GLOSSEN ZUR PSYCHOLOGIE DER KLEIDUNG

GLOSSEN ZUR PSYCHOLOGIE DER KLEIDUNG

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Gut gekleidet sein, heißt vor allemnicht auffallendgekleidet sein. Alles Vollkommene ist unbefangen, selbstverständlich.

Das zweite Gesetz lautet:Solidität. Auch dieses wird seine Anwendung überall im Leben bestätigen, wo etwas Vollendetes vorliegt.

Es ist zum Beispiel durchaus nicht selbstverständlich, die Manschetten und Kragen an das Hemd anzuknöpfen. „Selbstverständlich“ ist das Hemd auseinemStück. Sparsamkeit aber, womit man allenfalls die Teilung zu rechtfertigen sucht, ist ein Begriff aus einem andern Reich, der in das „künstlerische“ Gebiet der Kleidung hineingetragen wird, wie man in die Dichtung das moralisierende Element, die Tendenz, hineingetragen hat als ein wesensfremdes. Tendenzen wie „angeknöpfelte“ Manschetten und Kragen sind sicherlich „zielbewußte“, aber darum nicht eben schönere Dinge. Stil lehnt jedes Kompromiß ab. Das Kompromiß bringt den Stil um. Es ist stillos, an dasHemd einen Teil durch mechanische Mittel anzufügen, der mit ihm ein Ganzes vorzustellen hat und — darin liegt das Unreelle, also Gemeine der Sache — dieses Resultat vorzutäuschen beabsichtigt. Die vollkommenste Täuschung bleibt eben als Täuschung ein armseliger Kniff der Unzulänglichkeit, die das Zulängliche kennt, schätzt und — den Schein der Zulänglichkeit erschleicht.

Noch eines: Wer Manschetten und Kragen aus „Schonung“ an das Leibstück anknüpft, trachtet im Grunde nur über die Tatsache hinwegzutäuschen, daß er ein bereits gebrauchtes Hemd nicht zu wechseln pflegt. Er verschweigt sein verschmutztes Hemd, indem er die sichtbaren Ausläufer — Kragen und Manschetten — durch reine Stücke ersetzt. Man darf das gebrauchte Hemd nicht ein zweites Mal anziehen. Das mag kostspielig sein, aber — sich gut zu kleiden, ist eben nicht wohlfeil. Daran ist nichts zu ändern.

Über die „Fasson“ des Anzugs entscheidet natürlich die Mode. Aber nur bis zu einem gewissen Grade. Einem Menschen, der sichmit Verständnis und Geschmack zu kleiden weiß, hat die Mode nichts zu befehlen. Nie wird er sich ihr blind unterwerfen, aber auch nie gegen sie demonstrieren. Eines ist ebenso geschmacklos wie das andre.

Kreationen freilich mag man geruhig einem tonangebenden König überlassen.

So wie ein wohlerzogener Geschmack nicht „Leder“-Tapeten oder ein Gips-Gebälk in der Wohnung duldet, ebenso wird er das angefertigte „Flüchtige“, die steif gefaltete und „fertig“ genähte Krawatte und den unwandelbar mit „Bug“ versehenen Strohhut verabscheuen. Sicherlich auch wird der Mensch von Geschmack seine Schuhe selbst schließen, also entweder zuknöpfen oder zuschnüren, nicht in ein durch Gummiteile gefügig gemachtes Stiefelgehäuse schlüpfen, auch nicht wie ein Negerhäuptling über einem Wolleibchen ein „Vorhemd“ — schon der Name riecht nach Kannibalentum — baumeln lassen. Derlei Dinge sind auch nur noch in deutschen Landen „diskutabel“, wo man allen Ernstes erwägt, ob man an der Hotel-Abendtafel in Kniehosen und Wollhemd teilnehmen dürfe oder nicht, und wo das Messer ebenso unfehlbar zur— Torte gehört wie das Tellerchen aus gepreßtem Glas mit neckisch untergelegtem gesticktem Tüchlein samt dem Miniaturlöffelchen zum „Eis“...

Das sind die Axiome. Alles übrige ist „Nuance.“ Doch wer wird von den „letzten Dingen“ — den wechselseitigen zarten Beziehungen der einzelnen Kleidungsstücke untereinander — zu Honoratioren und sonstigen Unsäglichen sprechen, die den Abend-Gesellschaftsanzug, den Frack, als des brav aufwartenden Bürgers Vormittagsfestgewand ansehen, die das Straßen- und Besuchskleid, den Gehrock, aus dem Verließ des Garderobeschrankes hervorholen, wenn sie mit der seidestarrenden Ehehälfte zur — Sommersonntagsfahrt ins Grüne sich rüsten, die etwa gar den zeremoniellen Zylinder mit dem bequemen gelben Schuh in Geberlaune zum farbigen Akkord zwingen und dem Gehrock durch die — Frackweste und die schwarze Smokingschleife größere Feierlichkeit zu verleihen meinen!


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