Chapter 3

Der Name Thoma hat für den Deutschen heut einen guten und heimeligen Klang. Es ist uns bei seinem Namen, als sähe uns jemand an mit treuen, deutschen Augen, in denen unendliche Güte und Liebe liegt, Güte für die Menschen und Liebe zu allen Dingen, die um uns sind, die wir von Kindheit her uns gewannen mit suchender, staunender Seele. All das, was uns lieb und wert ist, das zeigt uns Thoma in seiner Kunst, ja er erschließt es uns erst, bringt uns zum Bewußtsein, was in uns schlummerte, daß nun unsere Seele mitschwingt und mitzittert, wenn er das vor uns stellt und sagt: Sieh da, das habe ich geschaut, das habe ich mit liebendem Sinn in mir getragen, und nun will ich’s euch geben, daß es euch freue, wie es mich gefreut hat.

Der Name Thoma hat für den Deutschen heut einen guten und heimeligen Klang. Es ist uns bei seinem Namen, als sähe uns jemand an mit treuen, deutschen Augen, in denen unendliche Güte und Liebe liegt, Güte für die Menschen und Liebe zu allen Dingen, die um uns sind, die wir von Kindheit her uns gewannen mit suchender, staunender Seele. All das, was uns lieb und wert ist, das zeigt uns Thoma in seiner Kunst, ja er erschließt es uns erst, bringt uns zum Bewußtsein, was in uns schlummerte, daß nun unsere Seele mitschwingt und mitzittert, wenn er das vor uns stellt und sagt: Sieh da, das habe ich geschaut, das habe ich mit liebendem Sinn in mir getragen, und nun will ich’s euch geben, daß es euch freue, wie es mich gefreut hat.

Aus der Freude an den Dingen ist ja Thomas Kunst geboren. Er ist ein rechter Genosse der Dürer, Schwind und Richter. Es ist das Unaussprechliche in seiner Kunst, das jeder, der unseres Volkes ist, mit seinem Gefühl umgreift, das sich ahnungsvoll in unsere Seele stiehlt und uns froh und glücklich macht.

Dieses Heitere, Frohe, das Friede- und Ruhevolle ist auch in Thomas Landschaftskunst, die einen wesentlichen Teil seines Schaffensgebietes umfaßt. In traumvoll schönen Bildern erzählt er uns von dem heimischen Schwarzwald, von Rhein und Taunus, von der ewigen Gletscherwelt, vom immer wechselnden Meer und vom heißen, sonnigen Italien. Aber wohin er auch geht, es ist nicht das Äußere, Zufällige, von dem er berichtet. Er nimmt es erst ganz auf in seine Seele, er verarbeitet es innerlich, und dann bannt er das, was ihm bedeutsam erscheint, auf die Leinwand. Er hat ein außerordentliches Erinnerungsvermögen, die Andeutung der Kontur und einige allgemeine Farbbemerkungen genügen ihm, um nach Jahren noch ein Bild in voller Deutlichkeit vor seinen Augen wiedererstehen zu lassen. Sind doch die Hochgebirgsbilder, die zum Gewaltigsten deutscher Landschaftskunst gehören, in der Werkstatt nach flüchtigen Skizzen entstanden. Henry Thode erzählt: „Mich wollte es beim Einblick in Thomas Skizzenbücher bedünken, als gäbe es nicht ein Blättchen, nicht eine Blume, nicht ein Geäst, nicht eine Wolkenform, nicht ein Tier, nicht eine Körperbewegung, über die er sich nicht in seiner Lernzeit mit dem Stifte gewissenhaften Aufschluß verschafft, als habe er die Formen- und Farbensprache der Natur bis in jede Einzelheit auswendig gelernt.“ Daher kommt es denn aber auch, daß er alles Zufällige auszuscheiden weiß, daß er die großen, bedeutenden Züge vereinen kann und so Bilder entstehen, von denen jedes ein anderes ist als das ihm voranging, ein anderes in Stimmung, Aufbau, in der Technik, im ganzen Gehalt.

