8. Theestunde.Den Erzähler indessen umwimmelt es, übers KnieBeide Hände gefaltet in horchender Wißbegier;Roland singt er, er singt das gefabelte Schwert Rinalds.Platen. (Bilder Neapels.)Von sechs bis acht war Theestunde und — Empfang. Man wußte das schließlich in der ganzen Kaserne und so hatt’ ich denn meist um diese Zeit Besuch. Mitunter drängte es sich, und in diesem Falle war es nichts Kleines, mit drei Gläsern und einer Zuckerdüte das leibliche, und mit Hülfe einer Unterhaltung, die vom Hundertsten aufs Tausendste sprang, das geistige Bedürfniß der Gäste zu bestreiten. Aber dies alles geschah doch im Ganzen nur selten, so selten, daß ich beinah glaube, es unterblieb aus Rücksicht, und sobald Neu-Ankommende merkten »es ist schon Besuch da«, kehrten sie einfach um.In der Regel kam man zu zweien, so daß wir uns zu Dritt an den Kamin setzen konnten; Rasumofsky als dienender Bruder im Hintergrunde. Das Hauptpaar waren zwei Einjährige, ein Bayerscher Chevauxlegers, Graf A., und ein Frankfurter Dragoner, eines Großweinhändlers Sohn. Sie waren sehr verschieden, aber jeder angenehm und tüchtig in seiner Art. Der Dragoner, ein stattlicher Rheinfranke, hatte das Breite, Männliche des ganzen Stammes; jener, der Chevauxlegers, war heiter, liebenswürdig, und vor allem ganz blond, was mich bei seinem italienischen Namen und seiner italienischen Mutter immer am meisten verwunderte. Beide sprachen vollkommen französisch[1]und hatten, wie die sprachliche Fähigkeit, so auch den moralischen Muth, jederzeit für die Interessen ihrer Mitgefangenen einzutreten. Das machte sie natürlich beliebt. Bei dem jungen Grafen kam noch hinzu, daß er keine Spur von Standesdünkel zeigte; er half, unterstützte, interpretirte, aber in allem Uebrigen war er einfacher Reitersmann, wie jeder andere. Es waren sehr liebenswürdige junge Männer, fein, rücksichtsvoll, unterrichtet, aber eines werden sie mir nicht übel nehmen: sie waren keine brillanten Unterhalter, so daß ich mitunter einen schweren Stand hatte. Die Conversation begann immer mit den Tagesfragen, die theils ihrer Einfachheit, theils ihrer geringen Zahl halber, schnell erledigt waren. Der Mensch wird in solchen Zeiten auf einen gewissen Naturstandpunkt herabgedrückt; aller Luxus fällt ab; es handelt sich für Vornehm und Gering um dieselben Dinge, und so nimmt auch die Unterhaltung entsprechende Formen an. Es war kein Unterschied, ob ich mit Rasumofsky oder mit diesen beiden feingebildeten Herren sprach; es wurden dieselben Fragen gestellt, dieselben Bedenken, Klagen und Hoffnungen laut. Es ist begreiflich, daß ein solches Fünf-Minuten-Material für anderthalb Stunden nicht ausreichte, die Rede stockte, und da ich kein Freund der »Ausschweige-Soiréen« bin, so fiel mir, wie schon angedeutet, die nicht leichte Aufgabe zu, wie für den Thee so auch für den Unterhaltungsstoff zu sorgen. Alle meine alten Steckenpferde mußten aus dem Stall und nie hab ich in Völkerpsychologie und vergleichender Stamm- und Racenforschung so geschwelgt, als an meinem Kamine in Oléron. Wenn ich dann über die Weltherrschafts-Qualität der germanischen Race, über die Nicht-Gefahr des Panslavismus, über die Wellenbewegungen im Volksleben, über die eigentlichen und uneigentlichen Demokratien meine freien Vorträge gehalten