Besserung

Besserung

Bald wird meine Kur zu Ende sein. Und, Gott sei Dank, es geht besser, es geht gut. Eine Woche lang war ich ganz verloren und untergesunken, bloß noch krank, bloß noch müde, bloß noch gelangweilt und meiner selbst überdrüssig. Wenig fehlte, so hätte ich mir einen Gummifuß an meinen Stock machen lassen. Wenig fehlte, so hätte ich angefangen, die Kurliste zu lesen. Wenig fehlte, so hätte ich der Unterhaltungsmusik nicht mehr bloß eine Viertel- oder halbe Stunde zugehört, sondern die ganzen, ein- oder zweistündigen Konzerte zu mir genommen, hätte abends statt einer Flasche Bier zwei getrunken. Wenig fehlte, so hätte ich im Kursaal meine ganze Barschaft verspielt. Auch hatte ich mich ein wenig von meinen Tischnachbarn im Hotel einspinnen lassen, lieben, angenehmen Menschen, vor denen ich Respekt habe und von denen ich viel hätte lernen können, hätte ich nicht den alten Fehler gemacht, dies auf dem Wege des Gesprächs zu versuchen. Und Gespräche mit Menschen, denen man nicht im Innersten verbunden ist, sind nun einmal fast immer so öde und enttäuschend. Dazu kommt, daß Fremde, wenn sie mich ansprechen, leider immer den Fachmann in mir sehen und in ihren Gesprächen irgendwiemeinen, auf Literatur und Kunst zu sprechen kommen zu müssen, und natürlich wird dann Blech geschwatzt, und die reizendsten Menschen lernt man von einer Seite kennen, wo sie von den andern elf vom Dutzend nicht zu unterscheiden sind.

Dazu die Schmerzen und schlechtes Wetter, bei dem ich mich täglich neu erkältete (ich begriff jetzt die ewigen Erkältungen meines Holländers), und die furchtbare Kurmüdigkeit – es war eine Reihe von Tagen, deren ich mich nicht rühmen kann. Aber wie das so geht, eines Tages war diese Reihe eben zu Ende. Es kam ein Tag, da war mir alles so entleidet, daß ich vollkommen liegen blieb und nicht einmal mehr zum täglichen Bad zu haben war. Ich streikte, ich blieb einfach liegen, nur einen Tag lang, und vom nächsten Tag an ging es besser. Dieser Tag, an dem die Wende eintrat, ist mir denkwürdig, weil die Wende und Umstellung ganz plötzlich und überraschend kam. Der Mensch wird mit jeder, auch mit der widerwärtigsten Situation fertig, wenn er nur erst will, und so habe auch ich, selbst an den ödesten und deprimiertesten Tagen dieser Kur, mitten in allem Mißmut nie daran gezweifelt, daß ich auch aus diesem Sumpf wieder emporkriechen würde. Das Emporkriechen, das langsame, mühsame Besiegen der Außenwelt, das langsame Suchen und Finden der vernünftigsten Einstellung, das war, wie ich wußte, ein stets gangbarer Weg, es war der sehr gangbare, sehr empfehlenswerteWeg der Vernunft. Von früheren Erlebnissen her kannte ich aber auch den andern Weg, den nicht zu suchenden, nur zu findenden, den des Glücks, der Gnade, des Wunders. Daß das Wunder gerade jetzt mir nahe sei, daß ich aus dem beschämenden Zustand dieser elenden Tage nicht mühsam und staubig auf der Landstraße der Vernunft, des bewußten Trainings, sondern beflügelt auf dem blumigen Weg der Gnade erlöst werden möchte, das hatte ich nicht zu hoffen gewagt.

Am Tage, an dem ich mich wieder aus der Betäubung erhob und zur Fortsetzung der Kur und des Lebens entschloß, war ich zwar etwas ausgeruht, jedoch keineswegs guter Laune. Die Beine schmerzten, der Rücken tat weh, der Nacken war steif, das Aufstehen fiel schwer, schwer der Weg zum Lift und ins Bad, schwer der Weg zurück. Als es endlich Mittag geworden war und ich verdrossen und ohne Appetit zum Speisesaal schlich, nahm ich plötzlich mich selber wahr, war ich plötzlich nicht mehr bloß der Kurgast, der mit schwerfälligem Gebein und freudlosem Gesicht die Hoteltreppen hinunterstieg, sondern war zugleich Zuschauer meiner selbst. Auf irgendeiner der vielen Treppenstufen war es plötzlich da, war ich plötzlich in zwei gespalten, sah mir selber zu, sah diesen appetitlosen Kurgast seine Treppen hinabschleichen, sah ihn die Hand hilfsbedürftig auf die Treppenbrüstung legen, sah ihn am grüßenden Oberkellner vorbei den Speisesaal betreten. Oft schon hatte ich diesen Zustanderlebt, und ich begrüßte es alsbald als ein glückliches Zeichen, daß er mitten in dieser unfruchtbaren und verdrießlichen Epoche plötzlich wieder da war.