Thomas Landschaften gehören ihrem innersten Wesen nach zu den Bildern, welche die großen deutschen Maler der Vergangenheit schufen, wenn sie Landschaften gaben, und zu ihm finden sich die besten Landschafter der Gegenwart. Etwas Gemeinsames ist ihnen allen, und wenn Thoma von dem Franzosen Courbet viel gelernt hat, er gehört doch auch gerade in seinen Landschaften zu den Cranach und Grünewald, Dürer, Caspar David Friedrich, Ludwig Richter, Schwind, Lugo, und zu ihm gehören Haider, Steinhausen, Edmund Steppes.

Hans Thoma war bis zu seinem 20. Lebensjahr in seinem Heimatdorf, droben im Schwarzwald. Er lebte in und mit der Natur, und daher hat er sich die große Kenntnis der deutschen Landschaft und die Liebe zu ihr geholt. Dieser Schatz, den er in der Jugend gewann, machte ihn reich für sein ganzes Leben. Er geht nicht auf in Farben- und Beleuchtungsproblemen, so ernstlich er mit ihnen gerungen hat und so großseine Kraft auch war, Sieger über sie zu werden, es ist mehr als das in seinen Bildern.

Diese Bäche, die von den Bergen rinnen, der Friede über dem Taunuswald, dieses helle Licht im „Lichterfüllten Tal“, der Durchblick unter der „Schwarzwaldtanne“ auf die Häuser mit den tief herabgehenden Dächern, es ist etwas tief Seelisches in ihnen allen.

Wenn er, wie in so vielen seiner Bilder, uns von Italien erzählt, es ist auch da immer etwas, das uns sofort erkennen läßt: Ein Deutscher schuf diese Bilder, einer, der mit uns lebt und der von unsern Freuden weiß und unsers Herzens ist. Über das heitere und Liebliche hinweg aber schreitet er zum Erhabenen, Gewaltigen der Gletscherwelt. Er hat da Bilder geschaffen, die uns von der Größe des Hochgebirges erzählen, wie vor ihnen nur die Bilder Segantinis. Für viele waren diese Bilder eine Überraschung, für die, welche Thomas Welt sich ganz zu eigen gemacht, waren sie eine frohe Bestätigung dessen, was sie tief innerlich von dem Meister gewußt hatten.

Wer vor den Bildern Thomas zu schweigen weiß und sie innig betrachtet, mit liebendem Auge eindringt in ihre Welt und sich ihnen öffnet, dem werden sie Stunden froher Offenbarung geben.

Thoma-Worte.

