Zehnter AbschnittHygiene
Leute, die sich eines gottgefälligen Lebenswandels befleißigten, badeten im frühen Mittelalter nicht. Die hl. Elisabeth verbreitete durch völligen Verzicht auf diesen Genuß in Bälde einen solchen Geruch der Heiligkeit um sich, daß ihre Umgebung es nicht mehr aushielt und sie veranlaßte, ein Bad zu nehmen. Der Erfolg war allerdings gering, denn sie hatte kaum das Wasser berührt, als sie auch schon hinaussprang, um dafür Buße zu tun.[212]
Desto reinlicher waren die weltlicher Gesinnten. Sie, auch die Bauern, badeten sehr häufig. Die Ritter, die natürlich nackt waren, wurden dabei von zarten Damenhänden bedient, wie z. B. auf einer Miniatur der Manesseschen Handschrift in der Heidelberger Universitätsbibliothek zu sehen ist. Übrigens wird heute noch in Skandinavien dieser Dienst der Weiblichkeit reserviert. Sonst scheint sich aber das Waschen auf Gesicht und Hände beschränkt zu haben. Keinesfalls waren Waschtische bekannt. Noch das Frauenzimmerlexikon von 1729 kennt zwar das Gießbecken und die Gießkanne, mit der man etwas Wasser auf die Hände goß und dann das Gesicht notdürftig benetzte, aber weder Waschtisch, noch Waschbecken.[213]Daher steht es fest, daß die Reinlichkeit, seitdem im beginnenden 16. Jahrhundert die auftretende Syphilis das Schließen der öffentlichen Badestuben veranlaßt hatte, sehr gering war.
Die Italiener der Renaissance, damals den Völkern Nordeuropas an Reinlichkeit überlegen, befolgten keineswegs allgemein die Sitte, sich täglich gründlich zu waschen. Trotzdem galt ihnen der Deutsche als Inbegriff alles Schmutzes[214].
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Wie selten die Tugend der Reinlichkeit selbst beim deutschen Adel war, lehrt der Nachruf, den Johann von Wedel seiner 1606 verstorbenen Frau schrieb: „Nichts desto weniger (d. h. wiewohl sie dem Kleiderluxus abhold war) hat sie sich der Reinlichkeit und Wartung ihres Leibes mit ehrlicher Kleidung und gebührlichem Schmuck beflissen, welches eine feine äußerliche Tugend ist, die Jungfrauen und Frauen wohl zieret, daß sie nicht wie Schlammüttere herein ziehen, dafür dem Teufel oftmals grauen möchte, sondern sich waschen, zieren, schmücken, reinlich halten, dessen die Schrift ehrlich gedenket (Ecclesiastes IX)“[215].
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Wie es zur Zeit des Konstanzer Konzils in einem deutschen Badeorte zuging, beschreibt der berühmte Humanist Poggio Bracciolini in einem bekannten Brief an seinen Freund Niccoli vom Jahre 1417. Es handelt sich um Baden in der Schweiz. Nachstehend einigeStellen nach der Übersetzung von Alwin Schultz in seinem Deutschen Leben im 14. und 15. Jahrhundert:
„Es ist dort so ausgelassen, daß ich zuweilen meine, Venus sei mit allen Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt, so werden ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und Leichtfertigkeit wiedergegeben, so daß sie, wenn sie auch die Rede des Heliogabal nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug erschienen...
