Chapter 12

Noch ist Leben nicht dahin,Trost und Hoffnung nicht verschwunden.Was vermag der frömmste Sinn,Hält ihn schwerer Eid gebunden?Meister! Mut! — du wirst gesunden,Blick auf zu der Dulderin,Die da heilt die tiefsten Wunden,Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.

Noch ist Leben nicht dahin,Trost und Hoffnung nicht verschwunden.Was vermag der frömmste Sinn,Hält ihn schwerer Eid gebunden?Meister! Mut! — du wirst gesunden,Blick auf zu der Dulderin,Die da heilt die tiefsten Wunden,Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.

O du barmherziger Himmel, lispelte der Alte mit bebenden Lippen, sie ist es selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt nicht mehr unter den Lebendigen! — Da ließ sich jener melodische Ton abermals vernehmen und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:

Nicht erfaßt der bleiche Tod,Die im Herzen Liebe tragen;Dem glänzt noch das Abendrot,Der am Morgen wollt' verzagen.Bald kann dir die Stunde schlagen,Die entreißt dich aller Not;Zu vollbringen magst du wagen,Was die ew'ge Macht gebot.

Nicht erfaßt der bleiche Tod,Die im Herzen Liebe tragen;Dem glänzt noch das Abendrot,Der am Morgen wollt' verzagen.Bald kann dir die Stunde schlagen,Die entreißt dich aller Not;Zu vollbringen magst du wagen,Was die ew'ge Macht gebot.

Stärker anschwellend und wieder verhallend lockten die süßen Töne den Schlaf herbei, der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich. Aber in dem Dunkel ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen Glücks auf und Chiara lag wieder an des Meisters Brust und beide waren wieder jung und selig, und kein finstrer Geist vermochte den Himmel ihrer Liebe zu trüben. —

Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen muß, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz weggerissen, wodurch in dieser Geschichte voller Lücken wiederum eine Lücke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das Vorhergegangene reiht. Also weiter heißt es:

Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen muß, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz weggerissen, wodurch in dieser Geschichte voller Lücken wiederum eine Lücke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das Vorhergegangene reiht. Also weiter heißt es:

— — — nicht erwarten durfte. Fürst Irenäus war überhaupt ein abgesagter Feind von allen ungewöhnlichen Vorfällen, vorzüglich wenn seine eigne Person in Anspruch genommen wurde, die Sache näher zu untersuchen. Er nahm daher, wie er es in kritischen Fällen zu tun pflegte, eine Doppelprise, starrte den Leibjäger an mit dem bekannten niederschmetternden Friedrichsblick und sprach: Lebrecht, ich glaube, wir sind ein mondsüchtiger Träumer und sehen Gespenster, und machen einen ganz unnötigen Hallas?

Durchlauchtigster Herr, erwiderte der Leibjäger in sehr ruhiger Fassung, lassen Sie mich fortjagen wie einen ordinären Schuft, wenn nicht alles buchstäblich wahr ist, wie ich es erzählt habe! Ich wiederhole es keck und freimütig. Rupert ist ein ausgemachter Spitzbube.

Wie, Rupert, rief der Fürst in vollem Zorn, mein alter treuer Kastellan, der fünfzig Jahre dem Fürstenhause gedient, ohne jemals ein Schloß einrosten zu lassen, oder im Auf- und Zuschließen zu mankieren, der soll ein Spitzbube sein? Lebrecht! — Er ist besessen, Er ist rasend! Himmeltausend Sapp —

Der Fürst stockte wie immer, wenn er sich auf dem Fluchen ertappte, das allem fürstlichen Anstande entgegen. Der Leibjäger nutzte diesen Augenblick, um ganz geschwinde einzufallen: Durchlauchtigster Herr werden nur gleich so hitzig und fluchen denn so gräßlich, und man darf über so etwas doch nicht schweigen, man kann doch nichts behaupten als die reine Wahrheit. — Wer ist hitzig, sprach der Fürst gelassen, wer flucht? — Esel fluchen! — Ich will, daß Er mir die ganze Sache in gedrängter Kürze wiederhole, damit ich in einer geheimen Sitzung alles meinen Räten vortragen kann zur umständlichenBeratung und Entscheidung über die fernerhin zu ergreifenden Maßregeln. Ist Rupert wirklich ein Spitzbube, so — Nun, das weitere wird sich dann finden.

Wie gesagt, begann der Leibjäger, als ich gestern Fräulein Julien vorleuchtete, schlüpfte derselbe Mensch, der hier schon längst herumschleicht, bei uns vorüber. Halt, dacht ich in meinem Sinn, den Urian wirst du doch ertappen, und löschte, als ich das liebe Fräulein bis obenhinaufgebracht, meine Fackel aus und stellte mich ins Dunkel. Nicht lange dauerte es, so kam derselbe Mensch aus dem Gebüsch hervor und klopfte leise an das Haus. Behutsam schlich ich einher. Da wurde das Haus geöffnet und ein Mädchen trat heraus und mit diesem Mädchen schlüpfte der Fremde hinein. Es war die Nanni, Sie kennen sie doch, durchlauchtigster Herr, der Frau Rätin schöne Nanni?

Coquin,rief der Fürst, mit hohen gekrönten Häuptern spricht man nicht von schönen Nanni's, doch! — fahr Er fort,mon fils.— Ja die schöne Nanni, sprach der Leibjäger weiter, ich hätt' ihr solchen dummen Verkehr gar nicht zugetraut. — Also weiter nichts als eine einfältige Liebschaft, dacht ich in meinem Sinn; aber es wollte mir gar nicht in den Kopf, daß nicht noch was anders dahinter stecken sollte. Ich blieb am Hause stehen. Da kam nach einer guten Weile die Frau Rätin zurück, und kaum war sie ins Haus getreten, als oben ein Fenster geöffnet wurde und mit unglaublicher Behendigkeit der fremde Mensch hinaussprang, gerade in die schönen Nelken- und Levkojenstöcke hinein, die dort vergattert stehen und die das liebe Fräulein Julia selbst so sorglich wartet. Der Gärtner lamentiert schrecklich; er ist mit den zerbrochenen Scherben draußen und wollte bei dem durchlauchtigsten Herrn selbst Klage führen. Ich habe ihn aber nicht hereingelassen, denn der Schlingel ist angesoffen schon am frühen Morgen. Lebrecht, das scheint eine Imitation zu sein, unterbrach der Fürst den Leibjäger, denn selbiges kommt schon in der Oper von Herrn Mozart Figaro's Hochzeit geheißen, vor, die ich zu Prag geschaut. Bleib Er der Wahrheit getreu, Jäger? — Auch nicht eine Silbe rede ich anders, als ich es bekräftigen kann mit einem körperlichen Eide, sprach Lebrecht weiter. Der Kerl war hingestürzt, und ich gedachte ihn nun zu fassen; doch schnell wie der Blitz raffte der Kerl sich auf und rannte spornstreichs — wohin? was denken Sie wohl, durchlauchtigster Fürst, wohin er rannte? Ich denke nichts, erwiderte der Fürst feierlich, turbier Er mich nicht mit lästigen Fragennach Gedanken, Jäger! sondern erzähle Er ruhig so lange, bis die Geschichte aus ist, dann will ich denken.

Gerade nach dem unbewohnten Pavillon rannte der Mensch, fuhr der Jäger fort. Ja — unbewohnt! Sowie er an die Türe geklopft, wurd' es inwendig hell, und wer nun heraustrat, war niemand anders als der saubere, ehrliche Herr Rupert, dem der Fremde hineinfolgte ins Haus, das er nun wieder fest verschloß. Sie sehen, durchlauchtigster Herr, daß Rupert Verkehr treibt mit fremden, gefährlichen Gästen, die bei ihrer Schleicherei gewiß Böses im Schilde führen. Wer weiß, worauf alles abzielt und es ist ja möglich, daß selbst mein durchlauchtigster Fürst hier in dem stillen ruhigen Sieghartshof von schlechten Menschen bedroht wird.

Da Fürst Irenäus sich für eine höchst bedeutende fürstliche Person hielt, so konnt' es nicht fehlen, daß er manchmal von allerlei höfischen Kabalen und bösen Nachstellungen träumte. Des Jägers letzte Äußerung fiel ihm deshalb gar schwer aufs Herz, und er versank einige Augenblicke in tiefes Nachsinnen. Jäger! Er hat recht, sprach er dann mit weit aufgerissenen Augen. Die Sache mit dem fremden Menschen, der hier herumschleicht, mit dem Licht, das sich zur Nachtzeit im Pavillon sehen läßt, ist bedenklicher, als sie im ersten Augenblick erscheint. — Mein Leben steht in Gottes Hand! aber mich umgeben treue Diener, und sollte einer sich für mich aufopfern, so würde ich ganz gewiß die Familie reichlich bedenken! — Verbreit' Er das unter meinen Leuten, guter Lebrecht! — Er weiß, ein fürstliches Herz ist frei von jeder Bangigkeit, von jeder menschlichen Todesfurcht, aber man hat auch Pflichten gegen sein Volk, ihm muß man sich konservieren, zumal wenn der Thronerbe noch unmündig. Darum will ich das Schloß nicht eher verlassen, bis die Kabale im Pavillon zerstört ist. — Der Förster soll mit den Revierjägern und allen übrigen Forstbedienten herankommen, alle meine Leute sollen sich bewaffnen. Der Pavillon soll sogleich umstellt, das Schloß fest verschlossen werden. Besorg' Er das guter Lebrecht! Ich selbst schnalle meinen Hirschfänger um, lade Er meine Doppelpistolen, aber vergesse Er nicht den Schieber vorzulassen, damit kein Unglück geschieht. — Und daß man mir Nachricht gibt, wenn etwa die Zimmer des Pavillons erstürmt und so die Verschwornen gezwungen werden sollen, sich zu ergeben, damit ich mich zurückziehen kann in die innern Gemächer. Und daß man die Gefangenen auf das sorglichste durchsucht, ehe sie vor den Thron gebracht werden, damit keiner etwa in der Verzweiflung — doch was stehtEr, was sieht Er mich an, was lächelt Er, was soll das heißen Lebrecht?

Ei, durchlauchtigster Herr, erwiderte der Leibjäger mit pfiffiger Miene, ich meine nur, daß es gar nicht von nöten, den Förster mit seinen Leuten herzubeordern.

Warum nicht? fragte der Fürst erzürnt. Ich glaube gar, Er untersteht sich mir zu widersprechen? — Und in jeder Sekunde steigt die Gefahr! Tausend Sapp — Lebrecht, werf' Er sich auf Pferd — der Förster — seine Leute — geladene Büchsen — den Augenblick sollen sie einrücken. —

Sie sind aber schon da, durchlauchtigster Herr! sprach der Leibjäger.

Wie — was! — rief der Fürst, indem er den Mund offen behielt um dem Erstaunen Luft zu gönnen.

