Bild 28. Ein im Jahre 1900 in Schonen, Südschweden, an einem vorgeschichtlichen Opferplatz ausgegrabener Pferdeschädel mit noch in der Stirne steckendem abgebrochenem Steindolch in Seitenansicht. (Nach Gunnar Andersson.)
Bild 28. Ein im Jahre 1900 in Schonen, Südschweden, an einem vorgeschichtlichen Opferplatz ausgegrabener Pferdeschädel mit noch in der Stirne steckendem abgebrochenem Steindolch in Seitenansicht. (Nach Gunnar Andersson.)
Nach Älian sollen die Oreïten und Adraster (indische Völker) ihre Pferde mit Fischen gefüttert haben, ebenso die Kelten. Wir sahen bereits bei der Besprechung des Rindes, daß man tatsächlich in grasarmen Gegenden, so z. B. auf der Insel Island, zu einem solchen Hilfsmittel griff und es an manchen Orten heute noch tut. Auch scheinen die indogermanischen Stämme bis in die historische Zeit das Pferdefleisch als besonderen Leckerbissen geliebt zu haben. Bei den alten Germanen galt es als vornehmstes Opfer, ein Pferd zu schlachten und dessen Fleisch beim Göttermahle zu verspeisen. Daß sich die Gottheit besser des Opfers erinnere, wurde der abgefleischte und des Gehirns entleerte Schädel gern am Dachfirst befestigt. Da nun das Pferdefleischessen stets mit heidnischen Opfern verbunden war, wurde dasselbe als minderwertig und unrein erklärt. Als alles dies nichts fruchtete, wurde von Rom aus die Todesstrafe darauf gesetzt. So vermochte man mit vieler Mühe den alten Deutschen die Freude am Pferdefleischgenusse zu verleiden, so daß heute, da die Gründe, die zu dessen Verbot führten, hinfällig geworden sind, die Tierschutzvereine die größte Mühe haben, das damals dem Volke beigebrachte Vorurteil zu beseitigen. Auch die Römer opferten jährlich im Oktober auf dem Marsfelde dem Mars ein Pferd. Dieses hieß beim Volke das Oktoberpferd. Ferner opferten die Massageten, Parther und Skythen ihrerobersten Gottheit Pferde, ebenso die Perser. Strabon berichtet, daß Alexander der Große in Pasargadä, der alten Residenzstadt der Perserkönige, das Grabmal des Cyrus von Magiern bewacht fand, denen täglich ein Schaf und monatlich ein Pferd zur Nahrung verabreicht wurde. Neben dem Fleisch haben nur die Steppenvölker Südrußlands und Asiens auch die Milch der Pferde genossen, und zwar stellten sie mit Vorliebe daraus ein von den Kirgisen als Kumis bezeichnetes berauschendes Getränk her. Bei den Germanen war dies nicht der Brauch, wohl aber bei den Litauern und Esten, die solche Sitte von den südöstlichen Nachbarn angenommen hatten.
Bild 29. Der in der vorhergehenden Abbildung dargestellte Pferdeschädel mit Steindolch in Rückansicht. Die ganze Form und Bearbeitung des Dolches beweist, daß er der jüngeren schwedischen Steinzeit angehört. Die Art und Weise, wie der Dolch in den Schädel hineingetrieben ist, zeigt, daß dies von geübter Hand und mit großer Kraft zu Lebzeiten des bei irgend welchem Götterfeste geopferten Tieres geschah; denn er ist, ohne den Schädelknochen auch nur im geringsten zu splittern, 4,7cmtief ins Gehirn gedrungen und muß augenblicklich tödlich gewirkt haben.
Bild 29. Der in der vorhergehenden Abbildung dargestellte Pferdeschädel mit Steindolch in Rückansicht. Die ganze Form und Bearbeitung des Dolches beweist, daß er der jüngeren schwedischen Steinzeit angehört. Die Art und Weise, wie der Dolch in den Schädel hineingetrieben ist, zeigt, daß dies von geübter Hand und mit großer Kraft zu Lebzeiten des bei irgend welchem Götterfeste geopferten Tieres geschah; denn er ist, ohne den Schädelknochen auch nur im geringsten zu splittern, 4,7cmtief ins Gehirn gedrungen und muß augenblicklich tödlich gewirkt haben.
