Chapter 43

Bild 61. Der Angelnherzog Harald und seine Mannen reiten auf die Jagd.Anfang des 1066 gestickten 70mlangen, 0,2mbreiten Teppichs von Bayeux.

Bild 61. Der Angelnherzog Harald und seine Mannen reiten auf die Jagd.Anfang des 1066 gestickten 70mlangen, 0,2mbreiten Teppichs von Bayeux.

Bei den Kirgisen und Baschkiren ist die Falknerei noch ein hochgeschätzter Betrieb, in welchem man Adler für großes und Falken, Habichte und Sperber für kleines Wild verwendet. Bei ihnen wird ein bewährter Jagdfalke so hoch bewertet, daß der glückliche Besitzer sich eher entschließen würde, sein Weib als seinen Vogel zu verkaufen. Die geschätztesten Jagdgehilfen des Menschen sind dieEdelfalken, unter denen, wie wir bereits besprachen, der den hohen Norden bewohnende, fast rein weißeJagdfalke(Falco candicans) im Mittelalter der geschätzteste war. Man bezog ihn damals vorzugsweise aus Island, wo er auch noch brütet. Sonst begnügte man sich meist mit dem über ganz Europa verbreiteten, alle Erdteile vom hohen Norden bis in die heiße Zone bewohnendenWanderfalken(Falco peregrinus). Während er im Norden auch häufig auf der flachen Tundra vorkommt, wählt er in den heißeren Ländern die kühleren Gebirgszüge zu seinem Aufenthalt. Dort baut er sein Nest auf dem nackten Boden, hier wählt er zur Errichtung seines Horstes am liebsten Höhlungen in unzugänglichen, nackten Felswänden oder nistet, wo er solches nicht haben kann, auf hohen Waldbäumen. Dabei wählt er gern, um sich Mühe zu ersparen, das Nest eines andern Raubvogels, eines Reihers oder Raben. Ist ein solches, das ihm passen würde, besetzt, so vertreibt er den betreffenden Eigentümer mit Gewalt. Er ist ein äußerst mutiger Vogel, der mit raschen Flügelschlägen meist niedrig über die Erde dahinfliegt. Auf einen aufgescheuchten Vogel, den er rasch überstiegen hat, stößt er mit reißender Schnelligkeit schief von oben herab. Er vermag nur fliegende Vögel zu erbeuten, da er mit so großer Heftigkeit auf sie stößt, daß er sich beim Stoßen auf den Boden verletzen würde. Seine Beute bilden Vögel von der Größe einer Lerche bis zu der einer Ente, ja einer Wildgans. Im Walde sind es Ur-, Birk- und Haselhühner, auf dem Felde vorzugsweise Rebhühner, die er wegfängt, um sie stets auf freiem Felde zu verzehren, niemals aber im Gebüsch, weshalb Bussarde und Milane oft über ihn herfallen, um ihm seine Beute abzujagen. Indessen vertreibt ihn nur die freche Schmarotzermöve aus seinem Gebiet. In Deutschland ist jetzt der Wanderfalke als Brutvogel selten. Als solcher zieht er im Herbste nach Süden, um indessen durch Besucher aus dem Norden ersetzt zu werden. Oft schlägt der Wanderfalke sein Winterquartier auf Türmen in belebten Städten auf, von wo aus er den Tauben nachstellt. So nistete im Jahre 1880 sogar ein Paar auf dem Turm der Petrikirche mitten in Berlin. Als großer Schädling kann er nicht geduldet werden und wird deshalb von Jägern und Taubenzüchtern aufs eifrigste verfolgt. Gefangen hält er sich bei sorgsamer Pflege jahrelang im Käfig und nimmt hier mit allerlei Fleisch vorlieb, verlangt aber viel Nahrung. Er ist der gewöhnliche Jagdfalke der Vergangenheit und Gegenwart, der auch dem Dorf Falkenwerd bei Herzogenbusch in Flandern den Namen gab. Dort bestand Jahrhunderte hindurch die beste und zuletzt einzige Falknerschule Europas. Da früher die an Ort und Stelle gefangenen Vögel für den großen Bedarf nicht hinreichten, reisten die Angestellten der Falkner oder diese selbst weit herum, selbst nach Norwegen und Island, um solche zu fangen. Dies geschah vorzugsweise im Herbst. Man behielt in der Regel nur die Weibchen, und zwar am liebsten die von demselben Jahre, weil diese sich zur Dressur am besten eignen. Die zweijährigen galten auch noch als brauchbar, ältere dagegen ließ man wieder fliegen. Der Fang geschieht in folgender Weise: Der Falkner sitzt gut verborgen auf freiem Felde und hält eine auf dem Boden sitzende Taube an einer etwa 100mlangen Schnur fest. 40mvom Falkner entfernt geht diese Schnur durch einen Ring, neben welchem ein Schlagnetz liegt, von dem eine Schnur ebenfalls zum Falkner verläuft. Ist ein Falke im Anzug, was durch einen unweit der Taube gefesselten, äußerst eifrigen und scharfsichtigen Wächter, nämlich einen Würger, schon zu einer Zeit angezeigt wird, da das menschliche Auge durchaus noch nichts zu erkennen vermag, so wird der Taube mit der Schnur ein Ruck gegeben, wodurch sie emporflattert, den Falken anlockt und von ihm in der Luft ergriffen wird. Sobald dies geschehen ist, zieht der Falkner die Taube und mit ihr den sie krampfhaft festhaltenden Falken allmählich bis zum Ringe, wo plötzlich das Schlagnetz beide zudeckt. Der frisch gefangene Falke muß zunächst drei Tage hungern und wird dann in der früher angegebenen Weise abgerichtet. Ein gut abgerichteter Vogel wird nicht selten mit 800 holländischen Gulden (= 856 Mark) bezahlt.

