ANTIBARBARUS

ANTIBARBARUS(EINE UNGEDRUCKTE „ERWIDERUNG“, DIE SICH IN HERRN VON BALTHESSERS PAPIEREN VORGEFUNDEN HAT. ANLASS DAZU MAG IRGEND EIN ZEITUNGSARTIKEL GEGEBEN HABEN, DER DAS RECHT DES DEUTSCHEN TOURISTEN, IN TOURISTENKLEIDUNG AN DER HOTELTAFEL ZU ERSCHEINEN, ETWAS HERAUSFORDERND ZU VERTEIDIGEN UNTERNOMMEN HABEN DÜRFTE)

(EINE UNGEDRUCKTE „ERWIDERUNG“, DIE SICH IN HERRN VON BALTHESSERS PAPIEREN VORGEFUNDEN HAT. ANLASS DAZU MAG IRGEND EIN ZEITUNGSARTIKEL GEGEBEN HABEN, DER DAS RECHT DES DEUTSCHEN TOURISTEN, IN TOURISTENKLEIDUNG AN DER HOTELTAFEL ZU ERSCHEINEN, ETWAS HERAUSFORDERND ZU VERTEIDIGEN UNTERNOMMEN HABEN DÜRFTE)

A

Auf die Gefahr hin, wieder einmal intra et extra montes mit Kopfschütteln, bedenklichem sowohl als wohlwollend-mißbilligendem, zu den Unverbesserlichen gezählt zu werden, die sich, während sie doch „Wichtigeres“ zu tun hätten, die Finger an heißen Platten und platten Hitzigkeiten zu versengen allzu lüstern scheinen, muß ich auf die Schafwollverwogenheiten des aus seiner Pseudonymität weiter nicht zu lüftenden „Montanus“ erwidern, wies der Geist mir eingibt. Ich habe das trutzige Stückchen vom frisch-froh-freien Lodengermanen auf der Heimreise von St. Moritz gelesen, zufällig gerade diesen abgegriffenen Fehdefäustling von einem Zeitungsjungen zur Fahrt-Verkürzung und Rückkehrtrübsalströstung erwerben müssen. Nunmehr, da ich in Gletschergedanken und Firnenträumen seufzend wieder städtisches Pflaster trete — die nach bescheidenen Begriffen „boshafte“ Anspielung sei etwaigen Duplikanten gratis dahingegeben — und nachgerade etliche Zeit verstrichen ist, als innerhalb welcher Herrn „Montanus“ zu entgegnen andern Bewohnern dieses Teils der leider zeitunglesenden Welt freigestanden hätte, drängt’s mich, in einer unbeschäftigten halben Stunde mit der Abermeinung aufzuwarten. Noch steht mir der Geruch in der Nase — idealiter heißt das —, der die Lektüre begleitete. Keineswegs, wie man füglich, doch aber voreilig annehmen könnte, war’s der mit brav aufsaugender, konservierender Wolle unzertrennlich verbundene männiglich bekannte, sondern Veltliner Geruch, beizendes Weinparfüm nämlich und dieser zähe Odeur, ein in zwei Wechselhemden heimtückisch aus zerbrochener Flasche eingeflossener, Hemden, die ich in der Handtasche aus Bahnfahrtreinlichkeitsgründen für 26 Stunden (außer dem frischen auf dem lesenden Leibe) bereit hielt: ein also freventlich umkleidsamer Antibarbarus bin ich, hört es, Silvani! Zunächst nun die „oben beregte“ Frage der „Wichtigkeit“. Ich kann nicht einsehen — ein typisches Merkmal des Unverbesserlichen —, daß es minder „wichtig“ sein sollte, über Fragen der „äußern“, der ästhetischenKultur zu diskutieren denn über reimtechnische etwa oder Fragen der Bühnenpraxis oder solche der hochnotpeinlichen Politik von Fragmentfraktiönchen. Und Menschen, die es partout nicht begreifen wollen, beziehungsweise als unwürdig verschreien, wenn ein Dichter, nach ihrer Meinung also ein Mensch mit einem unverrückbaren „Poetenstandpunkt“, sich „ernstlich“ um andre Dinge bekümmert als um sogenannte „dichterische“, vermag ich nur als betrübliche Scheuklappenstelzbeine zu bedauern. Für mich, Andreas von Balthesser, dekadenten Autor der „Androgyne“, ist ein „Dichter“ ein Mensch mit dichterischer Begabung, im übrigen aber ein Mitmensch, Weltbürger und Zeitkind mit mehr oder weniger großem Welthirn und mehr oder weniger hellen Zeitaugen. Sein „Vorzug“ vor „Nichtdichtern“ liegt, wenn überhaupt vorhanden, im größern Reichtum an Persönlichkeit, nützliche Mitglieder der Gesellschaft sattsam aufregender Eigentümlichkeit, in der Fülle seiner unausschöpfbaren Wesenhaftigkeit, in der kompliziertern Kontur. Ein beliebiger Bedichter beliebiger Dichtbarkeiten scheint mir umdieser seiner unfreiwilligen Merkwürdigkeit willen noch lange nichts Wunderbares. Dagegen sind mir, seitdem ich das zweifelhafte Vergnügen habe, bewußter Nebenmensch Nächster zu sein, Kultur, Stil, vollendete Form, blutvolle Rasse, alles Ganze, Echte, Runde als herrliche, leider nur allzu spärlich ausgestreute Besitztümer erschienen.

