Einleitung.Kultur und Volkstum.
Eine nationale Kulturgeschichte muß vor anderen Gesichtspunkten das Verhältnis von Kultur und Volkstum in den Vordergrund stellen. Kaum einem Volke ist es beschieden gewesen, eine Kultur ganz aus sich heraus zu entwickeln, am wenigsten aber den Völkern, die auf jugendlich-barbarischer Entwicklungsstufe in den Bann der antiken, d. h. der orientalisch-griechisch-römischen Weltkultur gerieten. Je zäher und kräftiger das Volkstum, je ausgeprägter seine Eigenart ist, um so schwieriger wird die Auseinandersetzung mit einer siegreichen fremden, überragenden Kultur. Insbesondere ist das deutsche Volk schwerer und später als andere Völker zu einem solchen Ausgleich und damit zu einer einheitlichen höheren Kultur gelangt. Die Entwicklung des Volkstums, dessen Wurzeln zu einem guten Teile in den natürlichen Bedingungen des Bodens und des Klimas liegen, dem aber weiter durch langdauernde wirtschaftliche und soziale Verhältnisse frühzeitlichen Lebens ein Stempel für spätere Zeiten aufgedrückt wird, ist mit jenem natürlichen Grundstock und den in frühester Zeit erworbenen Zügen nicht abgeschlossen. Das Volkstum wird auch durch die äußere Geschichte, durch die äußere politische Zusammenfassung selbst ganz verschiedener Völkerteile, durch die Gemeinsamkeit der Geschicke ebenso wie der kulturellen Verhältnisse in seiner Entwicklung infolge der Neubildung gewisser Wesenszüge, der Änderung oder des Schwindens anderer bestimmt[1]. Werden auf der einen Seite die fremden Elemente höherer Kultur durch das Volkstum aufgenommen und verarbeitet, und bewirkt die Verbindung beider Faktoren wie das Sichdurchsetzen des Volkstums das Entstehen einer eigenen nationalen Kultur, so wird wieder das Volkstum durch die angeeignete Kultur beeinflußt. Aber der Verlauf der Auseinandersetzung wird eben mit dem größeren oder geringeren ursprünglichen Abstand derbeiden Faktoren, mit der größeren oder geringeren Anpassungsfähigkeit des Volkes, mit der größeren oder geringeren Neigung, seine Eigenart zu bewahren, ein sehr verschiedener. Er kann überaus wechselvoll und mannigfaltig, im einzelnen vielfach besonders charakteristisch werden. Und das ist bei der Kulturentwicklung der Deutschen der Fall. Man versteht diese nicht, wenn man nicht als bestimmende Faktoren die nationale Eigenart, das bodenständige Volkstum mit seinen Anlagen, Trieben und alten Lebens- und Kulturüberlieferungen einerseits und die sich auf alle Weise durchsetzende Weltkultur, deren Eindringen auch wieder durch einen jener zähkonservativen Art entgegengesetzten Trieb der Deutschen zu höherer Kultur, durch einen überaus bezeichnenden Lerneifer gefördert wird, andererseits ansieht. Wie das Verhältnis beider Faktoren den Gang der Kulturentwicklung und seine größere oder geringere Schnelligkeit bestimmt, wie aber aus diesem Verhältnis gerade auch die deutsche Kultur der einzelnen Zeiten selbst als Ergebnis hervorgeht, das ist ein Hauptgesichtspunkt der nachfolgenden Darstellung, die durchaus nicht etwa einen Auszug aus meiner großen »Geschichte der Deutschen Kultur« darstellt. Gerade die Geschichte der deutschen Kultur im Mittelalter ist von jenem Gesichtspunkt aus besonders merkwürdig. Am Schluß des Mittelalters war dann ein Ausgleich beider Faktoren bis zu einem gewissen Grade erreicht. Aber mit dem Einbruch neuer Wellen der höheren Kultur ergab sich ein neues Aus- und Nebeneinander, bis das bewußte Streben nach höherer und feinerer Kultivierung den Sieg davontrug und zu einer Kulturblüte führte, die dem lange kulturell abhängigen Deutschland die Führung im Reigen der Völker gab. Das wird uns später in einer Darstellung der Geschichte deutscher Kultur in der Neuzeit beschäftigen.
Fußnote:[1]Vgl. die näheren Ausführungen in meinem Aufsatz: Kultur und Volkstum im »Archiv für Kulturgeschichte« Bd. VIII, Heft 2.
Fußnote:
[1]Vgl. die näheren Ausführungen in meinem Aufsatz: Kultur und Volkstum im »Archiv für Kulturgeschichte« Bd. VIII, Heft 2.
[1]Vgl. die näheren Ausführungen in meinem Aufsatz: Kultur und Volkstum im »Archiv für Kulturgeschichte« Bd. VIII, Heft 2.