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Im Frühjahr sieht Heinrich Pestalozzi die Züricher Gesandtschaft mit ihren kostbaren Staatsperücken in einem großen Aufwand von Reisewagen die Fahrt nach Genf antreten: es ist gekommen, wie an dem Abend gesprochen wurde, die Mächte sind angerufen, den Handel um Rousseau zu schlichten. Er ist immer noch nichtim reinen, wie einer sittenlos leben und Tugend lehren könne, und dieser Zwiespalt verbittert ihm die Politik. Unterdessen sind nach dem Agis im Lindauer Journal auch im Erinnerer eine Reihe von Wünschen gedruckt, die er im vergangenen Jahr geschrieben hat, aber selbst seine eigene Feder ist ihm verdächtig geworden. Als Bluntschli seine Hauslehrerschaft aufgibt und nach Hütten reist, um da eine Kur gegen seine kranke Brust zu machen, bleibt er vereinsamt in Zürich zurück. Einmal begegnet er dem Alumnaten, zu dem er damals am Zürichhorn ins Schiff gestiegen ist; er will ihn ansprechen, aber der weicht ihm scheu aus, als ob er eine Schuld von ihm einzufordern hätte. Wenn Heinrich Pestalozzi nun an seine Anzeige denkt, fällt eine brennende Unruhe über ihn; es ist das einundzwanzigste Jahr seines Lebens, als er gewahr wird, daß in der menschlichen Natur schlimmere Feinde der guten Sitten und der einfältigen Menschlichkeit liegen als in allen Gewalthabern.

Die Berichte der Gesandtschaft laufen ein, und jeder macht einen Sturm im Großen Rat, wo Bodmer unerschrocken gegen die Mehrheit der Gestrengen Herren auftritt. Es kommt, wie er prophezeit hat: die Entscheidung der Genfer zwischen Wahrheit und Interessen wird auch den Zürichern auferlegt; aber immer deutlicher sieht Heinrich Pestalozzi, daß die Bürgerschaft durchaus nicht so auf der Seite der Patrioten steht, wie seine spartanische Begeisterung gedacht hat. Wo ihrer einige zu vorwitzig auf der Gasse sind, kann es ihnen geschehen wie ihm damals, als er in den Kellerfiel. Er ist verzagt genug, seinen Traum nun selber zu belächeln, diese Bürger als ein neuer Demosthenes zu reinen und hohen Dingen anzufeuern; es steht nicht einmal so, daß er wie sein Agis das Leben wagen könnte, die Zünftler würden sich mit einer Tracht Prügel genug tun.

Unerquicklich geht ihm der Sommer und der Herbst hin, indessen er noch immer hartnäckig an seiner Rechtswissenschaft mit dem Studium alter und neuer Gesetzschriften festhält. Er sieht den Bluntschli aus seiner Kur in Hütten mit einer Schwärmerei für die Schönheit der Natur und die Einfalt des ländlichen Lebens heimgekehrt, die er nun wehmütig belächeln muß. An seiner Gesundheit hat der Freund nichts mehr zu klagen, und wenn Heinrich Pestalozzi nicht durch die Mienen und Gespräche besorgt gemacht würde, er könnte glauben, daß ihm die Kur völlige Heilung gebracht hätte, so heiter sieht er ihn. Als er noch einmal über Rousseau mit ihm sprechen will, schüttelt Bluntschli den Kopf; auch sonst scheint er den Eifer eines Patrioten verloren zu haben, wo sich die andern erhitzen, lächelt er, und als aus Genf die Nachricht kommt, daß die mit dem Rat vereinigten Gesandten den Bürgern eine neue Verfassung auferlegt hätten, sagt er: da könnte das Sechseläuten angehen! Auch in seinen Büchern liest er nicht mehr, das Wissenswerte stände nicht darin, pflegt er zu scherzen; obwohl Heinrich Pestalozzi die Unheimlichkeit hinter dem veränderten Wesen fühlt, vermag er sich der Heiterkeit nicht zu entziehen, darin der Freund Jüngling und Greis in einem geworden scheint, und soerlebt er den Zürcher Ausklang des Genfer Geschäftes viel weniger aufgeregt, als es sonst gewesen wäre.