Schon als der Morgen graute, fuhr der Jäger fort, war ich draußen beim Förster. Schon ist der Pavillon so sorglich umstellt, daß keine Katze heraus kann, viel weniger ein Mensch.

Er ist ein vortrefflicher Jäger, Lebrecht, und ein treuer Diener des fürstlichen Hauses, sprach der Fürst gerührt. Rettet Er mich aus dieser Gefahr, so kann Er sicher auf eine Verdienstmedaille rechnen, die ich selber erfinden und ausprägen lassen werde, von Silber oder von Gold, je nachdem bei der Erstürmung des Pavillons weniger oder mehr Menschen geblieben sind.

Erlauben Sie es, durchlauchtigster Herr, sprach der Jäger, so gehen wir nun gleich ans Werk. Das heißt, wir schlagen die Türe des Pavillons ein, nehmen das Gesindel, das darin hauset, gefangen und alles ist vorüber. Ja, ja, den Kerl, der mir so oft entschlüpft, der solch ein verfluchter Springer ist, den verdammten Kerl, der sich dort im Pavillon als ein ungebetener Gast selbst einquartiert hat, den will ich schon fassen, den Spitzbuben den, der Fräulein Julien turbiert hat! —

Welcher Spitzbube hat Julien turbiert? fragte die Rätin Benzon in das Zimmer tretend. Wovon sprecht Ihr, guter Lebrecht? — Der Fürst schritt feierlich, bedeutsam, wie jemand, dem Großes, Ungeheures begegnet, das er mit aller Stärke des Geistes bemüht ist zu tragen, der Benzon entgegen. Er faßte ihre Hand, drückte sie zärtlich und sprach dann mit sehr weicher Stimme: Benzon! selbst in der einsamsten, tiefsten Zurückgezogenheit folgt die Gefahr dem fürstlichen Haupt. — Es ist das Los der Fürsten, daß alle Milde, alle Güte des Herzens sie nicht schützt vor dem feindlichen Dämon, der den Neid, die Herrschsucht entflammt in der Brust verräterischer Vasallen! — Benzon, dieschwärzeste Verräterei hat ihr schlangenhaariges Medusenhaupt erhoben gegen mich, Sie finden mich in der dringendsten Gefahr! — Aber bald ist der Augenblick der Katastrophe da, diesem Getreuen verdanke ich vielleicht bald mein Leben, meinen Thron! — Und ist es anders beschlossen — nun so ergebe ich mich in mein Schicksal. — Ich weiß, Benzon, Sie konservieren Ihre Gesinnungen gegen mich, und so kann ich, wie jener König in dem Trauerspiel eines deutschen Dichters, mit dem Prinzessin Hedwiga mir neulich den Tee verdarb, hochsinnig rufen: Nichts ist verloren, denn Sie blieben mein! — Küssen Sie mich gute Benzon! — Teures Malchen, wir sind und bleiben die Alten! — Guter Gott, ich radottiere wohl in der Seelenangst! — Lassen Sie uns gefaßt sein, meine Liebe, wenn die Verräter gefangen sind, werd' ich sie mit einem Blick vernichten. — Leibjäger, es beginne der Angriff auf den Pavillon. — Der Leibjäger wollte schnell fort. — Halt, rief die Benzon, was für ein Angriff? Auf welchen Pavillon?

Der Leibjäger mußte auf den Befehl des Fürsten nochmals über den ganzen Vorfall genauen Rapport abstatten.

Immer mehr und mehr schien die Benzon durch des Leibjägers Erzählung gespannt zu werden. Als er geendet, rief die Benzon lachend: Nun das ist das drolligste Mißverständnis, das es wohl geben mag. Ich bitte, gnädigster Herr, daß der Förster mit seinen Leuten sogleich nach Hause geschickt werde. — Es ist von gar keiner Verschwörung die Rede; Sie befinden sich nicht in der mindesten Gefahr, gnädigster Herr! — Der unbekannte Bewohner des Pavillons ist schon IhrGefangener.

Wer, fragte der Fürst voll Erstaunen, wer, welcher Unglückselige bewohnt den Pavillon ohne meine Erlaubnis?

Es ist Prinz Hektor, der sich im Pavillon verbirgt! raunte die Benzon dem Fürsten ins Ohr.

Der Fürst prallte einige Schritte zurück, als träfe ihn plötzlich ein Schlag von unsichtbarer Hand, dann rief er: Wer? — wie?est il possible! — Benzon! träume ich? — Prinz Hektor? des Fürsten Blicke fielen auf den Leibjäger, der ganz verblüfft den Hut in der Hand zusammenknillte. Jäger, schrie der Fürst ihn an, scher' Er sich hinab, der Förster, die Leute sie sollen fort — fort nach Hause! kein Mensch soll sich blicken lassen! — Benzon, wandte er sich dann zur Rätin, gute Benzon, können Sie es sich vorstellen, einen Kerl, einen Spitzbuben hat Lebrecht den Prinzen Hektor genannt! — Der Unglückliche! — Doch es bleibt unter uns, Benzon, es ist ein Staatsgeheimnis. — Sagen Sie, erklären Sie mir nur, wie es geschehen konnte, daß der Prinz vorgibt abzureisen, und sich hier versteckt, als wolle er auf Abenteuer ausgehen?

Die Benzon sah sich durch die Beobachtungen des Leibjägers aus großer Verlegenheit gerettet. Hatte sie sich vollkommen überzeugt, daß es ihrerseits nicht ratsam, dem Fürsten die Gegenwart des Prinzen in Sieghartshof, am wenigsten aber seinen Anschlag auf Julien zu entdecken, so konnte doch auch die Sache nicht in der Lage bleiben, die mit jeder Minute sich für Julien, für das ganze Verhältnis das sie, die Benzon selbst, mit aller Mühe aufrecht erhielt, bedrohlicher gestalten mußte. Jetzt, da der Leibjäger den Schlupfwinkel des Prinzen erlauscht, und dieser Gefahr lief, auf nicht sehr ehrenvolle Weise hervorgezogen zu werden, konnte, durfte sie ihn verraten, ohne Julia preiszugeben. Sie erklärte also dem Fürsten, daß wahrscheinlich ein Liebeszwist mit der Prinzessin Hedwiga den Prinzen vermocht, eine schnelle Abreise vorzugeben und sich mit seinem treusten Kammerdiener ganz in der Nähe der Geliebten zu verstecken. Daß dies Beginnen etwas Romanhaftes, Abenteuerliches in sich trage, sei nicht zu leugnen, doch welcher Liebende habe nicht Hang zu dergleichen. Übrigens sei des Prinzen Kammerdiener ein sehr eifriger Liebhaber ihrer Nanni, und durch diese ihr das Geheimnis verraten worden.

Ha! rief der Fürst, dem Himmel sei es gedankt, so war es der Kammerdiener und nicht der Prinz selbst, der sich zu Ihnen ins Haus stahl und dann durchs Fenster sprang in die Blumentöpfe, wie der Page Cherubim. — Mir stiegen schon allerlei unangenehme Gedanken auf. Ein Prinz und durchs Fenster springen, wie könnte sich das wohl in aller Welt reimen.

Ei, erwiderte die Benzon schalkisch lachend, ich kenne doch eine fürstliche Person, die den Weg zum Fenster hinaus nicht verschmähte, als —

Sie alterieren mich, Benzon, unterbrach der Fürst die Rätin, Sie alterieren mich ganz ungemein! Schweigen wir von vergangenen Dingen, überlegen wir lieber, was jetzt mit dem Prinzen anzufangen! Alle Diplomatie, alles Staatsrecht, alles Hofgesetz holt der Teufel in dieser verdammten Lage! — Soll ich ihn ignorieren? — soll ich ihn zufällig finden? — soll ich … soll ich? Alles dreht sich in meinem Kopfe wie ein Wirbel. Das kommt davon, wenn fürstliche Häupter sich zu wunderlichen Romanstreichen herabwürdigen!

Die Benzon wußte in der Tat nicht, wie das weitere Verhältnismit dem Prinzen zu formen. Doch auch dieser Verlegenheit wurde abgeholfen. Noch ehe die Rätin nämlich dem Fürsten antworten konnte, trat der alte Kastellan Rupert hinein und überreichte ein klein zusammengefaltetes Billett, indem er schelmisch lächelnd versicherte, es käme von einer hohen Person, die er gar nicht weit von hier die Ehre hätte unter Schloß und Riegel zu bewahren. Er wußte also, Rupert, sprach der Fürst sehr gnädig zu dem Alten, daß? Nun ich habe Ihn immer für einen ehrlichen treuen Diener meines Hauses gehalten, und Er hat sich auch jetzt als einen solchen bewährt, da Er, wie es seine Pflicht war, dem Befehl meines erhabenen Eidams gehorchet. — Ich werde an Seine Belohnung denken. Rupert dankte in den demütigsten Ausdrücken und entfernte sich aus dem Zimmer.

Es begibt sich gar oft im Leben, daß einer für besonders ehrlich und tugendhaft gehalten wird, gerade in dem Augenblick, wenn er einen Spitzbubenstreich begangen. Daran dachte die Benzon, die von des Prinzen bösem Anschlage besser unterrichtet und überzeugt war, daß der alte heuchlerische Rupert in das böse Geheimnis eingeweiht.

Der Fürst erbrach das Billett und las:

Che dolce più, che più giocondo statoSaria, di quel d'un amoroso core?Che viver più felice, e più beato,Che ritrovarsi in servitù d'Amore?Se non fosse l'huom sempre stimulatoDa quel sospetto rio, da quel timore,Da quel martir, da quella frenesia,Da quella rabbia, detta gelosia.

Che dolce più, che più giocondo statoSaria, di quel d'un amoroso core?Che viver più felice, e più beato,Che ritrovarsi in servitù d'Amore?Se non fosse l'huom sempre stimulatoDa quel sospetto rio, da quel timore,Da quel martir, da quella frenesia,Da quella rabbia, detta gelosia.

In diesen Versen eines großen Dichters finden Sie, mein Fürst, die Ursache meines geheimnisvollen Beginnens. Ich glaubte mich nicht geliebt von der, die ich anbete, die mein Leben ist, all mein Sehnen und Hoffen, für die alle brünstige Glut lodert in der entflammten Brust. Wohl mir! — ich habe mich eines Bessern überzeugt, ich weiß seit wenigen Stunden, daß ich geliebt bin, und trete aus meinem Schlupfwinkel hervor. — Liebe und Glück, das sei das Losungswort, das mich ankündigt. — Bald begrüße ich Sie, mein Fürst! mit der Ehrfurcht des Sohnes.Hektor.

