Vorbereitung

Vorbereitung1. Abschnitt: Vorbereitung

1. Abschnitt: Vorbereitung

V

Versprechen macht Halten. Deswegen will ich jetzt erzählen, wie der Kraglfinger Rauchklub seine Fahnenweihe abgehalten hat. Und zwar schön der Reihe nach.

Also eines Tages sagt der Postbote zum Badermeister Lippel: „Du, beim Postamt enten liegt schon seit drei Täg a Kisten für Di umanand. Du sollst’s holen lassen, hat der Expeditor g’sagt.“

„A Kisten?“ fragt der Lippel und legt den Finger an die Nase, „i hob do koane mödizünischen Instrumenter net b’schtellt? Jessas na,“ sagt er, „dös is am End gar unser Fahn! Da muaß i aber glei nüber zum Hofbauer, daß er einspannt.“

Und eine Viertelstunde später sauste ein Wägerl mit dem Lippel und dem Hofbauern zum Dorf hinauf,daß die Stein geflogen und alle Hunde rebellisch geworden sind.

„Da muaß oana schwar krank sei, weil da Bader gar so außi roast,“ sagte die alte Binderin, welche das Fuhrwerk sah, und bekam ein recht großes Mitleid.

Die zwei aber fuhren wie der leibhaftige Satan zum Postamte Huglfing und konnten es kaum erwarten, daß ihnen die Kiste ausgeliefert wurde.

Endlich kam sie, und auf dem Deckel stand: Fahnenfabrik in Bonn a. Rh.

„Hurraxdax! Pack’s bei der Hax! Ham ma’s scho,“ schrie der Hofbauer. „Woaßt was, Baderwaschel, dö Fahn tean ma glei außa und fahrn damit ins Höft, daß mir das gleich segn.“

„Na! Hofbauer,“ erwiderte spinngiftig der Lippel, „dös gibt’s net. So lang i der Vorstand bi, laß i einen solchenen Frevel net zua. Wenn dö Fahn zum erschtenmal öffentli enthüllt werd, muaß da Präsentiermarsch her und a Fahnajunker mit aner Schärpen und weiße Handschuah. Dös kimmt netvor, daß an unser Ehrenbanner a jedr sei Pratzen hinwischt. Uebrigens gib ich Dir no lang koan Baderwaschel ab, daß D’as woaßt.“

„Gehö, nur net gar a so gach! I hab Di net beleidingen wollen, Lippel. Aber mit der Fahnen, da kunnst recht hamm. Laß ma’s in da Kisten drin; deswegen könna ma do aufrebelln. I hol an Schneider Toni, der muaß mitfahrn und sei Zuichharmonika spüll’n.“

So geschah es.

Auf dem Bocke saß der Toni und spielte ohne Aussetzen den Tölzer Schützenmarsch, und neben ihm pfiff und schnalzte der Hofbauer.

Als sie beim Oberwirt ankamen, versammelte sich baldigst der Rauchklub, und es wurde im Vereinszimmer die Kiste geöffnet.

Ein allgemeines Ah! ertönte, als die himmelblaue Fahne sichtbar wurde.

Sie war sehr schön, und — wie am darauffolgenden Samstag das Distriktsblatt meldete: „vonblendendem Glanze, geschmackvoller Symbolik und kunstreichster Ausführung“.

In dem blauen Felde kreuzten sich in Gold gestickt zwei Pfeifen, über denselben schwebte ein purpurroter Tabaksbeutel.

Von Eichenlaub umrankt zeigte sich oben die Inschrift: „Rauchklub Kraglfing“ und unten: „Eintracht wohnt in unsrer Mitte“.

Zur Erhöhung der Pracht war in jeder Ecke ein silberner Stern mit Strahlen angebracht.

Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, wurde eine Generalversammlung abgehalten.

In gehobener Stimmung schritt man zunächst zur Wahl des Fahnenjunkers.

Sämtliche Stimmen — auch seine eigene — erhielt der Hofbauer Nazi, welcher Umstand jedoch, wie ich hier gleich erwähnen will, beinahe das Fest verzögert hätte.

