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Heinrich Pestalozzi findet den Großvater auch diesmal in seiner Studierstube; seit dem Tod der Pfarrerin ist er im Regiment des Tantli und sitzt fast den ganzenTag bei seinen Kirchenvätern. Er liest die Weisung mehrmals durch und legt sie mit einem Lächeln beiseite, das Heinrich Pestalozzi an die Großmutter erinnert, nur ist es spöttischer. Nachher werden sie von der Magd zum Vesperbrot gerufen und müssen mit dem Tantli von andern Dingen sprechen. Der Großvater sagt ihr, daß der Neffe diesmal vier Wochen bleibe, und scheint schon nicht mehr zu wissen, warum; es drängt ihn augenscheinlich, wieder allein zu sein, und Heinrich Pestalozzi sieht ihn an dem Tag nicht mehr. Doch wie er am Abend frühzeitig in seine Kammer kommt, hat er ihm nach seiner Gewohnheit etwas auf den Tisch gelegt.

Es ist auch ein Schriftstück des Antistes, aber nicht seinetwegen an den Dekan in Höngg gerichtet; als Heinrich Pestalozzi es gelesen hat, legt er seine Verweisung mitten darauf, denn auch das andere ist ein Stück Papier behördlicher Ungnade! In dem selben Dorf Buchs, woher das Babeli ist, hat der Dorfpfarrer einigen Kindern die Konfirmation verweigert, angeblich wegen ungenügender Kenntnisse, anscheinend aber, weil er mit den Eltern Streitigkeiten hatte. Darauf hat der Dekan in Höngg die Zurückgewiesenen ohne Umstände selber konfirmiert, und das Schriftstück da ist der sanfte Tadel für seine Eigenmächtigkeit. Wie Heinrich Pestalozzi nun an das spöttische Lächeln des Großvaters denkt, muß er laut lachen, sodaß er aus diesem verdrießlichen Tag doch noch mit Lustigkeit ins Bett kommt.

Als er in der Frühe erwacht, hört er eine Sense dengeln; er besinnt sich gleich, daß die Kornernte angefangen hatte, als er heraufkam, und mit einem fröhlichen Einfallspringt er aus dem Bett. Unten ist noch die Dumpfheit der überstandenen Nacht im Haus, aber als er den Riegel öffnet, strömt ihn die Morgenluft an wie ein Bad; überall krähen die Hähne, und aus einigen Schornsteinen drehen sich schon die blauen Rauchsäulen in den Himmel, der noch ohne Sonne ist, aber Hahnenruf und Rauch als Frühopfer der Erde in seine reine Stille verschwinden läßt.

Dem ersten Bauer, dem er begegnet, heftet er sich an; es ist ein zäher Greis, der seine Enkelin an der Hand führt und den fröhlichen Gruß mit der abwartenden Miene erwidert, darin der Bauer die städtische Zutraulichkeit abweist. Er merkt es nicht, nimmt das Kind, das seine sieben Jahre zählen mag, kurzweg bei der andern Hand, und so gehen sie zu dritt die Straße hinunter, bis der Bauer vom Weg abklettert, die gedengelte Schneide mit den Fingern prüft und seinen harten Sensenschlag in die gelben Halme beginnt, die einen Sprung zur Flucht zu machen scheinen, bevor sie ihren stolzen Wuchs für immer neigen. Heinrich Pestalozzi steht am Grabenrand und denkt, daß sie mit dem Sommerwind ihr geschmeidiges Fangspiel gemacht und im Gewitter sich ängstlich geduckt haben, daß sie den dünnen Regen und das dicke goldige Sonnenlicht tranken und nun über den süßen abgeschnitten werden, immer ein Bündel zugleich, wie sie auch nur miteinander ihr schwankes Leben aufrecht halten konnten. Doch ist er nicht da für solche Gedanken, und er wartet auch nur ab, was das Mädchen beginnen wird, das vorläufig am Rain einer Sternblume die weißen Blättchen auszupftund dazu einen Zählreim sagt. Als er beobachtet hat, wie sie danach aus Halmen dünne Seile dreht und damit die einzelnen Bündel zu Garben bindet, gibt er sich mit daran und bleibt auch hartnäckig dabei, als der Bauer den Wetzstein holt und sein Tun mißtrauisch besieht. Auf die Dauer einigen sie sich doch, und wie gegen sieben Uhr der schmale Ackerstreifen niedergelegt ist und nur noch ein letztes Büschel steht, läßt ihm der Alte sogar die Sense, das abzuschlagen; er fährt freilich fast mit der scharfen Sense gegen sein Bein, aber gerade das macht den andern gesprächig, sodaß sie mit der warmen Morgensonne anders zurückkommen, als sie in der kühlen Frühe auszogen.

