6. Marennes.

6. Marennes.Es rauscht kein Wald, mit hartem SchreiNur fliegt die Wandergans vorbei,Am Strande weht das Gras.Th. Storm.Gebt uns ein Lied!»Wenn ihr begehrt, die Menge.«Nur auch einnagelneuesStück.Faust.Bedrückend, wie der Traum, war das Erwachen. Bleiern lag es um meine Stirn; als ich mich erheben wollte, fiel ich kraftlos zurück, das Gespenst des Nervenfiebers stand vor mir. Wer einmal das Heraufziehen dieses schweren Gewitters an sich beobachtet hat, behält eine Erinnerung davon auf Lebenszeit. Ich kam aber drüberhin; wahrscheinlich hatte mich der Kohlendampf vom Tage vorher nur betäubt und ließ meinen Zustand schlimmer erscheinen als er war. Es war Mittag, als ich in den Hof hinunterstieg, um mich in frischer Luft zu erholen.Ich mochte während dieses Spaziergangs auf alle die mich sahen einen ziemlich tristen Eindruck gemacht haben, denn bei meiner Rückkehr in den großen Corridor überraschte mich die Meldung, daß ich umquartiert worden sei. Der Direktor habe es so angeordnet. Ich ging, um zunächst meinen Dank auszusprechen und stieg dann treppauf in meine neue Behausung. Es war das Arbeits- und Wohnzimmer des Sohnes (jetzt bei der Armee in Paris), das man mir eingeräumt hatte und der langentbehrte Anblick des Wohnlichen that mir in diesem Augenblick der Erschöpfung und des Kleinmuths unendlich wohl. Der Gesunde kann diese Dinge leicht entbehren, dem Kranken sind sie ein Labsal. Ein Schreibtisch, ein Bücherbrett, ein paar Bilder, über die Fliesen waren Teppichstreifen gelegt; im Kamin brannte ein hohes Feuer, auf dem Sims standen ein paar Vasen, dazwischen ein Spiegel. Ich sah hinein. Das erste Mal seit 5 Wochen! Ich konnte nicht finden, mich verbessert zu haben.Zu Seiten des Kamins stand ein breiter Stuhl, ein gesticktes Kissen war in die Rückenlehne gelegt. Ich suchte unter den Büchern, wählte eine »Archéologie chrétienne« und rückte nun vor das Feuer. Von Notre-Dame und der Reimser Kathedrale lesend, vergingen die Stunden; ehe noch der Abend kam, war ich genesen. Der Direktor erschien, um nach meinem Befinden zu fragen. Wir sprachen von unseren Söhnen, der seineinParis, der meinedavor; die Väter saßen hier friedfertig bei einander. Wir kamen auch auf das Gefängnißwesen. »Das Reglement ist gut, aber kein Reglement erschöpft alle Fälle und Möglichkeiten; es heißt eben auch da: der Buchstabe tödtet, der Geist macht lebendig.« Wie sehr empfand ich die Wahrheit alles dessen. Einer solchen ideellen Auffassung ihres schweren und wichtigen Berufs bin ich bei den französischen Gefängnißvorständenmehrfachbegegnet. Sie erkannten ihre Pflicht darin, zu erheben, nicht niederzudrücken; keine Sentimentalität, aber Humanität. Alle diese Männerempfanden sich als Träger einer Aufgabeund nahmen eine Stellung zu dieser.Die Insel Oléron, für die wir, meine badischen Mitgefangenen wie ich selbst, bestimmt waren, konnte von Rochefort aus zuSchiff, die Charente hinunter, ohne weitere Zwischenstationen in höchstens vier, fünf Stunden erreicht werden; die Behörden zogen es aber vor, uns — unter Ausschluß dieses Flußweges — so weit wie möglich denLandweg machen zu lassen, d. h. also, bis zu einem äußersten, vorspringenden Punkte hin, dem dann die Insel auf kaum Kanonenschußferne gegenüber liegt. Diese Bevorzugung des Landweges vor dem Wasserwege schuf uns noch eine Etappe. Diese Etappe warMarennes.Der Weg von Rochefort bis Marennes betrug wenig über zwei Meilen; es war also eine gute Gelegenheit gegeben, unser durch Eisenbahnfahrten nur mäßig in Circulation gehaltenes Blut durch einen vierstündigen Marsch wieder frisch und umlaufslustig zu machen. Die Nachricht davon wurde auch mit allgemeinem Jubel aufgenommen; ich als »officier supérieur« indeß erhielt die Zusicherung eines Wagens, womit ich denn auch, trotz aller Wertschätzung energischen Blutumlaufs, schließlich sehr einverstanden war.Um 9 Uhr setzte sich die Colonne in Bewegung. Ich sage absichtlich