Das Behagen, das in der Ausübung einer Kunsttätigkeit liegt, ist sehr groß, und man darf wohl annehmen, daß der Künstler ein bevorzugter Mensch sei. Deshalb dürfte auch das bißchen Lebensmisere, auch wenn es oft viel ist, das zudem der Künstler mit allen anderen Menschen gleichmäßig zu tragen hat, nicht zu wichtig genommen werden. Das Verkennen der Mitwelt, das ja leider hier und da auch vorkommt, dürfte auch nur dem Ehrgeiz einen Stoß geben, aber das eigentliche Wesen darf es nicht irritieren.Die Anfänge der Kunst werden immer instinktiver Natur sein. Die Erziehung vollzieht sich unbewußt — die Grundlage wird gelegt zu einer nachfolgenden bewußten Erziehung und Ausbildung, welche immer so bewußt sein soll, daß sie die unbewußte Erziehung, dies Kapital, respektiert.Die Kunst ist halt doch eine eigene Sache, am Ende ist sie gar kein Prinzip, keine Theorie, sondern eine Lebensäußerung, die an Persönlichkeiten gebunden ist und nur durch Persönlichkeit am Leben erhalten werden kann.Nach sechsmonatlichem Unterricht in der Antikenklasse durfte ich Schirmerschüler werden, d. h. ich ging in den Schwarzwald und malte dort nach der Natur, und mit welchem Eifer! Bracht, mein Mitschüler, kam auch, und in unserm Eifer gingen wir oft des Morgens fort, zwei Stunden weit in ein wildes Tal, um — einen Stein, einzelne Pflanzen zu malen, die wir, wie wir eigentlich selber sahen, ebensogut hinter dem Haus in Bernau hätten malen können; wir stritten uns auch wohl um die Motive, die jeder zuerst entdeckt haben wollte, die wir aber doch zuletzt friedlich, meist gemeinschaftlich, malten. Diese Studien waren von äußerster Gründlichkeit und Sachlichkeit — über nichts wurde hinweggegangen. Es gab damals noch keine Theorie „moderner Errungenschaft“ im Farbensehen — das war auch gut für uns.Es war anfangs Juni, in Freiburg hatte ich übernachtet und machte mich am Morgen auf zu dem achtstündigen Weg nach Bernau. Das ganze Sommerglück ruhte auf meiner Seele, als ich rüstig durch die Wälder hinan in die Berge hinaufschritt. So ganz im jugendlichen Vollgefühle, der Mittelpunkt der Welt — denn alles gehörte ja mein, was ich sah, für mich war die Welt da. Ich fühlte mich als das, was man seit Nietzsche heutzutag eine „Herrennatur“ nennt. Am Mittage, als ich die höchste Höhe meiner Wanderung erstieg, die „Halde“, ballten sich die den Vormittag verklärenden weißen Wolken zu einem Gewitter zusammen, das über der Rheinebene stand, fast unter mir; seine Blitze zuckten bis in die Berge hinüber, der Donner klang mir wie ein Jauchzen des Übermutes in der Natur — Regenschauer wechselten mit Sonnenblicken. Es kam so etwas wie Schöpferfreude über mich — denn war nicht diese Großartigkeit und Pracht für mich da? — war ich nicht dazu berufen, sie zu sehen? Stille Anbetung und fröhliches Jubeln erfüllten meine Seele, und hätte ich Worte gefunden, so wäre mein Gesang ein Psalm gewesen.Die Rückkehr in die kleine Akademie in Karlsruhe schob ich immer so lang wie möglich hinaus. Öfters ging ich, um nicht in Freiburg übernachten zu müssen und den Zug nach Karlsruhe zu erreichen, in Bernau spät nach Mitternacht fort. Durch die schneereiche, mit schwachem Mondlicht beleuchtete Novembernacht, nach schwerem Abschied von den Lieben, ging ich ins Tal hinunter — die Felsen und die rauschenden Wasserfälle gebärdeten sich ganz wild in der unheimlichen Nachtstille; wie war es mir doch so schwer ums Herz, wie so gar dunkel lag die Zukunft vor mir — die Sorge, wie es weiter mit mir gehen werde. Nach vierstündigem Wandern ging der Mond unter, und ich mußte durch einen dunklen Wald, in dem der beschneite Weg mich leitete — aber auch Sorgen machen furchtlos, und sie waren stärker als alle Nachtgespenster. Auf der Haldenhöhe, von wo ich einst in das Sommergewitter hineingejubelt hatte, begann ein Schein, wie von einer schwachen Dämmerung, die Schneehalden aufzuhellen — ein Rosaviolett erhob sich aus dem Dunkel — ein kaum merklicher Farbenhauch, der nur auf der Reinheit des weißen Schnees sich geltend machen konnte — aus diesem Rosa wuchs der Morgen herauf. Auf der letzten Höhe über Freiburg lag dieses und das ganze Rheintal eingehüllt in dichten Nebel — oben auf den Bergen war der helle Morgenschein — die Sonne brach herauf — aber ich mußte hinuntersteigen in den Nebel; grau war Freiburg, grau die Fahrt nach Karlsruhe, und es blieb mir lange das Gefühl, als ob der Schwarzwald golden wäre.

Das Behagen, das in der Ausübung einer Kunsttätigkeit liegt, ist sehr groß, und man darf wohl annehmen, daß der Künstler ein bevorzugter Mensch sei. Deshalb dürfte auch das bißchen Lebensmisere, auch wenn es oft viel ist, das zudem der Künstler mit allen anderen Menschen gleichmäßig zu tragen hat, nicht zu wichtig genommen werden. Das Verkennen der Mitwelt, das ja leider hier und da auch vorkommt, dürfte auch nur dem Ehrgeiz einen Stoß geben, aber das eigentliche Wesen darf es nicht irritieren.

Die Anfänge der Kunst werden immer instinktiver Natur sein. Die Erziehung vollzieht sich unbewußt — die Grundlage wird gelegt zu einer nachfolgenden bewußten Erziehung und Ausbildung, welche immer so bewußt sein soll, daß sie die unbewußte Erziehung, dies Kapital, respektiert.