Vielleicht ist es dem geneigten Leser nicht ganz unlieb, wenn der Biograph hier auf zwei Sekunden die Geschichte ruhen läßt und den Versuch einer Übersetzung jener italienischen Verse einschiebt. — Sie könnten ungefähr also lauten:

„Gäb's süßres noch, gäb's höheres Entzücken,Als wenn das Herz entbrannt in brünst'ger Liebe?Könnt' den ein sel'gres Himmelslos beglücken,Der in des mächt'gen Gottes Fesseln bliebe?Vermöchte nicht den Menschen zu berückenDer finstre Geist, Verdacht! der Furcht Getriebe,Trostlose Qual, Wahnsinns wuchernder Samen,Der Hölle Furie, Eifersucht ihr Namen!

„Gäb's süßres noch, gäb's höheres Entzücken,Als wenn das Herz entbrannt in brünst'ger Liebe?Könnt' den ein sel'gres Himmelslos beglücken,Der in des mächt'gen Gottes Fesseln bliebe?Vermöchte nicht den Menschen zu berückenDer finstre Geist, Verdacht! der Furcht Getriebe,Trostlose Qual, Wahnsinns wuchernder Samen,Der Hölle Furie, Eifersucht ihr Namen!

Der Fürst las das Billett zwei-, dreimal sehr aufmerksam durch und je öfter er es las, desto finstrer zogen sich die Falten auf seiner Stirne zusammen. Benzon! was ist das mit dem Prinzen? sprach er endlich. Verse, italienische Verse an ein fürstliches Haupt, an einen gekrönten Schwiegervater, statt deutlicher vernünftiger Erklärung? — Was soll das! — Es ist kein Verstand darin. — Der Prinz scheint überspannt zu sein auf ganz ungebührliche Weise. Die Verse sprechen, soviel ich davon verstehe, von dem Glück der Liebe und von den Qualen der Eifersucht. Was will der Prinz mit der Eifersucht, auf wen, um tausend Himmels willen kann er hier eifersüchtig sein? — Sagen Sie mir gute Benzon, finden Sie in diesem Billett des Prinzen auch nur ein Fünkchen gesunden Menschenverstand? —

Die Benzon entsetzte sich über den tiefern Sinn, der in den Worten des Prinzen lag, und den sie nach dem, was sich gestern in ihrem Hause begeben, leicht erraten konnte. Zugleich mußte sie aber die feine Wendung bewundern, die der Prinz ersonnen, um ohne weitern Anstoß aus seinem Versteck hervortreten zu dürfen. Weit entfernt, sich auch nur leise darüber gegen den Fürsten zu äußern, mühte sie sich aber aus der Lage der Dinge so viel Vorteil zu ziehen als nur möglich. Kreisler und Meister Abraham, das waren die Personen, von denen sie Verwirrungen ihrer geheimen Pläne befürchtete, und gegen diese glaubte sie jede Waffe brauchen zu müssen, die ihr der Zufall in die Hand spielte. Sie erinnerte den Fürsten daran, was sie ihm über die Leidenschaft gesagt hatte, die in der Prinzessin Brust empor gelodert. Dem Scharfblick des Prinzen, führte sie ferner an, könne die Stimmung der Prinzessin ebensowenig entgangen sein, als Kreislers seltsames überspanntes Betragen ihm Anlaß genug gegeben haben müsse, irgendein wahnsinniges Verhältnis zwischen beiden zu vermuten. So sei hinlänglich erklärt, warum der Prinz den Kreisler auf den Tod verfolgt, warum er, da er den Kreisler getötet zu haben geglaubt, dem Schmerz, der Verzweiflung der Prinzessin aus demWege gegangen, dann aber, als er von Kreislers Leben unterrichtet, von Liebe und Sehnsucht getrieben zurückgekehrt sei und die Prinzessin heimlich beobachtet habe. Niemanden anders als Kreislern habe daher die Eifersucht gegolten, von der die Verse des Prinzen sprächen, und es sei um so nötiger und ratsamer, dem Kreisler forthin keinen Aufenthalt in Sieghartshof zu gestatten, als er mit dem Meister Abraham ein gegen alle Verhältnisse des Hofes gerichtetes Komplott geschmiedet zu haben scheine.

Benzon, sprach der Fürst sehr ernsthaft, ich habe darüber nachgedacht, was Sie mir über die unwürdige Neigung der Prinzessin gesagt haben, und glaube jetzt von allem auch nicht ein Wort. Fürstliches Blut wallt in den Adern der Prinzessin. —

Glauben Sie, gnädigster Herr, fuhr die Benzon heftig auf, indem sie bis unter die Augen errötete, daß das fürstliche Weib über den Pulsschlag, über die innere Ader des Lebens gebieten könne wie kein anderes?

Sie sind heute in sehr seltsamer Stimmung, Rätin! sprach der Fürst verdrießlich. — Ich wiederhole es, entstand in dem Herzen der Prinzessin irgendeine abgeschmackte Leidenschaft, so war das nur ein krankhafter Zufall — ein Krampf sozusagen — sie leidet ja an Spasmen — von dem sie sich sehr bald ganz erholt haben würde. Was aber den Kreisler betrifft, so ist das ein ganz amüsanter Mensch, dem nur gehörige Kultur fehlt. Ich kann ihm gar nicht solche übermütige Keckheit zutrauen, sich der Prinzessin annähern zu wollen. Keck ist er, aber auf ganz andere Weise. Glauben Sie wohl, Benzon, daß nach seiner wunderlichen Art gerade eine Prinzessin bei ihm gar kein Glück machen würde, sollt' es denkbar sein, daß eine dergleichen hohe Person sich herablassen könnte, in ihn verliebt zu werden. Denn — Benzon,entre nous soit dit— er macht sich gar nicht sonderlich viel aus uns hohen Häuptern, und das ist eben die lächerliche abgeschmackte Torheit, die ihn unfähig macht am Hofe zu verweilen. Mag er daher entfernt bleiben: kehrt er aber zurück, so sei er mir herzlich willkommen. Denn nicht genug, daß er denn doch, wie ich vom Meister Abraham — ja den Meister Abraham, den lassen Sie mir aus dem Spiele, Benzon, die Komplotte, die er geschmiedet, haben immer zum Wohl des fürstlichen Hauses gereicht. — Wie ich doch sagen wollte! Ja! — — Nicht genug, daß der Kapellmeister, wie mir Meister Abraham gesagt, fliehen müssen auf ungebührliche Weise, unerachtet er von mir freundlich aufgenommen, so ist und bleibt erein ganz gescheiter Mensch, der mich amüsiert trotz seines närrischen Wesens,et cela suffit!

Die Rätin erstarrte vor innerer Wut, sich so kalt abgefertigt zu sehen. Ohne es zu ahnen war sie, als sie fröhlich den Strom hinabschwimmen wollte, auf eine verborgene Klippe gestoßen. —

Es entstand auf dem Schloßhofe ein großes Geräusch. Eine lange Reihe Wagen rasselte heran, begleitet von einem starken Kommando großherzoglicher Husaren. Der Oberhofmarschall, der Präsident, die Räte des Fürsten, mehrere von der vornehmen Welt aus Sieghartsweiler stiegen aus. Dorthin war die Nachricht gekommen, daß in Sieghartshof eine wider das Leben des Fürsten gerichtete Revolution ausgebrochen, und nun kamen die Getreuen nebst andern Verehrern des Hofes, sich um die Person des Fürsten zu stellen, und brachten die Verteidiger des Vaterlandes mit, die sie sich vom Gouverneur mit vieler Mühe erbeten.

Vor lauter Beteurungen der Versammelten, daß sie Leib und Leben für den gnädigsten Herrn zu opfern bereit seien, kam der Fürst gar nicht zu Worte. Eben wollt' er endlich beginnen, als der Offizier, der das Kommando führte, hineintrat und den Fürsten nach dem Operationsplan fragte.

Es liegt in der menschlichen Natur, daß, wenn die Gefahr, die uns Furcht einjagte, sich vor unsern Augen auflöst in einen eitlen nichtigen Popanz, uns dies immer mit großem Unmut erfüllt. Der Gedanke der wirklichen Gefahr glücklich entgangen zu sein, nicht, daß gar keine vorhanden, erregt uns Freude.

So geschah es denn auch, daß der Fürst seinen Unmut, seinen Verdruß über den unnötigen Tumult kaum unterdrücken konnte.

Daß der ganze Lärm über ein Stelldichein eines Kammerdieners mit einer Zofe, über die romanhafte Eifersüchtelei eines verliebten Prinzen entstanden, sollte, konnte er das sagen? Er sann hin und her, die ahnungsvolle Stille im Saal, nur unterbrochen von dem mutigen Sieg versprechenden Wiehern der Husarenpferde, die draußen hielten, drückte ihn bleiern nieder.

Endlich räusperte er sich und begann sehr pathetisch: Meine Herren! Die wunderbare Fügung des Himmels … — Was wollen Siemon ami?

Mit dieser an den Hofmarschall gerichteten Frage unterbrach der Fürst sich selbst. Wirklich hatte der Hofmarschall sich mehrmals gebückt und durch Blicke zu verstehen gegeben, daß er was Wichtiges zu hinterbringen. Es kam heraus, daß soeben sich Prinz Hektor melden lassen.

Des Fürsten Gesicht heiterte sich auf, er sah, daß er über die vermeintliche Gefahr, in der sein Thron geschwebt, sehr kurz sein und die ehrwürdige Versammlung wie mit einem Zauberschlage in eine Bewillkommnungs-Cour umsetzen könne. Er tat dies! —

Nicht lange dauerte es so trat Prinz Hektor herein, in Gala-Uniform glänzend gekleidet, schön, kräftig, stolz wie der fernhintreffende Götter-Jüngling. Der Fürst machte ein paar Schritte vorwärts ihm entgegen, fuhr aber auch gleich zurück, als träfe ihn der Blitz. Dicht hinter dem Prinzen Hektor her sprang Prinz Ignatius in den Saal. Der fürstliche Herr wurde leider mit jedem Tage dämischer und abgeschmackter. Die Husaren auf dem Schloßhofe mußten ihm ganz ausnehmend gefallen haben, denn er hatte einen Husaren vermocht ihm Säbel, Tasche und Tschako zu geben, und sich in diese Herrlichkeiten geputzt. — So kurbettierte er, als säße er zu Pferde, in kurzen Sprüngen, mit dem blanken Säbel in der Faust im Saal umher, indem er die eiserne Scheide tüchtig auf dem Boden nachklirren ließ, und lachte und kicherte dabei ganz ungemein anmutig.Partez — décampez! Allez vous en — tout de suite.So rief der Fürst mit glühenden Augen und donnernder Stimme dem erschrockenen Ignaz entgegen, der sich ganz geschwind davon machte.