Jedenfalls ist die Kunst, Falken zur Jagd abzurichten, eine uralte, schon von den asiatischen Kulturvölkern des hohen Altertums geübte. Der Grieche Ktesias aus Knidos, der von 416–399 v. Chr. als Arzt am persischen Hofe in Susa lebte und eine wertvolle persische Geschichte schrieb, die uns leider nur in Auszügen und Bruchstücken erhalten blieb, berichtet von den Indern, daß sie gern mit dem abgerichteten Falken jagen. Ums Jahr 75 hören wir von der Falkenjagd bei den Thrakern. Damals war sie auch schon bei den germanischen Stämmen eingeführt, doch haben weder die Griechen, noch die Römer sie ausgeübt. Erst ums Jahr 480 n. Chr. hören wir vom römischen Geschichtschreiber Sidonius Apollinaris, daß des römischen Kaisers Avitus’ Sohn, Hecdicius, der erste war, der in seiner Gegend die von den Deutschen Falkenbeize genannte und jedenfalls auch ihnen entlehnte Jagd mit dem abgerichteten Falken einführte. Dieser Sport fand bei den Vornehmen alsbald großen Beifall und selbst die Geistlichen taten mit, so daß man schon im Jahre 506 auf einerKirchenversammlung zu Agda das Führen von Jagdfalken und Jagdhunden verbot. Wie die deutschen Stämme die auf die Jagd abgerichteten verschiedenen Raubvögel seit dem frühen Mittelalter überaus hochschätzten, haben wir bereits gesehen. Auch ihre Fürsten jagten mit Vorliebe hoch zu Pferd hinter dem Jagdfalken her. So wird von Friedrich I. Barbarossa, dem zweiten Kaiser aus dem Haus der Hohenstaufen (1123–1190), berichtet, daß er selbst Falken, Pferde und Hunde zur Jagd abrichtete. Sein Sohn, der mit der Erbin von Sizilien, Konstantia, vermählte und in Messina verstorbene Kaiser Heinrich IV. (1165–1197) war gleicherweise ein großer Liebhaber der Falknerkunst. Und dessen Sohn, Friedrich II., der sich ganz als Sizilianer fühlte (1194–1250), war ein leidenschaftlicher Falkner, der sogar ein namhaftes Buch über die Kunst, mit Raubvögeln zu jagen, schrieb. Noch der prachtliebende, aber ausschweifende König Franz I. von Frankreich (1494–1547) hatte einen Oberfalkenmeister, unter welchem 15 Edelleute und 50 Falkner standen. Die Zahl seiner Jagdfalken betrug 300. Sein Rivale, Kaiser Karl V., belehnte die Johanniter, den ältesten der drei geistlichen Ritterorden, im Jahre 1530 mit den Inseln Malta, Gozzo, Comino und dem Lande Tripolis unter der Bedingung, daß sie ihm jährlich einen nordischen weißen Jagdfalken liefern sollten. Selbst die geistlichen Herrn schwärmten für Jagdfalken und nahmen sie selbst in die Kirche mit, bis sie die ihnen lästige Formalität des täglichen Messelesens gedankenlos genug absolviert hatten. Als ihnen solches von ihrem Oberhaupte verboten wurde, blieben doch die Barone, über die jener keine Macht hatte, auf ihrem Recht, die Jagdfalken während des Gottesdienstes auf den Altar setzen zu dürfen. Die ganze mittelalterliche Poesie strahlt die Freude aus an diesem ritterlichen Sport und spricht an unzähligen Stellen vom Falken als dem Lieblingsgenossen des höfischen Menschen jener Zeit.

