Chapter 22

Nach den Berichten der alten Autoren müssen die orientalischen Fürsten im Altertum noch mehr Elefanten als heute besessen haben; sie waren eben damals noch nicht so dezimiert und konnten leichter gefangen werden. Plinius berichtet darüber: „Am Ganges hat der König der Kalinger, dessen Hauptstadt Protalis ist, 60000 Mann Fußvolk, 1000 Mann zu Pferde, 700 Elefanten, die alle stets schlagfertig sind. Es gibt daselbst eine eigene Menschenkaste, die sich mit Fang und Zähmung des Elefanten beschäftigt. Mit diesen Tieren pflügen sie, auf ihnen reiten sie, mit ihnen kämpfen sie fürs Vaterland. — Der König der Thaluter hält 50000 Mann Infanterie, 4000 Mann Kavallerie und 400 Kriegselefanten. — Das Volk der Andarer hat 30 mit Mauern und Türmen befestigte Städte, stellt 100000 Mann Infanterie, 2000 Mann Kavallerie und 1000 Elefanten. — Das mächtigste Volk in ganz Indien sind die Prasier, deren große und reiche Hauptstadt Palibothra heißt. Ihrem Könige dienen 600000 Mann Infanterie,30000 Mann Kavallerie und 9000 Elefanten; diese ganze Macht wird Tag für Tag besoldet. — Am Indus hält der König der Megaller 500 Elefanten; — die Asmarer, in deren Land es auch von Tigern wimmelt, haben 30000 Mann Infanterie, 800 Reiter und 300 Elefanten. — Die Orater haben nur 10 Elefanten, aber viel Fußvolk. — Die Suaratarater unterhalten im Vertrauen auf ihre eigene Tapferkeit gar keine Elefanten. Der König der Horaker unterhält 150000 Mann Infanterie, 5000 Mann Kavallerie und 1600 Elefanten. — Der König der Charmer hat 60 Elefanten. — Das Volk der Pander, das einzige in Indien, das stets von einer Königin beherrscht wird, stellt 150000 Mann Infanterie und 500 Elefanten.“ — Woher Plinius diese Zahlenangabe hatte, ist uns unbekannt. Sind sie auch jedenfalls stark übertrieben, so ist doch kein Zweifel darüber möglich, daß die indischen Fürsten damals sich in der Kriegsführung wesentlich auf ihre Elefanten verließen und große Scharen davon unterhielten. Aus dem 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wissen wir, daß die indischen Fürsten 2000 bis 3000 Kriegselefanten zur Verfügung hatten. Der Venetianer Marco Polo, der, erst 15jährig, mit seinem Vater Niccolo und seinem Oheim Maffeo Polo 1271 zu dem Tatarenchan Kublai nach Zentralasien reiste, meldet, dieser habe 5000 Elefanten besessen, die er zum Kriege gebrauchte. Im 16. Jahrhundert besaß der Großmogul Akbar, d. h. der sehr Große (eigentlich hieß er Dschelal eddin Muhammed), der mächtige Herrscher über Hindustan, ein Nachkomme Timurs, der von 1556–1608 regierte, nach den Angaben seines Vesirs Abul Fazl 6000 Elefanten. Der mächtige Schah Jehangir soll ihrer 12000 und seine Vasallen zusammen 40000 besessen haben. Im 17. Jahrhundert fand Tavernier, daß der zu Gehanabad residierende Großmogul 500 Elefanten zum Lasttragen und 80 zum Kriege benutzte. Seit der allgemeinen Verbreitung der Feuerwaffen wurde aber der Elefant, der sich vor jenen fürchtet, immer weniger zu Kriegszwecken benutzt und ist heute in Indien mehr ein Luxustier, das wesentlich nur noch zur Jagd und bei festlichen Aufzügen Verwendung findet. In Hinterindien dagegen wird es in ausgedehntem Maße als Arbeitstier beim Transport der schweren Stämme von Tiek- und anderem Nutzholz verwendet.

Bild 41. Darstellung eines Mammuts durch einen Jäger der frühen Nacheiszeit in der südfranzösischen Höhle von Combarelles.(1⁄19natürl. Größe.)

Bild 41. Darstellung eines Mammuts durch einen Jäger der frühen Nacheiszeit in der südfranzösischen Höhle von Combarelles.(1⁄19natürl. Größe.)

Während früher der rezente Elefant ausschließlicher Lieferant des seit dem hohen Altertum zu Schnitzereien und Geräten aller Art sehr beliebten Elfenbeins war, kommen in neuerer Zeit mit der Erschließung des noch vielfach von der letzten Eiszeit her vereisten nordöstlichen Sibirien auch die gewaltigen Stoßzähne des ausgestorbenenMammut(Elephas primigenius) als fossiles Elfenbein in den Handel. Der russische Reisende Middendorf schätzte die Zahl aller seit der Besiedelung durch die Russen von dort ausgeführter Mammutstoßzähne als von etwa 20000 Tieren stammend. Jährlich kommen wenigstens 100 Paar Stoßzähne in den Handel. Dabei sind sie noch so gut erhalten, daß kein Unterschied darin bemerkbar ist, ob das Elfenbein rezent oder fossil ist. Mit diesem fossilen Elfenbein aus dem hohen Norden Asiens allein werden wir auszukommen haben, wenn einmal der Elefant als Wildling ausgerottet sein wird und die letzten Exemplare desselben in völligem Dienste des Menschen oder in einigen Reservationen unter menschlichem Schutze das Gnadenbrot bekommen werden. Diesen fossilen Elefanten hat der Mensch der frühen Nacheiszeit in Europa ausgerottet, indem er ihn nicht sowohl wegen seiner gewaltigen Stoßzähne, als wegen seines Fleisches aufs eifrigste verfolgte und jedenfalls bei seiner armseligen Bewaffnung vorzugsweise in Fallgruben fing und mit Werfen von großen Steinen tötete. Neben dem Knochen und Horn des Renntiers war das Elfenbein des Mammuts ein viel verwendetes Werkzeugmaterial des diluvialen Jägers, das uns in den Überresten seiner Lagerplätze nicht selten entgegentritt.

Bild 42. Oberes Ende eines durchlochten Zierstabs aus Renntierhorn aus dem Lagerplatz der Mammutjäger der frühen Nacheiszeit von La Madeleine mit dem Kopfe eines Mammuts.

Bild 43 und 44. Aus einem Mammutstoßzahn geschnitztes Amulett der Magdalénienjäger mit einem kleinen, jetzt durchgebrochenen Aufhängeloch an der Spitze. Auf der Vorder- und Rückseite ist je eine Saigaantilope mit auffallend langem Gehörn dargestellt. Aus der südfranzösischen Höhle von Mas d’Azil am Nordfuße der Pyrenäen. (1⁄3natürl. Größe.)

Bild 43 und 44. Aus einem Mammutstoßzahn geschnitztes Amulett der Magdalénienjäger mit einem kleinen, jetzt durchgebrochenen Aufhängeloch an der Spitze. Auf der Vorder- und Rückseite ist je eine Saigaantilope mit auffallend langem Gehörn dargestellt. Aus der südfranzösischen Höhle von Mas d’Azil am Nordfuße der Pyrenäen. (1⁄3natürl. Größe.)


Back to IndexNext