Was ist's, das die beengte Brust,Mit Wonneschauer so durchbebt,Den Geist zum Himmel hoch erhebt,Ist's Ahnung hoher Götterlust?Ja — springe auf, du armes Herz,Ermut'ge dich zu kühnen Taten,Verwandelt ist in Lust und Scherz,Der trostlos bittre Todesschmerz,Die Hoffnung lebt — ich rieche Braten!
Was ist's, das die beengte Brust,Mit Wonneschauer so durchbebt,Den Geist zum Himmel hoch erhebt,Ist's Ahnung hoher Götterlust?Ja — springe auf, du armes Herz,Ermut'ge dich zu kühnen Taten,Verwandelt ist in Lust und Scherz,Der trostlos bittre Todesschmerz,Die Hoffnung lebt — ich rieche Braten!
So sang ich, und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlärms nicht achtend, in die angenehmsten Träume! Doch auch hier auf dem Dache sollten mich noch die schreckhaften Erscheinungen des grotesken Weltlebens, in das ich hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir's versah, stieg aus dem Rauchfange eines jener seltsamen Ungetüme empor, die die Menschen Schornsteinfeger nennen. Kaum mich gewahrend, rief der schwarze Schlingel: Husch Katz! und warf den Besen nach mir. Dem Wurfe ausweichend, sprang ich über das nächste Dach hinweg, und hinunter in die Dachrinne. Doch wer schildert mein frohes Erstaunen, ja meinen freudigen Schreck, als ich wahrnahm, daß ich mich auf dem Hause meines wackern Herrn befand. Behende kletterte ich von Dachluke zu Dachluke, doch alle waren verschlossen. Ich erhob meine Stimme, jedoch umsonst, niemand hörte mich. Indessen wirbelten die Rauchwolken von dem brennenden Hause hoch auf, Wasserstrahlen zischten dazwischen, tausend Stimmen schrien durcheinander, das Feuer schien bedrohlicher zu werden. Da öffnete sich die Dachluke, und Meister Abraham schaute heraus in seinem gelben Schlafrock. „Murr, mein guter Kater Murr, da bist du ja! — Komm hinein, komm hinein, kleiner Graupelz!“ So rief der Meister freudig, als er mich erblickte. Ich unterließ nicht, ihm durch alle Zeichen, die mir zu Gebote standen, auchmeineFreude zu erkennen zu geben: es war ein schöner herrlicher Moment des Wiedersehens, den wir feierten. Der Meister streichelte mich, als ich zu ihm hinein in den Dachboden gesprungen, so, daß ich vor Wohlbehagen in jenes sanfte, süße Knurren ausbrach, das die Menschen in höhnender Verspottung mit dem Worte „spinnen“ bezeichnen. Ha ha, sprach der Meister lachend, ha ha, mein Junge, dir ist wohl, da du vielleicht von weiter Wanderung zurückgekehrt bist in die Heimat, du erkennst nicht die Gefahr in der wir schweben. — Beinahe möchte ich wie du, ein glücklicher harmloser Kater sein, der sich den Teufelwas schert um Feuer und Spritzenmeister, und dem kein Mobiliar verbrennen kann, da das einzige Mobile, dessen sein unsterblicher Geist mächtig, er selbst ist.“
Damit nahm mich der Meister auf den Arm und stieg herab in sein Zimmer.
Kaum waren wir hineingetreten, als Professor Lothario uns nachstürzte, dem noch zwei Männer folgten.
Ich bitte Euch, rief der Professor, um des Himmels Willen, Meister! Ihr seid in der dringendsten Gefahr, das Feuer schlägt schon über Euer Dach. — Erlaubt, daß wir Eure Sachen wegtragen. —
Der Meister erklärte sehr trocken, daß in solcher Gefahr der jähe Eifer der Freunde viel verderblicher sich gestalte, als die Gefahr selbst, da das, was vor dem Feuer geborgen, gewöhnlich zum Teufel ginge, wiewohl auf schönere Art. Er selbst habe in früherer Zeit einem Freunde, der von Feuer bedroht, in dem wohlwollendsten Enthusiasmus, beträchtliches chinesisches Porzellan durch's Fenster geworfen, damit es nur ja nicht verbrenne. Wollten sie aber fein ruhig, drei Nachtmützen, ein paar graue Röcke, und andere Kleidungsstücke, worunter eine seidne Hose vorzüglich zu beachten, nebst einiger Wäsche in einen Koffer, Bücher und Manuskripte in ein paar Körbe packen, seine Maschinen aber nicht mit einem Finger anrühren, so werde es ihm lieb sein. Stehe dann das Dach in Flammen, so wolle er samt dem Mobiliar sich von dannen machen.
„Erst aber, (so schloß er) erlaubt, daß ich meinen Hausgenossen und Stubenkameraden, der soeben von weiten Reisen müde, ermattet, zurückgekommen, mit Speis und Trank erquicke, nachher möget Ihr wirtschaften!“ —
Alle lachten sehr, da sie gewahrten, daß der Meister niemanden anders gemeint, als mich.
Es schmeckte mir herrlich, und die schöne Hoffnung, die ich auf dem Dach in sehnsuchtsvollen süßen Tönen ausgesprochen, wurde ganz erfüllt.
Als ich mich erquickt, setzte mich der Meister in einen Korb; neben mir, es war dazu Platz, stellte er eine kleine Schüssel mit Milch hin, und deckte den Korb sorgfältig zu.
Wart's ruhig ab, sprach der Meister, mein Kater! in dunkler Behausung, was aus uns noch werden wird, nippe zum Zeitvertreib von deinem Lieblingstrank, denn springst oder trottierst du hier im Zimmer umher, so treten sie dir den Schwanz, die Beine entzwei imTumult des Rettens. Kommt es zur Flucht, so trage ich dich selbst mit mir fort, damit du dich nicht wieder verläufst, wie es schon geschehen. Sie glauben nicht, verehrteste Herren und Helfer in der Not, was der kleine graue Mann im Korbe, was das für ein herrlicher, grundgescheuter Kater ist. Naturhistorische Galls behaupten, daß sonst, mit den vortrefflichsten Organen, als da sind, Mordlust, Diebssinn, Schelmerei u. s. w., ausgerüsteten Katern von leidlicher Edukation, doch der Ortsinn gänzlich mangele, daß sie, einmal sich verlaufen, die Heimat nie wiederfänden, aber mein guter Murr macht davon eine glänzende Ausnahme. Seit ein paar Tagen vermißte ich ihn, und betrauerte recht herzlich seinen Verlust, heut, soeben ist er zurückgekehrt, und hat, wie ich mit Recht vermuten darf, noch dazu die Dächer benutzt, als angenehme Kunststraße. Die gute Seele hat nicht allein Klugheit bewiesen und Verstand, sondern auch die treueste Anhänglichkeit an seinen Herrn, weshalb ich ihn nun noch viel mehr liebe als vorher. — Mich erfreute des Meisters Lob ganz ungemein, mit innerm Wohlbehagen fühlte ich meine Überlegenheit über mein ganzes Geschlecht, über ein ganzes Heer verirrter Kater ohne Ortsinn und wunderte mich, daß ich selbst das ganz Ungemeine meines Verstandes nicht hinlänglich eingesehen. Zwar dacht' ich daran, daß eigentlich der junge Ponto mich auf den rechten Weg, und der Wurf des Schornsteinfegers mich auf das rechte Dach gebracht, indessen glaubte ich doch nicht im mindesten an meiner Sagazität, und an der Wahrheit des Lobes, das mir der Meister erteilte, zweifeln zu dürfen. Wie gesagt, ich fühlte meine innere Kraft, und dies Gefühl bürgte mir für jene Wahrheit. Daß unverdientes Lob viel mehr erfreue, und den Gelobten viel mehr aufblähe als verdientes, wie ich einmal las, oder jemanden behaupten hörte, das gilt wohl nur von den Menschen, gescheute Kater sind frei von solcher Torheit, und ich glaube bestimmt, daß ich vielleicht ohne Ponto und Schornsteinfeger den Rückweg nach Hause gefunden hätte, und daß beide sogar nur den richtigen Ideengang im Innern verwirrten. Das bißchen Weltklugheit, womit der junge Ponto so prahlte, wäre mir auch wohl zugekommen auf andere Weise, wenngleich die mancherlei Begebenheiten, die ich mit dem liebenswürdigen Pudel, mit demaimable roué,erlebte, mir guten Stoff gaben zu den freundschaftlichen Briefen, in welche ich meine Reisebeschreibung einkleidete. In allen Morgen- und Abendzeitungen, in allen eleganten und freimütigen Blättern könnten diese Briefe mit Effekt abgedruckt stehen,da mit Geist und Verstand darin die glänzendsten Seiten meines Ich's hervorgehoben sind, was doch jedem Leser am interessantesten sein muß. Aber ich weiß es schon, die Herren Redakteurs und Verleger fragen: wer ist dieser Murr? und erfahren sie dann, daß ich ein Kater bin, wiewohl der vortrefflichste auf Erden, so sprechen sie verächtlich: ein Kater und will schreiben! — Und hätt' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe — von beiden habe ich viel Gutes vernommen, sie sollen für Menschen nicht übel geschrieben haben, sind aber Todes verblichen, welches für jeden Schriftsteller und Dichter, der leben will, eine durchaus riskante Sache ist — und, sag' ich noch einmal, hätt' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe, doch erhielte ich das Manuskript zurück, bloß weil man mir vielleicht meiner Krallen halber keine amüsante Schreibart zutraut. So was chagriniert! — O Vorurteil, himmelschreiendes Vorurteil, wie befängst du doch die Menschen, und vorzüglich diejenigen, die da heißen Verleger!
