erwartet hatte. Da durch ihr Eingreifen das ohnehin neugierig zusammengelaufene Volk draußen sich noch zudringlicher geberdete und, dicht gedrängt, den Erfolg beobachtete, ergriff das Weib plötzlich ein weit größerer Ingrimm gegen jene draußen und gegen Imgjor, denn gegen den Mann.

Statt "Grevinde" durch Haltung und Worte Dank an den Tag zu legen, reckte sie sich zornsprühend empor, fragte, ob es sie etwas angehe, wenn sie sich von ihrem Mann prügeln lassen wolle und unterstützte diese herausfordernden Worte durch eine auf die offene Thür gerichtete Geste, welcher der dadurch versöhnte Hausherr sich beeilte, noch einen besonderen, fast thätlichen Nachdruck, zu verleihen.

Als Imgjor infolgedessen die Treppe hinauf flüchtete, stieß sie auf diejenigen Personen, welche zur besseren Beobachtung des interessanten Schauspiels bereits einen Teil der Treppenstufen besetzt hatten. Und während das geschah und die Ehegatten, zur völligen Abwehr gegen die Leute draußen, die Thür verrammelten, drängten die hinteren Reihen des Mobs nach vorn und die der Thür zunächst Stehenden rückwärts. Und dadurch kam Imgjor zu Fall und erlitt durch Drängen, Stoßen und Treten, trotz ihrer Weh- und Abwehrrufe, so schwere Verletzungen, daß sie nach Räumung der Treppe durch die Polizei wie tot hinweg getragen wurde. Mit noch anderen Verwundeten ward sie nach dem Hospital des Doktor Stede geschafft, und eine halbe Stunde später stand mit tief bedenklicher Miene an ihrem eigenen Krankenlager derselbe Mann, mit dem sie so oft an das Bett der Leidenden und Sterbenden getreten war.

* * * * *

Der Herbst, der wundervolle nordische Herbst, war seit Wochen erschienen, und mit seinen stahlhellen Lüften, seiner Farbenpracht in den Wäldern, seinem scharfen Erdgeruch und seinen unvergleichlichen Abendsonnenniedergängen auch in Rankholm eingezogen.

Wenn sich in der Frühe die ersten Lichtströme über die Erde ergossen, schwammen Schloß, Park und Gärten in einem blauseidenen Dunst. Wenn aber der Kampf zwischen der siegreichen Himmelskönigin und den zarten Nebeln durch ein plötzliches Oeffnen aller goldenes Licht bergenden Portale entschieden war, dann lagen Rankholm und Kneedeholm in einem Sonnenbade von solcher unermeßlicher Schönheit, daß die Gegend alle Reize der drei Jahreszeiten: die grüne Pracht des lebensprühenden Frühlings, die Fülle des blütenschweren Sommers und die krystallhelle Klarheit des farbenleuchtenden Herbstes in sich zu bergen schien.

Und alles war wie ehedem.

In ihrem mit all den herrlichen Dingen angefüllten Kabinett ruhte bei geöffnetem Fenster auf dem Sofa die Gräfin Lavard und las in einem Buch. In seinem geräumigen Arbeitsgemach war, wie sonst, der Graf eifrig mit seinen Beamten beschäftigt, Lucile hielt sich, an Curbière schreibend, in ihren Gemächern auf, und wie immer webten in dem, von Epheu umrankten Mauern eingeschlossenen Schloßhof jene sanften Hausgeister, die von dem Streit und Getümmel draußen in der Welt nichts wußten.

Auch Graf Dehns schlanke Gestalt tauchte, wie damals, in den Wegen desParkes auf, und nun eben richtete er die Schritte dem Schloßdurchgangzu, trat ins Innere, begab sich in seine Zimmer, und von dort, nachOrdnung seiner Toilette, zu der Gräfin.

Einige freie Stunden lagen vor ihnen, und sie wollte die Gräfin heute benutzen, um Axel einen Einblick in die Vergangenheit zu verschaffen. Sie wollte, daß es geschah, bevor Imgjor kam, die nach einer langen, schweren Krankheit so viel Kräfte zurückgewonnen hatte, daß sie in Begleitung des Doktor Stede eine Reise nach Rankholm zu unternehmen vermochte. Hier wollte sie versuchen, ihre Gesundheit völlig zurückzugewinnen.

Stillschweigend war das alte Verhältnis zwischen ihnen wieder eingetreten. Solche Not und solche Trübsal, wie sie über Imgjor gekommen,—führten von selbst einen Ausgleich herbei.

Wiederholt hatten Lavards an dem Krankenbett Imgjors gestanden, und sie hatte ihre Besinnung erst ganz allmählich zurückgewonnen.

