Unglückliche Frau, rief Meister Abraham.
Unglücklich nennst Du mich, erwiderte die Benzon, mich, die ich ein feindliches Geschick zu bekämpfen wußte und mir da, wo alles verloren schien, Ruhe und Zufriedenheit gewann?
Unglückliche Frau, rief Meister Abraham nochmals mit einem Ton, der von seiner innern Bewegung zeugte, arme, unglückliche Frau! Ruhe, Zufriedenheit vermeinst Du gewonnen zu haben, und ahnst nicht, daß es die Verzweiflung war, die — ein Vulkan, — alleflammendenGluten aus Deinem Innern hinausströmen ließ, unddaß Du nun die tote Asche aus der keine Blüte, keine Blume mehr sproßt, in starrer Betörung für das reiche Feld des Lebens hältst, das Dir noch Früchte spenden soll. — Ein künstliches Gebäude willst Du aufführen auf dem Grundstein, den ein Blitzstrahl zermalmte und befürchtest nicht, daß es einstürzen wird in dem Augenblick, da lustig bunte Bänder wehen von der Blumenkrone, die den Sieg des Baumeisters verkünden soll? — Julia — Hedwiga — ich weiß es, für sie wurden jene Pläne künstlich gewoben! — Unglückliche Frau, hüte Dich, daß jenes unheilbringende Gefühl, jene eigentliche Verbitterung, die Du mit großem Unrecht meinem Johannis vorwirfst, nicht aus Deinem eignen tiefsten Innern hervortritt, so daß Deine weisen Entwürfe weiter nichts sind, als das feindliche Auflehnen gegen ein Glück, das Du niemals genossest, und das Du nun selbst Deinen Lieben mißgönnst. — Ich weiß mehr von Deinen Entwürfen als Du es glauben magst, mehr von Deinen gerühmten Verhältnissen des Lebens, die Dir Ruhe bringen sollen und die — Dich verlockten zu strafbarer Schande!
Ein dumpfer, unartikulierter Schrei, den die Benzon bei diesen letzten Worten des Meisters ausstieß, verriet ihre tiefe Erschütterung. Der Meister hielt inne, da aber die Benzon ebenfalls schwieg ohne sich von der Stelle zu rühren, fuhr er gelassen fort: Zu nichts wenigerm habe ich Lust, als mich in irgendeinen Kampf mit Ihnen zu begeben, Gnädige. Was aber meine sogenannten Taschenspielerkünste betrifft, so wissen Sie ja recht gut, werteste Frau Rätin, daß seit der Zeit, da mein unsichtbares Mädchen mich verlassen — In dem Augenblick erfaßte den Meister der Gedanke an die verlorne Chiara mit einer Gewalt, wie seit langer Zeit nicht mehr, er glaubte ihre Gestalt zu erblicken in der dunklen Ferne, er glaubte ihre süße Stimme zu vernehmen. O Chiara! — meine Chiara! So rief er in der schmerzlichsten Wehmut! —
Was ist Euch, sprach die Benzon sich schnell nach ihm umwendend, Meister Abraham! — welchen Namen nanntet Ihr? — Doch noch einmal, laßt ruhen alles Vergangene, beurteilt mich nicht nach jenen seltsamen Ansichten des Lebens, die Ihr mit Kreislern teilt, versprecht mir das Vertrauen nicht zu mißbrauchen, daß Euch Fürst Irenäus geschenkt, versprecht mir nicht entgegen zu sein, in meinem Tun und Treiben.
So ganz vertieft in das schmerzliche Andenken an seine Chiara war Meister Abraham, daß er kaum vernahm was die Rätin sprach und nur unverständliche Worte zu erwidern vermochte.
Weiset mich nicht zurück, Meister Abraham, fuhr die Rätin fort, Ihr seid, wie es scheint, in der Tat mit manchem mehr bekannt, als ich vermuten durfte, doch ist es möglich, daß ich auch noch Geheimnisse bewahre, deren Mitteilung Euch sehr viel wert sein würde, ja, daß ich Euch vielleicht einen Liebesdienst erzeigen könnte, an den Ihr gar nicht denkt. Laßt uns zusammen diesen kleinen Hof beherrschen, der in der Tat des Gängelbandes bedarf. — Chiara rieft Ihr mit einem Ausdrucke des Schmerzes der — Ein starkes Geräusch vom Schlosse her unterbrach die Benzon. Meister Abraham erwachte aus Träumen, das Geräusch — —
(M. f. f.)— ich folgendes beibringen. Ein Katzphilister beginnt, ist er auch noch so durstig, die Schüssel Milch vom Rande rundumher an aufzulecken, damit er sich nicht Schnauze und Bart bemilche und anständig bleibe, denn der Anstand gilt ihm mehr als der Durst. Besuchst du einen Katzphilister, so bietet er dir alles nur mögliche an, versichert dich aber, wenn du scheidest, bloß seiner Freundschaft, und frißt nachher heimlich und allein die Leckerbissen, die er dir angeboten. Ein Katzphilister weiß vermöge eines sichern untrüglichen Takts überall, auf dem Boden, im Keller usw. den besten Platz zu finden, wo er sich so wohlbehaglich und bequem hinstreckt, als es nur geschehen kann. Er erzählt viel von seinen guten Eigenschaften und wie er, dem Himmel sei Dank, nicht klagen könne, daß das Schicksal diese guten Eigenschaften übersehen. Sehr wortreich setzt er dir auseinander, wie er zu dem guten Platz gekommen, den er behaupte, und was er noch alles tun werde, um seine Lage zu verbessern. Willst du nun aber auch endlich von dir und deinem geringer günstigen Schicksal etwas sagen, so kneift der Katzphilister sofort die Augen zu und drückt die Ohren an, tut auch wohl, als wenn er schliefe oder spinnt. Ein Katzphilister leckt sich fleißig den Pelz rein und glänzend, und passiert selbst auf der Mausjagd keine nasse Stelle, ohne bei jedem Schritt die Pfoten auszuschütteln, damit er, geht auch das Wild darüber verloren, doch in allen Verhältnissen des Lebens ein feiner, ordentlicher, wohlgekleideter Mann bleibe. Ein Katzphilister scheut und vermeidet die leiseste Gefahr und bedauert, befindest du dich in solcher und sprichst seine Hilfe an, unter den heiligsten Beteuerungen seiner freundschaftlichen Teilnahme, daß gerade in dem Augenblick es seine Lage, die Rücksichten, die er nehmen müsse, es ihm nicht erlaubten dir beizustehen. Überhaupt ist alles Tun und Treiben des Katzphilisters bei jeder Gelegenheit abhängig von tausend und tausendRücksichten. Selbst z. B. gegen den kleinen Mops, der ihn in den Schwanz gebissen auf empfindliche Weise, bleibt er artig und höflich, um es nicht mit dem Hofhunde zu verderben, dessen Protektion er zu erlangen gewußt, und er nutzt nur den nächtlichen Hinterhalt, um jenem Mops ein Auge auszukratzen. Tages darauf bedauert er den teuern Mopsfreund gar von Herzen und schmält über die Bosheit arglistiger Feinde. Übrigens gleichen diese Rücksichten einem wohlangelegten Fuchsbau, der dem Katzphilister Gelegenheit gibt, überall zu entwischen in dem Augenblick, als Du ihn zu fassen glaubst. Ein Katzphilister bleibt am liebsten unter dem heimischen Ofen, wo er sich sicher fühlt, das freie Dach verursacht ihm Schwindel. — Und seht ihr nun wohl, Freund Murr, das ist euer Fall. Sage ich euch nun, daß der Katzbursch offen, ehrlich, uneigennützig, herzhaft, stets bereit dem Freunde zu helfen ist, daß er keine andere Rücksichten kennt, als die Ehre und redlicher Sinn gebieten, genug, daß der Katzbursch durchaus der Antipode des Katzphilisters ist, so werdet Ihr keinen Anstand nehmen, euch zu erheben aus dem Philistertum, um ein ordentlicher, tüchtiger Katzbursch zu werden. —
Lebhaft fühlte ich die Wahrheit in Muzius Worten. Ich sah ein, daß ich nur das Wort Philister nicht gekannt, wohl aber den Charakter, da mir schon manche Philister, d. h. schlechte Katzkerle vorgekommen waren, die ich herzlich verachtet hatte. Um so schmerzhafter fühlte ich daher den Irrtum, von dem befangen ich in die Kategorie jener verächtlichen Leute hätte geraten können und beschloß, Muzius Rat in allem zu folgen, um so vielleicht noch ein tüchtiger Katzbursche zu werden. — Ein junger Mensch sprach einst zu meinem Meister von einem treulosen Freunde, und bezeichnete diesen mit einem sehr seltsamen, mir unverständlichen Ausdruck. Er nannte ihn einen pomadigen Kerl. Nun war es mir, als sei das Beiwort: pomadig, sehr passend dem Hauptwort Philister hinzuzufügen, und ich befragte Freund Muzius darum. Kaum hatte ich aber das Wort pomadig ausgesprochen, als Muzius laut jauchzend aufsprang, und, mich kräftig umhalsend rief: Herzensjunge, nun gewahre ich, daß du mich ganz verstanden hast — ja, pomadiger Philister! das ist die verächtliche Kreatur, die sich auflehnt gegen das edle Burschentum und die wir überall, wo wir sie finden, tothetzen möchten. Ja, Freund Murr, du hast jetzt schon dein inneres, wahrhaftes Gefühl für alles Edle, Große, bewiesen, laß dich nochmals an diese Brust drücken, in der ein treues, deutsches Herz schlägt. — Damit umhalste mich Freund Muzius aufsneue und erklärte, wie er in der nächstfolgenden Nacht mich einzuführen gedenke in das Burschentum, ich möge mich nur in der Mitternachtsstunde einfinden auf dem Dache, wo er mich abholen werde zu einem Fest, das ein Katzsenior veranstaltet, nämlich der Kater Puff.
Der Meister tratinsZimmer. Ich sprang wie gewöhnlich ihm entgegen, schmiegte mich, wälzte mich auf dem Boden, um ihm meine Freude zu bezeugen. Auch Muzius glotzte ihn an mit zufriedenem Blick. Nachdem der Meister etwas weniges mir Kopf und Hals gekraut, sah er sich um im Zimmer und sprach, da er alles in gehöriger Ordnung fand: Nun das ist recht! Eure Unterhaltung ist still und friedlich gewesen, wie es anständigen, gut erzogenen Leuten geziemt. Das verdient belohnt zu werden.