und der Graf (darin ganz Graf) mit völligster Ungenirtheit sich ausgegähnt hatte, zogen sich gegen acht die beiden Herren zurück und ließen mich mit Rasumofsky und eine halbe Stunde später mit Blanche allein.Diese zwei Volontairs waren die Aristokratie der Gesellschaft. Es kamen aber auch andre, gewöhnlich paarweise, ein Preuße und ein Bayer; immer beste Freunde.DaserstePaar war Sergeant Polzin von den Schleswigschen Husaren und Unteroffizier Vollnhals vom 11. bayrischen Regiment. Sie hatten den Ueberfall von Ablis gemeinschaftlich durchgemacht und sich bei jener Gelegenheit bewährt und gefunden. Es waren ein paar Typen Norddeutscher und Süddeutscher Soldatenschaft. Polzin, wie schon sein Name angiebt, ganz Pommer, stammte im dritten oder vierten Gliede aus einer Sergeanten-, Gensdarmen- und Steueraufseher-Familie (auch eine Art Adel), soldatisches Vollblut nach Abstammung und Trainirung. Wie so viele Kinder solcher Beamten war er inAnnaburgerzogen. Das sind die Plätze, die, wie sie aus einer Eigenart heraus entstanden, nun diese Eigenart auch weiter fortbilden. »Scharf aber jut«, dahin faßte Polzin selber sein Urtheil über diese Militair-Erziehungsanstalt zusammen. Mit Vorliebe sprach er vom Jahre 48, wo er, damals zehn Jahre alt, jedesmal mit dem Gefühl auf Wache gezogen sei, daß sich die ganze Demokratie der Nachbarschaft an seiner kleinen Bajonettspitze brechen werde. Seitdem waren viele Jahre ins Land gegangen; er hatte Provinzen und Armeecorps gewechselt; jetzt stand er inSchleswig. Er war stolz auf sein Regiment, aber doch noch stolzer aufPreußen. »Diese Schleswiger — so sagte er wohl, wenn er ans Fenster trat, und unten seine eignen stattlichen Leute in hellblau und weiß über den Kasernenhof hinschreiten sah — diese Schleswiger, sehen Sie, ein richtiger Preuße is in solchen Kerl nicht ’reinzukriegen; nichts Adrettes, Strammes. Aber das muß wahr sein, tapfer sind sie; sie stehen wie die Mauern. So recht Kerle auf die man sich verlassen kann. Sie halten aus bis zuletzt.« Uebrigens hielt sich Polzin, auch darin alt-preußischen Traditionen huldigend, nur selten mitTheeauf. Die Theestunde war für ihn ein bloßer Name. — Aus ganz andrem Holze war Unteroffizier Vollnhals. Diese Bayern, wenn man sie zu nehmen versteht und ihren kleinen Schwächen etwas nachsieht, vor allem sich nicht über sie erheben will, sind überhaupt entzückend. Von ihrem Muth red’ ich nicht erst. Er ist auch in diesem Kriege wieder sprüchwörtlich geworden. Neben diesem Muthe aber haben sie noch etwas Naives, das den Verkehr mit ihnen sehr angenehm macht. Sie haben alle etwas Männliches, individuell Freiheitliches, und sind auf jede Gefahr hin widerstandsbereit, wenn man das Letzte in ihnen herausfordert; aberbis dahinsind sie wie die Kinder und haben vor jeder Potenz des Lebens, es sei Amt, Wissen, Vermögen, einen ungeheuchelten Respekt. Dies alles trat auch bei meinem Vollnhals hervor. Er wußte recht gut, daß er sich bei Ablis wie ein Held geschlagen hatte und erzählte mir lächelnd, daß die französischen Offiziere sich unter einander angestoßen und sich zugeflüstert hätten »das ist er«, aber bei allem Heldenthum und aller naiven Freude darüber, war er bescheiden und dankbar für jeden Beweis von Aufmerksamkeit.DaszweitePaar war ein