So gewinnt denn die ritterliche Kultur zum Teil schon einenkünstlerischenCharakter. Auch die bildenden Künste nehmen jetzt, freilich nicht allein im eigentlich ritterlichen, mehr die Kleinkunst verwendenden Bereich, sondern überhaupt in den großen kirchlich-weltlichen Kreisen unter dem Einflusse der Romanen einen außerordentlichen Aufschwung. Seit längerer Zeit war in der Herrenkultur eine Neigung zu größerem Glanz verbreitet, und das machte sich gerade künstlerisch geltend. Jene eifrige Bautätigkeit, die die salischen Herrscher im Wetteifer mit den Bischöfen die großen romanischen Kathedralen in den rheinischenStädten schaffen ließ, entsprach der politischen Machtstellung des Reiches und seinem größeren Reichtum. Man ersetzte die einfacheren Bauten früherer Zeit durch prächtigere. Wie wir von Anfang an in den romanischen Bauten denaristokratischenZeitgeist sich spiegeln sahen (s. S.54), so entfaltet sich dieser Charakter in der Blütezeit des Stils noch mehr und kommt zu glänzenderem, leichterem, feinerem Ausdruck. Auch weltliche Bauten der vornehmen Schicht, Pfalzen, Burgen und Patrizierhäuser, werden nun zu Denkmälern dieses vornehm-geschmackvollen Stils. Vor allem ist es die Hohenstaufenzeit, in der sich dieser Glanz recht entwickelt. Auch jetzt wurde eifrig gebaut, freilich entstand weniger von Grund aus Neues als eine Fülle von Zutaten und Umgestaltungen. In der Zeit vom Ende des 12. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts wird nun jene Neigung zum Glanz immer mehr zu einer starkdekorativenStrömung: auf prächtige Außenbauten wird Wert gelegt, auf zierlichen Schmuck im einzelnen. Bezeichnend sind etwa die Blendarkaden der spätromanischen Bauten dieser Zeit des Überganges zur Gotik. Die Bauten der Cistercienser richteten sich bewußt gegen diese Strömung.
Die eigentlicheGotik, in Frankreich aus zum Teil bereits vorhandenen Elementen unter Führung Nordfrankreichs ausgebildet, weist auch als Hauptzug die Dekoration auf, so sehr die technisch-konstruktive Seite, nämlich die Lösung des Gewölbeproblems, das Kreuzrippengewölbe, die Bedeutung des neuen Stils ausmacht. Trotzdem die deutsche Baukunst lange schon Fühlung mit der aufstrebenden französischen Kunst hatte, öffnete sie sich diesem Stil keineswegs rasch, was ja bei der Höhe der in Deutschland erreichten Entwicklung auch verständlich ist. Erst um 1250 hat er sich, langsam und auf verschiedene Weise eindringend, völlig in Deutschland eingebürgert, eben im Zusammenhang mit der internationalen kulturellen Vorherrschaft Frankreichs. Auch in Deutschland entwickelte sich nun eine feine und reiche Formengebung, wenn auch das Bürgertum mit der Entfaltung des Luxus bei den Franzosen nicht wetteifern konnte und die Bauten bald nach der einfachen Seite hin beeinflußte. Aber welche künstlerische Höhe, welche Entwicklung des Schönheitsgefühls zeigen nun doch die Hauptbauten der Gotik im 13. Jahrhundert! Ein phantastisches Streben in die Höhe, eine liebevolle Ausgestaltung des einzelnen sind charakteristisch. Es schwindet zugleich die Bedeutung der Wandmalerei; die Malerei wird nun auf die hohen Fenster als Objekt beschränkt; schon vor dem 13. Jahrhunderterreicht diese Glasmalerei ihre Blüte. Das ganze Innere wird nun in ein geheimnisvolles Licht getaucht, das wieder eine dekorative Seite hat, vor allem aber eine ganz eigenartige Stimmung hervorbringt. Die Gestalten der heiligen und kirchlichen Geschichte den Gläubigen nahezubringen, wurde nun vor allem Aufgabe der nicht mehr auf das Portal beschränkten Plastik, die zugleich für den erstrebten reichen Innenschmuck und die dekorative Gestaltung der Säulen, Pfeiler, Galerien usw. sorgen, dauernd freilich dabei die Dienerin der Herrscherin Architektur bleiben mußte. Die hochentwickelte französische Plastik war das Vorbild der deutschen, aber die schönsten deutschen Denkmäler sind doch zugleich Erzeugnisse deutschen Geistes und geben dem deutschen Individualismus wie dem neuen realistischen Sinn künstlerisch wunderbaren Ausdruck. So hat denn Dehio das 13. Jahrhundert, in dem außer der Dichtkunst auch die übrigen Künste zu gleichmäßiger Entfaltung kamen, »das am meisten ästhetische Jahrhundert« genannt, »das wir erlebt haben«, wie es überhaupt kulturell überaus hoch stand.
Diese ästhetische Seite zumal der ritterlichen Kultur hat nun freilich ihre Kehrseite. Der Niederschlag dieser Kultur in einer reichen, sie verherrlichenden Dichtung täuscht leicht darüber, daß diese Welt zum Teil doch nur in der dichterischen Phantasie lebte. Es war im ganzen eine Welt desScheins. Zum höfischen Leben mangelte vielen nicht nur der genügende Besitz, sondern auch die Neigung, selbst den Frauen. Abgesehen von der ständigen höfisch-kriegerischen Umgebung der Fürsten und Herren und einem stark abenteuerlichen Element »fahrender« ritterlicher Turnierer und Sänger mochten unter den übrigen Rittern viele sein, die daheim das grob-ländliche, nicht gerade üppige Herrenleben führten, die Hausfrau, die selten genug die Modedame war, nach alter Weise walten ließen und wenig höfisch behandelten, in der Geselligkeit den Trunk mit ihren Genossen als Hauptsache ansahen und in ihren Sitten alles zu wünschen übrig ließen. Manche mochten das eine draußen tun und das andere daheim nicht lassen, fühlten sich dann aber in höfischer Aufmachung nichts weniger als behaglich, und selbst in der eigentlichen höfischen Schicht herrschte, wie schon gesagt, in erster Linie der Zwang der Konvention, der Mode. Das zeigte sich vor allem später, als der weiter unten (S.116f.) zu charakterisierende wirtschaftliche und soziale Rückschlag kam. Da waren die gepriesenen Ideale rasch vergessen, oder man übertrieb noch ihre Äußerlichkeit undschloß sich um so hochmütiger ab. Die ohnehin derb und plebejisch werdende Zeit färbte auch beim Ritter ab, die Frau trat gesellschaftlich völlig zurück, die Trunksucht stieg wieder mächtig. Die Anzeichen dieses Verfalls begegnen ziemlich früh. Schon in Ulrich von Lichtensteins »Frauendienst« finden wir rohe Raubritter geschildert, andererseits auch wirtschaftlich gesonnene, philiströse ländliche Ritter, die dem Dichter ebenso unhöfisch scheinen wie jene. Er selbst zeigt in seiner phantastischen Verzerrung des Frauendienstes die früh eingetretene Entartung desselben; man sah das Wesen der Sache jetzt in der extremen Übertreibung. Andererseits war dem Rittertum noch später ein längerer Glanz in einzelnen Gegenden beschieden, wie in Tirol oder dort, wohin die neuen Ideale am spätesten gedrungen waren, im Norden und Osten, und auch sonst behielt es vielfach einen höheren Nimbus, noch im 15. Jahrhundert, z. B. in Franken, bewahrte jene Ästhetisierung des Lebens freilich nur in geringen Äußerlichkeiten.
Kulturgeschichtlich bedeutsam ist vor allem derweltlicheGrundzug des Rittertums. Wir sahen zwar (S.81), daß der Ritter theoretisch immer der christliche Ritter ist. Man kann weiter an die Bedeutung der Gralsage erinnern, auf die Grundanschauung im »armen Heinrich« hinweisen, manchen Ritter, der im Kloster endete, nennen und viele Züge echter Religiosität bei den Dichtern anführen. Gleichwohl ist die ritterliche Kultur eine erste höhereLaienkultur, freilich ohne Opposition gegen die Kirche oder auch nur gegen die asketische Anschauung derselben. Beim Rittertum gipfelten diese weltlichen Standesideale eben in jener ausgeprägten Weltfreude, in dem Preis der Frauenliebe, in genußsüchtiger Lebenslust. Diese Weltlichkeit hat nun freilich auch teilweise zu einer stärkeren Gegensätzlichkeit gegen die Kirche und ihren Geist geführt. Wir können von einer gewissen Humanität, einer ausgesprochenen Duldsamkeit den Heiden und Juden gegenüber reden. Die Töne, die dann Walter von der Vogelweide dem Papst gegenüber gefunden hat, zeugen von größerer innerer Freiheit, wenn auch natürlich nicht von Unkirchlichkeit. Die volkstümlichen Spielmannsdichtungen gehen übrigens den Idealen des Mönchstums gelegentlich schärfer zuleibe.