Dies also wäre die Einleitung. Und nun in medias res, wie minder beherzte Schreiber sich anzufeuern pflegen. „Montanus“ schmäht mit der — Ausschließlichkeit des unverkennbaren Spreeatheners alle Bergfahrer, die in ihrem Koffer die ihnen unumgänglich dünkenden Abendtoiletteutensilien mitführen. Ihm gilt nur der als ein der großen Natur, die auch er alljährlich per Rundreisebillett mit seiner Gegenwart beehrt, würdiger Reisender, der sie, die nackende Natur nämlich, mit Vermeidung alles ekeln „städtischen“ Rüstzeugs aufsucht. Das Ideal — wozu die Betonung? — des Alpenwanderers ist sonach der weidlich bekannte Loden- und Schafwolldeutsche, der um keinen Preis „angesichts“ von Gletschern und Spitzen in weißergesteifter Wäsche und gebügelten Beinkleidern sich zu Tische setzen mag. Dies ist nun freilich wieder einmal Geschmacksache. Keineswegs jedoch ist das stolz verkündete Programm der verschwitzten Freizügigkeit ein Dokument von Deutschlands größerer Reise- und Tourentüchtigkeit. Ich, Andreas von Balthesser, der Dandy, stelle des unentwegten Lodenapostels entrüstunglodernder Beteuerung die zwischen zwei Zigarettendampfstößen dem Gehege meiner blankgeputzten Zähne entlassene, nicht minder von sich selbst überzeugte Behauptung entgegen, daß die trefflichsten, ausdauerndsten und erfolgreichsten Hochtouristen sich unter dem von Montanus und Stilgenossen verschrienen Lackschuhpöbel finden, der es aus Kultur der Gepflogenheit für geschmackvoller hält, an der Abendtafel eines komfortabeln Hotels nicht in verstaubten Kniestrümpfen und durchnäßter Joppe Platz zu nehmen. Montanus aus — Athen stellt die Sache fast so dar, als wäre das Mitführen eines Frack- oder Smoking-Anzuges körperlichen Leistungen nicht nur mechanisch-physisch, sondern geradezu moralisch hinderlich, alswäre es ein Zeichen verächtlicher Städterei, in die Berge den Teil der Garderobe mitzubringen, den man — auf Bergen nicht anzulegen pflegt.