Bei den Germanen und den mit ihnen verwandten Wenden hatte das Pferd eine besondere sakrale Bedeutung, indem es, besonders in weißgefärbten Exemplaren, als dem Kriegsgott heiliges Tier galt, das man ihm zu Ehren in dessen heiligen Hainen in halber Freiheit hielt, in der Annahme, daß sich der Gott ebensosehr als der Mensch an solchem Besitz erfreuen werde. Überreste von dieser uralten Sitte lassen sich mehrfach in Ortsbezeichnungen nachweisen. So rührt das Mecklenburgische Schwerin vom wendischen Worte Zuarin, das Tiergarten bedeutet, her. Gemeint damit ist aber nicht ein Wildpark für das Jagdvergnügen der Vornehmen, sondern ein heiliger Hain, in welchem das dem slavischen Kriegsgotte Swantewit geheiligte Tier, das Pferd, gezüchtet wurde. Solche Pferdezucht in eingehegten heiligen Bezirken läßt sich auch für Deutschland nachweisen und hielt sich auchnach der Einführung des Christentums für profane Zwecke im Gebrauch. So hat Stuttgart, d. h. Stutengarten, seinen Namen von dem Gestüt, das Kaiser Ottos I. Sohn Liutolf im Jahre 949 in den dortigen Waldungen anlegte.
Die Pferde der Germanen, die von den aus dem Süden und Osten eingeführten orientalischen Pferden abstammten, waren nach den Schilderungen der Römer nur unscheinbare, aber äußerst leistungsfähige und gut dressierte Tiere. So berichtet Julius Cäsar darüber: „Die Pferde der Germanen sind häßlich, jedoch durch die tägliche Übung sehr ausdauernd. In der Schlacht springen die germanischen Reiter oft vom Pferde, kämpfen zu Fuß und ziehen sich, wenn es sein muß, wieder zu ihren Pferden zurück; denn diese sind gewohnt, die bestimmte Stelle nicht zu verlassen. Sie reiten ohne Decke auf dem bloßen Pferde.“ Vielfach war den Reitern als willkommener Kampfgenosse auch ein Unberittener beigegeben, der sich beim Traben oder Galoppieren an der Pferdemähne hielt, um folgen zu können. Solchermaßen schildert uns Cäsar das Heer des germanischen Fürsten Ariovist, das aus 6000 Reitern und ebensoviel Fußkämpfern bestand. Nach Dio Cassius galten die Bataver, am Unterlaufe des Rheins, als die besten Reiter unter den Germanen, die bewaffnet mit ihren Pferden sogar über den Rhein schwammen, was den Römern einigermaßen imponiert haben muß.
Am berühmtesten von allen Pferden Deutschlands waren im frühen Mittelalter die thüringischen. König Hermanfried schenkte dem Frankenfürsten Theoderich, aus dessen Familie er die Amelberg freite, nach Landessitte mehrere weiße Pferde, wie Hochzeitspferde sein sollen. Diese sollen besonders angenehm zum Reiten gewesen sein, „man schien auf denselben zu ruhen,“ so sanft gingen sie. Sie wurden natürlich von ihren Herrn mit besonderen Namen benannt, die uns teilweise erhalten sind. So nannte Attila sein Lieblingspferd Löwe, ein anderes Leibpferd Dunkelbraun. Ihr Preis war ein verhältnismäßig hoher, so daß als Zugtier für die Landwirtschaft das Rind vorgezogen wurde. Galt doch in einer Urkunde von 884 ein Pferd 10 Solidi, d. h. so viel als 10 Kühe. Karl der Große verbesserte die Stutereien seiner Güter. Eine solche hießstuotund stand unter einemmareskalk, d. h. Pferdeknecht. Dieser gehörte an den fürstlichen und bischöflichen Hofhaltungen zu den vornehmsten Ministerialen oder hörigen Dienstmannen, denen stets ein eigenes Pferd für ihren Dienst zustand. Die Pferde wurden zur Arbeit stets beschlagen, und die Hengste, damit sie ihr feuriges Temperament mäßigen sollten, verschnitten. Im 12. Jahrhundert erhielt das Stift Fulda noch 20 ungelernte Pferde geschenkt. Wenn ein einzelner Mann so viel Pferde wegschenken kann, so läßt dies vermuten, daß er eine ziemlich ausgedehnte Zucht gehabt haben muß. Im Laufe des Mittelalters hat dann die Pferdezucht eine stetige Verbesserung erfahren, bis sie sehr leistungsfähige Tiere lieferte.