Aber von einer Scheidung zwischen Rittertum und Kirche ist in keiner Weise die Rede. Die äußere Kirchlichkeit wird besonders betont. Überdies war die Anziehungskraft der ritterlichen,»höfischen« Kultur so groß, daß sich selbst die Glieder der führenden Kulturmacht, der Kirche, ihr nicht ganz verschlossen. Diese an den weltlichen Höfen ihre Mittelpunkte findende Kultur war trotz ihrer geschilderten Schwächen mit einem glänzenden idealen Schimmer umgeben, wenn die Welt auch nur kurze Zeit eine wirkliche Blüte edler, höfisch gebildeter und doch männlich-kräftiger Ritterschaft gesehen haben mag, etwa um die Zeit des Mainzer Festes 1184 unter Friedrich I. Rotbart. Nun ist freilich richtig, daß sich das Rittertum eben mit dem Abschluß der Standesorganisation und der völligen Ausbildung der kriegerischen und gesellschaftlichen Standesideale immer schärferabsonderte, die Ebenbürtigkeit zur Bedingung der Zugehörigkeit erhob und sich vor allem vom Bauer, dem »Törper«, »Tölpel«, dessen ländliche Arbeit man nun hochmütig verachtete, zu unterscheiden suchte, obwohl mancher Ritter mit Bauern zechte und mit Bauernmädchen tanzte. Gleichwohl bestrebte sich jene nichtritterliche Welt auf alle Weise, dem Rittertum wenigstens äußerlich nachzuahmen. Und damit gelangt diearistokratische Richtungdieser Jahrhunderte auf ihren Höhepunkt. Das Rittertum, in dem sie sich verkörperte, war zunächst die in allen weltlichen Dingen maßgebende Schicht. Die Fürsten, an die es sich angliederte, zählten sich doch wieder selbst zu den Rittern. Innerhalb des landwirtschaftlichen Lebenskreises, in dem Deutschland noch aufging, waren die Ritter Führer und Herren, aber auch in den aufkommenden Städten gaben noch die ritterlichen Ministerialen, die Geschlechter den Ton an und waren den ländlichen Rittern nicht selten näher verbunden.
Der Adel, insbesondere auch der niedere Adel, war in politischer, militärischer und sozialer Beziehung der wichtigste Stand. Aber man darf auch seine geistige Rolle nicht unterschätzen (vgl. S.93). Vor allem war er aber der Träger einer neuen bewunderten gesellschaftlichen Kultur geworden. Diese ästhetische Verfeinerung des Lebens, die an sich schon einen aristokratischen Charakter trug, wurde zumallgemeinen kulturellen Vorbild.Geistlichezunächst hatten schon früh – sie waren ja allein die Schriftgelehrten – französische höfische Dichtungen, freilich nicht ohne geistlichen Einschlag, ins Deutsche übersetzt, und später fehlte es nicht an Geistlichen, die die eigentlich ritterliche Dichtung pflegten oder ihre Ideale priesen. Auch in den Klöstern mochte sich mancher Mönch an der ritterlichen Epik wie am Minnesang erfreuen. Vor allem fanden aber die Bischöfe und geistlichenWürdenträger, die ja in der Regel aristokratischer Abkunft waren, Gefallen daran und zogen Sänger an ihre Höfe, die überhaupt den weltlichen Höfen in ritterlichem Glanz, in Festen und Turnieren, denen die Geistlichen natürlich nur zuschauten, oft wenig nachstanden. – Daß die reichenBürgersodann, wenigstens damals, in der ritterlichen Kultur die einzig erstrebenswerte sahen, geht schon aus der aristokratischen Zusammensetzung des städtischen Patriziats hervor. Auch der gerade in frühen Stadien rasch reich werdende Kaufmann spielte in ihm bald eine Rolle und tat es dem grundbesitzenden städtischen Adel und den Ministerialen gleich. Gottfried von Straßburg entstammt diesen Kreisen der städtischen Aristokratie, und in Konrad von Würzburg sind wohl ritterliche und bürgerliche Elemente vereinigt. Die Geselligkeit, die Tracht waren durchaus höfisch, man hielt auch Turniere ab, so 1226 zu Magdeburg einen »Gral« für alle »Kaufleute, die da Ritterschaft wollten üben«. Andererseits ist die große, auch im übrigen Abendland zu beobachtende Rolle der Patrizierherrschaft in den Städten, von der wir (S.102) noch hören werden, an sich schon ein Zeichen jenes aristokratischen Zeitgeistes und schon deshalb natürlich und zeitgemäß gewesen. So gab es eine, geistliche und bürgerliche Elemente heranziehende, wesentlich ritterliche Gesellschaft aristokratischer Färbung, die für ihre Zeit bezeichnend war, der zwar hin und wieder die geistlichen Asketen grollten, die in einem ausgeprägten Gegensatz aber nur zu einer Schicht stand, auf der gerade alles wirtschaftliche Gedeihen damals noch beruhte, zurbäuerlichen. Aber auch diese Schicht suchte in ihrem reicheren Teil dem allgemein bewunderten Lebensideal um so mehr nachzueifern, je näher dieser Teil dem landsässigen Ritter stand und je häufiger er sich, so namentlich in Bayern und Österreich, mit ihm berührte. Manch ritterlich-bäuerliche Heirat kam zustande, mancher Ministeriale war ursprünglich bäuerlichen Standes. Reiche Bauern, namentlich die junge Generation, machten nicht nur in der Kleidung, Wappnung und im Lebensprunk die französiert-aristokratische Mode mit, sie tanzten auch nach höfischer Weise und begehrten ritterlichen Sang zu hören, sie übten sich sogar selbst, zum Spott der Ritter, gelegentlich im Minnedienst und anscheinend auch im Turnier.
Natürlich ging das alles mit jenem Verfall des ritterlichen Lebensideals selbst vorüber, aber immerhin war in diesem Zeitalter fürdas ganze Abendland der Grund zu einer höheren gesellschaftlichen Kulturgelegt, und ihre Überlieferungenwurden vor allem von der ritterlich-adligen Gesellschaft auch weiter gepflegt, trotz des Aufkommens einer neuen demokratisch-volkstümlichen Zeit.
Es erhebt sich die Frage, ob dieser Blütezeit der aristokratischen Kultur dasvolkstümlicheElement ganz gefehlt hat, und damit berühren wir wieder unser Hauptproblem. Nicht zunächst der aristokratische als vielmehr der un- und internationale französierte Charakter der ritterlichen Kultur spricht gegen ihre Volkstümlichkeit, ebenso aber der daraus sich ergebende konventionelle Zug, die »Verbildung«. Nationale Elemente fehlen indes nicht ganz (s. auch S.82): die Kampflust wie die Jagdleidenschaft, die der Ritter mit dem Herrn des frühen Mittelalters teilt, sind trotz der französischen Färbung mancher Kriegs- und Jagdsitten altgermanisch, auch gewisse Elemente der männlichen und weiblichen Erziehung. In dem naiven Verhältnis zur Natur, der einfachen Naturfreude, der Frühlings- und Sommerlust, zeigt auch die Dichtung alte volkstümliche Züge. Öfter, wie bei Walter von der Vogelweide, verrät sie schon ein feineres Inbeziehungtreten des menschlichen Innern zur Natur. Gekünstelt dagegen ist die äußerliche, auf Glanz und Wunder hinarbeitende Naturbeschreibung der Epen, von Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg etwa abgesehen. Natürlich zeigt aber die Dichtung trotz der fremden Einflüsse auch sonst vielfach deutsche Färbung, und ihre schönsten Erzeugnisse, wie die Lieder Walters oder der Parcival Wolframs, sind doch vor allem als Blüten deutschen Wesens, größerer Innerlichkeit und Tiefe aufzufassen. Trotz allen fremden Firnisses war man doch wieder auf die deutsche Art stolz. »Deutsche Zucht geht vor ihnen allen«, heißt es bei Walter. Von der Bedeutung, die gerade der niedere Adel für die Mündigwerdung der nationalen Sprache über die Dichtung hinaus hatte, werden wir noch (S.112) hören. Trotz jenes Gegensatzes zum unkultivierten Bauern zeigen sich nun weiter innerhalb der höfischen Dichtung selbst ausgesprochen volkstümliche Neigungen. Ihr Hauptträger ist der Bayer Neidhart von Reuental mit seinen realistischen Liedern, die unzweifelhaft in Form und Inhalt mit alten ländlichen Tanzliedern zusammenhängen, aber sich doch im Rahmen der höfischen Kunstdichtung halten, wie denn auch der Bauer darin dem Spott des Ritters dient. Walter war über solche »Unfuge« entrüstet, aber manche höfischen Dichter folgten doch Neidharts Spuren und zeigten mit ihrer »höfischen Dorfpoesie« eine volkstümliche Gegenströmunggegen die überfeinerte Minnedichtung (siehe unten S.139).