Ich setzte mich im hohen hellen Speisesaal an mein einsames rundes Tischlein und sah mir zugleich zu, wie ich mich setzte, wie ich den Stuhl unter mir zurechtrückte und dabei ein wenig auf die Lippen biß, weil es weh tat, wie ich dann mechanisch die Blumenvase in die Finger nahm und mir etwas näher stellte, wie ich langsam und unentschlossen die Serviette aus dem Ringe zog. Da und dort kamen andere Gäste, setzten sich an ihre Tischlein, wie die Zwerge im Schneewittchen, zupften die Serviette aus dem Ring. Der Kurgast Hesse aber war hauptsächlich der Gegenstand meines zuschauenden Ich. Der Kurgast Hesse, mit beherrschtem, aber tief gelangweiltem Gesicht, schenkte ein wenig Wasser in sein Glas, brach ein Stückchen Brot ab, alles nur zum Zeitvertreib, denn er beabsichtigte weder das Wasser zu trinken noch das Brot zu essen, er löffelte spielend seine Suppe, blickte mit stumpfsinnigem Blick zu den anderen Tischen im großen Saal hinüber, blickte zu den mit Landschaften bemalten Wänden empor, schaute dem Oberkellner zu, wie er rasch durch den Saal lief, und den hübschen Saaltöchtern in schwarzen Kleidchen, mit weißen Schürzen. Von den übrigen Kurgästen saßen einige in Gesellschaft oder in Paaren an etwas größeren Tischen, die meisten aber saßen gleich dem Obigen allein vor ihrem einsamen Teller, mitbeherrschtem, aber tief gelangweiltem Gesicht, schenkten langsam etwas Wasser oder Wein in ihre Gläser, zupften am Brot, blickten mit stumpfsinnigem Blick zu den Tischen der andern hinüber, blickten zu den mit Landschaften bemalten Wänden empor, schauten dem eilenden Oberkellner nach und den hübschen Saaltöchtern in schwarzen Kleidchen, in weißen Schürzen. An den Wänden warteten freundlich, dumm und ein wenig verlegen die hübschen Landschaften, und von der Saaldecke herab, Einfälle eines verschollenen Dekorateurs, blickten freundlich und unverlegen vier bemalte Elefantenköpfe, welche mir an früheren Tagen oft Freude gemacht haben, denn ich bin ein Freund und Anbeter der indischen Götter und sah in jedem dieser Köpfe den feinen, klugen, elefantenköpfigen Gott Ganesha, den ich sehr verehre. Und oft, während ich von meinem Tischchen zu den Elefanten hinaufgesehen, hatte ich mich darüber besonnen, woran nun das liege, daß man mir in meiner Kindheit erzählt hatte, der Vorzug des Christentums bestehe hauptsächlich darin, daß es keine Götter und Götzenbilder kenne, und daß ich doch, je älter und klüger ich werde, gerade darin den großen Nachteil dieser Religion sehe, daß sie, außer der wunderbaren katholischen Maria, so gar keine Götter und Götterbilder hat. Ich gäbe viel dafür, wenn zum Beispiel die Apostel, statt etwas langweilige und zu fürchtende Prediger, Götter mit allerlei herrlichen Kräften und Naturzeichen wären, und sehe nur einenschwachen, immerhin willkommnen Ersatz dafür in den Tieren der Evangelisten.

Derjenige nun, welcher mir und den Gästen und dem allem zusah, dem gelangweilt essenden Hesse, den gelangweilt essenden Mitgästen, war nicht der Kurgast und Ischiatiker Hesse, sondern der alte, etwas gesellschaftsfeindliche Eremit und Sonderling Hesse, der alte Wanderer und Poet, der Freund der Schmetterlinge und Eidechsen, der alten Bücher und Religionen, jener Hesse, der sich der Welt entschlossen und kräftig gegenüberstellte und dem es ein tiefes Leid bereitete, wenn er sich von seiner Behörde einen Heimatschein ausstellen lassen oder auch nur den Zettel einer Volkszählung ausfüllen mußte. Dieser alte Hesse, dieses mir in der letzten Zeit etwas fremd gewordene und verloren gegangene Ich, war nun wieder da und schaute uns zu. Es sah, wie der appetitlose Gast Hesse mit lustlos spielender Gabel den schönen Fisch zerstückte und ohne Hunger dennoch Bissen um Bissen in seinen verdrießlichen Mund steckte, es sah, wie er ohne jede Notwendigkeit, ohne jeden Sinn das Wasserglas, das Salzfaß hin und her rückte, die Füße unterm Stuhl bald streckte, bald anzog, wie die andern Gäste dasselbe taten, wie diese gelangweilten Leute vom Oberkellner und von den hübschen jungen Mädchen mit äußerster Sorgfalt bedient und gefüttert wurden, obgleich niemand Hunger hatte, und wie draußen hinter den hohen feierlichen Bogenfenstern des Saales, ineiner andern Welt, die Wolken am Himmel hinzogen. Dies alles sah der geheime Zuschauer, und plötzlich erschien diese ganze Veranstaltung ihm ungeheuer seltsam, drollig und komisch oder auch unheimlich, dies bange, starre Wachsfigurenkabinett von Menschen, die nicht recht lebten, dieser langweilige, ohne Appetit essende Hesse, diese langweiligen anderen. Es war unerträglich lächerlich, unerträglich idiotisch, dies Schauspiel voll sinnloser Feierlichkeit, all diese aufgehäufte Menge von Essen, von Porzellan und Glas, von Silber, Wein, Brot, Dienerschaft, alles für die paar längst satten Gäste, deren Langeweile und Trübsinn weder das Essen noch das Trinken noch der Blick zu den ziehenden Wolken zu heilen vermochte.