Als sich nämlich der Nazi auf Befehl des Ausschusses weiße Handschuhe kaufen sollte, begegnete erden größten Schwierigkeiten, da alle Handschuhhändler in der Hauptstadt erklärten, eine solche Nummer existiere leider noch nicht.

Zum Glück für den Rauchklub und unsern Nazi sprang im letzten Augenblicke der Huglfinger Sattlermeister ein und sagte, er wolle die Geschichte probieren und die Handbekleidung aus Rindsleder verfertigen.

Wie alles in der Welt sein Gutes hat, so zeigte sich auch späterhin die vermeintliche Kalamität als sehr vorteilhaft.

Die gröbliche Beschaffenheit seiner Handschuhe war dem Nazi von großem Nutzen, wie wir später sehen werden.

Doch um wieder auf die Generalversammlung zu kommen: nach dem Fahnenjunker wurden die Ehrenjungfrauen gewählt, und sodann das Festkomitee, welches sofort seine Beratung begann.

Ich bedaure lebhaft, daß ich nicht alle Vorschläge und Debatten mitteilen kann, aber es würde zu viel, und ich muß auch mein Papier sparen. Ich willnur berichten, daß sich eine große Redeschlacht entspann über die Frage, in welchem Wirtshause der Festakt stattfinden sollte.

Und da man auf dem Lande das falsche Zartgefühl nicht so häufig findet, darf es niemand verwundern, daß sich die Wirte selbst lebhaft an der Streitfrage beteiligten.

Wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht unser Freund, der Hofbauer, wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hätte.

„Jeder Wirt“, sagte er, „zahlt Steuern und möcht was verdienen; warum soll denn nachher grad oaner an Profit macha? Da gab’s nix, wia lauter Verdrießlichkeiten und das ganze Jahr tat ma anzwidert wern. Also mach ma die Sach kurz und gengan zu anjeden. An Vorabend halt ma bei Unterbräu, an Früaschoppen und ’s Mahl beim Oberwirt, und auf den Nachmittag halt ma an Baal beim Lamplwirt. Da kimmt a jeder zu sein Sach.“

Damit war diese schwierige Frage gelöst; alles andere gab sich verhältnismäßig leicht.

Die Fahnenweihe wurde angesetzt auf Sonntag über vierzehn Tage, damit jeder Zeit zur Vorbereitung hatte.

Und sie wurde gut benützt.

Die Mannerleut kamen jeden Abend im Wirtshause zusammen, um zu beraten; die jungen Burschen standen oft haufenweise beisammen, um sich heimlich zu besprechen, oder sie musterten daheim ihren Vorrat an Haselnußstecken und ergänzten ihn nach Bedarf.

Mit den Mädeln war es ganz aus; die Frauenzimmer haben bekanntlich alle miteinander eine Geheimsprache und können lachen, kein Mensch weiß warum.

Wenn sie sich aber auf etwas freuen, haben sie völlig ein schieches Getu.

Beim Beten fangen sie mittendrin das Kichern an, und wenn dann die Bäurin schaffen will, hält die ein oder ander ihr Trumm Hand vor den Mund und schluckt und gurgelt so lang, bis die ganze Herd hinausbrüllt und die Andacht gestört ist.

Beim Essen rennen sie einander mit den Ellenbogen an oder patschen die Löffel in die Suppe, und redest dann eine wegen ihrer Unart an, dann bleibt ihr vor lauter Lachen ein halbes Pfund Knödel im Hals stecken, und mußt froh sein, wenn sie nicht gleich gar erstickt.

Kurzum es weiß jeder, wie es die Frauenzimmer machen, und wenn ich sage, daß die vierzehn Tage in Kraglfing waren, wie sonst die Woch vor der Kirchweih, dann langt es schon.

Doch das muß ich den Mädeln zur Ehre sagen, daß keine so tramhappet war wie — der Bader.

Der Mensch war wie ausgewechselt, seitdem er als Festredner gewählt war.

Wenn er im Wirtshaus saß, schaute er stundenlang in ein Eck und bewegte die Lippen, als wenn er Brevier beten müßt. Anreden hat ihn niemand dürfen, und wenn er abends spazieren ging, hat er sich die einsamsten Wege ausgesucht.