Gefreiter vom 96. Regiment, ein Sachse (Altenburger), dessen Namen ich vergessen habe, und Sergeant Genzel von den 10. Ulanen. Der Gefreite war ein guter, umgänglicher Mensch, aber doch ein wahres Kreuz für mich. Man urtheile selbst. Ich liebe die Sachsen, bin dankbar für glückliche Tage und Jahre, die ich unter ihnen verlebte und habe vor ihrer Energie, Zähigkeit undDurchschnittsgebildetheitallen möglichen Respekt; aber in dieser letztern Eigenschaft steckt doch auch wiederum ihr Schreckniß. Lebhaft und intelligent von Natur, gut erzogen und von Jugend auf mit Zeitungslektüre und Kannegießer-Weisheit vollgestopft, treten sie mit der größten Ungenirtheit an all und jede Frage heran und wissen ganz genau, daß Freiheit der Kirche vom Staat, oder Freiheit der Schule von beiden, oder Confessionslosigkeit, oder Kindergärtnerei einzig und allein noch die Menschheit retten können. Sie haben immer eineRevalenta arabicaoder einen Hoffschen Malz-Bonbonin petto, womit alle Schäden der Gesellschaft kurirt werden können. Während es in Norddeutschland, namentlich an den Küsten hin, immer noch eine Bauernweisheit giebt, giebt es in Sachsen einen allgemeinen Winkeladvokatenschnack, der nach unten hin imponirt, nach oben hin aber nervös macht. Von diesem Schnack leistete auch mein 96er sein vollgewogen Theil. Er hatte in dem Reisebündel eines später eingetroffenen Gefangenen ein »Dresdener Journal« vom 27. September gefunden und mit Hülfe dieses zwei Monate alten Zeitungsblattes terrorisirte er seine Mitgefangenen und löste alle schwebenden Fragen. — Desto brillanter war Sergeant Genzel. Er war ein Halberstädter, alsoauchsehr gebildet, aber denn doch aus ganz anderem Holze geschnitten. Schon physisch. Ein großer, schöner Mann, breitschultrig, bärtig, der immer, um Hauptes Länge alle anderen überragend, wie ein Halbgott über den Kasernenhof hinschritt. Als ich ihn das erste Mal bei mir sah, sprach er wenig und erzählte nur, wie er gefangen nach Orleans hineingeschleppt worden sei. »Man warf mit Steinen, man spie vor mir aus, undDamen,nichtWeiber, stürzten auf mich los und hielten ihre kleinen weißen Fäuste mir drohend ins Gesicht. Ich schritt ruhig weiter, aber in mir dacht’ ich unwillkürlich an unsern unsterblichen Schiller und sprach halblaut vor mich hin:da werden Weiber zu Hyänen.« Dies Citat hatte er wie eine Visitenkarte bei mir abgegeben, und ich wußte nun, woran ich war. Er war von der höhern Ordnung. — An anderen Abenden, die jenem ersten Besuche folgten, kam er dazu, seine Schicksale, seine Gefangennehmung und die Gefechte, die dieselbe begleiteten oder ihr vorausgingen, ausführlicher zu erzählen. Er that dies ganz wie ein vornehmer Mann und legte in allem was er vortrug den Accent immer auf dieGesinnung, nicht auf die That. Das bloße Todtschlagen imponirte ihm gar nicht, im Gegentheil, alles Massacre verletzte nur sein ästhetisches Gefühl. Er hatte einen Einzelkampf mit einem Turco gehabt, der in eine Schmiede retirirte und sich hier mit außerordentlicher Bravour vertheidigte. Endlich packte ihn Genzel und spaltete ihm den Nacken. Aber in seinem Vortrag ging er rasch drüber hin. Er liebte es nicht, auch noch seine Erzählungen roth zu färben. Wie unser Schicksal übrigens so oft an unsrer Gesinnung hängt, so auch bei