Der Professor, und die, die mit ihm gekommen, machten nun einen grimmigen Spektakel um mich her, der meines Bedünkens, wenigstens bei dem Verpacken der Nachtmützen und der grauen Röcke, nicht nötig gewesen wäre.
Auf einmal rief draußen eine hohle Stimme: das Haus brennt! „Hoho, sprach der Meister Abraham, da muß ich auch dabei sein, bleibt nur ruhig, Ihr Herren! wenn die Gefahr da ist, bin ich wieder hier und wir packen an!“ —
Und damit verließ er eilig das Zimmer.
Mir wurde in meinem Korbe wirklich bange. Das wilde Getöse — der Rauch, der nun in das Zimmer zu dringen begann, alles mehrte meine Angst! — Allerlei schwarze Gedanken stiegen in mir auf! — Wie wenn der Meister mich vergäße, wenn ich schmachvoll umkommen müßte in den Flammen! — Ich fühlte, die furchtbare Angst mochte es verschulden, ein besonderes häßliches Kneifen im Leibe. — Ha! dacht' ich, wenn im Herzen falsch, wenn neidisch ob meiner Wissenschaft, mich los zu werden, enthoben jeder Sorg' zu sein, nun mich der Meister noch in diesen Korb gespunden. — Wie wenn selbst dieser unschuldsweiße Trank — wie, wär' es Gift, das er mit schlauer Kunst hier zubereitet, mir den Tod zu geben? — Herrlicher Murr, selbst in der Todesangst denkst du in Jamben, läss'st nicht aus der Acht, was du im Shakespeare, Schlegel einst gelesen! — Meister Abraham steckte den Kopf zur Türe hinein, und sprach: die Gefahr ist vorüber, Ihr Herren! Setzt Euch nur ruhig hin an jenen Tisch,und trinkt die paar Flaschen Wein aus, die Ihr in dem Wandschrank gefunden, ich meinesteils begebe mich noch ein wenig auf's Dach, und will erklecklich spritzen. — Doch halt, erst muß ich nachsehen, was mein guter Kater macht.
Der Meister trat vollends hinein, nahm den Deckel von dem Korbe, in dem ich saß, sprach mir zu mit freundlichen Worten, erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden, fragte, ob ich vielleicht noch einen gebratenen Vogel verspeisen wolle, welches alles ich mit mehrmaligem süßen Miau erwiderte, und mich recht bequem ausstreckte, welches mein Meister mit Recht für das beredte Zeichen nahm, daß ich satt sei, noch im Korbe zu bleiben wünsche, und stülpte den Deckel wieder auf.
Wie wurde ich nun von der guten, freundlichen Gesinnung überzeugt, die Meister Abraham für mich hegte. Ich hätte mich meines schnöden Mißtrauens schämen müssen, wenn es überhaupt für einen Mann von Verstande schicklich wäre, sich zu schämen. Am Ende, dacht' ich, war auch die fürchterliche Angst, das ganze, Unheil ahnende Mißtrauen weiter nichts, als poetische Schwärmerei, wie sie jungen, genialen Enthusiasten eigen, die dergleichen oft förmlich brauchen, als berauschendes Opium. Das beruhigte mich ganz und gar.
Kaum hatte der Meister die Stube verlassen, als der Professor, ich konnt' es durch eine kleine Fitze des Korbes bemerken, sich mit mißtrauischen Blicken nach dem Korbe umschaute, und dann den andern zuwinkte, als habe er ihnen irgend Wichtiges zu entdecken. Dann sprach er mit so leiser Stimme, daß ich kein Wörtlein verstanden, hätte der Himmel nicht in meine spitzen Ohren mir unglaublich scharfes Gehör gelegt. Wißt ihr wohl, wozu ich eben jetzt Lust hätte? — Wißt ihr wohl, daß ich hingehen zu jenem Korbe, ihn öffnen, und dem verfluchten Kater, der drinnen sitzt, und der uns jetzt vielleicht alle mit seinem übermütigen Selbstgenugsein verhöhnt, dies spitze Messer in die Kehle stoßen möchte?
Was fällt Euch ein, Lothario, rief ein anderer, den hübschen Kater, den Liebling unseres wackeren Meisters wolltet Ihr umbringen? — Und warum sprecht Ihr denn so leise?
Der Professor ebenso mit gedämpfter Stimme wie vorher weiter sprechend, erklärte, daß ich alles verstehe, daß ich lesen und schreiben könne, daß mir Meister Abraham auf eine, freilich geheimnisvolle, unerklärliche Weise, die Wissenschaften beigebracht, so daß ich schon jetzt, wie ihm der Pudel Ponto verraten, schriftstellere und dichte,und daß das alles dem schelmischen Meister zu nichts anderem dienen werde, als zur Verspottung der vortrefflichsten Gelehrten und Dichter.
O, sprach Lothario mit unterdrückter Wut, ichseh'es kommen, daß Meister Abraham, der ohnedem das Vertrauen des Großherzogs in vollem Maße besitzt, daß er mit dem unglückseligen Kater alles durchsetzt, was er nur will. Die Bestie wirdMagister legenswerden, die Doktorwürde erhalten, zuletzt als Professor der Ästhetik Kollegia lesen über den Äschylos — Corneille — Shakespeare! — ich komme von Sinnen! — der Kater wird in meinen Eingeweiden wühlen, und hat ganz infame Krallen! —
Alle gerieten bei diesen Reden Lotharios, des Professors der Ästhetik, in das tiefste Erstaunen. Einer meinte, es sei ganz unmöglich, daß ein Kater lesen und schreiben lernen könne, da diese Elemente aller Wissenschaft nächst der Geschicklichkeit, der nur der Mensch fähig, eine gewisse Überlegung, man möchte sagen, Verstand, erforderten, der sogar nicht allemal bei dem Menschen, dem Meisterstück der Schöpfung, anzutreffen, viel weniger bei gemeinem Vieh!