"Willst du nach Rankholm kommen, um dich dort ganz zu erholen, Imgjor? Papa schickt dir einen herzlichen Gruß und bittet darum—" hatte Lucile eines morgens gesagt, und der Kranken waren die Thränen der Rührung aus den Augen gestürzt.—

Nachdem die Gräfin sich zurechtgerückt und einen ihrer gewohnten forschenden Blicke auf Graf Dehn geworfen, sagte sie:

"Ich werde mich kurz fassen, Graf Dehn, weit kürzer, als es ursprünglich meine Absicht war. Das Wesentlichste: Imgjors Herkunft, wurde Ihnen schon durch einen Zufall enthüllt. Ich komme nur auf meine Zusage und Ihren Wunsch zurück, weil ich von Ihnen, den ich wie meinen Sohn betrachte, so beurteilt werden will, wie ich dazu ein Recht besitze. Ich will's aber auch, damit Sie meines Mannes Handlungsweise, richtig würdigen.

Endlich spreche ich auch, weil ich die Hoffnung hege, daß Sie diejenigenaufklären, denen ich keine Mitteilungen zu geben vermag. Stolz undZartsinn verbieten mir, über solche Dinge mit meinen Töchtern zu reden.Es könnte scheinen, als ob ich mich verteidigen wolle.

Zur Einleitung—" hier zog die Gräfin aus ihrem goldumränderten Nähkorb ein kostbar umrahmtes Pastellbild hervor—"betrachten Sie sich dieses Porträt. Sie werden dann leichter verstehen, wie mein Mann dazu gelangte, sich in Leonie Monier zu verlieben, und welche Kämpfe ich mit meinem Ich zu bestehen hatte—"

Graf Dehn griff nach dem Gebotenen und unwillkürlich entglitt seinemMunde ein Laut bewundernden Entzückens.

Imgjor wars, aber in noch höherer Vollendung. Ein so süßes, engelhaftes Lächeln umspielte den Mund des Bildes, aber auch ein solcher schmachtender Glutblick drang aus den Augen, daß man sich von dem Anschauen nicht zu trennen vermochte. In ihrem Kostüm erinnerte sie an die Watteauschen Rokokobilder. Ein langes Mieder, verziert mit Rosenbändern, hob ihre überaus zarte Figur. Um ihren vollendet gebildeten, bis zum Ellbogen freien Arm schlang sich ein schwarzer Sammetstreifen, und in ihrem hochfrisierten Haar saßen neben Blumen kleine blaßblaue Schleifen. Alles aber wurde übertroffen durch die Pracht ihrer schneeigen Büste, die blendenden Farben, den durchsichtig weißen Schmelz ihrer Zähne und die kleinen, zum Liebkosen geschaffenen Hände.

"Nicht wahr? Sie war schön? Man kann etwas gleiches nicht sehen—" stieß die Gräfin in neidloser Bewunderung heraus.

"Und ich kann hinzufügen: sie war wirklich noch schöner. Man lag, wenn sie sprach und lächelte, im Bann ihrer bestrickenden Reize, und nicht der Tochter eines gascognischen Glasschleifers die sie war, glich sie, sondern dem Mitglied einer auf Thronen fixenden Familie.

Aber sie war nicht allein wegen ihrer Schönheit gefährlich, sondern ebensosehr wegen des seltsamen Gemisches ihres Wesens. Herzensgüte, Trotz, liebenswürdige Naivetät und schlaue Berechnung saßen zugleich in ihr und gelangten, den Umständen nach, zum Ausdruck.

Man hätte sie küssen und sie ohrfeigen mögen, einmal wegen ihrer bezaubernden Liebenswürdigkeit, und dann wieder wegen ihres kaltherzigen Starrsinns.

Doch nun hören Sie, wie alles verlief.

Ich lernte meinen Mann, der damals der französischen Gesandtschaft attachiert war, in dem Hause des russischen Fürsten Betzkoy kennen, verliebte mich gleich sterblich in ihn und wurde schon nach vier Wochen unserer ersten Begegnung seine Braut.

Meine Eltern waren überaus glücklich über diese Verbindung, und meine Verwandte, der Vicomte von Choisseuile und seine Frau luden uns zu einem mehrwöchentlichen Aufenthalt auf ihrem in der Nähe von Paris befindlichen Landsitz ein.

Hier verlebten wir in dem ersten Rausch unserer leidenschaftlichen Liebe seelige Tage, durchschweiften zu Wagen und zu Pferde die Umgegend, machten oder erneuerten die Bekanntschaft angesehener und interessanter Personen, welche sich ebenfalls um diese Zeit auf ihre in dieser Gegend belegenen Güter zurückgezogen hatten, fanden aber auch die beste Gelegenheit, unsere Charakter zu prüfen, ihnen gegenseitig gerecht zu werden, und uns immer mehr ineinander hineinzuleben. Mir wurde klar, daß Lavard ein leicht entzündliches Herz besaß, und daß ich infolgedessen nicht die erste sei, der er sich genähert.

Er sprach auch mit voller Offenheit über früheres. Er betrachtete mich nicht als eine prüde Vestalin, sondern als das, was ich wirklich war: ein mit den wirklichen Lebensverhältnissen vertrautes weibliches Wesen, das sehr wohl wußte, daß Männer und oft auch Frauen Versuchungen unterworfen sind und meist schon etwas erlebt haben, wenn sie an den Altar treten.

