1. Unverhofft kommt oft.Andrer Gram birgt andre Wonne;Ueber ein StündleinIst deine Kammer voll Sonne.Paul Heyse.»Es ist gar nicht zu sagen wie schnell ein Ereigniß da ist, wenn man esnichterwartet hat! Hat man es erwartet, so dauert es viel länger, und manchmal kommt es gar nicht.« Mit diesen Worten etwa beginnt eine liebenswürdige Roquette’sche Novelle. Die Wahrheit, die sich darin ausspricht, sollte sich auch an mir erfüllen. »Unverhofft kommt oft.«Es war Sonnabend den 26. November. Die erste Hälfte des Tages mit Spaziergang und Arbeit lag hinter mir, das Mittags-Beefsteak war verzehrt, »in seinem zähen Widerstand gebrochen«, und die Kaffeestunde umblühte mich bereits. Duft und Wärme füllten das Zimmer. Rasumofsky war bei mir. Wie die beiden wilden Männer im Preußischen Wappen standen wir am Kamin, er rechts, ich links, während zwischen uns das Feuer glühte und die mehrerwähnte bauchige Blechkanne, mitten in die Kohlen hinein gestellt, eben mit ihrem Deckel zu klappern begann. Es war das Wasser für denzweitenoder Rasumofsky-Aufguß; den ersten hielt ich bereits in Händen und nippte mit der Bedächtigkeit eines »Connaisseurs«.Rasumofsky hatte seinen sentimentalen Tag und sagte: Jott, Herr Leutnant, wann werden wir wieder den ersten Preuß’schen Kaffe trinken? Mit Weihnachten wird es nichts.Nein, Rasumofsky, auf Ostern müssen wir uns gefaßt machen. Vielleicht sehn wir hier noch den Flieder blühn.Ach, Herr Leutnant, hier blüht ja gar kein Flieder nich.Aber Rasumofsky, Sie werden doch diesen Gegenden, die dicht an der Grenze des Mandelbaums und der Goldorange liegen, nicht den landesüblichen blauen Flieder absprechen wollen?Ich glaube hier gar nichts mehr. Die Franzosen lügen alle. Wer weiß wo wir hier sind? Sie können sich gar nicht denken, Herr Leutnant, was die armen Kerls drüben frieren. Ich glaube, wir sind hier gar nicht südlich.Na, Rasumofsky, da können Sie sich nun auf mich verlassen. Funfzehn Meilen von Bordeaux. Da hilft alles nichts, Geographie und Karten, damit wissen wir Bescheid.Er nickte zustimmend.Und am Ende, so fuhr ich fort, Ostern oder nicht, ich kann es so schlimm hier nicht finden. Rasumofsky, ich sage Ihnen, alle Dinge haben zwei Seiten.Er nickte wieder.Sehen Sie, es ist jetzt halb zwei; vor einer Viertelstunde erst hab ich mein Beefsteak gegessen und schon halt’ ich hier ein Glas guten Javakaffee in Händen. Glauben Sie, Rasumofsky, daß man das haben kann, wenn man frei ist? Gott bewahre. So ’was hat man nur in Gefangenschaft.Er griente.Sie sind ein vernünftiger Mensch, Rasumofsky, und kennen die Welt. Es wird wohl in Posen auch so sein wie anderswo. Der Hausherr, sehen Sie, das ist eine ganz sonderbare Stellung. Es wird ihm zwei- bis dreimal des Tages vorerzählt, er sei ein Tyrann, ein wahrer Pascha, und an dieser Ehrenerklärung muß er saugen wie an einem Stück Zucker. Nun sollen die Paschas viel Kaffee trinken. Aber ich sage Ihnen Rasumofsky,dieBerliner Tyrannen, die um halb zwei eine Tasse Kaffee kriegen können,diesind zu zählen. Es ist entweder Wäsche, oder das Wasser kocht nicht, oder die Schornsteinfeger sind angemeldet. Sehen Sie, man könnte beinah sagen: nur der Gefangene ist frei.Hier hielt er sich nicht länger und brach in die Worte aus: ach, Herr Leutnant, das is ja, als ob ich meinen Rittmeister reden hörte. Grade so war es in Posen. Es ist zu merkwürdig.Seine Betrachtungen über dies wunderbare Zusammentreffen wurden durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen. »Entrez!« Ein preußischer Infanterist mit einer 25 auf der Achselklappe und einem Klapphut auf dem Kopf, die ganze Erscheinung der typische Rheinländer, trat ein, um mich wissen zu lassen: »Monsieur le Commandant (der Auxiliar-Kommandant) wünschten mich zu sprechen.