Öffentliche Bäder sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen Umgebung zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber und jüngere Frauennackt vor den Augen der Männer ins Wasser steigen. Ich habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei an die Spiele der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute bewundert, die weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses davon denken oder reden. Die Bäder in den Privathäusern (etwa dreißig) sind aber sehr fein (perpolita); Männer und Frauen gemeinsam, aber durch eine Holzwand geschieden. In ihr sind mehrere Fenster angebracht, so daß man zusammen trinken und sich unterhalten kann,nach beiden Seiten hin zu sehen und sich zu berühren vermag, wie dies ihrer Gewohnheit nach oft geschieht. Über dem Bassin sind Korridore, auf denen Männer stehen, zuzusehen, um sich zu unterhalten, denn ein jeder darf in andere Bäder gehen und sich dort aufhalten, zuzuschauen, zu plaudern,zu scherzen und sich zu erheitern, so daß man die Frauen, wenn sie ins Wasser steigen oder aus demselben herauskommen, sieht. Keiner wehrt die Tür, keiner argwöhnt etwas Unsittliches. Männer tragen nur eine Schambinde (campestribus utuntur), die Frauen ziehen leinene Hemden an, von oben bis zum Schenkel, oder an der Seite offen, so daß sie weder den Hals, noch die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser selbst speisen sie auf gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch schwimmt auf dem Wasser, und auch Männer pflegen teil zu nehmen...
Es ist merkwürdig, zu sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem Vertrauen Männer es ansahen, daß ihre Frauen von Fremden berührt wurden. Sie wurden nicht gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles von der besten Seite. Nichts ist so schwer, das bei ihren Sitten nicht leicht wurde. Sie hätten ganz in den Staat Platos gepaßt, wo alles gemeinsam ist, da sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule erfunden werden. In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen sie entweder verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen gestattet...
Ich glaube nicht, daß es auf der Welt ein wirksameres Bad für die Fruchtbarkeit der Frauen gibt; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen hierher kommen, so erfahren sie seine merkwürdige Kraft. Sie beobachten genau die Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht empfangen können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswert: eineunzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier zusammen; zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit, sondern der Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an einem genußreichen Leben gelegen ist. So siehst du unzählige schöne Frauen, ohne Männer, ohne Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem Knechte oder einer alten Angehörigen, die leichter zu täuschen als zu ernähren ist...Da leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in größerer Freiheit, als die andern, baden zuweilen mit den Frauenund schmücken die Haare mit Kränzen, alle Religion beiseite lassend...“ Es kann sein, daß Poggio übertrieben hat. Immerhin gibt es auch heute noch Bäder, etwa Franzensbad, die nicht ohne guten Grund im Rufe stehen, die Unfruchtbarkeit zu beseitigen, keinesfalls stets allein durch ihr Wasser.
Bezeichnend für die Volkstümlichkeit des Badens bei unsern Altvordern ist, daß man statt Trinkgeld „Badgeld“ sagte. Die Folgerung aber, daß man sich mit der äußeren Feuchtigkeit begnügte, wäre übereilt[216].
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Die Badestuben vertraten etwa die Stelle der heutigen Kaffeehäuser, wo man sich traf, plauderte und einen großen Teil des Tages zubrachte. Im Bade selbst verweilte man mitunter vier Stunden, und in Ems erforderte die Kur, jeden Tag eine Stunde länger, bis zu zehn Stunden im Wasser zu sitzen.Man trank und sang gemeinsam, wie es auf zahlreichen Bildern dargestellt ist.
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Daß Gatte und Gattin in derselben Wanne saßen, war ganz gewöhnlich, aber es war auch an vielen Orten Sitte, daß ingrößerer Gesellschaft Männlein und Weiblein zusammen badeten. Zu Baden in der Schweiz waren dabei die unteren Volksklassen ganz nackt, die Männer der höheren Stände aber waren mit einem Schurz, die Frauen mit einem weitausgeschnittenen Badelaken bekleidet. Viele Badestuben hatten auch nur ein einziges Auskleidezimmer, das von beiden Geschlechtern gleichzeitig benutzt wurde. In der Badeordnung für das Glottertal wurde – allerdings erst 1550 – vorgeschrieben, daß jeder Mann sein Beinkleid und Hemd, jede Frau oder Jungfrau ihr Hemd nicht eher als in der Badewanne selbst ablegen solle. Man scheint also diese Anstandsregel wohl nicht immer beobachtet zu haben.