Eben hob der Kurgast Hesse sein Wasserglas, nur aus Langeweile, führte es zum Munde, ohne richtig zu trinken, reihte an alle die ratlosen und automatischen Scheinhandlungen dieser Mahlzeit eine neue, da vollzog sich die Vereinigung der beiden Ich, des essenden und des zuschauenden, und plötzlich mußte ich das Glas schnell wegstellen, denn mich erschütterte von innen her eine plötzlich aufgesprungene, ungeheure Lachlust, eine ganz kindische Fröhlichkeit, eine plötzliche Einsicht in die unendliche Lächerlichkeit dieser ganzen Situation. Für einen Augenblick schien mir im Bilde des Saales voll kranker, unlustiger, verwöhnter und träger Leute (wobei ich annahm, es sehe in den Seelen der andern ähnlichaus wie in meiner) unser ganzes zivilisiertes Leben gespiegelt, ein Leben ohne starken Antrieb, zwangsläufig in festgelegten Gleisen rollend, unlustig, ohne Verbindung mit Gott und mit den Wolken am Himmel. Ich dachte einen Augenblick lang an die tausend Speisesäle, in welchen es ebenso aussah, dachte an die hunderttausend Kaffeehäuser mit befleckten Marmortischen und süßer, überwürzter, geil melkender Musik, an die Hotels und Bureaus, an all die Architektur, die Musik, die Gewohnheiten, innerhalb deren unsre Menschheit lebt, und alles schien mir an Bedeutung und Wert ähnlich wie das gelangweilte Spiel meiner müßigen Hand mit der Fischgabel, wie das unbefriedigte öde Hin und Her meiner lieblosen Blicke durch den Saal. Alles zusammen aber, Speisesaal und Welt, Kurgäste und Menschheit, schien mir, einen Augenblick lang, keineswegs entsetzlich und tragisch, sondern bloß ungeheuer lächerlich. Man brauchte ja nur zu lachen, so war der Bann durchstoßen, die Mechanik durchbrochen, so zogen Gott und die Vögel und Wolken durch unsern öden Saal, und wir waren nicht mehr trübe Gäste an der Kurtafel, sondern vergnügte Gäste Gottes an der bunten Tafel der Welt.

Schleunigst setzte ich, wie gesagt, in dieser Sekunde mein Wasserglas weg, von innen her geschüttelt und überflutet von einem großen Gelächter. Es bereitete mir eine große Mühe, dies Gelächter zu bändigen, es nicht explodieren zu lassen. Ach, als Kinder haben wir das sooft erlebt, daß man an irgendeiner Tafel, in irgendeiner Schule oder Kirche sitzt und bis in die Nase und Augen hinauf geladen ist mit mächtiger, wohlbegründeter Lachlust und doch nicht lachen darf und irgendwie damit fertigwerden muß, des Lehrers wegen, der Eltern wegen, der Ordnung und des Gesetzes wegen. Ungern glaubten und gehorchten wir diesen Lehrern, diesen Eltern und waren sehr erstaunt und sind es noch heute, wenn hinter ihren Ordnungen, Religionslehren und Sittenlehren als Autorität jener Jesus stehen sollte, der doch gerade die Kinder seliggesprochen hat. Sollte er wirklich bloß die Musterkinder gemeint haben?

Aber auch diesmal glückt es mir, mich zu beherrschen. Ich bleibe still und fühle nur das Drängen im Hals und den Kitzel in der Nase und suche sehnlich nach irgendeinem kleinen Ventil und Ausweg, einem erlaubten und möglichen Ausweg für das, was mich sonst erstickt. Ob es wohl anginge, den Oberkellner, wenn er wieder vorbeikam, ein wenig ins Bein zu zwicken oder die Saaltöchter mit etwas Wasser aus meinem Glase zu spritzen? Nein, es ging nicht, alles war verboten, es war die alte Geschichte wie vor dreißig Jahren.

Während ich dieses dachte und das Lachen mir zu oberst in der Kehle saß, starrte ich gerade zum Nachbartisch hinüber und ins Gesicht einer mir unbekannten Frau, einer krank aussehenden Dame mit grauem Haar, die einen Krankenstock neben sich an der Wand lehnen hatteund damit beschäftigt war, mit ihrem Serviettenring zu spielen, denn es war gerade eine der Eßpausen und wir alle wandten die gewohnten Mittel an, diese Zeit auszufüllen. Einer las heftig in einer alten Zeitung; man sah deutlich, daß er sie längst auswendig wußte, dennoch schluckte er, aus Langeweile, wieder und wieder die Nachricht vom Unwohlsein des Herrn Präsidenten und den Bericht über die Tätigkeit einer Studienkommission in Kanada hinunter. Eine alte Jungfer mischte zwei Pülverchen in ihrem Glas, Medizinen, um sie dann nach dem Essen einzunehmen. Sie sah ein wenig aus wie eine von den gefürchteten älteren Damen in den Märchen, welche Zaubermittel zum Schaden andrer und hübscherer Leute mischen. Ein elegant und müde aussehender Herr, wie aus einem Roman von Turgenjew oder Thomas Mann, blickte distinguiert und wehmutvoll auf eine der an die Wand gemalten Landschaften. Am besten gefiel mir noch unsre Riesin, sie saß in untadeliger Haltung und in guter Laune, wie fast immer, vor ihrem leeren Teller und sah weder böse noch langweilig aus. Dagegen jener strenge moralische Herr mit den Falten und dem starken Nacken lastete wie ein ganzes Schwurgericht auf seinem Stuhle und machte ein Gesicht, als habe er soeben seinen eigenen Sohn zum Tode verurteilt, während er doch bloß einen Teller voll Spargeln gegessen hatte. Herr Kesselring, der rosige Page, sah auch heute noch hold und rosig, doch ein wenig gealtert und bestaubtaus, er schien keinen guten Tag zu haben, und das Grübchen auf seiner Kinderwange schien heute ebenso unwahrscheinlich und überflüssig wie das Päckchen pikanter Bilderchen in seiner Brusttasche. Wie seltsam und drollig war das alles! Warum saßen wir alle so da und warteten und grinsten? Warum aßen wir und warteten auf weitere Speisen, da wir doch alle längst nicht mehr hungrig waren? Warum strich Kesselring sein poetisches Haar mit einem winzigen Taschenbürstchen, warum trug er jene dummen Bilder in seiner Tasche, warum war diese Tasche mit Seide gefüttert? Alles war so unbegründet und unwahrscheinlich. Alles reizte so heftig zum Lachen.