Das Hauspferd asiatischer Abstammung erschien nach den Funden in Pfahlbauten schon zu Ende der jüngeren Steinzeit in Mitteleuropa in einzelnen, allerdings noch seltenen Exemplaren, die jedenfalls als wichtige Kriegsgehilfen sehr geschätzt waren. Erst in den Stationen der Bronzezeit erscheint es häufiger, um erst in der Römerzeit in Helvetien größere Verbreitung zu finden, wie wir aus den Überresten beispielsweise der römisch-helvetischen Kolonie Vindonissa ersehen. Es war wie alle orientalischen Pferde, von denen bis jetzt die Rede war, leicht gebaut und besaß zierliche Gliedmaßen mit hohen zylindrischen Hufen und einem feingezeichneten, im Profil mehr oder weniger konkaven Kopf. Das trockene, d. h. wenig fleischige Gesicht trat bei ihm gegenüber dem Hirnschädel zurück. Die Kruppe fiel nach hinten wenig ab und die Schweifwurzel lag in der Verlängerung der Rückenlinie. Nun finden wir zur Römerzeit in Helvetien neben dieser graziösen, auch eine plumpere Rasse mit massigen Formen, einem schwergebauten Kopf und kräftigen Gliedmaßen, mit flachen Hufen und starker Haarbildung darüber. Das fleischige Gesicht ist im Verhältnis zum Hinterteil des Schädels stark in die Länge gezogen. Das Schädelprofil erscheint bei ihm, statt konvex wie beim vorigen, deutlich konkav, d. h. geramst. Die Kruppe fällt steil ab und die Schweifwurzel springt aus der Rückenlinie heraus. Zu diesen anatomischen Merkmalen kommen noch Unterschiede der Bezahnung. So besteht bei diesem plumper gebauten Pferd ein durch die ungewöhnlich starke Entwicklung des Gesichtsteils bedingtes mehr in die Längegezogensein der Backenzähne. Dabei zeigen sie eine kompliziertere Faltung des Schmelzüberzuges als die zierlichere orientalische Rasse.
Während nun das im Schädelbau sich mehr dem Esel näherndeorientalischeoderwarmblütige Pferdden Ahnherrn aller schnellfüßigen Reit- und Wagenpferde darstellt, ist dieses plumpere, aber kräftigereokzidentaleoderkaltblütige Pferdder Stammvater des schweren deutschen Karrengauls, dessen Vorfahren die mit schwerer Rüstung für Mensch und Tier bewehrten mittelalterlichen Ritter trugen, dann des flandrischen, normannischen und luxemburgischen Karrengauls,die sämtlich vorzügliche Arbeitspferde sind. Mit ihrer breiten Brust und dem starken Körper repräsentieren sie den herkulischen Pferdetypus. Dieser ging aus dem einheimischen kräftigeren Wildpferde Europas hervor, das zu zähmen und in den menschlichen Dienst zu stellen sehr nahe lag, nachdem man einmal an dem aus dem Morgenlande hier eingeführten leichteren Hauspferde den Nutzen dieses Tieres erkannt hatte.
Bild 30. Darstellung eines Wildpferdhengstes des schwereren Schlages aus der Höhle von Combarelles mit allerlei zeltartigen Figuren beschrieben, die fälschlicherweise manche Forscher annehmen ließen, es liege hier ein halbgezähmtes Tier vor, das mit einer Decke versehen sei.Breite der Originalzeichnung 1m.(Nach Capitan und Breuil.)
Bild 30. Darstellung eines Wildpferdhengstes des schwereren Schlages aus der Höhle von Combarelles mit allerlei zeltartigen Figuren beschrieben, die fälschlicherweise manche Forscher annehmen ließen, es liege hier ein halbgezähmtes Tier vor, das mit einer Decke versehen sei.Breite der Originalzeichnung 1m.(Nach Capitan und Breuil.)