Ein Blitzlicht auf die Sittlichkeit des 16. Jahrhunderts wirft auch folgende Verfügung aus der Badeordnung des Glottertals: „Item soll ain jedt wederer Bader, es seyen Manns- oder Weybspersonen, ire Heimlichkeiten zuedecken.“
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Fromme Leute errichteten häufig eine Stiftung, um sich meldenden Armen davon gratis Bäder verabreichen zu lassen, sogenannte „Seelenbäder“. Schmeller versicherte, daß noch im Jahre 1827 einige Zünftezu Quatember und zu anderen Zeiten solche Bäder für das Seelenheil ihrer verstorbenen Mitglieder spendeten. Hoffen wir zum Besten der im Fegefeuer schmorenden, daß es dabei sittsamer zuging, als im Deutschland des 15. und 16. Jahrhunderts.
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Hans von Schweinichen erzählt zum Jahre 1551 in seinen „Denkwürdigkeiten“: „Allhier erinner ich mich, daß ich wenig Tage zu Hofe war, badete die alte Herzogin, allda mußte ich aufwarten als ein Junge. Es währt nicht lange, kommt einJungfrau, Unte Riemen genannt,stabenackend raus, heißt mich ihr kalt Wasser geben, welches mir seltsam vorkam, weil ich zuvor kein nacket Weibesperson gesehen, weiß nicht, wie ich es versehe, begieße sie mit kaltem Wasser. Schreit sie laut und rufet ihren Namen an und saget der Herzogin, was ich ihr mitgespielt; die Herzogin aber lachet und saget: ‚Mein Schweinichen wird gut werden.‘ Inmittels habe ich gewußt, was nacket Leut sind, warum sie sich aber mir also erzeiget, wußte ich nicht für was vor ein Ende.“
Wie Guarinonius erzählt, ging es noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts in kleineren Städten, wie Hall in Tirol, recht paradiesisch zu. Es war Brauch, halb oder ganz nackte Mädchen von 10–18 Jahren über die Straße ins Bad zu schicken und sie von ganz nackten Burschen von 10–16 Jahren begleiten zu lassen. Daß auch erwachsene Männer und Frauen sich ebenso benahmen, ändert nichts an der Sache[217].
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Eines Tages im Jahre 1185 stand König Philipp August von Frankreich am Fenster seines Palais, als einige vorüberfahrende Wagen den Straßenschmutz aufwühlten. Der sich dabei entwickelnde Gestank war so furchtbar, daß der König, wiewohl doch an die Ausdünstungen seiner Residenz Paris gewöhnt,ohnmächtig wurde. Er befahl darauf Pflasterung einiger Straßen. Infolge vieler Verordnungen legte man sich zwar im Verlauf der Jahrhunderte einigen Zwang auf im ferneren Verunreinigen der Straßen, fuhr auch den Unrat fort, aber nur bis zur Place Maubert, dem Marktplatz, der völlig verpestet wurde. Erst 1531 mußten die Bewohner von Paris zwangsweise Aborte und Senkgruben in ihren Häusern anlegen. Bisher hatte man sich zumeist mit der Straße beholfen, wie das im 17. Jahrhundert noch vielerorts in Deutschland, z. B. in Hall in Tirol, Sitte war.
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Als Kaiser Friedrich III. Tuttlingen besuchen wollte, ging es nicht, weil die Stadt zu schmutzig war. Am 28. August 1485 ist er in Reutlingen um ein Haar mitsamt seinem Pferde im Straßenschmutz versunken. Schweine wurden überall in den deutschen Städten gehalten, nicht nur daß man sie frei in den Straßen herumlaufen ließ, man brachte ihre Kober auch nach der Straßenfront hin an. In Berlin wurde das erst 1641 verboten, erst 1681 aber wurde das Mästen der Borstentiere dort überhaupt untersagt. Seit 1671 mußte jeder Bauer, der nach Berlin kam, eine Fuhre Unrat mit aus der Stadt nehmen.
Die Verordnung des Nürnberger Magistrates von 1490, daß täglich ein Knecht die toten Schweine, Hunde, Katzen, Hühner und Ratten auf der Straße zu sammeln und vor das Tor zu bringen habe, begeisterte ein poetisches Gemüt zu einem Jubelhymnus[218].