Bester, nahm ein anderer, wie mir's in meinem Korbe schien, sehr ernsthafter Mann, das Wort, was nennen Sie gemeines Vieh? — Es gibt gar kein gemeines Vieh. Oft in stille Selbstbetrachtung versunken, empfinde ich den tiefsten Respekt vor Eseln und andern nützlichen Tieren. Ich begreife nicht, warum einer angenehmen Hausbestie von glücklichen, natürlichen Anlagen nicht sollte das Lesen und Schreiben beigebracht werden, ja warum sich ein solches Tierlein nicht sollte erheben können zum Gelehrten und Dichter? — Ist denn das so etwas Beispielloses? — An Tausend und Eine Nacht, als der besten, historischen Quelle voll pragmatischer Authentizität, mag ichgar nichtdenken, sondern Sie, mein allerliebster! nur an den gestiefelten Kater erinnern, einen Kater, der voll Edelmut, durchdringendem Verstand war, und tiefer Wissenschaft.
Vor Freude über dieses Lob eines Katers, der, wie mir eine deutliche Stimme im Innern sagte, mein würdiger Ahnherr sein mußte, konnt' ich mich nicht enthalten, zwei-, dreimal ziemlich stark zu niesen. — Der Redner hielt inne, und alle schauten sich ganz verschüchtert um nach meinem Korbe.
Contentement mon cher,rief endlich der ernsthafte Mann, der eben gesprochen, und fuhr dann weiter fort: Irre ich nicht, so erwähnten Sie, teurer Ästhetiker, vorhin eines Pudels Ponto, der Ihnen des Katers dichterisches und wissenschaftliches Treiben verraten. Dies bringt mich denn auf Cervantes höchst vorzüglichen Berganza, von dessen neuesten Schicksalen in einem gewissen neuen höchst abenteuerlichen Buche Nachricht gegeben wird. Auch dieser Hund gibt ein entscheidendes Beispiel über das Naturell und über die Bildungsfähigkeit der Tiere.
Aber, nahm der andere das Wort, mein teurer, liebster Freund, welche Beispiele führen Sie denn da an? Von dem Hunde Berganza spricht ja Cervantes, der bekanntlich ein Romanschreiber war, und die Geschichte vom gestiefelten Kater ist ja ein Kindermärchen, welches Herr Tieck freilich mit solcher Lebendigkeit uns vor Augen gebracht hat, daß man beinahe die Torheit begehen könnte, wirklich daran zu glauben. Also zwei Dichter allegieren Sie, als wären es ernste Naturhistoriker und Psychologen, nun sind aber Dichter nichts weniger als das, sondern ausgemachte Phantasten, die lauter eingebildetes Zeug ausbrüten und vorbringen. Sagen Sie, wie mag denn aber ein verständiger Mann, wie Sie sich auf Dichter berufen, um das zu bewahrheiten, was wider Sinn und Verstand läuft? Lothario ist Professor der Ästhetik, und es ist billig, daß er als solcher bisweilen etwas weniges über die Schnur haue, aber Sie —
Halt, sprach der Ernste, mein Liebster, ereifernSiesich nicht. Bedenken Sie fein, daß wenn vom Wunderbaren, Unglaublichen die Rede, man füglich Dichter allegieren darf, denn simple Historiker verstehen den Teufel was davon. Ja, wenn das Wunderbare in Schick und Form gebracht, und als reine Wissenschaft vorgetragen werden soll, wird der Beweis irgendeines Erfahrungssatzes am besten aus berühmten Dichtern entnommen, auf deren Wort man bauen darf. Ich führe Ihnen, und damit werden Sie, selbst ein gelehrter Arzt, zufrieden sein — ja! sage ich, ich führe Ihnen das Beispiel eines berühmten Arztes an, der in seiner wissenschaftlichen Darstellung des animalischen Magnetismus um unsern Rapport mit dem Weltgeiste, um das Dasein eines wunderbaren Ahnungsvermögens unleugbar ins Licht zu stellen, sich auf Schiller und dessen Wallenstein bezieht, welcher sagt: „Es gibt im Menschenleben Augenblicke und dergleichen Stimmen gibts — es ist kein Zweifel“ — und wie es denn weiter heißt. Sie können das Weitere selbst nachlesen, in der Tragödie. — Ho ho! erwiderte der Doktor, Sie springen ab — Sie geraten in den Magnetismus, und sind imstande, zuletzt zu behaupten, daß, nächst allen Wundern, die dem Magnetiseur zu Gebote stehen, er auch den Schulmeister für empfängliche Kater abgeben könnte. —
Nun, sprach der Ernste, wer weiß, wie der Magnetismus auf Tiere wirkt. Kater, die schon das elektrische Fluidum in sich tragen, wie Sie sich gleich überzeugen können —
Plötzlich an Mina denkend, die über dergleichen Versuche, die mit ihr angestellt worden, so bitter klagte, erschrak ich so heftig, daß ich ein lautes Miau ausstieß!
Bei dem Orkus und all' seinem Entsetzen, rief der Professor erschrocken, der höllische Kater hört uns, versteht uns — Herz gefaßt! — mit diesen Händen erwürg' ich ihn. —
Ihr seid nicht klug, sprach der Ernste, Ihr seid wahrhaftig nicht klug, Professor. Nimmermehr leide ich, daß Ihr dem Kater, den ich schon jetzt herzlich lieb gewonnen, ohne das Glück seiner nähern Bekanntschaft zu genießen, daß Ihr ihm nur das geringste Leid zufügt. Am Ende muß ich glauben, daß Ihr eifersüchtig seid auf ihn, weil er Verse macht? Professor der Ästhetik kann ja der kleine graue Mann niemals werden, darüber beruhigen Sie sich nur ganz. Steht es denn nicht deutlich in den uralten akademischen Statuten, daß, überhand genommenen Mißbrauchs halber, keine Esel mehr zur Professur gelangen sollen, und ist diese Verordnung nicht auch auf Tiere auszudehnen von jeder Art und Gattung, mithin auch auf Kater?
Mag es sein, sprach der Professor unmutig, daß der Kater niemals wederMagister legens, noch Professor der Ästhetik, werden wird, als Schriftsteller tritt er doch auf über kurz oder lang, findet der Neuheit wegen Verleger und Leser, schnappt uns gute Honorare weg —
Ich finde, erwiderte der Ernste, durchaus keine Ursache, warum dem guten Kater, dem aimablen Liebling unsers Meisters, es verwehrt sein solle, eine Bahn zu betreten, auf der sich so viele ohne Rücksicht auf Kraft und Haltung umhertummeln. Die einzige Maßregel, die dabei zu beobachten, wäre, daß man ihn nötigte, sich die spitzen Krallen verschneiden zu lassen, und das wäre vielleicht das einzige, was wir jetzt gleich tun könnten, um sicher zu sein, daß er uns nie verwunde, wenn er ein Autor worden.
Alle standen auf. Der Ästhetiker griff nach der Schere. Man kann sich meine Lage denken, ich beschloß, mit Löwenmut anzukämpfen gegen die Verunglimpfung, die man mir zugedacht; den ersten, der sich mir nahen würde, zu zeichnen auf ewige Zeiten, ich rüstete mich zum Sprunge, sowie der Korb geöffnet werden würde.