Der Schäfer-Hansl hat ihn in einer Sandgrube gesehen, wie er ganz fürchtig mit den Armen herumschlegelte, und bald stat, bald recht laut an die Wand hinredete.

Mein Freund, der Förster erzählte mir — und dann ist es gewiß wahr —, daß ihm drei Tage vor dem Feste eine spaßige Geschichte mit dem Bader untergekommen sei.

„Wie ich zu unserem Herrn Medizinalrat in den Laden komm,“ sagte er, „sitzt schon der Hiasbauer da und laßt sich seine polizeiwidrige Fassade abkratzen. Der Lippel hat ihn bei der Nasen, rasiert ihn aber net, sondern schaut in die Höh, als wenn er auf der Decken ganz was Besonderes beobachten müßt.“

Der Hiasbauer, die ganze Visage voller Seifen, glotzt noch dümmer wie sonst, und schiegelt bald aufs Rasiermesser, bald auf die Decken.

Endlich wird’s ihm doch z’dumm und er brummt: „Fang amol o, Bader.“

Der Lippel fahrt z’samm, als wenn er aufwachen tät, und fangt langsam das Kratzen an. Er is aber no net mit der Hälft ferti, spinnt er scho wieder. Desmal schaut er gradaus, und ziagt die Stirn z’samm, wia der Napoleon in der Schlacht. An Hiasbauern hat er alleweil no bei der Nasen. Auf oamal schreit er: „Blicken wir hinauf, wo unser Banner rauscht,“ und dabei reißt er an Hiasbauern sein Vorsprung in d’Höh und deut’ mit dem Rasiermesser wieder auf die Weißdecken.

„Auslassen, auslassen,“ jammert der Hiasbauer, traut si aber net rühren von wegen dem Rasiermesser.

Mi freut de Gaudi, und weil i außerdem dem schelchen Spitzbuam die Angst gönn, sag i:

„Was hast denn für a Gschroa, Hiasbauer, siegst net, daß da Herr Medizinalrat bloß zu Deiner Unterhaltung deklamürt?“

Indem besinnt sich der Lippel wieder und rasiert weiter.

Wie er ihm grad an der Gurgel herumkitzelt, fangt er wieder an:

„Hochgeehrte Festversammlung! Es ist ein herzerhebendes, es ist ein schönes Fest, das uns vereint,“ und dabei ziagt er jetzt an Hiasbauern, der vorlauter Angst schwitzt, ein bissel gradaus, „blicket auf die stolze Trophäe, die ich halte“...

„Jessas na,“ winselt der Hiasbauer, „laß mi a bißl aus, Lippl, i bitt Di gar schö, i muaß niaßen.“

Und wia ’n der Medizinalrat wirklich loslaßt, springt er auf, schmeißt an Stuhl um und naus beim Tempel.

„Baderwaschel, trapfter, damischer,“ hat er no g’schrian, und schö war’s, wia sei G’sicht halbert rasiert und halbert voller Seifen war.

„Was hat denn der Mensch?“ fragt der Lippel und schaut mi ganz verwundert an.

„Ja,“ sag i, „der werd si halt auf zwoamal rasieren lassen wollen, damit ’s net so viel kost. I wart aa, bis ’s Fest vorbei is, sonst kunnten’s am End jetzt Eana ganze Red halten, und i hätt am Sunntag koan Spaß mehr.“

„Damit bin i gangen. Und i sag bloß, wenn die Fahnenweih net bald is, nachher hat’s was mit dem Bader, und aa mit dem Hofbauer. In dem sein Haus is jetzt alle Tag Kirchweih. Der Alt übt sie auf oaKlub- und zwoa Veteranareden ei, der Jung lernt ’s Fahnenschwinga und probiert seine neue Handschuha. Gestern hat er dem Zeißler-Lenz a Schellen damit geben, daß er drei Zähn verloren hat. Aber bloß aus G’spaß.“

Der Förster hat vollauf recht gehabt. Die Aufregung ist in Kraglfing jeden Tag größer worden, und auch ihr, liebe Leser, werdet froh sein, wenn die Vorbereitung aufhört und das Fest anfangt.

Ich auch.

Ende des ersten Abschnitts


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