Außer dem nordischen weißen Jagd- und dem stattlichen Wanderfalken wurde aber auch das verkleinerte Abbild des letzteren, derBaumfalke(Falco subbuteo), gelegentlich zur Jagd abgerichtet. Als der schnellste unter allen europäischen Raubvögeln fliegt er leicht und pfeilgeschwind und überholt alle andern Vögel, selbst Schwalben und Mauersegler. Mit bewundernswürdiger Gewandtheit verbindet er große Kühnheit und Entschlossenheit; auch er fängt niemals sitzende, sondern nur fliegende Vögel, auf die er schief von oben herab so reißend schnell stößt, daß man seine Gestalt nicht zu erkennen vermag. Allerhand kleine Vögel, vor allem Lerchen und Schwalben, bilden außer fliegenden größeren Insekten, wie Heuschrecken und Käfer, die Nahrung des niemals Aas berührenden Vogels. Die Lerchen fürchten ihn so sehr, daß sie entsetzt zur Erde stürzen und sich mit den Händen greifen lassen, wenn er plötzlich erscheint. Erblicken sie ihn aber rechtzeitig, so retten sie sich in die Höhe, in die er ihnen nicht folgt. Ist das Getreide hoch genug, so daß sich die Lerchen darin vor dem Baumfalken verbergen können, beginnt er, sich mehr den Schwalben zuzuwenden, die die meisten anderen Raubvögel necken und verfolgen, vor ihm jedoch, gewöhnlich in einem lärmenden Schwarm, eiligst in die Luft, ins Röhricht oder in ein anderes Versteck fliehen. Wo er sich auch zeigt, ist die ganze Gegend in einem Augenblick schwalbenleer. Sieht der Baumfalke eine vom Haupttrupp abgelöste Schwalbe, so verfolgt er sie sogleich. Falls sie noch jung und weniger gewandt als eine Alte ist, ist sie schon nach wenigen Stößen verloren. Alte Schwalben entwischen einem noch ungeübten jungen Baumfalken leichter, und auch alte Baumfalken ziehen mißmutig ab, wenn sie 4–10 Fehlstöße getan haben. Zuweilen leitet der Baumfalke, als ob er die Vögel verwirren wolle, seine Jagd mit eigentümlichen Schwenkungen ein, und manchmal jagen Männchen und Weibchen gemeinsam, ohne sich indessen beim Verzehren der Beute vertragen zu können. Mit seiner Beute kehrt der Falke nach seinem vorher innegehabten Standorte auf einem hohen Baume zurück, um sie dort gemütlich zu verzehren. Diesen Standort verläßt der kleine Räuber erst ziemlich spät am Morgen, überkreist dann seinen liebsten Aufenthaltsort, den Wald, und begibt sich erst nach Sonnenaufgang auf die Feldjagd, bei der er nicht selten dem Hunde eines Jägers folgt, um die von ihm aufgescheuchten Lerchen und andere kleine Vögel dicht vor dem Jäger wegzufangen. Zum Nestbau hat er ebensowenig Lust als seine Verwandten und die meisten anderen Raubvögel. Zum Nisten benutzt er am liebsten ein fremdes, besonders ein Krähennest, das meistens erst im Juni 3–4 Junge, wie beim Wanderfalken, enthält. Sobald sie flugfähig sind, werden sie von den Eltern im Fluge gefüttert. Im September und Oktober verläßt uns der Baumfalk, um im April wieder zu erscheinen. Er bewohnt sonst die gemäßigten Länder Europas von Schweden bis zum Mittelmeer und die entsprechenden Breiten Asiens und überwintert im Süden.

