The Project Gutenberg eBook ofLaubstreuThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: LaubstreuAuthor: Irene Flemming Forbes-MosseRelease date: October 3, 2019 [eBook #60416]Most recently updated: October 17, 2024Language: GermanCredits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LAUBSTREU ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: LaubstreuAuthor: Irene Flemming Forbes-MosseRelease date: October 3, 2019 [eBook #60416]Most recently updated: October 17, 2024Language: GermanCredits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.)
Title: Laubstreu
Author: Irene Flemming Forbes-Mosse
Author: Irene Flemming Forbes-Mosse
Release date: October 3, 2019 [eBook #60416]Most recently updated: October 17, 2024
Language: German
Credits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.)
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Irene Forbes-Mosse / Laubstreu
Irene Forbes-Mosse
Deutsche Verlags-Anstalt StuttgartBerlin und Leipzig1923
✶Alle Rechte vorbehaltenDruck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart
✶
Zwei Menschen wanderten im toskanischen Lande. Sie hielten sich fern von den großen Städten. Nicht aus Menschenscheu; denn große Liebe ist wie der Panzer des Ritters ohne Furcht und ohne Tadel. Aber es war in der Frühlingsvollendung ein Ermatten über sie gekommen, und in den kleinen, grauen Nestern, wo das Land mit tausend blühenden Obstbäumen, die Hügel hinan, gegen die alten Mauern zu Felde zog, ließen sich die letzten Tropfen mit trägeren, tieferen Zügen trinken. Hier waren nur einfache Menschen, die die Erde umgruben oder vor den Häusern saßen mit ihren Handwebstühlen und Korbflechtereien: irgendein graues Steinwappen über der Tür deutete wohl zurück in alte, streitsüchtige Zeiten, aber in diesem gleichmütigen Sonnenschein dachte man nicht an sie, streichelte ein Kätzchen, lächelte einem braunen Mädchen zu, das mit schönen überfließenden Kupfergefäßen vom Brunnen kam; da war kein Peitschenknallen, kein Menschengedräng, keine großen, weltberühmten Bauten, die beiden aus ihrem Behagen aufzuschrecken, wenn sie durch das silberne Land schlafwandelten, das sie anzublinzeln schien wie eine heimlich Verbündete. Ohne Plan gingen sie, hügelan und hügelab, zwischen Mauern auf engen gepflasterten Wegen, über die der Schattentanz der Olbäume zitterte, oder die Mauern hörten auf, und man sah weit aus ins Grau, ins Silber, von Mandel und Pfirsich und Kirsche weiß und rosig getupft; feine Kirchtürme ragten, zart und erlesen, und immerneue Hügel taten sich auf, breitschultrig und grau und gütig.
So kamen sie einmal zu einer kleinen Kirche, bei der ein paar verwitterte Denksteine standen und lagen, von wildem Salbei umwuchert; seitwärts eine niedere Mauer, das Gärtchen umschließend, wo eben der Pfarrer, mit geschürztem Kleide, die Gießkanne in der Hand, zwischen Artischocken und Brokkoli und süßduftendem Goldlack umherging. Als er die Fremden erblickte, kam er herbei, trocknete sich die Hände und stellte seine Führerdienste freundlich und selbstverständlich zur Verfügung. Denn in dem Kirchlein war ein schönes Grabmal von berühmter Hand, das weiß und unverletzt in der Verlassenheit ruhte, wie in Italien nicht selten, wo in weltvergessenen Winkeln die zartesten Wunder leben, als sei die Schönheit mit zerrissener Perlenschnur durchs Land gegangen, achtlos, wohin die schimmernden Tropfen rollten.
Sie traten in die Dämmerung der Kirche. Überall schälte sich der Bewurf von den Mauern, daß der zartrosa Ziegel und Überreste früher Fresken sichtbar wurden: hier eine flehende Hand, ein Stück blauen Gewands, dort ein runder Baumwipfel, mit Früchten und Vögeln beladen. Aber der Altar glänzte in neuer Ölfarbe und vergoldetem Zierat, und an den Wänden hingen die Stationen des Leidenswegs in grellbunten Bildern. Da – in einer Seitenkapelle – blieb alles zurück, das Grabmal lag so rührend in seiner wehrlosen Schönheit und hatte doch – wie einsteinereine Jungfrau ihreHeimatstadt vor der Pest bewahrte – die verwitterte Kapelle vor Kelle und Kalktopf und schlimmerer Unbill bewahrt.
Eine Schwester hatte es ihrem Bruder errichtet in jener Zeit, da man durch Werke selig und unselig wurde und es dafür wohl weniger Gedankensünden gegeben hat. Die Furchen des hagern, nachdenklichen Gesichts waren leicht bestaubt; in jeder Mantelfalte, zwischen den ums Schwert gefalteten Fingern hatte sich Staub angesammelt; so war der Ausdruck, trotz des dämmerigen Lichts, deutlich, gleichsam unterstrichen. Es lag freigebige, menschliche Güte auf diesen Lippen, ja ein wenig gutmütiger Spott zuckte in der Wange, schien hinüberzuwinken in eine spätere Zeit; aber die Stirn war entschlossen und sorgenvoll, und die Hände, zum Halten wie zum Geben tauglich, würden nicht lange die betende Stellung bewahrt haben, hätten sie gefühlt, wie jemand den schönziselierten Schwertknauf berührte.
An der Mauer gegenüber war die Grabstelle der Schwester, eine lateinische Inschrift an der Wand, und auf der Erde, da, wo ihr Sarg versenkt war, eine Marmorplatte mit eingemeißeltem Wappen und Federgekräusel. Sie hatte nur wenig Jahre nach dem Bruder gelebt, seinen Namen geehrt, sein Gut verwaltet und hier, bei seiner Ruhestätte, in der spitzfindigen Demut jener Zeit als Franziskanerin gekleidet, die ewige Ruhe gefunden, nachdem sie ihr Eigentum verteilt und im Hofe ihres Landhauses täglich alle die Elenden, die Bettler undKranken und Krüppel gestärkt und verbunden hatte. Aus den alten Scheiben fiel Regenbogenlicht wie ein Schmetterlingsschwarm über die Ranken und Zacken des Wappenschilds. Ach, war es nicht schön und stolz, nach stillen, nützlichen Jahren hier zu ruhen, dem einen nahe, dem ihr ganzes Leben, wie selbstgesponnene und -gewobene Leinwand unter die Füße gebreitet war? Was auch sonst ihre kleinen, verbrauchten Jungfrauenhände geschafft und gewirkt, wieviel Wunden sie gewaschen, wieviel Brot sie verteilt hatten,dieseLiebe war der Wein ihres Lebens gewesen ...
Die Frau trat zum Grabmal des Bruders zurück und legte ihre Hand in die sanfte Mulde zwischen Schulter und Brustwölbung, erschaffen, um ein schlafendes Haupt zu stützen, und bei Frauen eben groß genug, um ein Kinderköpfchen aufzunehmen.
Und es ging ihr ein schmerzliches Entzücken durchs Herz, wie eine Seligkeit, die man nicht nennen, nicht festhalten kann, kurz vor dem Erwachen in der Frühe, wenn der Traumfaden immer feiner wird und abreißt ohne Schluß.
Als sie nun wieder aus der Kirche herauskamen, sah die Frau, sich wendend, um Abschied zu nehmen, zu einem kindlich in Stein geschnittenen Neste über dem Türbogen empor, darin sich ein Pelikan für seine Jungen die Brust zerfleischte.
»Das ist,« sprach der Pfarrer, ihrem Blicke folgend, »unsere Heilige-Mutter-Kirche, die sich den Sündern undVerirrten hingibt und die Traurigen und Mühseligen an ihr Herz nimmt wie der Pelikan seine Kinder ...«
Wie katholisch, dachte die Frau. Dieser freundliche Mann will jedem, der mit den Wellen kämpft, ein Ruder hinhalten, ihn daran zurückziehen in die große Familienarche. Seine Religion hat so viel Winkel und Schnörkel und Ruhepunkte wie die alten gotischen Dome, in deren Zacken und Simsen Tauben nisten.
Dann schnitt der Pfarrer Goldlack für sie ab, und wie sie so dastand, halb noch zurückgewendet, hätte sie in der Demut ihres Herzens am liebsten still ein Kreuz geschlagen; auch tat es ihr leid, daß er gemerkt hatte, daß sie nicht zu seiner Kirche gehörten, und so gütig und ausführlich hatte er ihnen doch alles erklärt. Darum hätte sie das symbolische Zeichen, das niemand schaden kann und dem alten Manne heilig war, gern angebracht; aber sie war nicht allein und verpaßte den Augenblick, und wenn man in Gefühlssachen nachdenkt, so unterläßt man Dinge, die eigentlich so einfach sind.