Der Meister schritt zu der Türe heraus, die nach der Küche führte, und wir, Muzius und ich, seine gute Absicht erratend, schritten hinter ihm her mit einem fröhlichen Mau — Mau — Mau! Wirklich öffnete auch der Meister den Küchenschrank und holte die Skelette und Knöchelchen von ein paar jungen Hühnern hervor, deren Fleisch er gestern verzehrt hatte. Es ist bekannt, daß mein Geschlecht Hühnerskelette zu den allerfeinsten Leckerbissen rechnet, die es geben kann, und daher kam es, daß Muzius Augen in glanzvollem Feuer strahlten, daß er den Schweif in den anmutigsten Windungen schlängelte, daß er laut schnurrte, als der Meister die Schüssel vor uns hinsetzte auf den Boden. Des pomadigen Philisters wohl eingedenk, schob ich dem Freunde Muzius die besten Bissen hin, die Hälse, die Bäuche, die Steiße, und begnügte mich mit den gröbern Schenkel- und Flügelknochen. Als wir mit den Hühnern fertig waren, wollte ich den Freund Muzius fragen, ob ihm vielleicht mit einer Tasse süßer Milch gedient sei. Doch den pomadigen Philister stets vor Augen, unterließ ich es und schob statt dessen die Tasse, welche, wie ich wußte, unter dem Schrank stand, hervor und lud Muzius freundlich ein zuzusaufen, indem ich ihm Bescheid tat. — Muzius soff die Tasse rein aus, dann drückte er mir die Pfote und sprach, während ihm die hellen Tränen in die Augen traten: Freund Murr, ihr lebt lukullisch, aber ihr habt mir euer treues, biederes und edelmütiges Herz kund getan, und so wird die eitle Lust der Welt euch nicht verlocken zum schnöden Philistertum! Habt Dank, habt innigen Dank! —
Mit einem biedern, deutschen Pfotendruck nach altväterischer Sitte nahmen wir Abschied. Muzius war, gewiß um die tiefe Rührung,die ihm Tränen auspreßte, zu verbergen, mit einem halsbrechenden Satze schnell zum offenen Fenster hinaus auf das nächst anstoßende Dach. — Selbst mich, den die Natur doch mit vorzüglicher Schwungkraft begabt, setzte dieser gewagte Satz in Erstaunen, und ich fand Gelegenheit, auf's Neue mein Geschlecht zu preisen, das aus gebornen Turnern besteht, die keines Springstocks, keiner Kletterstange bedürfen.
Übrigens gab mir Freund Muzius auch den Beweis, wie oft hinter einem rauhen, abschreckenden Äußern, sich ein zartes, tieffühlendes Gemüt verbirgt. —
Ich kehrteinsZimmer zu meinem Meister zurück und legte mich unter den Ofen. Hier in der Einsamkeit die Gestaltung meines bisherigen Seins bedenkend, meine letzte Stimmung, meine ganze Lebensweise erwägend, erschrak ich bei dem Gedanken, wie nahe ich dem Abgrunde gewesen, und Freund Muzius erschien mir trotz seines struppigen Balgs, wie ein schöner, rettender Engel. In eine neue Welt sollte ich treten, die Leere im Innern sollte ausgefüllt, ein anderer Kater sollte ich werden, mir klopfte das Herz vor banger, freudiger Erwartung.
Noch lange war es nicht Mitternacht, als ich den Meister mit der gewöhnlichen Redensart: Ma—au bat, mich hinauszulassen. Recht gerne, erwiderte er, indem er die Türe öffnete, Rechtgerne, Murr. Aus dem ewigen Unterm-Ofen-Liegen und -Schlafen kommt gar nichts heraus. Geh — geh, daß du wieder in die Welt unter Kater kommst. Vielleicht findest du gemütsverwandte Katerjünglinge, die sich mit dir ergötzen in Ernst und Scherz.
Ach! — der Meister ahnte wohl, daß ein neues Leben mir bevorstand! —Endlich, nachdemich bis Mitternacht gewartet, stellte sich Freund Muzius ein, und führte mich fort über verschiedene Dächer, bis endlich auf einem beinahe ganz platten italienischen Dache, uns zehn stattliche, nur ebenso nachlässig und seltsam wie Muzius gekleidete Katerjünglinge mit lautem Jubelgeschrei empfingen. Muzius stellte mich den Freunden vor, rühmte meine Eigenschaften, meinen treuen, biedern Sinn, hob vorzüglich hervor, wie ich ihn mit Backfischen, Hühnerknochen und süßer Milch gastlich bewirtet und schloß damit, daß ich als tüchtiger Katzbursch aufgenommen sein wolle. Alle gaben ihre Beistimmung.
Es erfolgten nun gewisse Feierlichkeiten, die ich indessen verschweige, da geneigte Leser meines Geschlechts vielleicht argwöhnen, ich sei in einen verbotenen Orden getreten und noch jetzt Red' undAntwort darüber von mir verlangen könnten. Ich versichere aber auf Gewissen, daß von einem Orden und seinen Bedingnissen, als da sind Statuten, geheime Zeichen u. s. w. durchaus nicht die Rede war, sondern daß der Verein lediglich auf Gleichheit der Gesinnung beruhte. Denn es fand sich bald, daß jeder von uns süße Milch lieber zu sich nahm als Wasser, Braten lieber als Brot.
Nachdem die Feierlichkeiten vorüber, empfing ich von allen den brüderlichen Kuß und Pfotendruck, und sie nannten mich: du! — Dann setzten wir uns zu einem einfachen aber fröhlichen Mahl, dem eine wackere Zecherei folgte. Muzius hatte trefflichen Katzpunsch bereitet. — Sollte ein lüsterner Katerjüngling nach dem Rezept dieses köstlichen Getränks Begierde tragen, so kann ich leider darüber keine genügende Auskunft geben. So viel ist gewiß, daß die hohe Annehmlichkeit des Geschmacks, sowie die siegende Kraft, vorzüglich durch eine derbe Zutat von Heringslake hervorgebracht wird.
Mit einer Stimme, die weit über viele Dächer hinwegdonnerte, intonierte nun der Senior Puff das schöne Lied:Gaudeamus igitur.Mit Wonne fühlte ich mich im Innern und Äußern ganz trefflicherJuvenisund mochte gar nicht an dentumulusdenken, den ein düstres Verhängnis unserm Geschlechte selten in der stillen, friedlichen Erde gönnt. Es wurden noch verschiedene schöne Lieder gesungen, wie z. B. Laßt die Politiker nur sprechen u. s. w., bis der Senior Puff mit gewichtiger Pfote auf den Tisch schlug und verkündete, daß nun das wahre, echte Weihelied, nämlich dasEcce quam bonumgesungen werden müsse, und intonierte sofort den Chor:Ecce etc. etc.
Noch nie hatte ich dieses Lied gehört, dessen Komposition ebenso tief gedacht, so harmonisch und melodisch richtig, als wunderbar und geheimnisvoll zu nennen. Der Meister ist, soviel ich weiß, nicht bekannt geworden, doch schreiben viele dieses Lied dem großen Händel zu, andere dagegen behaupten, daß es lange, lange vor Händels Zeit schon existiert habe, da nach der Chronik von Wittenberg es schon gesungen worden, als Prinz Hamlet noch Fuchs gewesen. Doch gleichviel, wer es gemacht hat, das Werk ist groß und unsterblich und vorzüglich zu bewundern, wie die in den Chor eingeflochtenen Solos den Sängern freien Spielraum lassen zu den anmutigsten, unerschöpflichsten Veränderungen. Einige dieser Veränderungen, die ich in dieser Nacht hörte, habe ich treu im Gedächtnis behalten.
Als der Chor geendet, fiel ein schwarz und weiß gefleckter Jüngling ein:
Gar zu spitzig klafft der Spitz,Gar zu grob der Pudel;Jenem gönnt den Steiß zum Sitz,Dem die Schnauz' zum Hudel.Chor.Ecce quam etc. etc.
Gar zu spitzig klafft der Spitz,Gar zu grob der Pudel;Jenem gönnt den Steiß zum Sitz,Dem die Schnauz' zum Hudel.Chor.Ecce quam etc. etc.
Darauf ein Grauer:
Höflich zieht die Mütz vom Kopf,Kommt Philister gangen!Froh gebärdet sich der Tropf,Will vor nichts ihm bangen.Chor.Ecce quam etc. etc.
Höflich zieht die Mütz vom Kopf,Kommt Philister gangen!Froh gebärdet sich der Tropf,Will vor nichts ihm bangen.Chor.Ecce quam etc. etc.
Darauf ein Gelber:
Schwimmen muß der muntere Fisch,Vögelein muß fliegen.Floss' und Federn wachsen frisch;Werd't sie nimmer kriegen.Chor.Ecce quam etc. etc.
Schwimmen muß der muntere Fisch,Vögelein muß fliegen.Floss' und Federn wachsen frisch;Werd't sie nimmer kriegen.Chor.Ecce quam etc. etc.
Darauf ein Weißer:
Miaut und knurrt und knurrt und miaut,Nur beileib' nicht kratzen;Seid galant, daß man euch traut,Schonet eure Tatzen.Chor.Ecce quam etc. etc.
Miaut und knurrt und knurrt und miaut,Nur beileib' nicht kratzen;Seid galant, daß man euch traut,Schonet eure Tatzen.Chor.Ecce quam etc. etc.
Darauf Freund Muzius:
Denkt Herr Aff' nach seinem MaßAlle uns zu messen!Spitzt das Maul, trägt hoch die Nas',Wird uns doch nicht fressen.Chor.Ecce quam etc. etc.
Denkt Herr Aff' nach seinem MaßAlle uns zu messen!Spitzt das Maul, trägt hoch die Nas',Wird uns doch nicht fressen.Chor.Ecce quam etc. etc.
Ich saß neben Muzius; an mir war daher jetzt die Reihe, mit einem Solo einzufallen. Alle Solos, die bis jetzt vorgetragen, wichen so sehr von den Versen ab, die ich sonst gedichtet, daß ich in Unruhe und Angst geriet, den Ton, die Haltung des Ganzen zu verfehlen. Daher kam es, daß ich, als der Chor geendet, noch schwieg. Schon erhoben einige die Gläser und riefen:pro poena,als ich mich mit aller Gewalt zusammennahm und sofort sang:
Pfot' in Pfot' und Brust an BrustSoll uns nichts verdüsternKatzbursch sein ist uns're Lust,Trotzen Katzphilistern!Chor.Ecce quam etc. etc.
Pfot' in Pfot' und Brust an BrustSoll uns nichts verdüsternKatzbursch sein ist uns're Lust,Trotzen Katzphilistern!Chor.Ecce quam etc. etc.
Meine Variation fand den lautesten, unerhörtesten Beifall. Die hochherzigen Jungen stürmten jubelnd auf mich ein, umpfoteten mich, drückten mich an ihre klopfende Brust. Auch hier erkannte man also den hohen Genius in meinem Innern. Es war einer der schönsten Augenblicke meines Lebens. Nun wurde noch manchen großen, berühmten Katern, vorzüglich solchen, die ihrer Größe und Berühmtheit unerachtet sich von aller und jeder Philisterei entfernt gehalten und dies bewiesen hatten durch Wort und Tat, ein feuriges Lebehoch gebracht! und dann schieden wir auseinander.