Mitte Dezember kommt die Nachricht aus Genf, daß die Bürgerschaft mit großer Mehrheit das Machwerk der Gesandten verworfen habe; gleichzeitig geht das Gerücht, nun würden Frankreich, Zürich und Bern Gewalt anwenden und die aufsässige Bürgerschaft mit Krieg überziehen: Alles um eines gedruckten Buches willen, scherzt Bluntschli, als ob es keine vernünftigen Anlässe mehr gäbe in der politischen Welt! Aber die andern Patrioten sind eifriger, und der Privatlehrer Müller, des Stadttrompeters Sohn, schreibt das angebliche Gespräch eines Bauern mit einem Stadtherrn und einem Untervogt über den Genfer Handel, liest es auf seiner Stube auch einigen Freunden vor und verschließt es dann in sein Pult. Es ist mehr witzig als aufrührerisch, und Heinrich Pestalozzi, der es mit angehört hat, hätte nie gedacht, daß sich der Zorn der Obrigkeit daran entzünden könnte. Der Müller aber ist unvorsichtig genug, einem seiner Schüler die Handschrift zu überlassen. Der macht eine Abschrift davon und gibt sie weiter, immer mehr Abschriften werden gemacht, und Mitte Januar flattert das Bauerngespräch, wie man es heißt, heimlich durch die ganze Stadt, überall die Erregung des Genfer Geschäfts in lustigen Spott über die Perücken auslösend, bis eine Abschrift den Gestrengen Herren selber vor Augen kommt, die sofort mit heftigen Verhören den unbekannten Verfasser suchen.

Heinrich Pestalozzi, der sich mit Lavater besprochen hat, sucht noch spät abends den Müller auf, und rätihm, sich selber zu dem Scherz zu bekennen, womit der Sache die Spitze abgebrochen sei; aber als er am nächsten Morgen nachfragt, hat der Sohn des Stadttrompeters eine richtigere Einsicht in seine Lage gehabt und ist über Nacht geflohen. Aus seinem Scherzgespräch ist eine Schandschrift und aus der Lustigkeit darüber ein Aufruhr geworden; ehe Heinrich Pestalozzi sich irgend einer Gefahr versieht, sitzt er selber auf dem Rathaus in Arrest, weil er dem Aufwiegler zur Flucht verholfen habe. Er wird auch drei Tage lang wie ein Verschwörer in strenger Haft gehalten, bis von dem Flüchtigen ein Brief eingelaufen ist, daß er das Bauerngespräch ohne böse Absicht geschrieben hätte und an der Verbreitung unschuldig wäre. Darauf lassen sie ihn zwar frei, aber die Untersuchung gegen den Aufruhr verliert nicht an Hitzigkeit: in ganzen Kompanien ziehen die getreuen Untertanen auf den Stadtplätzen auf, und bald wird von den Kanzeln des Kantons ein Urteil verlesen: daß der Verfasser der aufwieglerischen und höchst schandbaren Schrift aus dem geistlichen Stand removiert, aus der gesamten Eidgenossenschaft verbannt sei und in den Wellenberg geworfen werden solle, falls er betroffen würde. Die Schandschrift solle zugleich mit dem Lästerbrief aus dem Hottinger Handel durch den Henker öffentlich verbrannt werden, die Kosten für die drei Klafter Brennholz seien durch die Patrioten zu bezahlen, ihre Wochenschrift »Der Erinnerer« dürfe nicht mehr unter die Presse kommen, und sofern die gefährliche Gesellschaft noch etwas gegen die Obrigkeit unternähme, würden die schärfsten Strafen angewandt.

Bluntschli hat recht gehabt: das Sechseläuten fängt an; und ob es Heinrich Pestalozzi selber angeht, soviel obrigkeitliche Torheit vermag auch er nicht mehr ernst zu nehmen; als die Schandschriften durch den Henker verbrannt werden, spaziert er mit einem Freund auf dem Balkon der Meise und macht auf einer Pfeife die Musik dazu.


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