III.

III.

Niemandem konnte die Abreise Berthold’s gelegener sein als dem reichen Banquier Jacob Stern. Es war bei ihm zur fixen Idee geworden, er müsse die schöne Susi sein eigen nennen, gelte es Spionage, List, ja selbst Verleumdung. Mit lebhaftem Interesse horchte er auf, als ihm kurz nach Caspari’s Abreise ein Geschäftsfreund von der Börse erzählte, er habe Frau und Tochter nach Ostende begleitet und sei eigentlich unruhig, die Frauen dort allein gelassen zu haben, da Dr. Caspari, der im selben Hause mit Ihnen wohne, der Tochter zu viel Aufmerksamkeit schenke und es nicht in seinem Sinne liege, sie dort eine Liaison anknüpfen zu lassen. Stern wußte sehr wohl, wohin Banquier Eden zielte; er war zu klug, um sich in dieser Weise zur Eifersucht reizen zu lassen, zudem mißfiel ihm Fräulein Eden und gern hätte er Dr. Caspari das Glück gegönnt, von ihr begünstigt zu werden; doch die Mittheilung ließ sich verwerthen; sie sollte ihm gute Früchte tragen.

Die Commissionsräthin Blum, Stern’s Schwester, hatte für den folgenden Abend ein Soupée veranstaltet und zudemselben auch die Cahen’sche Familie geladen. Obgleich Susi bat und flehte, zu Hause bleiben zu dürfen, bestand doch die Mutter darauf, man müsse der Einladung Folge leisten; der Vater wünsche es, da ihm der geschäftliche Einfluß Blum’s gerade jetzt von großem Nutzen sei. — Susi erschien im einfach weißen Cachemirkleide, doch wandten sich bald Aller Blicke ihr zu, da sie, von Banquier Stern geführt, in den Saal trat. Ihre auffallende Blässe wich einer flammenden Röthe, als er ihr beim Eintritte den Arm reichte; wohl bemerkte er diesen Wechsel, doch hielt er ihn für ein günstiges Zeichen. So sehr sich Susi bemühte, in den Kreis der Damen zu gelangen, wich doch ihr Begleiter nicht von ihrer Seite. Bald hatte er sie in eine Unterhaltung mit Eden verwickelt, ihn geschickt auf Dr. Caspari zu sprechen gebracht. Eden wagte sogar heute noch hinzuzusetzen, daß seine Frau ihm geschrieben, es errege Aufsehen, daß Dr. Caspari so viel in Gesellschaft ihrer Lucie sei, doch hoffe sie, die Tochter werde genug Tact haben, um unangenehme Freier abzuweisen.

Susi glaubte, der Boden unter ihren Füßen beginne zu wanken, doch faßte sie sich; als aber Eden gar hinzusetzte, man habe ihm Dr. Caspari schon vor einigen Wochen, als Lucie noch hier weilte, für seine Tochter angetragen, es sei ihm nur zu viel, die schwere klingende Mitgift von 50.000 Gulden einem unerfahrenen Advocaten zu geben — Caspari sei sicher nachgereist, um dort die Angelegenheit zu betreiben, da schien eine Saite in ihrem Herzen zu springen, die ohnehin scharf genug gespannt war. Sie biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten, und ging unter dem Vorwande heftiges Nasenbluten zu haben, in’s Nebenzimmer. Erschöpft sank sie hier auf ein Canapé. Ihr Gefühl war zu starkerregt, als daß der Verstand unbefangen hätte urtheilen können. Sie kannte Lucie Eden, jene eingebildete, oberflächliche Erscheinung; ihretwegen — sollte Berthold eine Reise unternommen haben! Sie konnte es nicht glauben! Und doch! fragte sie sich. Warum war die Reise so geheim gehalten worden? Sie hatte Marie Caspari bis zu jenem Tage stets gesehen; warum hatte ihr diese keine Mittheilung gemacht? Susi’s klares Denken verwirrte sich, ihr Kopf brannte; wohl wiederholte sie sich trotz aller Erregung, daß Lucie keine Frau nach Berthold’s Wahl sein könne; wie hatte er selbst stets das eitle Haschen nach Mode-Effecten, wie es in Lucie verkörpert war, getadelt, doch sie hielt sich wieder so und so viele Beispiele vor, in denen Männer von ähnlicher Bedeutung und geistigem Werthe hoffärtige Puppen zu Frauen genommen, die sie weder verstehen, noch für irgend welches Ideal begeistern konnten.