Der Punsch war mir doch etwas zu Kopfe gestiegen, die Dächer schienen sich zu drehen, kaum vermochte ich mittels des Schweifes, den ich als Balancierstange benutzte, mich aufrecht zu erhalten. Der treue Muzius, meinen Zustand bemerkend, nahm sich meiner an, und brachte mich glücklich durch die Dachluke nach Hause.
Wüst im Kopfe, wie ich mich noch niemals gefühlt, konnte ich lange nicht —
(Mak. Bl.)— — ebensogut gewußt, als die scharfsinnige Frau Benzon, aber daß ich gerade heute, eben jetzt von Dir Nachricht erhalten sollte, Du treue Seele, das hat mein Herz nicht geahnt.“ So sprach Meister Abraham, verschloß den Brief, den er erhalten, und in dessen Aufschrift er mit freudiger Überraschung Kreislers Hand erkannt hatte, ohne ihn zu öffnen, in den Schubkasten seines Schreibtisches und ging hinaus in den Park. — Meister Abraham hatte schon seit vielen Jahren die Gewohnheit, Briefe, die er erhielt, Stunden, ja oft Tage lang uneröffnet liegen zu lassen. Ist der Inhalt gleichgültig, sprach er, so kommt es auf den Verzug nicht an, enthält der Brief eine böse Nachricht, so gewinn' ich noch einige frohe, oder wenigstens ungetrübte Stunden; steht eine Freudenpost darin, so kann ein gesetzter Mann wohl es abwarten, daß die Freude ihm über den Hals komme. Diese Gewohnheit des Meisters ist zu verwerfen, denn einmal ist solch ein Mensch, der Briefe liegen läßt, ganz untauglich zum Kaufmann, zum politischen oder literarischen Zeitungsschreiber, dann leuchtet es aber auch ein, wie manches Unheil sich sonst noch bei Personen, die weder Kaufleute sind noch Zeitungsschreiber, daraus erzeugen kann. — Was gegenwärtigen Biographen betrifft, so glaubt er ganz und gar nicht an Abrahams stoischen Gleichmut, sondern rechnet jene Gewohnheit vielmehr einer gewissen ängstlichen Scheu zu, das Geheimnis eines verschlossenen Briefes zu entfalten. — Es ist eine ganz eigene Lust, Briefe zu empfangen, und darum sind unsdie Personen besonders angenehm, die zunächst uns diese Lust verschaffen, nämlich: die Briefträger, wie schon irgendwo ein geistreicher Schriftsteller bemerkt hat. Dies mag eine anmutige Selbstmystifikation genannt werden. Der Biograph erinnert sich, daß, als er einst auf der Universität mit dem sehnlichsten Schmerz, lange vergebens auf einen Brief von einer geliebten Person gewartet hatte, er den Briefträger mit Tränen im Auge bat, ihm doch recht bald einen Brief aus der Vaterstadt zu bringen, er solle auch dafür ein namhaftes Trinkgeld erhalten. Der Kerl versprach, was von ihm verlangt wurde, mit pfiffiger Miene, brachte den Brief, der in der Tat nach wenigen Tagen einging, triumphierend, als habe es nur an ihm gelegen, Wort zu halten, und strich das versprochene Trinkgeld ein. — Doch weiß der Biograph, der eben vielleicht selbst gewissen Selbstmystifikationen zu sehr Raum gibt — doch weiß er nicht, ob Du, geliebter Leser, mit ihm gleichen Sinnes, mit jener Lust eine seltsame Angst fühlest, die Dir, indem Du den erhaltenen Brief öffnen willst, Herzklopfen verursacht, selbst wenn es kaum möglich, daß der Brief Wichtiges für Dein Leben enthalten sollte. — Mag es sein, daß dasselbe die Brust beengende Gefühl, mit dem wir in die Nacht der Zukunft schauen, auch hier sich regt, und daß eben deshalb, weil ein leichter Druck der Finger hinreicht, das Verborgene zu enthüllen, der Moment auf einer Spitze steht, die uns beunruhigt. Und! — wie viele schöne Hoffnungen zerbrachen schon mit dem verhängnisvollen Siegel, und die lieblichen Traumbilder, die aus unserm eigenen Innern gestaltet, unsere brünstige Sehnsucht selbst schienen, zerrannen in nichts und das kleine Blättchen war der Zauberfluch, vor dem der Blumengarten, in dem wir zu wandeln gedachten, verdorrte, und das Leben lag vor uns wie eine unwirtbare, trostlose Wüstenei. — Scheint es gut, den Geist zu sammeln, ehe jener leichte Druck der Finger das Verborgene erschließt, so kann dies vielleicht Meister Abrahams sonst verwerfliche Gewohnheit entschuldigen, die übrigens auch gegenwärtigen Biographen anklebt aus einer gewissen, verhängnisvollen Zeit, in der beinahe jeder Brief, den er erhielt, der Büchse Pandoras glich, aus der, sowie sie geöffnet, tausend Unheil und Ungemach aufstieg ins Leben. — Hat aber nun auch Meister Abraham des Kapellmeisters Brief verschlossen in seinen Schreibepult oder Schreibtischkasten, und ist er auch spazieren gegangen in den Park, doch soll der geneigte Leser den Inhalt sogleich buchstäblich erfahren. — Johannes Kreisler hatte folgendes geschrieben:
„Mein herzlieberMeister!“
„La fin couronne les œuvres!“hätte ich rufen können, wie Lord Clifford in Shakespeares Heinrich dem Sechsten, als ihm der sehr edle Herzog von York eines versetzt hatte zum Tode. Denn bei Gott, mein Hut stürzte schwer verwundet ins Gebüsch und ich ihm nach, rücklings, wie einer, von dem man in der Schlacht zu sagen pflegt: er fällt, oder er ist gefallen. — Dergleichen Leute stehen aber selten wieder auf, dagegen tat das aber Euer Johannes, mein lieber Meister, und das auf der Stelle. — Um meinen schwer verwundeten Kameraden, der nicht sowohl an meiner Seite, als über oder von meinem Haupte gefallen, konnte ich mich gar nicht bekümmern, da ich genug zu tun hatte, durch einen tüchtigen Seitensatz (ich nehme das Wort Satz hier weder in philosophischem noch in musikalischem, sondern lediglich in gymnastischem Sinn) der Mündung einer Pistole auszuweichen, die jemand etwa drei Schritte davon auf mich hielt. Doch ich tat noch mehr als das, ich ging plötzlich aus der Defensive in die Offensive über, sprang auf den Pistolanten los und stieß ihm ohne weitere Umstände meinen Stockdegen in den Leib. — Immer habt Ihr mir den Vorwurf gemacht, Meister! daß ich des historischen Stils nicht mächtig und unfähig etwas zu erzählen, ohne unnütze Phrasen und Abschweifungen. Was sagt Ihr zu der bündigen Darstellung meines italienischen Abenteuers in dem Park zu Sieghartshof, den ein hochsinniger Fürst so mild beherrscht, daß er selbst Banditen toleriert vergnüglicher Abwechslung halber?
Nehmt, lieber Meister, das bisher Gesagte nur für die vorläufige epitomatische Inhaltsanzeige des historischen Kapitels, das ich, erlaubt es meine Ungeduld und der Herr Prior, statt eines ordinären Briefes für Euch aufschreiben will. — Wenig nachzuholen ist über das eigentliche Abenteuer im Walde. — Gewiß war es mir sogleich, daß, als der Schuß fiel, ich davon profitieren sollte, denn im Niederstürzen empfand ich einen brennenden Schmerz an der linken Seite meines Kopfs, den der Konrektor in Göniönesmühl mit Recht einenhartnäckigennannte. Hartnäckigen Widerstand hatte der wackere Knochenbau nämlich geleistet dem schnöden Blei, so, daß die Streifwunde kaum zu achten. Aber sagt mir, lieber Meister, sagt mir auf der Stelle, oder heute abend, oder wenigstens morgen in aller Frühe, in wessen Leib meine Stockklinge gefahren? Sehr lieb würde es mir sein, zu vernehmen, daß ich eigentlich gar kein gemeines Menschenblut vergossen, sondern bloß einigen prinzlichen Ichor; und es willmir ahnen, als wäre dem so. — Meister! so hätte der Zufall denn zu der Tat geführt, die der finstere Geist mir verkündete, bei Euch im Fischerhäuschen. — War vielleicht diese kleine Stockklinge in dem Augenblick, als ich sie brauchte zur Notwehr gegen Mörder, das furchtbare Schwert der Blutschuld rächenden Nemesis? — Schreibt mir alles, Meister, und vor allen Dingen, was es mit der Waffe, die Ihr mir in die Hand gabt, mit dem kleinen Bilde für eine Bewandtnis hat. — Doch nein — nein, sagt mir davon nichts. Laßt mich dieses Medusenbild, vor dessen Anblick der bedrohliche Frevel erstarrt, bewahren, mir selbst ein unerklärliches Geheimnis. Es ist mir, als würde dieser Talisman seine Kraft verlieren, sobald ich wüßte, was für eine Konstellation ihn gefeit zur Zauberwaffe! — Wollt Ihr mir's glauben, Meister, daß ich bis jetzt Euer kleines Bild noch gar nicht einmal recht angeschaut? — Ist es an der Zeit, so werdet Ihr mir alles sagen, was mir zu wissen nötig, und dann gebe ich den Talisman zurück in Eure Hände. Also für jetzt kein Wort weiter davon! — Doch fortfahren will ich nun in meinem historischen Kapitel.
Als ich besagtem Jemand, besagtem Pistolanten meinen Stockdegen in den Leib gerannt, so daß er lautlos niederstürzte, sprang ich fort mit der Schnellfüßigkeit eines Ajax, da ich Stimmen im Park zu hören und mich noch in Gefahr glaubte. Ich gedachte nach Sieghartsweiler zu laufen, aber die Dunkelheit der Nacht ließ mich den Weg verfehlen. Schneller und schneller rannte ich fort, immer noch hoffend mich zurecht zu finden. Ich durchwatete Feldgraben, ich erklimmte eine steile Anhöhe und sank endlich in einem Gebüsch vor Ermattung nieder. Es war, als blitze es dicht vor meinen Augen, ich fühlte einen stechenden Schmerz am Kopf, und erwachte aus tiefem Todesschlaf. Die Wunde hatte stark geblutet, ich machte mir, das Taschentuch benutzend, einen Verband, der dem geschicktesten Kompanie-Chirurgus auf dem Schlachtfelde zur Ehre gereicht haben würde, und schaute nun ganz froh und fröhlich umher. Unfern von mir stiegen die mächtigen Ruinen eines Schlosses empor. — Ihr merkt es Meister, ich war zu meiner nicht geringen Verwunderung auf den Geierstein geraten.
