VII.
Im Stern’schen Hause war Lust und Freude. Die junge Frau erblühte nach überstandener Krankheit schöner, als sie je gewesen. Allgemein war man über ihren Zauber und ihre Liebenswürdigkeit erfreut. Täglich holte sie ihren Gatten von der Börse ab, Abends Punkt 7 Uhr wartete ihr Wagen vor dem Comptoir, sie schien die Zeit nicht erwarten zu können, daß sie zusammen waren. Stern wußte erst jetzt, was er an seiner Frau besitze. War sie bisher kalt und ablehnendgewesen, so schien sie jetzt die übersprudelnde Herzlichkeit, und selbst die alte Mutter machte Anstalt, sich mit ihr auszusöhnen. Wer hätte auch ihrem herzgewinnenden Liebreiz widerstehen können! Leben und Glück waren in die fast leblose Hülle zurückgekehrt, und das Glück, das sie selbst verschönte, wirkte beglückend auf ihre Umgebung.
Zum ersten Male wieder seit fast einem Jahre sprach Dr. Caspari in der Freien Gemeinde. Ungern hatte man auf den Redner, dessen Worte so mächtig zu zünden pflegten, verzichtet, er war indeß nicht zu bewegen gewesen, seine Thätigkeit wieder aufzunehmen.
„Ich habe mich selbst verloren!“ sagte er damals zu einem Freunde, der ihn bat, wieder einmal öffentlich zu sprechen. „Als ich noch den vollen Glauben an die Menschheit hatte, da konnte ich vor Euch hintreten und, begeistert wie ich selbst für alles Gute war, Euch auch mit fortzureißen suchen. — Heute bin ich ein todter Mensch!“ hatte er hinzugefügt, „ich könnte Euch doch zu nichts nützen!“
Auch dieser todte Mensch war wieder auferstanden zu neuem thatkräftigen Leben. Allgemein war nur Eine Stimme: „So wüßte Niemand zu sprechen!“ Alles in seiner Rede war durchgeistigt, belebt von jenem Feuer innerer Wärme, die mächtiger zündete als je. Der Saal der Freien Gemeinde war Kopf an Kopf gedrängt voll; die Vorsäle und Zugänge waren überfüllt; schon eine Stunde vor Beginn waren alle Plätze besetzt. Zwei Stühle blieben stets in der vordersten Reihe reservirt; eine schöne, junge Frau, auf den Arm ihres Gatten gestützt, pflegte kurz vor Beginn zu kommen. Beide folgten, nur ab und zu Blicke des Einverständnisses wechselnd, dem Vortrage mit gespanntester Aufmerksamkeit. Sie warendie Ersten, denen Dr. Caspari, nachdem er geendet, die Hand reichte, obgleich sich begeistert Hunderte an ihn hinandrängten. Von ihm begleitet, traten sie den Heimweg an; es war eine auserwählte Gesellschaft, die sich dann allsonntäglich im Stern’schen Salon einte, Menschen, die sich nicht begnügten, des Lebens Güter nur durchzukosten, um von Genuß zu Genuß zu eilen, sondern denkende, für alles Hohe begeisterte, alles Gute thatkräftig unterstützende Menschen. Dr. Caspari war die Seele des Ganzen, doch sein begeistertster Anhänger war Jacob Stern geworden. In diesem sonst stets für oberflächlich und eitel gehaltenen Menschen war eine Wandlung vorgegangen, die ihn kaum wieder erkennen ließ! War sein Gang sonst gebückt und schlodderig, so athmete jetzt jede Bewegung Selbstbewußtsein und Muth, das Auge leuchtete, sein Wort klang überzeugend und herzlich. Die früher von ihm beliebte leichtfertige Gesellschaft war nach und nach aus seinem Hause geschwunden; er konnte sich heute selbst nicht eingestehen, wie er Jene einst seine Freunde genannt. Sein Glück schien keine Grenzen zu kennen, als ihm, ein Jahr nach Susi’s Genesung, ein Sohn geboren wurde.