Nach Jahren kam sie allein zurück. Sie bewohnte ein kleines Fremdenheim am äußersten Gürtel der Stadt, wo sie in kurzer Zeit ins freie Land gelangen konnte. Es war Sommer, und den ganzen Tag ging die Feile der Zikaden von den Platanen der Ringstraße. Feigen gab es in Überfluß, an jeder hing die reife Süßigkeit wie ein klarer Bernsteintropfen; aber Rosen gab es nicht mehr. Die Erde war wie gebacken, die Hecken an den Wegen staubgepudert und leblos; auf der Windseite hatten dieZypressen einen grauen Überzug, und die Luft schmeckte nach Staub; es würde noch Wochen dauern, bis Regen kam. Wenn sie dann am Abend ihr Fenster auftat und die noch glühende Luft hereindrang, dachte sie manchesmal an jungen Buchenwald in ihrer Heimat, wenn sich die Kronen nach einem Regenschauer dehnen, oder an die Wiesen daheim, noch ungemäht, wo zwischen Erlen und Haseln der Bach schlüpft, übervoll, durchsichtig braun mit goldenem Sonnengekringel; aber doch sehnte sie sich nicht fort. Ihre Bekannten hatten längst die Stadt verlassen, aber das Losreißen wurde ihr schwerer denn je, ach, überall hatten sich Wurzeln ihres Herzens festgesaugt. Nun war die Zeit, da die fliegenden Buden der Limonadenverkäufer aus der Erde schossen, mit unzähligen, vielfarbigen Flaschen, mit Papiergirlanden und baumelnden Zitronen geschmückt; arme Kinder gingen und kauften sich Eis, löffelweis, für zwei Centesimi, und das winzige Schwesterchen, dem ein kleiner Papierfächer am Ärmchen hing, leckte zuerst, und der große Bruder leckte auch, aber eigentlich tat er nur so, damit das Schwesterchen alles bekäme. Die Militärmusik spielte auf den Plätzen, und schöne sonnenbraune Ammen, die mit ihren bunten, getollten Haarbändern wie eine Versammlung königlicher Georginen breitschultrig auf allen Bänken saßen, die Bambini mit den Samtaugen streichelnd und ihre braunen Brüste darreichend, schwatzten mit heiseren toskanischen Kehllauten und wiesen beim Lachen ihre kleinen, gesunden, feuchtglitzernden Zähne. Aber auchdrinnen in der Stadt verlegte sich das Leben mehr und mehr auf die Straße. Aus all den Rembrandthöhlen der Schuster und Schreiner tauchten alte und junge Gestalten und schafften vor offenen Türen; und bei offenen Türen auch übte der Barbier seine Kunst aus, in seiner weißen Jacke geschmeidig wie ein Hermelin. Als wäre man mitten in eine Komödie von Goldoni geraten, oder als sollte im nächsten Augenblick die Musik zum »Liebestrank« einsetzen und Doktor Dulcamaras Wunderkarren auf den Platz rollen. Nun war die Zeit, daß die Statuen und Gemälde in den verlassenen Galerien ihr zu winken schienen: »Wie, du willst gehen? Bleibe, wir sind allein, wir wachen und reden, Heidengötter und Christengötter, alle hat uns die Schönheit angehaucht mit ihrem unvergänglichen Kuß.« Und um sie alle wob die Einsamkeit immer wieder jene feine, befremdende Luftschicht, die erlesene Kunstwerke umgibt, anlockend und abwehrend und niemals ganz bezwungen.
Aber das liebste von allem waren ihr die stillen Höfe der Kirchen, die früher Klöster gewesen sind. Mit ihren großen, schläfrigen Katzen, dem heißen sonnigen Fleck in der Mitte und darüber ein Stückchen tiefblauen Himmels; plötzlich ein leuchtender Taubenflug, wie rauschte das durchs Herz! In den Klosterhöfen schimmerten die fedrigen Sterne an den Myrtenbüschen, bitter würzig; aber die Oleanderblüten lagen gebräunt und verwundet auf den Steinplatten der Kreuzgänge; unaufhaltsam destillierte die Sonne das flüchtige Öl aus Kräutern undBlättern. Und stundenlang konnte sie da sitzen, auf einem Mäuerchen, einem Säulentrümmer ... bis schließlich der freundliche Kustode kam und sagte, es würde geschlossen ...
Es war gegen Abend, als der kleine Einspänner sie nach jenem Kirchlein fuhr, das sie seit damals nie wiedergesehen hatte. Die grausamen, quälenden Jahre waren nun vorbei, als sie Augen und Ohren zuhielt, nur um nicht erinnert zu werden, als sie Ruhe nur fand an Stätten, wo sie früher nie gewesen. Jetzt hatte sich etwas geändert. Denn es war so vieles seither über sie hereingebraust, Dinge, von denen man weiß, daß sie immer in der Welt waren, daß sie niemals unmöglich sind; aber am eigenen Weg hatte man sie nie erwartet, und auf einmal sind sie da und legen einem die Hand auf die Schulter – wie wenn einer verhaftet wird, der sich sicher fühlte im Menschengewühl. Ach, diese harten, einfachen, trostlosen Dinge, die da gestanden hatten und gewartet ... Und jetzt, auf einmal, hatte sie Heimweh nach jenem ersten brennenden Leid, heute schien es ihr kostbar, denn es war ja so traumhaft verwoben mit Lebensdrang und Ungeduld und Entzücken, und nun suchte sie in der Erinnerung, und siehe, der Schmerz war dumpfer geworden, aber das Freundliche, das Entzückende jener Tage lebte auf, und Stunden gingen an ihr vorüber und lächelten ihr zu, den Finger an den Lippen.
Ach damals, wie alles zu versinken schien, jung war damals ihr Herz; jeder Nerv hatte sich kläglich gewundenund um Gnade gefleht, wie ein verbranntes Kind das Händchen hinhält und nicht glauben will, daß das je vorübergehen kann. Aber es hatte sich doch gewandelt; denn die großen, harten Dinge waren gekommen und die Zeit war gegangen, grau und unbekümmert, und nun war sie wieder hier und witterte und horchte und suchte ihr erstes Leid in zitterndem Heimweh. Und fand es wieder an abgeschrägten Straßenwinkeln, wo man zwischen Mauern hinuntersieht, und ganz in der Ferne sind die unvergessenen Hügel, zart und karg und traurig im Abendrot, die Straße führt hin, führt ins Paradies ... fand es wieder, wenn sie ein Lorbeerblatt zwischen den Fingern rieb oder wenn am Abend der Geruch von schwelendem Rebenholz durch die Luft zog ... fand es wieder, wenn sie nachts, halb schon im Schlaf, die ächzenden Karren hörte, den heiseren Gesang der Männer, die, einen Grashalm im Mund, auf ihren Lasten ausgestreckt, die Pferde im Sternenlicht lenken.
Der Wagen hielt; an dieser Stelle ging das letzte Stückchen Wegs steil aufwärts. Die Frau stieg aus; auch damals waren sie hier ausgestiegen, um das kleine eifrige Pferd zu schonen. Der Himmel öffnete seine Perlmutterschalen über der matt atmenden Welt. Der kleine Garten war leer, der Pfarrer nicht zu sehen, aber drinnen in der Kirche putzte eine alte Frau den Altar mit Papierlilien. Sie schritt nach der Seitenkapelle. Dort war es beinah Nacht, das bunte Fensterglas schwarz, nun die Sonne es nicht mehr durchglühte. Aber der stille Mann schimmerte treugeduldigin seiner Einsamkeit, und auf seinem Antlitz fand sie das feine, sorgenvolle Lächeln wieder, als warte er auf einen Ruf, auf eine Antwort und sähe ein, daß er sich für heute bescheiden müsse; ja, noch lebendiger schien ihr der Mund, schienen ihr die kraftvollen Hände, als ob das Herz noch immer, stillgeschäftig, seine Eimer vollschöpfte und wieder ausgöße in das Geäder des ruhenden Leibes. Ja, da war auch die Mulde zwischen Schulter und Brust, groß genug, daß man den Kopf hineindrücken konnte, dort Stein zu werden in tiefem, wunschlosen Schlaf. Sie fühlte Tränen in der Kehle und biß sich auf die Lippen, denn Weinen war ihr keine Erlösung. Schritte hallten durch die Kirche, es war die Frau, die zuschließen wollte für die Nacht. Da wandte sie sich ab und ging, und hinter ihr blieb der Schlummernde allein. Nun stand sie draußen, und die Luft war um sie wie linder Atemzug. Über ihr leuchtete das Nest des Pelikans im letzten Licht. Da schien ihr, als sei's das Sinnbild der Frauenliebe, die gern das Letzte hingibt und ihr Glück bezahlen muß mit Geduld und mit Gefahr.
Ob es uns gutgeschrieben wird, daß wir Menschen alles so teuer erkaufen, dachte sie. Wie heißt's doch immer, wenn die Richter mitleidig sind und ein Einsehen haben: die Untersuchungshaft soll angerechnet werden ... Bei uns daheim hing ein Knüttel am Stadttor, darunter stand: Wer seinen Kindern gibt das Brot und leidet später selber Not, den schlag man mit der Keule tot. Daswar sehr alte, und doch ganz moderne Weisheit, viel moderner als deine, alte Pelikanmutter! ... Bin ich meiner Mutter dankbar, daß sie mich in dies Leben brachte? dachte sie wieder. Maskenfeste in Labyrinthen, hier und da ein Umschlingen, bleibe, ach rede zu mir, dieselbe Sprache reden wir ja. Oh, nur bis der Weg sich teilt, dann wieder allein, fremde Zungen ... Und wenn man dann nicht mehr zu jemand sagen kann: es war alles gut, Nacht und Licht, Süßigkeit und Bitterkeit, nur Dank fühle ich, Dank sei dir heute und immer – oder wenn man im Morgengrauen erwacht und an die Augen von Schwerkranken denkt, wie auch sie den Tag erwarteten, der keine Hoffnung brachte, und die Fensterscheiben fingen an hell zu werden ... o das! Schöne, schöne Erde, warum wird es uns so schwer gemacht!
Der Tag war ganz geschwunden, das steinerne Nest über ihr sah grau und geisterhaft in die Luft, wo die Fledermäuse anfingen hin und her zu zucken. Unter ihr, im Dunst, erwachten viele Lichter; dort war Leben und Lärm, hier oben war es totenstill. Sie dachte an den alten freundlichen Pfarrer. Unsere Mutter Kirche, hatte er gesagt. Ob sie wirklich die Menschen trösten konnte, wenn sie sich so hineinwühlten, wie Kinder in das Kleid der Mutter? Versprach sie ihnen doch so vieles, hatte so schöne, schauernde Worte der Verheißung; manmußteihnen glauben, so schön waren sie. Und das eben war es wohl, was die Kirchen immer wieder stützte und aufrecht hielt: die Sehnsucht nach den Toten.
Sie ging langsam den steinigen Weg zum Wagen hinunter, zwischen Mauern, über denen dunkle Köpfe sichtbar wurden. Ein kleiner Spitz lief oben entlang und gab ihr kläffend das Geleit. Das heiße Feilen der Zikaden hatte längst aufgehört, aber aus allen Gräben und Mauerritzen zirpten nun die Grillen, kühl und zart. Das war wie daheim auf den großen Waldwiesen, wo jetzt die Glockenblumen standen und das Zittergras. Sie horchte auf und schlug die Hände ineinander. Nun wollte sie heimreisen; sie hatte gefunden, was sie suchte. Nur noch vereinzelt klang der Grillenton, wurde immer weniger, je mehr sie sich der Stadt näherte. Es war ganz dunkel geworden, hier dauerte die Dämmerung nur kurze Zeit. Sie saß sehr aufrecht, mit weit offenen Augen. So fuhr sie zurück durch die laue, windstille Nacht.