Die Wunde schmerzte nicht mehr, ich fühlte mich frisch und leicht, ich trat heraus aus dem Gebüsch, das mir zum Schlafgemach gedient, die Sonne stieg empor und warf blinkende Streiflichter auf Wald und Flur, wie fröhliche Morgengrüße. Die Vögel erwachten in den Gebüschen und badeten sich zwitschernd im kühlen Morgentau, undschwangen sich auf in die Lüfte. Noch in nächtliche Nebel gehüllt lag tief unter mir Sieghartshof, doch bald sanken die Schleier, und in flammendem Gold standen Bäume und Büsche. Der See des Parks glich einem blendend strahlenden Spiegel: ich unterschied das Fischerhäuschen wie einen kleinen weißen Punkt — sogar die Brücke glaubte ich deutlich zu schauen. — Das Gestern trat auf mich ein, aber als sei es eine längst vergangene Zeit, aus der mir nichts geblieben als die Wehmut der Erinnerung an das ewig Verlorne, die in demselben Augenblick die Brust zerreißt und mit süßer Wonne erfüllt. „Haselant, was willst Du denn eigentlich damit sagen, was hast Du denn in dem längst vergangenen Gestern auf ewig verloren? so ruft Ihr mich an, Meister, ich hör es. Ach Meister, noch einmal stelle ich mich hin auf jene hervorragende Spitze des Geiersteins — noch einmal breite ich die Arme aus wie Adlersflügel, mich dort hinzuschwingen, wo ein süßer Zauber waltete, wo jene Liebe, die nicht in Raum und Zeit bedingt, die ewig ist, wie der Weltgeist, mir aufging in den ahnungsvollen Himmelstönen, die die dürstende Sehnsucht selbst sind und das Verlangen. Ich weiß es, dicht vor meiner Nase setzt sich ein Teufelskerl von hungrigem Opponenten hin, der nur opponiert des irdischen Gerstenbrotes halber, und fragt mich höhnisch: ob es möglich sei, daß ein Ton dunkelblaue Augen haben könne? Ich führe den bündigsten Beweis, daß der Ton eigentlich auch ein Blick sei, der aus einer Lichtwelt durch zerrissene Wolkenschleier hinabstrahlet; der Opponent geht aber weiter, und frägt nach Stirn, nach Haar, nach Mund und Lippen, nach Armen, Händen, Füßen, und zweifelt durchaus mit hämischem Lächeln, daß ein bloßer, purer Ton mit diesem allen begabt sein könne. — O Gott, ich weiß, was der Schlingel meint, nämlich nichts weiter, als daß, solange ich einglebae adscriptussei, wie er und die übrigen, solange wir alle nicht bloß Sonnenstrahlen fräßen, und uns manchmal noch auf einen andern Stuhl setzen müßten, als auf den Lehrstuhl, es mit jener ewigen Liebe, mit jener ewigen Sehnsucht, die nichts will als sich selbst, und von der jeder Narr zu schwatzen weiß — Meister! ich wünschte nicht, daß Ihr auf die Seite des hungrigen Opponenten trätet — es würde mir unangenehm sein. — Und sagt selbst, könnte Euch wohl eine einzige vernünftige Ursache dazu treiben? — hab' ich jemals Hang gezeigt zu trister Sekundaner Narrheit? — Ja hab' ich, zu reifen Jahren gekommen, mich nicht stets nüchtern zu erhalten gewußt, hab' ich etwa jemals gewünscht ein Handschuh zu sein bloß um Julia's Wangezu küssen wie Vetter Romeo? — Glaubt es nur, Meister, die Leute mögen auch sagen, was sie wollen, im Kopf trag' ich nichts als Noten, und im Gemüt und Herzen die Klänge dazu, denn alle Teufel! wie sollt ich sonst im Stande sein, solche manierliche, bündige Kirchenstücke zu setzen, als die Vesper es ist, die da eben vollendet auf dem Pulte liegt. — Doch — schon wieder war es um die Historie geschehen — ich erzähle weiter.
Aus der Ferne vernahm ich den Gesang einer kräftigen Männerstimme, der sich immer mehr und mehr näherte. Bald gewahrte ich denn auch einen Benediktiner Geistlichen, der, auf dem Fußsteig unterwärts fortwandelnd, einen lateinischen Hymnus sang. Nicht weit von meinem Platze stand er still, hielt inne mit dem Singen und schaute, indem er den breiten Reisehut vom Kopfe nahm und sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirne trocknete, in der Gegend umher, dann verschwand er ins Gebüsch. Mir kam die Lust an, mich zu ihm zu gesellen, der Mann war mehr als wohlgenährt, die Sonne brannte stärker und stärker, und so konnt' ich wohl denken, daß er ein Ruheplätzchen gesucht haben würde im Schatten. Ich hatte mich nicht geirrt, denn in das Gebüsch tretend, erblickte ich den ehrwürdigen Herrn, der sich auf einen dickbemoosten Stein niedergelassen hatte. Ein höheres Felsstück dicht daneben diente ihm zum Tisch; — er hatte ein weißes Tuch darüber ausgebreitet, und holte eben aus dem Reisesack Brot und gebratenes Geflügel hervor, das er mit vielem Appetit zu bearbeiten begann:Sed praeter omnia bibendum quid,so rief er sich selbst zu und schenkte aus einer Korbflasche Wein ein in den kleinen, silbernen Becher, den er aus der Tasche hervorgezogen. Eben wollte er trinken, als ich mit einem „Gelobt sei Jesus Christ“ zu ihm hintrat. Mit dem Becher an den Lippen, schaute er auf, und ich erkannte im Augenblick meinen alten, gemütlichen Freund aus der Benediktiner-Abtei zu Kanzheim, den ehrlichen Pater und Präfectus Chori Hilarius. In Ewigkeit! stammelte Pater Hilarius, indem er mich mit weit aufgerissenen Augen starr anblickte. Ich dachte sogleich an meinen Kopfputz, der mir vielleicht ein fremdes Ansehen geben mochte und begann: O, mein sehr geliebter, würdiger Freund Hilarius, haltet mich nicht für einen verlaufenen, vagabondierenden Hindus, auch nicht für ein auf den Kopf gefallenes Landeskind, da ich doch nun einmal nichts anderes bin und sein will, als Euer Intimus, der Kapellmeister Johannes Kreisler! —
Beim heiligen Benedikt, rief Pater Hilarius freudig, ich hatteEuch gleich erkannt, herrlicher Kompositor und angenehmer Freund, aberper diemsagt mir, wo kommt Ihr her, was ist Euch geschehen, Euch, den ich mirin floribusdachte am Hofe des Großherzogs?
Ich nahm gar keinen Anstand, dem Pater kürzlich alles zu erzählen, was sich mit mir begeben und wie ich genötigt gewesen, dem, dem es beliebt nach mir, wie nach einem aufgesteckten Ziel, Probeschüsse zu tun, meinen Stockdegen in den Leib zu stoßen und wie besagter Zielschießer wahrscheinlich ein italienischer Prinz gewesen, der Hektor geheißen, wie mancher würdige Pirschhund. — „Was nun beginnen, zurückkehren nach Sieghartsweiler, oder — ratet mir, Pater Hilarius!“
So schloß ich meine Erzählung. — Pater Hilarius, der manches — Hm! — so! — ei! — heiliger Benedikt — dazwischen geworfen, sah jetzt vor sich nieder, murmelte:bibamus!und leerte den silbernen Becher auf einen Zug.
Dann rief er lachend: in der Tat, Kapellmeister, der beste Rat, den ich Euch fürs erste erteilen kann, ist, daß Ihr Euch fein zu mir hersetzt und mit mir frühstückt. Ich kann Euch diese Feldhühner empfehlen, erst gestern schoß sie unser ehrwürdiger Bruder Macarius, der, wie Ihr Euch wohl erinnert, alles trifft, nur nicht die Noten in den Responsorien, und wenn Ihr den Kräuteressig vorschmeckt, mit dem sie angefeuchtet, so verdankt Ihr das der Sorgfalt des Bruders Eusebius der sie selbst gebraten mir zuliebe. Was aber den Wein betrifft, so ist er wert, die Zunge eines landflüchtigen Kapellmeisters zu netzen. Echter Bocksbeutel,carissimeJohannes, echter Bocksbeutel aus dem St. Johannis-Hospital zu Würzburg, den wir, unwürdige Diener des Herrn, erhalten in bester Qualität. —Ergo bibamus!
Damit schenkte er den Becher voll und reichte ihn mir hin. — Ich ließ mich nicht nötigen, ich trank und aß, wie einer, der solcher Stärkung bedarf.
Pater Hilarius hatte den anmutigsten Platz gewählt, um sein Frühstück einzunehmen. Ein dichtes Birkengebüsch beschattete den blumigten Rasen des Bodens, und der kristallhelle Waldbach, der über hervorragendes Gestein plätscherte, vermehrte noch die erfrischende Kühle. Die einsiedlerische Heimlichkeit des Orts erfüllte mich mit Wohlbehagen und Ruhe, und während Pater Hilarius mir von allem erzählte, was sich seit der Zeit in der Abtei begeben, wobei er nicht vergaß, seine gewöhnlichen Schwänke und sein hübsches Küchenlateineinzumischen, horchte ich auf die Stimmen des Waldes, der Gewässer, die zu mir sprachen in tröstenden Melodien.
Pater Hilarius mochte mein Schweigen der bittern Sorge zuschreiben, die mir das Geschehene verursachte.
„Seid guten Muts, Kapellmeister!“ begann er, indem er mir den aufs Neue gefüllten Becher hinreichte, „Ihr habt Blut vergossen, das ist wahr, und Blutvergießen ist Sünde, dochdistinguendum est inter et inter. — Jedem ist sein Leben das Liebste, er hat es nur einmal. Ihr habt das Eurige verteidigt, und das verbietet die Kirche keinesweges, wie sattsam zu erweisen, und weder unser hochwürdiger Herr Abt, noch irgendein anderer Diener des Herrn, wird Euch die Absolution versagen, seid Ihr auch unversehens in fürstliche Eingeweide gefahren. —Ergo bibamus! Vir sapiens non te abhorrebit Domine!— Aber teuerster Kreisler, kehrt Ihr zurück nach Sieghartsweiler, so wird man Euch garstig befragen über dascur, quomodo, quando, ubiund wollt Ihr den Prinzen des mörderischen Angriffs zeihen, wird man Euch glauben?Ibi iacet lepus in pipere!— Aber seht, Kapellmeister, wie — doch,bibendum quid!— Er leerte den vollgeschenkten Becher und fuhr dann fort: Ja seht, Kapellmeister, wie der gute Rat kommt mit dem Bocksbeutel. — Erfahrt, daß ich mich eben zum Kloster Allerheiligen begeben wollte, um mir von dem dortigen Präfektus Chori Musik zu holen zu den nächsten Festen. Ich habe die Kasten schon zwei-, dreimal umgekehrt; es ist alles alt und verbraucht, und was die Musik betrifft, die Ihr uns komponiert habt während Eures Aufenthalts in der Abtei, ja, die ist gar schön und neu, aber — nehmt mir es nicht übel, Kapellmeister, so auf kuriose Weise gesetzt, daß man keinen Blick wenden darf von der Partitur. Will man nur ein bißchen durchs Gitter schielen nach dieser, jener hübschen Dirne unten im Schiff, gleich hat man einen Halt verfehlt oder sonst was und schlägt einen falschen Takt und schmeißt das Ganze um. — Pump, da liegt's und Di—di—Diedel, diedel greift Bruder Jakob in die Orgeltasten! —ad patibulum cum illis— Ich durfte also — dochbibamus!—
Nachdem wir beide getrunken, floß der Strom der Rede also weiter:Desuntdie nicht da sind und die nicht da sind, können nicht gefragt werden, ich dächte daher, Ihr wandertet sogleich mit mir zurück nach der Abtei, die, schlägt man Richtwege ein, kaum zwei Stunden von hier entfernt ist. In der Abtei seid Ihr gesichert gegen alle Nachstellungen,contra hostium insidias,ich bringe Euch hin,als lebendige Musik und Ihr bleibt da, solange es Euch gefällt oder solange Ihr es geraten findet. Der hochwürdige Herr Abt versorgt Euch mit allem Nötigen. Ihr kleidet Euch in die feinste Wäsche und zieht das Benediktinergewand darüber, das Euch sehr wohl stehen wird. Aber damit Ihr nicht unterwegs ausseht wie der wundgeschlagene auf dem Bilde vom mitleidigen Samariter, so setzt meinen Reisehut auf, ich werde mir die Kapuze schon über die Glatze ziehn. —Bibendum quid,Liebster!
