Chapter 7

Du holdes Wesen, bei des Mondes BlinkenSeh’ in deinem blauen Aug’ mein Glück ich winken.

Du holdes Wesen, bei des Mondes BlinkenSeh’ in deinem blauen Aug’ mein Glück ich winken.

Du holdes Wesen, bei des Mondes BlinkenSeh’ in deinem blauen Aug’ mein Glück ich winken.

Du holdes Wesen, bei des Mondes Blinken

Seh’ in deinem blauen Aug’ mein Glück ich winken.

Ich war von dieser Kategorie sehr enttäuscht, die Hersteller dieser Postkarten hatten offenbar vom Liebesleben mehr nur den konventionellen und uninteressanten Teil wahrgenommen. Immerhin notierte ich mir einige jener Verse, als Beispiele populärer Dichtung aus unsrem Zeitalter, zum Beispiel diesen:

Mit dem geliebten Wesen Hand in Hand,Das ist mein Ideal, der Seelen heilig Band.

Mit dem geliebten Wesen Hand in Hand,Das ist mein Ideal, der Seelen heilig Band.

Mit dem geliebten Wesen Hand in Hand,Das ist mein Ideal, der Seelen heilig Band.

Mit dem geliebten Wesen Hand in Hand,

Das ist mein Ideal, der Seelen heilig Band.

So wenig meisterlich der Vers uns auch erscheinen möge, er war klassisch im Vergleich mit der Abbildung, die er begleitete. Ein junges Mädchen, dessen Kopf offensichtlich vom Wachsmodell eines Friseurladens entlehnt war, saß auf einer Bank unter Bäumen, und ein junger Herr in sehr gutem Anzug stand vor ihr, damit beschäftigt, seine Glacéhandschuhe an- oder auszuziehen.

Vor diesen Bildern stand ich denn auch heute wieder eine Weile, und da ich dabei Öde und Langeweile empfand und ein heftig brennendes Verlangen, diese ganze, an sich so schätzenswerte Welt der Konzerte, der Spieler, der korrekten Brautpaare und der Rüblibilder hinter mich zu bringen, schloß ich die Augen und flehte im Herzen Gott um Rettung an, denn wie ich fühlte, war ich nicht weit von einem Anfall tiefer Enttäuschtheit und faden Lebensekels entfernt, welche Anfälle mich zu meinem Jammer immer dann überraschen, wenn ich eben gutgewillt und ernsthaft den Versuch mache, mein Eremiten- und Sonderlingtum abzustreifen und Glück und Leid der Majorität zu teilen.

Und Gott half mir. Kaum hatte ich die Augen zugetan und mein Herz von der Kur- und Rübliwelt abgewandt, voll inniger Sehnsucht nach einem Gruß und Klang aus anderen, mir vertrauteren, mir heiligeren Sphären, da kam mir der erlösende Einfall. Es gab nämlich in unserem Hotel eine entlegene, nicht allen Gästen bekannte Ecke, wo unser Wirt, der viele solche liebenswerte Züge hat, zwei gefangene junge Marder in einem Drahtgefängnis von humanem Umfange hält. Nach den Mardern zu sehen, fühlte ich plötzlich ein Gelüste, gab blindlings nach, lief ins Hotel zurück und suchte das Verlies der Tiere auf. Kaum war ich bei ihnen, so war alles gut, ich hatte genau das gefunden, was ich in diesem kritischen Augenblick brauchte. Diebeiden edlen, schönen Tiere, zutraulich und neugierig wie Kinder, ließen sich leicht aus ihrem Schlafloche locken, rannten, von der eigenen Kraft und Gelenkigkeit berauscht, in tollen Sprüngen durch den weiten Käfig, machten wieder am Gitter bei mir halt, atmeten heftig mit rosigen Schnauzen und schnoberten feuchtwarm an meiner Hand. Mehr hatte ich nicht gebraucht. In diese klaren Tieraugen zu blicken, diese herrlichen bepelzten Meisterwerke und Gottesgedanken zu sehen, ihren warmen lebendigen Atem zu fühlen, ihren scharfen wilden Raubtiergeruch zu riechen, das genügte, um mich vom unversehrten Vorhandensein aller Planeten und Fixsterne, aller Palmenwälder und Urwaldflüsse beruhigend zu überzeugen. Die Marder waren mir Gewähr für das, wofür ja der Anblick jeder Wolke, jedes grünen Blattes Gewähr genug hätte sein sollen; aber ich hatte eben dieser stärkeren Beweise bedurft.

Die Marder waren stärker als die Ansichtskarten, als das Konzert, als der Spielsaal. Solang es noch Marder gab, noch Duft der Urwelt, noch Instinkt und Natur, solange war für einen Dichter die Welt noch möglich, noch schön und verheißungsvoll. Aufatmend fühlte ich den Alpdruck schwinden, lachte mich selber aus, holte für die Marder ein Stück Zucker und schlenderte befreit in den Abend hinaus. Die Sonne stand schon dicht am Rand der Waldberge, von leichtemgoldnem Gewölk durchwehtes Blau strahlte hell und kindlich über dasTal meiner Irrungen, lächelnd fühlte ich meine gute Stunde kommen, dachte an meine Geliebte, spielte mit entstehenden Versen, spürte Musik, spürte Glück und Andacht durch die Welt wehen, warf anbetend alle Last des Tages von mir und schwang mich, Vogel, Falter, Fisch, Wolke, hinüber in die frohe, vergängliche, kinderhafte Welt der Gestaltungen.

Von diesem Abend, an dem ich spät, müde und glücklich heimkehrte, will ich hier nicht berichten. Meine ganze Ischiatiker-Philosophie möchte mir dabei aus dem Leime gehen. Glücklich, müde und singend kam ich nachts zurück, und siehe, auch der Schlaf floh mich heute nicht, auch er, der so scheue Vogel, kam vertraulich und nahm mich auf blauem Flügel ins Paradies.


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