Schon unter den diluvialen Wildpferden Europas lassen sich zwei Arten unterscheiden, nämlich eine kleinere, leichte, die mehr im Süden wohnte, und eine größere, derbere, die mehr im Norden lebte. Letztere wurde besonders von Nehring genauer untersucht. Wie in Europa war es sicher auch in Asien. Dort ist nun allerdings das zierlichere, mehr im Süden lebende warmblütige Pferd zuerst gezähmt und in des Menschen Dienst gestellt worden. Es hat sich dann im Laufe der Jahrhunderte in verschiedene Schläge gespalten. Aber neben ihm gab es nach Norden zu auch eine schwere, kaltblütige Art, die unabhängig vom okzidentalen Pferde Europas gezähmt und in den Haustierstand übergeführt wurde. Dieses schwere Pferd mit allen Kennzeichen der kaltblütigen Rassengruppe, nur mit einigen Abweichungen im Schweifansatz, wie sie für das Przewalskische Pferd typisch sind, ist in Mittelasien schon frühe der Zähmung unterworfen und in den menschlichen Dienst gestellt worden. So tritt es uns in typischer Weise, durch seine Kleinheit sich als durch Zucht noch wenig verändertes Przewalski-Wildpferd zu erkennen gebend, auf einem altpersischen Relief von Persepolis entgegen. Dort dient es, reich geschirrt, zwei bärtigen Fürsten in langer Gewandung und mit teils helm-, teils tiaraartiger Kopfbedeckung zum Reiten. Auch die mit dem Przewalski-Pferd trefflich übereinstimmende Kleinheit dieses Tieres tritt auf diesen Reiterbildnissen wie auf anderen Bildern dieser Zeit, in denen die Tiere wie auf unserer Abbildung an einen Kriegswagen angespannt geführt werden, deutlich hervor. In letzterem Falle werden die Tierein der Weise geführt, daß der Führer den Arm über den Rücken legt und so mit der Hand den Zügel der von ihm abgewandten Seite hält.
Wenn nun Krämer zeigte, daß nach der Schweiz, speziell Vindonissa, erst die Römer schwere Pferde einführten, so können sie diese ganz gut aus Asien bezogen haben; denn damals gab es nicht nur in Persien, sondern auch in Kleinasien solche schwere, kaltblütige Schläge. So findet sich beispielsweise auf einer Münze der kleinasiatischen Stadt Larissa die charakteristische Darstellung eines kaltblütigen Pferdes. Diese Rasse scheinen die Römer zur Berittenmachung ihrer schwerbewaffneten Reiterei bevorzugt zu haben und führten sie deshalb bei sich ein. Durch Kreuzung mit dieser wurde in der Folge das kleinere leichte Pferd, das über alle Mittelmeerländer verbreitet war, etwas größer und stärker.
Bild 31. Altpersischer Kriegswagen von kleinen Pferden eines schweren Schlages gezogen auf einem Relief in Persepolis. (Nach Sir Porter.)
Bild 31. Altpersischer Kriegswagen von kleinen Pferden eines schweren Schlages gezogen auf einem Relief in Persepolis. (Nach Sir Porter.)
Sicher war das Hauspferd Europas zur Bronzezeit ein Abkömmling der zierlichen warmblütigen asiatischen Rasse, wurde dann aber auch aus dem massenhaft vorkommenden einheimischen Wildmaterial gezogen; denn anders ist es nicht erklärlich, daß die Gallier schon im Jahre 280 v. Chr. bei ihrem Einfall in Griechenland 60000 Reiter ins Feld stellen konnten. Da dieser Volksstamm schon früher eine tüchtige Reiterei bei sich ausgebildet hatte, kann es uns nicht wundern, daß sie in späterer Zeit eine besondere Schutzgöttin der Pferde, namens Epona, verehrten. Aus der ganzen Hinterlassenschaft der keltischenVolksstämme läßt sich ersehen, daß sie schon lange bevor sie mit der römischen Kultur bekannt wurden, eine ausgebildete Pferdezucht trieben. Ihre Zuchtprodukte wurden dann an die Nachbarn verhandelt. So kam das keltische Pferd auch nach Spanien, das ebenfalls schon vor der Einnahme durch die Römer eine blühende Pferdezucht besaß. Von Spanien aus drang dieses Pferd nach Nordafrika vor; denn Publius Vegetius sagt ausdrücklich, daß die Pferde der römischen Provinz Afrika (dem heutigen Algerien) spanischen Blutes seien.
