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Seitdem geschieht es Heinrich Pestalozzi häufig, daß er unversehens an den Webstuhl in Höngg denken muß; er meint dann, das unaufhörliche Geklapper zu hören, und kann, wenn er sich auf die Schulgegenwart besinnt, staunend in eine neue Anschauung der Wirklichkeit versinken: die sonst nur als der Kreis seiner Sinne um ihn gewesen ist oder in seiner Erinnerung ein Bilderbuchdasein geführt hat, je nachdem er zufällig an etwas dachte, wächst sich zur Weite ihrer unabhängigen und ungeheuren Existenz aus. Es wird ein leidenschaftliches Spiel seiner Einbildung, sich vorzustellen, was alles in der gleichen Stunde geschieht, da er mit seinen Büchern dasitzt: wie der Großvater in Höngg den Pfarrhut in seiner Studierstube aufsetzt und hüstelnd — er geht nun schon an die siebzig — die Treppe hinuntersteigt, die Kranken der Gemeinde zu besuchen; wie die Großmutter unterdessen mit ihren runzeligen Händen im Garten schafft, manchmal ein Viertelstündchen mit einer Nachbarin plaudernd; wie rund herum in den Weinbergen und Feldern die Bauern sich nach ihrer Arbeitbücken; wie auf der Straße die Kaufmannswagen, mit runden Tüchern überspannt, ihren Trott dahingehen, oft überholt von den Staubwolken eiliger Reisenden; wie bald ein Sonnenstrahl, bald ein Wolkenschatten hinläuft über das breite Limmattal, über die reisige Stadt Zürich und die Großmünstertürme — daneben er selber im Schulhaus sitzt und dies alles denkt — über den langen See hin bis Richterswil und weiter hinauf gegen den blaudunklen Wall der Berge, die sich nicht so leicht überrennen lassen, über ungezählte fleißige Menschen hin, welche, die fröhlich singen, und andere, die um einer Not willen verzweifelt sind. In der Weite und unausdenkbaren Vielgestaltigkeit dieses Lebens fühlt er sich und seine Pfarrpläne kaum anders als den Vetter am See, der mit seinem Federhut den Soldaten spielt. Die Welt ist nicht mehr so, daß einer mit seiner Knabeneinfalt hineingehen und ihre Dinge umgestalten kann, die Dinge selber sind es, die mit ihrem unübersehbaren Zustand den Einzelnen festhalten und nötigen. Wie die Unheimlichkeit des Großmünsters drohend gegen die Stubenwelt seiner frühen Knabenjahre aufgestanden ist, so kommt jetzt der Lebenskreis der Dinge; nur, daß er diesmal die wirklichen Zusammenhänge fühlt und demütig die Überhebung seiner Knabenpläne einsieht.

Dazu kommt etwas Zufälliges, das freilich mit dieser Art, die Dinge zu empfinden, zusammenhängt, ihn völlig verzagt zu machen: Weil er im Examen der Erste gewesen ist, trifft es ihn, daß er das Gebet vor der Klasse sprechen muß. So feierlich für ihn die Worte des Vaterunserssind, da er sie selber zum erstenmal öffentlich sagen soll, überfällt der komische Zwiespalt zwischen seiner in tausend Täglichkeiten verbrauchten Knabenstimme und dem feierlichen Aufwand, den er damit treiben soll, sein verscheuchtes Selbstgefühl derartig, daß er einem unwillkürlichen Zwang zu lachen nicht widerstehen kann und dadurch zu einer ernstlichen Vermahnung kommt. Auch in der Folge verliert sich dieses Hindernis nicht; so oft er in der Schule oder gar in der Kirche etwas öffentlich aufzusagen hat, ist das stete Gefühl dabei, vor den anderen Knaben lächerlich dazustehen, und er braucht dann nur seinen Blick mit einem andern zu kreuzen, um auch schon auszuplatzen. Es ist ihm sicher, daß er niemals als Pfarrer seine Stimme in der Kirche wird erheben können, ohne diesen Zwang zum Lachen. Die erste Erkenntnis der Weltzusammenhänge hat ihm die Unschuld seines Knabendaseins unsicher gemacht, und ängstlich fragt er, ob sie ihm jemals wiederkommt?


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