Sehr häufig wurde auch der bedeutend größere, statt 30 wie jener 50cmwie der Wanderfalk langwerdendeHabicht(Astur palumbarius) besonders von den alten Deutschen zur Jagd abgerichtet. Sein liebster Aufenthalt sind mit Feldern und obstbaumbepflanzten Wiesen abwechselnde Wälder in der Nähe von Dörfern. Dort baut er sich auf einem hohen Baum, sei es Laub- oder Nadelholz, sein Horst, in welchem man in der zweiten Hälfte des April 2–4 Eier findet. Die oben mit grau-, unten mit reinweißen Dunen bekleideten Jungen sitzen zuerst mit geschlossenen Zehen auf den Fersen, lernen erst nach Wochen stehen und sind erst nach zwei Monaten befiedert genug, um auszufliegen. Die Mutter ist so überaus anhänglich an ihre Jungen, daß sie ihretwegen alle Vorsicht außer acht läßt und nicht nur auf Kinder, sondern auch erwachsene Menschen, die die Jungen bedrohen, mit Wut stößt. Allerlei Vögel und kleine Wirbeltiere, selbst Hasen, bilden die Nahrung des Habichts. Ein lähmender Schrecken ergreift alle kleineren Vögel bei seinem Erscheinen, so daß sie oft starr sitzen bleiben und sich vom Räuber greifen lassen. Flüchtende Vögel sind nicht einmal im Gebüsch vor ihm sicher; er springt ihnen zu Fuß nach und zerrt sie aus den dichtesten Dornen hervor. Gleich dem ihm an Gewandtheit ebenbürtigen Sperber stürmt er Waldrändern oder Zäunen entlang, auch wohl über ein niedriges Dach hinweg oder zwischen zwei Gebäuden hindurch und ergreift seine Beute so schnell, daß der erschrockene Vogel erst zu lärmen beginnt, wenn der Habicht schon mit ihm davonfliegt. Von allen Seiten, selbst von unten her ergreift er fliehende Vögel und versteht es auch, im Gegensatz zu den Edelfalken, auf sitzende zu stoßen. Mit seinen scharfen Krallen tötet er sehr rasch die meisten Tiere, selbst Raben; mit den Fängen und nie im Schnabel trägt er seine Beute davon. Am besten kann man sich an ihn schleichen, wenn er vollgefressen auf einem Aste ruht. Dagegen ist er wegen seiner Raubgier in Fallen und auf Vogelherden leicht zu fangen. Den Verlust der Freiheit ertragen alte Vögel nicht leicht; selbst mit Hilfe ihrer geraubten Jungen gefangene und mit ihnen zusammengesperrte Habichte gebärden sich so wütend, daß sie zuerst die Jungen auffressen und sich dann gegenseitig überfallen, wobei meistens das größere und stärkere Weibchen übrig bleibt. Junge Habichte indessen werden leicht zahm. Aber auch Wildfänge verstand man früher durch ein drei Tage und drei Nächte andauerndes, den Schlaf verunmöglichendes Wiegen zu zähmen, um sie für die Jagd abzurichten. Denn wie heute noch in der Tartarei und in Indien, war er früher bei uns als Jagdgenosse des Menschen teilweise noch höher geschätzt als die Edelfalken, zu denen er übrigens damals gerechnet wurde. In der Jagdkunst übertrifft tatsächlich der Habicht mit dem ebenso gewandten und mutigen Sperber, der gleich jenem sowohl auf schnellfliegende als auch auf sitzende Vögel stößt,selbst die Edelfalken. Das Ausnehmen eines Habichtnestes im Bannwalde wurde schon bei den alten Deutschen streng bestraft, ebenso, wie wir sahen, der Diebstahl eines für die Jagd dressierten Habichts. König Eduard III. von England (1312–1377), der grimmige Gegner Frankreichs, dem er einen Teil seiner westlichen Besitzungen entriß, der Stifter des berühmten Hosenbandordens, setzte sogar den Tod auf den Diebstahl eines Habichts, und ließ jeden, der ein Habichtnest ausnahm, auf ein Jahr und einen Tag ins Gefängnis setzen. Der Habicht bewohnt als Brutvogel die gemäßigten und nördlichen Gegenden von Europa und Asien bis zum fernsten Osten in Japan; doch fehlt er in manchen Gegenden aus unbekannter Ursache.