Damit leerte er den Becher noch einmal, schwenkte ihn aus im nahen Waldbach, packte alles schnell in seinen Reisesack, drückte mir seinen Hut auf die Stirne und rief ganz fröhlich: Kapellmeister, wir dürfen nur ganz langsam und bequem einen Fuß vor den andern setzen und kommen doch gerade an, wenn sie läutenad conventum conventuales,d. h. wenn der hochwürdige Herr Abt sich zu Tische setzt.
Ihr dürft wohl denken, lieber Meister, daß ich gegen den Vorschlag des fröhlichen Paters Hilarius nicht das mindeste einzuwenden hatte, daß es mir vielmehr gar willkommen sein mußte, mich an einen Ort zu begeben, der mir in so mancher Hinsicht ein wohltätiges Asyl werden konnte.
Wir schritten gemächlich fort unter allerlei Gesprächen und langten so, wie Pater Hilarius es gewollt, in der Abtei an, als man gerade die Tischglocke läutete.
Um vorderhand allen Fragen zuvorzukommen, sagte Pater Hilarius dem Abt, daß, da er zufällig erfahren, wie ich mich in Sieghartsweiler aufhalte, er es vorgezogen, statt der Musik aus dem Kloster Allerheiligen, lieber den Komponisten zu holen, der ja ein ganzes unerschöpfliches Magazin von Musik in sich trage.
Der Abt Chrysostomus (mich dünkt, ich hätte Euch schon viel von ihm erzählt) empfing mich mit jener gemütlichen Freude, die nur wahrhaft guter Gesinnung eigen, und lobte den Entschluß des Paters Hilarius. —
Seht mich nun, Meister Abraham, wie ich, umgeschaffen zum passablen Benediktinermönch, in einem hohen, geräumigen Zimmer des Hauptgebäudes der Abtei, sitze und emsig Vespern und Hymnen ausarbeite, ja wie ich schon mitunter Gedanken notiere zu einem feierlichen Hochamt — wie sich die singenden und spielenden Brüder, die Chorknaben versammeln, wie ich emsig Proben halte, wie ich hinter dem Gitter des Chors dirigiere! In der Tat, so vergraben fühle ichmich in diese Einsamkeit, daß ich mich mit Tartini vergleichen möchte, der, die Rache des Kardinals Cornaro fürchtend, in das Minoritenkloster zu Assisi floh, wo ihn endlich nach Jahren ein Paduaner entdeckte, der sich in der Kirche befand und den verlornen Freund auf dem Chore erblickte, als ein Windstoß den Vorhang, der das Orchester verhüllte, einige Augenblicke aufhob. — Es hätte Euch selbst, Meister! so mit mir gehen können, wie jenem Paduaner, aber ich mußte Euch ja doch sagen, wo ich geblieben, Ihr könntet sonst wunder gedacht haben, was aus mir geworden. — Hat man vielleicht meinen Hut gefunden und sich gewundert, daß ihm der Kopf abhanden gekommen? — Meister! Eine besondere, wohltätige Ruhe ist in mein Inneres gekommen; sollte ich vielleicht hier am Ankerplatz gelandet sein? Als ich neulich an dem kleinen See, der in der Mitte des weitläuftigen Gartens der Abtei liegt, wandelte, und mein Bild neben mir wandelnd im See erblickte, da sprach ich: der Mensch, der da unten neben mir hergeht, das ist ein ruhiger, besonnener Mensch, der nicht mehr wild umherschwirrend in vagen unbegrenzten Räumen, die gefundene Bahn fest hält, und es ist ein Glück für mich, daß der Mensch kein anderer ist, als ich selbst. — Aus einem andern See schaute mich einst ein fataler Doppelgänger an. Doch still — still von dem allen. — Meister, nennt mir keinen Namen — erzählt mir nichts — auch nicht einmal, wen ich gespießt. — Aber von Euch selbst schreibt mir viel. — Die Brüder kommen zur Probe, ich schließe mein historisches Kapitel und zugleich meinen Brief. Lebt wohl, mein guter Meister, und gedenkt meiner! &c. &c. &c. &c.
— In den fernen, wild verwachsenen Gängen des Parks einsam wandelnd, bedachte Meister Abraham das Schicksal des geliebten Freundes und wie er ihn, kaum wiedergewonnen, auf's Neue verloren. Er sah den Knaben Johannes, sich selbst in Göniösmühl vor dem Flügel des alten Onkels, der Kleine hämmerte mit stolzem Blick Sebastian Bachs schwerste Sonaten herunter, mit beinahe männlicher Faust, er steckte ihm dafür eine Tüte Zuckerwerk heimlich in die Tasche. — Es war ihm, als sei dies erst wenige Tage her und er mußte sich verwundern, daß der Knabe eben kein anderer als der Kreisler, der in ein wunderliches, launenhaftes Spiel geheimnisvoller Verhältnisse verflochten schien. Aber mit dem Gedanken an jene vergangene Zeit, an die verhängnisvolle Gegenwart, stieg das Bild seines eigenen Lebens vor ihm auf.
Sein Vater, ein strenger, eigensinniger Mann, hatte ihn beinahemit Zwang zu der Kunst des Orgelbaues angehalten, die er selbst trieb, wie ein gewöhnliches rohes Handwerk. Er litt nicht, daß irgendein anderer, als der Orgelbauer selbst Hand anlege an das Werk, und so mußten die Lehrlinge geübte Tischler, Zinngießer usw. werden, ehe sie zu der innern Mechanik gelangten. — Genauigkeit, Dauerhaftigkeit, gute Spielart des Werks galt dem Alten für alles; für die Seele, für den Ton hatte er keinen Sinn, und merkwürdig genug sprach sich dies aus in den Orgeln, die er baute und denen man mit Recht, einen harten, spitzen Klang vorwarf. Nächstdem war der Alte den kindischen Künsteleien verjährter Zeit ganz und gar ergeben. So hatte er an einer Orgel die Könige David und Salomo angebracht, die während des Spiels wie vor Verwunderung die Köpfe drehten; so fehlte es keinem seiner Werke an paukenden, posaunenden, taktierenden Engeln, mit den Flügeln schlagenden, krähenden Hähnen u. s. w. Abraham konnte oft verdienten oder nicht verdienten Schlägen nicht anders entgehen und dem Alten eine Äußerung väterlicher Freude entlocken, als wenn er vermöge eigner Erfindungsgabe irgendeine neue Künstelei, etwa ein schärfer tönendes Kikeriki, herausgebracht für den nächsten Orgelhahn. Mit angstvoller Sehnsucht hatte Abraham die Zeit herbeigewünscht, in der er dem Handwerks-Gebrauch gemäß auf die Wanderschaft gehen sollte. Endlich kam diese Zeit heran und Abraham verließ das väterliche Haus, um nie wieder zurückzukehren.
Auf dieser Wanderung, die er in Gemeinschaft mit andern Gesellen, meistens wüsten, rohen Burschen, unternahm, sprach er einst ein in der Abtei St. Blasius, die im Schwarzwalde belegen und hörte dort das berühmte Orgelwerk des alten Johannes Andreas Silbermann. In den vollen, herrlichen Tönen dieses Werks ging zum erstenmal der Zauber des Wohllauts auf in seinem Innern, er fühlte sich in eine andere Welt versetzt, und von dem Augenblick an war er ganz Liebe für eine Kunst, die er sonst mit Widerwillen treiben müssen. — Nun kam ihm aber auch sein ganzes Leben in der Umgebung, wie er es bis jetzt geführt hatte, so nichtswürdig vor, daß er alle Kraft aufbot sich herauszureißen aus dem Schlamm, in den er sich versunken glaubte. — Sein natürlicher Verstand, seine Fassungsgabe ließen ihn in der wissenschaftlichen Bildung Riesenschritte machen und doch — fühlte er oft die Bleigewichte, die die frühere Erziehung, das Forttreiben in der Gemeinheit ihm angehängt. — Chiara, die Verbindung mit diesem seltsamen, geheimnisvollen Wesen, das war derzweite Lichtpunkt in seinem Leben, und so bildete beides, jenes Erwachen des Wohllauts und Chiaras Liebe einen Dualismus seines poetischen Seins, der wohltätig hineinwirkte in seine rohe aber kräftige Natur. — Kaum den Herbergen, kaum den Schenken, wo im dicken Tabaksqualm Zotenlieder ertönten, entronnen, brachte der Zufall oder vielmehr die Geschicklichkeit in mechanischen Künsteleien, denen er den Anstrich des Geheimnisses zu geben wußte (wie der geneigte Leser schon erfahren) den jungen Abraham in Umgebungen, die ihm eine neue Welt sein mußten, und in denen er, ewig Fremdling bleibend, sich nur dadurch aufrecht erhielt, daß er den festen Ton behauptete, den seine innere Natur ihm angegeben. Dieser feste Ton wurde mit der Zeit immer fester, und da er keinesweges der eines simplen Grobians, sondern auf klaren, gesunden Menschenverstand, richtiger Lebensansicht, und daraus sich erzeugendem treffenden Spott basiert war, so konnt es nicht fehlen, daß da, wo der Jüngling sich nur aufrecht erhalten und toleriert worden, der Mann als ein zu fürchtendes Prinzip großen Respekt einflößte. Es ist nichts leichter, als gewissen vornehmen Leuten zu imponieren, die immer noch weiter unter dem stehen, wofür man sie etwa halten möchte. Daran dachte nun Meister Abraham eben in dem Augenblick, als er von seinem Spaziergange wieder an das Fischerhäuschen gekommen, und schlug eine laute, herzliche Lache auf, die Luft machte seiner gepreßten Brust.
