Chapter 22

Hans Thoma, seine Jugend- und Volkskunst

Hans Thoma, seine Jugend- und Volkskunst

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Der Meister, dessen Kunst gleich treffsicher das Natürliche und Idyllische ländlichen Lebens, wie das Romantische und Majestätische in der Darstellung verschiedener Landschafts-Charaktere aussprechen, der mit derselben Naivität und Innerlichkeit heitere antikische Stoffe und Phantasien, wie tiefernste christliche Ideen und Vorgänge behandeln kann, begeht am 2. Oktober d. J. seinen 70. Geburtstag. Ein volles halbes Jahrhundert schöpferischer Arbeit und unermüdlichen Schaffens liegt hinter ihm. Überblickt man die ungewöhnlich große Fülle von Werken und Gestaltungen, die Thomas Künstlerwille hervorgebracht hat, so kann man ohne Einwand wohl sagen, daß dem Meister kein Schaffensgebiet verschlossen, keine Ausdrucksweise versagt geblieben sei.

Reine und nur durch die Gegenwart bedingte Freude an den Dingen, die auch alltägliche Gegenstände und Vorgänge in eine vollkommene und oft traumhafte Schönheit hinaufheben kann, bildet den Urgrund von Thomas Kunst. Solche Unbeschwertheit im Genusse der Erscheinungsformen gehört nur der Jugend als Eigentum an. Es ist deshalb auch leicht begreiflich, daß der schaffensgewaltige Meister ein besonderes und liebevolles Verhältnis zur Jugend hat, und es ist mehr als ein familiärer Zufall, es hat eine tiefe sachliche Bedeutung, wenn Thoma die Bilanz seines menschlichen und künstlerischen Seins im „Herbste des Lebens“ einem Kinde widmet, und wenn er in demABC-Bilderbuchund in seinenMalbücherneinen Extrakt seiner Kunst der Jugend darbietet.

Es ist wohl ein einziger Fall, daß ein Künstler von der Bedeutung Thomas direkt an die Jugend sich wendet. Nicht etwa, daß er eine Auswahl seiner Werke, in das übliche Albumformat gesammelt, darbietet. Nein, er vereinfacht und überträgt seine Werke geradezu in die jugendlichem Genießen gemäße Einfachheit.

Das klassische Beispiel dieses Kunstschaffens ist das schon erwähnteABC-Bilderbuch(s. umstehend). Eine ganze Anzahl Thomascher Bilder und Studien hat hier für die einzelnen Buchstaben des Alphabetes den einfachsten und charakteristischsten Ausdruck gefunden. Eine Fibel, ein erstes Lesebuch, ist daraus entstanden, ein ethisches und bildnerisches Erziehungsmittel ersten Ranges.

Die gleiche glückliche Hand hat Thoma in seinen „Malbüchern“*bewiesen.

1839Prof. Hans Thoma1909

1839Prof. Hans Thoma1909

Thoma hat darin Landschaftseinheiten mannigfaltiger Art zu ungewöhnlich vereinfachten Zeichnungen zusammengefaßt und diese Bildungen durch wenige, flächenhaft aufgesetzte Töne zu lebendiger Wirkung gebracht. Wie frische Aquarelle wirken diese ernsten Schwarzwaldmotive, diese heiteren Rheingegenden, diese lachenden Mainlandschaften und diese majestätischen Alpenseen. Eine prachtvolle Vorschule des Schauens und Bildens ist in diesen ungemein lebensvollen Landschaften für die Jugend gegeben. Schon die reizvollen Umschläge verraten den großen und wirkungsvoll gestaltenden Künstler, der die Hefte so reich und instruktiv ausgestattet hat. Form- und Raumbildung lassen sich hier ebenso gründlich studieren, wie der Stimmungsgehalt der Farben und des Lichtes zu seinem Rechte kommt.

Dem Geist der Zeit folgend, hat der Verlag die obengenannten Malbücher und einen Teil des ABC-Buches auch alsPostkarten-Malbücherherausgegeben. Auf diese Weise werden die feinen und sinnigen Thomaschen Blätter in erweiterter Weise zweckdienlich und für Sender und Empfänger erfreulich.

Mit den „Kunstgaben“**der Berliner Freien Lehrervereinigung für Kunstpflege — die ebenfalls beiJos. ScholzinMainzverlegt werden — ist der Wirkungskreis Thomascher Kunst wesentlich ausgedehnt worden. Hier erklingt der Ruf nicht nur an die Jugend, sondern ins Volk in seinem breitesten Begriffe. Nicht hoch genug ist dieses kunsterzieherische Unternehmen für die ästhetische Bildung weitester Kreise zu bewerten.

Man denke: sechzehn ausgezeichnete Reproduktionen nach Gemälden, Lithographien, Radierungen und Federzeichnungen Thomas für eine Mark —eine Mark!—: das ist eine Mission zugunsten künstlerischer Gesunderhaltung und Erstarkung von unschätzbarem Wert. Diese Kunstgaben bilden ein kleines Thoma-Museum, das nicht bloß eine Ahnung, sondern einen vollen Einblick in das keusche und große Wesen Thomaschen Schaffens gewährt.

Landschaft und Figurenbild, Phantasie und Humor, Religiöses und Mythologisches, Idyllisches und Dramatisches ist hier geboten mit einer Einfachheit und Klarheit der Gestaltung, mit einer deutschen Kraft und Innigkeit des Empfindens, daß ein unerschöpflicher Schatz an deutschen Gemütskräften dem empfindenden Betrachter zuteil wird.

Jugend und Volk, die unter dem erziehlichen Einfluß solch gesunder Kunst stehen, bleiben gesund. Sie sammeln und nehmen mit dieser keuschen, stillen und ergreifenden Schönheit einen Halt ins Leben mit, der durch seine reine Sinnlichkeit sich als das beste Bollwerk gegen die vielfachen sinnlichen Überreizungen der Zeit erweist.

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Als Festgabe zum 70. Geburtstage des Meisters erschien soeben als Doppelheft:

Die hier angezeigten Bücher sind durch alle guten Buch- und Kunsthandlungen zu beziehenMan achte beim Kauf auf die Verlagsfirma Jos. Scholz, Mainz oder die Schutzmarke J. S. M. im Dreieck

Spamersche Buchdruckerei in Leipzig


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