Man darf überhaupt über dem in unserem geschichtlichen Bewußtsein alles überragenden Glanz der höfisch-aristokratischen Kultur nicht die Bedeutung und die still wirkende Betätigung der niedrigeren Volkskreise übersehen. An sich weist ja schon dasRittertum selbstwenigstens in seinen aus unfreien Ministerialen erwachsenen Teilen auf eine seit längerem zu beobachtendeAufwärtsbewegung der niederen Schichtenhin. Noch deutlicher und allgemeiner zeigt sich diese in der wirtschaftlichen und sozialen Hebung der breitenbäuerlichen Schichtgegenüber der Grundherrschaft und in der Festigung und wachsenden Bedeutung des städtischen Bürgertums. Gerade der aristokratische Zug der Zeit führte ebenso wie die gesteigerte Lebenskultur und die kriegerisch-politischen Interessen zu einer Abwendung der Herrenschicht – vom Osten ist zunächst nicht die Rede – von der persönlichen landwirtschaftlichen Betätigung, die zum Teil völlig aufhörte. Man lebte lieber von Lieferungen und Naturalabgaben, die sich dann mit der aufkommenden Geldwirtschaft zum Teil in feste Geldabgaben, freilich in sehr ungleicher Weise, wandelten. Bei dem allmählichen finanziellen Verfall namentlich des niederen Adels setzte allerdings bald wieder die Sucht ein, diese Abgaben zu erhöhen und den Bauern auszupressen: aber zunächst war die Höhe der Abgaben gering (über die Gründe ihrer Minderung wie der Schonung der Bauern s. S.96). Besonders die Fronden traten stark zurück. Die Zinsbauern wurden durch die Festlegung der Leistungen, die weiteren Ansprüchen vorbeugte, selbständiger. Überhaupt kam man namentlich bei großen Grundherrschaften eben aus wirtschaftlichen Gründen dazu, den großen Betrieb mehr zu dezentralisieren und durch Zerlegung des Herrenlandes in Zinsgüter den Ertrag zu steigern. Im Westen gab es große Besitze schließlich überhaupt nicht mehr: alles war in bäuerliche Betriebe aufgelöst. Günstig für die Bauern war zum Teil die Entwicklung der Landesherrschaft. Die Abhängigkeitsverhältnisse gegenüber einem Grundherrn, der Landesherr war, wurden dadurch, wie man mit Recht hervorgehoben hat, zu öffentlich-rechtlichen. Die Verschiedenartigkeit derselben trat zurück vor der Einheitlichkeit der Untertanenschaft: der einzelne wurde persönlich und wirtschaftlich unabhängiger.
Bei den größeren Grundherrschaften, insbesondere den geistlichen, war die wirtschaftliche Leitung nun zum Teil auf dieursprünglichen Verwalter oder Vertreter, auf dieMeierübergegangen. Sie vermittelten die Lieferungen bestimmter Zinsbauern, d. h. sie gaben bald nur ein Bestimmtes, sie bewirtschafteten eine Art Vorhof, natürlich das beste und größte der Güter ihres Bezirks. Gerade sie zeigen nun auch zuerst eine Aufwärtsbewegung, sie vermehren ihr Gut durch Rodung, auch durch Übernahme von Herrenland gegen Zins, ihr Gut wird erblich, sie behalten die Zinsabgaben zurück, sie nähern sich den Rittern, die ja, wie sie meist selbst, zum guten Teil Ministeriale waren, oder werden nahezu freie Gutsbesitzer. Sie machen es also nicht anders als die Vögte, als überhaupt alle, die für Leistungen und Amtsverrichtungen mit Land belehnt waren und dieses Lehnsgut zur erblichen, immer möglichst zu erweiternden Herrschaft gemacht hatten. Dabei wird über die unverschämten Übergriffe der Meier des öfteren geklagt. Entsprechend handelte nun auch schließlich die Klasse der besserenZinsbauern. Bei der Lockerung der Grundherrschaft nahmen sie auch, was sie kriegen konnten, an Nutzberechtigungen wie Landstücken, umgingen die Meier und lieferten dem Herrn unmittelbar, suchten die Abgaben zu mindern oder sich ihnen zu entziehen, gewannen jedenfalls bei deren Festlegung als Geldabgaben durch das Sinken des Geldwerts und näherten sich, wenn die Erblichkeit ihres Zinsguts erreicht war, den noch bestehenden Resten der vollfreien Bauern, abgesehen eben von ihren Abgaben, soweit sie diese nicht ganz zu beseitigen verstanden. Und selbst die Kopfzins zahlenden, auf dem Herrenhof fronenden unfreien Zinsbauern, deren Abstufungen überhaupt sehr mannigfaltig sind, gewannen durch jene Festlegung der Leistungen. Dadurch, daß man weiteres Herrenland gegen Zins auch an sie austat, wurden sie zum Teil allmählich zu »freien« Zinsbauern. Durch Ansetzung auf einer Hufe wurde aber auch schließlich der eigentliche Unfreie, der immer seltenere Leibeigene ohne Land, zum Zinsbauern, wenn auch zum unfreien.
Im ganzen handelt es sich nicht um etwas durchaus Neues, die bäuerliche Schicht war auch früher von größerer Bedeutung, als man lange annahm, aber es hat doch jetzt eine stärkere soziale Hebung der ländlichen Schichten eingesetzt, wobei von allgemeiner Gleichförmigkeit der gewonnenen Stellung freilich in keiner Weise die Rede ist, und für das 13. und zum Teil das 14. Jahrhundert läßt sich entschieden von einer Zeitbäuerlichen Gedeihenssprechen. Die Abgaben stiegen nicht, wohl aber der Wert und Ertrag des Bodens. Wie wäre es sonst möglich gewesen, daßetwa der österreichische Bauer in äußerem Prunk zuweilen dem Ritter gleichzutun suchte. Freilich hatte sich gerade durch die freiere Güterbewegung, insbesondere durch die Hufenteilung, neben den reicheren, größeren Bauern eine zahlreiche Klasse von Kleinbesitzern gebildet, denen es vielfach schlecht ging. Bezeichnend ist aber die Wiederbelebung des alten genossenschaftlichen Geistes besonders auch durch die freieren Zinsbauern; sie regelten wie die Reste der freien Bauern ihre Angelegenheiten wieder mehr und mehr selbst, nachdem schon früher die Feststellung eines besonderen Hofrechts seitens der Grundherrschaft sich als notwendig ergeben hatte. Von neuem erwuchs die enge Lebensgemeinschaft der Dorfgenossen, die dem einzelnen wirtschaftlichen, sittlichen und sozialen Halt gab, ihn auch freilich in allen Dingen gängelte und dem ganzen Dasein etwas Starres gab. Auch am Gerichtsleben nahm der Bauer noch teil: diese höheren und niederen Dorfgerichte, im Freien tagend, wurzelten durchaus im Volk, und in den später zahlreich aufgezeichneten »Weistümern«, die ja freilich vor allem das wirtschaftliche Leben regeln, steckt auch noch ein gut Teil rechtsschöpferischer Kraft. Mächtig hatte sich auch wieder das Selbstbewußtsein der ländlichen Bevölkerung gehoben. Die milden Saiten, die die Grundherren seit längerem im ganzen ihren Grundholden gegenüber aufgezogen hatten, erklären sich aus der Erkenntnis, daß man auf sie angewiesen war. Man mußte sie gegenüber der zunehmenden Abwanderung, die zuerst gelegentlich der Kreuzzüge, dann nach dem Osten, dessen Kolonisation zu einer gewaltigen Bewegung geworden war, endlich infolge der Anziehungskraft der neuen städtischen Gebilde einsetzte, zu halten suchen. Eben dieser Umstand festigte den bäuerlichen Geist. Man ließ einen weltlichen Grundherrn, der die Bauern drückte, alsbald im Stich und nahm von einer geistlichen Herrschaft ein Zinsgut; aber man leistete auch dieser gegenüber nur das Nötigste. Die Grundherren minderten ihre Ansprüche ständig und sahen sich auch vielfach gezwungen, die freieren Formen der Erbpacht und Zeitpacht, die, an sich doch wohl älter, sich vor allem auf dem Neuland im Osten unter den freieren Verhältnissen entwickelt hatten, in größerem Umfang anzuwenden, und so hob wieder die größere Selbständigkeit das bäuerliche Selbstgefühl. Den vielfach auftretenden verarmten Bauerndrückern und Raubrittern gegenüber griff der Bauer z. B. in Bayern und Österreich zuweilen zu gewalttätiger Vergeltung. Trotz der Verbote ging er dort auch meist gewaffnet einher,trug das Haar lang usw. und sah in seinem Wohlstand auch wohl mit Verachtung auf einen »armen Hofmann« herab. In Westdeutschland verweigerte der Bauer gelegentlich den Zins und so fort.
