Ein improvisirtes Verlobungsfest.Humoreske.

Kopfvignette „Ein improvisirtes Verlobungsfest“Ein improvisirtes Verlobungsfest.Humoreske.

Kopfvignette „Ein improvisirtes Verlobungsfest“

Vor einem der belebtesten Cafés der Ringstraße sahen wir einen älteren, behäbig aussehenden Herrn seinen Mocca schlürfen, dann eifrig die Zeitungen durchstöbern, auch wohl die Passanten mustern. Auf hundert Schritt Entfernung glaubte man zu erkennen, daß er ein Ausländer sei, und doch ist Leopold Buchler ein gutes Wiener Kind, das noch in seinen alten Tagen von der Sehnsucht heimwärts getrieben wurde und die weite Reise unternommen, um seine Tage da zu beschließen, wo er sie begonnen, in seiner geliebten trauten Kaiserstadt, nach der es ihn, als er seine Geschäfte in Calcutta abgewickelt, wie mit Zauberbanden zurückzog. Da ist er nun heute nach zwanzigjähriger Abwesenheit zurückgekehrt, Alles ist ihm so fremd und neu, er hat noch keinen seiner alten Bekannten aufgesucht, doch späht er eifrig aus, ob ihm nicht ein günstiger Zufall den Einen oder den Andern entgegen führen würde. Wohl ist vielleicht Mancher, mit dem er sich einst gut Freund nannte, schon an ihm vorbeispaziert,doch vermochte er ihn nicht zu erkennen; in seiner Vorstellung sind sie Alle noch „flotte Bursche“, die da jetzt mit weißen oder ganz haarlosen Köpfen, in gebückter Haltung, sorgenvoll, gedankenschwer einhergehen; zwanzig Jahre sind in unserer leichtlebigen Welt, die die Menschen schneller altern, ihnen keine Zeit zur Ruhe und Erholung läßt, ein Zeitraum, der aus lebensfrischen Menschen müde Greise macht.

Leopold Buchler erkannte Niemanden, auch nicht den jetzt sinnend vor ihm stehen bleibenden breitschultrigen Mann, der dann einige Schritte vorwärts ging, sich alsbald umwandte und ihm dann derb einen Schlag auf die Schulter versetzte.

„Grüß Dich Gott, alter Freund!“ rief jener, der jetzt seiner Sache sicher zu sein schien; „was führt Dich wieder heim in unsere liebe Vaterstadt?“

„Roderich!“ rief Buchler jetzt, beide Arme ausbreitend und den Jugendfreund herzlich umarmend; „Dich, Dich habe ich nicht erkannt!“

„Dafür ich Dich auf den ersten Blick!“ rief jener, auf dessen gefurchtem, eingefallenem Gesicht jetzt Freude und Glück strahlte; „Du hast Dich aber auch prächtig conservirt!“ fuhr er, am Tische Platz nehmend, fort, „man sieht es Dir an, daß Du nur die Lichtseiten des Lebens kennen gelernt —“

„O Freund,“ unterbrach Buchler, „auch die Schattenseiten sind mir nicht verborgen geblieben!“

„Ich weiß,“ entgegnete Professor Detmold; „Du hast Deine gute Frau in der Blüthe der Jahre verloren. Wir sprachen gar oft von ihr und meine Anna weinte wie ein Kind, als die Nachricht von ihrem Tode einlief.“

„Sie war eine seltene Frau!“ sagte Buchler, eine Thräne im Auge zerdrückend; „Jahre sind darüber hingegangen, ehe ich —“

„Das kann ich Dir nachfühlen“, unterbrach ihn der Freund; „auch ich habe, seitdem ich meine Anna verloren, keine rechten Freuden genossen.“

„Anna todt!“ sagte Buchler mit aufrichtigem Mitgefühl. „Wann hat Dich das Unglück getroffen?“

„Vor fünf Jahren!“ entgegnete Detmold, den Blick zur Erde gewendet.

„Und hast Du nie daran gedacht, Deinem Witwerstand ein Ende zu machen?“ forschte Buchler.

Der Andere sah ihn groß und fragend an. Ein stummer Vorwurf schwebte auf seinen Lippen, doch er vermochte ihm in seinem Schmerz nicht Worte zu leihen. „Wer wäre würdig genug gewesen, den Platz einzunehmen, den Anna inne gehabt!“ sagte er nach einer Pause. Beide Männer schwiegen; Buchler wollte offenbar etwas entgegnen, doch er besann sich und, auf ein anderes Thema übergehend, suchte er den Freund zu erheitern; er erzählte ihm, wie er vor einem halben Jahre sein Geschäft verkauft, wie dann die Sehnsucht nach der Heimat in ihm mächtig geworden und er beschlossen, alle Verbindungen abzubrechen und sobald als möglich westwärts zu steuern; so sei er denn vor drei Monaten von Calcutta abgereist und nach mancherlei Unterbrechungen, Aufenthalt in Italien, der Schweiz und dem Salzkammergute gestern glücklich in seinem lieben Wien angelangt.

„Und Du denkst Dich hier dauernd niederzulassen?“ forschte der Freund.