Zur innigsten Wehmut, die ihm sonst wohl gar nicht eigen, hatte den Meister nämlich das lebhafte Andenken an den Moment in der Kirche der Abtei St. Blasius gestimmt. „Warum blutet eben die Wunde jetzt so häufig, die ich längst verharscht glaubte,“ sprach er zu sich selbst, „warum hänge ich jetzt leeren Träumereien nach, da es mir scheint, als müsse ich tätig eingreifen in das Maschinenwerk, das ein böser Geist falsch zu treiben scheint!“ — Der Meister fühlte sich beängstigt durch den Gedanken, daß er, selbst wußte er nicht wodurch, in seinem eigentümlichsten Tun und Treiben sich gefährdet sah, bis, wie gesagt, er im Ideengange auf die vornehmen Leute kam, über die er lachte und augenblicklich merkliche Linderung verspürte.
Er trat ins Fischerhäuschen, um nun Kreislers Brief zu lesen. —
In dem fürstlichen Schlosse hatte sich Merkwürdiges begeben. Der Leibarzt sprach: Wunderbar! — es geht über alle Praxis, über alle Erfahrung hinaus! — Die Fürstin: So mußte es kommen, und die Prinzessin ist nicht kompromittiert! — der Fürst: Hätt' ichs nicht ausdrücklich verboten, aber dieCrapuleder dienenden Esel hat keineOhren. — Nun — der Oberforstmeister soll dafür sorgen, daß der Prinz kein Pulver mehr in die Hände bekommt! die Rätin Benzon: Dank dem Himmel, sie ist gerettet! — Während dessen schaute Prinzessin Hedwiga zum Fenster ihres Schlafgemachs hinaus, indem sie dann und wann abgebrochene Akkorde anschlug auf derselben Guitarre, die Kreisler im Unmute von sich warf und aus Julias Händen, wie er meinte geheiligt, zurück empfing. Auf dem Sofa saß Prinz Ignatius und weinte und klagte: es tut weh, es tut weh — vor ihm aber Julia, die emsig beschäftigt war, in eine kleine, silberne Schüssel hinein — rohe Kartoffeln zu schaben.
Alles dieses bezog sich auf ein Ereignis, das der Leibarzt mit vollem Recht wunderbar nannte und über alle Praxis erhaben. Prinz Ignatius hatte sich, wie der geneigte Leser schon mehrmals erfahren, den unschuldig tändelnden Sinn, die glückliche Unbefangenheit des sechsjährigen Knaben erhalten und spielte daher gern wie dieser. Unter anderm Spielzeug besaß er auch eine kleine, aus Metall gegossene Kanone, die ihm zu seinem Lieblings-Spiel diente, an dem er sich jedoch höchst selten ergötzen konnte, da manche Dinge dazu gehörten, die nicht gleich zur Hand waren, nämlich einige Körner Pulver, ein tüchtiges Schrotkorn und ein kleiner Vogel. Hatte er das alles, so ließ er seine Truppen aufmarschieren, hielt Kriegsgericht über den kleinen Vogel, der eine Rebellion angezettelt in des fürstlichen Papas verlornem Lande, lud die Kanone, und schoß den Vogel, den er mit einem schwarzen Herzen auf der Brust an einen Leuchter gebunden, tot, zuweilen aber auch nicht, so daß er mit dem Federmesser nachhelfen mußte, um die gerechte Strafe an dem Hochverräter zu vollstrecken.
Fritz, des Gärtners zehnjähriger Knabe, hatte dem Prinzen einen gar hübschen bunten Hänfling verschafft und dafür, wie gewöhnlich, eine Krone erhalten. Sogleich war dann aber der Prinz in die Jägerstube geschlichen, gerade, wenn die Jäger abwesend, hatte richtig Schrotbeutel und Pulverhorn gefunden, und sich daraus mit der nötigen Munition versehen. Schon wollte er mit der Exekution beginnen, die Beschleunigung zu fordern schien, da der bunte zwitschernde Rebell alle nur möglichen Mittel versuchte, zu entwischen, als es ihm einfiel, daß er der Prinzessin Hedwiga, die jetzt so artig geworden, durchaus nicht die Lust versagen dürfte, bei der Hinrichtung des kleinen Hochverräters gegenwärtig zu sein. Er nahm also den Kasten worin seine Armee befindlich, unter den einen, die Kanone unter den andern Arm,den Vogel aber in die hohle Hand und schlich, da es ihm von dem Fürsten untersagt worden die Prinzessin zu sehen, leise, leise nach Hedwigas Schlafgemach, wo er sie in dem fortdauernden kataleptischen Zustande, auf dem Ruhebette angekleidet liegend fand. Schlimm und, wie man sehen wird zugleich gut war es, daß die Kammerfrau die Prinzessin eben verlassen.
Ohne weiteres band nun der Prinz den Vogel an einen Leuchter, ließ die Armee in Reihe und Glied treten und lud die Kanone, dann hob er die Prinzessin vom Ruhebette, ließ sie an den Tisch treten und erklärte, daß sie jetzt den kommandierenden General vorstelle, er seinerseits bleibe der regierende Fürst und brenne nebenher die Artillerie ab, welche den Rebellen töte. — Überfluß an Munition hatte den Prinzen verführt und er nicht allein das Geschütz überladen, sondern auch Pulver rund umher auf den Tisch verstreut. Sowie er das Stück abprotzte, gab es nicht allein einen ungewöhnlichen Knall, sondern das umher gestreute Pulver flog auch auf, und verbrannte ihm tüchtig die Hand, so, daß er laut aufschrie, und gar nicht einmal bemerkte, daß die Prinzessin in dem Augenblick der Explosion hart zu Boden gestürzt war. Der Schuß hallte durch die Korridors, alles stürzte, Unglück ahnend herbei, und selbst Fürst und Fürstin drängten sich, alle Etikette im jähen Schreck vergessend, mit der Dienerschaft durch die Türe hinein. Die Kammerfrauen hoben die Prinzessin von dem Boden und legten sie auf das Ruhebett, während man nach dem Leibarzt, nach dem Chirurgus lief. Der Fürst ersah aus den Anstalten auf dem Tische sehr bald was geschehen, und sprach zum Prinzen, der entsetzlich schrie und lamentierte, mit zornfunkelnden Augen: Sieht er Ignaz! das kommt von seinen dummen kindischen Faxen. Laß' er sich Brandsalbe auflegen und heul er nicht, wie ein Straßenjunge! — Mit einem Birkenreis — sollt — — Hint — Die bebenden Lippen ließen keine Deutlichkeit der Sprache zu, der Fürst wurde unverständlich und verließ gravitätisch das Zimmer. Tiefes Entsetzen hatte die Dienerschaft erfaßt, denn erst zum drittenmal redete der Fürst den Prinzen an mit Er und Ignaz und jedesmal bewies er den wildesten, schwer zu sühnenden Zorn.
Als der Leibarzt erklärte, die Krisis sei eingetreten und er hoffe, daß der bedrohliche Zustand der Prinzessin nun bald vorüber und sie völlig genesen werde, sprach die Fürstin mit weniger Teilnahme, als man wohl denken sollte.Dieu soit loué,man gebe mir weitere Nachricht. Den weinenden Prinzen schloß sie aber zärtlich in ihreArme, tröstete ihn mit süßen Worten und folgte dann dem Fürsten.
Indessen war die Benzon, die im Sinne gehabt, mit Julien die unglückliche Hedwiga zu sehen, im Schlosse angekommen. Kaum hörte sie was geschehen, als sie hinaufeilte nach dem Zimmer der Prinzessin, zuflog auf das Ruhebett, niederkniete, Hedwiga's Hand faßte und ihr starr in die Augen blickte, während Julia heiße Tränen vergoß wähnend, daß wohl der Todesschlaf über die Herzensfreundin kommen werde. Da holte Hedwiga tief Atem und sprach mit dumpfer kaum vernehmlicher Stimme: Ist er tot? — Sogleich hielt Prinz Ignatius ein mit Weinen trotz seines Schmerzes, und erwiderte in voller Freude über die gelungene Exekution lachend und kichernd:Ja, ja— Prinzessin Schwester, ganz tot, gerade durch das Herz geschossen. — „Ja, sprachdie Prinzessin weiter, indem sie die Augen, die sie aufgeschlagen, wieder sinken ließ, ja ich weiß es. Ich sah den Blutstropfen, der aus dem Herzen quoll, aber er fiel in meine Brust und ich erstarrte zu Kristall und er nur lebte in dem Leichnam! „Hedwiga,“ begann die Rätin leise und zärtlich, „erwachen Sie aus bösen unglücklichen Träumen! Hedwiga, erkennen Sie mich?“ Die Prinzessin winkte sanft mit der Hand, als wolle sie verlassen sein. Hedwiga, fuhr die Benzon fort, Julia ist hier. Ein Lächeln schimmerte auf Hedwiga's Wangen. Julia beugte sich über sie hin, drückte einen leisen Kuß auf die erblaßten Lippen der Freundin. Da lispelte Hedwiga kaum hörbar: Es ist nun alles vorüber, in wenigen Minuten bin ich ganz erkräftigt, ichfühl'es. —
Niemand hatte sich bis jetzt um den kleinen Hochverräter bekümmert, der mit zerfleischter Brust auf dem Tische lag. Nun fiel er Julien ins Auge und erst in dem Augenblick wurde sie auch inne, daß Prinz Ignatius wieder das abscheuliche ihr verhaßte Spiel gespielt. Prinz, sprach sie, indem ihre Wangen sich hoch röteten, Prinz, was hat Ihnen der arme Vogel getan, daß Sie ihn ohne Erbarmen töten hier im Zimmer? — Das ist ein recht einfältiges grausames Spiel. — Sie haben mir längst versprochen es zu lassen, und doch nicht Wort gehalten. — Aber! tun Sie es noch einmal, niemals ordne ich mehr Ihre Tassen oder lehre Ihre Püppchen reden, oder erzähle Ihnen die Geschichte vom Wasserkönig! „Nicht böse sein, Fräulein Julia!“ wimmerte der Prinz. Aber es war ein bunter Erzschelm. Er hatte allen Soldaten heimlich die Rockschöße abgeschnitten, und überdem eine Rebellion angezettelt. Ach es tut weh — es tut weh! — Die Benzon blickte den Prinzen, dann Julien an mit seltsamen Lächeln,dann rief sie: Was das für ein Wehklagen ist über ein paar verbrannte Finger! — Aber es ist wahr, der Chirurgus wird ewig mit seiner Brandsalbe nicht fertig. Doch hilft ein gemeines Hausmittel auch wohl ungemeinen Leuten. Man schaffe rohe Kartoffel herbei! — Sie schritt nach der Türe; aber wie plötzlich von irgendeinem Gedanken erfaßt, blieb sie stehen, kehrte um, schloß Julien in die Arme, küßte sie auf die Stirne und sprach: Du bist mein gutes liebes Kind, und wirst immer dasganzsein was Du sein sollst! — Hüte Dich nur vor überspannten wahnsinnigen Toren und verschließe Dein Gemüt dem bösen Zauber ihrer verlockenden Reden! Damit warf sie noch einen forschenden Blick auf die Prinzessin, die sanft und süß zu schlummern schien, und verließ das Zimmer.