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Im Jahre 1666 wurde eine Reinigung der Straßen von Paris vorgenommen. Das war ein solches Ereignis, daß es nicht nur angedichtet wurde, sondern man sogarzwei Medaillenzu dauerndem Gedächtnis schlug[219].
Noch im Jahre 1697 wurde polizeilich festgestellt, daß die Bewohner Tag und Nacht aus ihren Fenstern alles schmutzige Wasser, Urin und Unrat jeglicher Art auf die Straßen warfen. Wer das nicht tat, sondern sich im glücklichen Besitze eines Abortes befand, bediente sich zu diesem Zwecke einer allen gemeinsamen Grube, deren Inhalt von Zeit zu Zeit in den Hausgarten entleert wurde! Das war im glänzenden Paris eines Ludwigs XIV.[220]!
In Sicherheit vor Güssen war man nur in den breiten Straßen, wenn man sich in ihrer Mitte hielt, wo ein schlammiger Rinnsal floß. Jeden Augenblick öffnete sich ein Fenster, und wer das Unglück hatte, den geheiligten Warnungsruf „gare l’eau“ zu überhören, über den ergoß sich erbarmungslos der Inhalt eines Nachttopfes oder eines Schmutzeimers. Es gab in der ganzen Stadt kein Fleckchen, wo man sicher vor solchen Überraschungen war, noch wo man dem entsetzlichen Gestank hätte entfliehen können. InErmangelung von Aborten benutzte man alle Straßenecken, die Umgebung der Kirchen, ja die Paläste, wie man heute noch in Neapel ähnliches sehen kann. Im Palais de Justice stieß man z. B. überall auf Exkremente, sogar der Louvre wurde nicht verschont: in den Höfen, auf Treppen und Balkonen, hinter den Türen, überall wo jemand gerade ein Bedürfnis fühlte, entledigte er sich am hellichten Tage seiner Bürde, ohne daß die Palastbewohner sich darum kümmerten. Heinrich III. war darin allerdings kitzlig: durch Verordnung vom August 1578 befahl er, daß jeden Morgen, bevor er sich erhoben hatte, die Fäkalien aus den Höfen und seinen Sälen gekehrt werden mußten! Er hielt eben auf Reinlichkeit. Im übrigen roch es aber in den spanischen und französischen Palästen noch zu Ludwigs XIV. Zeit zwar stärker wie Rosen, aber nicht besser[221]. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts schlug deshalb ein Bürger die Einführung von Nachtstühlen in den königlichen Palästen vor.
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Der Zustand der öffentlichen Hygiene hob sich auch im 18. Jahrhundert in Paris nur sehr allmählich. Es kam vor, daß die schlecht angelegten Abtrittgruben sich in die benachbartenBrunnenleerten! Da kleine Bedürfnisse noch das ganze Jahrhundert, ja bis tief ins 19. hinein überall auf den Straßen verrichtet wurden, auch nach wie vor Nachttöpfe ahnungslose Passanten mit ihrem Inhalt bekannt machten, gab deren Aroma dem der Vergangenheit nicht viel nach. Noch 1780 mußte unter Protest der Bewohnerschaftvon der Polizei die Ausleerung von Nachttöpfen usw. aus den Fenstern verboten werden!
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Im Jahre 1701 fand man beim Leeren einer Abortgrube die Leiche der Gattin eines Chirurgen, was aber kein Aufsehen erregte[222].
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Noch im Jahre 1780 wurden die Straßen von Paris nicht selten durch die stark angeschwollenen furchtbar stinkenden Gossen in zwei Hälften geteilt, so daß man nur durch schwankende Laufbrücken die Kommunikation von der einen Straßenseite zur andern bewerkstelligen konnte. Der Inhalt dieser Gossen aber bestand aus einer schwarzen, übelriechenden und scharfen Brühe, die Stoffe, mit denen sie in Berührung kam, verbrannte. Daher das schöne Sprichwort: „Il tient comme boue de Paris[223]“.
