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Heinrich Pestalozzi ist einundzwanzigjährig, als der Tod des gemeinsamen Freundes ihn der Anna Schultheß nähert und dem sehnsüchtigen Schwall seiner Jugend einen frühzeitigen Durchbruch ins Leben bringt. Seit der Begegnung an der Kirchhofstür geht sie schwarz gekleidet mit Frühlingsblumen durch seine Träume, und wo seine wachen Gedanken den Gestorbenen wehmütigbekränzen. Er hat ihr eine offene Darstellung seiner Irrgänge am Begräbnistag gesandt und den flackernden Leichtsinn seiner Jugend nicht geschont, um das Gegenbild des toten Freundes hell vor die Dunkelheit zu stellen, wie der sein Jünglingsleben streng vollendete und von der Selbstüberwindung mit Heiterkeit gesegnet in den Tod einging.

Die Kaufmannstochter im Pflug dankte ihm kühler, als er erwartete; er spürt aus ihren Schriftzügen und Sätzen, um wieviel gehaltener sie mit ihren neunundzwanzig Jahren zum Leben steht als er mit seinen einundzwanzig: aber weil ihn die heftigen Winde seiner Meinungen den Altersgenossen voraus in die Schwierigkeiten einer eigenen Berufswahl getrieben haben, indessen sie noch den behüteten Gang ihrer Studien gehen, lockt ihn das Ältliche an ihr erst recht. Er weiß es abzupassen, daß er sie bald danach auf einem Spaziergang trifft, und ruht nicht, als sie zu Besorgungen fort muß, bis sie ihm noch eine Stunde am selben Abend verspricht.

Noch liegt für ihn selber das Eingeständnis einer andern als freundschaftlichen Neigung nicht zutage; obwohl lebhaft von den wechselnden Begebenheiten der Vaterstadt hingenommen und in hundert Anlässen geschäftig, die ihn eher vorlaut erscheinen lassen, ist er schüchtern, und er hätte aus sich selber kaum die Entschlossenheit, sie in der Dämmerung auf dem Lindenhof abzuwarten, wenn er nicht durch die schmerzliche Gemeinschaft um den toten Freund in eine so seltsame Nähe zu ihr gekommen wäre. Sie wiederum mag durchMenalk viel Rühmliches von ihm gehört haben, auch ist sie durch ihre Brüder an Kameradschaften gewöhnt: aber als sie dann unter den Bäumen des Lindenhofs beieinander stehen — es ist diesmal noch zu hell, als daß die Sterne schon funkeln könnten — sind sie doch nur ein Menschenpaar, das, ungleich im Alter, den Zwang der Natur zu fühlen bekommt. Heinrich Pestalozzi spricht unablässig, von der Winternacht, wo er mit Bluntschli hier gestanden hat, von dessen bitteren Worten und ihrer gemeinsamen Beklommenheit nachher, auch von dem Vermächtnis des sterbenden Freundes am vorletzten Abend, nicht anders, als ob erst jetzt das gedämmte Gefühl einen Abfluß fände: aber er fühlt wohlig die innige Verbindung mit seiner schweigsamen Hörerin, und wieviel er dabei von sich selber in ihre Seele sprechen kann.

Als sie sich trennen, erst leise dann dringend von ihr gemahnt, und sie ihm die Hand gibt, eine weitere heimliche Zusammenkunft nicht unbewegt, aber bestimmt ablehnend, vergißt er sich zu Tränen, sie darum zu bitten, und läßt in seiner Inbrunst ihre Hand nicht wieder los, bis sie sich selber freimacht und flüchtend von ihm fort eilt.

Heinrich Pestalozzi beherrscht sich mühsam, ihr nicht zu folgen, aber er fühlt jeden Schritt ihrer Entfernung wie einen körperlichen Schmerz, und in der Frühe findet er sich, mit einem Seufzer aus sehnsüchtigen Morgenträumen aufgewacht, aufrecht im Bett sitzen. So sehr er sich selber zur Rede stellt und sich des schwärzesten Verrats an Menalk beschuldigt, daß er das Gedächtnisan ihn für seine eigenen Gelüste mißbrauche: der Drang, sie zu sehen, ist so unbezwingbar, daß er unablässig Möglichkeiten aussinnt. Als es ihm am ersten Tag mißlingt, am zweiten und dritten auch, weil sie sich offenbar der gewohnten Gänge enthält, vermag er es am vierten nicht mehr und geht ihr mit einem Vorwand ins Haus. Er weiß, daß sie in der Handlung des Vaters an der Ladentheke bedient, und tritt um die stille Zeit nach Mittag ein. Von der Ladenschelle gerufen, findet sie ihn als Kundschaft, die sie bedienen muß; bis sie den zornig und fast mit Tränen verlangten Zucker für die Haushaltung der Mutter abgewogen und ihm hingelegt hat, ist sie gesammelt genug, ihn ernst zu bitten, das nicht mehr zu tun!