„Ich suche soeben eine hübsche Stadtwohnung, von vier bis fünf Zimmern, die ich mir mit allem Comfort herzurichten gedenke!“

„Siehst Du, alter Knabe!“ rief Detmold hocherfreut, „das ist die gescheiteste Idee Deines Lebens! — Doch was willst Du mit einer so großen Wohnung?“ fuhr er nach einer Pause fort.

„Nun, nun,“ erwiderte jener sichtlich verlegen, „man mag doch nicht immer allein bleiben und dann erwarte ich“ — er hielt inne, da ihm ein Geständniß, das ihm schwer auf den Lippen schwebte, nicht so recht herunter wollte.

Doch Detmold schien dies kaum zu bemerken. „Hast auch Recht,“ nahm er das Wort, „daß Du Dir, nachdem Du auf eine gesegnete Thätigkeit zurückblicken kannst, das Leben angenehm machen willst!A propos!“ begann er nach kurzer Pause, während er mit Behagen seinen Mocca schlürfte, „da fällt mir ein, daß die Sectionsräthin Sturm in ihrem neu erbauten Hause am Ring eine prächtige Wohnung zu vergeben hat; sie bewohnt das Parterre, im zweiten Stock wohnt ein Börsianer, der erste Stock ist noch frei. Du kommst da gleich zu einem sehr angenehmen, geselligen Verkehr, die Räthin ist eine charmante, sehr gastfreie und unterhaltende Dame, die Töchter sind gebildete, überaus reizende Mädchen, in deren Umgang Du sicher —“

„Aber bester Freund, Du willst mir doch nicht gar eine Partie aufschwatzen?“

„Das will ich nicht, bei Gott!“ entgegnete Detmold ernsthaft; „weiß ich ja, daß Du Deine Marie nie vergessen wirst, und wenn schon die Räthin nach einem reichen Freier für ihre älteste Tochter ausspäht, lag mir eine solche Combinationfern. Mich leitete nur der Gedanke, Dir, der Du hier fremd bist, ein gastliches Haus zu eröffnen —“

„Ich verstehe,“ unterbrach ihn Buchler, „und bin Dir dankbar für Deine Fürsorge. Wollen wir mit einander die Wohnung anschauen?“

„Du hast heute ganz über mich zu verfügen, alter Freund!“ entgegnete Detmold.

Gar bald standen die beiden Männer vor einem großen stattlichen Hause.

„Frau Räthin zu sprechen?“ fragte Detmold den Portier.

„Die Gnädige muß jeden Augenblick zurückkehren!“ entgegnete Jean.

„So nehmen wir einstweilen die Wohnung in Augenschein!“ sagte Detmold, die Treppe hinaufgehend. Kaum hatten die beiden Männer die Runde durch die mit allem Comfort eingerichteten Räume gemacht, als man unten einen Wagen vorfahren hörte.

„Unsere Frau Wirthin!“ sagte Detmold, der an’s Fenster getreten war, „willst Du mit ihr sprechen?“

Doch ehe dieser noch zu einem Entschluß kommen konnte, stand schon ein Diener vor ihnen, der die Herren bat, in den Salon der Frau Räthin hinunter zu kommen.

„Bist Du hier Hausfreund?“ neckte Buchler; „Madame ist ja sehr pressirt, Dich zu empfangen?“

„Oder richtiger, ihre Wohnung zu vermiethen! Der Portier hat ihr vermuthlich gesagt, daß ich mit einem Fremden hinaufgegangen.“

„Mein lieber, werther Professor, wie lange haben wir Sie nicht gesehen!“ erscholl es, als sie noch kaum den Salonbetreten, aus dem Munde einer kleinen, runden Frau, der Detmold alsbald seinen Freund Buchler aus Calcutta mit dem Zusatze: „Millionär außer Dienst!“ vorstellte.

Die Räthin machte eine augenscheinlich tiefere Verbeugung, als sie eigentlich beabsichtigt, der „Millionär“ schien ihr gewaltig zu imponiren. Mit überaus gewinnender Liebenswürdigkeit lud sie ihn ein, neben sich auf dem Divan Platz zu nehmen und hatte gar bald mit der klugen Frauen eigenen Unterhaltungsgabe erkundet, was sie wissen wollte. Buchler war enorm reich, fünfundvierzig Jahre, wollte sich hier niederlassen, eine Wohnung mit allem Comfort einrichten, das Leben genießen! Er war noch ein hübscher, ansehnlicher Mann, mit dem selbst ein achtzehnjähriges Mädchen, so meinte sie, hätte glücklich sein können. Gar schnell war in dem Köpfchen der klugen Frau ein Plan gereift; ihre Camilla war 24 Jahre alt, aus der Verbindung mit dem mittel- und stellunglosen Doctor Richard könnte nichts werden, der Millionär, den ihr der Zufall in’s Haus geschneit hatte, mußte mit allen Mitteln der Coquetterie und Liebenswürdigkeit derart gefesselt werden, daß er, mochte er Heiratspläne haben, oder nicht, um Camilla werben mußte.