Wenn also der Bauer meist gedieh, so war doch seineWirtschaftsweisetrotz mancher grundherrschaftlichen Einflüsse keineswegs besonders fortgeschritten. Es ist im Grunde der herkömmlich fortgepflanzte Betrieb alter Zeit, an dem man auch die späteren Jahrhunderte hindurch zäh festhielt. Dieses Gepräge hergebrachterEinfachheittrug überhaupt das ganze bäuerliche Leben. Jenes Mitmachen der höfischen Mode war doch eine auf bestimmte Kreise beschränkte und vorübergehende Erscheinung. Die gewöhnliche Kleidung war überaus bescheiden, die graue Arbeitstracht, die dem Bauern nach allgemeiner Anschauung auch allein gebührte. Bei seinen Festen, insbesondere den Hochzeiten, mochte er sich ungebührlich kleiden und sonst einen rohen, massigen Luxus entfalten, sich z. B. tagelang der Völlerei ergeben: aber wenn er auch sonst eine barbarische Gefräßigkeit zeigte, so war seine Nahrung doch ohne Abwechslung und beschränkte sich auf die alten Speisen. Auch der Wein ist für ihn ein seltenes Getränk geblieben. Ganz nach altem Gepräge waren Haus und Hausrat. Der ästhetische Sinn der Zeit tritt beim Bauern nicht hervor; insbesondere war die Körperpflege gering und die Reinlichkeit wenig geschätzt. Ebenso fern steht er den geistigen Interessen, die sich auch in Laienkreisen zu verbreiten beginnen, wie der elementaren, von Geistlichen vermittelten Bildung.
Sein inneres Leben ist einförmig und wird wiederum von Arbeit und Wirtschaft beherrscht, zugleich aber von dem vertrauten Verbundensein mit der Natur und alten Glaubensvorstellungen beeinflußt. In einfacher, oft derber Natürlichkeit äußern sich seine Triebe, und seine Feste sind vielfach die alten Naturfeste. Dazu war das Kirchweihfest, die Kirmes getreten. Seine Lebensfreude kommt bei Festen und an Feiertagen vor allem in der Form des alten Tanzreihens, den Tanzlieder, dem Vorsänger vom Chor nachgesungen, begleiten, zum Ausdruck. Man tanzte im Sommer kranzgeschmückt im Freien. Hohe Sprünge und dergleichen gehörten dazu, und an Handgreiflichkeiten fehlte es nicht. Wie in der Vorzeit hörte man aber auch zur Unterhaltung gern alte Mären und alte Lieder. Ebenso hatte bei den Bauern anderes halb poetisches Gut, namentlich Spruchgut, eine dauernde Stätte,mit dem Menschenleben, der Wirtschaft und dem Wandel der Natur zusammenhängend, dazu aber jene vielfach schon entstellte alte Glaubenswelt, die in Sagen und Segen wie in einer Unzahl alter Bräuche, wieder mit Leben und Arbeit oft poetisch verbunden, zutage trat. Feinere Gefühle liegen dieser ganzen Art fern. Nüchterner, geschäftlicher Sinn und praktischer Erwerbsgeist, die auch die Schließung der Ehe bestimmen, treten scharf hervor; auch eine Neigung zu listigen Praktiken, vielleicht schon durch die Abgaben und Lieferungen hervorgerufen, zeigt sich später beim Verkauf der Erzeugnisse in der Stadt. Im übrigen beherrschte das Leben, wie es bei halbkultivierten Menschen der Zwang des Zusammenlebens schließlich von selbst ergibt, alte Sitte, also ein gewisses Maß streng gehüteter, selbst erworbener, aber auch durch die Kirche anerzogener, in der Hauptsache volkstümlicher Anschauungen und Regeln.
Der ländlichen Welt des Beharrens steht diestädtischedes Fortschritts und der Bewegung gegenüber; sie gerade zeigt am deutlichsten jene Hebung der niederen Schichten. Die planmäßigen Gründungen im Westen wie seit der einsetzenden Kolonisation im Osten vermehrten die Zahl der Städte stark. Sind um das Jahr 1000 etwa 80 nachweisbar, so hatten sie sich um 1100 etwa verdoppelt, um 1200 verdreifacht, um dann rasch zuzunehmen und um 1400 beinahe die Zahl zu erreichen, zu der es das Mittelalter überhaupt gebracht hat, d. h. etwa 1000. An Umfang und Volkszahl waren sie natürlich sehr verschieden: die Entwicklung richtete sich nach der wirtschaftlich günstigen Lage, nach den Schätzen und Erträgen des Bodens usw. Mit dem Aufkommen der Städte wurde auch das anfangs spärliche Straßennetz immer dichter, besonders in staufischer Zeit. Wieder brachten die Vorteile aus Zöllen, Geleit usw. die Herren zur Errichtung neuer Straßen – von einem wirklichen Straßenbau ist aber keine Rede –, bis dieselben Beweggründe zu einem Rückschlag, zu einer Art Straßenmonopol führten. Mit der Vermehrung der Straßen war natürlich auch die Errichtung zahlreicher Brücken verbunden. – Landwirtschaftlich gerichtet oder gefärbt wie alles übrige (s. S.48), werden die Städte doch immer mehr zu Sitzen von Gewerbe und Handel (s. S.45ff.). Die entsprechenden Bedürfnisse und Lebensbedingungen führen wieder zu größerer sozialer Freiheit. Die neben Freien zahlreich zuziehenden Unfreien bilden mit freien Grundbesitzern, Handwerkern und Kaufleuten bald eine in gewissem Sinne gleichartige Masse, mit großen Unterschiedenfreilich des Besitzes und Einflusses, aber mit immer stärkerem Schwinden der Unterschiede in Bezug auf die persönliche Freiheit. Die bald empfundene Gemeinsamkeit der Interessen treibt gleichzeitig zur Loslösung von den Stadtherren, denen doch die Städte zunächst alles verdankten (s. S.48). Ohne Rücksicht auf deren Organe hatten schon im 11. Jahrhundert die einerseits als feste Plätze bedeutenden, andererseits wirtschaftlich erstarkten Städte am Rhein im Bewußtsein ihrer Volkskraft eine selbständige kriegerisch-politische Rolle zugunsten der salischen Könige, wie auch später, gespielt. Das wachsende Selbstbewußtsein führte dann, zumal bei der Schwäche der Reichsgewalt, immer mehr dazu, größere Selbständigkeit zu erstreben; es kam besonders in den Bischofsstädten zu Kämpfen, die natürlich ungleich verliefen: das Ergebnis war für die Hauptmasse der Städte, in Anknüpfung an ältere Vertretungsformen unter den Stadtherren, eine eigene Verfassung, Verwaltung und Gerichtsbarkeit, dieRatsverfassung, deren Bedeutung sich äußerlich in dem Bau der Rathäuser widerspiegelt. Diese im 12. und 13. Jahrhundert durchgesetzte, häufig genug freilich durch Geld erworbene Selbstverwaltung (Finanzen, Steuern, Polizei usw.) wurde später technisch vorbildlich.
Wirtschaftlich und sozial überwiegen in den Städten zunächst noch durchaus dieHandwerker, d. h. vor allem auch die verkaufenden Handwerker. Jene schon erwähnten mannigfaltigeren Ansprüche der wachsenden und verschieden gestellten Bevölkerung führten eine bedeutende Vermehrung der Gewerbetreibenden namentlich auf dem Gebiet der Nahrungsmittelgewerbe, der Weberei und der Bekleidungsgewerbe und ein Zurückdrängen der hauswirtschaftlichen Erzeugung herbei; die bauliche Ausdehnung der Stadt, besonders aber die größeren Bauten der Kirchen und Rathäuser förderten die Baugewerbe, der größere Reichtum der oberen Bürgerklasse rief auch allerlei Sondergewerbe hervor. Im ganzen ergab sich neben einem Zurücktreten der bäuerlichen Betätigung und einer Beschränkung der einzelnen auf ein bestimmtes Handwerk eine größere Spezialisierung innerhalb der Handwerke und, zum Teil unter fremden Einflüssen, eine immer bessere Technik und Kunstfertigkeit. Eine große Bedeutung für das innere Leben und die wirtschaftliche Betätigung der Handwerker wie für ihre Geltung nach außen hin hatte ihre hier nicht näher zu erörternde genossenschaftliche Organisation inZünften, der der Zunftzwang von Anfang an die nötige Geschlossenheit verlieh. Die Obrigkeit der Stadt sah die Zünfteals die eigentlichen Organe der Bürgerschaft an, wie sie auch für deren militärische Gliederung und Verwendung wichtig waren. Der einzelne Bürger bedeutete eigentlich erst etwas als Glied einer Zunft.
