Chapter 7

»Betrübtes Bein-Gerüst von einem alten Sünder,Erweiche Stein und Hertz der neuen Boßheits-Kinder«

»Betrübtes Bein-Gerüst von einem alten Sünder,Erweiche Stein und Hertz der neuen Boßheits-Kinder«

»Betrübtes Bein-Gerüst von einem alten Sünder,Erweiche Stein und Hertz der neuen Boßheits-Kinder«

»Betrübtes Bein-Gerüst von einem alten Sünder,

Erweiche Stein und Hertz der neuen Boßheits-Kinder«

zierte, statt eines Kindes, einen 1 m langenWassermolch.[58]

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Im Jahre 1856 wurde im Devonkalk des Neandertales bei Düsseldorf ein Skelett gefunden, das nach den geologischen Umständen des Ortes zweifellos in außerordentlich hohe Vorzeit hinauf reicht. Heute weiß man, zumal inzwischen in Spy, Krapina, Brünn, La Naulette und anderwärts ähnliche Reste gefunden wurden, daß es sich hier um Überbleibsel einer tiefstehenden fossilen Menschenrasse handelt. Das hatte bereits Dr.Fuhlrott, dem die betreffenden Skelettteile zuerst übermittelt wurden, festgestellt. Daß erdamals mit seiner Ansicht vom europäischen Urmenschen nicht durchdrang, lag an den Autoritäten.Professor Mayerin Bonn meinte, die Gebeine rührten von einem 1814 gestorbenen Kosaken her, ProfessorRudolf Wagnerin Göttingen erkannte in ihnen einen alten Holländer wieder, Dr.Pruner-Beyin Paris aber einen Kelten. Maßgebend blieb die AnsichtVirchows, der größten damaligen Autorität, der die Reste mit einem gichtbrüchigen Greis identifizierte.Ihm war es zuzuschreiben, daß lange Zeit die Anthropologen von der richtigen Deutung abgehalten wurden.[59]

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Abraham GottlobWerner(1750–1817), hervorragender Mineraloge und Vater der Geognosie, stellte die »neptunische Lehre« auf, d. h. die Hypothese, daß der Ozean der Quell aller Bildungen der Erde sei und jede neue Gestaltung im Mineralreich sich aus dem Wasser bilde. Sein Schüler Voigt bestritt das, besonders mit Rücksicht auf den Basalt, erlitt aber durch Werners Autorität eine Niederlage.Erst nach seinem TodekonnteBuchsundHumboldtsVulkantheorie Boden fassen.[60]

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Über den großen 1751 bei Agram gefallenen Meteorstein schrieb der gelehrte Wiener ProfessorStütz1790: »daß das Eisen vom Himmel gefallen sein soll, mögen wohl 1751 selbst Deutschlands aufgeklärte Köpfe bei der damals unter uns herrschendenUngewißheit in der Naturgeschichte und Physik geglaubt haben, aber in unseren Zeiten wäre esunverzeihlich, solche Märchen auch nur wahrscheinlich zu finden.«

An mehreren Museen wurden solche Meteorsteine sogarweggeworfen, »um sich nicht durch das Behalten derselben lächerlich zu machen«.

Im gleichen Jahre 1790 fiel ein Stein bei Juillac in Frankreich nieder, und der Maire dieser Stadt sandte einen mit der Unterschrift von 300 Zeugen versehenen Bericht an dieAkademie der Wissenschaften. Aber die Herren Akademiker waren ihrer Sache zu sicher.

Der ReferentBertholonsagte, man müsse eine Gemeinde bemitleiden, welche einen so törichten Maire habe, daß er solcheMärchenglaube. Und er fügte hinzu: »Wie traurig ist es nicht, eine ganze Munizipalität durch ein Protokoll in aller Form Volkssagen bescheinigen zu sehen, die nur zubemitleidensind. Was soll ich einem solchen Protokoll weiter beifügen? Alle Bemerkungen ergeben sich einem philosophisch gebildeten Leser von selbst, wenn er dieses authentische Zeugnis eines offenbar falschen Faktums, einesphysisch unmöglichen Phänomensliest.«

Alle, die den herrschenden Ansichten dieser Gelehrten nicht beistimmen wollten, wurdenverlacht.

Der sonst sehr ruhig denkende Gelehrte A.Delucsagte sogar: Wenn ihm ein solcher Stein vor die Füße fallen würde, müßte er zwar sagen, er habe es gesehen,könne es aber doch nicht glauben. AuchVaudinsagte, man müsse so unglaublicheDingelieber wegleugnen, als sich auf Erklärungen derselben einlassen.

