IX.
In der fünften Stunde erhielt Dr. Caspari einen Brief von Stern’s Hand. „Gewiß eine Einladung zu heute Abend!“ sagte er erfreut, doch starr und bleich wurden seine Züge, als er den Brief durchflogen:
„Du einzig wahrer Freund! Ich muß in Deine Hände ein schauerliches Vermächtniß legen; beklage mich und erfülle meinen letzten Willen; stehe meiner Susi, meinem Kinde zur Seite, wenn ich nicht mehr bin. Du als Advocat hast Einblick in die Strousfeld’schen Acten; meine Gebahrung erscheint strafbarer als sie ist; hätte jener Elende nicht mein Geschäftsgeheimniß verrathen, ich hätte Alles zum Guten wenden können; jetzt ist es leider unmöglich. Trachte, daß Susi mit dem Kinde die Residenz meidet; der Arzt hat ihr ohnehin ein Seebad verordnet; sie wird mich betrauern und mein Andenken ehren; dies gibt mir die Kraft, den schrecklichen Entschluß auszuführen. Dr. Senter wird einen Herzschlag als Todesursache constatiren. Die Untersuchung kannsich noch Wochen hinziehen; inzwischen richte es ein, daß Susi nach Misdroy übersiedelt; falls Gerüchte auftauchen, hoffe ich, kommen sie ihr dort nicht zu Ohren; Deine und Mariens Gesellschaft wird ihr bester Schutz sein.
Nun noch die eine Bitte an Dein Freundesherz! Verurtheile mich nicht! Du wirst es Feigheit und moralische Schwäche nennen, was mir gerade als echte Mannesthat geboten scheint, ich meide schweren Herzens ein Leben, das ich jetzt erst durch edle Menschen lieben und verstehen gelernt habe; ich muß es meiden, da ich als Ehrloser nicht weiter in ihrer Gemeinschaft leben darf. — Sich selbst verbannen, ist ein schweres Loos!
Ich lege das Schicksal der Meinen, meine Vertheidigung bei Gericht in die Hände des besten Menschen und bitte ihn, mir zu verzeihen, daß ich sein reines Gewissen in Mitwissenschaft der schrecklichen That ziehe, die ich ausführen mußt’ — aus Liebe zu den Meinen! Jacob Stern.“
Dr. Caspari hatte kaum den Brief gelesen, als er nach Hut und Stock griff und eiligst davonlief. Unterwegs traf er einen Fiaker, in den er sich, an allen Gliedern bebend, warf. „Ich zahle dreifache Taxe, nur eilen Sie!“ er nannte Stern’s Wohnung. Der Fiaker flog, doch schneckengleich für Caspari’s Ungeduld. Vielleicht konnte er ihn noch retten, der Brief war eine Stunde zuvor aufgegeben. — Endlich hielt der Wagen. Angsterfüllt stieg Caspari die teppichbelegten Stufen hinan; er warf einen Blick in’s Comptoir, dort war er nicht; er eilte in sein Privatzimmer; zitternd öffnete er. — Das Schreckliche war bereits geschehen; dort lehnte der Freund mit verzerrtem Gesicht; die Todeszuckungen waren noch wahrnehmbar! er mußte furchtbar gelitten haben.
Caspari brach erschüttert zusammen; eine Fluth von Gedanken und Empfindungen überkam ihn, die ihn unfähig zum Handeln machte. — Wie lange er hier gesessen? Es dämmerte schon, da hörte er einen Wagen vorfahren; eine schlanke Frauengestalt hüpfte leichten Fußes heraus; sie schien so glücklich, so lebensvoll! Jetzt half sie der Wärterin mit dem Kinde, sie nahm es nun selbst in ihren Arm, um es dem Papa hinaufzutragen. Schnell verriegelte Caspari die Thür, jetzt durfte sie nicht eintreten; er wollte erst selbst gefaßt sein, um die Arme vorbereiten, sich selbst in die ihm zugemuthete Lüge hineinfinden zu können.
Er sandte einen Diener zu Dr. Senter. Derselbe kam bald. Die Männer hatten sich verständigt. — Der Procurist erschien, Briefe zur Unterschrift vorzulegen — das Geheimniß mußte gewahrt werden. Es hieß, Jacob Stern sei an einem Herzschlag soeben verschieden. —
Susi saß am Clavier und spielte eben — es war die Zeit, in der ihr Gatte bei ihr einzutreten pflegte — die von ihm so geliebte Arie aus Aïda. Die Thür öffnete sich, es trat Jemand hinter ihre Lehne, sie reichte ihm, während sie weiter spielte, den Mund zum Kusse, doch erschreckt fuhr sie auf, der, den sie eingetreten wähnte, war nicht ihr Gatte, sondern Dr. Caspari, leichenbleich, mit verstörten Augen.
„Ich glaubte,“ stotterte Susi — „doch was ist Ihnen? Sie sind angegriffen“ —
„Ich habe soeben einen Freund verloren, und kann es noch nicht glauben, daß dem so ist!“ sagte Caspari schmerzlich erregt.
Susi drängte ihn ahnungslos auf einen Sessel und läutete, um ihren Mann rufen zu lassen. Der Diener, dem sie den Auftrag gab, stand sprachlos.