Als ich eines Tages mit Lavard unter der Linde in dem Garten eines zu dem Besitz gehörenden Pachthofes saß, wo wir, nach unserm anstrengenden Ritt, eines kleinen Imbisses wartend, plauderten, unterbrach er plötzlich das Gesprächsthema, sah mich ungewöhnlich zärtlich an, faßte meine Hände und sagte:

"Ich habe eine Bitte an dich, eine große Bitte, Lucile! Willst du sie mir gewähren?"

"Gewiß, mein teurer Freund, wenn ich es vermag—" entgegnete ich ohneBesinnen.

"Du sprichst das ja so leicht aus, Lucile! Ich fordere etwas Großes, sehr Großes! Es gehört eine opferstarke Liebe dazu!"

"Um so besser vermag ich dir zu beweisen, wie gut ich dir bin, Lavard—sprich also—natürlich, ein ritterlicher Mann, wie du, wird von einem Mädchen nichts verlangen, was ihren weiblichen Empfindungen widerstreitet—"

Ich weiß nicht, wie ich in meiner Entgegnung zu dieser Einschränkung gelangte. Jedenfalls hatte sie die Wirkung, daß Lavard trotz meiner wiederholten Aufforderungen, nun doch nicht redete.

Und so blieb's, und ich dachte auch schon gar nicht mehr an seinen, wie ich angenommen hatte, launenhaften Einfall, als er eines vormittags, kurz vor unserer Rückkehr nach Paris, im Park des Schlosses hinter den Boskets vor mir niederfiel und mich beschwor, ihm zu gewähren, worum er mich ersuchen werde.

Und da er so erregt war, da sein ganzes Wesen eine solche Spannung verriet, insbesondere aber, weil es mich drängte, ihm zu beweisen, wie sehr ich ihn liebte, sprach ich, ohne vorher zu hören, ein unbedingtes ja!

"Was es auch sein mag, Lavard! Ich werde deinen Wunsch erfüllen. Ich schwöre es dir!"

Nun schnellte er empor, umfaßte mich mit schmeichelnder Zärtlichkeit, zeigte mir dann dieses, eben dieses von Ihnen bewunderte Bild, und sagte:

"Diese weibliche Person, Leonie Monier, eine Nähterin der Vorstadt St.Antoinne, war vor wenigen Monaten noch das, was du mir heute bist,Lucile—

Du begreifst, daß ich mich in sie verlieben konnte! Ich sage, daß ichdie Beziehungen zu ihr wieder gelöst habe, weil ihr Charakter einZusammenleben unmöglich macht. Ich würde sie sonst trotz ihres einfachenStandes und anderer Umstände vielleicht geheiratet haben.

Es liegen die Dinge nun, wie folgt:

Sie erklärt mir, dann gutwillig ihrer Rechte auf mich sich begeben zu wollen, wenn du dich entschließest, sie zu empfangen und ihr eine noch zu erörternde bindende Zusicherung zu geben.

Natürlich! Sie vermag nichts gegen mich zu unternehmen.

Mich treibt mein Ich, mich veranlaßt die Erinnerung an die Tage, die ich glücklich mit ihr verlebte, aber mich veranlaßt auch ein bestimmter Umstand, derselbe, welcher mit ihrer an dich zu richtenden Bitte zusammenhängt: alles zu thun, was eine freundliche Lösung unserer Beziehungen herbeizuführen vermag!"

"Wohlan, sprich, Lavard. Ich werde hören!"

"Nun denn, Lucile! Leonie Monier ist dieser Tage Mutter eines Kindes geworden. Sie verlangt von uns—und deshalb will sie dich sprechen—die Auferziehung ihres Kindes und die Sorge für dieses bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Dann soll's wieder ihr Eigentum sein, oder wir sollen ihr's für eine namhafte Summe abkaufen—"

"Ah—ah—welch ein berechnender Handel, und gar mit dem eigenen Kinde! Hinter diesen engelhaften Zügen sucht man etwas anderes! Und alles hätte ich eher erwartet, als dies. Du erhebst einen Anspruch an mich, zu dem eine starke Selbstverleugnung gehört, Lavard. Und was wird sonst noch folgen?" rief ich, meine Erregung nicht verbergend.

Lavard bewegte die Schultern.

"Die Dinge liegen nicht so ungünstig! Sie ist nicht schlecht. Aber lassen wir das jetzt, und überlasse auch die Erledigung der materiellen Dinge mir, Lucile. Gewähre nur zunächst, warum sie dich bittet—"

Ich zögerte. Dann sagte ich:

"Eines habe ich gewährt, ich versprach die Erfüllung eines Wunsches. Du stellst aber jetzt noch andere, sehr weittragende Forderungen an mich.

Du willst gewiß, daß ich dieses Kind, als unseres annehme—es nach außen so hinstelle—"

"Ja, Lucile! Wir gehen für die Zeit eines Jahres oder länger aufReisen. Wenn wir zurückkehren, erklären wir, daß wir unterwegs dies Kindgefunden und in unsere Obhut genommen haben, daß Mitleid unsereTriebfeder war—für alles übrige wollen wir die Zeit sorgen lassen."