„Es ist der Lauf der Welt!“ sagte sie endlich mit tiefem Seufzer, aber kopfschüttelnd setzte sie hinzu: „Daß auch er“ —

Die Thüre wurde leise geöffnet. Jacob Stern kam, um sich zu erkundigen, ob das Nasenbluten gestillt sei. Susi bejahte, doch gab sie vor, einen so heftigen Kopfschmerz zu haben, daß sie nach Hause fahren müsse. Er reichte ihr ein Riechflacon, erlaubte sich sogar, ihre Stirn mit dem Inhalt zu befeuchten, doch, wie von der Tarantel gestochen, schnellte Susi hoch, als diese Hand sie berührte. Stern ging die Mutter zu rufen, ließ seine Equipage anspannen und begleitete selbst die Damen heim. Wohl hörte Susi, wie die Mutter ihn beim Aussteigen bat, seinen Besuch bald zu wiederholen — ihr war jetzt Alles gleich — sie fühlte eineLeere in ihrem Herzen, als ob weder Schmerz, noch Freude je da gewohnt hätten.

Nach einer schlaflos durchwachten Nacht stand sie früh auf, um einen Morgenspaziergang zu machen. Unwillkürlich lenkte sie ihre Schritte nach jenem Park, in dem sie so oft an seiner Seite gewandelt. Marie hatte dort allmorgentlich Molken getrunken, der Bruder sie fast stets begleitet, und auch Susi war, so oft es ihre Zeit gestattete, von der Gesellschaft gewesen. Mit stillem Seufzer gedachte sie jener schönen Morgenspaziergänge voll Poesie und Waldesduft! O, wie hatte sie sonst ihre Schritte beeilt, wenn sie der beiden Geschwister ansichtig wurde! Heute schlich sie gebeugt und matt dahin. Doch Halt! Kam dort nicht Marie des Weges herauf? Ja, sie war es! Ich muß sie sprechen! rief es in ihr. Sie wird mir die Wahrheit sagen! — Bald lagen die Freundinnen in stummer Umarmung Brust an Brust. „Wie konntest Du Deiner Mutter solch ein Versprechen geben?“ fragte endlich Marie. „Du weißt, was wir Alle dadurch verlieren.“

„Ihr Alle?“ fragte Susi ungläubig. „Doch sage mir,“ setzte sie eifrig hinzu, „zu welchem Zwecke ist Dein Bruder in Ostende? Man spricht hier —“

„O, laß Dich das Gerede der Leute nichts kümmern, Susi —“ unterbrach die Freundin ahnungslos; „Du weißt, die Menschen wollen immer Alles deuten und mischen sich oft mit wahrer Unverschämtheit in die geheimsten Angelegenheiten.“

Susi blieb stumm; „Also doch! Aber warum sprachet Ihr nie von dieser Reise?“ fragte sie, sich fassend.

„Der Entschluß muß Berthold sehr plötzlich gekommen sein; ich glaubte zu wissen, was den Entschluß in ihm hervorrief— doch, gute Susi —“ fügte sie theilnehmend hinzu — „laß mich Dir das Herz nicht schwer machen! Ich verstehe und billige Deine Handlungsweise und erkläre mir dadurch die seinige. Glaube mir — es ist besser so, er mußte fort!“

So klar und unzweideutig Marie sprach, so legte doch Susi jedem ihrer Worte eine andere Beziehung unter. „Es ist gut, daß unsere Wegen sich trennen!“ sagte sie schmerzhaft.

„Aber, daß ich dadurch die treueste, beste Freundin verliere!“ entgegnete Marie klagend.