Sophie Barnekow hatte geklopft, ohne Antwort zu erhalten; nun öffnete sie leise die Tür, um sie aber sofort wieder zu schließen, behutsam, wie man's in der Krankenpflege erlernt.
Dort im halbdunkeln Raum, wo die Sonne durch die schräggestellten Läden glitt und goldene Leitern auf die Dielen malte, wo der Geruch von Reseda und nassem Kies und das leise Klirren von Gießkannen durch die offenen Fenster eindrang, saß Meisi, ihre junge Herrin und Schutzbefohlene, nicht allein. Neben ihr, die Hände um eine Stuhllehne geschlungen, stand Rütten. Ohne die Frau zu berühren. Und doch, hätten sich beide in den Armen gelegen, festgeklammert, Blick in Blick getaucht, nicht deutlicher hätte es von letztem, bitterstem Abschied reden können.
Von Meisi war nichts zu sehen gewesen als der braune Hinterkopf und das feine Genick, da, wo der Haaransatz in warmen goldenen Flaum überging; tief auf den Tisch gebeugt. Wie oft befestigte Sophie das kinderweiche und doch eigensinnige Haar, mit ganz wenig Nadeln, weil alles gleich Kopfweh machte; immer wieder glitten die Zöpfe hinunter, dann mußte Sophie leise erinnern: »Liebste, Ihre Haare.« Und auch eben hatte das Ende einer Flechte über die Schulter gehangen. Kleine physische Eigentümlichkeiten geliebter Menschen könneneinem ans Herz wachsen und es seltsam wehrlos machen, mehr als die Tugenden, die sie besitzen oder die wir ihnen andichten. So fuhr's ihr auch jetzt durchs Herz, und was erst Erschrecken gewesen, empfand sie nun als tiefe, schmerzende Zärtlichkeit. Sie seufzte auf und schlüpfte in ihr Zimmer gegenüber zurück.
Starke Leidenschaften, die ihr Ziel in offenem Aufruhr oder auch durch List und Heimlichkeit und manche schmerzliche Selbsterniedrigung zu erreichen wissen, waren Sophie fremd geblieben. Sie wußte, es gab dergleichen. Aber doch nur so, wie man von Mormonen liest oder von den Bacchanalien entarteter Cäsaren. In ihrem klaren, hilfreichen Wesen, ihrem Abscheu vor jeder Unsauberkeit und Unordnung war kein Raum für Ungeregeltes; eine verbotene Liebe lag ihr im Grunde ebenso fern wie Taschendiebstahl. Dabei – oder vielleicht gerade deshalb – konnte sie von verblüffender Parteilichkeit sein, wenn sich's um Menschen handelte, die sie liebte. Sie war aus dem Holze geschnitzt, das gute Royalisten abgibt. Wen sie einmal liebte, zu dem hielt sie auch, er mochte tun und lassen, was er wollte; das war doch sehr einfach. Und dann – bei näherem Zusehen müßten gewiß Gründe genug zu finden sein, die alles erklären würden; wenn sie selbst auch gar nicht danach suchte.
Auf ihrem Bett lag die eben abgelieferte Wäsche. Ihr Blick glitt an einem grauen Leinwandkittel entlang, der in seiner knabenhaften Spärlichkeit etwas von Meisis Umriß bewahrte. »O du Armes,« sagte sie vor sich hin,und ihre Augen fingen an zu brennen. Dann begann sie mit ihren feinen, verbrauchten Händen die Sachen zum Ausbessern zurechtzulegen.
Drüben in dem dämmrigen Zimmer war es sehr still. Die leise Stimme des Mannes redete in abgebrochenen Sätzen, so von fernher, wie Selbstgespräch. Die Frau hörte und hörte auch nicht. Denn ihr war, als hätte sie's längst gewußt, daß er einmal so reden und handeln würde. Es hing ja alles in ihm – wie man es sonst nur bei Pflanzen findet – ganz selbstverständlich zusammen; so wie die äußersten Zweiglein einer Eiche immer noch die Gewaltsamkeit der Äste, den Eigenwillen der Wurzeln ausdrücken. Es waren in diesem Manne wenig Widersprüche, er mußte handeln, wie er empfand, mußte dies lieben, weil ihm jenes widerstrebte, selbstverständlich und unerbittlich in seinen Neigungen und Abneigungen wie ein Tier, wie ein Künstler, wie ein kleines Kind.
Meisi drückte noch immer die Stirn auf den Arm, der sich um die Tischkante krampfte; denn sie empfand es dumpf: solange sie nicht aufblickte, würde er nicht fortgehen, erst mußte er ihr Einverstehen in ihren Augen erzwingen, eher konnte er sie nicht allein lassen, nicht aufhören zu reden, zu überzeugen. Und ob ihr auch das Blut in den Ohren rauschte und sie kaum verstand, was er sprach: ach, er war doch immer noch da, sie atmete den leisen Duft seiner Kleider; eins nur sollte er nicht, nicht aus dem Zimmer gehen. Oh, solche Tür, die zufällt, nein, nur das nicht. Dableiben, im Zimmer bleiben, ersollte sich auch gar nicht um sie kümmern. Am allerseligsten war es doch immer gewesen, wenn sie still im Zimmer saß und nur auf die kleinen Geräusche horchte, wenn er den Bleistift hinlegte oder wieder ein paar Seiten aufschnitt in dem dicken, verzweiflungsvollen Buch, das er las. Über Heimindustrien war's gewesen. O Gott, die unglücklichen Menschen, von denen da erzählt wurde; welch entsetzliche Winkel gab es in der Welt, warum durfte das sein! Wenn sie ein König gewesen wäre, all die stillen, leeren Königsschlösser hätte sie den Armen aufgetan, herrlich erwärmt im Winter und im Sommer kühl und hallend inmitten heißer brütender Wiesen, mit grünen Schattengängen und Nachtigallenschlag. Man dachte nicht genug an andere, wenn man selber glücklich war, ach glücklich zum Sterben, als versänke und ertränke man in einem riesenhaften Maiblumenstrauß und würde ohnmächtig vor lauter Wonne. Ob so arme schmutzige Menschen jemals so etwas hatten? Immer nur Ruß und Lärm oder zu Haus zusammengepfercht mit verklebten Fenstern. Und alles so häßlich, auch die Kinder, und nichts, auf das sie sich freuen konnten morgens beim Erwachen. Aber Gerhard würde etwas ersinnen, um ihnen zu helfen, er schien Hilfe auszuströmen wie kluge Ärzte. Natürlich, es brauchte alles Zeit, und einstweilen war es doch kein Unrecht, wenn Glückliche ihr Glück genossen. Sie wollte niemand etwas wegnehmen, das brachte sie gar nicht fertig, es hätte ihr alles vergällt, aber ihn – ihn konnte sie nicht hergeben. Sie war abergläubisch geworden.Wenn sie etwas Hübsches besaß und jemand bewunderte es, gleich hatte sie's hergeschenkt. Hatte vielleicht Gott bestechen wollen mit Opfergaben, damit er ihr das Eine, Einzige nicht wegnehme ... ja und nun nahm er es doch.
Immer fester drückte sie die Stirn auf den untergelegten Arm. Wie gern hätte sie nach seiner Hand gegriffen, da, ganz nah; aber sie wußte, dann würde er sie streicheln und emporziehen und sie mußte noch einmal sagen: Nein, nein, ich kann nicht – ja, und dann würde er gehen.
»Meisi,« sagte die Stimme über ihr, »was hilft das Hinausschieben, es geht doch so nicht weiter. Du willst nicht mit mir gehen, und so wie du nun einmal bist und wie die Dinge liegen, verstehe ich ja, daß du, der es so hart ankommt, Schmerzen zu bereiten ... Und es ist auch begreiflich, daß dirmeinSchmerz erträglicher scheint, eben weil du ihn teilst, während du dort einen tiefen Schnitt tun mußt und deiner Wege gehen. Ja, und auch darin hast du recht, wenn du auch sehr zornig warst, als du es sagtest, ich sei nicht so schlimm dran wie du, ich hätte meine Freiheit und meine Arbeit und mein Bergsteigen. Nun, das Bergsteigen wollen wir fürs erste nicht zählen (er lächelte, o so traurig) – diese Freuden, siehst du, waren so eins mit dir, daß das alles zu – anders wäre. Aber meine Arbeit, ja, die wird mir helfen, darauf zähle ich auch. Zuerst wohl nur als Betäubung ... aber man muß eben graben und graben, und wenn man nach Jahren der Wahrheit um einen Kinderschritt näher gekommenist, so ist das ja wohl auch Glück. Und alles das sag' ich dir, Meisi, damit du ganz ruhig seist, was mich angeht.«
Meisi hob ein wenig den Kopf. Sie hatte einen roten Fleck an der Stirn, vom Tischrand; es sauste und sang in ihren Ohren. Ach Gott, es war zu Ende, ganz und gar, er ging fort. Sein Gepäck, das sie so gut kannte, sie hatte ihm ja manchesmal geholfen es auszupacken, die große Ledertasche, die so gut roch, und der rauhe Mantel aus ungebleichter Wolle, alles würde aufgeladen werden, und er würde dem Maulesel voran den Paß hinunterlaufen, als ging es zu einer Bergpartie. Aber den nächsten Tag käme er nicht zurück, braungebrannt und freundlich und still, den Bergfrieden auf der Stirn und wie das Rieseln der kleinen Bergbäche in der Stimme. Sie würde auf der Terrasse hinter dem Gasthaus auf und ab gehen, wo der Pfarrer und der Wirt und der kleine italienische Schuster Boccia spielten am Abend und auf dem Mäuerchen Kürbisse lagen zum Dörren. Die lustigen bayerischen Malerinnen würden herauskommen, Schnaderhupfl und Kugelhupfl, wie Gerhard sie nannte, und das junge englische Ehepaar mit dem Kätzchen, und sie würden fragen: »Kommt Ihr Freund heut abend zurück?« Nein, nicht heut, nicht morgen, nie wieder.