ihm; — sein chevalereskes Empfinden hatte ihn in Gefangenschaft geführt. Ein junger Offizier des Regiments verlor in der Attacke sein Pferd. Genzel, verbindlich wie immer, sprang aus dem Sattel und präsentirte das seine. Ein Dank, und weiter ging es in den Feind. Aber nach fünf Minuten schon riefen die Signale zurück; man war in Kartätschfeuer hineingerathen; kehrt, rückwärts! und der mächtige Genzel trabte nun zu Fuß nebenher. Endlich verließ ihn die Kraft; unter einem Blutsturz brach er zusammen. Er hatte in jener Unglücksstunde wie seine Freiheit so auch seine Stimme eingebüßt; er sprach heiser seitdem. Man schleppte ihn nach Orleans hinein, Frauen insultirten ihn (wie schon erzählt), endlich trat ein Elsässer Offizier an ihn heran und rief ihm zu: »wißt Ihr, was wir jetzt mit Euch machen könnten?!« »Mit mir machen?« schrie der empörte Genzel, »gar nichtskönnt Ihr mit mir machen;todtschießenkönnt Ihr mich und dafür will ich Euch noch dankbar sein. Geht erst hin und lernt wie man einen anständigen Soldaten behandelt.« Das half. Solche Anreden halfen immer. Wer zu reden verstand, war durch. Das Wort ist in Frankreich eine größere Macht als bei uns.DasdrittePaar, das Abends zum Thee kam, war UnteroffizierJanekevon den Garde-Ulanen und SergeantHeglmaiervom 6. oder 9. Bayerischen Jäger-Bataillon. Doch bin ich der Zahl nicht sicher. Diese warenInséparablesgeworden, liebten sich schwärmerisch und machten beständig Pläne, wie sie sich gegenseitig in München und Potsdam besuchen würden. Janeke, persönlich äußerst bescheiden, hatte doch, wenn erPotsdamnannte und seinem Freunde den großen Springbrunnen in Aussicht stellte, ein ungeheures Gefühl von Superiorität, etwa wie wenn er in der Lage wäre, den Vorhang von einer neuen Welt wegziehen zu können. Heglmaier, ein oberbayrischer, rothblonder Mann, von besondrer Gutmüthigkeit, ließ sich das alles gefallen. Er mochte denken: »der Preuß ist fünfmal so stark als der Bayer, muß auch Berlin-Potsdam fünfmal so schön sein als München.« Vielleicht aber dacht’ er auch gar nichts, ja, ich halte dies für das Wahrscheinlichere. Er war nämlich ein musikalisches Genie, und neben seiner Liebe zu Unteroffizier Janeke füllten nur Virtuosenträume und Concertpassionen seine Seele aus. Ich wurde durch eine feierliche Morgenvisite, die mir Janeke noch in den letzten Tagen meiner Gefangenschaft machte, in diese Zustände seines Freundes eingeweiht. Nach einer Vorrede hieß es: »ich sei mit dem Kommandanten so gut wie befreundet; derselbe würde mir gewiß etwas zu Gefallen thun. Heglmaier könne es nicht mehr aushalten; ich möchte also den Antrag stellen, daß dieInsel Oléron nach einer Zither durchsucht würde. Heglmaier wolle dann ein Concert für die Verwundeten geben.«So waren die Paare, die sich abwechselnd zum Thee bei mir versammelten. Mit herzlichem Vergnügen denke ich an jene Stunden zurück. Sie gönnten mir Einblick in das Leben unsres Volks, in seine Kraft und seine Güte.[1]Unter den Gefangenen, auch schon in Besançon, befanden sich stets sehr viele, die französisch sprachen. Dies hatte darin seinen Grund, daß die Meisten weggefangene Patrouillen waren und daß zum Patrouillen- und Recognoscirungs-Dienst, so lang es sich ermöglichte, immer wenigstenseinFranzösischsprechender genommen wurde.