„Meine Stelle ist in Deinem Herzen zu ersetzen, doch“ — sie vollendete nicht. „Leb wohl, Marie,“ fügte sie schnell hinzu und ging eiligen Schrittes davon.

„Sie schluchzte!“ sagte Marie; „soll ich ihr nacheilen?“ Doch schon war Susi in einen Seitenweg eingebogen, Marie sah noch, wie sie schnell einen Fiaker bestieg und davon fuhr.

„Also doch!“ rief Susi in wildestem Schmerze. „Aus ihrem Munde mußte mir die Bestätigung des Unglaublichen werden. Er mußte fort! Es ist besser so!“ Das waren ihre Worte. — „Was kann da gut, was besser sein?“ sprach sie in sich gekehrt. „Berthold Caspari kann nie ein Verständniß für Luciens Lebensansichten gewinnen, sie nie seine reich angelegte Natur, seine edle Denkweise verstehen.“ Kopfschüttelnd setzte sie hinzu: „Wie konnte er sich vom edlen Mammon blenden lassen! Er ist so bedürfnißlos für sich, verachtet alles äußere Gepränge, selbst der Comfort des Lebens ist ihm nur Last! —“

Der Wagen hielt vor der großen Eiche, einem einsamen entfernten Orte. Lucie stieg aus; sie athmete erleichtert auf.Hier war sie allein. Sie ließ sich auf eine Bank nieder und starrte dumpf vor sich hin. „Ach, wenn ich nur weinen könnte!“ rief sie endlich verzweiflungsvoll. „Welche Wohlthat liegt noch in dem herben Schmerze, am Grabe des Geliebten niederknieen, es mit Blumen schmücken, sich seinem unsterblichen Herzen vereint fühlen zu können! Aber allein, unverstanden, verschmäht zurückbleiben zu müssen, wo man so begeistert liebte, sich im Höchsten und Edelsten Eines glaubte! Ihn, in den Armen einer —“

Sie vollendete nicht. Mit wildem Aufschrei sank sie zusammen und jetzt endlich löste sich der wilde Schmerz in erleichternde Thränen. Sie dachte nichts, sie fühlte nichts — sie wußte nur, daß sie unbeschreiblich elend war. Als sie endlich aufstand, war es ihr, als habe sie eine schwere Krankheit überstanden.

Drüben leuchtete die Sonne so golden; in ihrem Herzen war es tief schwarze Nacht. Ein leiser Wind bewegte die hohe Eiche; sie stand fest, noch fiel keines ihrer Blätter zu Boden, während die umherstehenden Linden und Erlen massenhaft gelbes Laub zur Erde sandten.

„So fest wie die Eiche!“ rief es in ihr, „keine Schwäche! Wie oft hat er Dir von Standhaftigkeit im Leiden, von —,“ sie hielt inne.

„Er und wieder er!“ rief sie, sich selbst anklagend. „Bin ich denn ein so elend schwaches Weib, daß ich gar keine Herrschaft über mich habe?“ setzte sie in heftiger Selbstanklage hinzu.

Plötzlich stand sie auf. Sie schien größer, kräftiger geworden, obgleich ihrem Gesichte jede Farbe fehlte. „Ich will und muß ihn vergessen,“ sagte sie energisch. Festen Schrittesging sie heim. Wer hätte ihrem noch eben so geknickten Gemüthe diese plötzlich durchbrechende Energie zugetraut! — Ich will!Diesesmächtige Zauberwort gab ihr Kraft, sich, ihr Glück und ihre Zukunftsträume zu vergessen.

Sie hatte einen einstündigen Marsch gemacht, als sie wieder am Elternhause anlangte. Die Susi, die jetzt das stattliche mit einem Garten umgebene Haus betrat, war nicht mehr das stolze, für alles Edle und Hohe mit Begeisterung erfüllte Mädchen, in dessen Herzen eine ideale Leidenschaft geglüht; die Flamme war jäh erloschen; die demuthsvolle Tochter kehrte zurück, die sich bemühen wollte, all ihr Glück in der Erfüllung ihrer Kindespflichten zu finden.


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