Der Chirurgus trat herein mit einem ungeheuren Pflaster in den Händen, unter vielen Beteuerungen versichernd, daß er schon seit geraumer Zeit gewartet in den Zimmern des gnädigsten Prinzen, da er nicht vermuten können, daß in dem Schlafgemach der gnädigsten Prinzessin — Er wollte mit dem Pflaster los auf den Prinzen, die Kammerfrau, die ein paar stattliche Kartoffeln auf einer silbernen Schüssel herbeigebracht, vertrat ihm aber den Weg und versicherte, daß für Verletzungen durch Brand geschabte Kartoffeln das allerbeste Mittel wären. Und ich, fiel Julia der Kammerfrau ins Wort, indem sie ihr die silberne Schüssel abnahm, und ich selbst will für Sie, mein Prinzchen, das Pflaster gar fein bereiten.
„Gnädigster Herr, sprach der Chirurg erschrocken: Bedenken Sie! — ein Hausmittel für verbrannte Finger eines hohen fürstlichen Herrn! — Die Kunst — die Kunst soll — muß hier allein helfen! Er wollte von neuem auf den Prinzen los, der prallte aber zurück und rief: Weg da, weg da! Fräulein Julia soll mir das Pflaster bereiten, die Kunst soll sich zum Zimmer hinausscheren!
Die Kunst empfahl sich samt ihrem wohlpräparierten Pflaster, indem sie giftige Blicke auf die Kammerfrau warf.
Stärker und stärker hörte Julia die Prinzessin atmen, doch wie erstaunte sie als —
(M. f. f.)— einschlafen. Hin und her wälzte ich mich auf meinem Lager; ich versuchte alle nur mögliche Stellungen. Bald streckte ich mich lang aus, bald wickelte ich mich rund zusammen, ließ den Kopf auf den weichen Pfoten ruhen und ringelte den Schweif zierlich um mich herum, so daß er die Augen bedeckte, bald warf ich mich auf die Seite, ließ die Pfoten wegstarren vom Leibe, den Schweif in lebloser Gleichgültigkeit hinabhängen vom Lager. Alles — alles vergebens! — Wirrer und wirrer wurden Vorstellungen, Gedanken, bis ich endlich in jenes Delirium fiel, das kein Schlaf, sondern ein Kampf zwischen Schlafen und Wachen zu nennen, wie Moritz, Davidson, Rudow, Tiedemann, Wienholt, Reil, Schubert, Kluge und andere physiologische Schriftsteller, die über Schlaf und Traum geschrieben und die ich nicht gelesen, mit Recht behaupten.
Die helle Sonne schien in des Meisters Zimmer hinein, als ich aus diesem Delirium, aus diesem Kampf zwischen Schlafen und Wachen, wirklich zum klaren Bewußtsein erwachte. Aber welch ein Bewußtsein, welch ein Erwachen. — O Katerjüngling, der du dieses liesest, spitze die Ohren und lies aufmerksam, daß dir die Moral nicht entwische! — Nimm dir zu Herzen, was ich über einen Zustand sage, dessen unnennbare Trostlosigkeit ich dir nur mit schwachen Farben schildern kann. — Nimm dir diesen Zustand, wiederhole ich, zu Herzen und dich selbst möglichst in acht, wenn du zum erstenmal in einer Katzburschen-Gesellschaft Katzpunsch genießest! Nippe mäßig und berufe dich, will man das nicht leiden, auf mich und meine Erfahrung, der Kater Murr sei deine Autorität, die jeder, hoff' ich, anerkennen und gelten lassen wird.
Nun also! — Was zuförderst mein physisches Befinden betrifft, so fühlte ich mich nicht allein matt und elend, sondern was mir ganz besondere Qualen schuf, war ein gewisser kecker, abnormer Anspruch des Magens, der eben seiner Abnormität halber nicht durchzusetzen war und nur einen unnützen Rumor im Innern verursachte, an dem sogar die affizierten Ganglien teilnahmen, die in ewigem physischem Wollen und nicht Vermögen krankhaft zitterten und bebten. — Es war ein heilloser Zustand! —
Aber beinahe noch empfindlicher war die psychische Affektion. Mit der bittern Reue und Zerknirschung eines Gestern halber, das ich doch eigentlich gar nicht für tadelnswert achten konnte, kam eine trostlose Gleichgültigkeit in meine Seele gegen alles irdische Wohl! — Ich verachtete alle Güter der Erde, alle Gaben der Natur, Weisheit, Verstand, Witz u. s. w. Die größten Philosophen, die geistreichsten Dichter galten mir nicht höher als Lumpenpuppen, sogenannte Hansemänner und was das ärgste war, auf mich selbst dehnte sich jene Verachtung aus und ich glaubte zu erkennen, daß ich nichts sei, als ein ganz gewöhnlicher miserabler Mausekatz! — Niederschlagenderes gibt es nicht! Der Gedanke, daß ich in dem größten Jammer befangen, daß die ganze irdische Erde überhaupt ein Jammertal sei, vernichtete mich im namenlosen Schmerz. — Ich kniff die Augen zu und weinte sehr! —
„Du hast geschwärmt, Murr, und nun ist dir miserabel zu Mute? — Ja, ja, so gehts! — Nun schlaf' nur aus, alter Junge, dann wird's besser werden! — So rief der Meister mir zu, als ich das Frühstück stehen ließ und einige Schmerzenstöne von mir gab. Der Meister! — o Gott er wußte nicht, er kannte nicht meine Leiden! — er ahnte nicht, wie Burschentum und Katzpunsch wirkt auf ein zartfühlendes Gemüt! —
Es mochte Mittag sein, noch hatte ich mich nicht vom Lager gerührt, als plötzlich, der Himmel weiß wie er sich herein zu schleichen gewußt, Bruder Muzius vor mir stand. — Ich klagte ihm meinen unseligen Zustand, statt aber, wie ich gehofft, mich zu bedauern, mich zu trösten, schlug er eine unmäßige Lache auf und rief: „Hoho, Bruder Murr, es ist weiter nichts als die Krisis, der Übergang von unwürdiger philiströser Knabenschaft zum würdigen Burschentum, die dich glauben läßt, daß du krank bist und elend. Du bist das edle Kommerschieren noch nicht gewohnt! — Aber tu mir den Gefallen und halte das Maul und klage nicht etwa dem Meister dein Leiden. Unser Geschlecht ist überdem schon verrufen genug, dieser Scheinkrankheit halber, und der schmähsüchtige Mensch hat ihr einen Namen gegeben, der sich auf uns bezieht und den ich nicht wiederholen mag. Aber raffe dich auf, nimm dich zusammen, komm mit mir, die frische Luft wird dir wohltun und dann mußt du vor allen Dingen Haare auflegen. Komm nur, du wirst schon praktisch erfahren, was das heißt.“
Bruder Muzius übte seit der Zeit, als er mich dem Philistertum entrissen, eine unbedingte Herrschaft über mich aus; ich mußte tun was er wollte. Mühsam stand ich daher auf von meinem Lager, dehnte mich, so gut es bei den erschlafften Gliedern gehen wollte und folgte dem treuen Bruder aufs Dach. Wir spazierten einigemal auf und nieder und in der Tat, mir wurde etwas wohler, frischer zu Mute. Dann führte mich Bruder Muzius hinter den Schornstein, und hier mußte ich, wollte ich mich auch dagegen sträuben, zwei, drei Schnäpschen reine Heringslake nehmen. Dies waren die Haare, die ich nach Muzius Ausdruck auflegen sollte. — O, wunderbarer als wunderbar war die drastische Wirkung dieses Mittels! Was soll ich sagen? — Des Magens abnorme Ansprüche schwiegen, der Rumor war gestillt, das Gangliensystem beruhigt, das Leben wieder schön,ich schätzte das irdische Wohl, die Wissenschaft, die Weisheit, den Verstand, den Witz u. s. w., ich war mir selbst wiedergegeben, ich war wieder der herrliche, höchst exzellente Kater Murr! — O Natur, Natur! Kann es denn geschehen, daß ein paar Tropfen, die der leichtsinnige Kater genießt in unzähmbarer freier Willkür, Rebellion zu erwecken vermögen gegen dich, gegen das wohltätige Prinzip, das du mit mütterlicher Liebe in seine Brust gepflanzt hast und nach dem er überzeugt sein muß, daß die Welt mit ihren Freuden, als da sind Bratfische, Hühnerknochen, Milchbrei &c. die beste sei und er das allerbeste in dieser Welt, da ihre Freuden nur für ihn und seinethalben geschaffen sind? — Aber — ein philosophischer Kater erkennt das, es ist tiefe Weisheit darin — jener trostlose ungeheure Jammer ist nur das Gegengewicht, das die zum Forttreiben in der Bedingung des Seins nötige Reaktion bewirkt und so ist derselbe (der Jammer nämlich) in dem Gedanken des ewigen Weltalls begründet! — Legt Haare auf, Katerjünglinge! und tröstet euch dann mit diesem philosophischen Erfahrungssatz eures gelehrten, scharfsinnigen Standesgenossen.
Es genügt zu sagen, daß ich nun manche Zeit hindurch ein frisches frohes Burschenleben führte auf den Dächern rings umher, in Kompagnie mit Muzius und andern kreuzbraven, biderben fidelen Jungen, weißen, gelben und bunten. Ich komme zu einer wichtigeren Begebenheit meines Lebens, die nicht ohne Folgen blieb.
Als ich nämlich einmal bei dem Anbruch der Nacht, im Schimmer des hellen Mondscheins, mit dem Bruder Muzius zu einer Kneiperei, die die Burschen angeordnet, gehen wollte, begegnete mir jener schwarz, grau, gelbe Verräter, der mir meine Miesmies geraubt. Wohl konnt es sein, daß ich bei dem Anblick des verhaßten Nebenbuhlers, dem ich noch dazu schändlicher Weise unterliegen müssen, etwas stutzte. Er ging indessen hart an mir vorbei, ohne mich zu grüßen, und es wollte mich bedünken als lächle er mich verhöhnend an, im Gefühl der Übermacht, die er über mich gewonnen. Ich dachte an die verlorne Miesmies, an die erhaltenen Prügel, das Blut kochte mir in den Adern! Muzius bemerkte meine Aufwallung und da ich ihm mitteilte, was ich bemerkt zu haben glaubte, so sprach er: Du hast recht, Bruder Murr. Der Kerl schnitt solch ein schiefes Gesicht und trat dabei so keck auf; am Ende wollte er dich wirklich tuschieren. — Nun das wollen wir bald erfahren. Irre ich nicht, so hat der bunte Philister hier in der Nähe eine neue Liebschaft angesponnen, er schleicht alle Abende hier auf diesem Dache umher.Warten wir ein wenig, vielleicht kommt der Monsieur bald zurück und da kann sich ja wohl das übrige bald finden.