In dem Augenblick trat Meister Abraham hinein, und vorüberwar meine Angst, die sich schon steigern wollte zur Verzweiflung. Er öffnete den Korb, und noch ganz außer mir, sprang ich mit einem Satz hinaus, und schoß dem Meister wild vorbei, unter den Ofen.
Was ist dem Tiere widerfahren, rief der Meister, die andern mißtrauisch anblickend, welche da standen ganz verlegen und, vom bösen Gewissen geplagt, gar nicht zu antworten vermochten.
So bedrohlich auch meine Lage im Gefängnis war, doch empfand ich inniges Wohlbehagen darüber, was der Professor von meiner mutmaßlichen Laufbahn sagte, sowie sein deutlich ausgesprochener Neid mich höchlich erfreute. Ich fühlte schon das Doktorhütlein auf meiner Stirne, ich sah mich schon auf dem Katheder! — Sollten meine Vorlesungen denn nicht am häufigsten besucht werden von der wißbegierigen Jugend? — Sollte wohl ein einziger Jüngling, von milden Sitten, es übel deuten können, wenn der Professor bäte, keine Hunde ins Kollegium zu bringen? — Nicht alle Pudel hegen solch freundlichen Sinn, wie mein Ponto, und dem Jägervolk mit langen hängenden Ohren ist nun vollends gar nicht zu trauen, da sie überall mit den gebildetsten Leuten meines Geschlechts unnütze Händel anfangen und sie mit Gewalt nötigen, zu den unartigsten Äußerungen des Zorns, als da ist Prusten — Kratzen — Beißen usw. usw.
Wie höchst fatal müßt' es —
(Mak. Bl.)— nur der kleinen rotwangigen Hofdame gelten, die Kreisler bei der Benzon gesehen. Tun Sie mir, sprach die Prinzessin, den Gefallen, Nannette, gehen Sie selbst herab, und sorgen Sie, daß man die Nelkenstöcke in meinen Pavillon trage, die Leute sind saumselig genug, um nichts auszurichten. — Das Fräulein sprang auf, verbeugte sich sehr zeremoniös, flog dann aber schnell zum Zimmer heraus, wie ein Vogel, dem man den Käfig geöffnet.
Ich kann, wandte sich die Prinzessin zum Kreisler, nun einmal nichts herausbringen, wenn ich nicht mit dem Lehrer allein bin! der den Beichtvater vorstellt, dem man ohne Scheu alle Sünden vertrauen kann. Überhaupt werden Sie, lieber Kreisler, die steife Etikette bei uns seltsam, werden es lästig finden, daß ich überall von Hofdamen umgeben, gehütet werde wie die Königin von Spanien. — Wenigstens sollte man hier in dem schönen Sieghartshof mehr Freiheit genießen. Wäre der Fürst im Schlosse, ich hätte Nannette nicht fortschicken dürfen, die sich selbst bei unseren musikalischen Studien ebensosehr langeweilt, als sie mich geniert. — Fangen wir noch einmal an, jetzt wird es besser gehen. — Kreisler, bei dem Unterricht die Geduldselbst, begann das Gesangstück, welches die Prinzessin einzustudieren unternommen, von neuem, aber so sichtlich Hedwiga sich auch mühte, so viel Kreisler auch einhelfen mochte, sie verirrte sich in Takt und Ton, sie machte Fehler über Fehler, bis sie glutrot im ganzen Gesicht aufsprang, an das Fenster lief, und hinausschaute in den Park. Kreisler glaubte zu bemerken, daß die Prinzessin heftig weine, und fand seinen ersten Unterricht, den ganzen Auftritt, etwas peinlich. Was konnte er Bessers tun, als versuchen, ob der feindliche, unmusikalische Geist, der die Prinzessin zu verstören schiene, sich nicht bannen lasse eben durch Musik. Er ließ daher allerlei angenehme Melodien fortströmen, variierte die bekanntesten Lieblingslieder in kontrapunktischen Wendungen und melismatischen Schnörkeln, so daß er zuletzt sich selbst darüber wunderte, wie er so charmant den Flügel zu spielen verstehe, und die Prinzessin vergaß, samt ihrer Arie, und ihrer rücksichtslosen Ungeduld.
„Wie herrlich doch der Geierstein in der leuchtenden Abendsonne steht“, sprach die Prinzessin, ohne sich umzuwenden.
Kreisler war eben in einer Dissonanz begriffen, natürlicherweise mußte er diese auflösen, und konnte daher nicht mit der Prinzessin den Geierstein und die Abendsonne bewundern. „Gibt's wohl einen reizendern Aufenthalt weit und breit, als unser Sieghartshof?“ sprach Hedwiga lauter und stärker als vorher. — Nun mußte Kreisler wohl, nachdem er einen tüchtigen Schlußakkord angeschlagen, zu der Prinzessin an das Fenster treten, der Aufforderung zum Gespräch höflich genügend.
In der Tat, gnädigste Prinzessin, sprach der Kapellmeister, der Park ist herrlich, und ganz besonders ist es mir lieb, daß sämtliche Bäume grünes Laub tragen, welches ich überhaupt an allen Bäumen, Sträuchern und Gräsern sehr bewundere und verehre, und jeden Frühling dem Allmächtigen danke, daß es wieder grün worden und nicht rot, welches in jeder Landschaft zu tadeln, und bei den besten Landschaften, wie z. B. Claude Lorrain oder Berghem, ja selbst bei Hackert, der bloß seine Wiesengründe was weniges pudert, nirgends zu finden.
Kreisler wollte weiter reden, als er aber in dem kleinen Spiegel, der zur Seite des Fensters angebracht, der Prinzessin totbleiches, seltsam verstörtes Antlitz erblickte, verstummte er vor dem Schauer, der sein Inneres durcheiste.
