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Lieber hat Heinrich Pestalozzi die Ausflüge nach Höngg, wo der Großvater als Pfarrer amtet. Sie brauchen keinen Bauernwagen dahinaus, sie gehen durch die Niederdorfporte auf die Schaffhauser Straße und dann am Käferberg sacht hinauf durch Weinberge bis an den Hügelrand, wo nach einer Stunde das Dörfchen mit der sauberen Kirche und dem Pfarrhaus erscheint. Unten zieht die Limmat ihren Silberstreifen durch das breite Tal, und hinten zeigt der Albisrücken die steile Schmalseite; wo seine Kante gegen den See verläuft, steht vor der Heiligkeit der Berge und gegen das blanke Wasser die Stadt Zürich mit ihren Mauern und Türmen dunkel wie ein Haufe reisigen Kriegsvolks da.

Jedesmal, wenn er mit seinem Bruder Johann Baptista angekommen ist und sie sich in dem unteren mit spitzen Feldsteinen gepflasterten Flur von dem Staub des Marsches gereinigt haben, dürfen sie zu dem alten Herrn in die Studierstube hinauf. Sie liegt ganz oben und ist in der Ecke des Pfarrhauses so eingebaut, daßdurch die breiten Fenster von Süden und Osten die Helligkeit der weiten Landschaft hinein sieht und den würdigen Greis mit Heiterkeit umspielt. Er steht nicht auf, wenn die Buben zu ihm herein kommen, auch dürfen sie nicht anders als einzeln gerufen zu ihm an den Tisch treten. Jedes muß sein Sprüchlein sagen, wie sie die Mutter verlassen haben und wie lange sie unterwegs gewesen sind; und niemals fällt es ihnen bei, hier oben die Ehrwürdigkeit durch eine Zärtlichkeit zu verletzen. Erst unten, wenn er mit am Tisch sitzt, wo die Großmutter mit den gütigen Zwickelfalten ihres alten Gesichtes das Gespräch führt, wird er der Großvater, der sie aus den Schoß nimmt und Scherze mit ihnen treibt. Aber wenn sich allmählich aus dem Donnergott des Großmünsters das Bild Gottes als eines himmlischen Vaters in Heinrich Pestalozzi umbildet, sind es die Züge des Großvaters in der Studierstube, die dem Bild ihr Wesen geben.

Stärker wird dieser Eindruck, als er am Gottesdienst teilnehmen darf. Das Pfarrhaus ist an die Kirche so angebaut, daß es mit dem Totenacker seitlich vom Dorf und am äußersten Rand des Hügels eine Art Gutshof vorstellt, der wie ein solcher auch durch einen Torweg zugänglich ist. Durch den sieht Heinrich Pestalozzi Sonntags die Kirchgänger kommen, sauber gekleidet in ihrer bäuerlichen Tracht. Die Glocken klingen heller, und auch die Orgel hat nicht den brausenden Schall wie im Großmünster. Wenn sie anfängt zu spielen, ist es nicht anders, als ob sich die dunkleren Stimmen der Männer mit denen der stauen und Kinder mischten,und wenn das Lied dann wirklich einsetzt, wird alles zum Gesang der Gemeinde.

Weil er die Stimme und das Wesen des Großvaters kennt, bleiben ihm auch die Worte seiner Predigt nicht gar so fremd, so wenig er im einzelnen davon versteht. Es ist fast der himmlische Vater selber, der zu seinen Kindern in dem feierlichen Ton der Studierstube spricht, aber der gütige Klang in seiner Stimme bleibt; und weil er niemals poltert, niemals aus den Rand der Kanzel schlägt wie die Prediger in der Stadt, bekommt die Predigt nichts von ihrem gottfremden Haß. So trägt Heinrich Pestalozzi jedesmal einen warmen Glanz von der Empore mit hinunter; und weil er die Kirchgänger nachher nicht gleich den Zürchern in die dunklen Schlüfte der Gassen verschwinden sondern langsamen Schrittes sich rund herum in die Gehöfte zerstreuen sieht, zweifelt er nicht daran, daß sie überall etwas von dem Glanz hinbringen. Um so stolzer ist ihm zumut, daß er selber danach im Pfarrhaus bleiben und mit dem Träger dieser feierlichen Macht zu Tisch sitzen darf — wo der Pfarrer freilich am Sonntag außer dem Gebet niemals ein Wort spricht, wie er auch an diesem Vormittag das Frühbrot in seiner Studierstube nimmt und sich vor dem Gottesdienst niemandem zeigt. Erst wenn er seine Mittagsruhe gehalten hat, sehen ihn seine Enkel als Großvater wieder, der gern fröhlich ist und sie manchmal noch bis vor das Tor der Stadt zurück begleitet; hinein geht er seit dem Tode seines einzigen Sohnes nicht mehr gern.

So bewirkt der Großvater in Höngg durch die weiseTrennung amtlicher Würde von seiner gütigen Menschlichkeit, daß sich für die Kindheit Heinrich Pestalozzis das Grauen von den kirchlichen Dingen hebt.


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