Und ich starrte also in das Gesicht der alten Dame. Da ließ sie auf einmal ihren Serviettenring los und blickte mich an, und während wir einander einen Augenblick anstarrten, stieg mir das Lachen ins Gesicht, und ich konnte nicht anders, ich grinste die Frau mit all dem in mir aufgestauten Gelächter auf das freundlichste an, es zog mir den Mund auseinander und lief zu den Augen heraus. Was sie nun über mich dachte, weiß ich nicht, aber sie reagierte prachtvoll. Zuerst senkte sie schnell ihren Blick und nahm eilig ihr Spielzeug wieder in die Hand, aber ihr Gesichtwar unruhig geworden, und während ich mit der größten Neugierde zuschaute, verzog es sich mehr und mehr und ließ sich auf die sonderbarsten Grimassen ein. Sie lachte! Sie kämpftegrimassierend und schluckend gegen den Lachtrieb, mit dem ich sie angesteckt hatte! Und so saßen denn wir beide, den Hotelgenossen als gesetzte ältere Leute bekannt, wie die Schulkinder an unseren Plätzen, blickten vor uns hin, schielten eins zum andern, und unsre Gesichter arbeiteten zuckend, um des Lachens Meister zu bleiben. Zwei, drei andere im Saal bemerkten es und fingen an, vergnügt und etwas spöttisch zu lächeln, und, als wäre eine Fensterscheibe zerbrochen und der blauweiße Himmel hereingeflossen, lief für Minuten eine frohe und kitzelnde Stimmung, ein Schmunzeln durch den ganzen Saal, als habe jedermann es nun ebenfalls bemerkt, wie unsäglich blöde und lächerlich wir in unsrer Kurwürde und langweiligen Traurigkeit dagesessen hatten.

Seit jenem Augenblick geht es mir wieder gut, ich bin nicht mehr bloß Kurgast, auf das Kranksein und Kurieren spezialisiert, sondern die Krankheit und Kur ist wieder zur Nebensache geworden. Weh tut es ja immer noch, das ist nicht zu leugnen. Aber so soll es denn in Gottes Namen wehtun; ich überlasse die Krankheit sich selber, ich bin nicht dazu da, ihr den ganzen Tag den Hof zu machen.

Nach Tische sprach mich ein Hotelgast an, ein mir recht unsympathischer Herr mit vielen Meinungen, der mir schon häufig Zeitungen angeboten und Unterhaltungen aufgenötigt hatte; erst kürzlich hatte ich in einem längeren äußerst langweiligen Gespräch über Schulwesenund Erziehung allen seinen bewährten Grundsätzen und Meinungen rückhaltlos und ergebenst zugestimmt. Nun kam er wieder daher, der Typ, aus seinem gewöhnlichen Hinterhalt im Korridor, und stellte sich vor mir auf.

„Guten Tag,“ sagte er, „Sie sehen ja heute sehr vergnügt aus!“

„Gewiß, ich bin sehr vergnügt. Ich habe während des Mittagessens einige Wolken am Himmel ziehen sehen, und da ich bisher der Meinung gewesen war, diese Wolken seien bloß aus Papier und gehörten zur Saaldekoration, war ich nun sehr froh über die Entdeckung, daß es richtige und wirkliche Luft und Wolken waren. Sie sind vor meinen Augen davongeflogen, sie waren nicht numeriert und an keiner hing ein Zettel mit dem Verkaufspreis. Sie können sich denken, wie froh ich darüber bin. Die Wirklichkeit existiert noch, mitten in Baden! Es ist wunderbar!“

O wie wenig schön war das Gesicht, das der Herr zu meinen Worten machte!

„So, so,“ sagte er so gedehnt, daß er eine Minute dazu brauchte. „Also Sie haben geglaubt, es gebe keine Wirklichkeit mehr! Ja, wenn ich fragen darf, was verstehen Sie denn unter Wirklichkeit?“

„Oh,“ sagte ich, „das ist philosophisch eine komplizierte Frage. Aber praktisch kann ich sie ganz leicht beantworten. Unter Wirklichkeit, mein Herr, verstehe ichziemlich genau dasselbe, was man sonst auch ‚Natur‘ nennt. Jedenfalls verstehe ich unter Wirklichkeit nicht das, was uns hier in Baden beständig umgibt; nicht Kur- und Krankengeschichten, nicht diese Rheumatismusromane und Gichtdramen, nicht Promenade und Kurkonzert, Menus und Programme, nicht Bademeister und Kurgäste.“

„Wie, also auch die Kurgäste sind für Sie keine Wirklichkeit? Also zum Beispiel ich, der Mann, der mit Ihnen redet, soll keine Wirklichkeit sein?!“

