IV.
Die Gesellschaftszimmer in der Buchler’schen Wohnung waren glänzend erleuchtet. Der Hausherr hatte all’ seine Bekannten und Freunde eingeladen, Frau Räthin Sturm die ihrigen; auch Camilla’s Freundinnen waren zahlreich vertreten, sie selbst erschien an der Seite ihrer Mutter in herrlichem Schmuck; eine rosa Seidenrobe, reich mit Rosen und Maiglöckchen garnirt, umgab die anmuthige Erscheinung; für Jeden hatte sie ein bezauberndes Lächeln, für Buchler einen herzlichen Händedruck; leise flüsterte sie ihm etwas in’s Ohr, worauf er in’s anstoßende Zimmer hindeutete. Der Räthin Blick folgte seiner Handbewegung, doch kaum glaubte sie sich halten zu können, als sie dort Dr. Richard, dem sie schon seit vier Wochen jeden Verkehr mit Camilla untersagte, stehensah und gewahrte, wie er der Tochter soeben eine Kußhand sandte.
„Aber, bester Buchler,“ sagte sie, sich fassend, „wie konnten Sie Dr. Richard einladen?“
„Das wird Ihnen, verehrte Räthin, meine liebe, kleine Frau sogleich erzählen!“
Dies sagend, nahm er die vermeintliche Nichte, eine blühend hübsche Frau von ungefähr fünfunddreißig Jahren, an der Hand und sie der Räthin zuführend, fuhr er lebhaft fort: „Erlauben Sie, daß ich Ihnen zunächst meine Frau —“
„O, machen Sie keinen Scherz, spielen Sie keine Comödie!“ unterbrach ihn unwillig die Räthin.
„Mein Mann hat sich in der That einen kleinen Scherz erlaubt,“ nahm Frau Anna das Wort, „um —“
„Ihr Mann? Ihr Mann?“ unterbrach dunkelroth vor Zorn die Räthin.
„Herr Buchler, haben Sie es gewagt, meine Tochter in Verruf zu bringen, so —“
Sie ballte, aller Etiquette vergessend, drohend die schönen Händchen, die Worte versagten ihr, doch beherrschte sie sich, um Niemandem ahnen zu lassen, daß sie vor Wuth und Weh hätte aufschreien mögen.
Frau Anna, die offenbar Mitleid mit der dupirten Frau hatte, nahm ihren Arm und führte sie mit den Worten: „Ich werde Ihnen über Alles Aufklärung geben!“ in’s Nebenzimmer.
„Ah, Herr Professor!“ sagte sie, als sie anscheinend unvermuthet da den Dr. Richard gewahrte, „macht Ihre neue Würde Sie so stolz, daß Sie sich ganz von der Gesellschaft zurückziehen?“
Die Räthin horchte überrascht auf und Frau Anna, bemerkend, daß sie Ihren Zweck erreicht, fügte zu ihr gewendet hinzu: „Herr Professor Richard denkt in acht Tagen seine neue Stellung in Prag anzutreten!“
„Was höre ich?“ rief die Räthin, die mit einem Blick die Situation erkannt und beschlossen hatte, aus ihr den bestmöglichen Nutzen zu ziehen, „Sie sind zum Professor ernannt und lassen uns davon nichts wissen?“ fragte sie halb vorwurfsvoll, halb beleidigt.
„Sie vergessen, Frau Räthin,“ sagte der junge Mann würdevoll, „daß Sie mir seit Kurzem den Verkehr in Ihrem Hause untersagt haben und daß —“
„Aber mein bester Professor,“ unterbrach ihn die Räthin, ihr liebenswürdigstes Lächeln auf ihre Wangen zaubernd, „was ist eine Mutter nicht verpflichtet zu thun, wo es gilt, Ruf und Zukunft ihres Kindes zu wahren?“
„So würden Sie,“ sagte der junge Mann, die dargebotene Hand ergreifend, „dem Professor gestatten, was Sie dem stellenlosen Aspiranten versagten?“
Die arme Frau schien einen harten Kampf mit sich zu kämpfen, doch nur einen Augenblick. Die Gäste waren geladen, die Verlobung Camilla’s inscenirt, Buchler war bereits verheiratet — was blieb ihr übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen?
„Mein sehnlichster Wunsch ist,“ sagte sie mit Würde, „meine Camilla glücklich zu sehen; wenn Sie ihr, woran ich jetzt nicht zweifle, eine gesicherte Zukunft bieten können —“
„Das kann er,“ unterbrach jetzt Buchler, der hinter der Portiere Alles gehört; „ich übernehme die Garantie, daßunser Freund in zwei Jahren ordentlicher Professor ist, und bis dahin reichen, wie ich sicher weiß, seine —“
„Meine Camilla,“ unterbrach die Räthin selbstbewußt, „ist ja auch nicht mittellos, und wenn sie Sie gern hat, so —“
„Fräulein Camilla, Fräulein Camilla!“ rief jetzt Buchler in den Saal hinein, „kommen S’ mal schnell her und sagen S’ mal, ob Sie den da gern haben?“
Die Aufmerksamkeit aller Anwesenden war mit einem Male auf das kleine Cabinet gerichtet, auf das Camilla jetzt schnell zueilte.