« Zu Befehl. Ich folgte unverzüglich.Der Vice-Kommandant, über den ich in einem früheren Kapitel bereits berichtet, hatte während der letzten Tage unmittelbar unter mir, in dem mit rothen Teufelchen garnirten Zimmer, ein Büreau etablirt, in dem einige französische Marine-Soldaten, unter Assistenz jenes 25ers (eines Kölners, der brillant französisch sprach), das ganze Schreiber- und Verwaltungswesen leiteten. Die Federn flogen hin und her; in der Mitte des Zimmers stand Baron de la Flotte. Ich verneigte mich vor »König Blaubart«. Mit schätzenswerther Raschheit sprang er gleich inmedias resund erklärte mir: »Monsieur le Ministre de la Guerre a ordonné votre libération; — Monsieur F. vous êtes libre.« Ich verneigte mich. »Im Uebrigen,« fuhr er fort, »muß ich Sie bitten, ein Papier zu unterzeichnen, in dem Sie sich verpflichten, einerseits, nach dem Maße Ihrer Kraft, auf die Befreiung eines französischen Oberoffiziers hinwirken, andererseits gegen Frankreich weder irgend etwas sagen, noch schreiben, noch thun zu wollen.«Ich stutzte einen Augenblick, wiederholte überlegend die Worte: »ni dire, ni écrire, ni faire quelque chose contre la France« und fragte dann: ob bei dieser Erklärung aller Accent auf das Wort »contre« gelegt würde? Ich nähme dies vorläufig an; hätt’ ich darin Recht, so würd’ es mir leicht, die geforderte Verpflichtung einzugehen, da in meinem Herzen nichts lebe, was als eine Empfindung »contrela France« gedeutet werden könne. Kommandant Blaubart lächelte und machte eine gefällige, halb zustimmende, halb ablehnende, also, wenn der Ausdruck gestattet ist, eine neutrale Handbewegung, die etwa ausdrücken sollte: »dies ist eine heikle Frage; die Entscheidung steht bei Ihnen« und entließ mich dann mit jenen Formen, die er beherrschte und die ihm so wohl kleideten.Rasumofsky erwartete mich oben. Dies Abgerufen-werden zum Kommandanten war natürlich ein »Ereigniß«, und nach nichts, selbst den Taback nicht ausgeschlossen, sehnte sich alle Welt so sehr wie nach Neuigkeiten. Ein wegen »unerlaubter Schiffszwiebacks-Aneignung« zu drei Tagen Gefängniß verurtheilter Mecklenburger machte sechs Tage von sich reden; man mag sich also vorstellen, welche Neugiers-Unruhe in Rasumofsky’s Seele seit meiner Abberufung zum Kommandanten gestürmt hatte.»Rasumofsky, ich bin frei.«Der erste Effekt dieser Worte war alles andere eher als heiter. Der Angeredete, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, fühlte klar, daß seine guten Tage nunmehr gezählt seien, und statt in Kaminfeuer und Kaffeegrund starrte er wieder in grundlose Langeweile. Er erholte sich aber schnell und sagte herzlich: »Na, das is schön; da wird sich die Frau Leutnant freuen. Himmelwetter, wenn unsereins doch mitkönnte!«Rasumofsky, Sie wissen »la paix est prochaine«. (So schloß jede Unterhaltung, die ich mit Franzosen führte.) Sie werden mich in Berlin besuchen. Tag oder Nacht, alles ganz egal. Sie sollen Kaffee haben. Dafür bin ich Hausherr.Ach, Herr Leutnant, Sie sind zu gut.Ja, Rasumofsky, das war immer mein Fehler. Aber was will man machen. Hier, alte Seele, haben Sie einen Befreiungs-Franken. Und nun seien Sie 5 Minuten ruhig; ich muß an den Kommandanten schreiben.Dies geschah. Ich hatte angefragt, ob meiner Abreise am Dienstag nichts entgegen stehen würde!Rasumofsky sprang die Treppe hinunter, überreichte meinen Brief unten im Bureau und flog dann in die Kaserne hinüber, um, als Erster, die Siegesnachricht zu bringen: mein Leutnant ist frei.Es ist fraglich, ob die Capitulation von Paris eine ähnliche Sensation hervorgerufen haben würde.