„Es tut mir leid, ich möchte Sie gewiß nicht verletzen, aber in der Tat sind Sie für mich ohne Wirklichkeit. Sie sind, so wie Sie sich mir darstellen, ohne jene überzeugenden Züge, die uns das Wahrgenommene zum Erlebten, das Geschehen zur Wirklichkeit machen. Sie existieren, mein Herr, dies kann ich nicht bestreiten. Sie existieren aber auf einer Ebene, welche einer zeitlich-räumlichen Wirklichkeit in meinen Augen ermangelt. Sie existieren, möchte ich sagen, auf einer Ebene des Papieres, des Geldes und Kredits, der Moral, der Gesetze, des Geistes, der Achtbarkeit, Sie sind ein Raum- und Zeitgenosse der Tugend, des kategorischen Imperativs und der Vernunft und vielleicht sind Sie sogar mit dem Ding an sich oder mit dem Kapitalismus verwandt. Aber Sie haben nicht die Wirklichkeit, die mich bei jedem Stein oder Baum, bei jeder Kröte, bei jedem Vogel unmittelbar überzeugt. Ich kann Sie, mein Herr, bis insUnermessene billigen, achten, ich kann Sie anzweifeln oder gelten lassen, aber es ist mir unmöglich, Sie zu erleben, es ist mir völlig unmöglich, Sie zu lieben. Sie teilen dies Schicksal mit Ihren Verwandten und werten Angehörigen, mit der Tugend, der Vernunft, dem kategorischen Imperativ und mit allen Idealen der Menschheit. Ihr seid großartig. Wir sind stolz auf euch. Aber wirklich seid ihr nicht.“

Der Herr riß seine Augen sehr auf.

„Wenn Sie nun aber zufällig meine Handfläche auf Ihrem Gesicht spüren sollten, wären Sie dann von meiner Wirklichkeit überzeugt?“

„Sollten Sie dies Experiment ausführen, so wäre es erstens Ihr Schade, denn ich bin kräftiger als Sie und bin im Augenblick wunderbar frei von allen moralischen Hemmungen; aber außerdem würden Sie auch durch den so freundlich angebotnen BeweisIhr Ziel nicht erreichen. Ich würde auf Ihr Experiment zwar mit jenem ganzen, so wundervoll spielenden Apparat der Selbsterhaltung reagieren, aber Ihr Angriff würde mich nicht von Ihrer Wirklichkeit, von der Existenz einer Person und Seele bei Ihnen überzeugen. Wenn ich den Zwischenraum zwischen zwei elektrischen Polen mit meinem Arm oder Bein ausfülle, so setze ich mich ebenfalls einer Entladung aus, ohne daß ich deshalb den elektrischen Strom für eine Persönlichkeit, für ein Wesen von meiner Art halten würde.“

„Sie sind eine Künstlernatur, nun ja, der mag manches erlaubt sein. Es scheint, daß Sie den Geist, das begriffliche Denken, hassen und befehden. Meinetwegen, mögen Sie das tun. Aber wie stimmt das, Sie Dichter, mit so vielen Ihrer eigenen Äußerungen? Ich kenne Sätze, Artikel, Bücher von Ihnen, in denen Sie durchaus das Gegenteil predigen und sich zu Vernunft und Geist bekennen, statt zur vernunftlosen und zufälligen Natur, wo Sie für Ideen eintreten und das Geistige als oberstes Prinzip anerkennen. Wie steht es nun damit, he?“

„So, tu ich das? Ja, das mag schon sein. Ich habe das Unglück, sehen Sie, daß ich mir selber stets widerspreche. Die Wirklichkeit tut das immer, bloß der Geist tut es nicht und die Tugend nicht und Sie nicht, sehr wenig geehrter Herr. Zum Beispiel nach einem scharfen Marsch im Sommer kann ich vom Verlangen nach einem Becher voll Wasser völlig besessen sein und Wasser für das wunderbarste Ding in der Welt erklären. Eine Viertelstunde später, wenn ich getrunken habe, ist nichts auf Erden mir so uninteressant wie Wasser und Trinken. Ebenso halte ich es mit dem Essen, mit dem Schlafen, mit dem Denken. Mein Verhältnis zum sogenannten ‚Geist‘ zum Beispiel ist genau dasselbe wie das zum Essen oder Trinken. Manchmal gibt es nichts in der Welt, was mich so heftig anzieht und mir so unentbehrlich scheint wie der Geist, wie die Möglichkeit der Abstraktion, der Logik, der Idee. Dann wieder, wenn ichdavon satt bin und das Gegenteil brauche und begehre, ekelt aller Geist mich an wie verdorbenes Essen. Ich weiß aus Erfahrung, daß dies Verhalten für willkürlich und charakterlos, ja, für unerlaubt gilt, doch habe ich nie verstehen können, warum? Denn ebenso wie ich zwischen Essen und Fasten, Schlafen und Wachen beständig abwechseln muß, muß ich auch zwischen Natürlichkeit und Geistigkeit, zwischen Erfahrung und Platonismus, zwischen Ordnung und Revolution, zwischen Katholizismus und Reformationsgeist beständig hin und her pendeln. Daß ein Mensch sein Leben lang immer und immer den Geist verehren und die Natur verachten kann, immer Revolutionär und niemals Konservativer sein kann oder umgekehrt, das scheint mir zwar sehr tugendhaft, charaktervoll und standhaft, aber es scheint mir auch ebenso fatal, widerlich und verrückt, als wenn einer immerdar essen oder immerdar nur schlafen wollte. Und doch beruhen alle Parteien, politische und geistige, religiöse und wissenschaftliche, auf der Voraussetzung, ein so verrücktes Verhalten sei möglich, sei natürlich! Auch Sie, Herr, finden es nicht richtig, daß ich zu einer Stunde heftig in den Geist verliebt bin und ihm das Unmögliche zutraue, zu einer andern Stunde aber den Geist hasse und ausspeie und statt seiner Unschuld und Fülle der Natur aufsuche! Warum denn? Warum finden Sie das Natürliche charakterlos, das Gesunde und Selbstverständliche unerlaubt? Wenn Sie mir das erklärenkönnen, dann will ich mich gerne mündlich und schriftlich in allen Punkten als geschlagen bekennen. Ich werde Ihnen dann so viel Realität zugestehen, als mir nur irgend möglich ist, einen ganzen Heiligenschein von Wirklichkeit werde ich Ihnen verleihen. – Aber sehen Sie, Sie können es eben nicht erklären! Sie stehen da, und unter Ihrer Weste ist wohl ein gegessenes Menu, aber kein Herz, und in Ihrer täuschend nachgeahmten Hirnschale ist wohl Geist, aber keine Natur. Ich habe nie etwas so lächerlich Unwirkliches gesehen wie Sie, Sie Rheumatiker, Sie Kurgast! Das Papier schimmert Ihnen ja durch die Knopflöcher, der Geist rinnt Ihnen ja aus den Nähten, Mensch, innen ist ja nichts als Zeitung und Steuerzettel, Kant und Marx, Plato und Zinstabelle. Wenn ich blase, sind Sie weg! Wenn ich an meine Geliebte denke oder auch nur an eine kleine gelbe Schlüsselblume, so genügt das, um Sie völlig aus der Realität hinwegzudrücken! Sie sind kein Gegenstand, Sie sind kein Mensch, Sie sind eine Idee, eine öde Abstraktion.“