"Warum stellst du eine so schwere Forderung an meine Liebe, Lavard? Lasse das Kind von anderen aufziehen. Durch sie wird—durch deinen Reichtum unterstützt—dasselbe erreicht. Der Mutter kann's doch nur um das Wohl ihres Kindes zu thun sein. Da sie mittellos und einen leichtsinnigen Charakter besitzt, will sie das Kind vor doppelten Fährnissen behüten. Das verstehe ich! Aber weshalb ein so ungeheures Opfer von mir? Oder ist's dein eigenes Kind?"

"Ja und nein, Lucile! Eben das ist's! Sie, Leonie, behauptet es, obschon sie auch Beziehungen zu einem anderen, einem Jongleur hatte. Nun weißt du alles, nun verstehst du alles. Sei deshalb so hochherzig, wie ich dich schätze. Ist's mein eigenes Fleisch und Blut, dann habe ich unabwendbare Pflichten!"

Diese Worte entschieden, ich empfing nicht nur die junge Frau, sondern ich war auch später einige Zeit in ihrer Nähe. Wir trafen sie in dem französischen Seebade Trouville, wohin sie Lavard zur Kräftigung ihrer Gesundheit gesandt hatte.

Während dieser Zeit lernte ich sie nicht lieben, aber doch ihre guten Eigenschaften schätzen; auch gab ich ihr das Versprechen, das sie verlangte.

Wenig später—das Aufgebot hatte bereits bald nach unserer Verlobung Stattgefunden—wurden wir in der Madeleine getraut, unternahmen darauf eine fast fünfviertel Jahre andauernde Reise, und begaben uns alsdann, mit dem kleinen, inzwischen anderweitig in Kost gegebenen, und nun in unsere Hände gelangten Kinde nach Rankholm.

Wir verfuhren auch unseren Bekannten gegenüber, wie wir es besprochen hatten. Im ganzen wurde wenig nach dem Kinde gefragt. Nach wenigen Monaten war überhaupt nicht mehr von dessen Ursprung die Rede und allmählich sah man es als unser eigenes, als Erstgeborenes an.

So war also gelungen, was meines Mannes Wunsch gewesen, und ich muß gestehen, daß er mir in den zwölf Jahren, während welcher Zeit wir von der Mutter niemals wieder hörten, täglich seine Erkenntlichkeit in rührendster Weise an den Tag legte.

Dann aber erschien plötzlich, fast ohne vorherige Anmeldung,Mademoiselle Monier, um ihr Kind zurückzufordern, und nun begannen dieKämpfe zwischen uns dreien.

Es ist mir wie heute! Ich war im Begriff über den Schloßhof zu schreiten, als ein Wagen vorfuhr, auch ertönte gleich darauf schon das Läuten der Glocke am Portierhause. Ich aber nahm rasch den Weg in das Schloß, betrat meine Gemächer, wartete hier und überließ es meinem Mann, Frau von Etienne, wie sie sich nach unserer Abrede nennen sollte, zu empfangen.

Auch noch anderes war zwischen mir und Lavard abgemacht. Sie sollte womöglich noch an demselben Tage Rankholm wieder verlassen und sich nach Oerebye begeben. Dort wollte Lavard mit ihr verhandeln. Ihr vorzuenthalten, ihre Tochter schon vorher zu sehen, konnten wir nicht über uns gewinnen, aber es sollte lediglich aus der Entfernung geschehen. Eine eigentliche Annäherung sollte nicht stattfinden. Wir wollten sie bewegen, daß sie uns Imgjor gegen ein ferneres Jahresgehalt und gegen eine einmalige Abfindungssumme für immer überlasse. Lucile hatten wir schon in der Frühe zu Freunden nach Taxholm gesandt. Sie sollte von diesem Besuch überhaupt keine Kunde erhalten. Imgjor bewohnte damals mit ihrer Erzieherin dieselben Räume, die sie jetzt inne hat, und nur hatten angeordnet, daß sie beide bei Tisch nicht erscheinen sollten.

Dies war nicht auffallend, da solches häufiger geschah. Ich hielt Imgjor überhaupt streng, weil ich immer ihrer Mutter Charakter im Auge hatte, weil ich immer darauf bedacht sein mußte, des Kindes sehr stark ausgeprägten Drang nach Selbständigkeit zu dämpfen.

Diese meine große Strenge hat Lucile, weil sie eine ungerechteUngleichheit der Behandlung darin erkannte, Ihnen gegenüber getadelt,Graf Dehn. Sie that es eben, weil sie meine Beweggründe nicht kannte.—

Doch nun zurück zu dem plötzlich erschienenen Besuch.

Ueber eine Stunde verhandelte mein Mann mit Madame Etienne, ehe er sie mir in meine Gemächer brachte.

Als Frederik ihr Kommen meldete, klopfte mir das Herz. Ohnehin erregt, beschäftigte mich dieses lange Beisammensein meines Mannes mit seiner ehemaligen Freundin, nicht wenig. Mir ahnte auch, daß sie Schwierigkeiten erhob, unsere Wünsche zu erfüllen. Sicher weigerte sie sich, uns ihre Tochter zu lassen, machte die Gewährung von unerfüllbaren Forderungen abhängig. Wie berechnend sie war, hatte sie hinreichend früher bewiesen.