Außer dem Habicht ist auch der bedeutend kleinere, im männlichen Geschlecht 31, im weiblichen 36–40cmlang werdendeSperber(Accipiter nisus), wie bei den alten Deutschen, so noch heute bei asiatischen Steppenvölkern ein hochgeschätzter Beizvogel, der im südlichen Ural von allen Falken am meisten zur Jagd gebraucht wird, wenn auch hauptsächlich nur zu solcher auf Wachteln. Er kann am besten gezähmt werden, wenn man ihn im Dunenkleid aus dem Neste nimmt und schon ganz jung dressiert. Er gehört bei uns nebst dem Turmfalken zu den bekanntesten Raubvögeln; denn er dehnt namentlich im Winter seine Raubzüge ohne Scheu bis in belebte Ortschaften aus. Doch bleiben nicht alle Sperber den Winter über bei uns. Die meisten ziehen im September und Oktober weg, um im März und April auf ihre Brutplätze zurückzukehren. Das Brutgebiet des Sperbers erstreckt sich über ganz Europa, Nordwestafrika und die entsprechenden Gebiete Asiens. Hier hält er sich am liebsten in Feldgehölzen oder in kleineren, an Wiesen und Felder grenzenden Waldungen in der Nähe von Ortschaften auf, kehrt auch von seinen Jagdzügen und zur Nachtruhe dahin zurück. Im Stangenholz häufiger eines Nadel- als Laubholzes errichtet er sein Nest dicht am Stamm, oft aus einem gutgelegenen Krähennest hergerichtet und so groß, daß der lange Schwanz des brütenden Weibchens es nicht überragt. Dieses brütet von Mitte Mai bis Mitte Juni sein Gelege von 3–5 Eier aus, verteidigt seine Brut aufs energischste und greift selbst Knaben, die den Horstbaum ersteigen, mit Krallenhieben an. Beide Eltern tragen den Jungen Nahrung in solcher Fülle zu, daß nicht selten 8–10 kleine Vögel gleichzeitig auf dem Horste liegen, doch ist nur das Weibchen imstande, diese in entsprechender Weise für die Jungen zu zerlegen. So hat man beobachtet, daß junge Sperber, deren Mutter getötet worden war, bei vollbesetzterTafel verhungerten, weil der Vater zu ungeschickt war, ihnen die Speise mundgerecht zu machen. Noch lange nach dem Ausfliegen werden die jungen Sperber von den Eltern geführt und unterrichtet, bis sie dieselbe Meisterschaft im Erhaschen der Beute wie jene erlangt haben; dann müssen sie sich ein anderes Jagdgebiet suchen. Mit reißender Geschwindigkeit streicht der Sperber auf seinen Jagdzügen dicht über die Erde dahin und schießt oft weite Strecken hindurch ohne Flügelschlag durch die Luft und mit angelegten Flügeln pfeilartig durch dichte Baumkronen. Er fliegt meistens niedrig, weiß alle sich ihm entgegenstellenden Hindernisse, wie Hecken und Zäune, leicht zu überwinden, biegt mit unglaublicher Schnelligkeit um scharfe Ecken und überrascht so wie ein Blitz aus heiterem Himmel die kleinen Vögel, deren Futter- und Sammelplätze er genau auszukundschaften versteht. Diese fürchten ihren unheimlichen Feind auch über alles und werfen sich sofort zu Boden oder verkriechen sich in ein nahes Mauseloch.