Und in der Tat, als ich, etwas heftig geworden, aber bei bester Laune, den Arm mit der geballten Faust ausstreckte, um der Figur ihre Irrealität zu beweisen, da fuhr die Faust durch ihn hindurch, und weg war er. Erst jetzt bemerkte ich, stehenbleibend, daß ich ohne Hut das Haus verlassen und das einsame Flußufer aufgesucht hatte; allein stand ich unter den schönen Bäumen, und das Wasser zog und rauschte. Und wieder einmal war ichleidenschaftlich dem Gegenpol des Geistes zugetan, war innig und trunken verliebt in die dumme gesetzlose Welt des Zufalls, in das Spiel der Sonnen- und Schattenflecke am hellrosigen Boden, in die vielen Melodien des strömenden Wassers. Ach, diese Melodien kannte ich! Ich erinnerte mich eines Flusses, an dessen Ufer ich einst in Indien gesessen war, als Kamerad eines alten Fährmanns, sein Name fiel mir nicht mehr ein, vor tausend Jahren, berauscht vom Gedanken der Einheit, nicht minder berauscht vom Spiel der Mannigfaltigkeit und des Zufalls. Ich dachte an meine Geliebte, an das Stück ihrer Ohrmuschel, das zwischen ihren Haaren hervorschaut, und war von Herzen bereit, alle Altäre, welche ich jemals der Vernunft und der Idee errichtete, zu verleugnen und einzureißen und einen neuen Altar zu bauen, jener halb sichtbaren, geheimnisvollen Ohrmuschel zu Ehren. Daß die Welt eine Einheit und dennoch voller Vielfalt ist, daß Schönheit nur im Vergänglichen möglich, daß Gnade nur dem Sünder erlebbar ist, für diese und hundert andere tiefe und ewige Wahrheiten konnte ebensogut jene holde Ohrmuschel Symbol und heiliges Zeichen sein wie irgendeine Isis, ein Vishnu oder eine Lotosblume.

Wie rauschte unter mir im steinigen Bette der Fluß, wie sang das Mittagslicht an den gefleckten Platanenstämmen auf und nieder! Wie schön war es zu leben! Vergessen und verweht war jene tolle Lachlust vomSpeisesaal, Tränen standen mir in den Augen, tiefe Mahnung rief mir aus dem Rauschen des heiligen Flusses, mein Herz war voll Friede und Dankbarkeit. Jetzt erst wurde, indem ich unter den Bäumen lange hin und wider ging, der Abgrund von Verdrossenheit, Verirrung, Leid und Torheit mir sichtbar, in dem ich diese letzte Zeit gelebt hatte! Mein Gott, wie kläglich sah es mit mir aus, wie wenig brauchte es, um mich zu einem ekelhaften feigen Kerl zu machen! Ein wenig Krankheit und Schmerzen, ein paar Wochen Kurleben, eine Periode von Schlaflosigkeit, und schon versank ich bis zum Hals in schlechte Laune und Verzweiflung. Ich, der die Stimme indischer Götter gehört hatte! Wie gut, daß diese böse Bezauberung endlich durchbrochen war, daß wieder Luft, Sonnenlicht und Wirklichkeit mich umgab, daß ich wieder göttliche Stimmen vernahm, wieder Andacht und Liebe im Herzen fühlte!

Aufmerksam durchlief ich im Gedächtnis diese schmählichen Tage, betrübt und verwundert, traurig und auch lachend über alle die Torheiten, die mich eingesponnen hatten. Nein, nun brauchte ich den Kursaal nicht mehr zu besuchen, auch den so würdevollen Spielsaal nicht, jetzt war ich nicht mehr in Verlegenheit, wie ich meine Zeit herumbringen solle. Der Zauber war gelöst.