Keiner von den Anwesenden hatte so wenig Takt, den Prinzen Ignaz, die ganze Szene zu bemerken. —

Der Fürst, im vollsten Sonnenglanz der vorigen Milde und Freundlichkeit, sprach nun mit dem Prinzen einige Worte und dann gingen beide, der Fürst und der Prinz, im Kreise der Versammelten umher und redeten mit diesem, jenem ein paar Worte. Die Cour war beendigt, d. h. die geistreichen, tiefsinnigen Redensarten, deren man sich bei solcher Gelegenheit zu bedienen pflegt, waren gehörig verspendet, und der Fürst begab sich mit dem Prinzen in die Gemächer der Fürstin, dann aber, da der Prinz darauf bestand die geliebte Braut zu überraschen, in das Gemach der Prinzessin. Sie fanden Julia bei ihr.

Mit der Hast des feurigsten Liebhabers flog der Prinz hin zur Prinzessin, drückte ihre Hand hundertmal zärtlich an die Lippen, schwur, daß er nur in dem Gedanken an sie gelebt, daß ein unglückliches Mißverständnis ihm die Qualen der Hölle bereitet, daß er die Trennung von der, die er anbete, nicht länger ertrage könne, daß nun ihm alle Seligkeit des Himmels aufgegangen. —

Hedwiga empfing den Prinzen mit unbefangener Heiterkeit, die ihr sonst eben nicht eigen. Sie begegnete den zärtlichen Liebkosungen des Prinzen geradeso, wie es eine Braut wohl tun mag, ohne sich im voraus zu viel zu vergeben; ja sie verschmähte es nicht, den Prinzen mit seinem Versteck ein wenig aufzuziehn und zu versichern, daß sie keine Verwandlung hübscher und anmutiger sich denken könne, als die eines Haubenstocks in einen Prinzenkopf. Denn für einen Haubenstock habe sie den Kopf gehalten, der sich in dem Giebelfenster des Pavillons blicken lassen. Dies gab Anlaß zu allerlei artigen Neckereien des glücklichen Paars, die selbst den Fürsten zu ergötzen schienen. Nun glaubte er den großen Irrtum der Benzon rücksichts des Kreisler erst recht einzusehen, da nach seiner Meinung Hedwiga's Liebe zu dem schönsten der Männer sich deutlich genug aussprach. Geist und Körper der Prinzessin schienen in der seltenen hohen Blüte zu stehen, wie sie glücklichen Bräuten ganz besonders eigen. — Gerade entgegengesetzt verhielt es sich mit Julien. Sowie sie den Prinzen erblickte, bebte sie zusammen von innerm Schauer erfaßt. Blaß wie der Tod stand sie da mit tief zu Boden gesenkten Augen, keiner Bewegung mächtig, kaum fähig, sich aufrecht zu erhalten. —

Nach einer guten Weile wandte sich der Prinz zu Julien mit den Worten: Fräulein Benzon, wenn ich nicht irre?

Eine Freundin der Prinzessin von der frühsten Kindheit her, gleichsam ein Schwesternpaar. Während der Fürst diese Worte sprach, hatte der Prinz Julia's Hand gefaßt und ihr leise, leise zugehaucht: Nur du bist's, die ich meine! — Julia schwankte, Tränen der bittersten Angst drängten sich unter den Wimpern hervor; sie wäre niedergestürzt, hätte die Prinzessin nicht schnell einen Sessel herbeigeschoben.

Julia, sprach die Prinzessin leise, indem sie sich über die Ärmste hinüberbeugte, Julia, fasse Dich doch nur! — Ahnest Du denn nicht den harten Kampf, den ich kämpfe. — Der Fürst öffnete die Türe und rief nach Eau de Luce. Solches führe ich nicht bei mir, sprach der ihm entgegentretende Meister Abraham, aber guten Äther. Ist jemand ohnmächtig geworden? — Äther hilft auch! —

So kommt schnell herein, Meister Abraham, erwiderte der Fürst, und helft Fräulein Julien.

Doch sowie Meister Abraham in den Saal trat, sollte sich das Unerwartete begeben.

Geisterbleich starrte Prinz Hektor den Meister an, sein Haar schien sich zu sträuben, kalter Angstschweiß ihm auf der Stirne zu stehen.Einen Schritt vorwärts, den Leib zurückgebogen, die Arme dem Meister entgegengestreckt, war er dem Macbeth zu vergleichen, wenn plötzlich Banko's entsetzliches blutiges Gespenst den leeren Platz der Tafel füllt. — Ruhig holte der Meister sein Fläschchen hervor und wollte sich Julien nahen.

Da war es, als ermanne sich der Prinz wieder zum Leben. Severino, seid Ihr's selbst? So rief der Prinz mit dem dumpfen Ton des tiefsten Entsetzens. Allerdings, erwiderte Meister Abraham, ohne im mindesten aus seiner Ruhe zu kommen, ohne nur die Miene zu verändern, allerdings. Es ist mir sehr lieb, daß Ihr Euch meiner erinnert, gnädigster Herr; ich hatte die Ehre Euch vor etlichen Jahren in Neapel einen kleinen Dienst zu erzeigen.

Der Meister trat noch einen Schritt vorwärts da faßte ihn der Prinz beim Arm, zog ihn mit Gewalt auf die Seite, und nun erfolgte ein kurzes Gespräch, von dem niemand der im Saal Befindlichen etwas verstand, da es zu schnell und im neapolitanischen Dialekt geführt wurde.

Severino! — wie kam der Mensch zu dem Bildnis?

Ich gab es ihm zur Schutzwehr gegen Euch.

Weiß er?

Nein!

Werdet Ihr schweigen?

Zur Zeit — ja!

Severino! — alle Teufel sind mir auf den Hals gehetzt! Was nennt Ihr zur Zeit?

Solange Ihr artig seid und den Kreisler in Ruhe laßt und auch jene da!

— Nun ließ der Prinz den Meister los und trat an ein Fenster. — Julia hatte sich indessen erholt. Mit dem unbeschreiblichen Ausdruck herzzerreißender Wehmut den Meister Abraham anschauend, lispelte sie mehr als daß sie sprach: O mein guter, lieber Meister, Ihr könnt mich wohl retten! — Nicht wahr, Ihr gebietet über so manches? — Eure Wissenschaft kann noch alles zum Guten lenken! — Der Meister gewahrte in Julia's Worten den wunderbarsten Zusammenhang mit jenem Gespräch, als habe sie in der höhern Erkenntnis des Traums alles verstanden und wisse um das ganze Geheimnis!

Du bist ein frommer Engel, sprach der Meister Julien leise ins Ohr, und darum hat der finstre Höllengeist der Sünde keine Macht über Dich. Vertraue Dich mir ganz; fürchte nichts und fasse Dich mit aller Kraft des Geistes. — Denke auch an unsern Johannes.

Ach, rief Julia schmerzlich, ach Johannes! — er kehrt zurück, nicht wahr, Meister? ich werde ihn wiedersehen!

Gewiß, erwiderte der Meister und legte den Finger auf den Mund; Julia verstand ihn. —

Der Prinz mühte sich, unbefangen zu scheinen; er erzählte, daß der Mann, den man hier, wie er vernehme, Meister Abraham nenne, vor mehreren Jahren in Neapel Zeuge einer sehr tragischen Begebenheit gewesen sei, in die er, der Prinz, selbst verflochten, wie er gestehen müsse. — Diese Begebenheit zu erzählen sei jetzt nicht an der Zeit, doch wolle er künftig nicht damit zurückhalten. —

Der Sturm im Innern war zu heftig, als daß sein Tosen nicht auf der Oberfläche hätte sichtbar sein sollen, und so stimmte des Prinzen verstörtes Antlitz, dem jeder Blutstropfen entschwunden schien, sehr schlecht überein mit dem gleichgültigen Gespräch, zu dem er sich nun zwang, um nur über den kritischen Moment hinwegzukommen. Besser als dem Prinzen gelang es der Prinzessin, die Spannung des Augenblicks zu besiegen. Mit der Ironie, die selbst den Argwohn, die Verbittrung verflüchtigt zum feinsten Hohn, neckte Hedwiga den Prinzen umher in dem Labyrinth seiner eignen Gedanken. Er, der gewandteste Weltmann, noch mehr, ausgerüstet mit allen Waffen einer Ruchlosigkeit, die alles Wahrhafte, jede Gestaltung des Lebens vernichtet, vermochte nicht diesem seltsamen Wesen zu widerstehen. Je lebhafter Hedwiga sprach, je feuriger und zündender die Blitze des geistreichen Spottes einschlugen, desto verwirrter, beängstigter schien sich der Prinz zu fühlen, bis dies Gefühl zum Unerträglichen stieg und er sich schnell entfernte.

Dem Fürsten geschah das, was ihm bei solchen Anstößen jedesmal zu geschehen pflegte; er wußte gar nicht, was er von dem allen denken sollte. Er begnügte sich mit einigen französischen Brocken ohne sonderliche Bedeutung, die er dem Prinzen zuwarf und die dieser mit ebensolchen erwiderte.

Der Prinz war schon zur Türe heraus, als Hedwiga plötzlich, im ganzen Wesen verändert zum Fußboden niederstarrte und mit einem seltsamen das Herz durchschneidenden Ton laut rief: Ich sehe die blutige Spur des Mörders! — Dann schien sie aus dem Traum zu erwachen, drückte Julien stürmisch an ihre Brust und lispelte ihr zu: Kind, mein armes Kind, laß Dich nicht betören!

Geheimnisse, Einbildungen, Albernheiten, Romanenstreiche, sprach der Fürst verdrießlich.Ma foi,ich kenne meinen Hof nicht mehr!Meister Abraham! Ihr bringt meine Uhren in Ordnung, wenn sie nicht richtig gehen; ich wollt', Ihr könntet hier nachsehen, was für Schaden das Räderwerk genommen, das sonst niemals stockte. — Doch was ist das mit dem Severino?

Unter diesem Namen, erwiderte der Meister, ließ ich in Neapel meine optische und mechanische Kunststücke sehen.

So — so, sprach der Fürst, sah den Meister starr an, als schwebe ihm eine Frage auf den Lippen, drehte sich aber dann schnell um und verließ schweigend das Zimmer. —

Man hatte geglaubt, die Benzon befinde sich bei der Fürstin, dem war aber nicht so; sie hatte sich in ihre Wohnung begeben.

Julia sehnte sich nach der freien Luft; der Meister führte sie in den Park und lustwandelnd durch die halbentlaubten Gänge sprachen sie von Kreisler und seinem Aufenthalt in der Abtei. Sie waren an das Fischerhäuschen gekommen. Julia trat hinein, um sich zu erholen; Kreislers Brief lag auf dem Tisch; der Meister meinte, es sei gar nichts darin, das Julia Scheu tragen dürfe zu erfahren.

Während Julia den Brief gelesen, hatten sich ihre Wangen höher gefärbt, und sanftes Feuer, Abglanz des erheiterten Gemüts, strahlte aus ihren Augen.

