Vorwort.
Im Jahre 1862, also vor genau 50 Jahren, wurde die auf wissenschaftlicher, nämlich vergleichend-anatomischer Grundlage beruhende Haustierkunde von meinem ehemaligen Lehrer, Professor LudwigRütimeyerin Basel, durch die Publikation seiner berühmten „Fauna der Schweizer Pfahlbauten“ begründet. Zehn Jahre vorher, bei Gelegenheit eines ungewöhnlich niedrigen Wasserstandes des Zürichsees, waren bei Meilen die ersten Reste von Pfahlbauten entdeckt worden, denen sich in rascher Folge andere Fundstellen an den übrigen Voralpenseen anschlossen. An Hand des umfangreichen, ihm zur Bestimmung überwiesenen Knochenmaterials konnte Rütimeyer die Zahl der von den Neolithikern der Schweiz gehaltenen Haustiere bestimmen und in unzweifelhafter Weise an ihrem Knochenbau die Merkmale der Haustierschaft gegenüber dem Wildstande feststellen. Woher sie aber kamen und welchen Ursprungs sie waren, auch welche Beziehungen sie zu den Haustieren der geschichtlichen Europäer hatten, das vermochte er allerdings nicht herauszubringen, weil das damals hierfür nötige wissenschaftliche Material fehlte. Doch haben sich in der Folge verschiedene seiner Vermutungen bestätigt. Was er kühn begonnen, führten bedeutende Männer wie Theodor Studer, Konrad Keller, Hermann von Nathusius, Alfred Nehring, Jeitteles, Woldrich u. a. weiter. Und wenn wir auch noch weit davon entfernt sind, die Geschichte der Herkunft, der Abstammung und Wanderung der Haustiere durch die Jahrhunderte genau zu kennen, so haben wir doch so viel erreicht, daß wir wenigstens die Grundzüge derselben ziemlich klar zu überblicken vermögen. Den Stand unseres heutigen Wissens darüber im Zusammenhange zu geben und das Interesse weiterer Kreise, die sich bis jetzt diesem wichtigen Tatsachenmaterial gegenüber gleichgültig verhielten, zu wecken, soll der Hauptzweck dieses Buches sein, das dem Titel gemäß außer den eigentlichen Haustieren auch alle Nutztiere des Menschen in den Kreis seiner Betrachtung einbezieht. Wie bei der zuvor publizierten Kulturgeschichte der Nutzpflanzen wurden besonders die literarischen Zeugnisse des Altertums als für uns wichtig gewürdigt. Dabei wurde wiederum mit derselben Sorgfalt für die Beschaffung von gutem, noch nirgends publiziertem Illustrationsmaterial als einem wesentlichen Bestandteil des hier in Betracht kommenden Urkundenmaterials gesorgt. Möge das Buch dieselbe freundliche Aufnahme wie seine Vorgänger finden.
Basel, im November 1911.
Dr.Ludwig Reinhardt.