Und wenn ich heute, wenige Tage vor dem Ende meiner Kur, darüber nachdenke, wie das so kommen konnte, wenn ich die Ursache meines Niedergangs und all dieserbeschämenden Erlebnisse suche, dann brauche ich nur irgendeine Seite dieser Notizen zu lesen, um die Ursache deutlich zu sehen. Nicht meine Phantastik und Träumerei, nicht mein Mangel an Moralität und Bürgerlichkeit war daran schuld, sondern genau das Gegenteil. Ich war gerade allzu moralisch, allzu vernünftig, allzu bürgerlich gewesen! Ein alter, ewiger Fehler, den ich hundertmal begangen und bitter bereut habe, ist mir auch diesmal wieder passiert. Ich wollte mich einer Norm anpassen, ich wollte Forderungen erfüllen, die gar niemand an mich stellte, ich wollte etwas sein oder spielen, was ich gar nicht war. Und so war es mir wieder einmal geschehen, daß ich mich selbst und das ganze Leben vergewaltigt hatte.

Ich hatte etwas sein wollen, was ich nicht war. Wie denn? Ich hatte aus meiner Ischias eine Spezialität gemacht, hatte die Rolle des Ischiatikers, des Kurgastes, des der bürgerlichen Umgebung sich anpassenden Hotelgastes gespielt, statt einfach zu bleiben der ich war. Ich hatte Baden, hatte die Kur, hatte meine Umgebung, hatte meine Gliederschmerzen viel zu wichtig genommen, ich hatte mir in den Kopf gesetzt, durch Abbüßung dieser Kur gesundwerden zu müssen. Auf dem Wege der Buße, der Strafe, der Werkheiligkeit, durch Bad und Waschung, Arzt und Brahmanenzauber hatte ich erreichen wollen, was nur auf dem Weg der Gnade erreicht werden kann.

Immer ist es mir so ergangen. Auch diese famose Badepsychologie, die ich mir da im warmen Wasser ausgebrütet habe, ist so ein Streich, ist ein Versuch, das Leben gedanklich zu vergewaltigen, und mußte mißlingen und sich rächen. Weder bin ich, wie ich mir eine Weile einbildete, der Vertreter einer besonderen Ischiatiker-Philosophie, noch gibt es überhaupt eine solche Philosophie. Es gibt auch die Weisheit der Fünfzigjährigen nicht, von der ich in der Vorrede phantasiert habe. Es mag ja sein, daß mein heutiges Denken ein wenig anders ist als vor zwanzig Jahren, aber mein Fühlen und Sein, mein Wünschen und Hoffen ist nicht anders, ist weder klüger noch dümmer geworden. Heut wie damals kann ich bald ein Kind, bald ein alter Mann sein, bald zwei Jahre alt, bald tausend. Und meine Versuche, mich der normierten Welt anzupassen, den Fünfzigjährigen und Ischiatiker zu spielen, bleiben ebenso ergebnislos wie mein Versuch, mich mit Ischias und Baden durch das Mittel meiner Psychologie zu versöhnen.

Es gibt zwei Wege zur Erlösung: den Weg der Gerechtigkeit, für die Gerechten, und den Weg der Gnade, für die Sünder. Ich, der ich ein Sünder bin, habe wieder den Fehler begangen, es mit der Gerechtigkeit zu versuchen. Nie wird sie mir gelingen. Und sie, süße Milch für den Gerechten, ist für uns Sünder Gift, sie macht uns böse. Es ist mein Schicksal, daß ich diese Versuche, diese Fehlgänge wieder und wieder machen muß, wie esauch im Geistigen mein Schicksal ist, daß ich, der ich ein Dichter bin, stets von neuem den Versuch unternehmen muß, die Welt, statt mit der Kunst, mit dem Denken zu bewältigen. Immer wieder tue ich diese weiten und mühsamen, einsamen Gänge, versuche es inständig mit der Vernunft, und immer endet es mit einem Zustand von Leid und Verirrtsein. Aber immer wieder folgt diesem Tod auch die Neugeburt, immer wieder rührt Gnade mich an, und das Leid und Verirrtsein ist nicht mehr schlimm, die Fehlgänge sind gut gewesen, die Niederlagen sind köstlich gewesen, denn sie haben mich zurück ans Herz der Mutter geworfen, haben mir von neuem das Erlebnis der Gnade ermöglicht.

Und so will ich aufhören, auf mich selbst los zu moralisieren, ich will die Vernunft- und Psychologieversuche, will die Kurversuche, will die Niederlagen und Verzweiflungen nicht schelten, nicht bereuen, will mich nicht mehr anklagen. Es ist ja alles gut geworden. Ich höre ja die Stimme Gottes wieder, es ist ja alles gut.

Wenn ich mich heut in meinem Zimmer Nummer 65 umsehe, dann geht es mir komisch, nämlich ich empfinde im Gedanken an den baldigen Abschied für dies Zimmer ein Heimatgefühl, der Abschied tut mir schon im voraus ein wenig weh. Wie oft habe ich hier am kleinen Tisch meine Blätter vollgeschrieben, manchmal voll Freude und im Gefühl, ich tue da etwas Wertvolles, manchmal voll Mißmut und Unglauben und doch der Arbeithingegeben, dem Versuch des Verstehens und Erklärens oder wenigstens des aufrichtigen Bekennens! Wie oft habe ich in diesem Lehnstuhl meinen Jean Paul gelesen! Wieviel halbe und ganze Nächte lag ich schlaflos in diesem Alkovenbett, in mich selbst versenkt, mit mir hadernd, mich rechtfertigend, mich selbst und meine Leiden als ein Gleichnis, als ein Rätselbild empfindend, dessen Deutung und Lösung einmal glücken müsse! Wieviel Briefe habe ich hier empfangen und geschrieben, Briefe von Unbekannten und an Unbekannte, denen mein in Büchern gespiegeltes Wesen verwandt erscheint, die in Frage und Bekenntnis, in Anklage und Beichte bei dem ihnen verwandt Scheinenden dasselbe suchen, was auch ich in meinen Geständnissen und Dichtungen suche: Klarheit, Trost, Rechtfertigung und neue Freude, neue Unschuld, neue Liebe zum Leben! Wieviel Gedanken, wieviel Launen, wieviel Träume haben mich hier in diesem kleinen Raum besucht! Hier habe ich am trüben müden Morgen mich zum Bade aufgerafft und in den schmerzenden und steifen Gliedern den Tod vorausgefühlt, die bange Schrift der Vergänglichkeit gelesen; hier habe ich an manchem guten Abend meine Phantasien gesponnen oder mit dem Holländer gekämpft. Hier habe ich, an jenem glücklichen Tage, damals meiner Geliebten die Vorrede der Psychologie vorgelesen und sah ihre Freude über die kleine Ehrung für Jean Paul, den auch sie so sehr liebt. Und schließlich ist doch diese ganze BadenerZeit, diese Kur, diese Krisis, dieses Verlieren und Wiederfinden des Gleichgewichts für mich eine wichtige Epoche gewesen.