Den Erzähler indessen umwimmelt es, übers KnieBeide Hände gefaltet in horchender Wißbegier;Roland singt er, er singt das gefabelte Schwert Rinalds.Platen. (Bilder Neapels.)
Platen. (Bilder Neapels.)
Von sechs bis acht war Theestunde und — Empfang. Man wußte das schließlich in der ganzen Kaserne und so hatt’ ich denn meist um diese Zeit Besuch. Mitunter drängte es sich, und in diesem Falle war es nichts Kleines, mit drei Gläsern und einer Zuckerdüte das leibliche, und mit Hülfe einer Unterhaltung, die vom Hundertsten aufs Tausendste sprang, das geistige Bedürfniß der Gäste zu bestreiten. Aber dies alles geschah doch im Ganzen nur selten, so selten, daß ich beinah glaube, es unterblieb aus Rücksicht, und sobald Neu-Ankommende merkten »es ist schon Besuch da«, kehrten sie einfach um.
In der Regel kam man zu zweien, so daß wir uns zu Dritt an den Kamin setzen konnten; Rasumofsky als dienender Bruder im Hintergrunde. Das Hauptpaar waren zwei Einjährige, ein Bayerscher Chevauxlegers, Graf A., und ein Frankfurter Dragoner, eines Großweinhändlers Sohn. Sie waren sehr verschieden, aber jeder angenehm und tüchtig in seiner Art. Der Dragoner, ein stattlicher Rheinfranke, hatte das Breite, Männliche des ganzen Stammes; jener, der Chevauxlegers, war heiter, liebenswürdig, und vor allem ganz blond, was mich bei seinem italienischen Namen und seiner italienischen Mutter immer am meisten verwunderte. Beide sprachen vollkommen französisch[1]und hatten, wie die sprachliche Fähigkeit, so auch den moralischen Muth, jederzeit für die Interessen ihrer Mitgefangenen einzutreten. Das machte sie natürlich beliebt. Bei dem jungen Grafen kam noch hinzu, daß er keine Spur von Standesdünkel zeigte; er half, unterstützte, interpretirte, aber in allem Uebrigen war er einfacher Reitersmann, wie jeder andere. Es waren sehr liebenswürdige junge Männer, fein, rücksichtsvoll, unterrichtet, aber eines werden sie mir nicht übel nehmen: sie waren keine brillanten Unterhalter, so daß ich mitunter einen schweren Stand hatte. Die Conversation begann immer mit den Tagesfragen, die theils ihrer Einfachheit, theils ihrer geringen Zahl halber, schnell erledigt waren. Der Mensch wird in solchen Zeiten auf einen gewissen Naturstandpunkt herabgedrückt; aller Luxus fällt ab; es handelt sich für Vornehm und Gering um dieselben Dinge, und so nimmt auch die Unterhaltung entsprechende Formen an. Es war kein Unterschied, ob ich mit Rasumofsky oder mit diesen beiden feingebildeten Herren sprach; es wurden dieselben Fragen gestellt, dieselben Bedenken, Klagen und Hoffnungen laut. Es ist begreiflich, daß ein solches Fünf-Minuten-Material für anderthalb Stunden nicht ausreichte, die Rede stockte, und da ich kein Freund der »Ausschweige-Soiréen« bin, so fiel mir, wie schon angedeutet, die nicht leichte Aufgabe zu, wie für den Thee so auch für den Unterhaltungsstoff zu sorgen. Alle meine alten Steckenpferde mußten aus dem Stall und nie hab ich in Völkerpsychologie und vergleichender Stamm- und Racenforschung so geschwelgt, als an meinem Kamine in Oléron. Wenn ich dann über die Weltherrschafts-Qualität der germanischen Race, über die Nicht-Gefahr des Panslavismus, über die Wellenbewegungen im Volksleben, über die eigentlichen und uneigentlichen Demokratien meine freien Vorträge gehalten und der Graf (darin ganz Graf) mit völligster Ungenirtheit sich ausgegähnt hatte, zogen sich gegen acht die beiden Herren zurück und ließen mich mit Rasumofsky und eine halbe Stunde später mit Blanche allein.