die Colonne, denn wir waren am Tage vorher durch zwölf andere Gefangene, meist Matrosen und Schiffsjungen, verstärkt worden und musterten jetzt im Ganzen 18 Mann. Es war ein vollständiger Zug. Erst 2 berittene Gensdarmen, dann mein Fuhrwerk, dann die Colonne, dann wieder Gensdarmen, dann Volk. So ging es bei schönstem Wetter aus Rochefort hinaus; die Luft war frisch, aber nicht scharf, die Sonne fiel auf die generalsartigen Wachstuchhüte der Gensdarmen und ließ diese hell erglänzen. Die Stimmung aller war wie der Morgen.Ich marschirte eine Viertelmeile mit, weil ich, zunächst wenigstens, wie alle anderen das Bedürfniß nach Bewegung hatte, dann nahm ich meinen Platz auf dem Gefährte ein. Es war ein zweirädriger Bau, von dem ich unentschieden lasse, ob der Verbrecherkarren oder die norwegische Carriolpost in ihm vorwog; was das Balancirbrett anging, das dem Kutscher und mir als Sitz diente, so war es ganz und gar skandinavisch, nur der Skudsjunge fehlte. Statt dessen hatte auf dem rechten Brettflügel ein Alter in einem Schafpelz mit langhaarigerZiegenfell-Pellerine Platz genommen. Dies sah unendlich komisch aus. Er plauderte viel, aber sehr geschickt und suchte namentlich alle langen Sätze zu vermeiden, ganz ersichtlich, um mir die Conversation zu erleichtern.So ging es fast eine Meile, wo wir in einem großen Dorfe, ich glaube St. Agnair, eine erste Rast machten. Die Auberge hatte ganz den Charakter einer spanischen Posada; alles war räucherig und geschwärzt, ein Hängekessel über dem Feuer, Heiligenbilder, die Weiber alt und häßlich, und inmitten dieser Wüstheit ein großes Bauer mit Canarienvögeln, deren hellgelbes Gefieder wunderbar kontrastirte mit dieser Fülle von Schwarz und Rauch. Ich bestellte Kaffee und gerieth beim Anblick einer großen Kaffeemühle, die herbeigeschleppt wurde, in solche Freudigkeit, daß ich auf einem Schemel am Feuer Platz nahm und energisch zu drehen begann, während in das Gesumm des brodelnden Wassers hinein die Scheite knackten und die Canarienvögel sangen.Nach einer guten halben Stunde ging es weiter, immer in demselben Aufzuge. Das landschaftliche Bild aber wurde von hier ab ein völlig anderes. Bis St. Agnair hin waren wir durch eine einfache Flachlandsgegend gezogen, die ebenso gut auch bei Alt-Landsberg oder Jüterbog hätte liegen können; jetzt erst traten wir in ein Terrain ein, das diesen Küsten eigentümlich ist, in die »Marais« (Meersümpfe), angeschwemmtes, dem Meere entwachsenes Land, das aber immer noch zweilebig geblieben ist und in seinem Luch- und Sumpfcharakter nicht recht weiß, wozu es sich halten soll. In anderen Gegenden ist dies angeschwemmte Land, wie beispielsweise an der schleswig-holsteinischen Westküste, ein vorzüglicher, die besten Ernten gebender Boden, hier aber erweist er sich als stumpf, lehmarm, unfruchtbar und trägt nur eine kümmerliche Kruste, gerade stark genug, um ein mittelmäßiges Gras zu produciren und eine ziemlich ausgedehnte Viehzucht zu gestatten. Dabei ungesund wie alle Sumpfgegenden.Die schon mit südlicher Kraft wirkende Sonne an diesem Küstenstriche hat es aber doch ermöglicht, in diesen »Marais« eine eigene Industrie groß zu ziehen, die nicht nur vielfach die Bevölkerung nährt, sondern auch landschaftlich diesen Gegenden einen besondern Stempel aufdrückt. Das ist die Seesalzfabrikation. In große flache Teiche wird, mit Hülfe der Fluth wenn ich nicht irre, das Seewasser geleitet und durch den einfachen Prozeß der Verdunstung auf Seesalz hin bearbeitet. Mit großen Krücken, den »râbles«, werden die Krystalle herausgefischt und dann in daneben befindlichen, meist backofenartigen Strohhütten aufbewahrt. Auf Meilen hin sieht das Auge nichts wie Wiesen, Teiche und Strohdächer. Sehr monoton, aber sehr eigenthümlich.Nach abermals anderthalb Stunden erreichten wir eine scharfe Biegung der Chaussee, die Straße begann ein wenig zu steigen und der Thurm von Marennes, eine hohe gothische