Die Prinzessin unterbrach endlich das Schweigen, indem sie, ohnesich umzuwenden, immerfort hinausschauend, mit dem rührenden Ton der tiefsten Wehmut sprach: Kreisler, das Schicksal will es nun einmal, daß ich Ihnen überall wie von seltsamen Einbildungen geplagt — aufgeregt, ich möchte sagen, albern, erscheine, daß ich Ihnen Stoff darbieten soll, Ihren schneidenden Humor an mir zu üben. Es ist Zeit, Ihnen zu erklären, daß, und warum Sie es sind, dessen Anblick mich in einen Zustand versetzt, der dem nervenerschütternden Anfall eines heftigen Fiebers zu vergleichen. Erfahren Sie alles! Ein offnes Geständnis wird meine Brust erleichtern, und nur die Möglichkeit verschaffen, Ihren Anblick, Ihre Gegenwart zu ertragen. — Als ich Sie zum erstenmale dort im Park antraf, da erfüllten Sie, da erfüllte Ihr ganzes Betragen, mich mit dem tiefsten Entsetzen, selbst wußte ich nicht warum! — aber es war eine Erinnerung aus meinen frühsten Kinderjahren, die plötzlich mit all' ihrem Schrecken in mir aufstieg, und die sich erst später in einem seltsamen Traume deutlich gestaltete. An unserm Hofe befand sich ein Maler, Ettlinger geheißen, den Fürst und Fürstin sehr hoch hielten, da sein Talent wunderbar zu nennen. Sie finden auf der Galerie vortreffliche Gemälde von seiner Hand, auf allen erblicken Sie die Fürstin, in dieser, jener Gestalt, in der historischen Gruppe angebracht. Das schönste Gemälde, daß die höchste Bewunderung aller Kenner erregt, hängt aber in dem Kabinet des Fürsten. Es ist das Porträt der Fürstin, die er, als sie in der höchsten Blüte der Jugend stand, ohne daß sie ihm jemals gesessen, so ähnlich malte, als habe er das Bild aus dem Spiegel gestohlen. Leonhard, so wurde der Maler mit seinem Vornamen am Hofe genannt, muß ein milder guter Mensch gewesen sein. Alle Liebe, deren meine kindische Brust fähig, ich mochte kaum drei Jahre alt sein, hatte ich ihm zugewandt, ich wollte, er sollte mich nie verlassen. Aber unermüdlich spielte er auch mit mir, malte mir kleine bunte Bilder, schnitt mir allerlei Figuren aus. Plötzlich, es mochte ein Jahr vergangen sein, blieb er aus. Die Frau, der meine erste Erziehung anvertraut, sagte mir mit Tränen in den Augen, Herr Leonhard sei gestorben. Ich war untröstlich, ich mochte nicht mehr in dem Zimmer bleiben, wo Leonhard mit mir gespielt. So wie ich nur konnte, entschlüpfte ich meiner Erzieherin, den Kammerfrauen, lief im Schlosse umher, rief laut den Namen: Leonhard! Denn immer glaubt' ich, es sei nicht wahr, daß er gestorben, und er sei irgendwo im Schlosse versteckt. So begab es sich, daß ich auch an einem Abend, als die Erzieherin sich nur auf einenAugenblick entfernt, mich aus dem Zimmer schlich, um die Fürstin aufzusuchen. Die sollte mir sagen, wo Herr Leonhard sei, und mir ihn wiederschaffen. Die Türen des Korridors standen offen, und so gelangte ich wirklich zur Haupttreppe, die ich hinauflief, und oben, auf gut Glück, in das erste geöffnete Zimmer trat. Als ich mich nun umschaute, wurde die Türe, die, wie ich meinte, in die Gemächer der Fürstin führen mußte, und an die ich zu pochen im Begriff stand, heftig aufgestoßen, und hinein stürzte ein Mensch in zerrissenen Kleidern, mit verwildertem Haar. Es war Leonhard, der mich mit fürchterlich funkelnden Augen anstarrte. Totenbleich, eingefallen, kaum wiederzuerkennen, war sein Antlitz. Ach, Herr Leonhard, rief ich, wie siehst Du aus, warum bist Du so blaß, warum hast Du solche glühende Augen, warum starrst Du mich so an? — Ich fürchte mich vor Dir! — O sei doch gut, wie sonst — male mir wieder hübsche bunte Bilder!“ — da sprang Leonhard mit einem wilden wiehernden Gelächter auf mich los, — eine Kette, die um den Leib befestigt schien, klirrte ihm nach — kauerte nieder auf den Boden, sprach mit heiserer Stimme: „Ha ha, kleine Prinzeß, — bunte Bilder? — ja nun kann ich erst recht malen, malen — nun will ich Dir ein Bild malen und Deine schöne Mutter! nicht wahr, Du hast eine schöne Mutter? — Aber bitte sie, daß sie mich nicht wieder verwandelt — ich will nicht der elende Mensch Leonhard Ettlinger sein — der ist längst gestorben. Ich bin der rote Geier und kann malen, wenn ich Farbenstrahlen gespeist! — ja malen kann ich, wenn ich heißes Herzblut habe zum Firnis — und Dein Herzblut brauche ich, kleine Prinzeß!“ — Und damit faßte er mich, riß mich an sich, entblößte mir den Hals, mir war's, als sähe ich ein kleines Messer in seiner Hand blinken. Auf das durchdringende Angstgeschrei, das ich ausstieß, stürzten Diener hinein, und warfen sich her über den Wahnsinnigen. Der schlug sie aber mit Riesenkraft zu Boden. In demselben Augenblick polterte und klirrte es aber die Treppe herauf, ein großer, starker Mann sprang hinein mit dem lauten Ausruf: „Jesus, er ist mir entsprungen! Jesus, das Unglück! — Warte, warte, Höllenkerl!“ — Sowie der Wahnsinnige diesen Mann gewahrte, schienen ihn plötzlich alle Kräfte zu verlassen, heulend stürzte er zu Boden. Man legte ihm die Ketten an, die der Mann mitgebracht, man führte ihn fort, indem er entsetzliche Töne ausstieß, wie ein gefesseltes, wildes Tier.
Sie mögen sich es denken, mit welcher verstörenden Gewalt dieserentsetzliche Auftritt das vierjährige Kind erfassen mußte. Man versuchte mich zu trösten, mir begreiflich zu machen, was wahnsinnig sei. Ohne dies ganz zu verstehen, ging doch ein tiefes, namenloses Grausen durch mein Inneres, das noch jetzt wiederkehrt, wenn ich einen Wahnsinnigen erblicke, ja wenn ich nur an den fürchterlichen Zustand denke, der einer fortgesetzten ununterbrochenen Todesqual zu vergleichen. — Jenem Unglücklichen sehen Sie ähnlich, Kreisler, als wären Sie sein Bruder. Vorzüglich erinnert mich Ihr Blick, den ich oft seltsam nennen möchte, nur zu lebhaft an Leonhard, und dies ist es, was mich, als ich Sie zum erstenmal erblickte, außer Fassung brachte, was mich noch jetzt in Ihrer Gegenwart beunruhigt, beängstigt! — —
Kreisler stand da, tief erschüttert, keines Wortes mächtig. Von je her hatte er die fixe Idee, daß der Wahnsinn auf ihn lauere, wie ein nach Beute lechzendes Raubtier, und ihn einmal plötzlich zerfleischen werde; er erbebte nun in demselben Grausen, das die Prinzessin bei seinem Anblick erfaßt, vor sich selbst, rang mit dem schauerlichen Gedanken, daß er es gewesen, der die Prinzessin in der Raserei ermorden wollen.
Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr die Prinzessin fort: Der unglückliche Leonhard liebte insgeheim meine Mutter, und diese Liebe, schon selbst Wahnsinn, brach zuletzt aus in Wut und Raserei.
So, sprach Kreisler sehr weich und mild wie er pflegte, wenn ein Sturm im Innern vorübergegangen, so war in Leonhards Brust nicht die Liebe des Künstlers aufgegangen.
Was wollen Sie damit sagen, Kreisler, fragte die Prinzessin, indem sie sich rasch umwandte.