Was die warmblütigen orientalischen Pferde anbetrifft, so ist heute der edelste Vertreter derselben derAraber, der in reinster Rasse vorzugsweise in der Nedjed genannten unwirtlichen Hochebene Mittelarabiens gezogen wird und mit Recht den höchsten Stolz seines Besitzers ausmacht. Die Araber unterscheiden viele Familien ihrer Pferde, über die sie genaue Stammbäume führen, und jeder Stamm rühmt sich im Besitze einer besonders guten Rasse zu sein. Im ganzen unterscheidet man 21 Blutstämme oder Familien, von denen die 5 vornehmsten unter dem Namen „Khamsa“ zusammengefaßt werden. Sie sollen angeblich von den 5 Stuten Salomos abstammen.
Wie überaus hoch der Araber diese hochedeln Tiere, die ja tatsächlich seinen wichtigsten Besitz ausmachen, schätzt, das beweisen die Lobeserhebungen, die er ihnen spendet: „Sage mir nicht, daß dieses Tier mein Pferd ist; sage, daß es mein Sohn ist! Es läuft schneller als der Sturmwind, schneller noch, als der Blick über die Ebene schweift. Es ist rein wie das Gold. Sein Auge ist klar und so scharf, daß es ein Härchen im Dunkeln sieht. Es erreicht die Gazelle im Laufe. Zu dem Adler sagt es: Ich eile wie du dahin! Wenn es das Jauchzen der Mädchen vernimmt, wiehert es vor Freude, und an dem Pfeifen der Kugeln erhebt sich sein Herz. Aus der Hand der Frauen erbettelt es sich Almosen, den Feind dagegen schlägt es mit den Hufen ins Gesicht. Wenn es laufen kann nach Herzenslust, vergießt es Tränen aus seinen Augen. Ihm gilt es gleich, ob der Himmel rein ist oder der Sturmwind das Licht der Sonne mit Staub verhüllt; denn es ist ein edles Roß, das das Wüten des Sturmes verachtet. In dieser Welt gibt es kein zweites, das ihm gleicht. Schnell wie eine Schwalbe eilt es dahin. So leicht ist es, daß es auf der Brust deiner Geliebten tanzen könnte, ohne sie zu belästigen. Sein Schritt ist so sanft, daß du im vollsten Laufe eine Tasse Kaffee auf seinem Rücken trinken kannst, ohne einen Tropfen zu verschütten. Es versteht alles wie ein Sohn Adams, nur daß ihm die Sprache fehlt.“
Dem durch gute Lungen ausgezeichneten arabischen Pferd kommt seine Genügsamkeit sehr zu statten; denn es wird von seinem Herrn, der selber nicht viel besitzt, recht knapp gehalten. Mit 18 Monaten beginnt seine Erziehung, indem ein Knabe es zu reiten versucht. Im dritten Lebensjahre legt man ihm den Sattel auf und sucht nach und nach alle seine Kräfte und Fähigkeiten zu entwickeln. Erst wenn es das 7. Jahr erreicht hat, sieht man es als erzogen an, und deshalb sagt das arabische Sprichwort: „Sieben Jahre für meinen Bruder, sieben Jahre für mich und sieben Jahre für meinen Feind.“ Dieser Araber ging im Laufe des Mittelalters aus dem schon im Altertum berühmten persischen Pferde hervor und steht in näherer Beziehung zum nordafrikanischen Berberpferde, von dem die Mauren in Spanien einst die besten Zuchten hatten. Sein Blut kreist in allen edeln Reit- und Wagenpferden europäischer Rasse, vor allem auch im englischen Vollblut, über das wir hier einiges Authentische mitteilen möchten.
Zunächst ist festzustellen, daß die bis jetzt herrschende, auf die Zeugnisse der klassischen Schriftsteller gestützte Annahme, daß Arabien im Altertum fast nur Kamele und keine Pferde gezogen habe, nicht ganz richtig ist. Schon sehr früh gab es dort auch Pferde, die von den Siegern annektiert und mitgenommen wurden. So zählt Flavius Josephus unter der arabischen Beute des von 668–626 über Assyrien herrschenden Königs Asurbanipal ausdrücklich auch Pferde auf. Außerdem wird auf himjaritischen Inschriften öfter das Pferd erwähnt, auch sind zwei Bronzestatuetten von solchen bekannt. In den Ruinen von Nâ-it im Gebiete der Haschid sind nach dem Bericht des arabischen Schriftstellers Al-Hamdani mehrfach Darstellungen von Pferden gefunden worden. Doch hat die Aufzucht einer edleren Pferderasse erst im Mittelalter durch die Mohammedaner stattgefunden, die auf ihren Feldzügen großes Gewicht auf eine gute Reiterei legten. Zur Zucht verwandten sie das damals am höchsten gezüchtete, nämlich das persische Pferd, das schon im Altertum durch seine Leistungsfähigkeit berühmt war. Die Griechen erstaunten, als sie im persischen Reiche den auf schnellfüßigen Pferden durch Berittene besorgten, trefflich funktionierenden Meldedienst und das auf gut unterhaltenen Straßen vorzüglich eingerichtete Postwesen kennen lernten. Neben den persischen waren auch die vorderasiatischen Pferde hochgeschätzt. So ließ König Salomo Zuchtpferde aus Kilikien und Kappadokien holen, und König Philipp von Makedonien begann seine Stammzucht, der sein Sohn Alexander die treffliche Reiterei verdankte, angeblich mit 20000 skythischen Stuten.