Diese zwei Volontairs waren die Aristokratie der Gesellschaft. Es kamen aber auch andre, gewöhnlich paarweise, ein Preuße und ein Bayer; immer beste Freunde.
DaserstePaar war Sergeant Polzin von den Schleswigschen Husaren und Unteroffizier Vollnhals vom 11. bayrischen Regiment. Sie hatten den Ueberfall von Ablis gemeinschaftlich durchgemacht und sich bei jener Gelegenheit bewährt und gefunden. Es waren ein paar Typen Norddeutscher und Süddeutscher Soldatenschaft. Polzin, wie schon sein Name angiebt, ganz Pommer, stammte im dritten oder vierten Gliede aus einer Sergeanten-, Gensdarmen- und Steueraufseher-Familie (auch eine Art Adel), soldatisches Vollblut nach Abstammung und Trainirung. Wie so viele Kinder solcher Beamten war er inAnnaburgerzogen. Das sind die Plätze, die, wie sie aus einer Eigenart heraus entstanden, nun diese Eigenart auch weiter fortbilden. »Scharf aber jut«, dahin faßte Polzin selber sein Urtheil über diese Militair-Erziehungsanstalt zusammen. Mit Vorliebe sprach er vom Jahre 48, wo er, damals zehn Jahre alt, jedesmal mit dem Gefühl auf Wache gezogen sei, daß sich die ganze Demokratie der Nachbarschaft an seiner kleinen Bajonettspitze brechen werde. Seitdem waren viele Jahre ins Land gegangen; er hatte Provinzen und Armeecorps gewechselt; jetzt stand er inSchleswig. Er war stolz auf sein Regiment, aber doch noch stolzer aufPreußen. »Diese Schleswiger — so sagte er wohl, wenn er ans Fenster trat, und unten seine eignen stattlichen Leute in hellblau und weiß über den Kasernenhof hinschreiten sah — diese Schleswiger, sehen Sie, ein richtiger Preuße is in solchen Kerl nicht ’reinzukriegen; nichts Adrettes, Strammes. Aber das muß wahr sein, tapfer sind sie; sie stehen wie die Mauern. So recht Kerle auf die man sich verlassen kann. Sie halten aus bis zuletzt.« Uebrigens hielt sich Polzin, auch darin alt-preußischen Traditionen huldigend, nur selten mitTheeauf. Die Theestunde war für ihn ein bloßer Name. — Aus ganz andrem Holze war Unteroffizier Vollnhals. Diese Bayern, wenn man sie zu nehmen versteht und ihren kleinen Schwächen etwas nachsieht, vor allem sich nicht über sie erheben will, sind überhaupt entzückend. Von ihrem Muth red’ ich nicht erst. Er ist auch in diesem Kriege wieder sprüchwörtlich geworden. Neben diesem Muthe aber haben sie noch etwas Naives, das den Verkehr mit ihnen sehr angenehm macht. Sie haben alle etwas Männliches, individuell Freiheitliches, und sind auf jede Gefahr hin widerstandsbereit, wenn man das Letzte in ihnen herausfordert; aberbis dahinsind sie wie die Kinder und haben vor jeder Potenz des Lebens, es sei Amt, Wissen, Vermögen, einen ungeheuchelten Respekt. Dies alles trat auch bei meinem Vollnhals hervor. Er wußte recht gut, daß er sich bei Ablis wie ein Held geschlagen hatte und erzählte mir lächelnd, daß die französischen Offiziere sich unter einander angestoßen und sich zugeflüstert hätten »das ist er«, aber bei allem Heldenthum und aller naiven Freude darüber, war er bescheiden und dankbar für jeden Beweis von Aufmerksamkeit.
