Chapter 13

Bild 21. Altägyptische Tierärzte, kranke Haustiere behandelnd.1. Fütterung kranker Gänse. 2. Behandlung von zwei zahmen Säbelantilopen durch den Priester Nechta. 4. Behandlung kranker Ziegen. Das Vorderbein ist festgebunden, damit das Tier stillhält. 7. Kranke Rinder erhalten Medizin.(Nach Wilkinson.)

Bild 21. Altägyptische Tierärzte, kranke Haustiere behandelnd.1. Fütterung kranker Gänse. 2. Behandlung von zwei zahmen Säbelantilopen durch den Priester Nechta. 4. Behandlung kranker Ziegen. Das Vorderbein ist festgebunden, damit das Tier stillhält. 7. Kranke Rinder erhalten Medizin.(Nach Wilkinson.)

Von andern Horntieren aus der Familie der Paarzeher kämen zur Domestikation von seiten des Menschen noch verschiedeneAntilopenin Betracht, von denen tatsächlich auch verschiedene Vertreter von den alten Ägyptern zu Haustieren erhoben wurden, deren Zucht aber später wieder vollkommen verloren ging. So finden wir in Grabmalereien des Alten Reiches, der 4., 5. und 6. Dynastie (2980–2475 v. Chr.), neben Ziege und Schaf auch den einheimischenSteinbock(Capra sinaitica), dieGazelle(Antilope dorcas), dieSäbelantilopeoderSteppenkuh(Oryx leucoryx) und denWasserbock(Kobus ellipsiprymnus) in des Menschen Hegung und Pflege. Nach den begleitenden Inschriften müssen diese damals auf den Gütern der Fürsten große Herden gebildet haben und mit Schafen, Rindern und Ziegen zusammen geweidet haben. Zur Zeit der 12. Dynastie, während des Mittleren Reiches (2160–1788 v. Chr.), bildete nur noch eine der drei Antilopenarten, die Säbelantilope, von Hirten bewachte Herden, während die beiden andern samt dem Steinbocke wieder wie in Urzeiten als Wild gejagt wurden. Und wieder ein Jahrtausend später, zur Zeit des Neuen Reiches (1580 bis 1205 v. Chr.), war auch diese letzte Gazellenart in Ägypten aus der Zucht von seiten des Menschen verschwunden, und blieben fortan von Paarzehern außer Rindern nur Schafe und Ziegen als Haus- und Nutztiere der Bewohner des Nillandes zurück. Der französische Archäologe François Lenormant meint in seinem Buche:Les premières civilisations, dessen erster Teil die vorhistorische Archäologie Ägyptensbetrifft, daß der Einfall der Hyksos- oder Schasu-Beduinen (um 1650 v. Chr.) dieser nationalägyptischen Zucht ein Ende bereitet habe. Es ist dies höchst wahrscheinlich und dieses Ereignis nicht nur, wie Julius Lippert in seiner Kulturgeschichte der Menschheit (Bd. 1 S. 503) glaubt, der Schlußmoment in einem ganz natürlichen Ausleseprozeß; denn es ist nicht einzusehen, weshalb diese Tiere nicht fernerhin in des Menschen Hegung und Pflege hätten bleiben können.

Dieser Autor schreibt daran anschließend: „Wir dürfen uns diese älteste Art ‚Zähmung‘ großer Herden, die niemals die freie Weide verließen, nicht anders vorstellen, als etwa die Hegung des Wildes in unseren ‚Tiergärten‘, nur daß die großen Besitzer etwa die gegen die Wüste hin offene Grenze ihres Geheges durch ein Überwachen mit Hirten und Hunden abschlossen, während gegen das fruchtbare Land hin Wassergräben die Grenze bildeten. Welche Verwendung solche zur Güterbegrenzung fanden, das bezeugt unter anderem die ägyptische Vorstellung vom Jenseits, das nicht ohne solche Begrenzung gedacht werden konnte. Nach der Wüste hin mochten aber den Hirten natürliche Terrainverhältnisse zu Hilfe gekommen sein, abgesehen davon, daß die oasenartig gelegenen Weiden selbst Anziehungspunkte für die wilden Herden der Grasfresser bildeten. Darstellungen von Jagdszenen zeigen uns, wie die so von Hunden zusammengedrängten Tiere lebendig ergriffen wurden, während man andere durch die Fangleine zu Falle brachte. Während sich dieser Stufe von Hegung noch eine große Anzahl von Weidetieren willig anbequemte, mußte bei einer näheren Heranziehung an das stabile Haus des Menschen immer mehr Gattungen ausscheiden, während Schaf und Ziege als die ausgesiebten Arten auch dann noch zurückblieben.“