Siehst du wohl, mein liebes Kind, sprach der Meister freundlich, wie der gute Geist meines Johannes auch aus der Ferne tröstend zu Dir spricht? Was hast Du von bedrohlichen Anschlägen zu fürchten, wenn Standhaftigkeit, Liebe und Mut Dich schützen vor den Bösen, die Dir nachstellen.

Barmherziger Himmel, rief Julia mit emporgerichtetem Blick, schütze mich nur vor mir selber! Sie erbebte wie im jähen Schreck über die Worte, die sie willenlos ausgestoßen. Halb ohnmächtig sank sie in den Sessel und bedeckte mit beiden Händen ihr glühendes Antlitz.

Ich verstehe dich nicht Mädchen, sprach der Meister, du verstehst Dich vielleicht selbst nicht und darum magst Du Dein eignes Inneres recht auf den Grund erforschen und Dir nichts etwa verschweigen aus weichlicher Schonung. —

Der Meister überließ Julien dem tiefen Nachsinnen, in das sie versunken, und schaute mit übereinander geschlagenen Armen zu der geheimnisvollen Glaskugel. Da schwoll ihm die Brust vor Sehnsucht und wunderbarer Ahnung.

Dich muß ich ja fragen, sprach er, mit dir muß ich mich ja beraten, mit dir, du meines Lebens schönes, herrliches Geheimnis! Schweigenicht, laß deine Stimme hören! — Du weißt es ja, niemals war ich ein gemeiner Mensch, unerachtet mich manche dafür hielten. Denn in mir glühte alle Liebe, die der ewige Weltgeist selbst ist und der Funke glimmte in meiner Brust, den der Hauch deines Wesens anfachte zur hellen fröhlichen Flamme! — Glaube nicht, Chiara, daß dies Herz darum, weil es älter worden, vereiset ist und nicht mehr so rasch zu schlagen vermag als damals, da ich dich dem unmenschlichen Severino entriß; glaube nicht, daß ich jetzt weniger deiner wert geworden, als ich es damals war, da du selbst mich aufsuchtest! — Ja! — laß nur deine Stimme hören, und ich will mit der Hast des Jünglings dem Ton so lange nachrennen, bis ich dich gefunden, und dann wohnen wir wieder zusammen und treiben in zauberischer Gemeinschaft die höhere Magie, welche alle Menschen, selbst die allgemeinsten, notgedrungen erkennen ohne daran zu glauben. — Und wandelst du nicht mehr leiblich hier auf Erden, spricht deine Stimme aus der Geisterwelt zu mir herab, so bin ich auch damit zufrieden und werde auch dann wohl noch ein tüchtigerer Kerl, als ich jemals gewesen. — Doch nein nein! Wie lauteten die tröstenden Worte, die du zu mir sprachst?

Nicht erfaßt der bleiche Tod,Die im Herzen Liebe tragen;Dem glänzt noch das Abendrot,Der am Morgen wollt' verzagen!

Nicht erfaßt der bleiche Tod,Die im Herzen Liebe tragen;Dem glänzt noch das Abendrot,Der am Morgen wollt' verzagen!

Meister, rief Julia, die sich aus dem Sessel erhoben und dem Alten in tiefstem Erstaunen zugehorcht hatte, Meister! mit wem redet Ihr? was wollt Ihr beginnen? — Ihr nanntet den Namen: Severino, güt'ger Himmel! redete der Prinz, als er sich von seinem Entsetzen erholt hatte, Euch nicht selbst an mit diesem Namen? Welches furchtbare Geheimnis liegt hier verborgen?

Der Alte kam bei diesen Worten Julia's augenblicklich aus dem erhöhten Zustande zurück, und auf seinem Gesicht verbreitete sich, wie es schon lange nicht mehr geschehen, jene seltsame beinahe grinsende Freundlichkeit, die mit seinem übrigens treuherzigen Wesen in dem wunderlichsten Zwiespalt stand und seiner ganzen Erscheinung den Anstrich einer etwas unheimlichen Karikatur gab.

Mein schönes Fräulein, sprach er mit dem grellen Ton, in dem aufschneiderische Geheimniskrämer gewöhnlich ihre Wunder anzupreisen pflegen, mein schönes Fräulein, nur ein wenig Geduld, ich werde bald die Ehre haben Ihnen hier im Fischerhäuschen die allerwunderbarsten Dinge zu zeigen. — Diese tanzenden Männlein, dieser kleine Türke, welcher weiß, wie alt jeder in der Gesellschaft ist, diese Automate, diese Palingenesien, diese deformierten Bilder, diese optischen Spiegel — alles hübsches magisches Spielzeug, aber das Beste fehlt mir noch. Mein unsichtbares Mädchen ist da! — Bemerken Sie, dort oben sitzt sie bereits in der Glaskugel. Sie spricht aber noch nicht, sie ist noch müde von der weiten Reise, denn sie kommt gerades Weges aus dem fernen Indien. — In einigen Tagen, mein schönes Fräulein, kommt meine Unsichtbare und dann wollen wir sie befragen wegen des Prinzen Hektor, wegen Severino und anderer Begebnisse der Vergangenheit und Zukunft! — Für jetzt nur etwas weniges schlichtes Amüsement.

Damit sprang der Meister mit der Schnelle und Lebendigkeit eines Jünglings im Zimmer umher, zog die Maschine an, ordnete die magischen Spiegel. Und in allen Winkeln wurde es rege und lebendig; die Automaten schritten daher und drehten die Köpfe, und ein künstlicher Hahn schlug mit den Flügeln und krähte, während Papageien gellend dazwischenkreischten, und Julia selbst und der Meister standen draußen so gut wie im Zimmer. Julien wollte, unerachtet sie an dergleichen Possen genugsam gewöhnt, dennoch bei der seltsamen Stimmung des Meisters ein Grauen anwandeln. Meister, sprach sie ganz erschrocken, was ist Euch widerfahren?

Kind, erwiderte der Meister in seiner ernsten Manier, Kind etwas Schönes und Wunderbares, aber es taugt nicht recht, daß Du es erfährst. Doch! — laß die lebendigtoten Dinger hier ihre Faxen ausspielen, während ich Dir von manchem so viel vertraue, als Dir zu wissen nötig und nützlich. — Meine liebe Julia, Deine eigne Mutter hat Dir ihr mütterliches Herz verschlossen, ich will es Dir öffnen, daß Du hinein zu blicken, daß Du die Gefahr, in der Du schwebst, zu erkennen und Dich ihr zu entziehen vermagst. — Erfahre also fürs erste ohne weitere Umschweife, daß Deine Mutter nichts Geringeres fest in ihrem Sinn beschlossen hat, als Dich — —

(M. f. f.)— es indessen lieber bleiben lassen. — Katerjüngling, sei bescheiden wie ich, und nicht gleich überall bei der Hand mit deinen Versen, wenn die schlichte, ehrliche Prosa hinreicht, deine Gedanken auszuspinnen. — Verse sollen in dem in Prosa geschriebenen Buche das leisten was der Speck in der Wurst, nämlich hin und wieder in kleinen Stückchen eingestreut, dem ganzen Gemengsel mehr Glanz der Fettigkeit, mehr süße Anmut des Geschmacks verleihen. Ich fürchtenicht, daß dichterische Kollegen dies Gleichnis zu gemein und unedel finden werden, da es von unsrer Lieblingsspeise entnommen und in der Tat manchmal ein guter Vers einem mittelmäßigen Roman ebenso dienlich sein kann, als ein fetter Speck einer magern Wurst. Ich sage das als ein Kater von ästhetischer Bildung und Erfahrung. So sehr es nach meinen bisherigen philosophischen und moralischen Grundsätzen Ponto's ganzes Verhältnis, seine Lebensweise, seine Art sich in der Gunst des Herrn zu erhalten mir unwürdig, ja ein wenig miserabel vorkommen mochte, doch hatte mich sein ungezwungener Anstand, seine Eleganz, seine anmutige Leichtigkeit im sozialen Umgange gar sehr bestochen. Mit aller Gewalt wollte ich mich selbst überreden, daß ich bei meiner wissenschaftlichen Bildung, bei meinem Ernst in allem Tun und Treiben auf einer viel höheren Stufe stehe als der unwissende Ponto, der nur hier und da etwas von den Wissenschaften aufgeschnappt. Ein gewisses gar nicht zu unterdrückendes Gefühl sagte mir aber ganz unverhohlen, daß Ponto überall mich in den Schatten stellen würde; ich fühlte mich gedrungen, einen vornehmern Stand anzuerkennen und den Pudel Ponto zu diesem Stande zu rechnen. —

Ein genialer Kopf wie der meinige hat bei jedem Anlaß, beijederLebenserfahrung immer seine besonderen eigentümlichen Gedanken, und so geriet ich auch, meine innere Seelenstimmung, mein ganzes Verhältnis mit Ponto wohl überlegend, in allerlei sehr artige Betrachtungen, die der ferneren Mitteilung wohl wert sind. — Wie kommt es, sprach ich zu mir selbst, indem ich sinnig die Pfote an die Stirn legte, wie kommt es, daß große Dichter, große Philosophen, sonst geistreich, sich im sozialen Verhältnis mit der sogenannten vornehmeren Welt so unbehilflich zeigen? Sie stehen jederzeit da, wo sie eben in dem Augenblick nicht hingehören, sie sprechen wenn sie gerade schweigen sollten, und schweigen umgekehrt da, wo gerade Worte nötig, sie stoßen in — der Form der Gesellschaft, wie sie sich nun eben gestaltet hat, entgegengesetztem — Streben überall an und verletzen sich selbst und andere; genug sie gleichen dem, der, wenn eben eine ganze Reihe muntrer Spaziergänger einträchtig hinauswandelt, sich allein zum Tore hineindrängt und nun, mit Ungestüm seinen Weg verfolgend, diese ganze Reihe verstört. Man schreibt, ich weiß es, dies dem Mangel gesellschaftlicher Kultur zu, die am Schreibtische nicht zu erlangen, ich meine indessen, daß diese Kultur gar leicht zu erlangen sei, und daß jene unbesiegbare Unbehülflichkeit wohl nocheinen andern Grund haben müsse. — Der große Dichter oder Philosoph müßte es nicht sein, wenn er seine geistige Überlegenheit nicht fühlen sollte; aber ebenso müßte er nicht das jedem geistreichen Menschen eigne tiefe Gefühl besitzen, um nicht einzusehen, daß jene Überlegenheit deshalb nicht anerkannt werden darf, weil sie das Gleichgewicht aufhebt, das stets zu erhalten die Haupttendenz der sogenannten vornehmeren Gesellschaft ist. Jede Stimme darf nur eingreifen in den vollkommenen Akkord des Ganzen, aber des Dichters Ton dissoniert, und ist, kann er unter Umständen auch ein sehr guter sein, dennoch in dem Augenblick ein schlechter Ton, weil er nicht zum Ganzen paßt. — Der gute Ton besteht aber so wie der gute Geschmack in der Unterlassung alles Ungehörigen. Nun meine ich ferner, daß der Unmut, der sich aus dem widersprechenden Gefühl der Überlegenheit und der ungehörigen Erscheinung bildet, den in dieser sozialen Welt unerfahrnen Dichter oder Philosophen hindert, das Ganze zu erkennen und darüber zu schweben. Es ist nötig, daß er in dem Augenblick seine innere geistige Überlegenheit nicht zu hoch anschlage und unterläßt er dies, so wird er auch die sogenannte höhere gesellschaftliche Kultur, die auf nichts anders hinausläuft als auf das Bemühen, alle Ecken, Spitzen wegzuhobeln, alle Physiognomien zu einer einzigen zu gestalten, die eben deshalb aufhört eine zu sein, nicht zu hoch anschlagen. Dann wird er, verlassen von jenem Unmut, unbefangen, das innerste Wesen dieser Kultur und die armseligen Prämissen, worauf sie beruhet, leicht erkennen und schon durch die Erkenntnis sich einbürgern in die seltsame Welt, welche eben diese Kultur als unerläßlich fordert. — Auf eigne Weise verhält es sich mit den Künstlern, die, so wie Dichter, Schriftsteller, der Vornehme hie und da in seine Zirkel ladet, um der guten Sitte nach auf eine Art von Mäzenat Anspruch machen zu können. Diesen Künstlern klebt leider gewöhnlich etwas vom Handwerk an, und deshalb sind sie entweder demütig bis zur Kriecherei oder ungezogen bis zur Bengelhaftigkeit.