DaszweitePaar war ein Gefreiter vom 96. Regiment, ein Sachse (Altenburger), dessen Namen ich vergessen habe, und Sergeant Genzel von den 10. Ulanen. Der Gefreite war ein guter, umgänglicher Mensch, aber doch ein wahres Kreuz für mich. Man urtheile selbst. Ich liebe die Sachsen, bin dankbar für glückliche Tage und Jahre, die ich unter ihnen verlebte und habe vor ihrer Energie, Zähigkeit undDurchschnittsgebildetheitallen möglichen Respekt; aber in dieser letztern Eigenschaft steckt doch auch wiederum ihr Schreckniß. Lebhaft und intelligent von Natur, gut erzogen und von Jugend auf mit Zeitungslektüre und Kannegießer-Weisheit vollgestopft, treten sie mit der größten Ungenirtheit an all und jede Frage heran und wissen ganz genau, daß Freiheit der Kirche vom Staat, oder Freiheit der Schule von beiden, oder Confessionslosigkeit, oder Kindergärtnerei einzig und allein noch die Menschheit retten können. Sie haben immer eineRevalenta arabicaoder einen Hoffschen Malz-Bonbonin petto, womit alle Schäden der Gesellschaft kurirt werden können. Während es in Norddeutschland, namentlich an den Küsten hin, immer noch eine Bauernweisheit giebt, giebt es in Sachsen einen allgemeinen Winkeladvokatenschnack, der nach unten hin imponirt, nach oben hin aber nervös macht. Von diesem Schnack leistete auch mein 96er sein vollgewogen Theil. Er hatte in dem Reisebündel eines später eingetroffenen Gefangenen ein »Dresdener Journal« vom 27. September gefunden und mit Hülfe dieses zwei Monate alten Zeitungsblattes terrorisirte er seine Mitgefangenen und löste alle schwebenden Fragen. — Desto brillanter war Sergeant Genzel. Er war ein Halberstädter, alsoauchsehr gebildet, aber denn doch aus ganz anderem Holze geschnitten. Schon physisch. Ein großer, schöner Mann, breitschultrig, bärtig, der immer, um Hauptes Länge alle anderen überragend, wie ein Halbgott über den Kasernenhof hinschritt. Als ich ihn das erste Mal bei mir sah, sprach er wenig und erzählte nur, wie er gefangen nach Orleans hineingeschleppt worden sei. »Man warf mit Steinen, man spie vor mir aus, undDamen,nichtWeiber, stürzten auf mich los und hielten ihre kleinen weißen Fäuste mir drohend ins Gesicht. Ich schritt ruhig weiter, aber in mir dacht’ ich unwillkürlich an unsern unsterblichen Schiller und sprach halblaut vor mich hin:da werden Weiber zu Hyänen.« Dies Citat hatte er wie eine Visitenkarte bei mir abgegeben, und ich wußte nun, woran ich war. Er war von der höhern Ordnung. — An anderen Abenden, die jenem ersten Besuche folgten, kam er dazu, seine Schicksale, seine Gefangennehmung und die Gefechte, die dieselbe begleiteten oder ihr vorausgingen, ausführlicher zu erzählen. Er that dies ganz wie ein vornehmer Mann und legte in allem was er vortrug den Accent immer auf dieGesinnung, nicht auf die That. Das bloße Todtschlagen imponirte ihm gar nicht, im Gegentheil, alles Massacre verletzte nur sein ästhetisches Gefühl. Er hatte einen Einzelkampf mit einem Turco gehabt, der in eine Schmiede retirirte und sich hier mit außerordentlicher Bravour vertheidigte. Endlich packte ihn Genzel und spaltete ihm den Nacken. Aber in seinem Vortrag ging er rasch drüber hin. Er liebte es nicht, auch noch seine Erzählungen roth zu färben. Wie unser Schicksal übrigens so oft an unsrer Gesinnung hängt, so