Und wie schade ist es, daß ich das Liebes- und Heimatgefühl für dies kleine Hotelzimmer nicht schon vor drei oder vier Wochen gelernt habe! Aber lassen wir es nun sein, wie es eben ist. Genug, daß ich dies Zimmer und Hotel, den Holländer, die Kur wenigstens heute annehmen, lieben und mir zu eigen machen kann. Ich sehe jetzt, wo meine Badener Tage zu Ende gehen, daß es hier in Baden sehr hübsch ist. Ich glaube, ich könnte monatelang hier leben. Ich müßte es eigentlich tun, schon um vieles wieder gutzumachen, was ich hier gesündigt habe, an mir selbst, an der Vernunft, am Kurbetrieb, an meinen Zimmer- und Tischnachbarn. Habe ich nicht, an einigen ganz pessimistischen Tagen, sogar am Doktor gezweifelt, an der Aufrichtigkeit seiner Versicherungen, am Wert der Hoffnungen, die er mir machte? Nein, vieles wäre da gutzumachen. Und was zum Beispiel berechtigte mich, Anstoß an der geheimen Bildergalerie des Herrn Kesselring zu nehmen? War ich denn ein Sittenrichter? Hatte ich denn nicht selber meine Liebhabereien, die auch nicht jeder billigen würde? Und warum sah ich in jenem moralischen Herrn mit den Falten bloß den Bürger, den Egoisten und anmaßenden Richter über andere? Ich hätte ebensogut einen Römer, einen monumental stilisierten tragischen Helden aus ihmmachen können, untergehend an der eigenen Härte, leidend an der eigenen Gerechtigkeit. Und so weiter; tausend Versäumnisse wären wieder gutzumachen, tausend Sünden und Lieblosigkeiten zu büßen – wenn ich nicht eben erst den Bußweg verlassen und mich der Gnade anheimgegeben hätte. Lassen wir also die Sünden Sünden sein und seien wir froh, wenn es uns glückt, eine Weile keine neuen anzuhäufen!

Indem ich mich nochmals über den Abgrund der vergangenen bösen Tage beuge, sehe ich in der Tiefe, fern und klein, ein gespenstisches Bild gespiegelt: den Kurgast Hesse, bleich und öde mit degoutiertem Gesicht vor seinen Mahlzeiten sitzend, ein armer Kerl ohne Witz und Phantasie, grau vor Unausgeschlafenheit, ein liebloser kranker Mensch, der seine Ischias nicht besitzt, sondern von ihr besessen wird. Schaudernd wende ich mich hinweg, froh, daß dieser arme Kerl nun gestorben ist und mir nicht mehr begegnen kann. Er ruhe in Frieden!

Wenn man die Sprüche des Neuen Testaments nicht als Gebote nimmt, sondern als Äußerungen eines ungewöhnlich tiefen Wissens um die Geheimnisse unsrer Seele, dann ist das weiseste Wort, das je gesprochen wurde, der kurze Inbegriff aller Lebenskunst und Glückslehre, jenes Wort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, das übrigens erstaunlicherweise auch schon im Alten Testamente steht. Man kann den Nächsten weniger lieben als sich selbst – dann ist man der Egoist, der Raffer, derKapitalist, der Bourgeois, und man kann zwar Geld und Macht sammeln, aber kein recht frohes Herz haben, und die feinsten und schmackhaftesten Freuden der Seele sind einem verschlossen. Oder man kann den Nächsten mehr lieben als sich selbst – dann ist man ein armer Teufel, voll von Minderwertigkeitsgefühlen, voll Verlangen, alles zu lieben, und doch voll Ranküne und Plagerei gegen sich selber, und lebt in einer Hölle, die man sich täglich selber heizt. Dagegen das Gleichgewicht der Liebe, das Liebenkönnen, ohne hier oder dort schuldig zu bleiben, diese Liebe zu sich selbst, die doch niemandem gestohlen ist, diese Liebe zum andern, die das eigne Ich doch nicht verkürzt und vergewaltigt! Das Geheimnis alles Glücks, aller Seligkeit ist in diesem Wort enthalten. Und wenn man will, so kann man es auch nach der indischen Seite hin drehen und ihm die Bedeutung geben: Liebe den Nächsten, denn er ist du selbst!, eine christliche Übersetzung des „tat twam asi“. Ach, alle Weisheit ist so einfach, ist schon so lange, schon so genau und unzweifelhaft ausgesprochen und formuliert worden! Warum gehört sie uns nur zuzeiten, nur an den guten Tagen, warum nicht immer?


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