Abermals war es ein Zeitungsblatt, das Susi in nicht geringe, doch diesmal freudige Aufregung versetzte. Zum ersten Male seit ihrer Niederkunft hatte ihr Gatte heute eine Zeitung auf den Tisch gelegt. Hastig griff sie danach; sie blätterte vor und rückwärts, bis ihr Auge starr an einer Stelle haften blieb. Dann faßte sie nach dem Herzen, doch nicht wie damals schmerzerfüllt, sondern überglücklich und leuchtenden Auges reichte sie ihrem Gatten die Hand: „Das macht Deinem guten Herze Ehre!“ sagte sie tief gerührt. „Doch warum theiltest Du mir nicht mit —“
„Hatte ich Dir nicht durch ein Zeitungsblatt Schmerz bereitet,“ sagte Stern bewegt, „so war ich Dir an selber Stelle einen Ausgleich schuldig.“
Susi zerdrückte eine Thräne in ihren Augen; sie blickte auf ihr Kind, ihren kleinen Berthold und sagte: „Möge alles Gute, das Du thust, ihm zum Segen gereichen!“
„Und Dir zu Freude!“ sagte er, sie zärtlich küssend.
Jene Zeitungsnotiz lautete: „Der hiesige Banquier St. hat, seinem anerkannten Wohlthätigkeitssinne folgend, aus Anlaß eines freudigen Familienereignisses, dem hiesigen Armenvereine 10.000 Gulden überwiesen, deren Zinsen zur Pflege armer Wöchnerinnen verwendet werden sollen.“
Wieder und wieder las Susi diese wenigen Zeilen: „Sie athmen die Poesie eines gottgeweihten Herzens!“ sagte sie bewegt.
„Und doch wird es von so Vielen, selbst von der eigenen Mutter für gottlos gehalten!“ entgegnete Stern mit tiefem Seufzer.
„Guter Mann,“ entgegnete Susi; „Deine Mutter genügt ihrem religiösen Pflichtgefühl, wenn sie betet und die Gebote der Bibel befolgt, wir, wenn wir helfen und den Samen des Guten ausstreuen, wo wir können; unser Söhnchen wird wiederum einst unser Thun vielleicht belächeln; jede Generation hat ihre Ideale, und wer wahr und aufrichtig strebt, gut zu sein, verdient, daß man ihn anerkenne.“
Susi’s Mutter trat mit strahlendem Gesichte ein.
„Ich habe mir keine Zeit genommen, mich recht anzukleiden!“ rief sie überglücklich. „Bist Du es denn wirklich?“ fragte sie ihren Schwiegersohn, „von dem heute die ganze Stadt spricht!“
Stern war fast verlegen; er hatte nur beabsichtigt, der geliebten Frau eine Freude, keineswegs sich zum Mittelpunkt des Stadtgespräches zu machen.
„Nur schade,“ setzte die Mutter nach einer Weile hinzu, „warum hast Du es nicht für jüdische Arme an die jüdische Gemeinde gewiesen?“
„Da hättest Du schwerlich in meinem Sinne gehandelt!“ sagte Susi entschieden. „Wenn Jemand in Noth ist, so frage ich ihn nicht, zu welcher Religion er sich bekennt.“
„Hast Du aber schon gesehen, daß Christen für jüdische Arme testiren?“ fragte die Mutter fast beleidigt.
„Um so mehr ist es Pflicht, liebe Mutter,“ entgegnete Stern, „daß wir zeigen: Wer helfen will, helfe den Bedürftigen, gleichgiltig ob Jud, oder Christ, ob Muselmann.“
„Das sind nun wieder Eure freireligiösen Ansichten,“ sagte Frau Cahen; „nun, ich bin eine alte Frau und kann und mag sie nicht verstehen, aber das weiß ich, Gott lohnt das Gute bis in’s dritte und vierte Glied und er wird es Euch an Eurem Kinde lohnen, was Ihr Gutes gethan.“