Ich hatte aber Imgjor wegen ihrer trefflichen Eigenschaften so lieb gewonnen, daß ich sie wie mein eigenes Kind liebte. Auch leitete mich bei dem Verlangen, sie bei uns zu behalten, die Ueberlegung, daß ihre Entfernung den Anlaß zu unliebsamen Redereien geben werde. Wir hassen es beide, uns in den Mund der Menge zu bringen.

Endlich wollten wir auch mit dieser Angelegenheit einmal ein Ende haben. Ich wünschte insbesondere, daß Lavard dem Einfluß dieser Person, die, wie ich stets erfuhr, in all den Jahren noch mit ihm korrespondiert hatte, für immer entzogen werde.

Mein Erstaunen maß sich sodann mit meiner Abneigung, als sie mir gegenübertrat.

Sie war zwar noch immer blendend schön, aber sie besaß nichts von dem Wesen einer anständigen Frau, einer wirklichen Dame. Sie war das vollendete Bild einer Halbwelt-Circe. Ihr Kostüm war übertrieben modern, stark parfümiert, und lächerlich kostbar. Ihre Arme waren mit Schmuck behangen, und hinter ihrem sanft schmachtenden Lächeln verbarg sich etwas, das den Weltkundigen nicht täuschte.

Und wirklich besaß sie keine echte Empfindung, ihr Gemüt war verdorrt, sie war nichts anderes, als eine kalt berechnende Kokette.

Es wäre somit ein Vergehen gewesen, ihr Imgjor auszuliefern.

Aber sie von diesem Gedanken abzubringen, war noch die geringste Schwierigkeit. Der große Reichtum meines Mannes konnte noch größere Ansprüche befriedigen, als sie sie erhob und auf deren Erzielung es ihr überhaupt nur ankam. Aber sie hatte schon gleich am ersten Tage Lavard wieder in solche Fesseln zu schlagen gewußt, daß er völlig Wachs in ihrer Hand geworden war.

Er bestritt in heftigen Worten die Berechtigung meiner abfälligen Kritik. Er fand es, da sie es nicht wollte, völlig überflüssig, daß sie nach Oerebye übersiedelte Er verlangte von mir, daß ich sie wochenlang auf Rankholm behalten solle. Sie habe Anrechte auf unsere Gastfreundschaft und unsere Rücksicht; man müsse der Mutter für eine zeitlang ihr Kind gönnen.

Entsetzliche Tage verlebte ich. Lucile, der ich in der Erregung nicht mehr gedacht hatte, kehrte wieder zurück. Imgjor näherte sich der schönen und sie umschmeichelnden Madame Etienne, der Gattin des Baron von Etienne in Brüssel, als welche sie sich auch Imgjor im Einverständnis mit meinem Manne vorgestellt hatte.

Zuletzt war mein Entschluß gefaßt.

In einer Scene, der Lucile zufällig beiwohnte, erklärte ich Lavard, mich von ihm trennen und zu meiner Familie zurückkehren zu wollen, wenn die Fremde nicht innerhalb achtundvierzig Stunden das Haus verlasse.

Lucile führte, weil ihr Vater ihr beipflichtete, mein Verhalten aufEifersucht zurück. Sie nahm für ihren Papa Partei, schalt mich desMangels an Liebe und des Mangels an Duldsamkeit, und ich litt zehnfach,da ich meinem Kinde nicht eröffnen konnte, wie die Dinge standen.

Endlich siegte ich. Ich siegte dadurch, daß ich eine Nacht mit dem fremden Weibe rang. Sie wohnte damals in den Gemächern, die jetzt meine Tochter Lucile inne hat. Mir ist's in der Erinnerung wie heute. Der Tag war grau, kalt und nebelig, so unfreundlich, daß man sich nicht einmal zu einem Spaziergang in den Park hinauswagen mochte.

Wir waren deshalb mehr denn sonst und bereits vor dem Frühstück auf einander angewiesen, und dieses engere Beisammensein benutzte Madame Etienne, um allerlei bisher von mir verhinderte Vertraulichkeiten zwischen sich und den Kindern herbeizuführen.

Sie gab sich besonders mit ihnen ab, holte verschiedene wertvolle Gegenstände aus ihren Koffern heraus, die sie ihnen, trotz deren bescheidenen Abwehr, aufdrängte und forderte sie zuletzt gar auf, sie du und Tante zu nennen.

Die Mädchen nahmen dieses als eine Bevorzugung hingestellte Anerbieten natürlich an. Und dies du machte beide natürlich freier gegen den Gast, namentlich die jüngere Lucile. Infolgedessen ließ diese auch eine Aeußerung fallen, die sie sonst sicher nicht gemacht haben würde. Sie wies, und schon lange hatte ich dies kommen sehen und mich davor gefürchtet, auf die große Aehnlichkeit zwischen Madame und Imgjor hin.

"Ihr seht wie Schwestern aus!" betonte sie lebhaft und richtete auch ihre zu meiner Zustimmung auffordernden Blicke auf uns.