Spitze, wurde sichtbar. Wir hatten von dieser Wegebiegung aus nur noch eine gute halbe Stunde; das belebte wieder. Die etwas aus Schritt und Tritt gekommene Colonne ordnete sich, die Gensdarmen, die sich nach deutschen Kommandos erkundigt hatten, kommandirten unter Lachen: »links, rechts, links, rechts«, und von der Front her erscholl jetzt der Ruf:singen. Ich drehte mich um und nickte ihnen zu, wurde aber in demselben Augenblick von dem bangen Gedanken erfaßt: was wird es jetzt geben? was wird gesungen werden? Richtig, die Wahl überstieg noch meine kühnsten Erwartungen; ein Badenser intonirte: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, und die Matrosen fielen sofort heiser und wehmuthsvoll ein: »daß ich so traurig bin«. Sie waren aber alles andere eher wie traurig; namentlich der eine, ein bildhübscher Kerl, der unserem Steffeck in seinen besten Tagen wie ein Zwillingsbruder ähnlich sah, hatte in St. Agnair dem »vin blanc« erheblich zugesprochen und hin und her wankend machte er jetzt allerdings den Eindruck einer gewissen Auflösung, aber nicht in Schmerz.Endlich war man mit allen Versen durch, eine kleine Räusperungspause trat ein, die uns bis auf 1000 Schritt an die im Mittagslichte hell daliegende Stadt führte. Ein Wäldchen, Birken und Eichen, eine sauber gehaltene »Plantage«, lag uns bereits zur Rechten und schon begannen einzelne Spaziergänger sich unserem Zuge anzuschließen. Das gab neuen Künstlermuth, und siehe da, ein alter anhaltiner Marketender, der beim Butteraufkauf in der Nähe von Laon von Franctireurs gefangen genommen worden war, kommandirte jetzt mitten aus der Colonne heraus: »Die Wacht am Rhein.« Ich mußte laut auflachen. Eine auf die größte Dummheit gesetzte Prämie hätte keine bessere Wahl zu Stande bringen können. Die Colonne war aber so unkritisch wie möglich; ein halbes Dutzend Stimmen unterstützten die Forderung, und unter der in jeder Strophe auf’s Neue abgegebenen Versicherung, daß »lieb Vaterland ruhig sein könne«, zogen wir, hundert Meilen westwärts des Rheins, alsKriegsgefangenein Marennes ein. Die halbe Stadt hatte sich schon vorher uns zugesellt. Es war, wie wenn die Puppenspieler irgendwo einziehen. Ich als Direktor. Mein Alter mit der Ziegenfell-Pellerine sah aus wie der Zauberer der Gesellschaft. Unzweifelhaft erstes Mitglied.Das Gefängniß nahm uns auf; Besuche kamen, wir waren weit mehr eine Sehenswürdigkeit, als wie Feinde. Der Souspräfekt begrüßte mich; ein feiner, blaß und kränklich aussehender Herr, der mich lebhaft an Mr. Cialandri, den Souspräfekten in Neufchateau, erinnerte. Was lag alles dazwischen! Tod und Leben.Wir hatten ziemlich freie Bewegung, jede kleine Annehmlichkeit wurde gewährt, freilich für Summen, die an’s Lächerliche grenzten. Ich bezahlte ein Hammelcotelett wie ein Diner bei Very. Gegen Abend erschienen der Maire und sein erster Secretair in meiner Zelle. Es kam Licht; die beiden Herren nahmen auf einer Bank Platz, ich auf dem Bettrand; so plauderten wir. Sie waren, alsSchäfer verkleidet, bei Sedan von den Preußen gefangen genommen worden und hatten beide auf dem Punkte gestanden, ihre Schlachten-Amateurschaft mit dem Leben zu bezahlen. Herzog Wilhelm von Mecklenburg hatte sie gerettet und freigegeben. Da waren sie nun wieder in Marennes. Als Dritter im Bunde saß ich daneben! Meine Amateurschaft für romantische Plätze hatte mich auf französischer Seite in dieselbe bedrohliche Situation gebracht. Wir tauschten unsere Erlebnisse aus, zugleich unsere Befriedigungdarüber, daß wir es überhaupt noch konnten.Dann trennten wir uns, der Schließer entschuldigte sich, daß er »schließen« müsse; eine halbe Stunde später schloß ich die Augen. In der Nacht horchte ich auf, ob ich nicht den Wogengang des »Atlantic« hörte, dem ich jetzt auf eine halbe Stunde nahe war. Mitunter schien es mir, als rausche und grüße es herüber. Aber es war nur der Wind, der durch den Kamin fuhr.Graphisches Schmuckbild