Andrer Gram birgt andre Wonne;Ueber ein StündleinIst deine Kammer voll Sonne.Paul Heyse.
»Es ist gar nicht zu sagen wie schnell ein Ereigniß da ist, wenn man esnichterwartet hat! Hat man es erwartet, so dauert es viel länger, und manchmal kommt es gar nicht.« Mit diesen Worten etwa beginnt eine liebenswürdige Roquette’sche Novelle. Die Wahrheit, die sich darin ausspricht, sollte sich auch an mir erfüllen. »Unverhofft kommt oft.«
Es war Sonnabend den 26. November. Die erste Hälfte des Tages mit Spaziergang und Arbeit lag hinter mir, das Mittags-Beefsteak war verzehrt, »in seinem zähen Widerstand gebrochen«, und die Kaffeestunde umblühte mich bereits. Duft und Wärme füllten das Zimmer. Rasumofsky war bei mir. Wie die beiden wilden Männer im Preußischen Wappen standen wir am Kamin, er rechts, ich links, während zwischen uns das Feuer glühte und die mehrerwähnte bauchige Blechkanne, mitten in die Kohlen hinein gestellt, eben mit ihrem Deckel zu klappern begann. Es war das Wasser für denzweitenoder Rasumofsky-Aufguß; den ersten hielt ich bereits in Händen und nippte mit der Bedächtigkeit eines »Connaisseurs«.
Rasumofsky hatte seinen sentimentalen Tag und sagte: Jott, Herr Leutnant, wann werden wir wieder den ersten Preuß’schen Kaffe trinken? Mit Weihnachten wird es nichts.
Nein, Rasumofsky, auf Ostern müssen wir uns gefaßt machen. Vielleicht sehn wir hier noch den Flieder blühn.
Ach, Herr Leutnant, hier blüht ja gar kein Flieder nich.
Aber Rasumofsky, Sie werden doch diesen Gegenden, die dicht an der Grenze des Mandelbaums und der Goldorange liegen, nicht den landesüblichen blauen Flieder absprechen wollen?
Ich glaube hier gar nichts mehr. Die Franzosen lügen alle. Wer weiß wo wir hier sind? Sie können sich gar nicht denken, Herr Leutnant, was die armen Kerls drüben frieren. Ich glaube, wir sind hier gar nicht südlich.
Na, Rasumofsky, da können Sie sich nun auf mich verlassen. Funfzehn Meilen von Bordeaux. Da hilft alles nichts, Geographie und Karten, damit wissen wir Bescheid.
Er nickte zustimmend.
Und am Ende, so fuhr ich fort, Ostern oder nicht, ich kann es so schlimm hier nicht finden. Rasumofsky, ich sage Ihnen, alle Dinge haben zwei Seiten.
Er nickte wieder.
Sehen Sie, es ist jetzt halb zwei; vor einer Viertelstunde erst hab ich mein Beefsteak gegessen und schon halt’ ich hier ein Glas guten Javakaffee in Händen. Glauben Sie, Rasumofsky, daß man das haben kann, wenn man frei ist? Gott bewahre. So ’was hat man nur in Gefangenschaft.
Er griente.
Sie sind ein vernünftiger Mensch, Rasumofsky, und kennen die Welt. Es wird wohl in Posen auch so sein wie anderswo. Der Hausherr, sehen Sie, das ist eine ganz sonderbare Stellung. Es wird ihm zwei- bis dreimal des Tages vorerzählt, er sei ein Tyrann, ein wahrer Pascha, und an dieser Ehrenerklärung muß er saugen wie an einem Stück Zucker. Nun sollen die Paschas viel Kaffee trinken. Aber ich sage Ihnen Rasumofsky,dieBerliner Tyrannen, die um halb zwei eine Tasse Kaffee kriegen können,diesind zu zählen. Es ist entweder Wäsche, oder das Wasser kocht nicht, oder die Schornsteinfeger sind angemeldet. Sehen Sie, man könnte beinah sagen: nur der Gefangene ist frei.
Hier hielt er sich nicht länger und brach in die Worte aus: ach, Herr Leutnant, das is ja, als ob ich meinen Rittmeister reden hörte. Grade so war es in Posen. Es ist zu merkwürdig.
Seine Betrachtungen über dies wunderbare Zusammentreffen wurden durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen. »Entrez!« Ein preußischer Infanterist mit einer 25 auf der Achselklappe und einem Klapphut auf dem Kopf, die ganze Erscheinung der typische Rheinländer, trat ein, um mich wissen zu lassen: »Monsieur le Commandant (der Auxiliar-Kommandant) wünschten mich zu sprechen.« Zu Befehl. Ich folgte unverzüglich.