In Madame Etiennes Gesicht leuchtete es auf. Ich sah's. Alles, was sie irgendwie mit uns in eine nähere Beziehung zu bringen vermochte, danach griff sie begierig!

Sie wollte nicht nur die größten materiellen Vorteile daraus ziehen, daß sich ihre Tochter bei uns befand, sondern sie strebte,—ihrer abenteuerlichen Eitelkeit entsprechend—auch danach, neben uns eine gleichberechtigte Rolle zu spielen.

Auf ihre Tochter war sie bald maßlos eitel und überlegte dann, ob sie sie doch nicht mit sich nehmen solle, oder sie zeigte eine nicht verhüllte, heftige Eifersucht. Dann ergriff sie,—man sah's—ein durch die Einsicht in ihre eigene Unwürdigkeit noch mehr geförderter Ingrimm gegen ihr eigenes Kind. Dessen reiner Sinn, dessen fester Charakter, dessen ungewöhnliche Wahrheitsliebe, dessen Abscheu gegen nichtssagende Redensarten, aber auch dessen zutage tretendes Mißtrauen gegen ihre aufdringlichen Liebenswürdigkeiten, schufen einen Aerger in ihr, den sie nicht bezähmen konnte.

Und eben dieses Gemisch von Gefühlen und Stimmungen, aber vielleicht auch die Erwägung, daß es ihren Zwecken förderlich sei, uns in steter Unruhe zu halten, verleiteten Madame Etienne an diesem Tage, Luciles Aeußerungen aufzunehmen, statt mit einem flüchtigen Wort darüber fortzugehen.

Sie sagte überlegen lächelnd:

"So, findest du das? Nun, wer weiß, ob die Etiennes und die Lavards nicht, ohne es zu wissen, verwandt sind,—ob sich solches nicht, wenn wir einmal gründlich nachforschen,—herausstellen würde—"

Mein Mann warf ihr einen erschrockenen, und weil er in ihren Banden lag, flehenden Blick zu. Auch nahm er rasch das Wort und wußte ein anderes Thema zu berühren.

Nach Tisch, während wir des Kaffes im Salon warteten, machte sich Madame Etienne an Imgjor heran, prüfte eine Handarbeit, mit der sie beschäftigt war, lobte die Sorgfalt der Ausführung und fragte sie, ob sie nicht Lust habe, sie einmal in Paris, wo sie fürder wohnen werde, zu besuchen. Sie habe dort ein sehr schönes Haus, und sicher würde sich Imgjor vortrefflich in der Stadt des Vergnügens amüsieren.

Es folgte dann noch eine Beschreibung der Räume und der kostbarenEinrichtung, und überhaupt war sie bemüht, Imgjor einen möglichstgroßartigen Eindruck von ihren Einkünften und ihrer gesellschaftlichenStellung beizubringen.

Sie bewies, indem sie diese Mittel anwendete, Imgjors Zuneigung zu gewinnen, allerdings eine sehr geringe Fähigkeit, Charaktere zu beurteilen. Es war mir unbegreiflich, daß sie nicht erkannt hatte, daß dergleichen für dieses ernste, reife und in seinem innersten Wesen einfach geartete Wesen gar kein Lockmittel sein werde.

Reichtum und Wohlleben umgaben Imgjor, aber reizten sie durchaus nicht. Ihre Pflicht stellte sie stets über das Vergnügen, und auch die Freuden des Daseins suchte sie lediglich im Verkehr mit der Natur, mit guten, treuherzigen Menschen, in der Pflege geistiger Dinge und im Verkehr mit Tieren, mit Vögeln, Pferden und Hunden, die sie zärtlich liebte und pflegte.

Tanzen, Kokettieren, den Großen nachzumachen, früh schon die Dame zu spielen, sich sinnliche Aufregungen zu verschaffen und den nichtigen Vergnügungen nachzujagen, hatte für Imgjor keinen Reiz.

Und demgemäß antwortete sie auch.

"Nein, nein, gnädige Frau. Ich bleibe lieber hier in der Heimat!" entgegnete sie nach ihrer Art, kurz und ohne für die durch diese Einladung zum Ausdruck gelangte Artigkeit einen besonderen Dank an den Tag zu legen. Auch ließ sie absichtlich das "du" und die "Tante" dabei außer acht.—

"Meinst du denn nicht, daß es für dich vorteilhaft wäre, neues zu sehen, zu lernen, dich zu vervollkommnen, zu erkennen, daß es noch eine andere größere Welt giebt, als das Pünktchen Rankholm! Hältst du dich bereits für vollendet?" warf die Frau, hämisch im Ton, hin.

Sie vermochte ihren Aerger über diese Unbiegsamkeit, über diese offenkundig hervortretende Gleichgiltigkeit gegen ihre Person nicht zu bezähmen.

Schier bersten aber wollte sie, als Imgjor, sich äußerlich sanft fügend, und nur die Schultern bewegend, einer Antwort auswich.

Sie warf schroff gereizt hin:

"Nun, Kind! Antworte! Hältst du dich für so vollkommen?"