Der Sperber jagt alle Vögel von der Größe eines Zeisigs bis zu der einer Taube, mit Vorliebe Sperlinge, denen er sogar in vom Menschen besetzte Zimmer folgt. Dabei stößt er in schräger Richtung und von oben herab auf seine Beute, und immer unter einer raschen Schwenkung im Augenblick des Greifens, so daß er seine Beute von unten oder von der Seite zu packen kriegt. Hat der Sperber keinen besonders großen Hunger, so beschreibt er mit seiner Beute zuweilen zierliche Kreise in der Luft, bevor er sie nach Ausrupfen der großen Federn gemächlich auf einem Baumast verzehrt. Knochen, Federn und Haare gibt er wie alle Raubvögel in sogenannten Gewöllen von sich. Junge Nestvögel, namentlich solche, die am Boden ausgebrütet wurden, gehören zu seinem Lieblingsfutter; aber auch die Eier verschont er nicht. Die weit größeren Edelfalken und der Habicht fressen den Sperber als verhaßten Konkurrenten ohne Umstände, wenn sie seiner habhaft werden können. Auch der Mensch verfolgt ihn als überaus schädlichen Räuber gleich dem Habicht, wo er nur kann. Um ihrer habhaft zu werden, stellt er Käfige aus Drahtgitter auf, die unten einen Doppelboden haben, zwischen welchen eine Locktaube gesteckt wird. Oben ist dieser sogenannte Habichtskorb offen, in der Mitte hat er ein Trittholz, das mit einem Schlagnetz in Verbindung steht. Stößt nun der Räuber auf die Taube herab und berührt er das Trittholz, so löst sich alsbald das Schlagnetz aus und bedeckt die obere Abteilung des Korbes.

Eine beliebte Methode, um diese, wie auch die dem Menschenverhaßten kleinen Raubvögel, wie Raben und Elstern zu schießen, besteht in der Anwendung einer Krähen- oder Schuhuhütte. Diese ist auf einem freiliegenden, weithin sichtbaren Hügel angebracht und außen mit Rasen bedeckt. Ein Pfahl mit Querholz trägt den Uhu, den man durch Zerren an einer Schnur zum Flattern bringt, wenn ihn seine Feinde nicht bemerken sollten. Ringsum stehen eingegrabene Bäume mit dürren Ästen, auf denen sich die Vögel niederlassen können und von denen sie herabgeschossen werden können, wenn sie nicht schon beim Losfahren auf den Uhu erlegt werden.

Zum Schlusse geziemt es sich, unter den Vögeln, die mit dem Menschen in engerem Zusammenhange stehen, auch denweißen Storch(Ciconia alba) anzuführen, der im Gegensatz zu seinem einzigen, ebenso weit verbreiteten europäischen Gattungsgenossen, demschwarzen Storch(C. nigra), seit dem hohen Altertum in Sage und Geschichte unzertrennlich mit ihm verbunden ist. Als das Einschlagen des Blitzes verhindernd und überhaupt glückbringend, siedelte er ihn auf den Giebeln seiner Wohnungen und Kirchen an, indem er ihm in einem flachen Korb oder in einem alten Wagenrad Nistgelegenheit bot, die er sonst auf hohen Bäumen mit ausgebreiteten Ästen oder abgebrochenem Wipfel suchte, um hier sein kunstloses Nest aus Stecken, Reisern, Schilfrohr und Erdklumpen zu bauen. Sein würdevolles Betragen, sein gravitätischer Gang und die Eigenschaft, sich von im Boden hausenden und darin die Seelen der darin Bestatteten in sich aufnehmenden Tieren zu ernähren und damit selbst ein Seelenträger zu sein, brachte ihn beim gemeinen Volke von jeher in den Geruch der Heiligkeit und garantierte ihm, als in vermeintlichem Besitze überirdischer Kenntnisse und Gaben seiend, Unverletzlichkeit. Bei den alten Germanen war er der Adebar oder Seelenträger, der die kleinen Kinder den Eltern bringen sollte. Bei den Orientalen zeigt er sich uns in den Märchen von Tausend und einer Nacht als ein verwunschener Prinz, dem die höchste Einsicht in künftiges Geschehen verliehen sein soll. Vom Menschen unterscheide er sich nur durch das Fehlen des Sprachvermögens. Was dem Storche aber an Stimmitteln fehlt, das ersetzt er reichlich durch sein Klappern, das schon von den Jungen im Neste geübt wird, beim Männchen stärker als beim Weibchen ist und bald Freude und Verlangen, bald Hunger, Zorn und Ärger ausdrückt. Mit Klappern erheben sich die Störche, wenn sie gegen Ende August in größeren Trupps nach dem warmen Süden verreisen, mit Klappern begrüßen sie im Frühjahr ihr Nest, wenn Ende Februar oder Anfang März zuerst dasMännchen und einige Tage später das Weibchen nachts in ihre alte Heimat und Niststätte einrücken. Alljährlich kehrt dasselbe Paar dahin zurück, um ihre 3–5 Jungen großzuziehen, die nach dem Ausschlüpfen aus den Eiern noch mehr als zwei Monate hindurch unter der rührenden Pflege und Aufsicht der Eltern im Neste bleiben. In den ersten Tagen würgen ihnen die Alten halbverdauten Futterbrei in den Schnabel, indem sie dessen Spitze in den Mund nehmen, so daß die Jungen nur zu schlucken brauchen. Später würgen sie ihnen das Futter aus dem Kehlsack, zuerst ins Nest hinein, später an dessen Rand, und schließlich lassen sie dieselben ihre tierische Nahrung sich selbst suchen.

