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Über dem ist der Herbst gekommen und weht Heinrich Pestalozzi die dürren Blätter vor die Haustür; die Singvögel ziehen der scheidenden Sonne nach, und abends steigen die Nebel kalt aus der Waldschlucht, darin die Reuß ihr spärlich gewordenes Wasser der Aare zuführt: nach dem Sommer mit der sonnigen Fülle seiner langen Tage kommt der Winter, der die Menschen in den Kreis der Lampe drängt. An der seinen war das Messing blank, als Anna sie schenkte: aber ihre Hände sind nicht da, es zu putzen. Nicht einmal ein Stück Vieh steht im Stall, und Heinrich Pestalozzi, der doch ein Stadtkind und gewohnt ist, über seine Dinge zu sprechen,sitzt Abend für Abend allein in seinem Turm. Die Mutter kann nicht mehr kommen, weil der Großvater sie wieder nach Höngg gefordert hat; und dem Bärbel war es bald zu grauslich zwischen Wald und Wasser. Seit seinem heimlichen Verlöbnis ist mehr als ein Jahr verstrichen, Anna hat im Sommer schon ihren dreißigsten Geburtstag erlebt, und immer noch steht die Weigerung der Eltern vor der gemeinsamen Zukunft. Die Melancholie der Einsamkeit läßt ihren bitteren Saft in seine Stunden fließen, und andere Briefe flattern nach Zürich, als sie aus Kirchberg gingen. Einigemal reist er selber hin, auch nach Brugg kommt er Samstags, die Schaffhäuser Zeitung zu lesen: aber es ist eine tote Zeit für Heinrich Pestalozzi, da er zum erstenmal den einsamen Winter des Landmanns wirklich zu spüren bekommt.

Noch im Spätherbst haben auf einer Spazierreise zu Pferd einige Freunde aus Zürich bei ihm angeklopft, um sich den Scherz eines Besuchs bei dem Einsiedler von Müligen zu machen; sie waren überrascht, alles so heimelig bei ihm zu finden — das Bärbel war gerade da — und namentlich der Johannes Schultheß aus dem Gewundenen Schwert, dessen Vater Bankgeschäfte macht, zeigte für seinen Plan viel Aufmerksamkeit. Er hat ihm unterdessen mehrmals geschrieben und ist tatsächlich auch bei seinem Vater nicht untätig geblieben; als endlich das letzte Schneewasser mit hundert Bächen die Reuß braun färbt und die ersten vorwitzigen Singvögel den Sonnenschein prüfen, geht Heinrich Pestalozzi in der Entschlossenheit eines Verschwörers nach Zürich, mit dem Bankherrn in eine Geschäftsverbindung zukommen. Es dauert zwar noch ziemlich eine Woche, und er muß sich manche Laune des aufbrausenden alten Herrn gefallen lassen; aber der Sohn läßt nicht locker, und schließlich kommt eine Abmachung zustande, daß der Bankiers mit einem Einsatz von fünfzehntausend Gulden allmählich in seine Pflanzung eintreten will und ihm gleich ein Drittel dieser Summe als Kredit eröffnet.

Damit steht Heinrich Pestalozzi vor den Kaufmannsleuten im Pflug als einer ihresgleichen da, und als er aus dem Gewundenen Schwert an die Limmat hinaustritt, seinen Kreditbrief in der Hand, wagt er damit auch den zweiten Gang. Er findet aber niemand zu Haus als den Bruder Salomon, da die Eltern mit Anna nach Wollishofen hinaus gegangen sind; das ist ein bequemer und weichlicher Mensch, der mit seinem Doktorstudium nicht fertig wird und den Schwarmgeist aus dem Roten Gatter wie eine Brummfliege haßt: er steht nicht einmal auf von der Polsterbank, und als ihm Heinrich Pestalozzi seinen Kreditbrief zeigt, spöttelt er, die Schwester sei ihnen kostbarer als solch ein Stück Papier. Auch Anna, die er am Abend für eine Stunde sieht, vermag ihm keine bessere Hoffnung zu geben, da die Mutter unversöhnlich sei und der Vater nichts gegen sie vermöchte. So muß er andern Nachmittags doch wieder ohne Braut in das Limmatschiff steigen.

Vorher ist er noch einmal nach Höngg hinaufgegangen, wo sein Freund Wüst als Vikar das Pfarramt versieht, dessen Würden der Großvater nur noch in seiner Studierstube zu tragen vermag. Er ist mit seinen sechsundsiebzig Jahren ganz wunderlich geworden, schüttelt zuallem, was er ihm sagt, nur den leeren Kopf, als ob er genug von den Dingen der Erde gehört habe. Erst wie er Abschied nehmen will und die zittrige Geisterhand in die seine nimmt, hebt er den anderen Zeigefinger, ihn zu vermahnen, läßt aber gleich wieder ab und schüttelt von neuem den Kopf, sodaß Heinrich Pestalozzi nichts vermag, als weinend seinen Mund auf die kraftlosen Hände zu legen.

Im Juli danach ist er tot; Heinrich Pestalozzi erhält die Nachricht so spät, daß er das Leichenbegängnis nicht mehr erreicht; wie er nach der langen Postfahrt den Berg hinauf hastet, kommt ihm auf der Straße still weinend Anna Schultheß entgegen, die außer dem Willen ihrer Eltern mit auf den Kirchhof gegangen ist und nun nach Hause will. Ihr so unvermutet auf dem Berg seiner Jugend zu begegnen, das reißt ihn hin; und auch sie ist durch das Ereignis so bewegt, daß die beiden sich aller Augen zum Trotz weinend in die Arme fliegen. Nachher gehen sie Hand in Hand nach Höngg zurück, wo unter den leidtragenden Amtsgenossen des verstorbenen Dekans noch die Mutter mit dem Bärbel ist. Heinrich Pestalozzi läßt auch da die Hand der Geliebten nicht los, und sie sträubt sich nicht, sodaß sie wie zwei Kinder an den frischen Grabhügel kommen. Beide entsinnen sich da des Grabes, das ihre Freundschaft zusammen führte; aber während er sie nun losläßt und weinend niederkniet, bleibt sie aufrecht und verharrend bei ihm stehen, bis sein Blick sie wiederfindet. Dann gibt sie ihm die Hand zurück, und weil er seiner Füße nicht geachtet hat, kommt es so, daß siezu beiden Seiten des Grabes stehen, über dem ihre Hände sich für immer geschlossen halten.


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