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Heinrich Pestalozzi hat den Emil zum drittenmal gelesen und ist noch immer im Traum dieser Dinge, als Ende November in Höngg die Großmutter sanft hinwegstirbt. Sie haben sie am Mittag bei milder Sonne noch einmal in den Garten hinuntertragen müssen; da sind ihr mit den letzten verirrten Blüten die Augen zugefallen, als ob sie schliefe. Er muß mit dem Bärbel allein zum Begräbnis gehen, weil die Mutter selber zu Bett liegt. Der matte Glast der Novembersonne steht in der unbewegten Luft, als sie den Sarg um die Kirche auf den Acker tragen, wo die alten Holzkreuze auf ein neues zu warten scheinen. Das ganze Dorf ist da, auch die, denen es zu keinem sonntäglichen Kleid mehr reicht in ihrer Armut; bis an die untere Mauer stehen sie als der letzte Kriegshaufe lebendiger Liebe gegen den Tod. Bevor sie ihm seine Beute in das enge Erdloch hinunterlassen, tritt der Schulmeister vor, mit den Kindern das Abschiedslied ihres Lebens zu singen: Heinrich Pestalozzi ist oft mit dem Großvater in der Dorfschule gewesen und hat ihnen zugehört, nun will ihm der Gesang der Mädchen- und Knabenstimmen einstimmig vereint herrlicher klingen, als er jemals Menschen singen gehört hat, und die Erschütterung davon ist tiefer als die Trauer.

Weinend kommt er in die Kirche; da vermag die kleine Halle nicht alle zu fassen, daß ihrer viele noch draußen horchen, wie der alte Pfarrer und Dekan seiner eigenen Frau die Leichenrede hält. Auch er ist welk, und der Kopf kämpft mit dem gebeugten Nacken, das Angesichtvon der Erde zu heben, aber die Stimme trägt noch klar durch den Raum, als er der Gemeinde den Lebenslauf der Dorothea Ott vorträgt, die seit achtundvierzig Jahren seine Frau und seit sechsunddreißig Jahren ihre Pfarrerin gewesen ist. Heinrich Pestalozzi weiß nun, es ist nicht der liebe Gott seiner Knabenjahre, der da spricht, es ist ein Greis, den sie selber bald um die Kirchecke tragen; umsomehr fühlt er, wie ergreifend dies ist, daß ein Mensch mit seinem Leid dasteht und aus der Ewigkeit den Lebenslauf seiner Gefährtin ablöst, deren irdisches Dasein vor dem seinen vollendet ist. Aber was ihn tief erschüttert, ist die Erfahrung, wie alles, was er hier sieht und hört, nur ein Stück aus dem Buch des Genfers scheint. Wenn er von hier aus an die Stadt denkt, an ihre Gassen, ihren Aufwand, ihr Gezänk: glaubt er niemals wieder hineingehen zu können. Auf dem Dorf allein ist das menschliche Wesen noch auf die Einfalt der Natur gestellt; von hier aus allein kann deshalb der Geist natürlicher Sittlichkeit wieder gesellschaftliche Rechte in der Menschheit erhalten. Es ist ihm nicht anders, als ob sie drei: die ländliche Gemeinschaft, seine Seele und der Traum des Buches in dieser Stunde einen Bund schlössen gegen den verkünstelten Aufwand der städtischen Welt.


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