Sie hatte eine besondere, qualvolle Fähigkeit, kommende Trostlosigkeit zu wittern, zu schmecken, ihre Kälte im voraus zwischen den Schulterblättern zu fühlen. So konnte sie sich sein Zimmer, ach das liebe, liebe Zimmer,vorstellen, wenn alles verpackt war und alles wieder fremd geworden, schon abgewandt, Menschen und Dinge treulos geworden einander. Ja, dies Zusammenschnüren in der Herzgrube, das den Zurückbleibenden schärfer anfällt als den, der geht, sie spürte es schon jetzt. Wenn die Dinge nachher eintrafen, war's wie ein Erkennen, als hätte man schon die Generalprobe dazu erlebt. Dank dieser Fähigkeit konnte sie dann gefaßter und umsichtiger sein, als man es ihrem raschen, wechselnden Temperament zugetraut hätte.
»Meisi, mein Liebes,« sagte die Stimme, und sie verbarg die Augen wieder auf dem Arm – er sollte nicht darin lesen, nicht ihre Ergebung, ach, sie war nicht ergeben, aber auch nicht ihre Hoffnungslosigkeit, die auf dasselbe herauskam – »ich will dich nicht betrüben und unruhig machen; wie du geschaffen bist, muß dein Gefühl allein entscheiden. Zerbrechen kann ich, will ich dich nicht. Aber denke an eins: es isteinDing, für einen anderen sterben, rasch, mit geschlossenen Augen ins Feuer hinein; aber etwas anderes ist's, für einen anderen verdursten, verkümmern, langsam an jedem Nerv den Tod erleiden, Tag für Tag. Da kann Opferfreude zu Haß werden, und wo man reichlich geben wollte, gibt man schlechtes Maß. Und dann ist nur Bitterkeit und Reue um jeden Sonnenstrahl, um den man sich gebracht hat. Darum, wenn du doch den einen, tiefen Schritt tun könntest, so sei nur immer gewiß, ich bin da. Aber warte nicht, denn es wird immer schwerer und weniger reinlich. Du hast es manchmalhart empfunden, daß ich so finster war, und hattest mir doch alles zu Liebe getan. Und mußt den Grund doch geahnt haben; brauchst mich ja nur anzusehen, so weißt du, was ich denke. Weil du's so gut verstanden hast, alles aus dem Weg zu räumen, was dir hier ja nicht schwer wurde, denn wer betet dich nicht an, ob es nun Sophie ist oder der alte Pfarrer oder die anderen Gäste und der kleine Schuster, der dir Nägel in die Schuhsohlen klopft ... Aber auch mit allem, was sich in uns selber gegen uns erhob, wußtest du so gut fertig zu werden, immer hattest du ein gutes Wort bereit. Wenn ich dich so herumtrippeln sah wie ein Bachstelzchen, besorgt und doch triumphierend und immer ganz sicher durch tausend Windungen und Verdrehungen deinen Weg findend, und mußte mir sagen, das ist nun die Spur von meiner Hand in deinem Leben ... Meisi, laß es klar um uns werden! Ja, ja, ich weiß, du hast ein Leben von Szenen und Aufregung gehabt und das ewige Ausweichen ist dir Gewohnheit, ach und dein Verlangen nach Ruhe und Harmonie wollte sich's auch einmal wohl sein lassen. Da bautest du ein Labyrinth, in dem du jeden Ausweg kanntest, und hast unsere Liebe gehütet und versteckt und getröstet mit deinen lieben schönen Händen. Aber nun geht das nicht mehr, es kommt ein häßlicher Tropfen in unser Bestes. Meisi, wie gestern Sophie den Brief hinlegte, ohne dich anzusehen, und du stecktest ihn in die Tasche, ohne ein Wort ... ach, mich schüttelte der Ekel. Was sag' ich dir da für harte Worte. Und du bist so weich und so traurig. Aberich muß es doch aussprechen, denn du allein mußt ja entscheiden. Was brauch' ich dir zu sagen, was du mir bist! Wenn du ins Zimmer kommst, ist alles gleich anders; immer ist Festtag um dich her. Wie oft hab' ich wachgelegen, ganz früh, wenn du noch schliefst, und die reine Morgenluft kam herein und schien eins zu sein mit dir – und da habe ich das Leben gesegnet, das mir so viel geschenkt. Und wenn ich las und schrieb – trockenes Zeug – ach, wie ein süßer Unterton warst du doch immer dabei; bei allem, was ich tat. Oft hab' ich über dich gelacht, wenn du bei jeder Frage, jedem Fortschritt sagtest: ›Wem wird das nützen?‹ Aber es war mir doch lieb an dir, wie deine Tränen der Empörung und deine Art, Krankes und Kleines anzufassen und einfache Leute zutraulich zu machen. Wenn du sie auch oft recht süß zu beschwindeln wußtest ... nun ja, aber du hast sie glücklich gemacht. Und all das Liebe, das du anderen antatest, das tatest du mir an, denn auch das machte dich mein, machte mich so gänzlich dein, auch wenn ich in einer Gedankenwelt, die dir fremd blieb, einherging und meine Erkenntnis ausprobte, einriß und wieder zu neuer Überzeugung aufbaute, ohne zu wissen für wen, nur weil's mich trieb. Aber du standest und hattest arme Kinder an der Hand und sagtest immer: ›Du mußt helfen, du mußt helfen‹ ... Ach, wenn ich doch uns selber helfen könnte!«
Seine Stimme wurde noch leiser, es war nur ein Flüstern über ihr, das sie mehr fühlte als verstand; an ihrer Schläfe die weiche Haarwelle, alles zitterte mit.
»Ich habe dich bewundert, Meisi, denn du bist sehr süß und kostbar, und bist auch viel gescheiter, als du dich ausmachst, du Siebenschläfer. Und hast mich auch namenlos erbarmt, weil du scheu und verlassen warst, wie irgendein Waldtierchen, das eingefangen wurde und nur fortmöchte ins Dunkel. Ach, du liebst nicht über dich zu reden, und wenn ich dich frug, und war's auch noch so behutsam, da hast du nur gelächelt, wie gequält. Aber ich habe dich besser verstanden, als du weißt, und du hast niemand so angehört, wie du mein eigen warst. Und darum weiß ich, daß du eine Eigenschaft hast, gegen die ich machtlos bin; es ist eine seltsame Trägheit, wenn sich's um dein eigenes Glück handelt, und daß du nicht kämpfen magst um irgend etwas. Lächelst hinauf und denkst: Ja, der schöne Apfel, wenn er doch herunterfiele ... aber es wird ja doch nicht geschehen! Nicht weh tun, warten, gegen alle freundlich sein – ja, Meisi, du brächtest es fertig, gegen den Henker freundlich zu sein. Und unterdessen rinnt das Leben vorbei. Wenn ich wüßte, daß du irgend etwas hättest, eine Arbeit, ein Ziel, etwas, das dich frei und mutig macht, und müßt' ich dich dadurch erst recht verlieren, dennoch Meisi, dennoch ... Aber ich weiß, daß dir nichts bleibt als Kälte und Leere, und wenn du dich hineinfindest, das ist erst recht traurig. Aber eins hast du, haben wir, unseren Schmerz, niemand darf die Hand dran legen, heut ist er noch unser, gehört uns ganz allein, und darum müssen wir voneinander gehen, wo alles noch ganz kostbar ist und es uns so furchtbar wehtut.«
Ein stärkerer Hauch trieb den Resedaduft ins Zimmer, man hörte fernes Räderknirschen, ein Hund bellte irgendwo ... es war so still, wie verzaubert. Der Mann fuhr sich über die Stirn und wandte sich zum Fenster; denn es schluchzte etwas in ihm auf, und er mußte das erst zur Ruhe bringen. Meisi kroch noch mehr zusammen, machte sich ganz klein wie ein krankes Kätzchen. O wie grauenhaft alles doch war! Sie hatte nicht alles verstanden, aber etwas Kaltes saß ihr in der Brust und dehnte sich, wurde immer größer, und die Füße waren ihr wie zerschlagen. Wenn er sie doch chloroformieren möchte und in einen Wagen packen, nichts fragen, nichts sagen, und am nächsten Morgen würde sie an seinem Herzen aufwachen, irgendwo über der italienischen Grenze, wo es ganz heiß war und die weißen Häuser schliefen und die Zikaden in den Bäumen sägten! Wo man den Tag verschlief. Wenn er sie doch ganz rasch nehmen wollte oder ihr einen Schlag vor die Stirn geben, daß sie die Besinnung verlöre und gar nicht sagen könnte: »Ich will«, oder »Ich will nicht«; wie man Tiere betäubt vor dem Töten. Aber er war seit acht Tagen so anders, nachdenklich und freudlos, seit sie ihm gesagt, Emmo käme her; es würde wohl alles recht schwierig sein; besser, er machte zunächst eine Bergtour, aber sie würde schon alles einrichten, auf keinen Fall dürfe erganzweg, das hielte sie nicht aus. Wie er sie da angesehen hatte – ganz fremd war sein Gesicht geworden. Und seitdem hatte er ein-, zweimal von Entscheidung gesprochen, von Wahrheit,von einem tiefen Schnitt; und den sollte sie tun. Und das konnte sie doch nicht. Lieber tausend Lügen als eine solche Grausamkeit. Begriff er's denn nicht, wie nötig sie daheim war? Ob er erwartete, daß sie ihm das erklären sollte? Sie konnte doch von »dort« mit ihm nicht reden. Ach, warum verstand er sie nicht! War denn in der Liebe immer ein Teil Tortur? Konnte man sich nie dehnen und alles vergessen? Manche Namen, wie sollte sie die vor ihm aussprechen! Vergaß sie doch am liebsten, daß es für sie ein Zuhause gab, jetzt, wo dies kleine, hellgetünchte Zimmer ihr Heimat geworden. Aber nun sah sie alles deutlich: den armen, jähzornigen Menschen, der es so gar nicht verstand, mit anderen auf die Länge auszukommen, die Schwägerinnen, zarte, verblühte Mädchen, die auf so viel verzichtet hatten ihm zuliebe und auch ihr; und dann war da ihr eigenes Vermögen, es war im Gut verbuttert worden während der letzten, schlechten Jahre; Emmo würde es herauszahlen, »ihr vor die Füße werfen«, ja, so würde er sagen, und dann brach alles zusammen. Das alte, einstöckige Haus, jetzt im Spätsommer sah's so wohlwollend aus, wie eine alte Frau, die in der Sonne sitzt und in allen Runzelchen lächelt. In den Lindengängen war es so still, und im Blumenrondell duftete das Heliotrop einsam in der Sonne. Die Blumen kamen dankbar in dem leichten, sandigen Boden; die Zimtnelken in den Rabatten, in allen Farben, und Skabiosen, wie große Brombeeren; kleine, stahlblaue Schmetterlinge flogen drüber hin inder klaren Septemberluft. Am Haus die großen Fuchsienbüsche in den grünen Holzkübeln, sie waren der Stolz der alten Frau gewesen. Ach Gott, ja, die Gräber im Park, in den Birken ... der Wald fing gleich dahinter an mit seinen riesigen Föhren und Ameishaufen. Manchmal saßen Eichkatzen auf den Grabsteinen. Ja, das war Emmos Heimat, und auch Freda und Mariagnes waren dort aufgewachsen. Das mußten sie doch behalten, den großen Saal oben, wo es so hallte, wo noch die Efeulauben standen, in denen die Schwägerinnen ihre Puppenkaffees gegeben hatten; Freda von kleinauf kränklich, und Mariagnes? So eine arme, verbitterte Hofdamenexistenz, Gradnitz bedeutete ihre ganze Jugend, ihr letzter Ehrgeiz, das Spalier, an das sich ihr blasses Wesen anklammerte. Nein, nein, es war alles Unsinn; fast wallte Zorn in ihr auf, daß Gerhart von dem tiefen Schnitt gesprochen, als sei es denkbar. Nur nicht grausam sein, nur das nicht. Nachher kam das Mitleid, diese bohrende Qual, und machte alles zunichte.