Bei Regen spien die Dachrinnen von jedem Hause herab ihr Wasser auf Passanten und Straße, so daß man erst nach seinem Aufhören durch über die Gossen gelegte Bretter den Übergang von einer Seite zur andern ermöglichen mußte. Erst 1764 wurden diese freien Dachrinnen verboten[224].
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Zur Ritterzeit waren Nachttöpfe unbekannt. Wie man sich behalf, geht aus einem Gedicht hervor: „Do quam der vrouwen eine Gegangen alters eine Vür derkemenâten türUnd wolte gerne da vür Sich des wazzers erlâzen.“ Zu Aborten verwendete man offene Erker, die zweifellos herrliche Aussicht gewährten, im übrigen aber recht luftig waren. Um die in den Burggraben fallenden Fäkalien kümmerte sich kein Mensch.Im Erfurter Schloß befand sich aber sogar eine Kloake, und zwar gerade unter einem Saale. Das war entschieden nicht angenehm, besonders nicht für Kaiser Friedrich Barbarossa und seine Paladine. Denn als er dort im Jahre 1183 einen Reichstag hielt, brachen die Balken des Saales, und eine Menge Leute stürzten hinein. Acht Fürsten, viele Edele und über hundert Ritter fanden dabei ihren Tod, während der Kaiser sich durch einen Sprung aus dem Fenster rettete.
Überhaupt stürzten Häuser oder Balkone außerordentlich häufig ein. Nicht weniger als drei deutsche Kaiser, Ludwig der Fromme, Ludwig der Deutsche und Arnulf, sind allein im 9. Jahrhundert bei dieser Gelegenheit verletzt worden. Ebenso Heinrich III. im 11. und Heinrich VI. im 12. Jahrhundert[225].
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J. J. Rousseau brachte Stunden auf dem Nachtstuhle zu. Der Herzog von Orléans erteilte hier, umgeben von seiner Dienerschaft, dem Herzog von NoaillesAudienz!
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Als gelegentlich der Krönung Ludwigs XVI. in der Kathedrale von Reims der Königin ein Appartement eingerichtet wurde, das man mit Closet „à l’angloise“ ausstattete, also mit einer Art Wasserspülung, die noch 1807 äußerst selten war, hielt man das für eine nicht mehr zu überbietende Kriecherei[226]! Übrigens wurde das Wasserklosett bereits im 17. Jahrhundert in England erfunden[227]!
Vor wenigen Jahren, vielleicht heute noch, besaß das Königsschloß in Stockholm keine Aborte. Alles,auch fürstliche Gäste, mußte sich auf den Korridor hinter eine spanische Wand begeben. Aber da diese keineswegs alles verhüllte, so konnten die Vorübergehenden die Beine oder wenigstens die Füße des dort Sitzenden sehen.
Noch im Jahre 1900 hatten große Trakte der Münchener Residenz keine Aborte. Wie Verfasser aus zuverlässiger Quelle weiß, bedienten sich höchste Herrschaften bis in die Gegenwart nicht des Wasserklosetts, sondern ausschließlich des Nachtstuhles. Noch heute dient in Bayern vielfach auf dem Lande – nach Manövererfahrungen – der Misthaufen den gleichen Zwecken, und eine den oberen Teil des Sitzes – aber nicht etwa die Beine – verhüllende Holzverschalung ist ein nicht überall anzutreffender Luxus.
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In einem Bericht, den der Chirurg Tenon im Jahre 1788 über den Befund im Hospital Hôtel-Dieu auf königlichen Befehl abfaßte, findet sich folgende Darstellung der dort herrschenden Zustände:
Ein einziges der Gebäude des Spitales barg 2627 Kranke, darunter Fieberkranke, Wöchnerinnen, Blatternkranke usw. Die Betten, etwa 1,10 m breit, waren für je zwei bestimmt, wurden abermit sechs belegt, drei am Kopf-, drei am Fußende.Dadurch lagen die Füße auf den Schultern oder im Gesicht der anderen.Daher war es für die Patienten, die hochkant liegen mußten, da ihnen nur je etwa 35 ctm. Platz zur Verfügung stand, unmöglich zu schlafen.