Es rauscht kein Wald, mit hartem SchreiNur fliegt die Wandergans vorbei,Am Strande weht das Gras.Th. Storm.

Th. Storm.

Gebt uns ein Lied!»Wenn ihr begehrt, die Menge.«Nur auch einnagelneuesStück.Faust.

»Wenn ihr begehrt, die Menge.«

Faust.

Bedrückend, wie der Traum, war das Erwachen. Bleiern lag es um meine Stirn; als ich mich erheben wollte, fiel ich kraftlos zurück, das Gespenst des Nervenfiebers stand vor mir. Wer einmal das Heraufziehen dieses schweren Gewitters an sich beobachtet hat, behält eine Erinnerung davon auf Lebenszeit. Ich kam aber drüberhin; wahrscheinlich hatte mich der Kohlendampf vom Tage vorher nur betäubt und ließ meinen Zustand schlimmer erscheinen als er war. Es war Mittag, als ich in den Hof hinunterstieg, um mich in frischer Luft zu erholen.

Ich mochte während dieses Spaziergangs auf alle die mich sahen einen ziemlich tristen Eindruck gemacht haben, denn bei meiner Rückkehr in den großen Corridor überraschte mich die Meldung, daß ich umquartiert worden sei. Der Direktor habe es so angeordnet. Ich ging, um zunächst meinen Dank auszusprechen und stieg dann treppauf in meine neue Behausung. Es war das Arbeits- und Wohnzimmer des Sohnes (jetzt bei der Armee in Paris), das man mir eingeräumt hatte und der langentbehrte Anblick des Wohnlichen that mir in diesem Augenblick der Erschöpfung und des Kleinmuths unendlich wohl. Der Gesunde kann diese Dinge leicht entbehren, dem Kranken sind sie ein Labsal. Ein Schreibtisch, ein Bücherbrett, ein paar Bilder, über die Fliesen waren Teppichstreifen gelegt; im Kamin brannte ein hohes Feuer, auf dem Sims standen ein paar Vasen, dazwischen ein Spiegel. Ich sah hinein. Das erste Mal seit 5 Wochen! Ich konnte nicht finden, mich verbessert zu haben.