„Ob ich ihn gern habe?“ rief sie, in Adalmar’s geöffnete Arme eilend und seine leidenschaftlichen Küsse herzlich erwidernd. Die Räthin zerdrückte ein Paar Thränen, man wußte nicht ob vor Rührung oder Wuth, sich so mystificirt zu sehen, Buchler umarmte seine Frau und stellte sie jetzt in aller Form den Anwesenden als die Herrin des Hauses vor. Professor Detmold ging still bei Seite und murmelte sich etwas von Treulosigkeit und Undankbarkeit in den grauen Bart, Frau Lorenz, die heute die denkbar schönsten Schmachtlöckchen gedreht und ihre großblumige Seidenrobe angelegt hatte, bekam plötzlich einen Weinkrampf und mußte auf ihr Zimmer geführt werden, doch all das hinderte nicht das Glück des jungen Paares, das jetzt herzlichst von allen Seiten beglückwünscht wurde.
„Nein, diese Ueberraschung!“ hieß es allerseits, „wir waren auf ganz etwas Anders gefaßt!“ „Ich weiß, ich weiß,“ sagte die Räthin halblaut, „doch konnten Sie im Ernst denken, daß ich Camilla’s Jugend- und Lebenslust den Launen eines alten, abgelebten Mannes opfern würde? Zudem,“ setzte sie stolz hinzu, „wußten wir ja längst, daß er verheiratet sei; wie hätte ich sonst meiner Tochter gestattet, so intim mit ihm zu verkehren!“
„Sehen Sie, gute Räthin,“ sagte eine alte Klatschschwester, „wie man Sie da ungerecht beschuldigt hat! Jedermann glaubte, man wußte selbst nicht, wer das Gerücht ausgesprengt, Camilla sei die Braut des —“
„Ha, ha, ha,“ lachte die Räthin anscheinend belustigt, „meine Tochter ist seit zwei Jahren mit Professor Richard versprochen, und wenn ich mir selbst hie und da eine kleine Mystification erlaubt, so geschah es nur, weil mich das Gerede belustigte, das sich, seitdem Herr Buchler zu uns gezogen, überall entsponnen.“
„Sind Sie mir böse?“ fragte der Hausherr die Räthin, als er eben erspäht hatte, wie sie allein in einer Fensternische stand.
„Ich schätze Sie zu hoch,“ entgegnete die kluge Frau, „um etwas an Ihrer Handlungsweise tadeln zu können, bin ich doch sicher, daß Adalmar nur Ihnen seine Berufung —“
„Pardon, wenn ich Sie unterbreche, Adalmar ist ein so kenntnißreicher talentirter junger Mann, daß, wie mir Professor Wenzel schreibt, er auch ohne jegliche Protection reussirt hätte!“
„Darüber habe ich nun so meine eigenen Gedanken!“ sagte mit abwehrender Bewegung die kleine Frau, „doch wie dem auch sei — Adalmar ist heute in einer Stellung, daß ich ihm gern meine Tochter zur Frau gebe, und Sie, Sie haben uns eine so herrliche, liebenswürdige Dame als Ihre Gattin vorgestellt, daß ich Sie nur bitten kann, unsere früheren freundschaftlichen Beziehungen aufrecht zu erhalten.“
„An Ihnen ist ein Diplomat verloren gegangen, liebe Räthin,“ sagte Buchler, der wohl erkannte, wie schwer es der Räthin wurde, gegen ihn in dieser Weise liebenswürdig zusein, „aber auch meine Anna ist eine Diplomatin, und daß ich es Ihnen nur offen gestehe, sie ist die eigentliche Urheberin des ganzen Planes; als ich ihr mittheilte, wie sehr mich Ihre Camilla interessirt, wie sie unglücklich liebt und von dem Manne ihrer Wahl getrennt werden soll, da war sie es, die mir die Idee eingab, den jungen Leuten hilfreich zu sein, und, schrieb sie damals, wenn Du meine volle Anerkennung erringen willst, so manövrirst Du so, daß das Fest, das Du bei meinem Eintreffen geben willst, gleicher Zeit Camilla’s Verlobungsfest ist.“
„Nicht der gewandteste Regisseur,“ entgegnete die Räthin, „hätte das Stück besser in Scene setzen können — nur, lieber Herr Buchler, einen kleinen Vorwurf kann ich Ihnen nicht ersparen: Warum haben Sie mich nicht ein bischen hinter die Coulissen gucken lassen?“
„Ich habe strengstes Amtsgeheimniß gelobt!“ entgegnete Buchler, „und war für den Erfolg des Stückes meinem in Innsbruck weilenden Oberregisseur verantwortlich.“ Er schaute sich im Saal um, um seinen Oberregisseur zu suchen, doch dieser schien verschwunden. „Wo ist meine Anna?“ fragte er Professor Richard, „ich sah sie zuletzt mit Ihnen sprechen?“
„Man hat sie eben zu Frau Lorenz gerufen, die sie in wichtiger Angelegenheit zu sprechen verlangte!“
Eilig durchschritt Buchler mehrere Räume und war endlich am Zimmer der Haushälterin, deren Schluchzen er schon von fern hörte, angelangt.