Der Vice-Kommandant, über den ich in einem früheren Kapitel bereits berichtet, hatte während der letzten Tage unmittelbar unter mir, in dem mit rothen Teufelchen garnirten Zimmer, ein Büreau etablirt, in dem einige französische Marine-Soldaten, unter Assistenz jenes 25ers (eines Kölners, der brillant französisch sprach), das ganze Schreiber- und Verwaltungswesen leiteten. Die Federn flogen hin und her; in der Mitte des Zimmers stand Baron de la Flotte. Ich verneigte mich vor »König Blaubart«. Mit schätzenswerther Raschheit sprang er gleich inmedias resund erklärte mir: »Monsieur le Ministre de la Guerre a ordonné votre libération; — Monsieur F. vous êtes libre.« Ich verneigte mich. »Im Uebrigen,« fuhr er fort, »muß ich Sie bitten, ein Papier zu unterzeichnen, in dem Sie sich verpflichten, einerseits, nach dem Maße Ihrer Kraft, auf die Befreiung eines französischen Oberoffiziers hinwirken, andererseits gegen Frankreich weder irgend etwas sagen, noch schreiben, noch thun zu wollen.«
Ich stutzte einen Augenblick, wiederholte überlegend die Worte: »ni dire, ni écrire, ni faire quelque chose contre la France« und fragte dann: ob bei dieser Erklärung aller Accent auf das Wort »contre« gelegt würde? Ich nähme dies vorläufig an; hätt’ ich darin Recht, so würd’ es mir leicht, die geforderte Verpflichtung einzugehen, da in meinem Herzen nichts lebe, was als eine Empfindung »contrela France« gedeutet werden könne. Kommandant Blaubart lächelte und machte eine gefällige, halb zustimmende, halb ablehnende, also, wenn der Ausdruck gestattet ist, eine neutrale Handbewegung, die etwa ausdrücken sollte: »dies ist eine heikle Frage; die Entscheidung steht bei Ihnen« und entließ mich dann mit jenen Formen, die er beherrschte und die ihm so wohl kleideten.
Rasumofsky erwartete mich oben. Dies Abgerufen-werden zum Kommandanten war natürlich ein »Ereigniß«, und nach nichts, selbst den Taback nicht ausgeschlossen, sehnte sich alle Welt so sehr wie nach Neuigkeiten. Ein wegen »unerlaubter Schiffszwiebacks-Aneignung« zu drei Tagen Gefängniß verurtheilter Mecklenburger machte sechs Tage von sich reden; man mag sich also vorstellen, welche Neugiers-Unruhe in Rasumofsky’s Seele seit meiner Abberufung zum Kommandanten gestürmt hatte.
»Rasumofsky, ich bin frei.«
Der erste Effekt dieser Worte war alles andere eher als heiter. Der Angeredete, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, fühlte klar, daß seine guten Tage nunmehr gezählt seien, und statt in Kaminfeuer und Kaffeegrund starrte er wieder in grundlose Langeweile. Er erholte sich aber schnell und sagte herzlich: »Na, das is schön; da wird sich die Frau Leutnant freuen. Himmelwetter, wenn unsereins doch mitkönnte!«
Rasumofsky, Sie wissen »la paix est prochaine«. (So schloß jede Unterhaltung, die ich mit Franzosen führte.) Sie werden mich in Berlin besuchen. Tag oder Nacht, alles ganz egal. Sie sollen Kaffee haben. Dafür bin ich Hausherr.
Ach, Herr Leutnant, Sie sind zu gut.
Ja, Rasumofsky, das war immer mein Fehler. Aber was will man machen. Hier, alte Seele, haben Sie einen Befreiungs-Franken. Und nun seien Sie 5 Minuten ruhig; ich muß an den Kommandanten schreiben.
Dies geschah. Ich hatte angefragt, ob meiner Abreise am Dienstag nichts entgegen stehen würde!
Rasumofsky sprang die Treppe hinunter, überreichte meinen Brief unten im Bureau und flog dann in die Kaserne hinüber, um, als Erster, die Siegesnachricht zu bringen: mein Leutnant ist frei.
Es ist fraglich, ob die Capitulation von Paris eine ähnliche Sensation hervorgerufen haben würde.