Zu Seiten des Kamins stand ein breiter Stuhl, ein gesticktes Kissen war in die Rückenlehne gelegt. Ich suchte unter den Büchern, wählte eine »Archéologie chrétienne« und rückte nun vor das Feuer. Von Notre-Dame und der Reimser Kathedrale lesend, vergingen die Stunden; ehe noch der Abend kam, war ich genesen. Der Direktor erschien, um nach meinem Befinden zu fragen. Wir sprachen von unseren Söhnen, der seineinParis, der meinedavor; die Väter saßen hier friedfertig bei einander. Wir kamen auch auf das Gefängnißwesen. »Das Reglement ist gut, aber kein Reglement erschöpft alle Fälle und Möglichkeiten; es heißt eben auch da: der Buchstabe tödtet, der Geist macht lebendig.« Wie sehr empfand ich die Wahrheit alles dessen. Einer solchen ideellen Auffassung ihres schweren und wichtigen Berufs bin ich bei den französischen Gefängnißvorständenmehrfachbegegnet. Sie erkannten ihre Pflicht darin, zu erheben, nicht niederzudrücken; keine Sentimentalität, aber Humanität. Alle diese Männerempfanden sich als Träger einer Aufgabeund nahmen eine Stellung zu dieser.

Die Insel Oléron, für die wir, meine badischen Mitgefangenen wie ich selbst, bestimmt waren, konnte von Rochefort aus zuSchiff, die Charente hinunter, ohne weitere Zwischenstationen in höchstens vier, fünf Stunden erreicht werden; die Behörden zogen es aber vor, uns — unter Ausschluß dieses Flußweges — so weit wie möglich denLandweg machen zu lassen, d. h. also, bis zu einem äußersten, vorspringenden Punkte hin, dem dann die Insel auf kaum Kanonenschußferne gegenüber liegt. Diese Bevorzugung des Landweges vor dem Wasserwege schuf uns noch eine Etappe. Diese Etappe warMarennes.

Der Weg von Rochefort bis Marennes betrug wenig über zwei Meilen; es war also eine gute Gelegenheit gegeben, unser durch Eisenbahnfahrten nur mäßig in Circulation gehaltenes Blut durch einen vierstündigen Marsch wieder frisch und umlaufslustig zu machen. Die Nachricht davon wurde auch mit allgemeinem Jubel aufgenommen; ich als »officier supérieur« indeß erhielt die Zusicherung eines Wagens, womit ich denn auch, trotz aller Wertschätzung energischen Blutumlaufs, schließlich sehr einverstanden war.

Um 9 Uhr setzte sich die Colonne in Bewegung. Ich sage absichtlich die Colonne, denn wir waren am Tage vorher durch zwölf andere Gefangene, meist Matrosen und Schiffsjungen, verstärkt worden und musterten jetzt im Ganzen 18 Mann. Es war ein vollständiger Zug. Erst 2 berittene Gensdarmen, dann mein Fuhrwerk, dann die Colonne, dann wieder Gensdarmen, dann Volk. So ging es bei schönstem Wetter aus Rochefort hinaus; die Luft war frisch, aber nicht scharf, die Sonne fiel auf die generalsartigen Wachstuchhüte der Gensdarmen und ließ diese hell erglänzen. Die Stimmung aller war wie der Morgen.

Ich marschirte eine Viertelmeile mit, weil ich, zunächst wenigstens, wie alle anderen das Bedürfniß nach Bewegung hatte, dann nahm ich meinen Platz auf dem Gefährte ein. Es war ein zweirädriger Bau, von dem ich unentschieden lasse, ob der Verbrecherkarren oder die norwegische Carriolpost in ihm vorwog; was das Balancirbrett anging, das dem Kutscher und mir als Sitz diente, so war es ganz und gar skandinavisch, nur der Skudsjunge fehlte. Statt dessen hatte auf dem rechten Brettflügel ein Alter in einem Schafpelz mit langhaarigerZiegenfell-Pellerine Platz genommen. Dies sah unendlich komisch aus. Er plauderte viel, aber sehr geschickt und suchte namentlich alle langen Sätze zu vermeiden, ganz ersichtlich, um mir die Conversation zu erleichtern.