Das war die Ansicht der französischen Akademie, die damals unter dem Vorsitz des berühmten Laplace in der Wissenschaft unbedingt dominierte.[61]

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AlsPiazziim Jahre 1801 die Entdeckung des ersten Planetoiden Ceres machte, wies sieHegel(De orbitis planetarum, Jena 1801) aus philosophischen Gründen zurück.[62]

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Bekanntlich ist heute noch nicht der Kampf zwischen Lamarckismus und Darwinismus völlig entschieden und wird es wohl auch nur im Sinne einer Verschmelzung beider Lehren werden können. Da ist es nicht nur erstaunlich, daß Lamarcks »Philosophie zoologique«, wiewohl sie in einem naturphilosophischen Zeitalter erschien, fast unbeachtet blieb, mehr noch ist es des großen Darwin Urteil über dieses hervorragende Werk. Er nennt die Philosophie zoologique einwertloses Buch, aus dem er nichteineTatsache und nichteineIdee entnommen habe. Mit diesem widersinnigen Buche habe Lamarck der Abstammungslehre mehr geschadet als genützt.[63]

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Herbert Spencer(1821–1903), der größte englische Philosoph des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wurde in solchem Maße als Autodidakt behandelt,daß sein bedeutendes Buch »Social Statics«, das im ganzen nur in erster Auflage in 157 Exemplaren erschien,erst in 14 Jahren abgesetzt wurde. Als nach 24jähriger Tätigkeit sein Erfolg gesichert war, lehnte er die dem unstudierten Manne von den Universitäten von St. Andrews, Bologna, Cambridge, Edinburgh und Budapest zugedachte Würde eines Ehrendoktors ab, wie er auch den Antrag der Akademien von Rom, Turin, Neapel, Paris, Philadelphia, Kopenhagen, Brüssel, Wien und Mailand, ihn zum korrespondierenden Mitglied zu ernennen, zurückwies.[64]

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WieRobert Mayerserste Arbeiten überall totgeschwiegen wurden, und zwar so gründlich, daß weder in akademischen Zeitschriften darüber referiert noch in anderen Werken von ihnen Notiz genommen wurde, so erging es auch ähnlichHelmholtz’Abhandlung »Über die Erhaltung der Kraft«. Er sagt selbst darüber: »Die Aufnahme meiner Arbeit in Poggendorffs Annalen wurde mir verweigert, und unter den Mitgliedern der Berliner Akademie war es nur C. G.Jacobi, der Mathematiker, der sich meiner annahm. Ruhm und äußere Förderung war in jenen Zeiten mit der neuen Überzeugung noch nicht zu gewinnen, eher das Gegenteil!«[65]

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Auch die prophetischen Worte E. H.Webers, die er im Jahre 1835 über die zukünftigen Funktionen des elektromagnetischen Telegraphen sprach, blieben vom Spott nicht verschont.[66]

Übrigens hat der gleiche große Physiologe Ernst Heinrich Weber zu wiederholten MalenZöllnergegenüber geäußert, daß von allen wissenschaftlichen TheorienVirchows auch nicht eine einzige das Ende seines irdischen Daseins überdauern würde.

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AlsWilliam JonesundHenry Thomas Colebrooke(1765–1857) dasSanskriterstmalig gründlich studiert, teilweise übersetzt und gefunden hatten, daß es eine reiche Literatur und nicht geringe Verwandtschaft mit den klassischen Sprachen aufwies, stießen sie auf nicht geringen Widerstand. Da sich mit dieser innigen Beziehung des Sanskrits zu den geographisch so weit entlegenen europäischen Sprachen die alten Anschauungen, welche entweder alle Sprachen aus dem Hebräischen ableiteten oder größtenteils von einander isolierten, nicht in Einklang bringen lassen, so ergriff derberühmte Philologe Dugald Steward(1753–1828) den einfachsten Ausweg, indem erdie ganze Geschichte mit der Sanskritsprache für eine Lüge erklärte. Er schrieb einen Essay, in dem er zu beweisen suchte, daß sie von den spitzbübischen Brahmanen nach dem Muster des Griechischen und Lateinischen zusammengeschmiedet sei unddie Sprache sowohl als auch die Literatur eine Fälschungseien. Diese Ansicht entwickelte noch im Jahre 1840 der Professor in Dublin,Charles William Wall, weitläufig (Göttingische gelehrte Anzeigen 1842 S. 1888).[67]

