36.
Es sind fast neun Monate, die Heinrich Pestalozzi als Lehrling der Landwirtschaft zubringt; aus dem Zürcher Theologiestudenten wird ein bernischer Bauernknecht, der stolz auf seine vernarbten Hände ist und Sonntags in Hemdärmeln zur Kirche geht. So findet ihn seine Braut, als sie ein freundliches Geschick zu einem Besuch in Kirchberg ausnützen kann. Ihr Bruder Kaspar hat eine Pfarrstelle im Württembergischen bekommen, die nach alten Herkünften den Zürcher Herren untersteht; er führt nun befriedigt seine Susanna Judith Motta aus dem Traverser Tal heim, eine Herzensfreundin der Schwester und auch Heinrich Pestalozzi aus ihrem Zürcher Aufenthalt wohlbekannt. Anna holt ihn zur Hochzeit ab, da es über Kirchberg kein zu großer Umweg ist, und sieht mit eigenen Augen das gelobte Land ihres Freundes.
Es wird ein Jubeltag für Heinrich Pestalozzi, wie er noch keinen erlebte, als er seinem Meister Tschiffeli und allen Leuten auf dem Gut ein so stattliches und feines Frauenzimmer als seine Braut vorweisen kann. Sie hingegen ist sichtlich bestürzt über die Verwahrlosung seiner Hände und Kleider, doch findet sie sich rasch und folgt ihm in die Gärten und Felder, die Schauplätze seiner Wochenberichte nun selber zu sehen. Am Abend hat Tschiffeli dem Gast zu Ehren Wein und Blumen auf den Tisch gestellt, und da er in ihrer Gegenwart den Eifer und das Geschick seines Lehrlings mit anerkennenden Worten belegt, kommt der Besuch zu einem fröhlichen Abschluß, sodaß Heinrich Pestalozzi der Tagnicht mehr fern scheint, wo er selber mit ihr als solch ein Gutsherr dasitzen wird.
Als sie andern Morgens miteinander in den Wagen steigen, gegen Burgdorf und Aarberg aus dem ländlichen Bereich seiner Bekanntschaft hinauszufahren, sitzen ein paar Stutzer aus Neuenburg darin, die ihn belächeln. Heinrich Pestalozzi im Eifer, ihr noch im Abfahren jeden Weg und Hügel seiner Welt zu zeigen, merkt nichts davon; sie aber zupft ihm seine Kleidung zurecht und wird schweigsamer, je weiter sie ins welsche Land hineinfahren. Zum ersten Male erlebt er, wie ihn mit der Sprache auch die Heimat verläßt; je näher sie an den waldigen Jura heranfahren, je seltener trifft ein deutsches Wort sein Ohr. Das letzte ist der Abschiedsgruß einer alten Bäuerin aus Erlach, die von Aarberg bis Ins mitreist; dann fährt er mit Anna allein in die welsche Welt, und obwohl er im Schutzgebiet der Eidgenossenschaft bleibt und obwohl die Sprache Rousseaus seiner Seele mit mancher Wendung vertraut ist: der fremde Klang schlägt an seine Ohren, als ob er ins Wasser geworfen wäre.
Das wird im Val Travers nicht besser, wo sie spät abends von ihrem Bruder Kaspar und seiner Braut abgeholt werden; in Zürich hat die Judith Motta nicht anders als deutsch gesprochen, hier in ihrer Heimat ist sie welsch, und Heinrich Pestalozzi erleidet ein Gefühl, als ob ihm Anna von einer Strömung fortgerissen würde, wie sie nun selber in der fremden Flut untergeht. Als sie sich im Eifer vergißt und ihn selber in den welschen Lauten etwas fragt, vermag er ihr nicht zuantworten, so schnürt ihm der Schrecken die Kehle zu. Er muß sich zwar am selben Abend doch dazu bequemen, weil die Verwandten — die im übrigen freundliche Leute sind — nur französisch sprechen; es macht ihm aber Mühe, dem ungewohnten Schwall zu folgen, und er spürt grimmig, wie seine Zunge über die fremden Silben stolpert.