Der Inhalt derNachtstühlewurde täglich imKrankenzimmer selbst in größere Gefäße übergeschüttet. Dadurch und durch das Herabfallen der Fäkalien auf den Fußboden war dieLuft in den Räumen verpestet.
In den Kleiderkammern hingen die Kleider der mit Krätze und Blattern behafteten zwischen denen der anderen Patienten. Natürlich auch die verlausten zwischen den reinen. Wer das Hospital verließ, bekam also seineKleidungsstücke infiziert mit Pocken- und Blatterkeimen, Krätze und Läusen zurück. Auch die Gewandstücke der Verstorbenen wurden hier aufbewahrt, bis sie – sieben bis acht Tausend pro Jahr – verkauft wurden, überall hin Krankheiten verbreitend.
Die Strohsäcke der Kranken, die Urin und Exkremente nicht halten können, werden um vier Uhr morgens geöffnet und auf den Fußboden ausgebreitet. Gleichzeitig werden die Strohfüllungen der anderen Betten geleert. Statt den beschmutzten Inhalt an Ort und Stelle zu verbrennen, wird das Stroh auf Karren ins Hospital Saint-Louis gefahren.
Die Mauern sind bedeckt mit Auswurf, der Fußboden mit Fäkalien, die aus den Strohsäcken rinnen, oder beim Leeren der Nachtstühle verschüttet werden. Danach ist auch die Luft in den Sälen.
Im Saale Saint-Jérôme in diesem famosen Hospital, damals demgrößten chirurgischen Operationssaale Europas, ist die Luft durch diebenachbarte Leichenhalle verpestet; die übrige Umgebung strömt ebenfalls üble Gerüche aus. Sonne fällt nicht hinein.
In Gegenwart der zu operierenden werden die Instrumente hergerichtet,ja man operiert in Gegenwart der übrigen Patienten.
Während in Versailles fast niemand an Trepanation stirbt, kommen in diesem Hospital alle durch Infektion um.
Die kranken Wöchnerinnen liegen mit den gesunden zusammen, drei bis vier im selben Bett, solche mit Krätze zusammen mit gesunden.
Der Auszug aus dem offiziellen Bericht dürfte genügen[228].
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Der Friedhof des „Innocents“, der in Paris ein Jahrtausend zur Bestattung gedient hatte, war so verpestet, daß der Generalleutnant Berrier im Jahre 1746 mit eigenen Augen einen Schwaden aufsteigen sah von dem Massengrab, das dort in der Regel etwa 1500 Personen aufnahm.
Im Jahre 1765 beklagten sich – nach zahlreichen Vorläufern – die Anwohner darüber, daß die Verpestung durch die Ausdünstungen des Friedhofes derartig stark sei, daßinnerhalb weniger Stunden die Nahrungsmittel in den benachbarten Häusern verdürben.
Erst 1776 wurde die Beerdigung innerhalb der Kirchen behördlicherseits eingeschränkt, aber noch keineswegs ganz untersagt. Über die damaligen hygienischen Zustände klärt ein Brief Voltaires an den Dr. Paulet auf:
„Sie haben in Paris ein Hôtel-Dieu, wo ewige Ansteckung herrscht, wo sich die Kranken, der eine auf den andern gehäuft, gegenseitig Pest und Tod aufhängen. Sie haben in den kleinen Sackgassen Schlächtereien, die im Sommer einen Kadavergeruch verbreiten, der imstande ist, ein ganzes Stadtviertel zu vergiften. Die Ausdünstungen der Toten töten in euren Kirchen die Lebenden, und die Beinhäuser des ‚Innocents‘ sind noch ein Zeugnis von Barbarei, das uns weit unter Hottentotten und Neger stellt.“
Die Ausdünstungen des Friedhofes steigerten sich so, daß am Ende des Jahres 1779 in einem benachbarten Hause das Licht im Keller erlosch. Die Beschreibung der weiteren Details ist zu ekelhaft, um hier wiedergegeben zu werden[229].