Schon die alten Griechen glaubten, wie uns Aristophanes und gleicherweise Aristoteles erzählen, die Störche hätten von alters her ein Gesetz, wonach die Jungen, sobald sie flügge sind, ihre Eltern ernähren müssen. Aristoteles sagt, daß die Störche und andere Vögel, wenn sie verwundet würden, Dosten (origanon) auflegen. Noch der gelehrte Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte: „Man weiß noch nicht, woher die Störche (ciconia) kommen und wohin sie ziehen. Wollen sie fortziehen, so versammeln sie sich an einem bestimmten Orte, wobei keiner fehlt, er schmachte denn in menschlicher Gefangenschaft. Und sie beginnen nun den Zug, als wenn der Tag dazu durch ein Gesetz bestimmt sei. Niemand hat sie wegziehen sehen, obgleich jeder die Anstalten zu ihrem Abzuge bemerkt; ebensowenig sieht man sie zurückkehren, sondern nur, daß sie zurückgekehrt sind; denn beides geschieht zur Nachtzeit. In Asien liegt auf einer weiten Ebene ein Ort, welcher Pythonos Kome heißt; dort versammeln sich die Störche, murmeln, zerreißen den zuletzt kommenden und dann erst ziehen sie weg. Manche behaupten, der Storch habe keine Zunge (tatsächlich hat er eine, aber eine sehr kleine). Wegen Vertilgung der Schlangen wird er so hoch geehrt, daß Leute, die einen töteten, sonst in Thessalien mit dem Tode bestraft wurden. Die Störche kehren jedes Jahr zu ihrem Neste zurück. Die jungen ernähren ihre Eltern, wenn diese schwach werden.“ Und der Grieche Älianos schreibt: „Alexander der Myndier (der ein auch von Athenaios um 200 n. Chr. erwähntes naturgeschichtliches Buch schrieb) sagt, daß die Störche, wenn sie alt geworden sind, nach den im Okeanos gelegenen Inseln ziehen, dort menschliche Gestalt annehmen und für die fromme Liebe, die sie ihren Eltern erwiesen, den Lohn empfangen. Auch wollen die Götter dort, wie ich glaube, ein frommes und heiliges Geschlecht absondern, da ein solches sonst nirgends unter der Sonne ein Plätzchen findet. Mir scheint das keine Fabel. Undwas hätte denn Alexander davon gehabt, wenn er sich solche Fabeln erdacht hätte. Ein verständiger Mann wie er lügt selbst dann nicht, wenn er den größten Vorteil davon haben könnte.“