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Endlich wollen wir die Niederlage nicht vergessen, die sich Autoritäten und Fachleute noch in allerletzter Zeit in der Frage derWünschelruteholten. Bekanntlich versteht man darunter eine Rute oder auch einen Draht, der in der Hand gewisser besonders dazu disponierter Leute durch heftiges Ausschlagen das Vorhandensein von unterirdischen Wasserläufen anzeigt. Auch Erzlager sollen auf diese Weise auffindbar sein. Das Gerücht von der wunderbaren Kraft der Wünschelrute, die zumeist aus Hasel oder Weide gemacht wird, geht seit Urzeiten im Volke. Statt nun nachzuprüfen und dabei zu finden, daß die Beobachtungsgabe des Volkes, wie sich schon oft zeigte, der der Gelehrten kaum nachsteht, wenn auch die kritische Sichtung mangelhaft ist, wurde das Phänomen von den Gelehrtenrundweg als Humbug abgelehnt.

Das geschah auch, nachdem Landrat vonUslarunbestreitbare Erfolge in Südwestafrika aufzuweisen hatte. Im »Prometheus« wurde in den neunziger Jahren ein heftiger Kampf über die Möglichkeit des Phänomens bzw. dessen Wirklichkeit zwischen Theoretikern, die negierten, und Praktikern, die auf die unleugbaren Erfolge hinwiesen, geführt. Besonders ein Ingenieur H.Ehlertkonnte sich in gehässigen Angriffen nicht genug tun.

Da griff in den Jahren 1908 und 1909 der Münchner Arzt Dr.Aigner, also natürlich wieder ein Laie, die Frage auf und es gelang ihm durch eine große Zahl praktischer Beweise, die er in Gegenwart von Vertretern des Magistrates erbrachte, festzustellen, daß die Wünschelrute tatsächlich in den Händenvon gewissen Leuten die ihr zugeschriebene Wirkung ausübt.

Über die Erklärung des Phänomens mögen sich die Fachleute in die Haare geraten. Das Wichtigste ist die Konstatierung der Tatsächlichkeit. Der dem Mittelalter gemachte Vorwurf, statt die eigenen Augen zu gebrauchen, nach »Beweisen« bei Aristoteles, Galen und anderen Autoritäten zu fahnden, kann auch der gelehrten Zunft von heute nicht erspart werden. Auch sie lehnt schlankweg alles ab, was nicht in ihre Theorien und Hypothesen paßt, statt die Phänomene zu prüfen und von der festen Basis des Experimentes aus die Richtigkeit der Theorien zu untersuchen.[68]

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Nicht nur auf dem weiten Felde der Wissenschaft, nicht minder im Reiche der Kunst deckt sich eine Geschichte der Kritik mit einer solchen der Blamage der Autoritäten und Sachverständigen. Es sei zugegeben, daß gerade in der Musik sehr viel auf den Geschmack ankommt, da es einen objektiven Maßstab entsprechend der wissenschaftlichen Wahrheit nicht gibt. Immerhin ist es amüsant und lehrreich zu sehen, wie auf allen Gebieten der Fortschritt sich nur im harten Kampfe mit dem Bestehenden durchsetzen konnte.

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Im »Musikalischen Wochenblatt« sprach ein zeitgenössischer Leser seine »freimütigen Gedanken« überMozartaus und zwarnachdessen Don Giovanni:

»Niemand wird in Mozart den Mann von Talenten und den erfahrenen, reichhaltigen und angenehmenKomponisten verkennen. Noch habe ich ihn aber von keinem gründlichen Kenner der Kunst für einenkorrekten, viel wenigervollendetenKünstler halten sehen, noch weniger wird ihn der geschmackvolle Kritiker für einen in Beziehung auf Poesie richtigen undfeinenKomponisten halten.«[69]

Übrigens beschuldigte man Mozart auch desPlagiatsin der Ouvertüre zu Don Giovanni.[70]

Mozart war, wie Brendel in seiner Geschichte der Musik schreibt, den Zeitgenossen ein Buch mit sieben Siegeln. »Man traut seinen Augen nicht, wenn man die damaligen Zeitungen nachliest und kaum hie und da eine dürftige Notiz über ihn findet. Erst die Zauberflöte machte ihn populär.«

Doch selbst das trifft nicht ganz zu. In Schauls Briefen über Geschmack wird gefragt, ob sich der Anfang des zweiten Finales, dem er eine schöne Melodie zugesteht, mitder gesunden Vernunftvertrüge, da drei kleine Knaben in so schweren Halbtönen singen müßten, daß es einem geübten Sänger schwer werde, sie rein zu treffen. Man warf ihm auch vor, für die Instrumente Unmögliches zu schreiben. Einer der drei Posaunisten in der Friedhofsszene erklärte: »Das kann man so nicht blasen und von Ihnen werde ich es auch nicht lernen!«