(Anmerk. des Herausgeb.:— Murr, es tut mir leid, daß du dich so oft mit fremden Federn schmückst. Du wirst, wie ich mit Recht befürchten muß, dadurch bei den geneigten Lesern merklich verlieren. — Kommen alle diese Betrachtungen, mit denen du dich so brüstest, nicht geradehin aus dem Munde des Kapellmeisters Johannes Kreisler, und ist es überhaupt möglich, daß du solche Lebensweisheit sammeln konntest, um eines menschlichen Schriftstellers Gemüt, das wunderlichste Ding auf Erden, so tief zu durchschauen!)

(Anmerk. des Herausgeb.:— Murr, es tut mir leid, daß du dich so oft mit fremden Federn schmückst. Du wirst, wie ich mit Recht befürchten muß, dadurch bei den geneigten Lesern merklich verlieren. — Kommen alle diese Betrachtungen, mit denen du dich so brüstest, nicht geradehin aus dem Munde des Kapellmeisters Johannes Kreisler, und ist es überhaupt möglich, daß du solche Lebensweisheit sammeln konntest, um eines menschlichen Schriftstellers Gemüt, das wunderlichste Ding auf Erden, so tief zu durchschauen!)

Warum, dachte ich ferner, sollt' es aber einem geistreichen Kater, ist er auch Dichter, Schriftsteller, Künstler, nicht gelingen können, sich zu jener Erkenntnis der höhern Kultur in ihrer ganzen Bedeutsamkeit hinaufzuschwingen und sie selbst zu üben mit aller Schönheit und Anmut der äußern Erscheinung? — Hat denn die Natur dem Geschlecht der Hunde allein den Vorzug jener Kultur gegönnt? Sind wir Kater, was Tracht, Lebensweise, Art und Gewohnheit betrifft, auch etwas von dem stolzen Geschlecht verschieden, so haben wir doch ebensogut Fleisch und Blut, Körper und Geist, und am Ende können es die Hunde auch gar nicht anders anfangen als wir, ihr Leben fortzusetzen. Auch Hunde müssen essen, trinken, schlafen u. s. w. und es tut ihnen weh, wenn sie geprügelt werden. — Was weiter! — ich beschloß mich dem Unterricht meines jungen vornehmen Freundes, des Pudels Ponto hinzugeben, und ganz mit mir einig, begab ich mich zurück in meines Meisters Zimmer; ein Blick in den Spiegel überzeugte mich, daß der bloße ernste Wille nach höherer Kultur zu streben schon vorteilhaft auf meine äußere Haltung gewirkt. — Ich betrachtete mich mit dem innigsten Wohlgefallen. — Gibt es einen behaglichern Zustand, als wenn man mit sich selbst ganz zufrieden ist? — Ich spann! —

Andern Tages begnügte ich mich nicht damit, vor der Türe zu sitzen, ich lustwandelte die Straße herab, da erblickte ich in der Ferne den Herrn Baron Alcibiades von Wipp, und hinter ihm her sprang mein munterer Freund Ponto. Gelegeners konnte mir nichts kommen; ich nahm mich soviel wie möglich in Anstand und Würde zusammen und näherte mich dem Freunde mit jener unnachahmlichen Grazie, die, unschätzbares Geschenk der gütigen Natur, keine Kunst zu lehren vermag. — Doch! — entsetzlich! Was mußte geschehen! — Sowie mich der Baron gewahrte, blieb er stehen und betrachtete mich sehr aufmerksam durch die Lorgnette, dann rief er aber: Allons — Ponto! Huß — Huß! — Katz! Katz! — Und Ponto, der falsche Freund sprang in voller Furie auf mich los! — Entsetzt, aus aller Fassung gebracht durch den schändlichen Verrat, war ich keines Widerstandes fähig, sondern duckte mich so tief nieder als ich konnte, um Pontos scharfen Zähnen zu entgehen, die er mir knurrend zeigte. Ponto sprang aber mehrmals über mich hinweg ohne mich zu fassen, und flüsterte mir in die Ohren: Murr! Sei doch kein Tor und fürchte dich etwa! — du siehst ja, daß es kein Ernst ist, ich tue das nur meinem Herrn zuGefallen! Nun wiederholte Ponto seine Sprünge und tat sogar, als packe er mich bei den Ohren, ohne mir indessen im mindesten wehe zu tun. Jetzt, raunte mir Ponto endlich zu, jetzt trolle dich ab, Freund Murr! dort hinein ins Kellerloch! — Ich ließ mir das nicht zweimal sagen sondern fuhr schnell davon, wie der Blitz. — Unerachtet der Versicherung Ponto's, mir keinen Schaden zuzufügen, war mir doch nicht wenig bange, denn wissen kann man in solchen kritischen Fällen immer nicht recht, ob die Freundschaft stark genug sein wird, das angeborne Naturell zu besiegen. —

Als ich hinein gehuscht war in den Keller, spielte Ponto die Komödie, die er seinem Herrn zu Ehren begonnen, weiter fort. Er knurrte und bellte nämlich vor dem Kellerfenster, steckte die Schnauze durch das Gitter, tat, als sei er ganz außer sich darüber, daß ich ihm entwischt sei und er mich nun nicht verfolgen könne. Siehst du, sprach aber Ponto zu mir in den Keller hinein, siehst du, erkennst du nun aufs neue die ersprießlichen Folgen der höhern Kultur? — In dem Augenblick habe ich mich gegen meinen Herrn artig, folgsam bewiesen, ohne mir deine Feindschaft zuzuziehen, guter Murr. So macht es der wahre Weltmann, den das Schicksal bestimmt hat, Werkzeug in der Hand eines Mächtigeren zu sein. Angehetzt muß er losfahren aber dabei so viel Geschick beweisen, daß er nur dann wirklich beißt, wenn es gerade auch in seinen eignen Kram taugt. — In aller Schnelle eröffnete ich meinem jungen Freunde Ponto, wie ich gesonnen sei etwas von seiner höhern Kultur zu profitieren und fragte, ob und auf welche Weise er mich vielleicht in die Lehre nehmen könne. — Ponto sann einige Minuten nach und meinte dann, am besten sei es, wenn mir gleich anfangs ein lebendiges deutliches Bild der höheren Welt aufgehe, in der er jetzt zu leben das Vergnügen habe, und dies könne nicht besser geschehen, als wenn ich ihn heute abend zur niedlichen Badine begleite, die gerade während der Theaterzeit Gesellschaft bei sich sähe. — Badine war aber Windspiel in Diensten der fürstlichen Oberhofmeisterin. —

Ich putzte mich heraus so gut ich es vermochte, las noch etwas im Knigge und durchlief auch ein paar ganz neue Lustspiele von Picard, um nötigenfalls mich auch im Französischen geübt zu zeigen, und ging dann hinab vor die Türe. Ponto ließ nicht lange auf sich warten. Wir wandelten einträchtig die Straße hinab und gelangten bald in Badinens hell erleuchtetes Zimmer, wo ich eine bunte Versammlung von Pudeln, Spitzen, Möpsen, Bolognesern, Windspielen vorfand,teils im Kreise sitzend, teils gruppenweise in die Winkel verteilt. —

Das Herz klopfte mir nicht wenig in dieser fremdartigen Gesellschaft mir feindlicher Naturen. Mancher Pudel blickte mich an mit einer gewissen verächtlichen Verwunderung, als wolle er sagen: Was will ein gemeiner Kater unter uns sublimen Leuten. Hin und wieder fletschte auch wohl ein eleganter Spitz die Zähne, so daß ich merken konnte, wie gern er mir in die Haare gefahren wäre, hätte der Anstand, die Würde, die sittige Bildung der Gäste nicht jede Prügelei als unschicklich verboten. — Ponto riß mich aus der Verlegenheit, indem er mich der schönen Wirtin vorstellte, die mit anmutiger Herablassung versicherte, wie sehr sie sich freue einen Kater von meinem Ruf bei sich zu sehen. — Nun erst, als Badine einige Worte mit mir gesprochen, schenkte mir dieser, jener mit wahrhaft hündischer Bonhommie mehr Aufmerksamkeit, redete mich auch wohl an und gedachte meiner Schriftstellerei, meiner Werke, die ihm zuweilen ordentlichen Spaß gemacht. Das schmeichelte meiner Eitelkeit und ich gewahrte kaum, daß man mich fragte ohne meine Antworten zu beachten, daß man mein Talent lobte, ohne es zu kennen, daß man meine Werke pries, ohne sie zu verstehen. — Ein natürlicher Instinkt lehrte mich antworten, wie ich gefragt wurde, nämlich ohne Rücksicht auf diese Fragen überall kurz absprechen in solch' allgemeinem Ausdrücken, daß sie auf alles nur mögliche bezogen werden konnten, durchaus keiner Meinung sein und nie das Gespräch von der glatten Oberfläche hinunterziehen wollen in die Tiefe. — Ponto versicherte mir im Vorbeistreifen, daß ein alter Spitz ihm versichert, wie ich für einen Kater amüsant genug sei und Anlagen zur guten Konversation zeige. — So etwas erfreut auch den Mißmütigen! —