Das Frühmahl schmeckt ihm danach besser als sonst, und er sitzt schon wieder in der Ungeduld dabei, was ihm der Tag nach diesem Anfang sonst bringen könnte. Um noch beim Melken dabei zu sein, ist es zu spät; doch tut er gleichwohl einen Sprung in den nächsten Stall. Da ist die Frau gerade dabei, die seimige Milch durch das Haarsieb zu gießen; sie braucht keine Hilfe, aber die hölzernen Eimer unter dem Brunnen sauber zu waschen, versucht er doch, bis sie über seine Narrheit lacht und ihn anders belehrt. Aus dem Stall geht es in die Matte, wo ein Bub noch saftiges Futter vor der steigenden Sonne zu bergen hat, und so fort durch das halbe Dorf, wo sich jeder über den närrischen Pfarrstudenten wundert. Als er zum Mittagessen kommt, ist er brandig rot, und am Abend muß ihm das Tantli einen Finger verbinden, der ihm irgendwo in ein Schnitzmesser geraten ist.

Mit dem Großvater spricht er an diesem Tag nur ein paar Worte, da der in einer Dekanpflicht über Land gefahren ist; aber auch in den nächsten Tagen hält ihn seine ländliche Tätigkeit so weit ab von den Kirchenvätern des alten Herrn, daß sie sich nur beim Essen treffen; es scheint ihm, als ob der lächelnde Mund immer sarkastischer würde; als er es aber eine ganze Woche lang so fort getrieben hat und nun schon fast wie ein Bauernknecht aussieht — nur daß er jetzt schon drei Finger verwickelt hat — findet er abends ein Buch in seiner Kammer, das er längst kennt, aber bisher kaum beachtet hat: »Die Wirtschaft des philosophischen Bauers« oder, wie es kurzweg heißt, Der Kleinjogg. Es ist von dem Doktor Hirzel in Zürich geschrieben, der zu den neun Argonauten in Schinznach gehört und manchmal auch in die Gerwe kam. Tags hat er immer noch keine Zeit, aber nachts liest er es bei der Kerze, und bald schwört er darauf, daß es für einen echten Jünger Rousseaus keinen andern Beruf geben könne, als Landmann zu werden. Wenn er mitten aus seiner Feldarbeit heraus nach Zürich hinunter sieht und an den Grund denkt, der ihn hergebracht hat, an die greulichen Dinge im Alumnat, an die Schule und die Stadt mit dem Gezänk der Zünfte, dem Gewerk der dunklen Kellerlöcher und dem Geschwätz der guten Stuben: dann kann er mitten in seiner Freude traurig werden wie ein Narr, weil ihn der Gedanke an die Rückkehr schreckt.

Eines Tages schreibt er wirklich dem Bluntschli einen Brief, daß er sein Studium aufgeben möchte, weil erdoch nicht zum Pfarrer tauge und es auch sonst in der städtischen Unnatur nicht mehr aushalten könne, nachdem er einmal das wirkliche Leben eines Landmannes geschmeckt habe. Alles andere wäre nur ein Maulwurfsdasein, zum wenigsten könne er von seinem Berg die hochmütige Stadt Zürich nur ansehen wie einen Maulwurfshügel. Wolken und Sonne und Schnee: für den Städter wären sie nichts als veränderte Gelegenheiten zu gutem und schlechtem Wetter — und seinen Erdboden habe er gar mit Fundamenten und Straßen völlig getötet — für den Landmann aber bedeuteten sie die Elemente seines natürlichen Daseins, sie brächten seiner Saat Regen und machten das Korn reif; der Wechsel der Jahreszeiten, ja der ganze Kalender wäre für ihn der Kreislauf eines in der Natur gegründeten Lebens. Wenn es ihm nicht zuwider sei, möge er schon seiner Mutter bei Gelegenheit ein Wort der Vorbereitung sagen, daß sie durch seinen Entschluß nicht auch ihren zweiten Sohn verlöre, sondern ihn erst recht gewönne.