Aber er – still und ernsthaft dort am Fenster; und »nicht lügen« las sie auf seinem Gesicht. Ja, das war so seine Art. Er vertrug nichts Schiefes in sich, ebensowenig wie ein schiefhängendes Bild an der Wand. Die Tischdecke mit dem häßlichen Muster hatte er gleich hinausgeworfen, als sei's ein Feind. So wollte er auch nichts, das ihm ihrer Seele Bild verdarb. Ach, was ging sie ihre Seele an! Da war ja so ein Spruch, von der Seele, an der man Schaden nimmt, und wenn man auch die Weltgewönne. Sie wollte die Welt gewiß nicht gewinnen, aber um ihre Seele sorgte sie sich nicht. Vielleicht hatte sie gar keine. Nur ein Herz, und das tat ihr weh. Wie doch die Menschen verschieden liebten. Nicht besser, nicht schlechter, nurverschieden. Ihr war alles so einerlei. In einem Keller, mitten zwischen Kohlen und alten Fässern und Kisten würde sie ihn getroffen haben und geküßt und gemeint, es sei das Paradies um sie her! Und ebenso würde sie das andere ertragen haben und, wenn's nicht anders ging, auch Lug und Trug. Aber er litt darunter, er wollte nichts Blindes, Unreines; so oder so, da war kein Mittelweg. Und deshalb mußte er nun fort, mußte ihr das antun, daß ihr ganzes Leben auf einmal schwer und grau wurde, viel grauer als früher, ehe sie ihn gekannt. Ach, eskonnteihm nicht so weh tun wie ihr, sonst blieb er eben, oder er kam bald wieder, oder irgendwas – aber so – auf Niewiedersehen? Nicht so weh? Nein, im selben Augenblick bat sie ihm den Gedanken ab: der Ausdruck in seinen Augen ...
Morgen ganz früh ging er wohl, oder schon heute abend. Besser heute abend. Wie wär' es auch zu ertragen, noch einmal, zum letztenmal, im Speisezimmer zu sitzen, die Kehle voll Tränen, und sich Brot anbieten und die Speisekarte weitergeben; das Bild von Wilhelm Tell im Kreise der Seinen, über das sie so oft gelacht, an der Wand gegenüber, und das offene Fenster mit der Aussicht auf die verglühenden Berge ... wie gräßlich alles – oh, zum Sterben ...
Wie sehr hatte sie dieses Land geliebt, ach, alles darin, an seiner Hand. Gleich anfangs, als es noch neu und überraschend war, die Wege wie Rätsel, so verlockend; immer höher hätte sie steigen mögen, an schwierigen Stellen half er ihr und lachte, und sie wünschte sich heimlich viel schwierige Stellen, weil er ihr dann die Hand gab, seine starke, warme Hand. Wie wonnig war's, wenn dann nach dem Steigen der Pfad am Berggrat eben entlang ging. Man schritt aus, so rasch und gesund, jede Sehne spannte sich, jedes Gelenk freute sich, bei jeder Biegung des Wegs war es, als trete man auf eine Brüstung mit neuem, verändertem Ausblick. Wie sich die Wolken im Tal verfingen, wehende Reitermäntel! Die Herdenglocken läuteten durch den Nebel. Durch verwitterte Dörfer kamen sie, so totenstill; die Leute alle fort beim Heuen, nur einsame Katzen vor verschlossenen Türen. Aber wo immer ein kleiner Platz war, da schattete ein Nußbaum, und darunter war der Brunnen – fließendes Bergwasser, stählern, eiskalt, unerschöpflich. Wie frisch und wasserklar war auch ihre Liebe auf diesen Wanderungen. Etwas Brüderliches war im Zusammenschreiten, Brudergefühl mitten in all der heftigsten Zärtlichkeit; ein Verstehen, als hätte man sich von Kind auf gekannt. Ja, sie brauchten einander nichts zu nennen, ein Blick, ein Aufleuchten, und die Schönheit dieses geliebten Landes schien sich zu weiten, sie zu umfangen und näher zusammen zu drängen mit froher, zwingender Gewalt. Oh, du tiefe, himmlische Gesundheit erwiederter Liebe!
Aber einmal hatten sie sich doch gezankt. Damals, beim Photographieren. Da war eine Bauernfrau, sie wollte ihre Kinder so schrecklich gern photographiert haben, und Meisi stellte sie zusammen, auf den Stufen vor der Haustür. Die Mutter band ihnen saubere Schürzen um und flocht dem kleinen Mädchen die Zöpfe. Und sie freuten sich so und waren ganz verschämt vor Stolz, und Meisi mußte ihnen versprechen, ein Bild zu schicken, natürlich nur, wenn sie nicht gewackelt hätten – und die Frau diktierte umständlich Namen und Adresse. Dann aber, als sie weitergegangen waren, hatte sie ihm eingestanden, der Film sei ja schon zu Ende gewesen, aber sie hätte der Frau doch die Bitte nicht abschlagen können, und die Freude hätte sie nun doch gehabt. Da lachte er, aber es hatte ihn verdrossen, und er sagte etwas, das sie furchtbar ärgerte.
Doch solcher Streit war bald verflogen. Dazu war alles viel zu schön; das Bergwasser, die prickelnde Luft und der Atem der Wiesen, tanzendes Licht und tanzende Schatten! Und sie zwei, sie zwei, ganz allein mitten drin!
Blauer Enzian! Hochstengelig, am Waldrand gewachsen! Wenn man hineinsah in die Kelche – wurde man selbst zur Biene, zur wohlig saugenden. Ach, und später dann, ein Stübchen, ein weißgetünchtes, dorthin gingen die Gedanken, atemlos, und standen still ... da war ein tannener Tisch und der Krug mit den scharf gezackten Blüten darauf; wie sie erst ertranken in derDämmerung und später dann, als das Licht brannte, ihr Schatten erwachte auf der kahlen, reinen Wand!
An jenem Abend waren sie, nach stundenlanger Wanderung, in dem kleinen Gasthaus eingekehrt, das sich mit seiner Front über dem Berghang erhob, an dem das verwitterte Dorf hinunter kroch im Zickzack, an steiler, gepflasterter Straße entlang: Häuser mit uralten Schindeldächern, kleinen Terrassen und blumenbunten Altanen, Brunnen, wo Frauen Salat wuschen und Kühe tranken, stöhnend vor Behagen. Am einzigen, ebenen Platz lag die Posthalterei und, etwas erhöht, die kleine Kirche mit ihrem Gräbergarten, wo die Toten in einer Wildnis von Rosenbüschen und Butterblumen, zitterndem Hafer und flatterndem Mohn, beim Klang der Posthörner eine frohmütige Ruhestatt hatten.
Aber Meisis Zimmer sah nicht auf das Dorf hinab, ihre Fenster waren auf der Rückseite des Hauses. Dort lag eine weite Wiese, die sanft abwärts glitt in ein anderes, unsichtbares Tal. Da war alles weiß von wildem Kümmel, und wie dann der Mond hinter dem Lärchenwald aufging, glitzerten die flachen Dolden wie Rauhreif; man hätte sich gescheut hinauszutreten, diesen Zauber, diese Heiligkeit zu durchkreuzen.
Meisi hatte auf der Fensterbrüstung gesessen, er hinter ihr. Daran will ich denken, wenn ich nicht aus und ein weiß, wenn mich der Kopf brennt, dachte sie, und dann hatte sie sich zurückgelehnt und ihren Kopf in die kleine Mulde gelegt, zwischen seiner Schulter und Brust; dalag sich's still und sicher, und sein Herzschlag ging stark und ruhig. »Nun bin ich ein kleines braunes Haus,« hatte sie gesagt, »und deine Schulter ist die Bergwand, und deine Stirn ist der Gipfel, und nun sollst du sagen: Frieden über dem kleinen Haus!« Wann war das gewesen? Vier Wochen, nicht mehr? Wann hatte sie ihn dennnichtgekannt? War's möglich, als sie ganz klein war, mit einem Korallenkettchen und einer seidenen Masche im Haar, da ging er schon irgendwo in die Schule, und später dann war er Student, und eine Zeitlang lebten sie gar nicht weit voneinander und hatten doch nichts voneinander gewußt. Und nun wußte sie nur noch von ihm und er war die süße unbegreifliche Gegenwart; das Frühere ... ach, alles vergessen, so ewig lang war das her!