Was die Darstellungen an den Grabwänden der Vornehmen aus der 4. und 5. Dynastie anbetrifft, so finden wir also die Säbelantilope (altägyptischmutgenannt), die Gazelle (altägyptischkehes) und den Wasserbock (altägyptischnutu) mit dem noch heute auf dem Gebirge zwischen Niltal und Rotem Meer besonders in Mittelägypten vorkommenden Steinbock (altägyptischnaâ) vollkommen domestiziert auf den Gütern der Großen des Reichs angesiedelt. Daß sie sich als echte Haustiere auch in der Gefangenschaft fortpflanzten, beweist schon die Szene aus dem Grabe des Nub hotep aus der 4. Dynastie der großen Pyramidenerbauer von Giseh (2930–1750 v. Chr.), die zeigt, wie mitten in der Herde eine Gazelle ihr Junges an ihrem Euter trinken läßt, dann die verschiedenen Darstellungen, in denen die Hirten auf ihrenArmen oder auf ihren Schultern die Antilopenjungen wie junge Kälber, Zicklein und Lämmer tragen. Im Grabe des Ma nefer der 5. Dynastie (2750–2625 v. Chr.) in Sakkara sehen wir, wie Hirten außer den Säbelantilopen, Gazellen, Wasserböcken und ägyptischen Steinböcken auchSpringböcke(Antilope euchore) — altägyptischschekesgenannt — herbeitreiben, um sie von den Schreibern notieren zu lassen. Es ist dies die einzige Darstellung dieser Antilope im Stande der Hegung; denn auf allen andern Bildern wird sie stets nur als von den Windhunden der Ägypter verfolgtes Wild dargestellt. Diese Antilopenart muß also nur ganz vorübergehend in des Menschen Zucht gestanden haben.

Welchen Umfang diese Antilopenzucht in Ägypten in der ersten Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrtausends angenommen hatte, beweist die Inschrift auf dem Grabe des Sabu in Sakkara aus der 6. Dynastie (2625–2475 v. Chr.), in welcher als Besitztum des Verstorbenen 1235 Rinder und 1220 Kälber der für gewöhnlich dargestellten langhörnigen Rasse, 1360 Rinder und 1138 Kälber der kurzhörnigen Rasse, 405 Rinder einer besonderen, seltenen Rasse nebst 1308 Säbelantilopen, 1135 Gazellen und 1244 Wasserböcke angegeben sind.

Ein Basrelief des Grabes des Itefa in Sakkara aus der 5. Dynastie stellt, wie leicht zu erkennen ist und zudem durch eine begleitende Inschrift erläutert wird, die Mästung der Säbelantilope, des Wasserbocks und des Rindes dar, indem den betreffenden Tieren durch einen Knecht ein besonders nahrhafter Mehlteig mit der Hand ins Maul gestrichen wird.

In den Grabdarstellungen des Mittleren Reiches (11. und 12. Dynastie, 2160–1788 v. Chr.) findet sich, wie gesagt, keine Spur mehr von der Zucht der Gazelle und des Wasserbocks. Diese Tiere finden sich nur noch als Jagdwild dargestellt. Einzig die Säbelantilope findet sich noch in größeren Herden gezähmt. In den berühmten Grabmälern von Beni Hassan aus der 12. Dynastie (2000–1788 v. Chr.) sehen wir die Herden dieser Antilopenart durch ihre Hirten geführt neben Herden von Rindern, Schafen und Ziegen. Im Grabe des Num hotep, dem schönsten von allen, hat der Künstler ebenfalls das Mästen der Säbelantilopen durch den mit der Hand ins Maul gestrichenen Mehlteig dargestellt, neben solchem von Rindern, Ziegen und Gänsen vermittelst desselben Verfahrens.

Erst in den Grabmalereien des Neuen Reiches (18. u. 19. Dynastie,1580–1205 v. Chr.) ist auch die Haltung von Säbelantilopen völlig aufgegeben worden und finden wir darin auch dieses Wild nur vom Menschen mit Hilfe von Windhunden aller Art gejagt.

Leider ist später nie mehr ein Domestikationsversuch mit diesen und andern Gazellen gemacht worden. Und weiter südlich hat der auf niedriger Kulturstufe stehengebliebene Neger niemals an solche Errungenschaften gedacht. Selbst die Europäer taten es nicht, als sie sich am Kap der Guten Hoffnung festsetzten. Da schossen die Buren mit ihren weittragenden Flinten vielfach zwecklos jene gewaltigen Antilopenherden zusammen, denen sie zu gewissen Jahreszeiten auf deren Wanderungen begegneten. Unter ihnen wird dieKuhantilope(Bubalis caama), das Hartebeest der Buren oder Kama der Betschuanen, wenn von Jugend an unter menschlicher Pflege stehend, ungemein zahm und folgt ihrem Pfleger auf dem Fuß. Erst erwachsen zeigt sich insbesondere bei den Böcken die Rauflust ihres Geschlechts.

Besonders geeignet und recht eigentlich dazu prädestiniert, vom Menschen in Zucht genommen zu werden, ist die gewaltige, am Widerrist bis gegen 2mHöhe und ein Gewicht von 1000kgerreichendeElenantilope(Buselaphus oreas). Nach den übereinstimmenden Berichten der Reisenden sollen diese Tiere auf weite Entfernungen kaum von den Zeburindern zu unterscheiden sein, weil auch die Stellungen und Bewegungen der ruhenden und grasenden Tiergestalten ganz dieselben sind. Nach Holub soll zwar der Kaffernstamm der Matabeles Herden zahmer Elenantilopen besessen haben; doch ist dies nur eine vorübergehende Zucht gewesen, die keine weiteren Folgen zeitigte. Jedenfalls sollte unbedingt auch von europäischer Seite der Versuch der Zähmung dieser größten aller Antilopen gemacht werden, bevor sie vom Erdboden verschwindet; denn sie besitzt auch erwachsen, im Gegensatz zu den rauflustigen Kuhantilopen, einen recht gutmütigen, sanften Charakter und pflanzt sich auch in der Gefangenschaft ohne alle Schwierigkeiten fort. Ihr Fleisch wird als ganz vorzüglich gerühmt.


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