— Jean Jacques Rousseau gesteht, als er in seinen Bekenntnissen auf die Geschichte von dem Bande kommt, das er stahl und ein armes unschuldiges Mädchen für den Diebstahl züchtigen sah, den er begangen, ohne die Wahrheit zu gestehen, wie schwer es ihm werde über diese Untiefe seines Gemüts hinwegzukommen — Ich befinde mich eben jetzt in gleichem Fall mit jenem verehrten Selbstbiographen. — Habe ich auch kein Verbrechen zu gestehen, so darf ich doch, will ich wahrhaft bleiben, die große Torheit nicht verschweigen, die ich an demselben Abend beging und die lange Zeit hindurch mich verstörte, ja meinen Verstand in Gefahr setzte. — Ist es aber nicht ebenso schwer, ja oft noch schwerer eine Torheit zu gestehen als ein Verbrechen? —

— Nicht lange dauerte es, so überfiel mich solch eine Unbehaglichkeit, solch ein Unmut, daß ich mich weit fort wünschte unter den Ofen des Meisters. Es war die gräßlichste Langeweile, die mich zu Boden drückte und die endlich mich alle Rücksichten vergessen ließ. Ganz still schlich ich mich in eine entfernte Ecke um dem Schlummer nachzugeben, zu dem mich das Gespräch rund umher einlud. Dasselbe Gespräch nämlich, das ich erst in meinem Unmut vielleicht gar irrtümlich für das geistloseste fadeste Geschwätz gehalten, kam mir nun vor, wie das eintönige Geklapper einer Mühle, bei dem man sehr leicht in ein ganz angenehmes gedankenloses Hinbrüten gerät, dem dann der wirkliche Schlaf bald folgt. — Eben in diesem gedankenlosen Hinbrüten, in diesem sanften Delirieren war es mir, als funkle plötzlich ein helles Licht vor den geschlossenen Augen. Ich blickte auf und dicht vor mir stand ein anmutiges schneeweißes Windspielfräulein, Badine's schöne Nichte, Minona geheißen, wie ich später erfuhr.

Mein Herr, sprach Minona mit jenem süßlispelnden Ton, der nur zu sehr widerklingt in des feurigen Jünglings erregbarer Brust, mein Herr, Sie sitzen hier so einsam, Sie scheinen sich zu ennuyieren? — Das tut mir leid! — Aber freilich, ein großer, tiefer Dichter wie Sie, mein Herr! muß, in höhern Sphären schwebend, das Treiben des gewöhnlichen sozialen Lebens schal und oberflächlich finden.

Ich erhob mich etwas bestürzt, und es tat mir weh, daß mein Naturell, stärker als alle Theorien des gebildeten Anstandes, mich zwang wider meinen Willen den Rücken hoch zu erheben, einen sogenannten Katzenbuckel zu machen, worüber Minona zu lächeln schien.

Gleich mich zur bessern Sitte erholend faßte ich aber Minona's Pfote, drückte sie leise an meine Lippen und sprach von begeisterten Augenblicken, denen der Dichter oft erliege. Minona hörte mich an mit solchen entschiedenen Zeichen der innigsten Teilnahme, mit solcher Andacht, daß ich mich selbst immer höher steigerte zur ungemeinen Poesie und zuletzt mich selbst nicht recht verstand. — Minona mochte mich ebensowenig verstehen, aber sie geriet ins höchste Entzücken und versicherte, wie oft es schon ihr inniger Wunsch gewesen, den genialen Murr kennen zu lernen, und daß einer der glücklichsten herrlichsten Momente ihres Lebens der gegenwärtige sei. — Was soll ich sagen! Bald fand sich's, daß Minona meine Werke, meine sublimsten Gedichte gelesen — nein! nicht nur gelesen sondern in der höchsten Bedeutung aufgefaßt hatte! Mehreres davon wußte sie auswendig und sagte es her mit einer Begeisterung, mit einer Anmut, die mich in einenganzen Himmel voll Poesie versetzte, vorzüglich, da esmeineVerse waren die die Holdeste ihres Geschlechts mir anzuhören gab.

Mein bestes, holdestes Fräulein, rief ich, ganz hingerissen, Sie haben dies Gemüt verstanden! Sie haben meine Verse auswendig gelernt; o all ihr Himmel! gibt es eine höhere Seligkeit für den aufwärts strebenden Dichter?

Murr, lispelte Minona, genialer Kater, können Sie glauben, daß ein fühlendes Herz, ein poetisch gemütliches Gemüt Ihnen entfremdet bleiben kann? — Minona seufzte nach diesen Worten aus tiefer Brust und dieser Seufzer gab mir den Rest. — Was anders? — Ich verliebte mich in das schönste Windspielfräulein dermaßen, daß ich ganz toll und verblendet nicht bemerkte, wie sie mitten in der Begeisterung plötzlich abbrach, um mit einem kleinen Zierbengel von Mops gänzlich fades Zeug zu schwatzen, wie sie mir den ganzen Abend auswich, wie sie mich auf eine Art behandelte, die mich hätte deutlich erkennen lassen sollen, wie sie mit jenem Lobe, mit jenem Enthusiasmus niemand anders gemeint, als sich selbst. — Genug ich war und blieb ein verblendeter Tor, lief der schönen Minona nach wie und wo ich nur konnte, besang sie in den schönsten Versen, machte sie zur Heldin mancher anmutig verrückten Geschichte, drängte mich in Gesellschaften ein, wo ich nicht hingehörte, und erntete dafür so manchen bittern Verdruß, so manche Verhöhnung, so manches kränkende Ungemach.

Oft in kühlen Stunden trat mir selbst die Albernheit meines Beginnens vor Augen; dann kam mir aber wieder närrischerweise der Tasso und mancher neuere Dichter von ritterlicher Gesinnung ein, dem es an einer hohen Herrin liegt, der seine Lieder gelten und die er aus der Ferne anbetet, wie der Manchaner seine Dulcinea, und da wollt ich denn wieder nicht schlechter und unpoetischer sein als dieser und schwur dem Gaukelbilde meiner Liebesträume, dem anmutigen weißen Windspielfräulein unverbrüchliche Treue und Ritterdienst bis in den Tod. Einmal von diesem seltsamen Wahnsinn erfaßt, fiel ich aus einer Torheit in die andere, und selbst mein Freund Ponto fand für nötig, sich, nachdem er mich ernstlich vor den heillosen Mystifikationen gewarnt, in die man mich überall zu verstricken suchte, von mir zurückzuziehen. Wer weiß was noch aus mir geworden wäre, wenn nicht ein guter Stern über mir gewaltet! — Dieser gute Stern ließ es nämlich geschehen, daß ich einst am späten Abend zur schönen Badine hinschlich, nur um die geliebte Minona zu sehen. Ich fand indessen alle Türen verschlossen und alles Warten, alles Hoffen, beiirgend einer Gelegenheit hineinzuschlüpfen, blieb ganz vergebens. Das Herz voll Liebe und Sehnsucht, wollte ich der Holden wenigstens meine Nähe kundtun und begann unter dem Fenster eine der zärtlichsten spanischen Weisen, die jemals empfunden und gedichtet worden sind. Es muß gar lamentabel anzuhören gewesen sein!

Ich hörte Badine bellen, auch Minonas süße Stimme knurrte etwas dazwischen. Ehe ich aber mir's versah, wurde das Fenster rasch geöffnet, und ein ganzer Eimer eiskaltes Wasser über mich ausgeleert. Man kann denken mit welcher Schnelle ich abfuhr in meine Heimat. Die volle Glut im Innern und Eiswasser auf dem Pelz harmoniert aber so schlecht miteinander, daß unmöglich jemals Gutes, und wenigstens ein Fieber daraus entstehen kann. So ging es mir. Im Hause meines Meisters angekommen schüttelte mich der Fieberfrost tüchtig. Der Meister mochte aus der Blässe meines Antlitzes, aus dem erloschenen Feuer meiner Augen, aus der brennenden Glut der Stirne, an meinem unregelmäßigen Puls, meine Krankheit ahnen. Er gab mir warme Milch, die ich, da mir die Zunge am Gaumen klebte vor Durst, eifrig verzehrte, dann wickelte ich mich ein in die Decke meines Lagers und gab ganz der Krankheit nach, die mich erfaßt. Erst verfiel ich in allerlei Fieberphantasien von vornehmer Kultur, Windspielen usw., nachher wurde mein Schlaf ruhiger und endlich so tief, daß ich ohne Übertreibung glauben muß, ich habe drei Tage und drei Nächte hintereinander fort geschlafen.

Als ich endlich erwachte, fühlte ich mich frei und leicht, ich war von meinem Fieber und — wie wundervoll! auch von meiner törichten Liebe ganz genesen! Ganz klar wurde mir die Narrheit, zu der mich der Pudel Ponto verleitet, ich sah ein, wie albern es war, mich als einen gebornen Kater unter Hunde zu mischen, die mich verhöhnten, weil sie nicht meinen Geist zu erkennen vermochten, und die sich bei der Bedeutungslosigkeit ihres Wesens an die Form halten mußten, mir also nichts darbieten konnten, als eine Schale ohne Kern. — Die Liebe zur Kunst und Wissenschaft erwachte in mir mit neuer Stärke, und meines Meisters Häuslichkeit zog mich mehr an als jemals. Die reiferen Monate des Mannes kamen, und weder Katzbursch noch kultivierter Elegant, fühlte ich lebhaft, daß man beides nicht sein dürfe, um sich gerade so zu gestalten, wie es die tieferen und bessern Ansprüche des Lebens erfordern.

Mein Meister mußte verreisen, und fand es für gut, mich auf die Zeit seinem Freunde, Kapellmeister Johannes Kreisler in die Kostzu geben. Da mit dieser Veränderung meines Aufenthalts eine neue Periode meines Lebens anfängt, so schließe ich die jetzige, aus der du, o Katerjüngling! so manche gute Lehre für deine Zukunft entnommen haben wirst. —

(Mak. Bl.)— — als schlügen entfernte dumpfe Töne an sein Ohr, und er höre die Mönche durch die Gänge schreiten. Als Kreisler sich völlig aus dem Schlaf emporraffte, gewahrte er denn aus seinem Fenster, daß die Kirche erleuchtet, und vernahm den murmelnden Gesang des Chors. Die Mitternachtshora war vorüber, es mußte daher irgend etwas Ungewöhnliches sich ereignet haben, und Kreisler durfte mit Recht vermuten, daß vielleicht ein schneller unvermuteter Tod einen der alten Mönche dahingerafft, den man jetzt der Klostersitte gemäß in die Kirche getragen. Rasch warf der Kapellmeister sich in die Kleider und begab sich nach der Kirche. —

Auf dem Gange begegnete er dem Pater Hilarius, der laut gähnend und ganz schlaftrunken hin und her wankte, keines festen Schrittes mächtig und die angezündete Kerze, statt aufrecht, abwärts zu Boden hielt, daß das Wachs prasselnd herabtropfte und jeden Augenblick drohte das Licht zu verlöschen. „Hochehrwürdiger Herr Abt,“ stammelte Hilarius, als Kreisler ihn anrief, „das ist gegen alle bisherige Ordnung. Exequien in der Nacht! — zu dieser Stunde — Und bloß weil der Bruder Cyprianus darauf besteht! —Domine — libera nos de hoc monacho!“ —

Es gelang endlich dem Kapellmeister den halbträumenden Hilarius zu überzeugen, daß er nicht der Abt sondern Kreisler sei, und nun erfuhr er von ihm mit Mühe, daß man in der Nacht, von woher wisse er nicht, den Leichnam eines Fremden nach dem Kloster gebracht, den Bruder Cyprianus allein zu kennen scheine, und der kein gemeiner Mann gewesen sein müßte, da sich der Abt auf Cyprianus dringendes Gesuch dazu verstanden, die Exequien auf der Stelle zu halten, damit morgen nach der ersten Hora die Exportation erfolgen könne.