Als ich, erwiderte Kreisler sanft lächelnd, einst in einem hinlänglich toll lustigen Schauspiel einen Witzbold von Diener die Spielleute mit der süßen Anrede beehren hörte: „Ihr guten Leute und schlechten Musikanten“, teilte ich, wie der Weltenrichter, flugs alles Menschenvolk in zwei verschiedene Haufen, einer davon bestand aber aus den guten Leuten, die schlechte, oder vielmehr gar keine Musikanten sind, der andere aber aus den eigentlichen Musikanten. Doch niemand sollte verdammt, sondern alle sollten selig werden, wiewohl auf verschiedene Weise. — Die guten Leute verlieben sich leichtlich in ein paar schöne Augen, strecken beide Arme aus nach der angenehmen Person, aus deren Antlitz besagte Augen strahlen, schließen die Holde ein in Kreise, die, immer enger und enger werdend, zuletzt zusammenschrumpfen zum Trauring, den sie der Geliebten an den Finger stecken alspars pro toto— Sie verstehen einiges Latein, gnädigste Prinzeß — alspars pro totosag' ich, als Glied der Kette, an der sie die in Liebeshaft Genommene heimführen in das Ehestandsgefängnis. Dabei schreien Sie denn ungemein: O Gott! — oder o Himmel! oder, sind sie der Astronomie ergeben, o ihr Sterne! oder haben sie Inklination zum Heidentum, o all' ihr Götter! sie ist mein, die Schönste, all' mein sehnend Hoffen erfüllt! — Also lärmend, gedenken die guten Leute es nachzumachen den Musikanten, jedoch vergebens, da es mit der Liebe dieser durchaus sich anders verhält. — Es begibt sich wohl, daß besagten Musikanten unsichtbare Hände urplötzlich den Flor wegziehen, der ihre Augen verhüllte, und sie erschauen, auf Erden wandelnd, das Engelsbild, das, ein süßes unerforschtes Geheimnis, schweigend ruhte in ihrer Brust. Und nun lodert auf in reinem Himmelsfeuer, das nur leuchtet und wärmt, ohne mit verderblichen Flammen zu vernichten, alles Entzücken, alle namenlose Wonne des höheren aus dem Innersten emporkeimenden Lebens, und tausend Fühlhörner streckt der Geist aus in brünstigem Verlangen, und umnetzt die, die er geschaut, und hat sie, und hat sie nie, da die Sehnsucht ewig dürstend fortlebt! — Undsie, sieselbst ist es, die Herrliche, die, zum Leben gestaltete Ahnung, aus der Seele des Künstlers hervorleuchtet als Gesang — Bild — Gedicht! — Ach, Gnädigste, glauben Sie mir, sein Sie überzeugt, daß wahre Musikanten, die mit ihren leiblichen Armen und den daran gewachsenen Händen nichts tun, als passabel musizieren, sei es nun mit der Feder, mit dem Pinsel oder sonst, in der Tat nach der wahrhaften Geliebten nichts ausstrecken, als geistige Fühlhörner, an denen weder Hand noch Finger befindlich, die mit konvenabler Zierlichkeit einen Trauring erfassen und anstecken könnten an den kleinen Finger der Angebeteten; schnöde Mesalliancen sind daher durchaus nicht zu befürchten, und scheint ziemlich gleichgültig, ob die Geliebte, die in dem Innern des Künstlers lebt, eine Fürstin ist oder eine Bäckerstochter, insofern letztere nur keine Eule. Besagte Musikanten schaffen, sind sie in Liebe gekommen, mit der Begeisterung des Himmels, herrliche Werke und sterben weder elendiglich dahin an der Schwindsucht, noch werden sie wahnsinnig. Sehr verdenke ich es daher dem Herrn Leonhard Ettlinger, daß er in einige Raserei verfiel, er hätte, nach der Art echter Musikanten, die durchlauchtige Frau Fürstin ohne allen Nachteil lieben können, wie er nur wollte!
Die humoristischen Töne, die der Kapellmeister anschlug, gingen bei dem Ohr der Prinzessin vorüber, unvernommen oder übertönt von dem Nachhall der Saite, die er berührt, und die, in der weiblichen Brust schärfer gespannt, stärker vibrieren mußte als alle übrigen.
„Die Liebe des Künstlers, sprach sie, indem sie niedersank in den Lehnstuhl und wie im Nachsinnen den Kopf auf die Hand stützte, die Liebe des Künstlers! — so geliebt zu werden! — o es ist ein schöner herrlicher Traum des Himmels — nur ein Traum, ein leerer Traum.“ —
Sie scheinen, nahm Kreisler das Wort, Gnädigste, für Träume eben nicht sehr portiert, und doch sind es lediglich die Träume, in denen uns recht die Schmetterlingsflügel wachsen, so daß wir dem engsten, festesten Kerker zu entfliehen, uns bunt und glänzend in die hohen, in die höchsten Lüfte zu erheben vermögen. Jeder Mensch hat doch am Ende einen angebornen Hang zum Fliegen, und ich habe ernste honette Leute gekannt, die am späten Abend sichbloßmit Champagner, als einem dienlichen Gas, füllten um in der Nacht, Luftballon und Passagier zugleich, aufsteigen zu können. —
Sich so geliebt zu wissen, wiederholte die Prinzessin noch bewegter als vorher.
Und, sprach, als die Prinzessin schwieg, Kreisler weiter, was die Liebe des Künstlers betrifft, wie ich sie zu schildern mich bemüht, so haben Sie, Gnädigste! freilich das böse Beispiel des Herrn Leonhard Ettlinger vor Augen, der Musikant war, und lieben wollte wie die guten Leute, worüber sein schöner Verstand freilich etwas wacklicht werden konnte, aber eben deshalb mein ich, war Herrn Leonhard kein echter Musikant. Diese tragen die erkorne Dame im Herzen und wollen nichts als ihr zu Ehren singen, dichten, malen, und sind in der vorzüglichsten Courtoisie den galanten Rittern zu vergleichen, ja was unschuldsvolle Gesinnung betrifft, ihnen vorzuziehen, da sie nicht verfahren wie sonst diese, die blutdürstiger Weise, waren nicht gleich Riesen, Drachen bei der Hand, die schätzbarsten Leute niederstreckten in den Staub, um der Herzensdame zu huldigen! —
Nein, rief die Prinzessin, wie erwachend aus einem Traum, es ist unmöglich, daß in der Brust des Mannes ein solch reines Vestas Feuer sich entzünden sollte! — Was ist die Liebe des Mannes anders, als die verräterische Waffe, die er gebraucht, einen Sieg zu feiern, der das Weib verdirbt, ohne ihn zu beglücken.
Kreisler wollte sich eben über solche absonderlichen Gesinnungen einer siebzehn-, achtzehnjährigen Prinzessin höchlich verwundern, als die Türe aufging, und Prinz Ignatius hineintrat.
Der Kapellmeister war froh, ein Gespräch zu enden, das er sehr gut mit einem wohleingerichteten Duett verglich, in dem jede Stimme ihrem eigentümlichen Charakter getreu bleiben muß. Während die Prinzessin, so behauptete er, im wehmütigen Adagio beharrt, und nur hie und da einen Mordent, einen Pralltriller angebracht, sei er als ein vorzüglicher Buffo und erzkomischer Chanteur mit einer ganzen Legion kurzer Noten parlando dazwischengefahren, so daß er, da das Ganze ein wahres Meisterstück der Komposition und der Ausführung zu nennen, nichts weiter gewünscht, als der Prinzessin und sich selbst zuhören zu können aus irgendeiner Loge oder einem schicklichen Sperrsitz.
Also Prinz Ignatius trat hinein mit einer zerbrochenen Tasse in der Hand, schluchzend und weinend.
Es ist nötig, zu sagen, daß der Prinz, unerachtet hoch in die zwanzig, doch sich noch immer nicht von den Lieblingsspielen der Kinderjahre trennen konnte. Ganz vorzüglich liebte er schöne Tassen, mit denen er stundenlang in der Art spielen konnte, daß er sie in Reihen vor sich hinstellte auf den Tisch, und diese Reihen immer anders und anders ordnete, so daß bald die gelbe Tasse neben der roten, dann die grüne bei der roten usw. stehen mußte. Dabei freute er sich so innig, so herzlich, wie ein frohes zufriedenes Kind.
Das Unglück, worüber er jetzt lamentierte, bestand darin, daß ihm der kleine Mops unversehens auf den Tisch gesprungen war, und die schönste der Tassen herabgeworfen hatte.