"Nein, gewiß nicht, gnädige Frau. Aber ich möchte Reisen nur in Begleitung meiner Eltern unternehmen. Wenn sie nicht dabei sind, wenn ich mit ihnen nicht zusammen genießen darf, haben sie keinen Reiz für mich!"

Diese Erwiderung klang aus dem Munde einer Dreizehnjährigen recht altklug. Sie war nicht artig, aber Inhalt und Form waren zur Belehrung über die Stellung, welche Imgjor ihrer Mutter gegenüber einnahm und einzunehmen entschlossen war, weise gewählt. Diese ihre Antwort traf auch Madame dergestalt, daß sie alle Klugheit außer acht lassend, mit boshaft funkelnden Augen herausstieß: "Na ja! Dann mache, wenn du alles besser weißt, wie du's willst!" Worauf sie dann Imgjor sitzen ließ, sich mit einer gemacht gleichgiltigen Miene zu mir, und als dann grade mein Mann in den Salon trat, mit schmeichelnder Liebenswürdigkeit an ihn wandte und zu einer Partie Schach aufforderte.

Und was ich, obschon ich mir nichts merken ließ, dann sah, das gab mir, neben der Ueberlegung, daß es keine bessere Gelegenheit geben konnte, die Stimmung der Mutter gegen ihr Kind zu unserm Vorteil auszunutzen, den Entschluß, noch an diesem Tage mit den Dingen unter allen Umständen aufzuräumen.

Mit meinem Manne war sie wie eine Braut. Sie sah ihn fortwährend zärtlich an, umschmeichelte ihn, und suchte ihn überhaupt immer mehr in ihre Netze zu ziehen. Auf mich, auf die Kinder, die ich dann auch möglichst bald fortsandte, auf Graf Knut, der zum Plaudern gekommen, nahm sie gar keine Rücksicht.

Sie folgte einerseits rücksichtslos ihren eitlen Plänen, nämlich den Mann, der einst ihr erlegen, abermals dauernd in Fesseln zu schlagen, und andererseits ihrem rachsüchtigen Bestreben, mir möglichst unangenehme Empfindungen zu bereiten.

Da ich die Antwort, die Imgjor ihr gegeben, nicht gerügt hatte, wußte sie mich einverstanden. Das genügte, um den schon in ihr lodernden, heftigen Ingrimm gegen mich noch mehr anzufachen.

Nachdem endlich, nach Verlauf peinlicher Abendstunden, die Uhr elf geworden, Graf Knut sich empfohlen, und auch jene sich zum Aufbruch zu rüsten anschickten, erklärte ich, noch ausbleiben und Briefe schreiben zu wollen.

Mein Mann erhob auch keinen Widerspruch, befahl der herbeigerufenen Kammerjungfer, Madame Etienne in ihre Gemächer zu geleiten, und begab sich,—mir in der gereizten Stimmung, die ihn während dieser Zeit stetig beherrschte, nur eine kühle, gute Nacht wünschend,—ebenfalls in seine Räume.

Ich aber that nicht, wie ich vorgegeben hatte, sondern warf mich aufsHorchen, und sobald ich hörte, daß die Jungfer sich wieder aus MadamesGemächern entfernt, ich auch abgewartet, daß Frederik die Lichter imFlur und auf den Korridoren gelöscht hatte, entzündete ich eineWachskerze, schritt an die Thür meiner Widersacherin und klopfte.

Ein lebhaftes: "Wer ist da?" erfolgte.

"Ich, Lucile, bin's! Bitte, öffnen Sie!" gab ich zurück.

"Ah! Sie, liebe Gräfin! Ich komme gleich—"

Und so geschah's. Ich fand sie halb angekleidet, forderte sie auf, mirGehör zu schenken, und setzte mich alsbald ihr gegenüber.—

Alles, was ich auf dem Herzen hatte, sagte ich, nicht gehässig, aber entschieden, klar und knapp. Ich betonte, was wir gewollt, was geworden, wie sie sich dazu verhalten habe, was sie ohne Zweifel beabsichtigte, wie sie meinen Gatten wieder umgarnen wolle und welche beleidigende Rolle gegen mich, und welche aussichtslose gegen ihre Tochter sie spiele.—

Ich deckte ihr rücksichtslos ihr Inneres auf, baute ihr aber wiederum auch Brücken, indem ich sie durch ihre verlorene Jugend zu entschuldigen strebte.

Aber ich nahm auch von der Thatsache, daß sie ihres Kindes Herz schon im Voraus verloren habe und es bei ihrer Veranlagung, ihren Lebensgewohnheiten und Anschauungen nie gewinnen werde, nichts zurück. Sodann bot ich ihr, vorher noch betonend, daß ich eher sie oder mich töten, als daß ich es—schon um der Kinder willen leiden werde—, daß mein Mann zu ihr zurückkehre, eine erhebliche Geldsumme für ihren Verzicht auf Imgjor und ihre Nimmerwiederkehr an.