Aber nun sollte es aus sein. Nie wollte sie die Berge wiedersehen. Ach, wie furchtbar ist das in der Welt; mit dem Alter, muß man da immer mehr Umwege machen, immer mehr Stätten meiden? Nein, wie ein Messer ins Herz würde alles hier sein, wenn sie's je wieder sähe ... Auch Blumen gab es hier, kleine braune Orchideen, die wie schwedische Handschuhe rochen und jetzt eben, das Reseda, nach dem Gießen, und das Geräusch des eisernen Rechens im Kies ... das war nun alles schon verloren, sie mußte es von sich tun, sich nicht festklammern, nein, hergeben, hingeben, rasch, rasch. Sie wollte nach Hause reisen gleich, morgen schon, irgendein Vorwand würde sich schon finden. Denn Emmo durfte hier nicht her, nichteine einzige Stunde. Wenn sie es nun alles hergeben mußte, die Wege hier, die wollte sie allein mit ihm gegangen sein, kein fremder Fuß, kein fremder Fuß ... Was hatte er doch gesagt: »Unser Schmerz ist kostbar, niemand soll die Hand dran legen.«
Ja, zu Haus würde es noch am besten sein. Pflichten sind ja auch ein Schlafmittel. So eine Art Stundenplan wollte sie sich machen, Sophie sollte ihr alles einteilen helfen. Morgens der Tee – schrecklich – aber es war wohl am besten gleich von früh an; dann Emmo bei den Büchern helfen, es war alles in Konfusion, und er dachte immer gleich, er würde betrogen. Dann war Interview mit dem Vatikan (Herr und Frau Inspektor trugen diesen Kollektivnamen), und da war auch zu begütigen, denn der Inspektor war brummig und unfehlbar, aber er hatte schließlich doch immer recht, und deshalb gerade konnte Emmo ihn nicht leiden. Dann ging sie wohl auch zur Gemeindeschwester, die Kinder sangen so blöde Liedchen; es waren ein paar dabei, die waren schön, mit langen Augenwimpern, aber sie durfte sich ihre Vorliebe für sie nicht merken lassen, denn es waren die Kinder vom polnischen Knecht, der immer betrunken war, und die Frau stahl wie eine Elster ... Dann nachsehen, ob Freda alles hatte, was sie brauchte, Mariagnes war versorgt, sie malte vormittags im Freien; ganz modern, lila Ackergäule auf gelben Feldern, eigentlich paßte das gar nicht zu ihr ... warum malte sie nicht all die süßen, stillen Blumen – ganz genau, wie sie waren – meinte Meisi – etwasSchöneres konnte man doch nicht erfinden ... Mittagessen! O Gott, die Unterhaltung! Wie so ein ausgeleiertes Dorfkarussell, man sieht denselben schäbigen Schimmel immer schon von weitem kommen. Hinterher mußte Freda in der Veranda etabliert werden, mit Memoirenliteratur, sie hatte eine Passion für Marie Antoinette. Sophie machte den Kaffee mit ihren lieben, dünngearbeiteten Händen. Später ausgehen mit Emmo oder fahren mit Mariagnes und Emmo, er war bei allem dabei, was war zu machen; wie eine Stubenfliege, die sich einem immer wieder auf die Nase setzt – der arme Kerl. Zum Tee kamen Pastors, und der Pastor redete über die Begehrlichkeit der unteren Klassen, war dabei aber gutmütig und half ihr mit den Landstreichern, die Emmo immer gleich dem Gendarmen ausliefern wollte. Die Pastorin war fein und leise, sie sagte immer: »Mein lieber Mann«, aber sie hatte ein Grübchen, wenn sie lächelte, wie herübergerettet aus ihrer Jungmädchenzeit. Ihr kleines Töchterchen hatte sich so furchtbar verbrüht und war gestorben unter entsetzlichen Qualen. Aber Sonntags saß sie in der vordersten Bank und sah zur Kanzel auf und hörte all die Worte mit blassem, geduldigem Gesicht ... Ob das wirklich ein Trost war? Manchmal ging Emmo zum Förster, da brauchte sie nicht mit. Aber allein mochte sie nicht sitzen. Sophie sollte kommen, ihr die Haare kämmen, das machte schön schläfrig, oder sie wollten kramen, die Sachen der Schwiegermutter waren noch immer nicht verteilt. DieMahagonischränke seufzten beim Öffnen, als sei's die alte Frau selbst ... Später am Abend saß man unten im Gartensaal ... Nachtmotten schwirrten um die hohe Lampe, und Mariagnes öffnete den alten Flügel und spielte das Frühlingslied von Grieg und blieb im Mittelsatz stecken. Sie wollte lesen, sich Bücher kommen lassen, über Chemie und Volksernährung, was hatte er doch gesagt: »Meine Gedankenwelt, die dir fremd ist« – Ja und dann, nachher ... Sophie sollte bei ihr sitzen und von ihrer Kinderzeit erzählen, von der kleinen Stadt in Friesland, bis sie einschlief ...
Sie stand auf, sah sich um, fröstelte; und weil ihr die Glieder wie tot waren, griff sie nach seinem Arm, um aufzustehen. Der stützte sie, selbstverständlich wie immer. Nun standen sie beim Fenster, und die Abendsonne kam nur noch leise durch den Laden. Da fühlte sie ein Zittern, ein Werben in seinem Arm, und schon küßten sie einander, angstvoll und rasch, ohne Ruhe, ohne Lust, wie sich Menschen küssen, wenn das Schiff im Sinken ist. Aber in ihr wartete etwas und spannte sich, bis in die Fingerspitzen, und wollte gezwungen sein, nicht weil sie ihm recht gab, sondern weil sie ihn liebte. Aber da löste er leise die Arme, und sie fühlte ihre Lippen grau werden: Er hat mich geküßt, wie man seinen Koffer zuschließt.
Da trat sie noch näher ans Fenster und stieß rasch den Laden auf, und der letzte Abendglanz strömte herein und mit ihm der Duft und der Dunst der Wiesen. Wie im Traum, wie jenseits einer Brücke sah sie zurück auf ihn,sah die kleine zuckende Falte am Augenlid, die den Augen so große Freundlichkeit verlieh; die sie so sehr geliebt.
Heute nacht würde sie die Herdenglocken noch hören, fein und deutlich, am Berghang herauf. Aber er nicht mehr; denn er würde im Nachtzug sitzen und in der Frühe schon im heißen, schläfrigen Süden sein. Und was war's, das schon jetzt in ihrem Herzen zu nagen begann, leise, unerbittlich? War's der Groll, daß er sie nicht zu zwingen vermocht, alles zu lassen, um mit ihm zu gehen, das ganze Leben?
Es hatte damit angefangen, daß Tischler Dominik, der im übrigen auch Nachtwächter war und den inneren Menschen der Turmuhr in Ordnung zu halten hatte, schließlich doch geholt werden mußte; denn es war unausstehlich mit der untersten Schieblade der alten Schreibkommode, immer stellte sie sich schief; »wie ein eigensinniger Bock,« sagte die Kleudchen, und erst durch angestrengtes Rütteln konnte sie in eine normale Lage zurückgebracht werden.
»Und da wir schon einmal dabei sind,« sagte der Meister und starrte tiefsinnig über seine Stahlbrille ins Weite, »so woll'n wer auch gleich das übrije nachsehn, denn so was is eftersmalen en Familjenfehler.«
Ali und Adallah, die meist für Zwillinge gehalten wurden (es war aber ein Jahr Altersunterschied), fanden das ja nun äußerst interessant; denn wenn dabei auch nur Frau Kleudchens puritanische Nachtjacken, der »Pharus am Meere des Lebens« in verschossenem, violettem Einband, ein kleines Paket zusammengeschnürter Briefe und eine Feige aus Marmor – von Papa vor Jahren aus Italien heimgebracht – zum Vorschein kamen: Sachen von Erwachsenen, die so kühl feierlich daliegen, wie in Königsgräbern, haben immer etwas Apartes an sich, wenn sie plötzlich hervorkommen an die Tageshelle.
Aber nun hatte Dominik nach vielem Suchen in seinem Bund klirrender Haken, der ihm etwas angenehm Einbrecherhaftes verlieh, auch noch die schräge Klappe geöffnet,auf deren braunpolierten Fläche eine Wildschweinsjagd in gelbem Holz zwischen vier Tannenbäumen in grünem Holz dargestellt war. Dahinter wurden zwei kleine Fächer sichtbar. Das linke enthielt rostige Angelhaken, mehrere längliche Garnröllchen und ein dünnes rotes Buch, »Des Anglers Vademekum«. Dominik sah zu der Kleudchen hinüber, sie wollte etwas sagen, schloß aber wieder den kleinen, vergrämten Mund. Dann zog er auch das andere Schiebfach auf; es hatte sich ein Heft darin festgeklemmt. Er reichte es der Kleudchen; sie tat einen Blick hinein: »Die Wappensammlung vom jungen Herrn,« sagte sie und drückte das Heft wie schützend gegen ihr gestricktes Umschlagetuch. Aber unter dem Hefte hatte noch etwas gelegen, eine Photographie, vergilbt und verblaßt.
»Das ist die Frau, die bei Papa im Ankleidezimmer hängt,« sagte Ali. Seine Augen sahen alles. Ja, es war das nämliche, weichgerundete Gesicht, mit leicht zusammengeknifften Lidern, großem, lächelndem Mund, reichem, unglaublich reichem Haar, altmodisch kunstvoll aufgesteckt. Aber hier hatte sie ein komisches großkariertes Kleid an und einen kleinen Jungen in russischem Kittel auf dem Schoß.
»Dah,« sagte Adallah, der oben in der Nase etwas hatte, das demnächst operiert werden sollte, »das is Vate's este Fau, abe weh is de Junge?«
»Ihr müßt Mama fragen,« sagte die Kleudchen. Es war dieselbe Abwehr, die sie gebrauchte, wenn Adallahallzu genaue Auskunft über gewisse naturgeschichtliche Vorgänge von ihr verlangte.