Er übersteht die Hochzeit indessen tapfer, und weil er neben einer ältlichen Tante aus Môtier sitzt, die für Rousseau schwärmt und ihn vielmals gesehen hat, als er noch selber mit seiner Therese da wohnte, vermag er sogar seine Scheu vor den welschen Worten zu überwinden. Sie bleiben aber ungeschickt auf seiner Zunge und geben Anlaß zu manchem Gelächter; namentlich die beiden Stutzer aus Neuenburg, die unvermutet auch Hochzeitsgäste sind und an seiner Kleidung wie an seinem bäuerlichen Wesen Anstoß nehmen, fangen an, ihren Spott mit ihm zu treiben, gegen den er sich um so weniger wehren kann, als er die Andeutungen in der fremden Sprache meist garnicht versteht. Da überdies die Verwandten der Anna ihr Mitleid nicht verhehlen, als ältliche Jungfer noch an einen solchen Tölpel geraten zu sein, und da die Geltung in der Welt des guten Tons ihre Empfindlichkeit ist, sieht er sie danach mehrmals weinen und hitzig an ihm werden, bis ein Vorfall am dritten Hochzeitstag seiner gequälten Stimmung Luft macht.
Er hat das Haus sehen wollen, wo Rousseau wohnte; die Tante lud ihn und die andern ein, und so schwärmt am Nachmittag die geputzte Schar nach Môtier hinunter.Anna hat Freundinnen gefunden und plätschert in der welschen Lustigkeit, als ob es ihr angeborenes Element wäre; der eine Neuenburger hat sich als ihr Galan an sie gehängt, während der andere angeblich als krank zurückgeblieben ist. Wie sie dann gegen das Haus kommen, das ihm die andern in aufdringlicher Freundschaft schon von weitem zeigen, geht die Tür auf, und augenscheinlich nach einem Kupferstich des berühmten Mannes zurechtgemacht, tritt eine Gestalt im Kaftan mit ausgebreiteten Armen heraus: Ob sie ihm sein Früchtchen, den Emil, wieder mitgebracht hätten? Bevor Heinrich Pestalozzi die Hänselei begreift, hat die Gestalt ihn gerührt ans Herz gezogen und ihm von hinten her eine Zipfelkappe aufgestülpt, worüber sich dann alle totlachen wollen. Er hört ihr Gelächter, als ob rundum Hunde bellten — auch Anna, so meint er, ist darunter — aber ehe sich der Komödiant dessen versieht, hat er ihn an der Gurgel, und als er unter dem Turban das fade Gesicht des andern Neuenburgers erkennt, schlägt er zu, daß dem die blutende Nase den Kaftan bemalt. Die andern springen abwehrend herzu, und der hämische Scherz ginge mit einer bösen Prügelei aus, wenn nicht Anna ihrem Freund die Hand von der Gurgel löste und ihn aus dem Rudel zöge. Vor ihrer Bestimmtheit weichen die andern zurück; ohne ihrer weiter zu achten, führt sie ihn ins Haus der Tante, deren Tür sie hinter sich verschließt.
Das gute Wesen hat einen festlichen Kaffeetisch gedeckt und erlebt nun erschrocken, wie sich die andern drohend auf der Straße sammeln und mit Fäusten gegendie Tür trommeln. Als ein Stein durchs Fenster herein fliegt, nimmt Anna ihren Verlobten wieder bei der Hand, führt ihn rasch durch den Garten gegen den Wald hinauf und auf einsamen Wegen zu den Verwandten zurück. Heinrich Pestalozzi ist noch lange erregt und will ihr nicht folgen auf dieser Flucht; aber mehr noch als der Zwang der festen Hand hält ihn der Klang ihrer Stimme. Sie spricht wieder die vertraute Sprache, und nach dem welschen Geschrei ist es ihm, wie wenn die Heimat selber in ihren Worten mit ihm spräche. Es war nur ein Scherz von ihnen, und ich hätte nicht aufbegehren sollen! sagt Heinrich Pestalozzi zuletzt und bleibt vor ihr stehen, als ob er sie beruhigen müsse; sie aber schüttelt den Kopf und wendet sich bittend von ihm ab: Daß du aufbegehrtest, war recht und ich hab dich lieb darum; aber wir hätten nicht herkommen sollen! Und dann nach einer Pause wieder gewaltsam lächelnd in ihrer schelmischen Art: Du mußt denken, daß die Traverser dem Rousseau auch die Fenster eingeworfen haben, bevor er auf die Flucht ging nach der Petersinsel.