auch bei ihm; — sein chevalereskes Empfinden hatte ihn in Gefangenschaft geführt. Ein junger Offizier des Regiments verlor in der Attacke sein Pferd. Genzel, verbindlich wie immer, sprang aus dem Sattel und präsentirte das seine. Ein Dank, und weiter ging es in den Feind. Aber nach fünf Minuten schon riefen die Signale zurück; man war in Kartätschfeuer hineingerathen; kehrt, rückwärts! und der mächtige Genzel trabte nun zu Fuß nebenher. Endlich verließ ihn die Kraft; unter einem Blutsturz brach er zusammen. Er hatte in jener Unglücksstunde wie seine Freiheit so auch seine Stimme eingebüßt; er sprach heiser seitdem. Man schleppte ihn nach Orleans hinein, Frauen insultirten ihn (wie schon erzählt), endlich trat ein Elsässer Offizier an ihn heran und rief ihm zu: »wißt Ihr, was wir jetzt mit Euch machen könnten?!« »Mit mir machen?« schrie der empörte Genzel, »gar nichtskönnt Ihr mit mir machen;todtschießenkönnt Ihr mich und dafür will ich Euch noch dankbar sein. Geht erst hin und lernt wie man einen anständigen Soldaten behandelt.« Das half. Solche Anreden halfen immer. Wer zu reden verstand, war durch. Das Wort ist in Frankreich eine größere Macht als bei uns.
DasdrittePaar, das Abends zum Thee kam, war UnteroffizierJanekevon den Garde-Ulanen und SergeantHeglmaiervom 6. oder 9. Bayerischen Jäger-Bataillon. Doch bin ich der Zahl nicht sicher. Diese warenInséparablesgeworden, liebten sich schwärmerisch und machten beständig Pläne, wie sie sich gegenseitig in München und Potsdam besuchen würden. Janeke, persönlich äußerst bescheiden, hatte doch, wenn erPotsdamnannte und seinem Freunde den großen Springbrunnen in Aussicht stellte, ein ungeheures Gefühl von Superiorität, etwa wie wenn er in der Lage wäre, den Vorhang von einer neuen Welt wegziehen zu können. Heglmaier, ein oberbayrischer, rothblonder Mann, von besondrer Gutmüthigkeit, ließ sich das alles gefallen. Er mochte denken: »der Preuß ist fünfmal so stark als der Bayer, muß auch Berlin-Potsdam fünfmal so schön sein als München.« Vielleicht aber dacht’ er auch gar nichts, ja, ich halte dies für das Wahrscheinlichere. Er war nämlich ein musikalisches Genie, und neben seiner Liebe zu Unteroffizier Janeke füllten nur Virtuosenträume und Concertpassionen seine Seele aus. Ich wurde durch eine feierliche Morgenvisite, die mir Janeke noch in den letzten Tagen meiner Gefangenschaft machte, in diese Zustände seines Freundes eingeweiht. Nach einer Vorrede hieß es: »ich sei mit dem Kommandanten so gut wie befreundet; derselbe würde mir gewiß etwas zu Gefallen thun. Heglmaier könne es nicht mehr aushalten; ich möchte also den Antrag stellen, daß dieInsel Oléron nach einer Zither durchsucht würde. Heglmaier wolle dann ein Concert für die Verwundeten geben.«
So waren die Paare, die sich abwechselnd zum Thee bei mir versammelten. Mit herzlichem Vergnügen denke ich an jene Stunden zurück. Sie gönnten mir Einblick in das Leben unsres Volks, in seine Kraft und seine Güte.
[1]Unter den Gefangenen, auch schon in Besançon, befanden sich stets sehr viele, die französisch sprachen. Dies hatte darin seinen Grund, daß die Meisten weggefangene Patrouillen waren und daß zum Patrouillen- und Recognoscirungs-Dienst, so lang es sich ermöglichte, immer wenigstenseinFranzösischsprechender genommen wurde.