Die Kunst ist halt doch eine eigene Sache, am Ende ist sie gar kein Prinzip, keine Theorie, sondern eine Lebensäußerung, die an Persönlichkeiten gebunden ist und nur durch Persönlichkeit am Leben erhalten werden kann.

Nach sechsmonatlichem Unterricht in der Antikenklasse durfte ich Schirmerschüler werden, d. h. ich ging in den Schwarzwald und malte dort nach der Natur, und mit welchem Eifer! Bracht, mein Mitschüler, kam auch, und in unserm Eifer gingen wir oft des Morgens fort, zwei Stunden weit in ein wildes Tal, um — einen Stein, einzelne Pflanzen zu malen, die wir, wie wir eigentlich selber sahen, ebensogut hinter dem Haus in Bernau hätten malen können; wir stritten uns auch wohl um die Motive, die jeder zuerst entdeckt haben wollte, die wir aber doch zuletzt friedlich, meist gemeinschaftlich, malten. Diese Studien waren von äußerster Gründlichkeit und Sachlichkeit — über nichts wurde hinweggegangen. Es gab damals noch keine Theorie „moderner Errungenschaft“ im Farbensehen — das war auch gut für uns.

Es war anfangs Juni, in Freiburg hatte ich übernachtet und machte mich am Morgen auf zu dem achtstündigen Weg nach Bernau. Das ganze Sommerglück ruhte auf meiner Seele, als ich rüstig durch die Wälder hinan in die Berge hinaufschritt. So ganz im jugendlichen Vollgefühle, der Mittelpunkt der Welt — denn alles gehörte ja mein, was ich sah, für mich war die Welt da. Ich fühlte mich als das, was man seit Nietzsche heutzutag eine „Herrennatur“ nennt. Am Mittage, als ich die höchste Höhe meiner Wanderung erstieg, die „Halde“, ballten sich die den Vormittag verklärenden weißen Wolken zu einem Gewitter zusammen, das über der Rheinebene stand, fast unter mir; seine Blitze zuckten bis in die Berge hinüber, der Donner klang mir wie ein Jauchzen des Übermutes in der Natur — Regenschauer wechselten mit Sonnenblicken. Es kam so etwas wie Schöpferfreude über mich — denn war nicht diese Großartigkeit und Pracht für mich da? — war ich nicht dazu berufen, sie zu sehen? Stille Anbetung und fröhliches Jubeln erfüllten meine Seele, und hätte ich Worte gefunden, so wäre mein Gesang ein Psalm gewesen.

Die Rückkehr in die kleine Akademie in Karlsruhe schob ich immer so lang wie möglich hinaus. Öfters ging ich, um nicht in Freiburg übernachten zu müssen und den Zug nach Karlsruhe zu erreichen, in Bernau spät nach Mitternacht fort. Durch die schneereiche, mit schwachem Mondlicht beleuchtete Novembernacht, nach schwerem Abschied von den Lieben, ging ich ins Tal hinunter — die Felsen und die rauschenden Wasserfälle gebärdeten sich ganz wild in der unheimlichen Nachtstille; wie war es mir doch so schwer ums Herz, wie so gar dunkel lag die Zukunft vor mir — die Sorge, wie es weiter mit mir gehen werde. Nach vierstündigem Wandern ging der Mond unter, und ich mußte durch einen dunklen Wald, in dem der beschneite Weg mich leitete — aber auch Sorgen machen furchtlos, und sie waren stärker als alle Nachtgespenster. Auf der Haldenhöhe, von wo ich einst in das Sommergewitter hineingejubelt hatte, begann ein Schein, wie von einer schwachen Dämmerung, die Schneehalden aufzuhellen — ein Rosaviolett erhob sich aus dem Dunkel — ein kaum merklicher Farbenhauch, der nur auf der Reinheit des weißen Schnees sich geltend machen konnte — aus diesem Rosa wuchs der Morgen herauf. Auf der letzten Höhe über Freiburg lag dieses und das ganze Rheintal eingehüllt in dichten Nebel — oben auf den Bergen war der helle Morgenschein — die Sonne brach herauf — aber ich mußte hinuntersteigen in den Nebel; grau war Freiburg, grau die Fahrt nach Karlsruhe, und es blieb mir lange das Gefühl, als ob der Schwarzwald golden wäre.


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