Er kann kein anderes Wort vorbringen; doch hat er sie nun wiedergesehen, und als er dem Babeli den heimlich erworbenen Zuckervorrat in die Küche geschmuggelt hat, verhehlt er sich nichts mehr von seiner Leidenschaft und beginnt, seine Aussichten zu prüfen: Sie ist wohlhabend, und er ist arm; sie trägt ihr schönes Antlitz auf einer wohlgebildeten Gestalt, während er als der schwarze Pestaluz um seiner pockennarbigen und unordentlichen Erscheinung willen in den Gassen verhöhnt wird; sie ist auf zahlreichen Reisen in den Formen des Welttons gebildet und mit Geschmack sorgfältig gekleidet, also auch darin sein Gegenbild: aber sie steht auch mehr als jedes andere Mädchen, das er kennt, mit herzlicher und kluger Kenntnis in der Welt seiner Jugendideale und ist durch die gemeinsame Freundschaft mit Menalk seinem Herzen so nah wie sonst keinMenschenkind in Zürich. Wenn — wie es heißt — Lebensgefährten einander ergänzen sollen, vermag er sich nichts Vollkommeneres zu denken als sie; und auch er hofft ihr — so sehr er in der Gegenwart seine Mängel fühlt — aus seinen Zukunftsplänen einige haltbare Wechsel bieten zu können. Ihr steht es frei, ihm nein zu sagen, nicht aber ihm, sie zu fragen.

Um sich zu prüfen, schließt er sich vor der Schwester ein — die Mutter ist in Höngg, den kranken Großvater zu pflegen — und sagt dem Babeli, daß er krank wäre. Er wird auch wirklich krank in der Unruhe und Marter seiner Sehnsüchte und Hoffnungslosigkeiten, bis er nach hitzigen Fiebertagen einen Brief schreibt. Er sitzt den ganzen Tag daran, und es wird mehr eine Abrechnung mit sich selber, darin er auf der einen Seite die eigenen Mängel zu Bergen auftürmt, um auf der andern seine Neigung und seine Vorsätze dagegen zu stellen. Aber als er nach einer dadurch beruhigten Nacht den Brief noch einmal durchliest, erschrickt er selber über seine Maßlosigkeit und zerreißt ihn. Er beginnt dann von neuem, noch zweimal an dem Tag, auch diese Briefe wieder zerreißend; bis er, aufs tiefste entmutigt über sein Mißgeschick, den ersten Brief noch einmal in besonnener Form wiederholt und, um ein klares Ja oder Nein bittend, ihn auch endlich absendet.

Sie läßt ihn zwei lange Tage und längere Nächte auf Antwort warten; und was sie ihm dann schreibt, ist nur eine Aufzählung der Gründe, die gegen ein innigeres Verhältnis sprechen, und der unverhohlene Wunsch, mit einem abgewiesenen Liebhaber nicht denFreund zu verlieren. Aber Heinrich Pestalozzi ist nun ein abgeschossener Pfeil, der sein Ziel treffen oder verfehlen, nicht mehr zurück kann. Er schreibt ihr wieder, alle Gründe, namentlich den ihres verschiedenen Alters, mit einem Feuerwerk edler Worte widerlegend, und bittet sie aufs neue um eine Unterredung — die sie ihm zögernd gewährt. Diesmal treffen sie sich frühmorgens auf der Straße nach Höngg, wo die Morgenfrische ihr gegen seine brandige Leidenschaft hilft; doch muß sie ihm zugestehen, daß er ihr schreiben und sie manchmal auch sehen dürfe. Sie hält danach noch wochenlang an ihrer Bedingung fest, daß alles zwischen ihnen im Rahmen der Kameradschaft bleiben solle. Aber mit abendlichen Stelldicheins und morgendlichen Spaziergängen, mit langen Briefen und innigen Gesprächen nistet sich auch bei ihr die Liebe ein, und als der Sommer auf seiner Höhe ist, vermag Anna Schultheß dem Ansturm seiner Gefühle nicht mehr zu widerstehen. Es schreckt sie nicht mehr, daß ihre Mutter den schwarzen Pestaluz als einen unnützen und prahlerischen Schwarmgeist verabscheut und selbst ihr Bruder Kaspar ihn einen Knaben nennt, während der Zunftpfleger ihr zuliebe mit seinen sichtbaren Bedenken humoristisch zurückhält, es schreckt sie nicht einmal, daß sie selber an seinen Äußerlichkeiten Anstoß nimmt: sie hat in dem Schwarmgeist die Tiefe der Gesinnung und in dem Knaben die Weite der Seele gespürt, die sich freilich an allzu vielen Projekten begeistert, deren grenzenlose Kühnheit sie aber mit Stolz empfindet. Auch die rastlose Werbung tut das ihre, sie von der Unbeirrbarkeit seines Willenszu überzeugen: als er wieder einmal vor ihr steht mit den dunklen Augen, aus denen seine Seele in wahren Strahlenkränzen zu leuchten scheint, beugt sie ihren Stolz der Kaufmannstochter, ihre weltklugen Erwägungen und die Einsicht der älteren Jahre vor dem Ungestüm seiner Jugend und legt sich — auf die mancher wohlhabende Geschäftsfreund ihres Vaters im stillen noch hofft — mit dem Gelöbnis unverbrüchlicher Treue in die Arme des einundzwanzigjährigen Jünglings Heinrich Pestalozzi.


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