„Gnädige Frau, wissen noch gar nicht,“ stammelte der Alte — doch Caspari hatte sich gefaßt und drängte ihn zur Thür hinaus.
„Susi,“ begann er, ihre Hände in den seinigen haltend, „zeigen Sie sich als die muthige, seltene Frau, als die ich Sie stets verehrt! Die Vorsehung hat Schweres über Sie verhängt, doch Sie haben Kraft, selbst das Schreckliche mit Fassung zu ertragen — Ihr Gatte“ —
„Um Gottes Willen, was ist mit ihm?“ schrie Susi in halber Verzweiflung.
„Ein Herzschlag hat soeben sein Leben geendet!“ hauchte Caspari tonlos.
Susi war zusammengesunken; das Leben schien auch aus ihrem Körper entwichen; doch plötzlich flammte sie auf: „O, das ist ja nicht möglich! Heut’ Mittag war er noch gesund und frisch“ —
Der Arzt trat ein und hielt sie zurück, wie sie eben das Zimmer verlassen wollte.
„Lassen Sie mich zu ihm!“ rief sie abwehrend.
„Kein Anblick für Sie! meine Gnädige,“ sagte er bestimmend. „Fassen Sie sich!“
Susi stand entsetzt; ihre Kraft war gebrochen. Machtlos ließ sie sich von Caspari auf ein Sopha führen; sie stierte die Männer an, als kenne sie sie nicht, doch bald eilte sie an die Wiege des schlafenden Kindes, stürmisch preßte sie es an ihre Brust und weinte bittere, leidenschaftliche Thränen.
„Eine Waise!“ jammerte sie in wildem Schmerze. „O, Du armes, unschuldiges Kind, was hast Du verschuldet, daß Dir der Vater“ —
„Lassen Sie mich ihm Vater sein,“ sagte Caspari, ihr das Kind entwindend, da er fürchtete, sie möchte es in ihrem wilden Schmerze zerdrücken.
Susi sah ihn groß und fragend an; dann schüttelte sie wehmüthig das Haupt und blickt lange gedankenvoll vor sich hin. Man erzählte ihr, wie Alles gekommen, sie schien nichts zu hören. Wieder bat sie, man soll sie zu ihm lassen — der Arzt fürchtete eine zu heftige Erschütterung.
Die Kunde, daß Stern am Herzschlag gestorben, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet.
Condolenten kamen und gingen. — Susi ließ Niemand vor. Was ihr noch vor einigen Jahren als eine Erlösung erschienen, war ihr jetzt ein unüberwindbares Unglück.
Ein großes unabsehbares Gefolge geleitete den Todten nach dem Friedhofe. Susi hatte gewünscht, Dr. Caspari soll in der Wohnung eine Leichenrede halten. Sie ahnte nicht, weshalb er es ablehnte. „Ich kann nicht!“ hatte er in einem Tone gesagt, der keine nochmalige Bitte aufkommen ließ. Der Prediger rühmte den Wohlthätigkeitssinn des Entschlafenen, seine unermüdliche Willenskraft, die nun so plötzlich gelähmt sei; er nannte ihn ein schaffendes Genie, durch dessen geniale Pläne Tausende in den entferntesten Landestheilen Arbeit, und damit Wohlstand und Bildung gewonnen. Susi hörte Nichts. Erst als man die Leiche aus dem Hain von Palmen, der in dem schwarz drapirten Saale gebildet war, hinaustrug, that sie einen gellenden Schrei und sank ohnmächtig zusammen. — —
Dr. Caspari hatte ihr in kluger Berechnung den Wunsch eingegeben, nach dem elterlichen Hause zu übersiedeln; er meinte, sie würde dort nicht durch Alles und Jedes an den Todten erinnert werden, der Umgang mit der Mutter werde sie beruhigen. So sah Susi nicht, was sich nach wenig Wochen in ihrem glänzend eingerichteten Hause abspielte. Die Comptoirs waren geschlossen, die Möbel unter gerichtliches Siegel gelegt, das Personal entlassen. Sie empfing Niemand, als Dr. Caspari, dessen Schwester und Mutter, so hörte sie auch nicht, was man sich in der Stadt bei der nun erfolgten Zahlungs-Einstellung ihres verstorbenen Gatten erzählte; sogar in den Zeitungen tauchten die Muthmaßungen auf, ob denn der Tod ein natürlicher gewesen, doch dem Einfluß des Dr. Caspari, an dessen reinem Charakter Niemand zweifelte und der sich öffentlich einen Freund des Verstorbenen nannte, gelang es, alle Gerüchte zum Schweigen zu bringen. Susi wurde selbstverständlich an jeder Zeitungslectüre verhindert, doch als die Hinweise in derselben zu häufig wurden, hielt es Dr. Caspari für geboten, der ohnehin leidenden Frau eine Badereise vom Arzte dictiren zu lassen. Marie begleitete die Freundin, und war wohl instruirt, wie sie Alles von ihr fern halten müsse, was sie beunruhigen könnte.
Vor ihrer Abreise hatte Susi noch einmal das Grab ihres Gatten besucht; hier erst empfand sie, wie nie im Leben, was er ihr und ihren Eltern gewesen, wie sich sein Denken und Empfinden geläutert, wie unaussprechlich unglücklich sie war, den Mann, der erst jetzt der Vertraute ihres Herzens geworden, gerade jetzt verlieren zu müssen.