So bildeten die Handwerker die eigentliche Masse der Bürgerschaft, nach deren Interessen sich die städtische Politik richtete; sie waren jedoch zum größten Teil auch Verkäufer und vertraten zugleich die Interessen desHandels. Aber neben ihnen und trotz der seit Ende des 12. Jahrhunderts eingeschlagenen, sich abschließenden Richtung auf ein rein örtliches, Stadt und Umgebung umfassendes Wirtschaftsgebiet hatten doch auch die eigentlichen Kaufleute (s. S.46) von Anfang an allergrößte Bedeutung; einmal wegen der Einführung der vom Gewerbe gebrauchten Rohstoffe aus der Ferne, weiter wegen des Vertriebes gewerblicher Sondererzeugnisse nach außen, vor allem aber auch als Vermittler der örtlich nicht zu gewinnenden oder herzustellenden, begehrten fremden Erzeugnisse und Stoffe, der Gewürze und Tuche vor allem wie der Luxuswaren. Die kleineren Kaufleute, die Krämer, standen den verkaufenden Handwerkern nahe und bildeten Zünfte wie sie, waren aber anfangs nicht besonders angesehen. Dagegen traten die eigentlichen Kaufleute, die sich namentlich in Norddeutschland zu Gilden zusammentaten, früh in einen gewissen Gegensatz zu den Handwerkern. Es waren vor allem die Tuchhändler, die Gewandschneider, die großes Ansehen genossen, infolge ihres häufig bedeutenden Wohlstandes auch mit den »Geschlechtern« zusammenwirkten und die Stadtpolitik bestimmend beeinflußten. Kleinhandel in Lauben, Gewölben usw. trieben in der Heimat auch diese größeren Kaufleute, aber einzelne von ihnen kamen doch auch zu einer bestimmenden Teilnahme am großen internationalen Verkehr, zu einem Großhandel, bei dem sie sich natürlich keineswegs auf den Tuchhandel beschränkten, sondern die Einfuhr der orientalischen Waren aus Italien und Flandern, ihren und der deutschen Waren Vertrieb nach Norden und Osten (von wo man wieder namentlich Rohstoffe hereinbrachte) eifrig pflegten und große Gewinne davon hatten. Der deutsche Kaufmann wetteiferte nun in internationalen Handelsfahrten mit dem Italiener, der den Levantehandel schon seit längerem von Byzanz weg an sich gerissen hatte, diese orientalischen Waren auch selbst in Westeuropa, auf den Messen der Champagne, in England und Flandern, vertrieb und dafür Tuche und Wolle eintauschte – von seiner Rolle im Geldverkehr, derzunächst vor allem an die Champagner Messen anknüpfte, ganz abgesehen. Mit Deutschland, das ja nicht allzuviel an den von ihnen begehrten Erzeugnissen bot, scheinen die Italiener doch weniger unmittelbar gehandelt und seltener sich dort niedergelassen haben, als man früher annahm. Der Deutsche seinerseits, der nun auch den Juden aus den Gilden und von den Messen, d. h. aus dem Warenhandel verdrängte, tauschte gegen seine Rohstoffe usw. die orientalisch-italienischen Waren vielmehr auf den Messen der Champagne von dem Italiener ein; bald aber sicherte sich wenigstens der süddeutsche Kaufmann die Teilnahme am italienischen Welthandel auch durch Fahrten nach Italien selbst, vor allem nach Venedig, vielleicht schon im 11. Jahrhundert. Völlig entwickelte sich dieser Verkehr erst später nach dem Rückgang jener Messen.
Die Anfänge einer dauernden Festsetzung im Ausland fallen in das 12., weitere Niederlassungen folgen im 13. Jahrhundert. Das Vorgehen der deutschen Kaufleute, die draußen ebenso wie daheim Genossenschaften, Gilden bildeten und eigene Höfe einrichteten, entspricht der Art der Niederlassung in Höfen, wie sie im Mittelmeergebiet seit Beginn des Mittelalters orientalische Kaufleute vielfach gegründet, wie sie dann vorgeschrittenere Abendländer, vor allem wieder die Italiener, ebenfalls eingerichtet hatten. In der Fremde konnte eben nur die genossenschaftliche Organisation dem Kaufmann ein durch Privilegien geschütztes Tätigkeitsfeld sichern. In Italien hatten die Deutschen bereits 1228 denFondaco dei Tedeschiin Venedig erhalten. Freilich waren hier die Deutschen die Abhängigen und Beaufsichtigten und von den Italienern nur in deren eigenem Interesse geduldet. Der Handel mit Italien blieb vor allem das Feld der süddeutschen Kaufleute. Ein früher Anziehungspunkt für die west- und nordeuropäischen Kaufleute war wegen seiner Wolle und Tuche England. Hier und in Flandern und weiter in Wisby auf Gotland, von wo es wieder ins russische, eine Fülle von Rohstoffen bietende Handelsgebiet ging, bildeten deutsche Kaufleute Vereinigungen (in Westeuropa nannte man solche niederdeutsch Hanse), zuerst nach Heimatsorten und unter gegenseitigen Reibungen, dann im notwendigen Zusammenschluß als »deutsche Kaufleute«. Dieser Zusammenschluß der Kaufleute insbesondere in Flandern scheint dann einen solchen der Heimatsstädte selbst zunächst für das dortige und dann unter Führung Lübecks auch für das nichtflandrische Interessengebiet bewirkt zu haben. DieHauptaufgabe dieses großen Bundes, dessen äußere Geschichte hier nicht erzählt werden soll, der bezeichnenderweise lange den Namen »der gemeine Kaufmann« führt und erst seit der Mitte des 14. Jahrhunderts als »deutsche Hanse« bezeichnet wird, »war immer die Förderung des Auslandhandels und die Sicherung der auswärtigen Handelsniederlassungen«. Natürlich spielten aber beim Hansabund, dessen Grundlage die Schiffahrt bildete, auch die Sicherung des Handelsverkehrs im Binnenlande, die Förderung der Verkehrsinteressen gegenüber den Zollplackereien, der rechtliche Schutz der einzelnen, die Durchsetzung des Landfriedens in jener raub- und kriegslustigen, unsicheren Zeit ihre Rolle.
Darin entspricht er den nicht minder von handelspolitischen Interessen hervorgerufenen, zugleich aber stark politisch gefärbten, großen binnenländischen Städtebünden, dem Mitte des 13. Jahrhunderts entstehenden rheinischen Städtebund und dem ein Jahrhundert später sich bildenden schwäbischen. Es bedeuteten diese Städtebünde einen neuen Abschnitt der aufsteigenden Entwicklung der Städte überhaupt, ihrer Selbständigkeitsbestrebungen und ihrer bereits früher beobachteten politischen Betätigung. Ein starker Gegensatz zum Adel, aber auch mehr und mehr zu den Landesherren, den Fürsten, tritt hervor. Das neue Wirtschaftsleben, dessen Sitze die Städte sind – von der neuen Geldwirtschaft werden wir noch (S.117f.) hören –, setzt sich auch äußerlich, politisch durch, wie auf seinem Boden auch neue soziale Verhältnisse sich bilden und eine eigenartige Kultur entsteht. Eine neue, demokratisch gefärbte Zeit ist im Anzuge, aber zunächst überwiegt auch in den Städten jenearistokratischeZeitfarbe. Ritterlich lebende Patrizier waren, wie wir (S.92) sahen, die maßgebende Schicht in ihnen. Sie sind trotz ihres Kastengeistes und ihrer Herrschsucht die eigentlichen Gründer der städtischen Macht und Kultur gewesen. Diese Männer haben die bedeutenden Befestigungen, die großen Kirchen und öffentlichen Bauten, denen ihre stolzen Steinhäuser entsprachen, in erster Linie angeregt und vollendet, sie haben den Grund gelegt zu der städtischen Selbstverwaltung wie zu der selbständigen städtischen Politik nach außen.