So ging es fast eine Meile, wo wir in einem großen Dorfe, ich glaube St. Agnair, eine erste Rast machten. Die Auberge hatte ganz den Charakter einer spanischen Posada; alles war räucherig und geschwärzt, ein Hängekessel über dem Feuer, Heiligenbilder, die Weiber alt und häßlich, und inmitten dieser Wüstheit ein großes Bauer mit Canarienvögeln, deren hellgelbes Gefieder wunderbar kontrastirte mit dieser Fülle von Schwarz und Rauch. Ich bestellte Kaffee und gerieth beim Anblick einer großen Kaffeemühle, die herbeigeschleppt wurde, in solche Freudigkeit, daß ich auf einem Schemel am Feuer Platz nahm und energisch zu drehen begann, während in das Gesumm des brodelnden Wassers hinein die Scheite knackten und die Canarienvögel sangen.

Nach einer guten halben Stunde ging es weiter, immer in demselben Aufzuge. Das landschaftliche Bild aber wurde von hier ab ein völlig anderes. Bis St. Agnair hin waren wir durch eine einfache Flachlandsgegend gezogen, die ebenso gut auch bei Alt-Landsberg oder Jüterbog hätte liegen können; jetzt erst traten wir in ein Terrain ein, das diesen Küsten eigentümlich ist, in die »Marais« (Meersümpfe), angeschwemmtes, dem Meere entwachsenes Land, das aber immer noch zweilebig geblieben ist und in seinem Luch- und Sumpfcharakter nicht recht weiß, wozu es sich halten soll. In anderen Gegenden ist dies angeschwemmte Land, wie beispielsweise an der schleswig-holsteinischen Westküste, ein vorzüglicher, die besten Ernten gebender Boden, hier aber erweist er sich als stumpf, lehmarm, unfruchtbar und trägt nur eine kümmerliche Kruste, gerade stark genug, um ein mittelmäßiges Gras zu produciren und eine ziemlich ausgedehnte Viehzucht zu gestatten. Dabei ungesund wie alle Sumpfgegenden.

Die schon mit südlicher Kraft wirkende Sonne an diesem Küstenstriche hat es aber doch ermöglicht, in diesen »Marais« eine eigene Industrie groß zu ziehen, die nicht nur vielfach die Bevölkerung nährt, sondern auch landschaftlich diesen Gegenden einen besondern Stempel aufdrückt. Das ist die Seesalzfabrikation. In große flache Teiche wird, mit Hülfe der Fluth wenn ich nicht irre, das Seewasser geleitet und durch den einfachen Prozeß der Verdunstung auf Seesalz hin bearbeitet. Mit großen Krücken, den »râbles«, werden die Krystalle herausgefischt und dann in daneben befindlichen, meist backofenartigen Strohhütten aufbewahrt. Auf Meilen hin sieht das Auge nichts wie Wiesen, Teiche und Strohdächer. Sehr monoton, aber sehr eigenthümlich.

Nach abermals anderthalb Stunden erreichten wir eine scharfe Biegung der Chaussee, die Straße begann ein wenig zu steigen und der Thurm von Marennes, eine hohe gothische Spitze, wurde sichtbar. Wir hatten von dieser Wegebiegung aus nur noch eine gute halbe Stunde; das belebte wieder. Die etwas aus Schritt und Tritt gekommene Colonne ordnete sich, die Gensdarmen, die sich nach deutschen Kommandos erkundigt hatten, kommandirten unter Lachen: »links, rechts, links, rechts«, und von der Front her erscholl jetzt der Ruf:singen. Ich drehte mich um und nickte ihnen zu, wurde aber in demselben Augenblick von dem bangen Gedanken erfaßt: was wird es jetzt geben? was wird gesungen werden? Richtig, die Wahl überstieg noch meine kühnsten Erwartungen; ein Badenser intonirte: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, und die Matrosen fielen sofort heiser und wehmuthsvoll ein: »daß ich so traurig bin«. Sie waren aber alles andere eher wie traurig; namentlich der eine, ein bildhübscher Kerl, der unserem Steffeck in seinen besten Tagen wie ein Zwillingsbruder ähnlich sah, hatte in St. Agnair dem »vin blanc« erheblich zugesprochen und hin und her wankend machte er jetzt allerdings den Eindruck einer gewissen Auflösung, aber nicht in Schmerz.