Die Kleudchen hatte jetzt einen roten Fleck auf der Wange und telegraphierte mit den Augen. Tischler Dominik gab Ali das Handwerkszeug zu tragen und hielt Adallah seine kurze, breite Hand mit dem gespaltenen Daumennagel hin: »Nu kommt, Junkerkens,« sagte er einladend, »nu woll'n wer'n Leimtopf heißmachen;« und die Aussicht auf eine gemütliche, übelriechende Mantscherei ließ für diesmal alle anderen Spekulationen erblassen. Und Mama fragen? Ach, das war ja nicht möglich. Fragen konnte man Kleudchen oder den Kuhknecht oder Fritz Dralle (Drallesen.war schon weniger ratsam), und allenfalls Papa, wenn er sehr guter Laune war; aber Mama? Nein, Mama antwortete man, aber fragen, das ging nicht.
Doch es kamen Wiederholungen, allerhand kleine Begebenheiten, die auf denselben Punkt zu deuten schienen und sich allmählich zu etwas Nebelhaftem verdichteten, von dem die Kinder nicht recht wußten, war es Erinnerung an Dinge, die sie schon erlebt hatten, oder Ahnung von etwas, das erst kommen sollte: Papa und Mama redeten zusammen, leise und erregt, Mamas große Augen wurden dunkel, so als sagten sie »Mut« oder »Rechtschaffenheit«; aber sie brach ab, wenn die Kinder ins Zimmer traten, und der Blick wurde wieder durchsichtig wie ein geschlossenes Fenster. Oder Papa trat plötzlich aus dem unbewohnten Zimmer auf halberTreppe, stand, als sähe er nichts, in der schrägen Nachmittagssonne, wo es nach Holz roch und nach Kleudchens Vesperkaffee; er, den man sonst nur in einer ganz besonderen Luft von Zigaretten und Juchten kannte, im Dämmerlicht auf dem Ledersofa ausgestreckt, wo über ihm die Rennpreise, die Pokale und silbernen Reitpeitschen aufblitzten, wenn ein Sonnenstrahl durch die Läden drang. Papa hatte rote Augen gehabt und zuerst gar nichts verstanden, als Ali, die Gelegenheit wahrnehmend, ihn anpiepste: »Ach, Papa, Dralle will das Gefleckte versäufen, weil es ein Weibchen ist, und es ist doch so wunderschön« – und Adallah eine Terz höher einstimmte: »Ach, nur nicht das Gefleckte, Väterchen, abe das Baune auch nicht!«
Wenn Tante Brunislawa und die Kleudchen beisammen saßen, war ein Gewisper und Geseufz; beinahe wie schuldbewußt sahen sie sich um, oder als stünde eine Tür ins Dunkle hinter ihnen offen. Tante Brunislawa schien noch öfters als sonst mit ihrem Orenburger Schal an allen Türklinken hängen zu bleiben, um dann, wenn man sie losgeheddert hatte, ganz verschüchtert weiterzuflattern wie eine wunde Schwalbe. War das auch immer so gewesen, dies Nach-der-Uhr-sehen, wenn die Postzeit nahte, dieser rasche Blick ins Vorzimmer, wo doch nur Papas Zeitungen lagen, oder Rechnungen in blauen und grauen Umschlägen, selten nur ein Brief? Und die Stühle und Sessel im Wohnzimmer, wenn die Großen weggegangen waren und man kam auf Fußspitzenzurück, um den kleinen Zinnjäger zu suchen, der unters Sofa gefallen war: standen die sonst auch so kurios zusammen, wie Verschwörer, die unterbrochen wurden in heimlichen Gesprächen?
Dazwischen schwand den Kindern wohl tage- und wochenlang dies ungewohnte Gefühl, als ob »etwas vorginge«; Papa hatte wirklich das Gefleckte begnadigt, und es war, nebst seinem Brüderchen, dem Braunen, zur Sonne geworden, um die sich der Knaben Leben drehte, das ja trotz Vater und Mutter, trotz der freundlich flatternden Tante Brunislawa und der treuen Kleudchen ein seltsam verschwiegenes, heimliches Leben war.
Mama! Ja – das war viel eiskaltes Wasser in der Frühe und harte Bettchen zur Nacht, und beileibe kein Nachtlicht und absolutes, strengstes Verbot, das Gefleckte nach oben zu nehmen. Mama war Morgenandacht mit einem Hintergrund von Kaffeegeruch und weißen, raschelnden Schürzen, aber nicht Abendgebet; letzteres gehörte zu Kleudchens Departement, die sich wie die Fledermäuse, denen sie ähnlich sah, mehr in den Dämmerstunden bemerkbar machte. Mama bedeutete ferner für Ali Kerbelsuppe und für Adallah Apfelreis, beides so über alle Maßen gräßlich, und da war kein Entrinnen. Aber Mama bedeutete auch Dinge, die fein waren, wo man sich selber fein werden fühlte, wie die dünne, schwingende Gerte in der Hand, wenn man aufs Pferd geklettert war und sich zuerst nur festklammerte, so gut es ging, denn das einzige, was man absolut nicht durfte,war herunterfallen, und dann allmählich, beim Traben, seine Muskeln und Gedanken zusammenfand, sich aufreckte und ins Lot kam. Mama sagte: »So ist's besser,« wenn man an ihr vorüberkam, dann mußte Dralle die Longe weglassen und später noch ritt man mit Mama querfeldein, und das war ehrenvoll, aber beileibe nichts zum Lachen. Nur dies Gefühl, als würde man feiner und biegsamer und härter dabei, das wuchs und war sonderbar ausfüllend und aufregend; man konnte an nichts anderes denken. Überall ging's so her, wo Mama dabei war, so mit angespannten Sehnen bis aufs letzte Haarbreit; aber doch immer, als dürfe man dabei nicht verweilen, als käme viel anderes nach, das noch zu bewältigen sei. Auch wenn Mama einen küßte, war das so, hoch oben auf die Stirn, in die Haarwurzeln hinein, ganz rasch, wie ein Stoß, und dann weg und was anderes. Neulich hatte Ali gezuckt, als der kleine Fuchs beim Striegeln auskeilte. »Ich glaube gar, der Junge hat Angst,« sagte Mama, und in ihre Augen kam der blaue Funken, der zurücksprang zu den alten, vertriebenen Sachsengöttern, die an Pferdeopfern Freude hatten ...
In solch straff gehaltenen Kinderexistenzen entwickelt sich Geschwisterliebe nachdrücklicher, wie das Zusammenhalten junger Pflanzungen an exponierten Stellen. Ali und Adallah brachten es fertig, in ihrem fest eingeteilten Dasein Augenblicke berauschender Opposition zu erhaschen, und das ganz absichtslos, denn sie waren gutartige Kinder und, ihrem Vater ähnlicher als ihrerMutter, nervös und rasch aufflammend, aber ohne die nötige Ausdauer für ein richtiges Verschwörertum. Mama war ungemütlich, wenn auch durchaus nicht unheimlich, denn es gab bei ihr keine Überraschungen; hingegen mußte man Papa nur aus dem Wege gehen, wenn er gerade seinen Nervenschmerz hatte, sonst aber nahm er für die Unterdrückten Partei, konnte einen allerdings im kritischen Augenblick unerwartet im Stich lassen. So schlossen sie sich ohne Verabredung eng aneinander; sie waren zu klein und zu unklar, um sich über das, was sie peinigte, miteinander auszusprechen. Winzige Igel im Nest, alles noch weich und verwundbar; ein Rascheln, ein Lufthauch, der Witterung bringt fremder, feindlicher Dinge, und sie liegen da, zusammengerollt, mit allen zarten Stacheln in der Abwehr, und fühlen, es gibt etwas Schmerzliches, Grausames irgendwo, das auch sie in ihrem Schlupfwinkel eines Tages aufspüren wird.
Wie gräßlich zum Beispiel waren doch die Schlachttage! Die kaltblütigen Vorbereitungen am Abend vorher, die armen Verurteilten, die ahnungslos – wer weiß? – ihre Henkersmahlzeit verzehrten, die Gänse und Enten, die Schweine und, was am schauderhaftesten war, das Kalb! Dieses wurde zwar nicht auf dem Gutshof gemördert, aber in aller Frühe, wie aus blutigem Nebelgrau hervor, kam ein gräßlicher Mann mit rotem Gesicht, mit rotbesudelter Schürze; das Kälbchen mußte heraus, ganz dumm und warm und verschlafen, in die kalte, beißende Luft, es stemmte sich, es wollte nicht, seineAugen waren voll Entsetzen, es hörte seiner Mutter ängstliches Muh. Aber es wurde am Strick fortgezerrt, über die hölzerne Brücke, wo seine armen, unbeholfenen Füße polterten. Hatte es nicht etwas Revoltierendes, wenn bald darauf die Frühstücksglocke die Hausbewohner versammelte und Mama die Morgenandacht hielt? »Also hat Gott die Welt geliebt,« las sie. Und derweil wurde das Kälbchen auf der Landstraße fortgezerrt, der böse Mann fluchte, es bekam einen Tritt, wenn es stehen blieb. Mama dankte für Gottes Hut in der vergangenen Nacht ... Ach, die arme Kuh in dem dunkeln, feuchtwarmen Stall; das Kälbchen war ihre einzige Freude gewesen; wenn sie es leckte bekamen ihre großen düsteren Augen blaue Lichter, ihre Weichen schauderten glückselig, wenn das Junge nach dem Euter suchte, es hochstieß beim Saugen. Nun brüllte sie, gedehnt, in regelmäßigen Absätzen, man konnte zählen dazwischen. Und das würde noch tagelang dauern, sagte der Knecht.