Das auf dem Gebiet höherer Kultur führende Element bleibt aber auch in den Städten die Geistlichkeit, die allerdings immer stärker von bürgerlich-demokratischem Geist erfüllt wird, bis ihr die Laienschicht die Kulturpflege nach und nach abnimmt. Zunächst triumphiert überhaupt in der Welt des 13. Jahrhunderts neben der ritterlichen führenden Schicht, neben dem bäuerlichenurtümlichen Element und dem bürgerlichen Träger der Zukunft dieKirchealsalte Kulturmachtnoch durchaus. Aus Frankreich war nicht nur die siegreiche weltlich-höfische Kultur gekommen, sondern vorher auch jener strengkirchliche Geist, der dann aber auch einen neuen Aufschwung kirchlich-kulturellen Lebens einleitete.Gotik(s. S.88) und Scholastik sind die großen aus Frankreich stammenden Erscheinungen, in denen man zunächst Kulturschöpfungen der Geistlichkeit sehen muß, in denen viel von dem Geist der neuen Zeit nach den Kreuzzügen verarbeitet ist. Wenn man in den hochragenden gotischen Kirchen der Städte später gewiß auch das mächtig aufstrebende Bürgertum sich widerspiegeln sehen darf, wenn sie sich zum Teil gerade aus den Ansprüchen der wachsenden städtischen Bevölkerung, denen die romanischen Bauten nicht mehr gerecht wurden, entwickelt haben, wenn an ihrer Errichtung und Gestaltung in immer größerem Maße Laien beteiligt waren, so sind jene Bauten doch in erster Linie die erhabensten Zeugen der Macht des priesterlichen Elements, des kirchlichen Geistes im Volke und des kulturellen Könnens der Geistlichen, nicht eines der Welt zugewandten Sinnes. Auf Gott und das Überirdische war ihrem ganzen Wesen nach auch dieScholastikgerichtet, die wie die Gotik die künstlerische, so die geistige Höhe der geistlichen Kultur darstellt (im übrigen aber eine noch nicht genug erforschte, lange Vorgeschichte hat). Auch in ihr steckt andererseits etwas vom laiischen, freier gerichteten Geist. Der Mittelpunkt des geistlich-geistigen Lebens blieb die Theologie, aber eine Theologie, deren Glaubenssätze philosophisch durchdacht und gerechtfertigt wurden, die zu einem philosophischen Gedankensysteme erblühte. Unzweifelhaft entspringt diese Strömung zu einem wesentlichen Teil den geistigen Einflüssen des Islam, denen sich seit den Kreuzzügen das Abendland geöffnet hatte und durch die diesem vor allem wieder die griechischen Philosophen und sonstigen Autoren unter spanisch-jüdischer Vermittlung bekannt wurden. Zurück traten, vor allem gegenüber den metaphysisch-logischen Zweigen, die schon durch jene asketische Bewegung bekämpften poetisch-grammatisch-literarischen Studien. Der große Meister der Wissenschaft wurde Aristoteles, die Quelle der Wahrheit, freilich durchaus theologisch zurechtgestutzt und namentlich formalistisch verwertet. Von Bedeutung wurde er insbesondere auch für die Dialektik, die nun meist der Hauptunterrichtsgegenstand und in dem nunmehr höchst wichtigen, wiederum formalistisch geführten Schul- und Meinungsstreitdie eigentliche Methode der Scholastik wurde. Man darf über diesem, eben vor allem durchschulmäßigeÜbung entwickelten, zugespitzten, künstlichen, äußerlich-formalen, alles begriffsmäßig zustutzenden, auch wieder stark verfeinerten, dekorativen Treiben nicht das wesentliche Moment übersehen, daß damit doch eine sehr bedeutende Schulung des Verstandes einherging, daß überhaupt das Denken, die Vernunft eine entscheidende Rolle spielte. Man gelangte doch zu einem selbständigeren wissenschaftlichen Denken. Es handelt sich wirklich um Philosophie, freilich um mittelalterliche Philosophie. Ihr Hauptziel war die Vereinigung von Glauben und Denken, Theologie und Philosophie, wobei sie selbst aber die Dienerin war. EbenFrankreich, wo das »studium« überhaupt blühte, ist wieder die Hauptpflegestätte der Scholastik, und auch als solche äußert es seinen damals gewaltigen Einfluß auf Deutschland. In Paris lehrte auch lange derDoctor universalis, Thomas von Aquino, der in seinem System mit Hilfe des Aristoteles jene erstrebte Vereinigung erzielt zu haben glaubte. Wie ihm dann Gegner erstanden, wie überhaupt die Scholastik, die Universitätswissenschaft des späteren Mittelalters, sich weiter und freier entwickelte, wird uns noch (S.145f.) beschäftigen.
Jedenfalls bestätigt auch das geistig-geistliche Leben, wie wichtige Keime sich gerade im13. Jahrhundert, das ja auch im übrigen Abendland eine der fruchtbringendsten Perioden war und besonders für Frankreich eine Zeit des Glanzes darstellt, entfalteten. Es ist in der Tat eine Zeitallgemeiner Geltendmachung der Kräfte. Es bahnt sich bereits eine Ausgleichung zwischen den Mächten höherer Kultur und den starken Fähigkeiten des Volkstums an. Es ist eine Zeit materiellen Gedeihens, wie es vor allem durch die sich kraftvoll hebenden niederen Volksschichten, den Bauer und den Bürger, oft mit hartem, rücksichtslosem, gewalttätigem Egoismus erstrebt und durchgesetzt wird. Die alte Ungebändigtheit – Papst Paschalis II. fürchtete die Wildheit der Deutschen! – tritt dabei noch immer zutage; sie zeigt auch der Ritter, je mehr er die höfische Verbildung von sich abstreift. Auch die alte kriegerische Ader ist noch stark bemerkbar, nicht nur beim Ritter, der den Waffenberuf ausschließlich für sich in Anspruch nahm. Der Bauer kennt noch Wehr und Waffen; der Bürger ist noch kein stubenhockender Philister. Die Städte sind Burgen, Festungen; die Zünfte sind Wehrkörper; die Waffenübungen spielen eine großeRolle. Aber der Schwerpunkt der bäuerlichen und bürgerlichen Tätigkeit liegt nun doch ausschließlich in der wirtschaftlichen Arbeit. Allmählich beeinträchtigt die aufblühende städtische Entwicklung jene ländliche Gesamthaltung. Weniger zeigt sich der Einfluß des Bürgertums zunächst im geistigen und künstlerischen Leben. Dagegen sahen wir eine Laienkultur ästhetisch-gesellschaftlichen Charakters sich im Rittertum entfalten. Der ästhetische Charakter der Zeit zeigt sich ferner in jenem großartigen Aufblühen der bildenden Künste (s. S.87ff.). Diesem zuletzt (S.103f.) auch für das geistige Leben beobachteten kulturellen Gedeihen entspricht im politischen Leben wenigstens teilweise noch eine Fortsetzung des staufischen Glanzes. Aber bereits der von der feinsten Kultur seiner Zeit erfüllte Friedrich II. wehrte der politischen Zersplitterung kaum noch: die sich aus den großen Lehnsträgern entwickelnden Landesherren wurden vielmehr in ihrer Machtstellung anerkannt. Mehr und mehr hatten sich die zerstörenden Wirkungen desLehnswesens(s. S.39) auf den Staat gezeigt, wenn es auch andererseits durch die von ihm untrennbare Treue, die Gegenseitigkeit, das mittelalterliche Staatswesen zusammengehalten und dessen Macht gestärkt hat. Ausschließlich hat es aber niemals geherrscht, nach v. Below am meisten noch gegen Ende des 12. Jahrhunderts. Der letztere empfiehlt daher auch die Vermeidung der Bezeichnung Lehnsstaat und will insbesondere für die Zeit vom Ende des 12. bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts den AusdruckFeudalstaatangewandt wissen, dessen Hauptzüge die Veräußerung der Hoheitsrechte und die Bedrohung der durch die weite Ausdehnung des Reiches gehemmten Königsgewalt durch die örtlichen Gewalten sind. Neben den Landesherrschaften sind die Einungen, die örtlichen Bündnisse (s. S.107), die selbständige Entwicklung der Städte u. a. für diese Zeit bezeichnend. In der kaiserlosen Zeit, als eine Reichsgewalt überhaupt fehlte, nahm das freie Spiel der Kräfte, vor allem auch die gewalttätige Raublust, einen gefährlichen Charakter an.
Die deutsche Vorherrschaft in Europa war damit um so mehr erschüttert, als gerade andere Staaten in dieser Zeit zu fester nationaler Zusammenfassung gelangten, Frankreich vor allem, England und Spanien. Auch in Italien zeigt sich ein Aufschwung des Nationalgefühls. In Deutschland ging die Richtung auf immer größere Machtvollkommenheit der verschiedenenLandesherren, die die in Frankreich so wirksame Einziehung erledigter Lehen durch den König verhinderten und ihn von jeder Einmischung indie Ausübung der erblich gewordenen Ämter durch sie ausschlossen. Wie kräftig die Landesherrschaft sich schon im 13. Jahrhundert entwickelt hatte, hat Spangenberg näher ausgeführt. Daß etwa der Adel, der seine Ämter als erbliche Lehen betrachtete, die Landesherren ebenso ohnmächtig machte, wie es der Reichsgewalt von ihnen widerfahren war, hinderten diese, indem sie hofrechtlich gebundene Ministerialen zum höfischen, militärischen und Verwaltungsdienst gegen Besoldung durch Geld oder gegen Verleihung nicht erblicher Lehen und sonstiger Benefizien und Einkünfte heranzogen, überhaupt die Verfügung über erledigte Lehen immer in ihrer Hand behielten. Im übrigen suchten sie ihren Besitz als Machtmittel aber ständig zu vermehren und möglichst ein geschlossenes Territorium zu schaffen. Sie erreichten (s. S.80), daß der Adel, um sich die Vorteile des Fürstendienstes nicht entgehen zu lassen, in die Ministerialität eintrat. Diese wurde ihrerseits dadurch gehoben – wir hörten schon (S.80) von der Zusammenschmelzung der verschiedenen Elemente zu ritterlichen Lehnsmannen. Diese Ministerialen wurden nun als Amtleute usw. die Träger einer bald ziemlich straffen und weitsichtigen Verwaltung des Territoriums, dessen Geschlossenheit freilich geistliche und reichsunmittelbare Gebiete unterbrachen. Ebenso drängten sie im fürstlichen Rat Geistlichkeit und Adel mehr und mehr zurück: es bildete sich später ein ständiger oberster Rat als Zentralverwaltung über der örtlichen Amtsverwaltung. Dieses Beamtentum nahm nun schon die meisten der späteren fürstlichen Aufgaben erfolgreich in Angriff, die Durchführung direkter Steuern, die Ordnung von Münze, Maß und Gewicht, die Fürsorge für Wirtschaft und Verkehr, und machte sich im Heer- und Gerichtswesen auch schon der Kirche gegenüber geltend. Aber nach wenigen Jahrzehnten wurde alles unterbrochen. Die Ritter suchten sich doch vom Landesherrn unabhängig zu machen, sie bildeten selbstbewußte Körperschaften und benutzten dieselben Mittel wie die Fürsten gegenüber dem König. Die Städte hatten sich schon vorher immer selbständiger entwickelt, und ebenso hielt die Geistlichkeit immer zäher an ihren alten Privilegien und Freiheiten fest. Es war der frisch aufstrebendeständischeStaat, vor dem die junge Landesherrschaft auf lange Zeit hinaus sich beugen und ihre Machtmittel preisgeben mußte, bis später die allgemeine Zerrüttung wieder zum Eingreifen des erstarkten Fürstentums führte.