Die Prinzessin versprach, dafür zu sorgen, daß er eine Mundtasse im neuesten Geschmack aus Paris erhalten solle. Da gab er sich zufrieden, und lächelte mit dem ganzen Gesicht. Jetzt erst schien er den Kapellmeister zu bemerken. Er wandte sich zu ihm mit der Frage, ob er auch viele schöne Tassen besitze. Kreisler wußte schon, von Meister Abraham hatte er es erfahren, was man darauf zu antworten. Er versicherte nämlich, daß er keineswegs solche schöne Tassen besitze, wie der gnädigste Herr, und daß es ihm auch ganz unmöglich sei, so viel Geld darauf zu verwenden, als der gnädige Herr es tue.
Sehn Sie wohl, erwiderte Ignaz sehr vergnügt, ich bin ein Prinz und kann deshalb schöne Tassen haben, wie ich nur mag, aber daskönnen Sie nicht, weil Sie kein Prinz sind, denn weil ich nun einmal ganz gewiß ein Prinz bin, so sind schöne Tassen —. Tassen und Prinzen, und Prinzen und Tassen gingen nun durcheinander in immer mehr verwirrter Rede, und dabei lachte und hüpfte Ignatius und klopfte in die Hände vor seligem Vergnügen! — Hedwiga schlug errötend die Augen nieder, sie schämte sich des imbezillen Bruders, sie fürchtete mit Unrecht Kreisler's Spott, dem nach seiner innersten Gemütsstimmung, des Prinzen Albernheit, als ein Zustand des wirklichen Wahnsinnes, nur ein Mitleid erregte, das eben nicht wohltun konnte, vielmehr die Spannung des Augenblicks vermehren mußte. Um den armen nur abzubringen von den unseligen Tassen, bat die Prinzessin ihn, die kleine Handbibliothek in Ordnung zu bringen, die in einem zierlichen Wandschrank aufgestellt war. Ganz vergnügt, unter fröhlichem Gelächter, begann der Prinz sogleich die sauber gebundenen Bücher herauszunehmen, und sie, nach dem Format sorglich ordnend, so hinzustellen, daß die goldnen Schnitte nach außen stehend eine blanke Reihe formten, worüber er sich über alle Maßen freute.
Fräulein Nannette stürzte hinein, und rief laut: der Fürst, der Fürst mit dem Prinzen! — O mein Gott, sprach die Prinzessin, meine Toilette, in der Tat, Kreisler, wir haben die Stunden verplaudert, ohne daran zu denken. — Ich habe mich ganz vergessen! Mich und den Fürsten und den Prinzen. Sie verschwand mit Nannetten in das Nebengemach. Prinz Ignaz ließ sich in seinem Geschäft gar nicht stören.
Schon rollte der Staatswagen des Fürsten heran; als Kreisler sich unten an der Haupttreppe befand, stiegen eben die beiden Laufer in Staatslivree aus der Wurst. — Das muß näher erklärt werden.
Fürst Irenäus ließ nicht ab von dem alten Brauch; und so hatte er zur selben Zeit, als kein schnellfüßiger Hanswurst in bunter Jacke vor den Pferden herzulaufen genötigt, wie ein gehetztes Tier, in der zahlreichen Dienerschaft von allen Waffen auch noch zwei Laufer, artige hübsche Leute von gesetzten Jahren, wohlgefüttert, und nur zuweilen von Unterleibsbeschwerden geplagt, wegen der sitzenden Lebensweise. Viel zu menschenfreundlich war nämlich der Fürst gesinnt, um irgendeinem Diener zuzumuten, daß er sich zu Zeiten umsetzte in ein Windspiel, oder einen andern vergnügten Köter, um indessen doch die gehörige Etikette im Ansehen zu erhalten, mußten die beiden Laufer, fuhr der Fürst in Gala aus, vorauffahren auf einerpassablen Wurst, und an schicklichen Stellen, wo z. B. einige Gaffer sich versammelt, etwas die Beine rühren als Andeutung des wirklichen Laufs. — Es war hübsch anzusehen. —
Also, — die Laufer waren eben ausgestiegen, die Kammerherrn traten ins Portal, und ihnen folgte Fürst Irenäus, an dessen Seite ein junger Mann von stattlichem Ansehen daherschritt, in reicher Uniform der neapolitanischen Garde, Sterne und Kreuze auf der Brust. —„Je vous salue Monsieur deKrösel“sprach der Fürst, als er Kreisler erblickte. —Kröselpflegte er zu sagen, statt Kreisler, wenn er bei festlichen feierlichen Gelegenheiten französisch sprach, und sich auf keinen deutschen Namen recht besinnen konnte. Der fremde Prinz — denn den jungen stattlichen Mann hatte doch wohl die Fräulein Nannette gemeint, als sie rief, daß der Fürst komme mit dem Prinzen — nickte Kreislern im Vorbeigehen flüchtig zu mit dem Kopfe, eine Art der Begrüßung, die Kreislern selbst von den vornehmsten Personen ganz unausstehlich war. Er bückte sich daher bis tief an die Erde auf solch burleske Weise, daß der dicke Hofmarschall, der überhaupt Kreislern für einen ausgemachten Spaßmacher, und alles für Spaß hielt, was er tat und sprach, nicht umhin konnte, etwas zu kichern. Der junge Fürst warf aus seinen dunklen Augen Kreislern einen glühenden Blick zu, murmelte zwischen den Zähnen: Hasenfuß, und schritt dann schnell dem Fürsten nach, der sich mit milder Gravität nach ihm umschaute. — Für einen italienischen Gardisten, rief Kreisler laut lachend dem Hofmarschall zu, spricht der durchlauchtige Herr ein passables Deutsch, sagen Sie ihm, beste Exzellenz, daß ich ihm dafür mit dem auserlesensten Neapolitanisch dienen und dabei kein artiges Romanisch, am wenigsten aber als Gozzische Maske schnödes Venetianisch einschwärzen, kurz kein X für ein U machen will. — Sagen Sie ihm, beste Exzellenz —. Aber die Exzellenz stieg schon, die Schultern hoch heraufgezogen, als Bollwerk und Schutzschanze der Ohren, die Treppe hinauf. —
Der fürstliche Wagen, mit dem Kreisler gewöhnlich nach Sieghartshof zu fahren pflegte, hielt, der Jäger öffnete den Schlag und fragteob'sgefällig wäre. In dem Augenblick rannte aber ein Küchenjunge vorbei, heulend und schreiend. Ach das Unglück — ach das Malheur! — Was ist geschehen, rief ihm Kreisler nach. Ach das Unglück, erwiderte der Küchenjunge noch heftiger weinend, da drinnen liegen der Herr Oberküchenmeister in der Verzweiflung, in purer Raserei, und wollen sich durchaus das Ragoutmesser in denLeib stoßen, weil der gnädigste Herr plötzlich befohlen hat zu soupieren, und es ihm an Muscheln fehlt zum italienischen Salat. Er will selbst nach der Stadt, und der Herr Oberstallmeister weigern sich anspannen zu lassen, da es an einer Ordre des gnädigsten Herrn fehlt. — Da ist zu helfen, sprach Kreisler, der Herr Oberküchenmeister steige in gegenwärtigen Wagen, und versehe sich mit den schönsten Muscheln in Sieghartsweiler, während ich zu Fuß nach selbiger Stadt promeniere. — Damit rannte er fort in den Park.
Große Seele — edles Gemüt — scharmanter Herr! rief ihm der alte Jäger nach, indem ihm die Tränen in die Augen traten.
In den Flammen des Abendrots stand das ferne Gebirge, und der goldne glühende Widerschein gleitete spielend über den Wiesenplan, durch die Bäume, durch die Büsche, wie getrieben von dem Abendwinde, der sich säuselnd erhoben.