So hingeklebt äfft die Karikatur ihren leider sehr befriedigten Bildner. Es handelt sich gar nicht darum, ob jemand mit Lackschuhen Gletscher betritt oder im Tennisanzug Felsen erklimmt. Wer solche Unverträglichkeiten zusammenstellt, um sie dann hohnlachend niederzukartätschen, kämpft lärmend gegen Windmühlen vor einem Publikum von Blindgebornen. Es handelt sich auch nicht darum, ob jemand aus Gründen des Geldbeutels lieber einfache Herbergen aufsucht als Engadin-Palasthotelbauten. Das sind Fragen nicht der Kultur und Sitte, sondern der finanziellen Verhältnisse oder der persönlichen Vorlieben. Wenn man aber, wie es der Berg- und Talgermane tut, sich breit aufpflanzt und den Nationen des der Tageszeitung lauschenden Erdballs mit Donnerstimme den Wilden als den bessern Menschen verkündet, dann darf der durchaus Andersgläubige immerhin der Frage auf den geschwollenen Leib rücken und, seinerseitsalle Modifikationen ablehnend, sich absolut versteifen.

Und dieses meint der rettungslos Versteifte — den Dank begehrt er nicht —: Notlage entschuldigt, rechtfertigt aber kaum. Wenn ein Tourist, der — sei’s nun „aus Prinzip“ oder aus Bedürfnislosigkeit — ohne Gepäck reist, bergmäßig angetan in einen lichterhellen Table-d’hôte-Saal gerät, wird man den Versprengten nicht abweisen dürfen. Sicherlich hat auch er das „Recht“, in verschwitzter Wäsche und bestaubten Kleidern gleich den gereinigten Genossen sein Mahl zu genießen, das er ebenso wie sie bezahlt. Unfug aber wäre es, Terrorismus vor allem gegenüber wehrlosen Nachbarn, wollte die Phalanx der wilden Männer durch die brutale Mehrzahl die löbliche Sitte sprengen, der sich gerne fügt, wer auchGehorchenzu den Kulturerrungenschaften des „Gebildeten“ zählt. Die abendliche Speisetracht unter Menschen von Geschmack ist nicht der Lodenrock, sondern eben der abendliche Gesellschaftsanzug. Dies zu bestreiten, ist kein Heldentum, sondern Eigensinn. Wer, wenn er von drei Uhr morgens bis zum späten Nachmittag gewandert und geklettert ist, nicht das Bedürfnis fühlt, Wäsche und Kleidung zu wechseln, ist um den Mangel dieses Bedürfnisses wahrlich nicht zu beneiden. Wer aber, wenn er’s empfindet und ihm nachgibt, geflissentlich andre Kleidungsstücke anlegt, als im weltbürgerlichen Europa die erprobte diskrete Gepflogenheit verlangt, mag sich Revolutionär dünken, darf sich aber nicht wundern, wenn ihn der andre Teil der Welt — der diesseits aller Hinterwäldler und Hinterweltler — stillschweigend oder halblaut als einen — sagen wir artig-neutral Outsider nimmt und also traitiert. Es ist keine Kunst, sich gegen Regeln irgend eines Milieus aufzulehnen. Aber es ist mehr als „Kunst“, es istGnade, sich unbefangen,selbstverständlichin einem erlauchten Milieu zu bewegen. Und wenn der deutsche, zumal norddeutsche Reisende leider noch immer dafür bekannt ist, daß er gegen die Gesetze des gesellschaftlichen Taktes und der konventionellen äußern Kultur (Ästhetik) unangenehm zu verstoßen pflegt, so scheint mir, Andreas von Balthesser, Autor der „Androgyne“, dies nicht eben ein Moment, dastrotzig-selbstbewußt zu betonen, das vielmehr in bescheidener Erziehungsarbeit mit allem Aufwand an deutschem Fleiß und deutscher Energie allmählich endlich — schon aus „Humanität“ — zubeseitigenwäre.


Back to IndexNext