Zunächst liegt in dem gegenseitigen Widerstreben der vielen kleinen Gewalten – an sich ein Zeichen kräftigen Lebens in allenSchichten und Vorbedingung für die großen Schöpfungen der Hansa u. a. – der bezeichnende Zug politischen Lebens. Es war wieder der alteIndividualismus, verbunden mit oft unbändigem Egoismus, mit Habgier und Nichtachtung der sittlichen Bande. Vergeblich waren die gegen die Fehde- und Raublust schon im 12. Jahrhundert und später immer wieder von der geschwächten Reichsgewalt aufgenommenen Landfriedensbestrebungen, zumal bei der brüchigen Lehnsverfassung. Gegen das räuberische Treiben, gegen die Fehdelust und das zum wirklichen, formell ausgebauten Recht gewordene Fehderecht, kurz gegen die allgemeine Unsicherheit fand man nur wieder in der Selbsthilfe ein Mittel, freilich in einer mit dem alten genossenschaftlichen Geist verbundenen Selbsthilfe, in derVereinigungder durch gleiches Interesse Verbundenen. Fürsten, Städte, auch das wegen seiner Verarmung unruhigste Element, die Ritter, schlossen sich zu Bünden zusammen, in der Schweiz freie Bauern zur Eidgenossenschaft. Doch liegt der Höhepunkt dieser Entwicklung im 14. Jahrhundert, als die Fehde- und Raublust immer zunahm. Das 13. Jahrhundert sah noch nach dem Interregnum die tatkräftige Friedensförderung durch Rudolf von Habsburg. Im ganzen wird aber der politische Sondergeist mehr und mehr zum Zeichen der Zeit, und das deutsche Reich als solches besteht eigentlich mehr durch das Schwergewicht seiner Überlieferung als durch wirkliche Machtstellung. Es ist nun nicht nur das selbständige Gebaren aller, auch der kleinen politischen Gewalten und eigenständigen Bildungen, sondern auch die außerordentliche Absonderung der einzelnen Stände, die das allgemeine Auseinander, namentlich der späteren Zeit, hervorruft. Wie die Stände, fast unabhängigen Staaten gleich, nach besonderem Recht leben, die einen nach geistlichem (kanonischem), die anderen nach ritterlichem Lehnsrecht, die dritten nach Stadtrecht, so gibt sich auch dieKulturgewissermaßenständisch(s. S.74). Wir können das später z. B. in der Literatur deutlicher verfolgen, in den Gattungen der geistlichen, ritterlichen, bürgerlichen Dichtung. Die Kultur dieser und der folgenden Zeit ist »Partialkultur«, wie sie J. Burckhardt genannt hat. Ein kräftiges kulturelles Leben ist zum Teil gerade dadurch hervorgerufen worden.
Andererseits tragen nun die Stände selbst wieder jenen starkinternationalenZug, natürlich unter Beschränkung auf das christliche Abendland, seit jeher der geistliche Stand, aber, wie wir (S.72) sahen, auch das Rittertum, das Bürgertum, besondersder Kaufmann. Internationalen Charakter trug überhaupt zum Teil die gesamte Kultur. Zu den schon besprochenen gemeinsamen Erscheinungen waren nun die stärkeren Berührungen mit dem Orient hinzugetreten, die zunächst bei den Romanen, dann auch im übrigen Abendland zu einem Ausgleich zwischen den heimischen Kräften und den neuen Anregungen führten. Höfische Kultur, Scholastik und Gotik zeugen davon, alle mehr als nationalen Charakters.
Ist also die Kultur damals teilweise Standeskultur, andererseits wieder vielfach international gefärbt, so ist sie weiter zu einem guten Teil auch insofern nicht nationale Gesamtkultur, als dieStammesgegensätzenoch immer ihre Rolle spielen. Der Hauptgegensatz ist jetzt weniger der zwischen denSachsenund den Franken als der zwischen Sachsen und »Schwaben«, d. h. zwischen Niederdeutschen und Oberdeutschen. Er tritt schon hervor unter den salischen Herrschern, namentlich unter Heinrich IV. und V., wobei auch die Thüringer zu den Sachsen hielten; er spielt dann aber auch in den politischen Gegensatz zwischen den (ursprünglich süddeutschen) Welfen und den schwäbischen Staufern hinein. Gerade zur Stauferzeit wurde Schwaben das politisch und kulturell führende Land. Die Schwaben haben im Heer das Vorstrittrecht, sie führen die Reichssturmfahne, bei ihnen besonders blüht die höfische Seite des ritterlichen Wesens, die gesellschaftliche Bildung und der Minnesang. Aber die allgemein anerkannte »Werdekeit« der »stolzen« Schwaben fand am ehesten bei den Sachsen Gegnerschaft, und wenn in der »schwäbischen« Kultur manches Romanische steckt, so vertreten dieSachsenunzweifelhaft mehr dasaltnationaleElement, so sehr sich in der Zeit der sächsischen Kaiser ihr kulturelles Leben gehoben hatte. Eine wirkliche Annäherung an die oberdeutsche Kultur trat eigentlich erst mit dem Sturze Heinrichs des Löwen ein, wodurch den zentralen Mächten Kirche und Reich wieder größerer Einfluß gesichert wurde. Im ganzen war aber für universalistisch-romanistische Strömungen hier in Sachsen kein Boden. Die nationale Kraft der Niederdeutschen zeigt sich weiter in ihrem kolonisatorischen Vordringen gegenüber dem Slawentum, bei dem sie zugleich ihren praktisch-nüchternen Sinn und ihren wirtschaftlichen Unternehmungsgeist, der ja auch die niederdeutschen Kaufleute auszeichnete, bewährten. Die Sachsen waren es ferner, die zuerst im praktischen Rechtsleben die heimische Sprache auch für die schriftliche Abfassung eines Rechtsbuches anwandten, des Sachsenspiegels,den um 1230 der Ritter Eicke von Repgowe auf Veranlassung seines Herrn, des Grafen Hoyer von Falkenstein, ins Niederdeutsche übertrug, nachdem er ihn ursprünglich lateinisch niedergeschrieben hatte.
Aber gerade diese beiden gewaltigen Äußerungen volkstümlichen Aufschwungs, die Germanisierung und Kolonisierung des slawisch gewordenen Ostens und das allgemeine Durchdringen einer deutschen Schriftsprache, sind nun doch auch wieder für das Gesamtvolk bezeichnend, sind Beweise dernationalen Gesamtkraft. Über dieKolonisation des Ostens, die schon im 12. Jahrhundert einsetzte und im 14. noch andauerte, seien hier alle Einzelheiten beiseitegelassen. Mit der im 12. Jahrhundert im ganzen abgeschlossenen Germanisierung oder vielmehr Bajuvarisierung des Südostens hat diese Bewegung nichts zu tun. Aber auch mit der früheren, vor allem durch den Slawenaufstand von 983 um ihre Erfolge gebrachten, infolge der italienischen Ziele überhaupt zurückgetretenen Slawenpolitik der sächsischen Könige hängt sie nur sehr lose zusammen. Freilich ein Gesichtspunkt stand auch jetzt, wenigstens angeblich, im Vordergrund, der der Christianisierung, wie ja auch einst die Sachsen von den Franken christianisiert, d. h. zugleich unterworfen wurden. Und wie einst die Benediktiner vom romanisierten Westen und Süden aus in das innere Deutschland nicht bloß als Bekehrer, sondern auch als Kolonisatoren vordrangen und von den Herrschern gerade deshalb gefördert wurden, so erfüllten jetzt zunächst die Prämonstratenser und dann vor allem die Cistercienser die gleiche Aufgabe der planmäßigen Rodung und Besiedelung im waldstarrenden Osten. Und wie damals der Landgewinn und die wirtschaftlichen Vorteile der die Bewegung treibenden Fürsten und Herren im Vordergrund standen, so war es auch jetzt bei den Landesherren der den Slawen benachbarten Gebiete in fast noch höherem Grade der Fall, nur daß die Landesherren nicht allein durch die Mönche, sondern vor allem durch eine eigene, planvoll systematische Unternehmerpolitik die Kolonisation förderten, wie Albrecht der Bär und Heinrich der Löwe. Selbst slawische Fürsten, so in Schlesien, begünstigten die deutschen Siedelungen und wünschten sie. Wirtschaftlich-politische Interessen, daneben religiös-kirchliche Beweggründe sind also ausschlaggebend, nicht bewußt-nationale.