Kreisler folgte dem Pater in die Kirche, die nur sparsam beleuchtet einen seltsamen schauerlichen Anblick gewährte.

Man hatte nur die Kerzen des großen metallenen Kronleuchters, der vor dem Hochaltar von der hohen Decke herabhing, angezündet, so daß der flackernde Schein kaum das Schiff der Kirche vollkommen erhellte, in die Seitengänge aber nur geheimnisvolle Streiflichter warf, in denen die Statuen der Heiligen zum gespenstischen Leben erwacht, sich zu bewegen und daher zu schreiten schienen. Unter demKronleuchter in der hellsten Beleuchtung stand der offne Sarg, in dem der Leichnam lag, und die Mönche, die ihn umringten, schienen bleich und regungslos selbst Tote, in der Geisterstunde den Gräbern entstiegen. Mit dumpfer heiserer Stimme sangen sie die eintönigen Strophen des Requiems und wenn sie dazwischen schwiegen, vernahm man nur von außen her das ahnungsvolle Rauschen des Nachtwindes und die hohen Fenster der Kirche knisterten seltsam, als klopften die Geister der Verstorbenen an das Haus, in dem sie die fromme Totenklage vernahmen. Kreisler nahte sich bis an die Reihe der Mönche und erkannte in dem Toten den Adjutanten des Prinzen Hektor. —

Da regten sich die finstern Geister, die so oft Macht hatten über ihn, und griffen schonungslos mit scharfen Krallen in seine wunde Brust. —

Neckender Spuk, sprach er zu sich selbst, treibst du mich her, damit jener erstarrte Jüngling bluten soll, weil man sagt, daß der Leichnam blute, wenn der Mörder sich nahe? — Hoho! weiß ich denn nicht, daß er all' sein Blut wegbluten mußte, in den schlimmen Tagen, als er seine Sünden abbüßte auf dem Siechbette? — Er hat keinen bösen Tropfen mehr übrig, mit dem er seinen Mörder vergiften könnte, käme er ihm auch in die Nähe, den Johannes Kreisler aber am wenigsten, denn der hat mit der Natter nichts zu schaffen, die er zu Boden trat, als sie schon die spitze Zunge ausgestreckt zur Todeswunde! — Schlage die Augen auf, Toter, damit ich dir fest ins Antlitz blicke, damit du gewährst, daß die Sünde keinen Teil hat an mir! — aber du vermagst es nicht! — Wer hieß dich das Leben einsetzen gegen das Leben? Warum spieltest du trügerisches Spiel mit dem Morde und du warst nicht gefaßt, es zu verlieren? — Aber deine Züge sind sanft und gut, du stiller blasser Jüngling, der Todesschmerz hat jede Spur verruchter Sünde weggelöscht von deinem schönen Antlitz, und ich könnte sagen, der Himmel hätte dir sein Gnadentor geöffnet, weil die Liebe in deiner Brust gewesen, wenn sich das jetzt ziemte. — Doch wie! — wenn ich mich in dir geirrt? — Wenn nicht du, kein böser Dämon, nein wenn mein guter Stern deinen Arm gegen mich erhoben, um mich dem entsetzlichen Verhängnis zu entreißen, das im schwarzen Hintergrunde auf mich lauert? — Nun magst du die Augen aufschlagen, blasser Jüngling, nun magst du mit einem Blick der Versöhnung alles, alles entdecken, und sollt ich untergehen in Wehmut um dich oder aus entsetzlicher furchtbarer Angst, daß der schwarze Schatten der hinter mir schleicht, mich nun gleich erfassen wird.Ja! schaue mich an, — doch! nein nein, du könntest mich anblicken wie Leonhart Etlinger, ich könnte glauben, du seist er selbst und da müßtest du mit mir hinab in die Tiefe, aus der ich oft seine hohle Geisterstimme vernehme. — Doch wie, du lächelst? — deine Wangen, deine Lippen färben sich? Trifft dich nicht die Waffe des Todes? — Nein, nicht noch einmal will ich mit dir ringen, aber —

Kreisler, der während dieses Selbstgesprächs unbewußt auf einem Knie gelegen, beide Ellbogen auf das andere gestützt, und die Hände unter das Kinn gestemmt hatte, fuhr hastig auf, und würde gewiß Seltsames, Wildes begonnen haben; doch in demselben Augenblick schwiegen die Mönche und die Knaben auf dem Chor intonierten mit sanfter Begleitung der Orgel dasSalve Regina.Der Sarg wurde verschlossen und die Mönche schritten feierlich von dannen. — Da ließen die finstern Geister ab von dem armen Johannes, und ganz aufgelöst in Wehmut und Schmerz folgte er mit gebeugtem Haupt den Mönchen. Eben wollte er hinausschreiten zur Türe, als sich in einem finstern Winkel eine Gestalt erhob und hastig auf ihn losschritt.

Die Mönche standen still, und der volle Schein ihrer Lichter fiel auf einen großen stämmigen Burschen, der etwa achtzehn bis zwanzig Jahre alt sein mochte. Sein Antlitz nichts weniger als häßlich zu nennen, trug den Ausdruck des wildesten Trotzes; die schwarzen Haare hingen ihm struppig um den Kopf, das zerrissene Wams von buntgestreifter Leinwand bedeckte kaum seine Blöße, und eben solche Schifferhosen gingen nur bis an die bloßen Waden, so daß der herkulische Bau seines Körpers völlig sichtbar.

Du Verdammter, wer hieß dich meinen Bruder ermorden? So schrie der Bursche wild auf, daß es in der Kirche widerhallte, sprang wie ein Tiger auf Kreisler los und packte ihn mit einem mörderischen Handgriff bei der Kehle.

Doch ehe Kreisler, ganz entsetzt über den unerwarteten Angriff, an Gegenwehr denken konnte, stand schon Pater Cyprianus bei ihm und sprach mit starker, gebietender Stimme: Giuseppo, verruchter sündhafter Mensch! was machst Du hier? Wo hast du die Altmutter gelassen? — Packe Dich augenblicklich fort! — Hochehrwürdiger Herr Abt, laßt die Klosterknechte herbeirufen, sie sollen den mörderischen Buben zum Kloster hinauswerfen.

Der Bursche hatte, sowie Cyprianus vor im stand, sogleich von Kreisler abgelassen. Nun nun, rief er mürrisch, macht nur nicht gleich ein solch tolles Wesen davon, wenn man sein Recht behaupten will,Herr Heiliger! — Ich gehe ja schon von selbst, Ihr dürft keine Klosterknechte auf mich loshetzen. — Damit sprang der Bursche schnell davon durch eine Pforte, die man zu verschließen vergessen und durch die er wahrscheinlich sich in die Kirche geschlichen hatte. Die Klosterknechte kamen, man fand aber keinen Anlaß den Verwegenen in tiefer Nacht weiter zu verfolgen.

Es lag in Kreislers Natur, daß gerade die Spannung des Außerordentlichen, des Geheimnisvollen wohltätig auf sein Gemüt wirkte sobald er den Sturm des Augenblicks, der ihn zu vernichten drohte, siegreich bekämpft.

So geschah es, daß dem Abt die Ruhe wunderbar und befremdlich vorkommen mußte, mit der Kreisler andern Tages vor ihm stand und von dem erschütternden Eindruck sprach, den unter solchen seltsamen Umständen der Anblick des Leichnams dessen auf ihn gemacht, der ihn ermorden wollen, und den er in gerechter Notwehr erschlagen.

Weder die Kirche noch das weltliche Gesetz kann Euch, lieber Johannes, sprach der Abt, irgendeine strafbare Schuld an dem Tode jenes sündhaften Menschen beimessen. Doch werdet Ihr aber lange nicht die Vorwürfe einer innern Stimme verwinden können, die Euch sagt, es sei besser gewesen selbst zu fallen, als den Gegner zu töten, und dies beweiset, daß der ewigen Macht das Opfer des eignen Lebens wohlgefälliger ist, als seine Erhaltung, kann dies nur durch eine rasche blutige Tat geschehen. — Doch laßt uns zur Zeit davon abbrechen, da ich anderes näher Liegendes mit Euch zu reden. —

Welcher sterbliche Mensch ermißt, wie der kommende Augenblick die Gestaltung der Dinge ändern kann. — Nicht lange ist es her, als ich fest überzeugt war, daß dem Heil Eurer Seele nichts zuträglicher sein könne, als der Welt zu entsagen und in unsern Orden zu treten. — Ich bin jetzt anderer Meinung und würde Euch raten, so lieb und wert Ihr mir auch geworden, die Abtei recht bald zu verlassen. — Werdet nicht irre an mir, lieber Johannes! Fragt mich nicht, warum ich meiner Gesinnung entgegen dem Willen eines andern, der alles umzustoßen droht, was ich mit Mühe geschaffen, mich unterwerfe. — Tief müßtet Ihr in die Geheimnisse der Kirche eingeweiht sein, um mich zu verstehen, wollt' ich auch mit Euch über die Motive meiner Handlungsweise reden. — Doch freier kann ich wohl mit Euch sprechen als mit jedem andern. Vernehmt also, daß in kurzer Zeit der Aufenthalt in der Abtei Euch nicht mehr die wohltätige Ruhe gewähren, wie bisher, ja daß Euer innerstes Streben einen tödlichen Stoß erhaltenund das Kloster Euch ein öder trostloser Kerker dünken wird. Die ganze Klosterordnung ändert sich, die mit frommer Sitte vereinbarte Freiheit hört auf und der finstere Geist fanatischer Möncherei herrscht bald mit unerbittlicher Strenge in diesen Mauern. — O mein Johannes, Eure herrlichen Gesänge werden nicht mehr unsern Geist erheben zur höchsten Andacht, der Chor wird abgeschafft und bald hört man nichts als die eintönigen Responsorien von den ältesten Brüdern mühsam gelallt mit heiserer unreiner Stimme. —


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