Aber Mama war doch sehr gut dabei. Zu allen Kranken wurde sie geholt, wenn es was Ernstes war; sie wußte, was nötig war, und tat alles, ruhig und tröstend. Manchmal wachte sie viele Nächte durch bei den Kranken. Und wie Fritz Dralle in die Häckselmaschine geraten war, hielt sie seinen Arm, während er so entsetzlich stöhnte und Doktor Moldenhauer nähte. Sie selbst aber war nie krank. Qualvolles Kopfweh, ja, dann zuckte es im Augenlid und in der Schläfe ging's wie ein Hammer, da, wo dieblauen Adern sind; aber sie gab nicht nach, immer zur Stelle, sommers um sechs und winters um sieben. Tante Brunislawa, welche die Cousine der ersten Frau war, fuhr schuldbewußt zusammen, wenn Mama sie bei ihren ewigen Patiencen ertappte. Und doch sagte Mama nie ein Wort und half Kleudchen mit ihrer endlosen Flickarbeit. In Tante Brunislawas Zimmer waren Heiligenbilder, goldene mit Schlitzaugen, und weiße mit blauen Mänteln, auf kleinen Postamenten; Tante kniete davor und sah zu ihnen auf, mit braunen, kurzsichtigen Augen wie Samtpensées. Wo es doch heißt: Du sollst dir kein Bildnis machen und keinerlei Gleichnis, dachte Ali. Aber nie sagte Mama etwas, eher noch Papa, der Witze machte über Beichtväter und dergleichen. Mamakämpftesogar für Tante um die Kutschpferde, wenn Tante zum Ablaß fahren wollte, gar jetzt, wo man sie doch so nötig brauchte, um Wasser zu fahren ...
Ali und Adallah mußten sich in Selbstkasteiung üben. Ihre Anzüge und Schuhwerk wurden von Dorfkünstlern angefertigt; die Hemden aus grobem Leinen scheuerten fürchterlich, solange sie neu waren, auch war ihnen nahegelegt worden, den Zucker im Milchkaffee zu sparen zugunsten der Stadtmission oder als Beitrag zur Weihnachtsbescherung im Armenhaus. Seitdem tranken sie ihren Kaffee ohne Zucker, hatten sich seiner so entwöhnt, daß es sie keine Überwindung kostete, aber sie spürten auch weiter keine Freude an ihrem Opfer; vielleicht waren ja auch Opfer nicht dazu da.
Alle Donnerstag kam Herr Doktor Löschwitz zum Kaffee. Dies war die schlimmste Prüfung; denn weil sie nur einmal wöchentlich stattfand, konnte man sich nicht dagegen abstumpfen. Herr Doktor Löschwitz war ein gestrandeter, nicht mehr junger Philologe, der vor Jahren Papa durchs Abitur gelotst hatte; nun bekam er Kost und Wohnung, zwei Stübchen im Seitengebäude, mit dem Blick auf den Hühnerhof. Herr Doktor Löschwitz trug eine Art Respirator aus schwarzem Taft über der Nase befestigt, fast wie eine kleine Maske; darunter war etwas Schreckliches, das für Herrn Doktor Löschwitz den Tod bedeutete; man konnte es ahnen, denn die Entzündung hatte schon Wangen und Oberlippe ergriffen. Ali gewann es über sich, hinzusehen, er konnte ganz steinern werden, wenn er sich so Gewalt antat; aber Adallah wurde rot und blaß und senkte die Augen, sobald nur Doktor Löschwitzens Schritt im Flur ertönte. »Albrecht und Adelbert, gebt Herrn Doktor Löschwitz die Hand,« sagte Mama, die es gewiß fertig gebracht hätte, den armen Lazarus aus dem Gleichnis zu küssen. In aller Stille dachte Adallah, das Schicksal zu beschwören. Am Mittwoch schon überkam ihn das Grauen; er stand nachts auf, fröstelnd in seinem kurzen Hemd stand er auf der Diele und horchte auf die Turmuhr. Wenn er eine ganze Stunde reglos ausharrte und immer an das nämliche dachte, würde Doktor Löschwitz irgendeine kleine unschädliche Krankheit bekommen, so daß er morgen absagen mußte. Aber das Zaubermittel versagte, währendes doch damals bei dem Kalbe so wunderbar geholfen hatte, und da hatte er doch um etwas viel Durchgreifenderes gebetet. Das Kalb hatte etwas mit dem Bein. Es lag stöhnend im Stroh, und Adallah hörte den Inspektor zum Knecht sagen, es solle den nächsten Morgen geschlachtet werden. Da hatte er denn die halbe Nacht auf der kalten Diele gekniet; und wirklich, es half, das Kalb war in der Nacht von selbst gestorben, ganz still. O lieber, lieber Gott, nein, aber du bist doch wirklich gut, dachte Adallah, als er's erfuhr; als müsse er Gott Abbitte leisten für voreilige, abfällige Urteile.
Es war ein glühender, regenloser Sommer, wie es hier die Regel war, aber so wie dieses Jahr doch seit langer Zeit nicht. Schon im Mai hatte die Dürre eingesetzt, und jetzt war alles verbrannt. Das Akazienlaub hing gelb und tot von den Stengeln, die Linden waren auf der Windseite wie versengt. Alles schlich matt einher, der Inspektor wie ein schwarzes Gewölk. Papa, der, schon ganz elend von all den Hiobsposten, richtig auch seinen Nervenschmerz bekommen hatte, ging mit Kölnischwasser und einem Zerstäuber durch die Stuben und spritzte die Gardinen an. Tante Brunislawa sagte: »Gott, bester Thilo, wenn du doch Patience lernen würdest, das beruhigt und die Zeit geht so schön vorbei.« – »Ja, und die Gehirnerweichung tritt ein,« knurrte Papa. Mama schwieg mit hochgezogenen Brauen, aber in der Schläfe ging der kleine Hammer.
Pastor Gordon hatte am Vormittag Unterricht gegeben: Kopfrechnen und Geographie und natürlich auch Religion; an Alis Horizont machte sich außerdem das Lateinische unangenehm bemerkbar.
Mama saß im Vorplatz, der mit Strohmatten, Korbmöbeln und undeutlichen Aquarellen an den Wänden als Gartensaal gedacht war; winters über standen hier auch die Oleander und Geranien in ihren grünen Kübeln. Sie half der Kleudchen beim Erbsenauspahlen; es war die höchste Zeit mit dem Einmachen, sie fingen schon an runzlig zu werden. Adallah hätte gern geholfen, er liebte derartige Beschäftigungen über die Maßen, der Küchenjunge im Märchen erregte stets seinen unverfälschten Neid; aber nun sollte er schon wieder hinaus, und nicht etwa in den Stall zum Gefleckten, das seit einigen Tagen wässerige Äugelchen geöffnet hatte und bedeutend klüger zu werden versprach als das Braune, sondern ans andere Ende vom Dorf, mit einem Paket für die alte Schröder, die doch bloß ächzte und krächzte und keine Ruhe ließ, bis man eins von ihren unappetitlichen Malzbonbons nahm. So trollte er mißvergnügt von dannen.
Die Erbsen fielen hart wie kleine Kugeln in die Schüssel. Mama blickte auf zum Gatten, der in einem Korbsessel lag und sich mit der schmalen, sensitiven van-Dyk-Hand ab und zu nervös durchs Haar fuhr, dies allzu krause Haar, das die Gerüchte, die über den Stammbaum seiner Großmutter umliefen, zu rechtfertigen schien.
»Gordon ist mit den Fortschritten der Kinder nicht recht zufrieden,« sagte sie.
»Gott, die armen Bengels« – der Gatte zuckte übers ganze Gesicht, die Fliegen waren heute geradezu ekelhaft – »bei dieser Hitze auch noch lernen! Und dann so langweilig, immer nur zu zweien, so 'ne Intensivkultur. In der Schule kann man sich doch mal durchschwindeln, und schließlich, wenn man kein absolutes Kamel ist, lernt man ja doch das Nötige. Eine Schule wäre viel besser für die Jungens.«
»Aber das läßt sich jetzt doch nicht einrichten, Thilo, wo's mit den Pferden so knapp ist – allenfalls hinradeln könnten sie, aber zweimal des Tags all die Kilometer – dazu sind sie doch noch sehr klein ...«
»Ach, so meine ich's nicht, das weißt du ganz gut; Kadettenhaus oder Ritterakademie, das ist das einzig wahre für ein paar ordentliche Jungens.«
»Die Erfahrungen, die dudamitgemacht hast, dürften doch wohl genügen.«
Der Gatte murmelte etwas, das wie »Duckmäuserei« klang, und die Kleudchen, die, obwohl ganz zur Familie gerechnet, genau wußte, wann sie lieber nicht gegenwärtig war, wollte taktvoll mit ihrer Erbsenschüssel verschwinden. Er flog ihr nach und öffnete mit gewohnter Ritterlichkeit die Türe für sie. Mit seinem etwas zu tief ausgehöhltem Kreuz und der geschmeidigen Gebärde erinnerte er an jene tadellos ajustierten Bereiter, die im Zirkus zu beiden Seiten des Eingangs stehen und derlächelnden Dame im Flitterröckchen mit federnder Eleganz aufs Pferd helfen, die Reitgerte überreichen ...
Seine Frau blinzelte an ihm vorbei, auf die hellgetünchte Wand gegenüber: »Ich glaube nicht, daß Kinder, deren Selbstbeherrschung täglich geübt wird, zu Duckmäusern werden,« sagte sie. »Mein Blut neigt überhaupt nicht dazu.« Ihre Stimme bebte, aber sie sammelte ruhig die leeren Schoten in ihrem Schoß zusammen und legte sie in den Korb. Dann band sie ihre große Hausschürze ab und begann sie zu falten: »Ich habe von Anfang an auf Abhärtung, auch in Gefühlssachen, geachtet. Du hast dich nie gefragt, ob mich das nicht selber hart ankam. Aber es erschien mir das wichtigste, viel wichtiger als alles, was man aus Büchern lernt. Überhaupt meine ich, wie einer lernt, ist mehr wert, als was einer lernt. Jedenfalls bild' ich's mir ein, und darum muß ich danach handeln. Sonst verlange ich nichts für die Kinder. Es sind gute Jungens, nicht unbegabt, aber nichts Außergewöhnliches. Vielleicht wären sie besser dran, wenn sie Holzpantinen trügen, und so mancher Firlefanz, der ihnen einmal noch das Herz schwer machen wird, träte gar nicht erst an sie heran.«