Ein nationales Werk war das Ganze aber dennoch: mit ihm wurden weite Gebiete dem Deutschtum – das deutsche Reich war bis dahin nicht allzugroß – wieder gewonnen; es warenferner bei ihm doch weite Kreise des Gesamtvolks freiwillig beteiligt, freilich wieder aus wirtschaftlichen Beweggründen, um nämlich im Neuland ein besseres Gedeihen zu finden. Vor allem suchten die Holländer ihre in der Heimat geschulte Fähigkeit, zu entwässern und zu meliorieren, in ähnlichen Gegenden zu verwerten und waren früh von den Cisterciensern wie von den Fürsten gesuchte Leute. Namentlich seit der Mitte des 13. Jahrhunderts überwog die Freiwilligkeit der Bewegung. Für Holland mag die Bedrängung durch Überschwemmungen, für die Rheinfranken mögen wirtschaftliche Nöte in Betracht gekommen sein, bei den meisten West- und Mitteldeutschen aber, den Franken, den Sachsen und Thüringern, muß die Bewegung als eineFortsetzung deraltenAusbautätigkeitimwestlichenDeutschland angesehen werden, des allgemeinen Rodungs- und Siedlungseifers. Bei der zunehmenden Bevölkerung, dem Überschuß an Kraft (der Menge der jüngeren Söhne), strebte man begierig immer nach Neuland und fand solches nunmehr im Osten reichlich. Zugleich erhoffte und fand man dort größere persönliche Unabhängigkeit. Die Kreuzzüge aber hatten das Volk beweglich gemacht. Auch die Städtegründungen, die ja erst nach der bäuerlichen Besiedelung möglich waren und vor allem im 13. Jahrhundert sich häuften, sind eine Fortsetzung der großen Städtegründungsperiode im Westen (s. S.48). Die Städte waren sichernde Burgen und Märkte zugleich. Aber neben den Herren traten nun auch die Kaufleute als Städtegründer auf, wie sie überhaupt in den neugegründeten Städten eine Hauptrolle spielten, zugleich aber besonders wichtig für die Germanisierung waren. Die schematisch-regelmäßig angelegten Städte wurden, je weiter nach Osten, um so mehr die eigentlichen Mittelpunkte der deutschen Kultur und des Fortschritts, da das Land noch lange nur dünn besiedelt und mit einer großen slawischen Unterschicht besetzt war. Am meisten gilt dies vom Ordenslande, wo der Ordensritter, ein Kreuzfahrer gegen die slawischen Heiden, der letzte Vertreter der großen Zeiten des Rittertums, vor allem kriegerisch und weiter landwirtschaftlich sich betätigte. Natürlich stellte der niedere Adel, bzw. das Ministerialenelement, auch für den übrigen Osten sein Kontingent bei der Besiedelung: der Osten bot für jüngere Söhne oder besitzlustige Reisige die beste Gelegenheit, Grundherr zu werden. Und zwar setzte hier im Gegensatz zum Westen mit seinem bäuerlichen Kleinbetrieb auch wieder ein herrschaftlicher Eigenbetrieb ein, der bei den weiten in Besitzgenommenen Flächen alsbald zum Großbetrieb wurde. Im Osten bildete sich auch später ein besonders geartetes Herrentum aus. Zunächst kam die gewaltige Ausbreitung jedenfalls allen Klassen des Volkes zu gut und war ein Zeichen ihrer Kraft.
Jene zweite Erscheinung nationalen Aufschwungs, dieMündigwerdung der deutschen Sprache, war zunächst eher ein Zeichen, daß die Kultur des deutschen Volkes so weit gereift war, daß sie des Zwanges einer fremden Kultursprache entbehren konnte, aber doch auch ein Beweis stärkeren Nationalgeistes. Gerade die Kreuzzüge, die doch zur Ausbildung einer gemeinsamen feineren europäischen Kultur beitrugen, hatten, wie wir (S.73) sahen, durch die nähere Berührung der Völker das Gefühl für die nationalen Unterschiede geschärft. Dazu kam nun aber die ebenfalls mit und nach den Kreuzzügen eintretende stärkere kulturelle Durchbildung. Volkstum und höhere Kultur hatten einander jetzt so sehr durchdrungen, daß dieKulturnotwendig einenvolkstümlichenAusdruck gewinnen mußte. Und bezeichnenderweise gingen da wieder die kulturell fortgeschritteneren Romanen den Deutschen voran. Das Joch der lateinischen Schriftsprache, in dichterischen Schöpfungen unter dem Druck natürlichen, ursprünglichen Empfindens bereits vielfach abgestreift, wurde nun auch fürdas geschäftliche und politischeLeben abgeworfen, und auf dem Gebiet der schönen Literatur drang dienationale Schriftsprachenun völlig durch.
Das geschieht in Deutschland, trotz des frühen Beispiels jenes niederdeutschen Rechtsbuches, für die Urkunden- wie später auch für die Briefsprache zunächst im kultivierten Westen und Süden. Hier hatte sich für die neuerblühende höfische Dichtung wieder nach französischem Muster die schriftliche Aufzeichnung verbreitet, natürlich mit Hilfe der schreibkundigen Kleriker. Den Dichtungen folgen nun schon vor der Mitte des 13. Jahrhunderts, wenn man von vereinzelten Fällen früherer Zeit absehen darf, in jenen Gegenden deutsche Urkunden, nachdem zuerst einzelne Wendungen, dann ganze Sätze deutsch gewesen waren. Um 1300 hat die deutsche Urkundensprache sich hier vollständig durchgesetzt, während es damit in Mitteldeutschland länger und in Niederdeutschland etwa noch ein halbes Jahrhundert dauert. Die Stadtrechte zeigen seit der Mitte des 13. Jahrhunderts das Vordringen des Deutschen, noch mehr die Dienstrechte. Und nicht lange nach dem frühen Beispiel des Sachsenspiegels folgt (1235) die Veröffentlichung eines lateinisch geschriebenen Reichsgesetzes, desMainzer Landfriedens, zugleich in deutscher Übersetzung, während das oberdeutsche Gegenstück zum Sachsenspiegel, der deutsche Schwabenspiegel, erst 1275 abgefaßt wird. Der Hauptgrund der Anwendung des Deutschen war ein praktisch-wirtschaftlicher, wie auch bei der Kolonisation nicht der nationale Gedanke im Vordergrund steht. Man will in seinen Geschäften und rechtlichen Verhältnissen nicht mehr abhängig sein von einer Sprache, die man nicht vollkommen versteht.
Solche Ansprüche durchzusetzen, konnte dem Bauern nicht und noch kaum dem Bürger gelingen: sie wurden vielmehr gegenüber dem lateinischen Monopol der Geistlichen vor allem von derjenigen Schicht durchgesetzt, die damals führte, dem ritterlichen, demniederen Adel. Seine soziale und kulturelle Geltung, sein kriegerisches und herrenmäßiges Selbstbewußtsein ließen eben nicht mehr die lateinische Bildung für die Geschäfte der Welt als unerläßlich erscheinen. Seine Privaturkunden, sein Dienstrecht wollte er so haben, daß er sie verstand, gerade wie er nicht lateinische, sondern deutsche Dichtungen pflegte und schätzte. Daß die Schreiber und Abfasser Geistliche waren, tut nichts zur Sache.
So steckt denn in der aristokratischen Kultur der Zeit jener schon betonte volkstümliche Zug. Umgekehrt zeigt aber der ausschlaggebende Einfluß, den der Adel auch bei der Durchsetzung der Volkssprache übte, wie sehr die Führung in dieser ganzen Zeit noch bei ihm war. Die großen Herren andererseits, die Landesherren, sahen wir als leitende und bestimmende Faktoren in jener großen Kolonisationsbewegung wirken, wenigstens zu Anfang. Und so wird wieder der oben (S.91) betonte aristokratische Charakter dieses ersten selbständigeren kulturellen Aufschwungs der Deutschen bestätigt. Aber wir sahen auch schon, wie stark sich die niederen Volksschichten bemerkbar machten: es sollte bald die Zeit kommen, wo sie dem Adel die Führung abnahmen.