„Sagen Sie mir, Sie selbst,“ bat sie mit geschlungenen Händen seine Gattin, „ob es denn wahr ist, wahr sein kann, daß Sie — Sie seine Nichte — nun mit einem Male seine Gattin sein sollen?“
„Und was kann Sie denn dabei, meine liebe Frau Lorenz, in eine solche Aufregung versetzen?“
„Ach mein Gott, mein Gott!“ rief die arme Frau, „unser Einer hat doch auch ein Herz, und der gnädige Herr war stets so gut mit mir, und dann sprach er von einem Verlobungsfest, ich solle mich nur recht schön machen, damit er Ehre einlegen könne, er wolle mich zuvor schon all seinen Verwandten vorstellen, und dann kamen Sie, gnädige Frau, und er sagte: Siehst Du, liebe Nichte, das ist meine liebe Lorenz, die so brav für mich gesorgt hat, daß —“ Thränen erstickten ihre Stimme.
„Nun ja, meine liebe Lorenz,“ sagte der Hausherr jetzt hervortretend, „haben Sie bisher brav für mich gesorgt, so will ich auch ferner brav für Sie sorgen; daß indeß Ihr liebebedürftiges Herz meiner Frau Concurrenz machen wollte, geht doch nicht! Wenn Sie mir sagen wollen, auf wen Ihre schönen, schwarzen Augen sonst einen Eindruck gemacht —“
„Jetzt führen Sie nun schon wieder so gottlose Reden!“ unterbrach ihn unwillig Frau Lorenz; „da haben Sie mir so lange von meinen schönen, schwarzen Augen gesprochen, bis ich dumm genug war, daran zu glauben, daß, daß —“ sie schluchzte wiederum so heftig, daß Frau Anna jetzt ihrem Gatten ernstliche Vorwürfe machte, ein, wie sie in gut angenommenem Ernst sagte, so frevles Spiel mit den heiligsten Empfindungen des Frauenherzens getrieben zu haben.
Frau Anna schien sich prächtig auf das Gardinenpredigen zu verstehen, so prächtig, daß selbst der grollenden Schönen, die Alles für baare Münze nahm, es nun genug des grausamen Ernstes schien und sie selbst der von sittlicher Entrüstung erfüllten Gattin in’s Wort fiel und umSchonung für Denjenigen bat, dem sie ungeachtet der bitteren Enttäuschung doch nicht ernstlich gram sein konnte.
Die beiden Gatten kehrten, nachdem die Lorenz sich endlich in ihr Unglück zu finden schien, in den Salon zurück wo man eben im Begriffe war, zu Tisch zu gehen.
Das glückliche Brautpaar saß obenan, die Räthin nahm ihm zur rechten, das Buchler’sche Ehepaar zur linken Seite Platz. Professor Detmold war verschwunden. Man toastirte, aß, trank und war in heiterster Stimmung. Professor Richard war die Hauptperson des Abends; man beglückwünschte ihn nicht nur zu der schönen Braut, die ihm ja, wie Alle nun trotz aller gegentheiligen Annahmen sehr wohl wußten, längst verlobt war, mehr noch zu der so schnell erlangten Professur, die seine Zukunft zu einer so glänzenden gestaltete. Die Frau Professorinin speleuchtete vor Wonne und Seligkeit, und als die Champagnerkorke knallten und Alles in Lust und heiterer Laune aufjubelte, umarmte sie die auf ihr dereinstiges Familienglück toastirende Mrs. Buchler, und als deren Gatte nun auch sein Theil begehrte, sich als den eigentlichen Anstifter des heutigen Festes gerirend, da hatte auch er einen herzlichen Kuß weg, ehe er recht wußte, wie ihm geschah.
Dem so sonderbar improvisirten Verlobungsfeste folgte einige Monate hernach ein von der Räthin ganz nach strengstem Hofceremoniell inscenirtes Hochzeitsfest.
„Mein Schwiegersohn, der Herr Professor!“ war bei ihr stehende Redensart geworden; er war jetzt der vorzüglichste, tüchtigste, strebsamste Mensch, und so oft sie Camilla an seiner Seite sah, intonirte sie die schon ehedem angewandte Redensart: „Ist sie nicht ein rechtes Glückskind?“
Schlussvignette „Ein improvisirtes Verlobungsfest“