Beethovenerging es von seiten der Kritik nicht besser. Er hatte das gemein mit allen genialen Menschen, die neue Wege einschlugen. Die Allgemeine Musikalische Zeitung in Leipzig, damals das einzige deutsche kritische Organ von allgemein anerkannter Autorität, schreibt in einer Besprechung der drei Violinsonaten op. 12: »Herr van Beethoven gehteinen eigenen Gang; aber was ist das für ein bizarrer, mühseliger Gang! Gelehrt, gelehrt und immerfort gelehrt undkeine Natur, kein Gesang!«[71]

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Im gleichen Organ erschien 1805 über die Eroika folgende verständnisvolle Kritik: »Diese lange, äußerst schwierige Komposition ist eigentlich eine sehr weit ausgeführtekühne und wilde Phantasie. Es fehlt ihr gar nicht an frappanten und schönen Stellen, in denen man den energischen, talentvollen Geist ihres Schöpfers erkennen muß: sehr oft scheint sie sich insRegellosezu verlieren.«

C. M.von Weber, der Komponist des »Freischütz«, schrieb 23jährig über Beethoven folgendes erstaunliche Urteil: »Die feurige, ja beinahe unglaubliche Erfindungsgabe, die ihn beseelt, ist von einer solchenVerwirrung in Anordnung seiner Ideenbegleitet, daß nur seine früheren Kompositionen mich ansprechen, die letzteren hingegen mir nur einverworrenes Chaos, einunverständliches Ringennach Neuem sind, aus denen einzelne himmlische Genieblitze hervorleuchten, die zeigen, wie groß er sein könnte, wenn er seine üppige Phantasie zügeln wollte.«

Die Kreutzersonate (op. 47) wurde zu Beethovens Zeit alsunaufführbarerklärt. (Nach Schindler.)

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AlsFranz Schubertder Gesellschaft der Musikfreunde in Wien seine große C-dur-Symphonie aus Dankbarkeit für eine ihm dargebrachte Huldigung übergab, wurde sie von den Künstlern der Gesellschaft alsunaufführbar abgelehnt.[72]

Tiecknennt den »Freischütz« das »unmusikalischste Getöse, das je über die Bühne getobt ist«.Ludwig Spohrurteilte über die Oper auch ungünstig.

Über die Euryanthe schreibt die »Zeitung für Literatur, Kunst, Theater und Mode«, nachdem sie dem Komponisten Bizarrerie und Mangel an Einheit und Klarheit vorgeworfen hat. »Mangel an Melodiezeige sich da gerade am meisten, wo sie am ehesten zu erwarten gewesen wäre....«

Franz Schubert sagt vom gleichen Werk, daß es »keine Musik, keine legitime Form und Durchführungenthalte, sondern lediglich auf Effekt berechnet sei und weit hinter dem Freischütz zurückstehe.« (Nach La Mara.)

Dem melodienreichen Oberon ging es nicht besser.

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DaßWagnersTristan für unaufführbar gehalten wurde, ist allgemein bekannt. Merkwürdig ist, daß Mozarts BiographOtto Jahnin seinen Gesammelten Aufsätzen über Musik nicht nur Tannhäuser ablehnt, sondernWagner schöpferisches Genie abspricht!!

Der bekannte Tadel gegen Wagner, er übertöne mit seinen Instrumenten die Sänger, findet sich auch schon Mozart gegenüber. Kaiser Josef II. äußerte es gegen Dr. Hersdorf.

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Endlich noch einige Urteile überGoethe.

Im Oktoberheft des Jahres 1832, ein halbes Jahr nach seinem Tode, schreibt im »Sachsenfreund«, einer damals viel gelesenen Monatsschrift, ein Anonymus ausWeimar:

»Unser Goethe istvergessen, wie zu erwarten war, zu erwarten nicht der Unempfänglichkeit halber, welche die Weimaraner für achtbare Erscheinungen hätten, sondern seiner eigenen Individualität wegen. Der Mensch fühlt sich nur vom Menschlichen angezogen, solange er es hat, und sieht ihm trauernd nach, wenn’s ihm entrissen wird.Menschliches aber hatte Goethe nicht, wie alle wissen, die ihn näher kannten, und nicht, wie eine Handvoll hiesiger Goethemanen, mit Blindheit über ihn geschlagen sind. Er fühlte und litt mit keinem menschlichen Wesen außer ihm, unddie großen Interessen der Menschheit waren ihm völlig fremd, insofern nicht etwa im Gefolge derselben die aristokratischen Gesellschaftsverhältnisse bedroht waren, an denen sein Herz hing. Er war eine in sich abgeschlossene Marmorstatue, in welcher nur das große Talent wohnte, die Welterscheinungen, die sich an und in ihr abspiegelten, mit der objektivischen Anschaulichkeit und Vollendung wiederzugeben. Einen Eindruck brachten sie aber nicht auf ihn hervor. Denn dazu gehört das Medium desGemütes, und das hatte Goethe nicht. Darum kamen seine Ansichten und Maximen, wenn sie ihm einmal über die weniger bewachte Lippe fuhren, dem gemütvollen Menschen fast schauerlich vor, und man hatte Mühe, sich von der ihm innewohnenden Selbstsucht und Härte einen angemessenen Begriff zu machen. Nie tat er einem wohl, der ihm nicht persönlich dienstfertig dafür wurde, und für Wohltaten wußte er seinen größten Gönnern nicht Dank. Das Testament, das er hinterließ, zeugt für jenes, und der Mann, der fastohne alle unmittelbargeleisteten DiensteWeimar in mehr als 50 Jahren Hunderttausende kostete, vermachte den Armen oder irgendeinem milden Institut bei seinem Tode – nicht einen Heller. Seine Werke, nun ja, sie werden ihn überleben, nämlich die sechs bis acht Bände, in die eine kritische Hand einmal die Weizenkörner sammelt, welche in vierzig und mehr Bänden voll Spreu enthalten sind. Diese Spreu wird aber vergessen werden. Die Nemesis wird auch hier ihr Amt verwalten, wie sie es in Hinsicht seiner häuslichen Verhältnisse tat.«[73]

Des Witzes halber seien diesem klassischen Urteile eines Anonymus noch einige neuere von katholischen Autoritäten angereiht.

Baumgarten S. J. schreibt in »Goethes Lehr- und Wanderjahre« (Freiburg 1882, S. 99) über die Sturm- und Drangperiode:

»Da sitzen nun die Götterjünglinge, Goethe, Lenz, Klinger, Kaufmann, gelegentlich auch Herder und Wieland; von ferne hört man ein Waldhorn, und der Mond hat nichts zu tun, als das phantasiebedürftige Conciliabulum anzuscheinen. Sehen Sie, meine Herren! Hier haben wir die Anfänge unserer unsterblichen deutschen Nationalliteratur, welche alle bisherigen Literaturen und Kulturen eminent in sich begreift, wie der erwachsene Mann alle früheren Stadien des Lebens. Da die Poesie der beiden Sturm- und Drangpoeten Lenz und Klinger sich hauptsächlich in der Analyse der gemeinsten und wütendsten Leidenschaften, toller Liebe, Eifersucht, Unzucht, Kindsmord und anderer schauerlicher Greuel bewegte, und da sie in Sprache und Ausdruck keine Grenzen kannte, so läßt sich denken, was sie in halben undganzen Nächten in Goethes Gartenhaus verhandelt haben mögen. Gevatter Wieland hatte an solchen Kapiteln auch seinen Spaß.«

Über »Hermann und Dorothea« urteilt Norrenberg in seiner Allgemeinen Geschichte der Literatur (Münster 1884, III. Bd., S. 181):

»Nirgendwo offenbart sich Goethes Gesinnung abstoßender als in ›Hermann und Dorothea‹. Das glaubens- und inhaltsleere, trotz aller Noblesse spießbürgerliche Gesellschaftsleben des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts ist nie mit einer so abschreckend photographischen Treue geschildert worden, als in diesem Epos. Man muß den blasierten Quietismus des Weimarer Lebens kennen, das versumpft in dem deistischen Humanismus, auch in der so nahen Perspektive der tragischen Ereignisse der französischen Revolution nicht im mindesten religiösen oder patriotischen Aufschwungs fähig war, um diese Dichtung zu verstehen. Ich kann mir keine entnervendere Lektüre für die Jugend denken, als ›Hermann und Dorothea‹.«

Der verstorbene Bischof Paul Haffner (Frankfurter zeitgemäße Broschüren II, 9 [1880]) stellt fest:

»Es ist bezeichnend für unsere heutige Bildung, daß von Goethes Schriften diejenigen am meisten gelesen werden, welche an obszönen Stellen am reichsten sind.«[74]

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Heinrich Heinehatte im Jahre 1910, außer dem in den Herzen des Volkes errichteten, noch kein Denkmal in Deutschland. Oder wollen wir das literarische, das der Heinetöter Adolf Bartels Heine und sich errichtet, dafür gelten lassen?[75]Das einzige ihm von der Kaiserin Elisabeth in Korfu geweihte wurdeentfernt, nachdem das Achilleion in den Besitz Kaiser Wilhelms II. übergegangen war.


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