Auch die Griechen suchten schon früh möglichst rasche und ausdauernde Pferde zu züchten. Dies geschah wie heute auf Grund von Leistungsprüfungen, und zwar in bezug auf Geschwindigkeit und Ausdauer. Dazu dienten in erster Linie die olympischen, pythischen, nemeischen und isthmischen Spiele, bei welchen sowohl Wagenrennen als Rennen unter den Reitern abgehalten wurden. Letztere waren noch wichtiger als die ersteren, und man hatte Jockeis und Herrenreiter, auch Geld- und Ehrenpreise wie heute. Ein Rennen zu gewinnen galt als höchste Ehre und man kann sich deshalb vorstellen, mit welchem Eifer die Zucht rascher Pferde betrieben wurde. Schon damals war das Rennpferd durchaus verschieden vom Pferd der Landeszucht. Es wird mehrfach mit seinen typischen Merkmalen abgebildet, so beispielsweise auch auf einer ums Jahr 450 v. Chr., also um die Zeit der Erbauung des Parthenon, hergestellten griechischen Vase. Auf ihr sehen wir die Pfosten der Rennbahn, den Zielrichter mit der Schärpe, den leichtgewinnenden Sieger, der den noch heute typischen Fehler macht, sich am Ziel umzusehen, während der zweite und dritte ein sog. Finish mit der Peitsche reiten. Die hier dargestellten Rennpferde sind länger im Hals, haben andere Schulter und Kruppe als die gewöhnlichen Reitpferde, die uns auf dem Parthenonfries entgegentreten und waren zweifellos orientalischen Ursprungs.
Tafel 37.Anschirren eines Rennwagens, darunter ein Tierfries. Von einer jüngeren attischen Vase in Berlin.(Nach Gerhard, Auserlesene Vasenbilder.)⇒GRÖSSERES BILD
Tafel 37.
Anschirren eines Rennwagens, darunter ein Tierfries. Von einer jüngeren attischen Vase in Berlin.(Nach Gerhard, Auserlesene Vasenbilder.)
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Tafel 38.Griechische Jünglinge zu Pferd am Panathenäenfestzug vom Friese des Parthenon.(Nach einer Photographie von Mansell & Cie. in London.)⇒GRÖSSERES BILD
Tafel 38.
Griechische Jünglinge zu Pferd am Panathenäenfestzug vom Friese des Parthenon.(Nach einer Photographie von Mansell & Cie. in London.)
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Tafel 39.Ausgewachsenes Shetlandpony neben einer gewöhnlichen Hausziege in Karl Hagenbecks Tierpark in Stellingen.⇒GRÖSSERES BILD
Tafel 39.
Ausgewachsenes Shetlandpony neben einer gewöhnlichen Hausziege in Karl Hagenbecks Tierpark in Stellingen.
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Tafel 40.Ungepflegtes Mongolenpferd, wie es in halbwilden Herden im Westen Chinas lebt. Durch Pflege läßt sich daraus ein zwar kleiner, aber sehr ausdauernder Schlag gewinnen. (Nach Photographie von Buchmann in Tayanfu.)
Tafel 40.
Ungepflegtes Mongolenpferd, wie es in halbwilden Herden im Westen Chinas lebt. Durch Pflege läßt sich daraus ein zwar kleiner, aber sehr ausdauernder Schlag gewinnen. (Nach Photographie von Buchmann in Tayanfu.)
In Deutschland gezogener Araberhengst von Karl Hagenbecks Tierpark in Stellingen.