Noch zögerte sie, sie erging sich in einen Schwall von Worten, in denen sie sich als eine Heilige, und mich als eine ebenso klein Veranlagte, wie thöricht eifersüchtig Geartete hinzustellen suchte. Zuletzt aber, als ich ihr einen großen Teil des von mir in die Ehe gebrachten Vermögens anbot, unterlag sie ihrer Habgier. Die ungeheure Summe löschte alle wirklichen und komödienhaften Regungen in ihrer Seele wie mit einem Regenguß aus. Sie nahm auch die von mir als erforderlich hingestellten Nebenbedingungen ohne Einwand an. Ich erklärte, ihr die Hälfte gleich anweisen, den Rest aber, von dem ihr die Nutznießung der Zinsen werden solle, erst nach einer Prüfung von zehn Jahren auszahlen zu wollen. Wenn sie sich während dieser Zeit ein einzigesmal meinem Mann oder ihrer Tochter ohne meine Zustimmung wieder nähere, gehe sie desselben verlustig.

Schon am nächsten Tage verließen wir zusammen Rankholm, und begaben uns nach der holsteinischen Stadt Rendsburg. Hier ließ ich nach genauer Information einen Rechtsanwalt einen Vertrag in französischer Sprache entwerfen, der alle Punkte feststellte, welche zwischen uns vereinbart waren.

Nachdem dieser in zwei Exemplaren ausgefertigt war, unterschrieben wir ihn beide, reichten uns wie zwei kühle Geschäftsleute die Hand und fuhren am folgenden Morgen,—jeder den Abend allein im Hotel zubringend,—unseren verschiedenen Zielen zu.

Sie reiste, selig befriedigt, ohne den geringsten Schmerz um ihr Kind, nach Paris zurück, und ich trat am Spätnachmittag meinem Manne in Rankholm wieder gegenüber.

Ich fand zu meiner glücklichen Befriedigung keinen Zürnenden, sondern einen durchaus sanft Gestimmten. Er schloß mich unter der Versicherung seiner alten Empfindungen und seines schrankenlosen Dankes für mein energisches Verfahren zärtlich in die Arme, erklärte, daß er schon am Morgen nach Madames Abreise wieder zur Besinnung zurückgekehrt und jetzt förmlich wie erlöst sei.

Der Zauber war gewichen. Geradezu dämonisch hatte sie ihn umstrickt. Als ein schwer Kranker war er in diesen Wochen umhergegangen, und als ein Neugeborener atmete er auf, als dieses ekle Parfüm, als dieses Girren und Werben, als diese auf seine Sinne berechnenden Künste auf ihn nicht mehr wirkten.

So, lieber Graf, das ist in großen Zügen der Bericht, aus dem Sie ersehen werden, daß Menschen allezeit Menschen bleiben, irren, sich gegen ihre Freunde und die Verhältnisse auflehnen, sich aber wieder besinnen und je nach dem Wert ihres Ich einen zufriedenen Zustand zurückzugewinnen vermögen. Auch ich habe mir mein Glück suchen müssen, und ich habe es gefunden, weil ich das Gute erstrebte für ihn, Lavard, für das Kind, das ich wahrhaft liebte, und für mich selbst!

Mein Schlußwort soll sein:

Möchte es Ihnen nun gelingen, dieses treffliche, wenn auch zeitweise irregeleitete Mädchen heimzuführen, ihr das Glück zu verschaffen, was wir ihr alle sehnsüchtig wünschen!"

Graf Dehn hatte mit außerordentlicher Spannung und mit steigenderBewunderung den Ausführungen der Gräfin zugehört. Als sie die letztenWorte gesprochen, beugte er sich auf ihre Hand herab und drückte einenKuß darauf.

"Ihnen, Frau Gräfin, nahe bleiben zu dürfen, ist fast so viel, wie derWert, einer Imgjor Gatte zu werden—" stieß er warmherzig heraus.

Er suchte bei diesen Worten ihr Auge und sie gab ihm den Blick mit dem alten vertieften Ausdruck, der ihr eigen war, zurück.

Und nun wußte er auch ihr Wesen zu deuten, das ihm so oft rätselhaft erschienen war. Die Erfahrungen des Lebens hatten ihr Vorsicht auferlegt. So empfing ihr Blick etwas Spürendes, ein Bestreben, das Innere ihrer Nebenmenschen erst zu durchdringen, bevor sie ihnen ihre Zuneigung und ihr Vertrauen schenkte.

* * * * *

In einem Gehölz, das sich an den Rankholmer Park anlehnte, befand sich neben einer Höhe ein kleiner Thalkessel, und in diesem lag einsam, idyllisch, umschlossen von hohen, grünen Fichten auf der einen Seite, und umzingelt von Buchen, Eichen und dichtem Gebüsch auf der anderen, ein blauer, stiller See. Libellen umschwärmten ihn, und tausend andere, die Wonnen des Daseins genießende, geflügelte kleine Geschöpfe führten schwebende Tänze über seinem silberklaren Spiegel aus. Aber auch eine entzückende Flora hatte hier eine Heimstätte gefunden. Immer neue Gebilde und Farben entdeckte das Auge, und süße Düfte berauschten die Sinne derer, die sich auf den, an den Ufern befindlichen, mit zierlich durchbrochenen Rücksitzen versehenen Waldbänken niederließen.


Back to IndexNext