Endlich war man mit allen Versen durch, eine kleine Räusperungspause trat ein, die uns bis auf 1000 Schritt an die im Mittagslichte hell daliegende Stadt führte. Ein Wäldchen, Birken und Eichen, eine sauber gehaltene »Plantage«, lag uns bereits zur Rechten und schon begannen einzelne Spaziergänger sich unserem Zuge anzuschließen. Das gab neuen Künstlermuth, und siehe da, ein alter anhaltiner Marketender, der beim Butteraufkauf in der Nähe von Laon von Franctireurs gefangen genommen worden war, kommandirte jetzt mitten aus der Colonne heraus: »Die Wacht am Rhein.« Ich mußte laut auflachen. Eine auf die größte Dummheit gesetzte Prämie hätte keine bessere Wahl zu Stande bringen können. Die Colonne war aber so unkritisch wie möglich; ein halbes Dutzend Stimmen unterstützten die Forderung, und unter der in jeder Strophe auf’s Neue abgegebenen Versicherung, daß »lieb Vaterland ruhig sein könne«, zogen wir, hundert Meilen westwärts des Rheins, alsKriegsgefangenein Marennes ein. Die halbe Stadt hatte sich schon vorher uns zugesellt. Es war, wie wenn die Puppenspieler irgendwo einziehen. Ich als Direktor. Mein Alter mit der Ziegenfell-Pellerine sah aus wie der Zauberer der Gesellschaft. Unzweifelhaft erstes Mitglied.

Das Gefängniß nahm uns auf; Besuche kamen, wir waren weit mehr eine Sehenswürdigkeit, als wie Feinde. Der Souspräfekt begrüßte mich; ein feiner, blaß und kränklich aussehender Herr, der mich lebhaft an Mr. Cialandri, den Souspräfekten in Neufchateau, erinnerte. Was lag alles dazwischen! Tod und Leben.

Wir hatten ziemlich freie Bewegung, jede kleine Annehmlichkeit wurde gewährt, freilich für Summen, die an’s Lächerliche grenzten. Ich bezahlte ein Hammelcotelett wie ein Diner bei Very. Gegen Abend erschienen der Maire und sein erster Secretair in meiner Zelle. Es kam Licht; die beiden Herren nahmen auf einer Bank Platz, ich auf dem Bettrand; so plauderten wir. Sie waren, alsSchäfer verkleidet, bei Sedan von den Preußen gefangen genommen worden und hatten beide auf dem Punkte gestanden, ihre Schlachten-Amateurschaft mit dem Leben zu bezahlen. Herzog Wilhelm von Mecklenburg hatte sie gerettet und freigegeben. Da waren sie nun wieder in Marennes. Als Dritter im Bunde saß ich daneben! Meine Amateurschaft für romantische Plätze hatte mich auf französischer Seite in dieselbe bedrohliche Situation gebracht. Wir tauschten unsere Erlebnisse aus, zugleich unsere Befriedigungdarüber, daß wir es überhaupt noch konnten.

Dann trennten wir uns, der Schließer entschuldigte sich, daß er »schließen« müsse; eine halbe Stunde später schloß ich die Augen. In der Nacht horchte ich auf, ob ich nicht den Wogengang des »Atlantic« hörte, dem ich jetzt auf eine halbe Stunde nahe war. Mitunter schien es mir, als rausche und grüße es herüber. Aber es war nur der Wind, der durch den Kamin fuhr.

Ile d’Oléron.


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