Dem arglosen Buchler sagte die sympathische unterhaltende Dame sehr zu; er fragte kaum nach dem Preis der Wohnung und erklärte, daß, obgleich er gern noch ein Fremdenzimmer eingerichtet hätte, er doch der angenehmen Geselligkeit wegen, die ihm Madame in Aussicht gestellt, auf eine größere Wohnung verzichten und diese miethen werde. Die Räthin war überselig; das war ihr in ihrer jahrelangen Praxis als Hausherrin noch nicht vorgekommen, ein Miether, der nicht einmal nach dem Preise fragte!

„Er muß ein Nabob sein!“ sagte sie, nachdem die Herren gegangen, zu ihren Töchtern, die im Nebenzimmer die Unterhaltung mit angehört hatten, „wir können uns Professor Detmold zu aufrichtigstem Danke verpflichtet halten, daß er uns diese Bekanntschaft vermittelt.“ „Beste Mama,“ entgegnete Camilla, ein hübsches blondlockiges Mädchen, dem Freude und Lebenslust aus den Augen schauten, „wenn Du doch nur den alten, langweiligen Professor —“

„Thörin,“ unterbrach sie die jetzt völlig metamorphosirte Mutter, deren Blick ernst und finster geworden war, „Du könntest leicht Frau Professor sein, wenn Du es verstanden hättest, Deine Vorzüge zur Geltung zu bringen.“

„Soll ich dies vielleicht, da ich es bei Detmold unterließ, bei dem indischen Nabob versuchen?“ fragte Camilla schelmisch lächelnd.

Die Räthin schien den Spott nicht herauszuhören. „Gut, daß Du endlich einmal zur Vernunft kommst, Mädchen,“ sagte sie, dicht zu ihr heran rückend. „Ich will Dir all’ Deine bisherigen Unklugheiten verzeihen, wenn Du mir in diesem Punkte zu folgen versprichst!“

„Also, was soll ich thun, Mütterchen, um Deine Zufriedenheit zu erwerben?“ fragte Camilla, sich zum Ernste zwingend. „Mon Dieu,“ entgegnet die Räthin nach Worten suchend, „soll ich denn einem Mädchen von vierundzwanzig Jahren Vorschriften geben, wie sie sich benehmen soll, um ihre Zukunft zu sichern? Mr. Buchler wird unser Hausgenosse sein, wir werden selbstverständlich Gelegenheit haben, ihn öfter zu sehen, ihm bei seiner Einrichtung und Wirthschaftsführung an die Hand zu gehen, Du wirst Dich ihm als praktische Haustochter unentbehrlich machen, unser Freund Detmold ist seinIntimus, selbstverständlich wird das ‚Motto‘ gelten: ‚Les amis de mes amis sont aussi mes amis‘!“

„Und weiter nichts alsamis?“ spottete das übermüthige Mädchen. „Gut, Mama, auf diesen Vorschlag will ich eingehen; ich werde den alten indischen Nabob mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu umstricken suchen, verspreche Dir, ihm sogar, und wenn er uns täglich besuchen sollte, etwas vorzulesen, vorzusingen, vorzuspielen, vorzuweinen —“

„Du bist und bleibst eine Närrin!“ unterbrach sie die Räthin unwillig. „Doch ich erkläre Dir fest und entschieden, Camilla, daß, wenn Du all’ meine Pläne consequent kreuzen wirst, ich Dr. Richard von heute an den Verkehr in unserem Hause untersage.“

Das schöne Mädchen wurde nachdenklich.

„Aber Mutterlieb“, begann sie, ihre Arme um den Hals der kleinen Frau schlingend, „was hat Dir denn Adalmar gethan? Ist er nicht der beste Gesellschafter, der aufrichtigste Freund?“

„Und die aussichtsloseste Partie, die Du nur anstreben kannst!“ entgegnete die Mutter.

„Strebe ich denn eine Partie an?“ fragte Camilla verwundert.

„Das ist ja eben Dein strafbarer Leichtsinn, daß Du es nicht thust! Ein Mädchen in Deinen Jahren, ohne Vermögen, ohne Versorgung, hat die Pflicht —“

„Aber Pardon, beste Mama, sich doch nicht etwa einem alten, abgelebten Manne als Krankenpflegerin zu opfern?“

„Du kannst mich mit Deinen albernen Ansichten bis zur Verzweiflung bringen!“ entgegnete die Räthin mit dem Fuße stampfend; man sah jetzt, wie die noch eben im Verkehr mitden beiden Herren so äußerst einnehmende Frau bitterbös sein konnte, so daß sich ihre Züge bis zur Unkenntlichkeit entstellten. Schmollend verließ sie das Zimmer. Kaum war die Thür hinter ihr in’s Schloß gefallen, als Camilla ein Bild aus ihrem Notizbuch hervor nahm, und es, indem ihre Augen sich mit Thränen füllten, herzlich küßte. „Mein Adalmar, Dein auf ewig!“ flüsterte sie, „und wenn zehn indische Nabobs mir ihre Schätze zu Füßen legen wollten!“


Back to IndexNext