Ähnliche Verehrung, wie bei den Abend- und Morgendländern der Storch, genoß bei den alten Ägyptern der heilige weißeIbis(Ibis religiosa), der durch das Verschlingen und Wegschaffen von tierischen Leichen ebenfalls als ein Seelenträger galt und als solcher mit besonderen Eigenschaften ausgestattet gewähnt wurde. Der griechische Geschichtschreiber Diodorus Siculus schreibt: „Die Ägypter behaupten, der Ibis nütze durch Vertilgung der Schlangen, Heuschrecken und Raupen“, und Strabon sagt, daß sie in Ägypten, dank ihrer Unverletzlichkeit, sehr zutraulich seien. „In Alexandreia wimmeln alle Straßen von ihnen; sie sind nützlich, weil sie alles Tierische auflesen, namentlich die Abfälle der Fleisch- und Fischmärkte, andererseits aber lästig, da sie alles beschmutzen.“ Sein Kollege Älianos weiß die merkwürdigsten Dinge von diesem, nach ihm der Mondgöttin heiligen Tiere zu berichten, das nie aus Ägypten weggehe, weil dieses Land unter allen das feuchteste sei. Zum Ausbrüten seiner Eier brauche er so viel Tage als der Mond ab- und zunimmt. „Freiwillig wandert der Ibis nicht aus; fängt ihn aber jemand und bringt ihn mit Gewalt fort, so ist alle Mühe vergeblich; denn der Vogel hungert sich zu Tode. Er schreitet ruhig und wie ein Mädchen einher und geht immer nur Schritt vor Schritt. Die schwarzen Ibisse beschützen Ägypten gegen die aus Arabien kommenden geflügelten Schlangen, die weißen Ibisse aber vernichten die Schlangen, welche zur Zeit der Überschwemmung aus Äthiopien kommen. Ägypten wäre verloren, wenn es nicht von Ibissen beschützt würde. Er ist sehr hitziger Natur, frißt Schlangen und Skorpione. Nur sehr selten sieht man einen kranken Ibis. Den ganzen Tag geht er im Schmutze herum, sucht darin nach allerlei Dingen, steckt den Schnabel in alles, badet sich aber erst gehörig ab, bevor er schlafen geht. Um den Katzen zu entgehen, nistet er auf Palmbäumen; denn auf diese klettern die Katzen wegen der daran befindlichen Hervorragungen nicht gern.“ Tatsächlich bevorzugt der Ibis zum Nisten eine Mimosenart, die die Araber der dichten, ungemein dornigen, ja fast undurchdringlichen Äste halberharasi, d. h. die sich Schützende nennen. Aus den Zweigen desharasibesteht auch das innen mit Grashalmen ausgepolsterte flache Nest des Vogels, in welchem die 3–4 Eier ausgebrütet werden.

Zur Zeit der alten Ägypter haben die heiligen Vögel sich höchstwahrscheinlich im Zustande einer Halbgefangenschaft in Tempelhöfen fortgepflanzt. Heute tun sie dies bei guter Pflege nicht allzuselten in unseren Tiergärten. Noch heute stellt man dem Ibis im Sudan nicht nach, obgleich sein schmackhaftes Fleisch die Jagd wohl lohnen würde. So aßen auch die alten Griechen und Römer den Storch nicht. Erst der gottlose einstige Prätor Asinius Sempronius Rufus soll die Sitte, junge Störche zu essen, in Rom eingeführt haben, worauf Horaz in einer seiner Satiren auf seine genußsüchtige Zeitgenossen anspielt.

Wie die Ägypter den heiligen Ibis, so hielten die alten Griechen und Römer das prächtig gefärbtePurpurhuhn(Porphyrio hyacinthinus) in halber Gefangenschaft in den Höfen ihrer Villen und Heiligtümer. So schreibt der Grieche Älian von ihm: „Das Purpurhuhn (porphyríon) ist ein ausgezeichnet schönes Tier. Es badet sich im Staube wie im Wasser, frißt aber nicht gern vor Zeugen, daher am liebsten in einem Versteck. Die Menschen haben es sehr gern und füttern es mit großer Sorgfalt. Es paßt gut in prachtliebende, reiche Häuser, auch in Tempel, und geht in diesen als heiliger Vogel frei umher. Schwelger schlachten den Pfau, der ebenfalls schön ist, aber ich weiß von keinem Menschen, der das Purpurhuhn für die Tafel geschlachtet hätte.“ Mit dem Untergang der alten Kultur verschwand auch dieses Tier wieder aus der Nähe des Menschen.


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