In Deutschland gezogener Araberhengst von Karl Hagenbecks Tierpark in Stellingen.
Von den Griechen übernahmen dann die Römer die Freude an den Wettrennen und die Hochschätzung der Rennpferde. Letztere brachten sie auch in ihre Kolonien. So hielt beispielsweise Kaiser Severus, der von 206–210 in England weilte, mit von Rom dahin importierten Pferden ein Rennen im York ab. Aber auch an zahlreichen andern Orten Englands gab es damals schon Rennen mit hochgezüchteten Pferden, so z. B. in Chester, wo noch ein Teil der antiken Rennbahn erhalten ist. Seitdem blieben die Rennen in jenem Lande ein nationaler Sport; aber von einer Zucht zu Rennzwecken war damals und das ganze Mittelalter hindurch keine Rede. Wenn auch öfter edle Pferde, namentlich zur Zeit der Kreuzzüge, ins Land gebracht wurden, so blieb man dort im Laufe der Jahrhunderte doch nur bei einem mäßig geschwinden Pferd, demgalloway. Das Bestreben, dieses kleine und nur mäßig leistungsfähige Pferd zu verbessern, war der Anlaß, daß man im 17. Jahrhundert anfing, in erheblichem Maße orientalische Pferde einzuführen. Von besonderer Wichtigkeit war ein Import von 30–40 orientalischen Stuten, den „royal mares“, die Karl II. etwa 1670 einführte. Im Laufe des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts führte man zudem nicht weniger als 26 orientalische Hengste in England ein, um die Zucht aufzufrischen. Von diesen war Darley Arabian nach dem bedeutendsten deutschen Rennstallbesitzer, Arthur von Weinberg, der wichtigste Stammvater, den etwa 90 Prozent aller heutigen Vollblüter zu ihrem Ahnen haben sollen. Nach ihm kommt an Bedeutung der 1728 importierte Godolphin Arabian, den ein Engländer in Paris vor einem Wasserwagen entdeckte und der im Beginn der englischen Vollblutzucht eine große Rolle spielte. Mit dem Import dieser Hengste beginnt das erste Aufzeichnen der Stammbäume im großen Gestütsbuch. Doch war zunächst noch von keiner systematischen Zucht die Rede. Die einzige Richtschnur war damals, daß für die Stuten der Vater, für die Hengste aber die Mutter in erster Linie maßgebend sei. Man wollte Rennen gewinnen und züchtete unbekümmert um Theorien stets von den besten, d. h. raschesten Pferden. So konzentrierte sich im Gegensatz zu den Ratschlägen der Theoretiker die Zucht auf eine immer geringer werdende Zahl von männlichen Linien, bis schließlich fast nur eine einzige Linie übrigblieb. Wie die heutigen Vollblutpferde auf wenige Hengste, so gehen sie, wie zuerst deutsche Forscher feststellten, zum größten Teil auf fünf Stuten zurück. Sie sind trotz der weitgehenden Inzucht außerordentlich leistungsfähig, haben eine Verlängerung von Oberarm- und Oberschenkelknochen zur möglichst raschen Fortbewegung erhalten und sind sehr frühreif. Während die Vollblutpferde schon mit 18 Monaten geritten werden und zweijährig Rennen laufen, kann man das Halbblutpferd, z. B. die Remonten der Kavallerie, meist erst vierjährig überhaupt anreiten.