In der Tat dauerte es nicht lange, so kam der Bunte wieder trotzig zurück und maß schon von weiten mich mit verächtlichen Blicken. Ich trat ihm herzhaft und keck entgegen, wir gingen so hart aneinander vorüber, daß unsere Schweife sich unsanft berührten: Sogleich blieb ich stehen; drehte mich um und sprach mit fester Stimme: Mau! — Er blieb ebenfalls stehen, drehte sich um und erwiderte trotzig: Mau! — Dann ging ein jeder seinen Weg.
„Das war Tusch, rief Muzius ganz zornig aus, ich werde den bunten trotzigen Kerl morgen koramieren.“
Muzius begab sich den andern Morgen zu ihm hin und fragte ihn in meinem Namen: ob er meinen Schweif berührt? Er ließ mir erwidern: er hätte meinen Schweif berührt. Darauf ich: habe er meinen Schweif berührt, so müsse ich das für Tusch nehmen. Darauf er: ich könne es nehmen wie ich wollte. Darauf ich: ich nehme es für Tusch. Darauf er: ich sei gar nicht im Stande zu beurteilen was Tusch sei. Darauf ich: ich wisse das sehr gut und besser als er. Darauf er: ich sei nicht der Mann dazu, daß er mich tuschieren solle. Darauf ich nochmals: ich nehme es aber für Tusch. Darauf er: ich sei ein dummer Junge. Darauf ich um mich in Avantage zu setzen: Wenn ich ein dummer Junge sei, so sei er ein niederträchtiger Spitz! — Dann kam die Ausforderung.
(Randglosse des Herausgebers.O Murr! mein Kater. Entweder hat sich der Ehrenpunkt seit Shakespeare's Zeit nicht geändert oder ich ertappe dich auf einer schriftstellerischen Lüge. Das heißt, auf einer Lüge, die dazu dienen soll, der Begebenheit, die du erzählst, mehr Glanz und Feuer zu geben! — Ist die Art, wie es zum Duell mit dem bunten Pensionär kam, nicht die rein ausgesprochene Parodie von Probsteins siebenmal zurückgeschobener Lüge in Wie es euch gefällt? Finde ich nicht in deinem angeblichen Duell-Prozeß die ganze Stufenleiter von dem höflichen Bescheid, dem feinen Stich, der groben Erwiderung, der beherzten Abfertigung, bis zum trotzigen Widerspruch, und kann es dich wohl einigermaßen retten, daß du anstatt mit der bedingten und offenbaren Lüge, mit ein paar Schimpfreden schließest? — Murr! mein Kater! Die Rezensenten werden über dich herfallen, aber bewiesen hast du doch wenigstens, daß du den Shakespeare mit Verstand und Nutzen gelesen, und das entschuldigt vieles.)
(Randglosse des Herausgebers.O Murr! mein Kater. Entweder hat sich der Ehrenpunkt seit Shakespeare's Zeit nicht geändert oder ich ertappe dich auf einer schriftstellerischen Lüge. Das heißt, auf einer Lüge, die dazu dienen soll, der Begebenheit, die du erzählst, mehr Glanz und Feuer zu geben! — Ist die Art, wie es zum Duell mit dem bunten Pensionär kam, nicht die rein ausgesprochene Parodie von Probsteins siebenmal zurückgeschobener Lüge in Wie es euch gefällt? Finde ich nicht in deinem angeblichen Duell-Prozeß die ganze Stufenleiter von dem höflichen Bescheid, dem feinen Stich, der groben Erwiderung, der beherzten Abfertigung, bis zum trotzigen Widerspruch, und kann es dich wohl einigermaßen retten, daß du anstatt mit der bedingten und offenbaren Lüge, mit ein paar Schimpfreden schließest? — Murr! mein Kater! Die Rezensenten werden über dich herfallen, aber bewiesen hast du doch wenigstens, daß du den Shakespeare mit Verstand und Nutzen gelesen, und das entschuldigt vieles.)
Aufrichtig gestanden, fuhr es mir doch etwas in die Glieder, alsich die Ausforderung erhielt, die auf den Kratz lautete. Ich dachtedaran,wie übel mich der bunte Verräter zugerichtet hatte, als von Eifersucht und Rache getrieben, ich ihnangriff, undwünschte wenigstens die Avantage, zu der mir Freund Muzius verholfen, hinweg. Muzius mochte gewahren, daß ich beim Lesen des blutfordernden Handbilletts erblaßte und überhaupt meine Seelenstimmung bemerken. „Bruder Murr, sprach er, mir scheint, als ob dir das erste Duell, das du bestehen sollst, etwas in die Glieder führe?“ — Keinen Anstand nahm ich dem Freunde mein ganzes Herz zu öffnen, ihm zu sagen, was meinen Mut erschütterte.
„O mein Bruder, sprach Muzius, o mein geliebter Bruder Murr! Du vergissest, daß damals, als der übermütige Frevler dich ausprügelte auf schnöde Weise, du noch ein blutjunger Neuling und kein wackrer, tüchtiger Bursche warst, wie jetzt. Auch war dein Kampf mit dem Bunten kein ordentliches Duell nach Regel und Recht, ja nicht einmal ein Rencontre zu nennen, sondern nichts weiter, als eine philistermäßige Balgerei, die unanständig ist für jeden Katzbursch. Merk' dir's, Bruder Murr, daß der auf unsre besondre Gaben neidische Mensch uns die Neigung vorwirft, uns auf ehrwidrige, beschimpfende Weise zu prügeln, und fällt unter seinem Geschlecht dergleichen vor, dies mit dem Schimpf- und Spottnamen: Katzbalgerei, bezeichnet. Schon darum wird und muß ein ordentlicher Kater, der Ehre im Leibe hat und auf gute Sitten hält, jedes böse Rencontre der Art vermeiden; er beschämt den Menschen, der unter gewissen Umständen sehr geneigtist, zuprügeln und geprügelt zu werden. — Also, geliebter Bruder, laß alle Furcht und Scheu fahren, bewahre dein tapfres Herz und sei überzeugt, daß du im ordentlichen Duell genugsame Rache für alle erfahrne Unbill nehmen und den bunten Gecken dermaßen zerkratzen kannst, daß er das dumme Liebeln und alberne Daherstolzieren wohl auf einige Zeit lassen wird. — Doch halt! — Eben will mich bedünken, daß nach dem, was zwischen euch vorgefallen, der Zweikampf auf den Kratz keinen genügenden Ausschlag geben kann, daß ihr euch vielmehr auf entscheidendere Weise, nämlich auf den Biß, schlagen müßt. — Wir wollen die Meinung der Burschen hören! —
Muzius trug in einer sehr wohlgesetzten Rede den Fall, der sich mit mir und dem Bunten ereignet, der Burschenversammlung vor. Alle stimmten dem Rednerbei, undich ließ daher dem Bunten durch Muzius sagen: ich nehme die Ausforderung zwar an, könnte undwürde bei der Schwere der erlittenen Beschimpfung mich aber nicht anders schlagen, als auf den Biß. Der Bunte wollte zwar Einwendungen machen, vorschützen, er habe stumpfe Zähne u. s. w.; da aber Muzius ihm nach seiner ernsten und festen Weise erklärte, daß hier nur durchaus von dem entscheidenderen Duell auf den Biß die Rede sein könne und daß, wenn er dies nicht eingehen wolle, er den niederträchtigen Spitz auf sich sitzen lassen müßte, entschloß er sich zu diesem Duell auf den Biß. — Die Nacht, in der der Zweikampf vor sich gehen sollte, kam heran. Ich stellte mich auf dem Dache des Hauses, das an der Grenze des Reviers lag, mit Muzius um die bestimmte Stunde ein. Auch mein Gegner kam bald mit einem stattlichen Kater, der beinahe bunter gefleckt war und noch viel trotzigere, keckere Züge im Antlitz trug, als er selbst. Er war, wie wir vermuten konnten, sein Sekundant; beide hatten verschiedene Feldzüge als Kameraden zusammen gemacht und befanden sich auch beide bei der Eroberung des Speichers, die dem Bunten den Orden des gebrannten Specks erwarb. Außerdem hatte sich, wie ich nachher erfuhr, auf des um- und vorsichtigen Muzius Anlaß, eine kleine, lichtgraue Katze eingefunden, die sich ganz außerordentlich auf Chirurgie verstehen und die schlimmsten, gefährlichsten Wunden zweckmäßig behandeln und in kurzer Zeit heilen sollte. — Es wurde noch verabredet, daß der Zweikampf in drei Sprüngen stattfinden und falls bei dem dritten Sprunge noch nichts Entscheidendes geschehen, weiter beschlossen werden sollte, ob das Duell in neuen Sprüngen fortzusetzen, oder die Sache als abgemacht anzusehen. Die Sekundanten maßen die Schritte aus, und wir setzten uns gegenüber in Positur. Der Sitte gemäß erhoben die Sekundanten ein Zetergeschrei und wir sprangen aufeinander los.
Im Augenblick hatte mein Gegner, indem ich ihn fassen wollte, mein rechtes Ohr gepackt, das er dermaßen zerbiß, daß ich wider Willen laut aufschrie. „Auseinander!“ rief Muzius. Der Bunte ließ ab, wir gingen in die Position zurück.
Neuer Zeter der Sekundanten, zweiter Sprung. Nun glaubte ich meinen Gegner besser zu fassen, aber der Verräter duckte sich und biß mir in die linke Pfote, daß das Blut in dicken Tropfen hervorquoll. — „Auseinander! rief Muzius zum zweitenmal. „Eigentlich ist nun die Sache ausgemacht,“ sprach der Sekundant meines Gegners sich zu mir wendend, daSie, meinBester, durch die bedeutende Wunde an der Pfotehors de combatgesetzt sind.“ Doch Zorn, tiefer Ingrimm ließen mich keinen Schmerz fühlen und ich entgegnete, daß es sich beidem dritten Sprunge finden würde, inwiefern es mir an Kraft gebräche und die Sache als abgemacht anzusehen. „Nun, sprach der Sekundant mit höhnischem Lachen, wenn Sie denn durchaus von der Pfote Ihres Ihnen überlegenen Gegners fallen wollen, so geschehe Ihr Wille! — Doch Muzius klopfte mir auf die Schultern und rief: Brav, brav mein Bruder Murr, ein echter Bursche achtet solch einen Ritz nicht! — Halte dich tapfer!