Kreisler blieb mitten auf der Brücke stehen, die über einen breiten Arm des Sees nach dem Fischerhäuschen führte, und schaute in das Wasser hinab, in dem sich der Park mit seinen wunderbaren Baumgruppen, der hoch darüber emporragende Geierstein, der seine weißblinkenden Ruinen auf dem Haupte wie eine seltsame Krone trug, abspiegelte in magischem Schimmer. Der zahme Schwan, der auf den Namen Blanche hörte, plätscherte auf dem See daher, den schönen Hals stolz emporgehoben, rauschend mit den glänzenden Schwingen. „Blanche, Blanche, rief Kreisler laut indem er beide Arme weit ausstreckte, singe dein schönstes Lied, glaube ja nicht, daß du dann sterben mußt! du darfst dich nur singend an meine Brust schmiegen, dann sind deine herrlichsten Töne mein, und nur ich gehe unter in brünstiger Sehnsucht, während du in Liebe und Leben daherschwebst auf den kosenden Wellen! —“ Selbst wußte Kreisler nicht, was ihn plötzlich so tief bewegte, er stützte sich auf das Geländer, schloß unwillkürlich die Augen. Da hörte er Julia's Gesang, und ein unnennbar süßes Weh durchbebte sein Inneres.
Düstere Wolken zogen daher, und warfen breite Schatten über das Gebirge, über den Wald, wie schwarze Schleier. Ein dumpfer Donner dröhnte im Morgen; stärker sauste der Nachtwind, rauschten die Bäche, und dazwischen schlugen einige Töne der Wetterharfe an, wie ferne Orgelklänge, aufgescheucht erhob sich das Geflügel der Nacht, und schweifte kreischend durch das Dickicht.
Kreisler erwachte aus dem Traume, und erblickte seine dunkle Gestalt im Wasser. Da war es ihm, als schaue ihn Ettlinger, derwahnsinnige Maler, an aus der Tiefe. „Hoho, rief er hinab, bist Du da geliebter Doppelgänger, wackerer Kumpan? — Höre, mein ehrlicher Junge, für einen Maler, der etwas über die Schnur gehauen, der im stolzen Übermut fürstliches Herzblut verbrauchen wollte, statt Firnis, siehst Du passabel genug aus. — Ich glaube am Ende, guter Ettlinger, daß Du illustre Familien genarrt hast mit Deinem wahnsinnigen Treiben! — Je länger ich Dich anschaue, desto mehr gewahre ich an Dir die vornehmsten Manieren, und so Du magst, will ich der Fürstin Maria versichern, Du wärst, was Deinen Stand oder Deine Lage im Wasser betrifft, ein Mann von dem importantesten Range, und sie könne Dich lieben ohne alle weiteren Umstände. — Willst Du aber, Kumpan, daß die Fürstin noch jetzt Deinem Bilde gleiche, so mußt Du es nachtun dem fürstlichen Dilettanten, der seine Porträts ausglich mit den zu porträtierenden, durch geschicktes Anpinseln der letztern. — Nun! — haben sie Dich einmal unverdienter Weise hinabgeschickt in den Orkus, so trage ich Dir hiermit allerlei Neuigkeiten zu! — Wisse, verehrter Tollhauskolonist, daß die Wunde, die Du dem armen Kinde, der schönen Prinzessin Hedwiga beibrachtest, noch immer nicht recht geheilt ist, so daß sie vor Schmerz manchmal allerlei Faxen macht. Trafst Du denn ihr Herz so hart, so schmerzlich, daß ihr noch jetzt heißes Blut entquillt, wenn sie deine Larve erblickt, so wie Leichname bluten, wenn der Mörder hinantritt? Rechne es mir nicht zu, Guter, daß sie mich für ein Gespenst hält, und zwar für das Deinige. — Aber bin ich so recht in voller Lust ihr zu beweisen, daß ich kein schnöder Revenant bin, sondern der Kapellmeister Kreisler, dann kommt mir der Prinz Ignatius in die Quere, der offenbar an einerparanoialaboriert, an einerfatuitas, stoliditas, die nachKlugeeine sehr angenehme Sorte der eigentlichen Narrheit ist. — Mache mir nicht alle Gesten nach, Maler, wenn ich ernsthaft mit Dir rede! — Schon wieder? Fürchtete ich mich nicht vor dem Schnupfen, ich spränge zu Dir hinab, und prügelte Dich erklecklich! — Schere Dich zum Teufel, halunkischer Mimiker! —
Kreisler sprang schnell fort.
Es war nun ganz finster geworden, Blitze leuchteten durch die schwarzen Wolken, der Donner rollte, und der Regen begann in großen Tropfen herabzufallen. Aus dem Fischerhäuschen strahlte ein helles blendendes Licht, dem eilte Kreisler entgegen.
Unfern der Türe, im vollen Schimmer des Lichts, erblickte Kreisler sein Ebenbild, sein eigenes Ich, das neben ihm daherschritt. Vomtiefsten Entsetzen erfaßt, stürzte Kreisler hinein in das Häuschen, sank atemlos, zum Tode erbleicht, in den Sessel.
Meister Abraham, der vor einem kleinen Tische saß, auf dem eine Astrallampe ihre blendenden Strahlen umherwarf, in einem großen Folianten lesend, fuhr erschrocken in die Höhe, nahte sich Kreisler, rief: Um des Himmels willen, was ist Euch, Johannes, wo kommt Ihr her am späten Abend — was hat Euch so entsetzt! —
Mit Mühe ermannte sich Kreisler, und sprach dann mit dumpfer Stimme: Es ist nun nicht anders, wir sind unserer Zwei — ich meine, ich und mein Doppelgänger, der aus dem See gesprungen ist, und mich verfolgt hat, hieher. — Seid barmherzig Meister, nehmt Euern Dolchstock, stoßt den Halunken nieder — er ist rasend, glaubt mir das, und kann uns beide verderben. Er hat draußen das Wetter heraufbeschworen. — Die Geister rühren sich in den Lüften, und ihr Choral zerreißt die menschliche Brust! — Meister — Meister, lockt den Schwan herbei, — er soll singen — erstarrt ist mein Gesang, denn der Ich hat seine weiße kalte Totenhand auf meine Brust gelegt, die muß er wegziehen, wenn der Schwan singt — und sich wieder untertauchen in den See. — Meister Abraham ließ Kreislern nicht weiter reden, er sprach ihm zu mit freundschaftlichen Worten, nötigte ihm einige Gläser eines feurigen italienischen Weins ein, den er eben zur Hand hatte, und fragte ihm dann nach und nach ab, wie sich alles begeben.
Aber kaum hatte Kreisler geendet, als Meister Abraham laut lachend rief. Da sieht man den eingefleischten Phantasten, den vollendeten Geisterseher! — Was den Organisten betrifft, der Euch draußen in dem Park schauerliche Chorale vorgespielt hat, so ist das niemand anders gewesen, als der Nachtwind, der durch die Lüfte brausend, daher fuhr, und vor dem die Saiten der Wetterharfe erklangen. Ja ja, Kreisler, die Wetterharfe habt Ihr vergessen, die zwischen den beiden Pavillons am Ende des Parks aufgespannt ist[A]. Und was Euern Doppelgänger betrifft, der im Schimmer meiner Astrallampe neben Euch her lief, so will ich Euch sogleich beweisen, daß, sobald ich nur vor die Türe trete, auch mein Doppelgänger beider Hand ist, ja, daß ein jeder, der zu mir hineintritt, solch einen Chevalier d'Honneur seines Ichs an der Seite leiden muß.