Das arabische, wie auch das mit ihm nahe verwandte maurisch-berberische Pferd wurde wie in England, so auch auf dem Kontinent mit leichten und schweren einheimischen Schlägen gekreuzt und dadurch die verschiedensten Gebrauchspferde erhalten, die je nachdem zum Reiten, Fahren oder Ziehen besonders geeignet sind. Näher auf die Abstammungsverhältnisse und die Eigentümlichkeiten der verschiedenen Pferderassen einzugehen, verbietet schon der beschränkte Rahmen dieses Buches. Es sei hier nur bemerkt, daß in Europa die Pferdezucht in den weiten Steppen des Ostens am bedeutendsten ist. So besitzt Rußland zahlreiche starke Gestüte in den Steppen am Don und am rechten Ufer der untern Wolga. Das russische Pferd ist klein, aber äußerst genügsam und ausdauernd. Auch in Ungarn und Siebenbürgen werden viele und gute Pferde für den Export gezüchtet. In Galizien, in der Bukowina und in der südöstlichen Steiermark findet sich gleicherweise einleichter Schlag, während die weiter nördlich und östlich davon gelegenen Länder kräftigere Arbeitstiere ziehen, in denen reichlich Blut des schweren okzidentalen Pferdes beigemischt ist. In Hannover, Holstein und Mecklenburg werden viele edle Reitpferde gezogen. Dänemark züchtet die besten in Jütland. Skandinavien, Wales, Schottland, die Shettlandsinseln und Island besitzen ponyartige kleine Schläge, die im Winter einen langen, krausen Haarpelz erhalten. Belgien, die Normandie und gewisse Gegenden Englands züchten mit Vorliebe schwere, kaltblütige Arbeitspferde. In Spanien wird vorzugsweise das aus Nordafrika eingeführte Berberpferd gezogen. Die besten Gestüte besitzt Andalusien. Die europäischen Mittelmeerländer sind wenig reich an Pferden, weil Esel und Maultier dort stark verbreitet sind. Besonders in Griechenland ist die im Altertum blühende Pferdezucht in argen Verfall geraten. Italien besitzt nur lokal ein erhebliches Pferdematerial. Die schönste Rasse findet sich in der römischen Campagna, wo die Wagenpferde der Kardinäle und Patrizier gezüchtet werden. Den größten Pferdereichtum trifft man in Sardinien an. Nach Cetti ist dort das Pferd vielfach verwildert, soll angeblich nicht mehr zu bändigen sein und wird vielfach erlegt, hauptsächlich um das Fell zu gewinnen. Es haust hier namentlich in den ausgedehnten Waldungen im Innern.
Bald nach ihrer Entdeckung erhielt die Neue Welt das Pferd durch die Spanier, und zwar waren es Andalusier, die dort, speziell in Mexiko, eingeführt wurden. Doch sind sie nach und nach entartet und vielfach verwildert. Indessen sind heute die verwilderten Herden bis auf einzelne in Patagonien lebende Trupps auf einen 1865 erlassenen Befehl der Regierung hin vernichtet worden, da sie nicht nur die Weiden beeinträchtigten, sondern vielfach auch die zahmen Pferde entführten. Gegenwärtig nehmen die Vereinigten Staaten von Nordamerika den bedeutendsten Rang in der Pferdezucht ein. Berühmt ist die neuerdings aufgekommene Traberzucht, deren Grundstock das amerikanische Vollblut bildet.
In Australien wurde die Pferdezucht ebenfalls erst von den Europäern eingeführt. Das Material stammt aus England, der Kapkolonie und von den Sundainseln. In Indonesien werden mehr kleine Schläge gezüchtet, ebenso in Oberbirma und Südindien. In Nordwestindien wird viel ein dem Afghanenpferde verwandter Schlag gehalten. In China zieht hauptsächlich die Mandschurei Pferde, auf deren Haltung aber wenig Sorgfalt verwendet wird. Japan züchtetefrüher im Norden der Hauptinsel einen kräftigen Schlag; neuerdings wurden besonders europäische und amerikanische Rassen importiert.
Am zahlreichsten wird das Pferd in Innerasien gezüchtet. In Turkestan ist es das wichtigste, unentbehrlichste Haustier, das von jedermann gehalten wird. Persien hat drei verschiedene edle Schläge, einen kleineren im Gebirge und größere in den Ebenen. Die edelste Zucht von persisch-arabischem Blut trifft man in Schiras. Klein und unansehnlich, aber äußerst leistungsfähig ist das Kirgisenpferd, das auch von den Kalmücken und andern Mongolenstämmen in großen Mengen gehalten und auch zur Milchgewinnung benutzt wird. In Afrika, das einst seinen Pferdebestand Asien entlehnte, werden besonders im Norden und Osten viel Pferde gezogen. Ägypten, Abessinien, die Somaliländer und der Sudan besitzen verdorbene arabische Schläge, die als Reittiere ungemein leistungsfähig sind und Wassermangel vielfach besser als andere Schläge ertragen. Das zähe Gallapferd findet beim abessinischen Heere ausgiebige Verwendung. In Südafrika werden besonders in der Kapkolonie und in Transvaal kleine, sehr ausdauernde Pferde gezüchtet. Überall in den Tropenländern, wo das Klima zu feucht ist, hält es sich schlecht, deshalb haben die Portugiesen in ihren afrikanischen Kolonien den Reitstier eingeführt.