Er hat den Brief schreiben müssen, um endlich einem Menschen etwas von der Befriedigung seines ländlichen Daseins sagen zu können; der Großvater weicht allen Gesprächen darüber aus, und das Tantli, das aus einer ländlichen Pfarrerstochter eine Vikarsfrau geworden war und nun wieder einem Landpfarrer den Haushalt führt, vermag nur hellauf zu lachen, wenn er mit seiner Schwärmerei anfängt; aber als er am dritten Tag danach gerade auf einem Wagen voll Korn glücklich obenauf sitzt und ins Dorf gefahren kommt, steht vor dem Pfarrtor ein Wagen, und Bluntschli sieht kopfschüttelndseine Einfuhr an. Nachdem er dem Dekan seine Aufwartung gemacht hat, die nur kurz ausfällt, gehen sie miteinander durch seinen ländlichen Bereich, bis Bluntschli müde wird und sich an einen Rain hinsetzen muß. Der hat den begeisterten Freund bisher reden lassen; nun weist er auf seine Hände, an denen fast alle Finger angeschnitten oder verwickelt sind: ob das seine besondere Begabung für die ländliche Arbeit sei? Und ob er nicht wisse, daß zum Bauerntum zuvörderst ein richtiger Bauernsitz gehöre? Wenn der Junker Meis im Winkel aus der gleichen Begeisterung Bauer würde, wisse er, wovon! Aber das alles seien Fragen, die ihn als seinen Freund nichts angingen; denn Freundschaft hieße nicht, daß einer dem andern praktisch beistände, Freundschaft sei eine Sache der Seele: Dies aber drehe sich alles doch nur darum, daß er ein Dasein haben möchte, wie es für seine Art möglichst bequem und vergnüglich wäre. Was er zu seinem Agis sagen würde, wenn der die Not Spartas verließe, um sich einen Meierhof zu suchen? Er möge doch nicht vor seinen eigenen Ideen verächtlich werden, was sicherlich der eigentliche Verrat der Freundschaft sei!

Heinrich Pestalozzi wird ihm auf keine dieser Fragen eine Antwort schuldig, aber als der Freund, der es eilig hat, wieder abfährt, bleibt er mit einem zerbrochenen Mühlrad zurück; obwohl er noch trotzig darein blickt, merkt er gleich, er bringt es nicht mehr zum klappern. Und als ihm nach drei Tagen der Großvater einen Brief der Mutter in die Kammer legt, den sie an ihren Schwiegervater geschrieben hat: was es für Torheitenhabe mit ihrem Sohn? er möge ihm die Flausen aus seinem Wirrkopf blasen! da fällt auch der Trotz rasch ineinander.

Nachdem seine vier Wochen herum sind, läßt er sich vom Großvater die Weisung des Antistes als erfüllt bescheinigen und marschiert nach der Stadt zurück, die mit ihren Türmen und Dächern gleichmütig am See geblieben ist und seine Schritte wie sonst in der Niederdorfporte hallen läßt. Gerade, als er hindurchgeht, kommt ihm die Anna Schultheß entgegen, die er als Freundin seines Freundes verehrungsvoll grüßt. Daß sie das erste ist, was ihm in Zürich begegnet, gibt der Gedrücktheit seiner Gedanken einen ziemlichen Stoß, sodaß er heller bei den Seinen im Roten Gatter eintrifft, als er in Höngg fortgegangen ist; wobei freilich die Liebe seiner Mutter auch das ihre tut, als sie ihn herzlich weinend umfängt.


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